Die „Hinteren Schulbänke“ in Exarchia

Bildung für alle – eine selbstorganisierte solidarische Schule

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Die alternative Szene des pulsierenden und zentrumsnahen Athener Stadtteils Exarchia ist auch eine Hochburg politischer Gruppen und Aktionen. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist die Initiative Ta Piso Thrania (Die hinteren Schulbänke), die Migrant:innen und ausländischen Studierenden Sprachkenntnisse und Bildungsmöglichkeiten bietet.

Die Solidaritätsschule ist im Steki Metanaston (Migrantentreff) untergebracht, einem typischen neoklassizistischen Altbau in unmittelbarer Nähe des Exarchia-Platzes, dem Herz von Exarchia.

Wie entstand die Initiative Piso Thrania?
Sie entsprang 1998-1999 dem Netzwerk zur sozialen Unterstützung von Flüchtlingen und Migranten. Im Steki, wo das Netzwerk untergebracht ist, war von Anfang an ein antirassistischer Raum für alle, die eine andere kulturell-persönliche Identität hatten. Bereits 1990 trafen sich dort Geflüchtete, Migrant:innen und Griech:innen aus dem Bedürfnis heraus, zusammenzukommen, zu diskutieren, Spaß zu haben, Aktionen gegen Fremdenfeindlichkeit zu entwickeln und die Diskriminierung von allem, was „anders“ ist. In der Mitte dieses Jahrzehnts wollte eine Gruppe von Geflüchteten aus Bangladesch Griechisch lernen. Motivierte Einheimische nahmen sich diesen Wunsch zu Herzen und starteten den Sprachunterricht: Das Streben nach Artikulation der einen Seite rief bei der anderen Solidarität hervor. So entstand 1998 die Initiative Piso Thrania mit der Struktur, die sie bis heute noch inne hat.

Flip charts

Typische Unterrichtssituation

Die Kunde der Sprachkurse von Piso Thrania wurde in Migrantengemeinden durch Mundpropaganda verbreitet. Das Gros der Lernenden waren anfangs syrische Kurden. Sie hatten sich schnell im Steki integriert, nahmen an den Versammlungen der Initiative teil und übernahmen verantwortungsvoll die Getränkeausgabe. Sie fühlten sich zuhause. Das war auch die Initialzündung der Sozialküche El Chef, die heute noch tätig ist. Sie entstand aus dem Bedürfnis, beim Zusammenkommen zu essen, ohne teuer auswärts zu bestellen. Die Räume des Steki dienten also nicht nur dem Unterricht, sondern auch dem sozialen Miteinander, wie es dort schon immer war. Was immer auch passierte, es gab eine Tür, wo man anklopfen konnte. Daraus entstanden auch Anstrengungen, die Geflüchteten juristisch zu unterstützen.

Ziel der Initiative war die Vermittlung von Sprachkenntnissen, aber auch die soziale Einbindung und Schaffung eines Schutzraumes für die Lernenden (bei der Anmeldung zum Sprachunterricht wurden und werden keine „Papiere“ verlangt) sowie die Annäherung der unterschiedlichen Kulturen und die gegenseitige soziale Bereicherung. Die Akzeptanz erstreckte sich auf Sprache, nationale Identität, Religion, persönliche Selbstidentifikation – nicht für jeden eine einfache Sache. Manchmal entstanden zwischen Gruppen Reibungen, die schwer zu handhaben waren. Aber es kam auch zum radikalen Überdenken der persönlichen Einstellungen, beispielsweise zu Freundschaften mit queeren Personen.

links: Ausflug auf die Akropolis 2006; rechts: Theaterbesuch 2007

links: Thrania-Chor auf der Bühne 2011; rechts: am Strand 2011

Damals waren die Rahmenbedingungen im Vergleich zu heute nicht so krass. Die Angst, von der Polizei angehalten zu werden, schwang aber immer mit, denn viele Lernende hatten keine offiziellen Papiere oder Aufenthaltstitel. Die Polizeipräsenz im Exarchia-Kiez war überschaubar, anders als heute, wo z.B. auf dem Exarchia-Platz eine neue Metrostation entsteht und die Baustelle hermetisch abgeriegelt und bewacht ist.

