Island Hoping

Gespräch mit Christina Dimitriadis, Künstlerin

Am 9. November 2018 eröffnet eine Fotografie-Ausstellung von Christina Dimitriadis im Athener Städtischen Kunstzentrum (bis 3. Februar 2019). Gleichzeitig ist das Projekt „Island Hoping“ bis Ende des Jahres im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe zu sehen. diablog.eu sprach mit der Künstlerin über die Neuinterpretation des touristischen Begriffs „Island Hopping“ (Inselhüpfen) zu „Island Hoping“ und der Rolle der griechischen Inseln in heutigen Zeiten.

Thema deines Projekts „Island Hoping“ sind die griechischen Felseninseln mit ihren archaischen Farben und Formen. Wie waren deine persönlichen ersten Erfahrungen mit den griechischen Inseln? Wie wurde daraus ein künstlerisches Projekt?

In Griechenland gibt es etwa 6.000 größere und kleinere Inseln und auch die sogenannten Felseninseln. Wenn man am Meer aufwächst, ist man von dieser Landschaft ständig umgeben. Von klein auf eroberten mein Bruder und ich uns diese Felsen und Felseninseln unterhalb unseres Hauses. Entweder schwammen wir hin oder setzten mit unserem kleinen Boot über. Mein Großvater Karolos Kimmel, der Stiefvater meiner Mutter, war Bergbauingenieur und kannte, so behaupteten es jedenfalls seine Freunde, jeden Stein in Griechenland. Er war es, der jeden Sommer unsere Reisen von Insel zu Insel organisierte. Die Felseninseln erschienen mir wie schwimmende Skulpturen oder mythische Gestalten. Sie fesselten meine Aufmerksamkeit und regten meine kindliche Fantasie an.

felseninsel im meer

Island Hoping, ©Christina Dimitriadis

Mit „Island Hoping“ kehrst du einerseits zu einem urgriechischen Thema zurück, andererseits zum globalen Begriff der Insel, des Inseldaseins. Wie hast du die Felseninseln für dein Projekt ausgewählt, die wie durch Wind und Wasser geformte Skulpturen im Meer liegen?

Mit den Felseninseln wollte ich meinen Blick einer anderen Landschaft zuwenden, die zumeist wenig Beachtung findet. Durch diese Fotografien erstelle ich eine andere griechische „Landkarte“, eine andere künstlerische Lesart der Landes, mit der ich die ansonsten abgegriffenen und stereotypen Abbildungen neu bewerte.

Du arbeitest in „Island Hoping“ mit der Macht und den Gefühlen der Bilder. Du hast vorhin Walter Benjamin zitiert: „Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige, so hat man gesagt, wird der Analphabet der Zukunft sein.“ Wie empfindest du die Rolle des fotografierten Bildes in den Zeiten von Instagram und Pinterest?

Je weniger Gewicht das geschriebene Wort in den Sozialen Medien hat, desto intensiver wird der Gebrauch der bearbeiteten und nicht-bearbeiteten Fotografie. „Wir sind jetzt alle Fotografen“, schreibt Marvin Heiferman in seinem Buch „Photography changes everything“. Was uns noch fehlt, ist eine Grammatik des fotografischen Bildes.

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Island Hoping, ©Christina Dimitriadis

Die griechischen Inseln spielten immer schon eine Rolle im geostrategischen Spiel der Politik, vor allem mit dem Nachbar Türkei. Oft sind gerade die sogenannten Felseninseln, die per definitionem nicht imstande sind, Menschen zu ernähren und eine ökonomische Grundlage zu bieten, heiß umkämpft. Was reizt dich künstlerisch an der Grenzlage dieser Inseln?

Diese Felsenformationen, die so eigentümlich aus dem Meer tauchen, bilden die Grenze zwischen zwei Kontinenten, zwischen Europa und Asien. An dieser Wassergrenze spielt sich in der letzten Zeit neuerlich eine humanitäre Katastrophe ab. Wiederum wird die Bedeutung von Staatsgrenzen ausgetestet, auch an der Felseninsel mit dem Namen „Anthropofagos“/„Menschenfresser“, die im Archipel von Fourni Korseon liegt, die ich in diesem Sommer fotografiert habe.

Du sagst: „In Berlin bin ich immer die Griechin und in Griechenland die Deutsche.“ Als Künstlerin bist du global tätig und viel unterwegs. Beschäftigt dich diese Frage der Identität?

