Amalie von Griechenland und Christiane Lüth, Gattin des Hofpastors

Zwei Einwanderinnen Mitte des 19. Jahrhunderts in Athen, begleitet von Geneviève Lüscher

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Die zwei gleichaltrigen Frauen, die eine Deutsche, die andere Dänin, folgen ihren Ehemännern in eine fremde Welt. Wie nehmen sie die griechische Bevölkerung und den neugegründeten Staat wahr?

Geneviève Lüscher hat in ihrem Buch die Parallelbiographien zweier sehr unterschiedlicher Frauen vergleichend gegenübergestellt, der Deutschen Amalie, Königin von Griechenland, und der Dänin Christiane Lüth, Gattin des deutschen Hofpastors. Mit Hilfe authentischer Quellen – Briefe, Tagebücher, Reiseberichte – lässt sie das bunte Bild einer vergangenen Epoche aufleben, ihr Unterfangen bekommt eine ungeahnte Dynamik und lässt die Leserschaft in die (harte) griechische Realität Mitte des 19. Jahrhunderts eintauchen. Der Alltag der beiden Frauen bringt uns erstaunliche Facetten des mühsamen Wegs nah, den Athen von einer verschlafenen Kleinstadt zur Hauptstadt des neugegründeten Königreichs zurückgelegt hat. Dabei spielen die gesellschaftlichen Aspekte eine treibende Rolle. So erfahren wir beispielsweise vom Herzensprojekt der Königin, dem Königlichen Garten, den sie gegen den allerseits heftigen Gegenwind zum Teil persönlich plante (und wegen dem alle heutigen Athenerinnen und Athener sie preisen sollten) und von den Besuchern der Familie Lüth, zu denen auch Hans Christian Andersen zählte, der bekannteste Dichter und Schriftsteller Dänemarks. Dieser erweist sich, wer hätte das gedacht, als ziemlich verschroben. Lüscher lässt ihre Leserinnen und Leser nicht alleine und stellt im Fließtext geschickt kleine Biografien vieler Personen vor, die das Leben der beiden Frauen kreuzten. Dabei visualisieren Gemälde, Gravuren und Pläne das Geschehen. Das Buch ist spannend, aber auch lustig, wir lernen die Nöte der Protagonistinnen und ihrer Umgebung kennen. Im Anhang findet sich ein umfangreiches Literaturverzeichnis (das trotzdem „nur“ eine Auswahl ist) und ein fundierter Bildnachweis. Wenn man es am Ende zuschlägt, hat man ein anderes Verständnis der Menschen, die in dieser turbulenten Zeit lebten.

Das Buch
Geneviève Lüscher: Neue Heimat Griechenland. Königin Amalie und Pastorsgattin Christiane in Athen.

35 x 25 cm, Hardcover, 204 Seiten mit 41 Abbildungen
Verlag der Griechenland Zeitung, Athen 2024, 24,80 Euro
ISBN 978-3-99021-052-9
zum Verlag hier (mit Leseproben)

 

 

 

 

 

Die Einleitung
Geneviève Lüscher legt hier Inhalt und Absicht ihres Buches dar:

In der Mitte des 19. Jahrhunderts reisten zwei junge Frauen, die eine aus Deutschland, die andere aus Dänemark, nach Athen. Sie kamen in die Hauptstadt einer eben erst aus den Trümmern eines Befreiungs­krieges aus dem Boden gestampften neuen Monarchie. Sie waren gleichaltrig, stammten aber aus ganz unterschiedlichen gesellschaft­lichen Schichten. Als Immigrantinnen lebten sie viele Jahre in Athen und mussten sich mit der fremden Umgebung auseinandersetzen. Wie haben sie die Situation gemeistert?

Beide Frauen waren typische Vertreterinnen ihres sozialen Stan­des. Sie gingen nicht als Pionierinnen in irgendeiner Sache voran oder leis­teten künstlerisch oder intellektuell Außerordentliches. Der große Unter­schied: Das Leben von Königin Amalie ist – als Vertreterin des Hochadels – seit ihrer Geburt gut dokumentiert. Die Quellen zu ihrer Person fließen üppig, auch dank ihrer eigenen Korrespondenz, welche die Zeit überdau­ert hat. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich nicht irgendwo – Amalie ruht in der Königsgruft der Wittelsbacher in der Theatinerkirche zu München.

