MEDfaces – Gesichter des Mittelmeers

Yorgos Konstantinou über ein politisches Kunstprojekt

Zwischen 23. Februar und 31. März 2018 ist in der Hellenischen Gemeinde in Berlin-Steglitz die Ausstellung „MEDfaces – Gesichter des Mittelmeers“ zu sehen, initiiert durch den Grafikkünstler Yorgos Konstantinou, die katalanische Hilfsorganisation „Stop Mare Mortum“ und das Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf. diablog.eu lässt den Initiator zu Wort kommen und Ausgangspunkt und Intention des politischen Kunstprojekts erläutern. Jeder kann bei diesem Projekt mitmachen und eine Ausstellung in seiner Umgebung organisieren! Wie genau, erfahren Sie im Interview und auch hier.

MEDfaces Fluechtlinge Kunstprojekt

Gibt es einen konkreten Anlass, woraus das Projekt „MEDfaces – Gesichter des Mittelmeers“ entstanden ist?

Anlass für die Gründung der Organisation „Stop Mare Mortum“ war eine Schiffshavarie vor drei Jahren im Libyschen Golf, bei der 900 Menschen ums Leben kamen. Eigentlich entstand unsere Initiative aus der E-Mail einer Person, die sich an Freunde und Bekannte richtete und uns aufrief, etwas zu unternehmen. Das Gefühl der Ohnmacht angesichts des täglichen Dramas auf dem Mittelmeer wurde zur treibenden Kraft bei der Entwicklung gemeinsamer Aktionen von Bürgern in den verschiedensten Bereichen. Ein gemeinsames Element war dabei der Appell an die Politiker, die diese unbeschreibliche menschliche Tragödie des 21. Jahrhunderts ausgelöst haben. Uns ist es wichtig, gemeinsam zu handeln und mögliche Differenzen auf anderen Gebieten beiseite zu lassen. Wir wollen uns auf das Verbindende konzentrieren. Wir mobilisieren die Menschen und organisieren Protestveranstaltungen, ermöglichen Kontakte zu politischen Parteien, die Einreichung von Interventionen und Resolutionen bei der lokalen Selbstverwaltung etc. Gleichzeitig wollen wir etwas Positives bewirken, indem wir Solidaritäts- und Willkommensintiativen entwickeln, Aktionen zu Information und Weiterbildung anbieten und realisierbare politische Vorschläge machen.

Wie wollt ihr die Rolle und Geschichte des Mittelmeers, das Schicksal der Flüchtlinge und Migranten auf künstlerische Weise sichtbar machen?

Wir möchten über etwas sprechen, das immer schon Teil der menschlichen Geschichte war: über die Suche nach einem besseren Leben. Das Mittelmeer war über Jahrtausende eine Verbindungsbrücke zwischen verschiedenen Völkern, aber seit dem Jahr 2000 hat sich die europäische Mittelmeergrenze zur tödlichsten Grenzregion der Welt entwickelt. Vom Beginn des 21. Jahrhunderts an bis heute haben mehr als 35.000 Menschen dort ihr Leben verloren, aber die europäische Politik und auch die einzelnen Staaten machen unverändert weiter. Im vergangenen Jahr starben über 3.000 Menschen, aber man nahm dies kaum zur Kenntnis. Die Initiative „Gesichter des Mittelmeers“ soll eine Antwort auf diese Gleichgültigkeit sein. Sie ist eine offene Einladung mit dem Ziel, ein Werk (das heißt, ein Gesicht) für jeden Menschen zu schaffen, der an der Schwelle nach Europa sein Leben verlor. Ist es möglich, 35.000 Kunstwerke zusammenzustellen? Das allein erscheint schon paradox. Viel tragischer ist jedoch die Tatsache, dass seit so vielen Jahren jeden Tag so viele Menschen praktisch vor unserer Haustür sterben.

Wir wollen eine Antwort auf die Frage finden: Was sollen wir eines Tages unseren Kindern und Enkeln sagen, wenn sie uns fragen, was wir unternommen haben, während sich das größte menschliche Drama der vergangenen hundert Jahre ereignete?

Wir möchten zeigen, dass es sich nicht um gesichtslose Einwanderer und Flüchtlinge handelt, sondern um Menschen mit eigenen Geschichten, Träumen und Hoffnungen, die im Mittelmeer für immer untergehen. Die große Zahl an Kunstwerken soll das Ausmaß des Problems abbilden. Sie soll zeigen, dass es widersinnigerweise keine legalen und sicheren Fluchtwege aus Ländern gibt, in denen Menschen unter Armut, Ausbeutung, Gewalt und Krieg leiden.

