Griechische Lyrik im Selbstporträt_1

Elena Pallantza präsentiert Dimitris Gkioulos

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Poesie ist mehr als Worte – sie ist ein Blick auf die Welt, ein Rhythmus, ein Echo des Inneren, ein Motiv, das nicht loslässt. In dieser neuen Reihe auf diablog stellen sich zeitgenössische griechische Lyriker:innen selbst vor: mit ihren Gedanken zur eigenen Dichtung, mit Bildern, die ihren Alltag prägen und sie inspirieren, und natürlich mit ihren Gedichten, die in deutscher Übersetzung eine zweite Stimme finden.

Unser Redaktionsmitglied Elena Pallantza wählt die Texte aus und überträgt sie gemeinsam mit anderen Übersetzerkolleg:innen ins Deutsche. So öffnet sich ein anderer Zugang zu Griechenland – durch die Worte und Augen seiner Dichter:innen.

Dimitris Gkioulos

Dimitris Gkioulos (*1984) ist Dichter und Übersetzer. Er hat Mathematik, Translatologie und Europäische Kultur studiert und absolviert derzeit einen Master in Public History. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Texter und Übersetzer. Seine Gedichte wurden in Literaturzeitschriften und in Anthologien in Griechenland und im Ausland veröffentlicht. Sein jüngstes Buch Extremwetter (Verlag thines) erschien im Mai 2023.
Die sieben Gedichte, die hier vorgestellt werden, stammen aus dem Gedichtband Urbane Elegien (Verlag thines, Athen 2022) und wir danken ihm für die Gedanken zu seiner Poesie, die er mit uns geteilt hat:

„Es ist schon etwas anderes, über die eigene Poesie zu sprechen. Schließlich sind wir es gewohnt, dass die Gedichte dies für uns tun, aber manchmal brauchen auch sie jemanden, der ihnen den Rücken stärkt – und wer könnte das besser als ihr Schöpfer? Ich halte meine Wörter nicht an der kurzen Leine. Meist lasse ich sie einfach los, damit sie für sich den Raum einnehmen, den sie brauchen. Das heißt aber nicht, dass ich meine Gedichte nicht überarbeite. Ganz im Gegenteil: Ich weiß, dass gerade winzige Details den Unterschied machen können. Man möchte sagen, ich rüste meine Wörter gut aus, damit sie sich der Welt stellen können. Sie tragen eine leise Ironie in sich, dazu einen unaufdringlichen, aber scharfen Humor, spielen mit den anderen Wörtern im Gedicht und mit denen, die sie draußen treffen, im herrschenden Diskurs, brechen Bedeutungen auf, lösen Überraschungen aus. Sie sprechen politisch, doch nicht militant, sondern politisch im eigentlichen Sinne. Sie halten den kleinen Momenten des Lebens den Spiegel vor und geben ihnen das Gewicht zurück, das ihnen der Alltag raubt. Oft gelingt das Experiment – zumindest erkenne ich es an den Reaktionen, bislang vor allem in meiner eigenen Sprache, doch, ich glaube, die Botschaft ist universell, die Botschaft gehört hinaus in die Welt, und manchmal denke ich, dass es für manche Wörter genauso schwierig ist, die auferlegten Grenzen zu überschreiten wie für manche Menschen. Dennoch finden sie fast immer einen Weg. Ein Grund mehr vielleicht, diese Grenzen endlich abzuschaffen. Es gibt noch so viel zu sagen – und noch mehr zu tun.“


Der Wurf

Es gibt gewisse Tage

die gewissen anderen Tagen so sehr ähneln

dass auch diese wiederum gewissen Tagen ähneln

alle einander gleich

als kämen sie aus dem Reagenzglas

Dann schaust du in den Spiegel

und siehst einen, der dir ähnelt

auf einer Schallplatte

rennen

Die Rille ist kein Graben

der Krieg, drinnen wie draußen, ist unsichtbar

Einzig sichtbarer Feind: die Nadel

Sie gibt dir den Takt vor

sie, die darauf wartet
dich am Ende des Lieds zu zerquetschen

Und es kommt der Tag, an dem du beschließt
aus der Rille zu springen

dich in die Mitte der Platte zu begeben

nicht mehr zu rennen

Dann schaust du dich um

– kein Spiegel in Sicht –

und siehst andere, die sind wie du

Die Augen geschwängert

von den Bildern einer anderen Schöpfung

bereit zum Wurf

Und die Zeit, die fleißige Hebamme

bringt gute Hoffnung ans Licht

Mit Tränen, Blut

und einem Schrei

So beginnt das wahre Lied

a cappella

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Sonntagsbraten I

«Ein braves Mädchen, und dazu Kommunistin»
sagte der eine Opa, der Partisan

«Sieh zu, dass sie sich ranhält»
meinte der andere, der Rechte

Bei uns zu Hause schwelte
der Bürgerkrieg

beim Sonntagsbraten

Mühelos schlugen wir uns auf eine Seite

Wie auch die anderen


Helden

Eines Tages werde ich
meine Lieblingsbücher öffnen

und alle meine Helden
gewaltsam herauszerren

ich werde sie in eine Nussschale stecken
winters in der Ägäis

bis auf die Knochen durchnässt
am Evros

bei 50°C an der mexikanischen Grenze
dass die Milizen sie jagen

dass sie verkohlenan den elektrischen
Zäunen in Spanien

dass die italienische Küstenwache
ihnen die Flöße versenkt

Ich werde sie suchen lassen
nach eurer Zivilisation

Dann will ich mal sehen was sie euch sagen

Dann will ich mal sehen woran man Heldentum misst

 

 

 

 

 

 