Anders Christiane Lüth, die als Oberförsterstochter und Pasto­rengattin dem Bürgertum angehörte. Hätte sie ihre Erlebnisse in Athen nicht selbst in einem Tagebuch und in Reiseberichten festgehalten, wüsste man heute nichts mehr von ihr. Sie wäre als namenlose Frau im Ozean der Geschichte untergegangen; nicht einmal Amalie erwähnte in ihren Briefen die Ehefrau ihres Pastors mit Namen. Wo Christiane be­graben liegt, ist nicht bekannt, vielleicht im dänischen Kolding.

Meine Idee war es, die beiden Frauenleben anhand dieser Quellen einander gegenüberzustellen, sie durch ihre Jahre in Athen zu begleiten und zu beobachten, wie sie ihr Leben in der neuen Um­gebung gestalteten. Wie sie mit der ihr fremden Kultur zurechtka­men, wie weit sie sich assimilieren wollten und konnten und wie weit sie es schließlich getan haben.

Blick auf Athen vom Nymphenhügel aus. Links im Hintergrund überhoch der Lykabettus-Hügel, an dessen Fuß das neue Stadtquartier aufscheint, wo der zukünftige Königspalast gebaut werden wird. Beide Hügel befinden sich heute im Stadtzentrum Athens (Litho F. Stademann, 1841)

Ich hoffe, damit einen Beitrag zur Frauengeschichte zu leisten und gleichzeitig einen Einblick in das Leben eines Landes zu geben, das – zerstört durch die griechischen Freiheitskämpfe – seinen Weg ins 19. Jahrhundert noch suchte.
Das vorliegende Buch ist keine historisch-wissenschaftliche Studie, weshalb ich auf Anmerkungen und genaue Nachweise der Zitate der Lesbarkeit zuliebe verzichtet habe. Es richtet sich an histo­risch Interessierte.

Die beiden bereits erwähnten Hauptquellen sind aus unter­schiedlichen Gründen entstanden und ihrer Form nach im Prinzip kaum vergleichbar. Beide zusammen ergeben jedoch – wenn auch aus ganz anderen Blickwinkeln – ein stimmiges Bild des Lebens in Athen in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Amalie schrieb ihre Briefe nicht in der Meinung, sie später zu veröffentlichen, auch wenn Briefe damals weniger privaten Charakter hatten als heute. Christiane hingegen liebäugelte vielleicht mit der Idee, dass mindestens die Reiseberichte publiziert werden könnten. Sie sind unpersönlich gehalten und wären damals ein interessanter Stoff für eine Zeitung gewesen; so weit kam es aber nicht. Ganz an­ders Christianes Tagebuch, das sehr persönlich ist und rein private Aufzeichnungen enthält, die für das eigene Erinnern niedergeschrie­ben wurden.

Die umfangreichste Quelle sind die 570 Briefe Amalies. Sie rei­chen vom Jahr 1836, der Ankunft der Königin in Griechenland, bis ins Jahr 1853, als ihr Vater in Oldenburg verstarb, und umfassen meh­rere tausend Seiten. Die Originalbriefe ruhen im Niedersächsischen Landesarchiv in Oldenburg und sind nur mit Erlaubnis der groß­herzoglichen Familie, den Nachkommen von Amalies Bruder Peter von Oldenburg, einsehbar. Transkribiert, also von der Handschrift in Druckschrift umgeschrieben, wurden sie bis anhin lediglich in ganz wenigen Auszügen. Sie stehen der Öffentlichkeit also auf Deutsch nur sehr beschränkt zur Verfügung. Allerdings wurden sie alle ins Griechische übersetzt und 2011 in Athen publiziert. Für diese Über­setzung mussten alle Briefe wohl oder übel zuerst transkribiert wer­den, und es bleibt unverständlich, weshalb diese immense Arbeit der deutschsprachigen Öffentlichkeit nicht ebenfalls zugänglich gemacht worden ist.