Wer kann bei „MEDfaces“ mitmachen und wie läuft das Ganze ab?

Der Aufruf richtet sich an alle, die ihre künstlerischen Fähigkeiten dafür einsetzen möchten, ein Kunstwerk zu schaffen. Dafür müssen sie nur ein paar einfache Vorgaben erfüllen. Das Bild kann mit beliebigen Materialien gezeichnet sein, aber das Format sollte horizontal sein und in gescannter Form mit hoher Auflösung (300 dpi) als PDF- oder JPG-Datei an folgende E-Mail-Adresse gesendet werden: art.stopmaremortum@gmail.com.

Alle Werke werden im Internet veröffentlicht und sind Teil unserer digitalen Sammlung und der Ausstellungen, die weltweit stattfinden. Bisher haben wir 425 Werke von Künstlern aus 32 Ländern zusammengestellt, und es fanden bereits 46 Ausstellungen statt. Jede Art von Träger, Gruppe oder Verein kann sich an der Initiative beteiligen, indem sie eine Ausstellung in ihren Räumlichkeiten organisiert.

Die erste Ausstellung in Deutschland fand auf einem zentralen Platz in Erfurt statt, und am 23.2.2018 beginnt eine Ausstellung mit 100 Werken in der Hellenischen Gemeinde in Berlin-Steglitz.

Eine Antwort auf die Herausforderungen der aktuellen Situation zu finden ist bestimmt nicht leicht, vor allem auch, wenn das Bewusstsein für die historische Dimension der Problematik fehlt. Solange die europäischen Gesellschaften sich nicht mit den Folgen ihrer Rolle im Mittelmeerraum auseinandersetzen, wird die Flüchtlingsfrage einen fruchtbaren Boden für Populismus und Fremdenfeindlichkeit bieten. Sowohl die koloniale Vergangenheit als auch die ökonomische Ungleichheit und auch der Waffenhandel sind Teile des Problems. Deshalb haben wir im Rahmen unserer Initiative verschiedene Materialien zur Weiterbildung entwickelt, die sich einerseits an Schulen, aber auch an ein breiteres Publikum richten. Ein Beispiel ist der Film „Das Meer in der Mitte“, den wir vor wenigen Monaten produziert haben und den wir gerade in 15 Sprachen untertiteln lassen. Dieser Film funktioniert unabhängig, aber auch als Einführung zu den verschiedenen Bildungsmaßnahmen, die wir in den Schulen Kataloniens anbieten. Wir hoffen, dass wir auch in Griechenland und Deutschland Teams von Freiwilligen finden, die diese Angebote für ihre jeweiligen Länder adaptieren.

Welche Rolle spielt deiner Meinung nach ein Künstler, der sich in politische Zusammenhänge einbringen möchte? Kann die Kunst das Leben beeinflussen?

Die Sprache der Bilder ist eine Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird. Ich glaube, niemand ist ein visueller Analphabet. Alle, die sehen können, begreifen diese Sprache, aber nur wenige können sie erschaffen. Und obwohl die Macht der Bilder bekannt ist, handeln wir nicht dementsprechend. Wir wissen, dass Bilder etwas in unserem Kopf auslösen, bevor wir es bewusst begreifen, dass sie uns beeinflussen, bevor wir darüber nachdenken. Sie suggerieren uns unbewusste Gefühle, doch wir haben nicht gelernt, diese Bilder zu analysieren und sie genauso in Frage zu stellen, wie wir es bei Worten tun würden.

Dieses Potenzial der Bilder wird vor allem von der Medienindustrie genutzt, in der Werbung, in den Nachrichten und in der Politik. Wenn man die absichtsvoll eingesetzten Verzerrungen nicht erkennt, die die Werbung verwendet, wird man leicht zum Opfer und lässt sich von der Schönheit, dem Wert, den reinen Zutaten der Produkte und den ach so reinen Absichten der Produzenten überzeugen.

Fast immer beinhalten Bilder auch eine politische Aussage. Stets verbirgt sich unter der Oberfläche eine bestimmte Absicht, und auch wenn sie uns nicht bewusst ist, beeinflusst sie uns. Egal, ob sich die Urheber der Bilder die Frage bewusst stellen, entscheiden sie sich doch in jedem Fall zwischen zwei Dingen: zwischen der Manipulation oder der Emanzipation der Gesellschaft. Offenbar hat die visuelle Kommunikation die Macht, die Menschen zu schwächen oder zu stärken. Für mich hat Priorität, dieses Bewusstsein, das gegenseitige Verständnis, den ehrlichen Umgang miteinander und die gegenseitige Solidarität zu bestärken.