Griechenland war für die meisten Geflüchteten ein Transitland. Trotzdem wurde es für viele zur zweiten Heimat. Sie fanden Arbeit und soziale Kontakte. Viele der Lernenden erreichten hier die Volljährigkeit. Sie kamen als Teenager in Booten aus der Türkei oder zu Fuß über die grüne griechisch-türkische Grenze am Evros. Auch wenn sie längst weggezogen sind, kommen viele mit ihren Familien zum Urlaub wieder her. Es ist die Erinnerung an ihre Jugend, die sie zu diesen Besuchen treibt. Denn sie hat sich in einem bestimmten Rahmen abgespielt mit Sonne, Meer, in Exarchia, auf dem Lykabettus-Hügel und mit Menschen, zu denen sich tiefe Bindungen entwickelt hatten.

Der Sammelschuber
2009 hatte die Initiative Piso Thrania die Erfahrungen und schönen Momente von 10 Jahren Arbeit mit Geflüchteten in einem quadratischen Sammelschuber (ca. 17 x 16 x 3 cm) mit fünf Heften veröffentlicht:

    • Geschmackserinnerungen: Rezepte und Speisen aus den Herkunftsländern der Lernenden
    • Ich spiele. Spielst du mit? Wir spielen!: Bewegungsspiele aus den Herkunftsländern der Lernenden
    • Die Welt soll magisch werden: Märchen aus den Herkunftsländern der Lernenden
    • Eine Welt, die Platz für viele Welten hat: Aufsätze und Statements der Lernenden
    • Zehn Jahre Reisen mit unseren Schülern: zu den Lehrmethoden von Piso Thrania und das entwickelte Lehrmaterial

 

Wirtschaftskrise und Krieg
Bald darauf folgten 2010/11 die Wirtschaftskrise und der Krieg in Syrien. Die Jobs wurden rarer, der Alltag schwieriger. Viele Geflüchtete der ersten Stunde verließen daraufhin Griechenland. Sie kamen auf ihren ursprünglichen Plan zurück und zogen weiter zu Verwandten nach Deutschland, England, Schweden, Kanada, wo sie sich bessere Perspektiven erhofften. Außerdem erstarkte innenpolitisch die faschistische Chrisi Avgi (im deutschsprachigen Raum bekannt auch als Goldene Morgenröte).
Zum Unterricht kamen viel mehr Geflüchtete. Prinzip der Piso Thrania war, niemanden abzuweisen. Um die Sprachschüler:innen auf allen Ebenen zu unterstützen, mussten Lösungen gefunden werden, um sie in den Fluss des Unterrichts einzugliedern, wann immer sie dazukamen. Bei der hohen Fluktuation war das natürlich ein sehr schwieriges Unterfangen: Es gab Zeiten, da wurden pro Woche 400-500 Personen unterrichtet. Die Räumlichkeiten des Steki, eines in die Jahre gekommenen neoklassizistischen Baus, ließen keinen optimalen Unterricht zu. Die meisten Sprachschüler gingen 2-3 Monate zum Unterricht und hörten dann auf: fanden Arbeit, ermüdeten, gingen weg. Dafür kamen andere, der Fluss versiegte nicht. Die langen griechischen Sommerferien verschafften den Lehrenden eine Verschnaufpause.
Großdemonstrationen gegen die EU-Memoranden zogen auf, die verstärkte Polizeipräsenz ließ die Migranten die Öffentlichkeit meiden. Die Zahl der Sprachschüler:innen aus Nahost und Afrika ging zurück.

Die Frauen in Piso thania
Hier ein paar Worte zu den Frauen. Migrantinnen, die zum Unterricht kamen, stammten aus Georgien, Bulgarien, Albanien, Moldawien usw., also aus Ländern des ehemaligen Ostblocks und aus einigen afrikanischen Staaten. Allgemein waren das aber immer wenige. Abgesehen davon, dass die meisten Emigranten eh Männer sind, brachten diese zum Unterricht „ihre“ Frauen nicht mit: Der Platz der Frau ist im Haus und bei den Kindern.