Der von Amalie entworfene Gartenplan. Der Königin schwebt eine großzügige Anlage vor, ähnlich den Schlossparks in ihrer oldenburgischen Heimat. Sie leitet den Bau mit strenger Hand, lässt zahlreiche Gewächse importieren und schreckt auch nicht vor dem Transport ausgewachsener Palmen zurück (Aquarellierte Zeichnung, um 1850; © Otto-König von Griechenland-Museum, Ottobrunn)

Die Briefe stellen für die Geschichte des jungen Staates Grie­chenland ein singuläres historisches Zeugnis dar, dessen Wert im deutschen Sprachraum noch nicht erkannt worden ist, vermutlich weil es sich „lediglich“ um die Briefe einer Frau handelt. Betraf diese Korrespondenz zu Beginn thematisch tatsächlich vor allem Tratsch und Klatsch am Hof, die kleinen Kümmernisse einer einsamen Kö­nigin in einer ihr fremden Welt, so wendet sich das Interesse Amalies nach den Ereignissen von 1843 der Politik zu, und ihre Briefe bilden ab, was im innersten Kreis der Macht gedacht und getan wurde. Da­mals erzwangen die Griechen – gegen den Willen des Königs – die Umwandlung der absoluten in eine konstitutionelle Monarchie. Ama­lie stand als Königin mitten im Geschehen und beobachtete mit wa­chem Blick, wenn auch durchaus naiv und parteiisch, die politischen Abläufe. Frei und unbekümmert äußert sie ihrem Vater gegenüber ihre Gedanken und Einschätzungen.

Amalies Schlossgarten, heute „Nationalgarten“ genannt, eine der wenigen grünen Oasen des Molochs Athen, © Jan Hübel

Erstaunlicherweise gibt es über die erste, aus Oldenburg stam­mende Königin Griechenlands weder eine wissenschaftliche noch eine romanhafte Biografie. Vermutlich liegt das Problem einerseits beim mehrsprachigen Archivmaterial und andererseits bei alten Res­sentiments, die – vor allem von griechischer Seite – eine gründliche, wissenschaftliche Aufarbeitung bis heute verhindert haben.

Die zweite Hauptquelle ist das Tagebuch der Christiane Lüth. Die Pastorsfrau schrieb auf Dänisch, ihre Aufzeichnungen wurden ins Griechische übersetzt und 1981, 1991 und 1999 in drei Bänden in Athen publiziert. Sie umfassen Tagebuchnotizen aus den Jahren 1838–1843 und 1843–1845, die hauptsächlich das Familienleben schil­dern, sowie mehrere Reiseberichte aus den Jahren 1839 bis 1851. Letz­tere sind vor allem volkskundlich interessant, weil es darin weniger um die Familie Lüth geht als um Land und Leute im damaligen Griechenland.

Aufschlussreich sind weiter die Briefe der Oberhofdame Julie von Nordenflycht, die sie auf Deutsch an eine Freundin in Olden­burg richtete. Sie wurden bereits 1845 in Leipzig veröffentlicht. Frau von Nordenflycht korrespondierte von 1837 bis zu ihrem Tod 1842. Auch ihre Nachfolgerin am Hof, Wilhelmine von Plüskow, schrieb. Sie verfasste ihr Tagebuch auf Deutsch, es kann – allerdings nur auf Griechisch übersetzt – digital abgerufen werden. Ihre Aufzeichnungen sind sehr knapp und diskret gehalten, sie umfassen stichwortartig die Jahre 1846 bis 1854.

Für mein Buch ebenfalls ergiebig waren die Publikationen des König-Otto-Museums im bayerischen Ottobrunn, dann ein Oldenbur­ger Ausstellungskatalog über Königin Amalie aus dem Jahr 2004 und vie­le weitere, kleinere Publikationen, die ich alle dankbar geplündert habe.