Yorgos Konstantinou

Lieber Yorgos, dein Leben ist kurvenreich verlaufen. Wie bist du, geboren in Thessaloniki und nach dem Besuch der dortigen Deutschen Schule, von den Pyrenäen, wo du als Zeichner und Graphiker gearbeitet hast, jetzt nach Berlin gekommen?

Obwohl ich in unterschiedlichen Ländern und unter ganz verschiedenen Bedigungen gelebt habe, habe ich eigentlich immer dasselbe getan: Ich versuche, mit möglichst einfachen Mitteln die persönlichen, politischen und gesellschaftlichen Themen zu vermitteln, die mich beschäftigen. Jedes Thema stellt eine neue Herausforderung dar und hat seine Besonderheiten. Dabei ist es ist meine Aufgabe (als sogenannter „bildender Künstler“), dessen Charakteristika aufzuzeigen und dem Publikum zu helfen, komplexe Inhalte zu verstehen. Ich bevorzuge die Bezeichnung „Ingenieur für Visuelle Kommunikation“, denn mich beschäftigt nicht der spontane Gefühlsausdruck, sondern die bewusste, rationale Nutzung der Werkzeuge, die mir jeweils zur Verfügung stehen – in Verbindung mit den festgelegten Zielen und mit dem Publikum, an das ich mich damit richte. Während meiner Schulzeit in Thessaloniki, meiner Studienzeit in Berlin und auch später in Katalonien waren Bilder für mich nicht nur ein bewusst eingesetztes Mittel, um willkürliche Grenzen zu überschreiten, sie halfen auch mir persönlich dabei, vorgefertigte Lösungen anzuzweifeln, Vorurteile abzulegen und die verborgenen Teile einer Welt zu entdecken, die immer wieder Überraschungen für uns bereithält.

Interview: Michaela Prinzinger/Yorgos Konstantinou. Übersetzung: Ina Berger, Redaktion: Michaela Prinzinger. Fotos: Yorgos Konstantinou, Projekt MEDfaces

MEDfaces Fluechtlinge Kunstprojekt

#MEDfacesSteglitz | Vom 23.2. bis zum 31.03.2018 |

Die Hellenische Gemeinde zu Berlin e.V. und die katalanische Organisation “Stop Mare Mortum” präsentieren die Ausstellung:

Gesichter des Mittelmeers/ Πρόσωπα της Μεσογείου/#MEDfacesSteglitz

100 Bilder für die über 35.000 verstorbenen Menschen im Mittelmeer

Eine Auswahl aus #MEDfaces, einem laufenden, internationalen, kollaborativen KünstlerInnenprojekt.

Freitag, 23. Februar 2018, 18:00 Uhr | 

  • Vernissage

Anschliessend (19:00 Uhr)

  • Filmvorführung Das Meer der Mitte von Yorgos Konstantinou (10min)
  • Podiumsdiskussion über die aktuelle Situation der Geflüchteten in Griechenland mit Panel mit Dr. Georgios Tsiakalos (Aristoteles-Universität Thessaloniki), Barbara Gigilini (Journalistin und Filmemacherin, Lesbos), Mitglied des Bündnis Griechenlandsolidarität Berlin, moderiert von Giorgos Pappas.

Samstag, 3. März 2018, 19:00 Uhr | 

  • Filmvorführung: 4.1 Miles von Daphne Matziaraki (21 min), HOTEL CITY PLAZA von Philipp Döring (16 min), REFUGEE, Human stories from the refugee crisis von Matthew K. Firpo (20min)

Anschliessend (20:00 Uhr)

  • MUSIKKONZERT: Nabil Arbaain & Friends (Musik aus Syrien und dem östlichen Mittelmeer) und Kompania (Musik aus Griechenland und Kleinasien)

Samstag, 10. März 2018, 20:00 Uhr |

  • Filmvorführung: Seefeuer (Fuocoammare) von Gianfranco Rosi (108 min), mit anschließender Gesprächsrunde

Samstag, 31. März 2018, 18:00 Uhr |

  • Podiumsdiskussion über europäische Grenzpolitik

Ausstellungsdauer:  Samstag, 23. Februar bis Sonntag, 31. März 2018

Ausstellungsort: Griechisches Kulturzentrum, Mittelstraße 33, 12167 Berlin

Print Friendly, PDF & Email

Dieser Post ist auch verfügbar auf: EL

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Infos finden Sie » in unserer Datenschutzerklärung