Lernende 2012

Das führte 2001 zu einem interessanten Vorstoß. Da sie nicht zum Steki kamen, ging Piso Thrania zu ihnen. In den Anfangszeiten mit dem großen Andrang der Sprachinteressierten ging eine Gruppe von Lehrenden in eine Grundschule im Athener Bezirk Kypseli und unterrichtete dort, in den Schulräumen, Griechisch für die Eltern der Migrantenkindern, meist Mütter. Die Erwachsenen versprachen sich davon, den Kindern bei den Hausaufgaben helfen zu können. Dieses Projekt lief ungefähr zwei Jahre. Dann wurden immer seltener Schulräume zur Verfügung gestellt. Wie bereits erwähnt, die Umstände waren – und sind immer noch – untrennbar mit der jeweils vorherrschenden Politik verbunden. Auf allen Ebenen.

Das nächste Kapitel
Dann brach die Zeit der EU-Bürger:innen an. Erst waren es die Erasmus-Stipendiat:innen. Sie zogen in den angesagten Bezirk Exarchia und lernten Griechisch bei Piso Thrania. Der Initiative stellte sich die Frage: Dürfen die das? Im Plenum wurde viel darüber diskutiert. Letztendlich erwies sich ihre Anwesenheit als positiv, denn sie brachten ihre eigene Lebensart ein, bereicherten damit die Kulturlandschaft und halfen auch den Migrant:innen beim Lernen. Die Sprachschüler:innen  kamen nun aus Marokko, Ägypten, Syrien, Deutschland, Australien, Kuba, Großbritannien, Bulgarien, Albanien, Italien, Frankreich, Iran, Afghanistan und, und, und … Natürlich gab es große Unterschiede im Bildungshintergrund und der Lernfähigkeit – wichtig war aber die Durchmischung.
Bei den Migrant:innen kam bald der Wunsch auf, auch andere Sprachen zu lernen, insbesondere Englisch. Für die Reise nach Westen fehlte ihnen diese Sprache als Kommunikationswerkzeug. Wieder gab es endlose Diskussionen über das Für und Wider. Schließlich wurde auch Englisch unterrichtet, diese Kurse werden bis heute fortgesetzt. Je nach Zusammensetzung von Lernenden und Lehrenden kamen weitere Sprachen dazu. Neben Griechisch und Englisch werden heute auch Französisch und Arabisch unterrichtet.

Finanzierung
Piso Thrania ist keine herkömmliche, leistungsorientierte Sprachschule, sondern ein politisches Kollektiv. Entscheidungen werden bei den Vollversammlungen getroffen, wo keine hierarchische, „vertikale“ Struktur herrscht. Da die Initiative von keiner staatlichen oder sonstigen offiziellen Stelle finanziert wird, ist die Unabhängigkeit ihrer ideologischen Ausrichtung gewährleistet, sie beteiligt sich an verschiedenen Aktionen der antirassistischen Bewegung. Die notwendigen Ressourcen werden durch „Finanzierungspartys“ eingenommen, bei denen jede und jeder nach eigenem Ermessen spendet; im Allgemeinen sind Leute, die der Initiative und dem Spektrum zugeneigt sind, großzügig.