Die Passagen aus allen auf Griechisch übersetzten Korres­pondenzen oder Aufzeichnungen habe ich nicht wortwörtlich rück­übersetzt, sondern paraphrasiert. Stil, Grammatik und Orthografie sind dem 21. Jahrhundert angepasst, um eine flüssige Lektüre zu ermöglichen. Ebenso habe ich in schriftstellerischer Freiheit die zi­tierten Aussagen – abgesehen von der freien Übersetzung – jeweils gekürzt, zusammengefasst oder neu kombiniert. Auslassungen sind nicht gekennzeichnet. Der Inhalt aller Zitate in Anführungs- und Schlusszeichen habe ich aber nie zurechtgebogen, die Aussagen blei­ben authentisch.

Interessant wäre es für mich gewesen, den deutschen und dänischen Aufzeichnungen solche einer Griechin zur Seite zu stel­len.

Wie lebte eine Griechin im Athen des 19. Jahrhunderts? Leider liegen aus der Anfangszeit des neuen Staates weder publizierte Tage­bücher noch Briefe, Memoiren oder Ähnliches von Griechinnen vor, die hätten verwertet werden können. Während junge Männer schon vor der Revolution und auch danach zum Studium nach Europa geschickt wurden, nach Wien, München, Paris oder Padua, erhiel­ten griechische Mädchen lediglich eine rudimentäre Schulbildung und blieben zu Hause. Noch in den 60er-Jahren des 19. Jahrhun­derts beklagte die rumänische Schriftstellerin und Reisende Dora d’Istria deren mangelhafte Bildung; es existierten erst wenige Mäd­chenschulen. Allerdings integrierten sich die Frauen einfacher und schneller in die deutsche Kolonie als ihre Brüder, weil gemischte Heiraten bald an der Tagesordnung waren: Etliche deutsche Mitglie­der der besseren Athener Gesellschaft vermählten sich mit Töchtern aus angesehenen griechischen Familien.

Der umgekehrte Fall, dass ein Grieche eine Deutsche zur Frau ge­nommen hätte, scheint wesentlich seltener und eher in der Oberschicht vorgekommen zu sein. Eine gut dokumentierte, wenn auch kurze Ehe erlebte die Preußin Bettina von Savigny mit dem Juristen und späte­ren Universitätsrektor Konstantinos Schinàs. Bettina Schinàs verbrachte nach ihrer Heirat und vor ihrem Tod nur zwei Jahre, 1834 und 1835, in Athen, wo ihr Mann sich eine Anstellung in der königlichen Verwaltung erhoffte. In dieser Zeit, also vor der Ankunft Amalies und Christianes in der griechischen Hauptstadt, schrieb Bettina Schinàs ihren Eltern aus­führlich und – ganz anders als Amalie – auch kritisch über ihr neues Leben und dessen Schwierigkeiten. Sie litt gesundheitlich unter dem ungewohnten Klima, den unhygienischen Verhältnissen, der beengten Wohnsituation und ihrem prekären finanziellen Status, der nur beschei­denes Personal erlaubte. Bettina starb 1835 vermutlich an Typhus.

Eingang zum Kohlebergwerk, das die Familie Lüth 1841 auf Euböa besucht hat. Die Mine bestand aus zwei in den Berg getriebenen Stollen; die Kohle war von schlechter Qualität (Holzschnitt H. Clerget, in „Le Tour du Monde“, 1876, 80)

Amalies Korrespondenz nach Oldenburg war jeweils rund drei Wochen unterwegs; wenn die Verbindungen gut waren, schaff­te sie es ausnahmsweise in vierzehn Tagen. Nutzte die Königin den Postweg über Triest oder Marseille, seltener über Konstantinopel, so wusste sie, dass ihre Briefe geöffnet wurden. In diesem Fall durfte sie keine vertraulichen Mitteilungen machen. Wollte sie das, musste sie selber einen Kurier beauftragen oder ihre Briefe einer Vertrauensper­son mitgeben, die in den Norden reiste.

Der Briefverkehr nach Oldenburg erfolgte sehr regelmäßig. Ihrem Vater schrieb Amalie wenn möglich immer sonntags, die Briefe entstanden jedoch nicht in einem Zug, sondern meist im Verlauf der Woche. Und Amalie wartete sehnsüchtig auf die Post­schiffe, die Nachrichten von zuhause brachten. So war sie – mit et­was Verspätung – stets auf dem Laufenden, was im Großherzogtum Oldenburg und in deutschen Adelskreisen vor sich ging.