Die Frage der Identität habe ich in meinem Werk intensiv bearbeitet. Für mich ist Griechenland ein Vaterland und Deutschland ein Mutterland. Zwei Ländern, zwei Eltern, Nord und Süd. Eine turbulente Koexistenz mit kurzen Momenten der Harmonie.

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Island Hoping, ©Christina Dimitriadis

Wie hat sich diese Turbulenz in eurem Familienleben konkret geäußert?

Mein österreichischer Großvater, der Stiefvater meiner Mutter, ist nach Griechenland ausgewandert, um dort als Bergbauingenieur zu arbeiten. Griechenland hatte er im Zuge des Zweiten Weltkriegs kennengelernt, nach dessen Ende er in langen Fußmärschen nach Salzburg zurückkehrte. Seine Frau, die aus Helgoland stammte, und der Großvater ließen sich zunächst in Itea nieder. Fotos aus dieser Zeit sind allen Mitgliedern unserer Familie vertraut. Alle beide liebten Griechenland und seine Landschaft sehr. Vielleicht war es für sie auch eine Erleichterung, weit weg vom Deutschland und Österreich der Nachkriegszeit zu leben. Der Großvater bereiste das ganze Land. Gleichzeitig hat er niemals aufgehört, klassische Musik zu hören. Nur diese Musik war, bis auf ganz wenige Ausnahmen, zu Hause erlaubt. Der österreichischen Küche blieb er immer verbunden, mit der Ausnahme von Ostern bildeten ihre Gerichte stets den Mittelpunkt bei Familientreffen. Bis zu meinem dritten Lebensjahr redete meine Mutter Deutsch mit mir, dann nur noch Griechisch. Dennoch blieb das Deutsche die Sprache zwischen den Großeltern. So beinhaltet meine Beziehung zu dieser Sprache gleichzeitig Vertraut und Nicht-Vertrautes.

Was haben dir als Künstlerin deine deutschen und griechischen Wurzeln „mit gegeben“?

Sie haben ich zu dem gemacht, was ich bin… mit Mozart als musikalischer Untermalung.

Interview: Christina Dimitriadis/Michaela Prinzinger. Übersetzung: Michaela Prinzinger. Fotos: Christina Dimitriadis.

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Island Hoping, ©Christina Dimitriadis

Neue Studioausstellung „Island Hoping“
in der Sammlungsausstellung „WeltKultur / 
GlobalCulture“
(12.1.–30.12.2018, Schloss Karlsruhe), kuratiert von Schoole Mostafawy

Eine Vielzahl von Themen bewegt uns heute: Millionen von Menschen verlassen ihre Heimat, gewaltige Flüchtlingsströme sind die Folge. Globalisierungsprozesse, der Verlust der eigenen kulturellen Identität in einer durch Medien, soziale Netzwerke und schnellen Informationsfluss enger zusammenrückenden Welt – all das weckt Ängste. Seit 2013 nehmen im jährlichen Turnus Künstler unterschiedlicher Herkunft in der Sammlungsausstellung „WeltKultur / GlobalCulture“ Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Fragen. Dabei sind Heimat, Flucht und Migration wiederkehrende Themen.

In der fotografischen Serie „Island Hoping“ – ein Wortspiel mit dem heute positiv besetzten Begriff des „Inselhoppings“ – setzt sich die international bekannte griechisch-deutsche Fotografin Christina Dimitriadis mit Bild und Mythos des Mittelmeeres auseinander. Das Mittelmeer ist eine geografische, vor allem aber eine erträumte Realität. Ihm wohnt der Glaube an das Gemeinsame und Schöne inne. Manche beschreiben das Mittelmeer als einen Kulturraum, doch die historische und politische Realität ist eine andere.

In höchst ästhetisch anmutenden Fotografien ragen von der See umspülte Felsformationen auf. An wolkenverhangenen Tagen wecken die Felsenküsten ägäischer Inseln durch ihre karge Schroffheit zwiespältige Gefühle zwischen Zuversicht und Unwägbarkeit. Flüchtlinge überqueren in Booten unter Einsatz ihres Lebens das Meer – stets in der Hoffnung, an europäischen Gestaden eine neue Heimat zu finden. Doch hält das ersehnte Festland, was es verspricht? Heißen die europäischen Inseln die von Krieg und Elend Gebeutelten willkommen?

„Island Hoping“ in der Sammlungsausstellung
 „WeltKultur / GlobalCulture“
12.1.–30.12.2018, Schloss Karlsruhe
Di–Do 10–17 Uhr, Fr–So, Feiertage 10–18 Uhr
Eintritt in die Sammlungsausstellung 3 € / Schüler 0,50 Euro

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