Die Pandemie als Scheidegrenze
Die Zahl der Sprachschüler:innen ging zurück, die Zeiten des großen Andrangs waren vorbei. Die Zusammensetzung der Lehrenden wechselte, Schwung und Vitalität blieben jedoch erhalten. Die Regierung ordnete die Corona-Quarantäne an und sorgte für strenge polizeiliche Maßnahmen.
Der Druck der häuslichen Isolation während der Corona-Zeit war enorm. Er hat die Menschen in ihrer Bleibe festgesetzt und von ihrem früheren Leben völlig abgekoppelt. Noch mehr hat es die Migrant:innen getroffen. Während der Quarantäne wurden die sprachlich Fortgeschrittenen online unterrichtet, es gab aber insgesamt nur zwei, drei Gruppen. Viele von ihnen hatten keinen PC und nahmen mit dem Handy teil. Optimal war das nicht. Aber Piso Thrania und Steki haben nicht aufgegeben. Es ging weniger um die Sprache, als darum, dem Eingesperrtsein etwas entgegenzusetzen. Der Unterricht war für Lehrende und Lernende ein Lichtblick.
Als der Spuk vorbei war, kamen nur wenige zum Präsenzunterricht, Exarchia war (und ist weiterhin) im Ausnahmezustand. Entgegen dem Wunsch der Bewohner soll auf dem Exarchia-Platz eine U-Bahnstation entstehen, die Baustelle wird bewacht. Die Migrant:innen halten Abstand. Parallel dazu haben die Zurückweisungen und Pushbacks an den griechischen Grenzen die Zahl der Geflüchteten eingedämmt.
Zur Hochzeit der Migration durfte jeder Sprachschüler und jede Sprachschülerin nur einmal die Woche zum Unterricht kommen, um möglichst viele Leute bedienen zu können. Heute kommen die Sprachklassen bis zu dreimal die Woche zusammen. Die Sprachschüler:innen von außerhalb der EU sind zurückgegangen, ihren Platz nehmen vermehrt EU-Bürger:innen ein.

Die nächste Generation der Lehrenden
Auch bei den Lehrenden hat ein Personalwechsel stattgefunden. Mittlerweile unterrichten im Steki jüngere Frauen und Männer, die frische Ideen und viel Elan mitbringen. Neues Unterrichtsmaterial wurde entworfen.
Hier links eine exemplarische Übungsseite:

Mit Engagement, Fleiß und Begabung kommen dann mit der Zeit solche Texte wie rechts zustande:
Ich heiße Ali. Mit 19 Jahren kam ich aus Pakistan nach Griechenland. Ich kam zu Fuß aus der Türkei. 8 Tage lang bin ich gelaufen. Morgens schlief ich im Wald und nachts lief ich. In Thessaloniki blieb ich einen Tag, dann kam ich mit dem Zug nach Athen. Ich wohnte im Haus meines Vaters. Als ich dort ankam, war mein Vater nicht da, weil er auf dem Wochenmarkt arbeitete. Als er nach Hause kam, haben wir uns umarmt. Nach einem Monat ging ich mit meinem Papa auf den Wochenmarkt, um auszuhelfen. Seitdem arbeite ich auf dem Wochenmarkt. Dort verkaufe ich Gemüse. Ich stehe um 4:30 Uhr auf und komme um 5:00 Uhr nachmittags zurück. Und danach koche ich. Mein bester Freund ist Umer aus Pakistan. In Monastiraki und am Alexandra-Platz drehen wir unsere Runden. Ich möchte in Griechenland bleiben, aber das Problem ist, dass ich keine Papiere habe.

Positives und Negatives
Welche Erfahrungen bewegen die jetzigen Betreuer:innen der Piso Thrania im Positiven wie im Negativen?
Zwei Beispiele:

  • Das Musical
    2021 wurde ein Bühnenstück geprobt. Eine griechische Lehrerin hat dazu eine kleine Vorlage geschrieben. Die Handlung von „Ein Musical für 500 Euro“: Eine multikulturelle Clique vergnügt sich in einer Taverne. Als die Rechnung kommt, findet jeder eine hanebüchene Ausrede, um nicht oder wenig zu bezahlen. In diesem Rahmen sprechen die Schauspieler:innen Griechisch, singen aber in ihrer Muttersprache und tanzen. Die Aufführung, einschließlich der Lieder, dauerte etwa eine halbe Stunde.
    Wieso ein Theaterstück? Weil Übung den Sprachgebrauch fördert, das Selbstvertrauen stärkt und das Team zusammenschweißt. Die Leute, die mitmachten, waren vielleicht noch nie in einem Theater gewesen. Jetzt bekamen sie die Gelegenheit, ihren Alltag zu vergessen und in eine fremde Rolle zu schlüpfen. Sie sprachen einen fremden, griechischen Text und lernten, sich den Zuschauern zu stellen.
    Die Proben verliefen nicht unbedingt strukturiert. Denn die Teilnehmer:innen  kamen und gingen, zum Beispiel, weil sie einen Job gefunden hatten und ihr Zeitplan nun nicht mehr passte. Wichtig war aber, dass die Gruppe zusammenkam und im Stück mit Improvisation, Bewegung und hier auch mit Gesang aufging.
    Die erste Aufführung fand nach der Pandemie Anfang Juli 2022 beim jährlichen Athener Antirassistischen Festival statt, das an den drei Veranstaltungstagen an die dreißigtausend Besucher anlockte. Die Aufführung war ein großer Erfolg, eine Gelegenheit für die Piso Thrania, ihre Arbeit dem Publikum zu präsentieren. Im Oktober 2022 wurde das Stück dann auch im Steki aufgeführt.
    Die Teilnehmer:innen entwickelten untereinander eine große Verbundenheit – und ganz nebenbei löste sich auch ihre Zunge!
  • Die Verhaftungen
    Im selben Jahr (2022) wurden drei Schüler der Piso Thrania auf offener Straße von Sicherheitsorganen verhaftet, einer von ihnen auf dem Weg zur Sprachschule. Ein anderer, gerade einmal 20 Jahre alt, war bereits seit drei Jahren Sprachschüler und Mitglied der Theatergruppe. Ein Freund von ihm rief im Steki an und meinte, er sei verschwunden. Erst drei Tage später konnte der Verhaftete in einem Gefängnis geortet werden. Ihm war die Theateraufführung im Oktober gewidmet, an der er nicht teilnehmen konnte.
    Razzien, Verhaftungen und Abschiebungen sind immer eine große emotionale Belastung, auch für das Umfeld des Betroffenen. Natürlich findet  Hilfe auch auf der persönlichen Ebene statt, aber als Kollektiv möchte die Initiative nicht, dass nur eine Person die Last der praktischen und emotionalen Unterstützung trägt. Das Team kümmert sich mit gemeinsamen Entscheidungen und verteilt die Aufgaben auf mehrere Schultern. Den Inhaftierten werden Rechtsberater:innen vorgeschlagen und finanzieller Beistand für Gerichtskosten und ähnliches angeboten. Manche nehmen diese Hilfe an, andere nicht: Die Migrant:innen haben oft ihre eigenen Netzwerke, die manchmal effektiver sind als die von Piso Thrania.

Die Zeitung
Die erste digitale Zeitung der Piso Thrania erschien im Januar 2022 (auf EL und EN, hier) Es folgten Printausgaben, in denen (auch) Texte der Sprachschüler:innen  veröffentlicht werden.
links: Deckblatt der Printausgabe 2023