Der Ton, mit dem sich Amalie an ihren Vater, ihren „Engels­papa“, richtete, mutet uns heute seltsam an. Sie liebte ihn fast abgöt­tisch, er – und nicht ihr Mann Otto – war ihre Bezugsperson. Als sie ihm einmal zum Geburtstag gratulierte, schrieb sie, es habe in dieser Nacht ein „Feuerwerk“ gegeben! Sie deutete an, dass der Brand wohl ihm zu Ehren entfacht worden sei. In Tat und Wahrheit war in Athen eine Feuersbrunst ausgebrochen und ein Haus komplett abgebrannt. Ob jemand dabei zu Schaden gekommen war, interessierte die Köni­gin nicht – eine etwas merkwürdige Art von Humor.

Ihre übergroße Anhänglichkeit, aber auch Abhängigkeit vom Vater erschwerte sicher die Trennung von der Heimat, das Eingewöh­nen in die neue Umgebung und die Zuwendung zum Ehemann. Ama­lie löste sich, mindestens bis zum Tod ihres Vaters 1853, nicht wirklich von Oldenburg, auch wenn sie immer wieder betonte, wie sehr sie Griechenland liebe. Die seitenlangen Briefe, der grenzenlose Kum­mer, wenn Antworten auf sich warten ließen, zeugen von ihrem Be­dürfnis, den Vater nicht zu verlieren, ihn ständig „bei sich“ zu haben. Eine Episode, welche die Oberhofmeisterin beschreibt, ist typisch: Zwei Porträtbilder der Eltern sind in Athen eingetroffen, Amalie packt sie aus. Frau von Nordenflycht: „Die Königin war in einem wahren Freudenrausch. – ‚Mein Engelspapa! Meine Engelsmama!‘ – Und immer auf den Knien, glücklich und entzückt wie ein Kind, von einem zum andern gerutscht.“ Die Königin war da immerhin 21 Jahre alt und seit drei Jahren verheiratet.

Ihrem Mann war Amalie aber dennoch sehr zugetan. Loyal hielt sie auch in schwierigen Zeiten zu ihm, schützte ihn, übersah großzügig seine Schwächen und münzte seine Sturheit und Unent­schlossenheit positiv in Beharrlichkeit um. Fast nie erwähnte sie ihrem Vater gegenüber seine schwache Gesundheit, seinen Mangel an Entschlusskraft, seine Unfähigkeit, Prioritäten zu setzen. Als sich 1843 die politische Situation zuspitzte, griff Amalie ohne Zögern ins Geschehen ein und dirigierte fortan aus dem Hintergrund die Ent­scheidungen ihres Mannes.

Christiane war das vierte von acht Geschwistern. Ihre jüngere Schwester Hanne, die die Familie Lüth nach Griechenland begleitet hatte, verewigte das Athener Familienleben in zahlreichen, amüsanten Szenen. Ihre Erläuterungen auf Griechisch oder Dänisch sind aber heute leider – da zerschnitten – kaum noch zu entziffern.

Anders war das Verhältnis Christiane Lüths zu ihren Eltern. Sie oder das Vaterhaus in Dänemark kommen in ihrem Tagebuch fast gar nicht vor. Gelegentlich werden Geburtstage oder Briefe der Mut­ter, einer Schwester oder von Verwandten kurz erwähnt, mehr ist da nicht. Allerdings verfügen wir nicht über die Briefe, die Christiane nach Hause geschrieben hat. Mit ihrer Abreise scheint sie sich von ihrer Familie, ihrem Herkunftsort gelöst und dem neuen Leben in Athen zugewendet zu haben. Im Tagebuch blitzt lediglich ihre pat­riotische Liebe zu Dänemark hin und wieder auf. Die Heimat war ihr teuer, scheint aber nicht an bestimmte Menschen gebunden gewesen zu sein. Obwohl Pastorsfrau, hatte Christiane – wie auch Amalie – für ihre Umgebung wenig Empathie übrig. Mit scharfer Zunge kommen­tiert und kritisiert sie die Menschen, die es ihr selten recht machen konnten. Im Gegensatz zu Amalie hatte sie aber Humor, erzählt amü­sante Begebenheiten und kann gelegentlich über sich selber lachen, was der Königin nie eingefallen wäre.