 

 


Troja

Solltest du bei mir anklopfen

mit leeren Händen

ganz ohne deine üblichen Waffen

und den Beginn der Friedens-
verhandlungen fordern

Solltest du nackt vor mir stehen
wie einst

Und deinen Egoismus abstreifen

werde ich wie wild das
hölzerne Pferd in dir suchen


Wie es sich gehört

Der Therapeut meinte ich sei
voller Wut und die beste Weise
meine Wut kreativ zu steuern
sei Gedichte zu schreiben

Dann sagten die Kritiker
wütende Gedichte wären mittelmäßig
meine Gedichte wären mittelmäßig

Jetzt bin ich nicht mehr wütend

Gehe nicht mehr zum Therapeuten

Allerdings gehen meine Gedichte hin

Jetzt ist alles wie es sein soll

Der Therapeut hat immer gut zu tun und
die Kritiker haben recht


Sonntagsbraten II

Du hast gefragt woher ich komme, was
meine Geschichte ist und wohin ich gehe.
Einmal fragte ich meinen Opa, den Rechten,
was es mit den Träumen auf sich hat.
„Träumen darfst du, soviel dein Beutel
hergibt“, sagte er. Ein anderes Mal,
im selben Alter ungefähr, sprach ich
mit dem anderen, dem Partisanen, über
Karoutes*. „Wie ist das, wenn man
Menschen tötet“, fragte ich. „Faschisten
haben wir getötet, keine Menschen“. Und weil
ich lernte, mit Geschichten zu antworten:
Aus Widersprüchen setze ich mich zusammen. Da
komme ich her, da gehe ich hin.

*Die Schlacht bei Karoutes fand am 5. August 1944
zwischen der griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS
und den nazistischen Besatzungstruppen statt.


Der Urknall

Ich gehe durch die Stadt

Menschen, kleine Universen

die sich täglich weiter ausdehnen
und doch

nicht explodieren

Menschen ohne Zentrum

Menschen, pure Masse

Und ich, der immer explodieren wollte
um diese Zeit in Schutt zu legen

nur eines will ich heute Nacht:

zwischen all diesen

sich ausdehnenden Körpern

all diesen wandelnden Massen

eine Supernova werden

dass meine Bahn mich dazu führt
in dir zu explodieren

Mein ganzes Universum eine Verdichtung

Eine Umarmung als Massenmittelpunkt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Das Übersetzer:innen-Team

Elena Pallantza (*1969 in Athen) ist Gräzistin, Literaturübersetzerin und Autorin. Sie arbeitet als freie Übersetzerin vom Griechischen ins Deutsche und umgekehrt und engagiert sich vielfach für die Sichtbarkeit der griechischen Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum. 2013 gründete sie den Übersetzungskreis LEXIS an der Universität Bonn. Für die Übersetzung der Novelle „Die schwierige Kunst“ von Dimitris Eleftherakis ins Deutsche (Reinecke & Voß Verlag 2017) erhielt sie zusammen mit LEXIS den griechischen Staatspreis für Literarische Übersetzung 2018. Im Oktober 2020 war sie Stipendiatin des LCB im Rahmen des Förderprogramms litrix.de des Goethe-Instituts. Als Dozentin leitet sie Übersetzungsseminare und moderiert Veranstaltungen zum Thema Lyrikübersetzung.
Elena Pallantza in diablog.eu hier

Andreas Gamst wurde 1947 in Hamburg geboren. Nach einem ersten Aufenthalt in Griechenland vertiefte er neben seinem Mathematikstudium seine Kenntnisse in Neu- und später auch Altgriechisch an der Universität Hamburg. Das Studium der Mathematik schloss er dort mit Diplom und Promotion ab. Während seines Berufslebens beschäftigte er sich überwiegend mit der Planung von Mobilfunknetzen. Danach fand er endlich wieder die Zeit, sich dem Griechischen zu widmen.

Rainer Maria Gassen (*1946 in Koblenz) ist ein deutscher Lyriker, Übersetzer und Rezitator. Er studierte Anglistik und Germanistik in England und Deutschland und arbeitete als Lehrer in mehreren Ländern. Heute lebt er in Bonn, wo er sich vielfältig literarisch engagiert, unter anderem als Mitbegründer der Zeitschrift 500 GRAMM. Als Dichter widmet er sich seit Jahrzehnten vor allem dem Sonett, das er formal und inhaltlich weiterentwickelt.

Andreas Gamst und Rainer Maria Gassen sind Mitglieder des Übersetzerkreises LEXIS.


Auswahl und Präsentation: Elena Pallantza. Poesie und Gedanken dazu: Dimitris Gkioulos in der Übersetzung von Elena Pallantza, Andreas Gamst und Rainer Maria Gassen. Redaktion: A. Tsingas. Fotos: Dimitris Gkioulos. Portraitfotos Übersetzerkreis: Privatsammlungen.

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

2 Kommentare zu „Griechische Lyrik im Selbstporträt_1“

  1. Es gefällt mir, dass ihr der Lyrik ein Platz einräumt.
    Da manche eurer Leser ein wenig Neugriechisch können, würden sie neben der Übersetzung gerne das Original sehen, um die eine oder andere Wendung oder auch nur einen bestimmten Ausdruck vergleichen zu können, ohne jedesmal die Fassung Ελληνικά aufrufen zu müssen.
    Mein Vorschlag: das neugriechische Original zur Übersetzung dazustellen. Ich würde schauen, wie ’sich ranhält‘ oder ‚wütende Gedichte‘ oder ’soviel dein Beutel hergibt‘ – wie solche Ausdrücke auf Griechisch klingen. Gruß, M

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