rechts: Texte zu den Lieblingsplätzen der Sprachschüler:innen

  • [aus dem Spanischen]
    Ich besteige sehr gerne den Berg [eigentlich: Hügel] Lykabettus. Er ist der höchste Berg [eigentlich: Hügel] der Stadt, von dort aus hat man einen kompletten Überblick über die Stadt und den Ballungsraum Athen. Es ist unglaublich, dass es einen solchen Hügel mitten in der Stadt gibt. Wenn du bei Sonnenuntergang hochgehst, kannst du dir einen guten Platz aussuchen, um den Sonnenuntergang von oben zu erleben und die Farben des Himmels zu bewundern. Estefanía
  • Der Strefi-Hügel liegt in Exarchia und ist ein sehr wichtiger Ort für den Alltag des Bezirks. Er ist nicht sehr hoch, aber von oben hat man einen atemberaubenden Blick auf Athen. Als ich das erste Mal in Athen war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Stadt so groß ist, und als ich auf diesen Hügel stieg, war ich schockiert, wie groß diese Stadt ist. Jetzt gehe ich oft hin, um den Sonnenuntergang zu sehen, und ich liebe es. Didi
  • [Abb. Mitte unten: eine Stele, auf der ein unbearbeiteter Stein ruht]
    Ein Monument, das ich liebe, ist das Arleta-Denkmal. Arleta war eine berühmte Sängerin. Ihre Musik malt eine andere Welt als die heutige. Wenn ich ihre Lieder höre, denke ich an das Exarchia von früher: freier, unangepasster, ein Zentrum für Kunst und Kampf für Rechte. Ein Bezirk ohne Polizeidominanz, Konformisten – oder eben ohne Touristen.
    Das Denkmal für Arleta steht neben ihrem ehemaligen Haus. Als ich es das erste Mal sah, lief ich gerade schlecht gelaunt umher. Ich sah den Stein darauf im Schatten einiger Bäume und dachte: Was soll das sein? Als ich die Inschrift übersetzte, war ich sehr bewegt. Wie die Kraft von Arletas Musik veränderte sich daraufhin meine Stimmung. Arleta wird ewig leben … Ich hoffe, dass Exarchia noch ein bisschen länger leben wird. Damien
  • Ich war letzten Sommer mit meinen Freundinnen auf Tinos.  Wir haben die Kirche besucht und ich fand es toll. Wir waren an vielen Stränden, sind geschwommen und haben uns gesonnt. Auch haben wir in vielen Tavernen gegessen, zum Beispiel Souvlaki und Salat. Auch die Schiffsüberfahrt war sehr schön. Noora, Äthiopien
  • Das ist ein Foto von Monastiraki. Mein Freund und ich gehen jeden Tag dorthin und ich liebe es, dort zu essen, zu trinken und herumzulaufen. Dort trinken wir Kaffee, hören Musik und schauen uns Leute an. Ich mag es, weil es einen sehr schönen Platz hat mit schönen Läden, Cafés und Tavernen. Ali Rosa, Pakistan
  • Ein Ort, den ich mag, ist das Kino Trianon. In Italien ging ich zwar auch ins Kino, aber hier ist die Atmosphäre einladender. Mit meiner Eintrittskarte bekam ich eines Abends einen Schokoriegel mit dem Etikett des Trianon-Kinos. Die Leute dort sind freundlich und strahlen. Eine andere Sache, die ich schätze, sind die Tische, die im ganzen Kino verteilt sind, um den Leuten die Vorführung angenehmer zu machen. Lucia, Italien

Heute und morgen
Die Piso Thrania war und ist im Bildungsbereich eine wohlbekannte Initiative, insbesondere unter Lehrenden, die sich mit Fragen der Gleichberechtigung und der Rechte von Kindern und erwachsenen Geflüchteten und Migrant:innen beschäftigen. In diesen Kreisen genießt sie ein sehr hohes Ansehen.
Wünschen wir Piso Thrania weiterhin Kraft und breite finanzielle Unterstützung, um Migrant:innen und ausländischen Studierenden ganz allgemein Sprachkenntnisse und Bildungsmöglichkeiten zu bieten und den Aufbau praktischer Solidaritätsbeziehungen voranzutreiben – sowohl zwischen Einheimischen und Einwanderern, als auch zwischen Einwanderern aus verschiedenen Herkunftsländern!

::: weiterführende Links:
Exarchia in Wiki hier und hier
Die Web-Seite von Piso Thrania (auf EN) hier mit Stadtplan
Die Aktivitäten der Initiative hier (auf EL, EN, Arabisch, Persisch, Französisch und Kurdisch), gut zum Stöbern; u.a. mit Sprachbüchern zum Herunterladen hier
Neuerer Artikel zu Arleta hier (auf EL)

Text und Übersetzungen: A. Tsingas. Mit Dank für Daten, Material und Einblicke an I.M. und C.K. Fotos: Ta Piso Thrania.


Anhang
Das heutige Selbstverständnis der Initiative ist am besten am aktuellen Flyer abzulesen:

Seite 1, Deckblatt:

Was wir wollen,
kennt keine Grenzen!
Dafür kämpfen wir!