Wenn auch beide Frauen sofort Griechisch lernten, eine Integ­ration in ihr Gastland strebten beide nicht wirklich an. Für Christiane war der Aufenthalt in Hellas immer als zeitlich befristeter gedacht. Sie wusste, dass sie früher oder später in den Norden zurückkehren wür­de. Ihre Bemühungen, Griechenland zu verstehen und mit seinen Ein­wohnern und Einwohnerinnen Kontakte zu knüpfen, waren deshalb zwar begrenzt, aber dennoch vorhanden. Was Christiane schließlich aus ihrem Leben in Griechenland mit zurück nach Deutschland nahm, ist nicht bekannt. Sicher aber prägte sie umgekehrt in ihrem Athener Umfeld – unbewusst – ihre griechischen Nachbarinnen, sei es durch ihr freieres Benehmen, ihre Kleidung, die Art, wie sie ihre Kinder er­zog und wie sie mit ihrem Ehemann umging. Eng waren die Kontakte aber nicht. Die griechischen Hausfrauen des Mittelstandes lebten sehr zurückgezogen und lernten keine Fremdsprachen.

In Griechenland stand man den „kolonistischen“ Bestrebun­gen der Bayern negativ gegenüber, dennoch war ihr Einfluss auf die Europäisierung des in vielen Beziehungen rückständigen Landes – mindestens äußerlich – unverkennbar. So bemerkten viele Reisende beispielsweise den drastischen Rückgang der traditionellen Kleidung bei Männern und bei Frauen oder die komplett neue Bauweise in der Residenzstadt.

Athen um 1850: Die Stadt hat sich bereits bis zum neuen Palast ausgedehnt. Prominent links das vornehme, mit Arkaden versehene Hotel Grande Bretagne. Auch hinter dem Palast stehen bereits einige neue Gebäude. Der übermäßig große Lykabettus ist hingegen noch völlig unbebaut (aus: Illustrated London News, 1842-1885, Athens 1984)

Für Amalie war die Situation eine andere. Auch wenn sie die Idee hatte, ihr Leben lang in Griechenland zu bleiben und oft beton­te, wie sehr sie „ihr“ Land liebte, so lebte sie doch ein Leben fern der griechischen Realität. Sie bemühte sich nicht, einen Bekanntenkreis von Frauen aus der Athener Oberschicht aufzubauen, sondern ver­kehrte hauptsächlich im deutschen und diplomatischen Milieu, wie es ihrem Stand entsprach. Die griechischen Hofdamen, mit denen sie ihre Entourage schmückte, wurden keine Vertrauten, keine Freun­dinnen, sondern waren wohl bloß ein Zugeständnis an ihre Unter­tanen. Es lag ihr auch völlig fern, griechische Sitten oder Gebräuche zu übernehmen, ganz im Gegenteil. Sie sah es als ihre Aufgabe an, die Griechen und Griechinnen zu europäisieren und vor allem die Ober­schicht an die deutschen, in Adelskreisen üblichen Gepflogenheiten heranzuführen. So wurde Amalie selbst keine Griechin, obwohl sie es gerne geworden wäre.

::: Christiane Lüth und ihre Zeitgenossinnen hier (auf EL), hier (auf EL) und hier (auf EN)
Amalie von Oldenburg hier

Geneviève Lüscher vor einem Ganzkörperportrait der Königin Amalie (Reproduktion im Schloss Eutin, © Felix Müller)

Die Autorin
Geneviève Lüscher hat in Basel ur- und frühgeschichtliche Archäologie studiert und als Wissenschaftlerin, Publizistin, Redakteurin und Wissenschaftsjournalistin bei der NZZ gearbeitet. Sie lebt heute in Bern.

::: Geneviève Lüscher hier und in diablog.eu hier

 

 

Text: Geneviève Lüscher; Auszug und Abbildungen aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Verlags der Griechenland Zeitung. Redaktion und Präsentation: A. Tsingas.

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