 

 

 

Ta Piso Thrania (Die hinteren Schulbänke)
Initiative Bildung ohne Diskriminierung
Netzwerk zur sozialen Unterstützung von Flüchtlingen und Migranten
Steki Metanaston, Tsamadou 13, Exarchia, Tel. 6972437524, email: pisothraniasteki@gmail.com

 

 


Seite 2:

Die Schüler
„In meinem Dorf Bamyan in Afghanistan gibt es viele Kaltwasserquellen. Es gibt dort viele Berge und sehr alte Felsreliefs.“
„Aufgewachsen bin ich in einer kleinen Stadt in Zentralpersien, etwa zehn Minuten nördlich von Isfahan. Die Stadt heißt Shahin Shahr und hat etwa 200.000 Einwohner. Die meisten der Einwohner sind jung.“
Worte von Menschen, die kilometerweit zu Fuß gelaufen sind und dann in Booten die Ägäis überquert haben, um ihren Traum vom Westen zu verwirklichen. Diejenigen, die es eines Tages schaffen, dorthin zu gelangen, sind mit Verfolgung, Ausgrenzung, Demütigung, Missachtung der grundlegenden Menschenrechte und der Menschenwürde sowie Rassismus konfrontiert.
Unsere Wege kreuzen sich im Netzwerk zur sozialen Unterstützung von Flüchtlingen und Migranten.
Eine Gruppe aus Bangladesch wollte Griechisch lernen und eine Gruppe Griechen startete daraufhin den Unterricht. Auf diese Weise entstand 1998 die Initiative Ta Piso Thrania. Es war die Sprache, die aus der Not dieser Menschen unseren Akt der Solidarität machte.
Die Lehrer
Unser Team ist dynamisch, vielfältig und vielseitig. Einige sind Lehrer, manche Studenten, andere kommen aus anderen Berufen, es sind Griechen oder Einwanderer; alle zusammen entwickeln wir in kollektiven Prozessen unsere Aktivitäten, die viele Bereiche umfassen.


Seite 3:

Unsere Aktivitäten

  • Wir erteilen Sorachunterricht in Griechisch, Englisch, Französisch und Arabisch für Migrant:innen und Geflüchtete.
  • Wir beteiligen uns an Diskussionen und Veranstaltungen, die die Integration von Migrant:innen fördern.
  • Wir empfehlen eine kommunikativ-erfahrungsorientierte Unterrichtsmethode.
  • Wir organisieren Bildungs- und Freizeitexkursionen zu Museen, archäologischen Stätten, Fotoausstellungen usw.
  • Wir spielen Theater und besuchen Theateraufführungen anderer Amateurgruppen.
  • Wir treffen uns einmal die Woche im Migrantentreff mit multiethnischer Musik, Tanz und Gesang. Mit unseren Schülerinnen und Schülern übernehmen wir den Betrieb der Theke.
  • Wir beteiligen uns an der Organisation des jährlichen Antirassistischen Festivals Athen.
  • Unsere Teilnahme an Demonstrationen, Kundgebungen und Mobilisierungen gegen jegliche rassistische und einwanderungsfeindliche Politik macht die Grundlage unserer praktischen Solidarität aus.

Seite 4, Rückseite:

Der Unterricht
Die Erfahrungen, die wir bei der Entwicklung unseres eigenen Lehrmaterials gemacht haben, spiegeln sich zum Teil im Sammelschuber wider, den wir 2009 unter dem Titel „Zehn Jahre Reisen mit unseren Schülern“ veröffentlicht haben. Unser eigenes Lehrmaterial haben wir erstellt, um den Unterricht an die Bedürfnisse unserer Schülerinnen und Schüler anzupassen und herauszufinden, was sie am ehesten zum Lernen motiviert.

Der Griechischunterricht findet werktags (montags bis freitags) im Migrantentreff (Tsamadou 13) statt, 18:00-20:00 Uhr. Die Schüler:innen werden je nach Sprachniveau in Klassen eingeteilt. Auch gibt es Sprachunterricht in Englisch, Französisch und Arabisch. Die Unterrichtsmethode ist kommunikativ-erfahrungsorientiert, in jeder Klasse sind zwei Lehrende zugegen.

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Schreibe einen Kommentar