„Deine eigene Geschichte“ – ein neuer Blick auf die deutsche Besatzung

Artikel von Florian Schmitz, Blogger

Weihnachten – Zeit der Versöhnung. Eine Ausstellung in Thessaloniki setzte sich mit dem Leben unter deutscher Besatzung auseinander, vor allem unter jüdischem Blickwinkel. Auch für die Menschen in Griechenland ist dies eine ungewohnte Konfrontation mit der Vergangenheit. Nun will die Initiatorin das Projekt nach Deutschland holen. Florian Schmitz, Blogger aus Thessaloniki, berichtet für diablog.eu.

Elissavet Hasse ist Griechin und wohnt seit vielen Jahren in Köln. „Deine eigene Geschichte“ ist ihr erstes Projekt in der Heimat. Sie hat das Konzept entwickelt und die Entstehung des Projekts organisiert. Für „Deine eigene Geschichte“ haben sich 15 Künstler mit der deutschen Besatzung Griechenlands auseinandergesetzt. Viele von ihnen haben einen jüdischen Hintergrund. Es sind Geschichten, die in mehrfacher Hinsicht für Griechenland wichtig sind. Aber auch in Deutschland würde das Projekt die Möglichkeit bieten, ein Bewusstsein für die Verbrechen der Wehrmacht an der griechischen Bevölkerung, unter ihnen zehntausende Juden, zu schaffen.

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„Deine eigene Geschichte„, Bensousan Han, Thessaloniki

Ein Ort, an dem Kunst atmen kann

Das Bensousan Han in Thessalonikis Edessi-Straße ist ein charismatischer Altbau. 1817 errichtet, hat es seine glorreichen Zeiten augenscheinlich hinter sich. Wie so viele Gebäude im alten, jüdischen Teil der Stadt bröckelt auch hier die Fassade. Beim Eintreten fühlt man sich in das Berlin der 90er- und frühen 2000er-Jahre zurückversetzt. Ein besonderer Charme geht vom maroden Charakter des Hauses aus. Hier ist nichts auf Hochglanz poliert. Die scharrenden Schritte des Besuchers, der muffige Geruch der feuchten Wände, der bröckelnde Stuck: Mit allen Sinnen erfährt man, dass dieser Ort viel zu erzählen hat.

„Als ich das Bensousan Han zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich sofort, dass ich mein Projekt hier machen will,“ erzählt Elissavet Hasse. Und das aus gutem Grund. Geht es doch mehr um die sinnliche Erfahrung, als um die reine Information, mehr um die emotionale Berührung, als um die intellektuelle Aufklärung. Die verschiedenen Installationen, an denen die „Paradoxie des Krieges“ für den Besucher spürbar werden soll, würden in einer klassischen White Box Gallery kaum eine solche Wirkung entfalten. Der Ort umgibt die Projekte mit einer Aura von Authentizität. Sie fügen sich natürlich in das Gesamtbild ein.

Elissavet Hasse geht es in ihrem Konzept vor allem um diese „Paradoxie des Krieges,“ wie sie es nennt. Gemeint ist die Ambivalenz, mit der Menschen in der Absurdität des Krieges handeln. „Ich habe so viele Geschichten gehört,“ sagt sie. „Teilweise sind sie so brutal, dass man sich fragt, wie so etwas sein kann. Teilweise aber auch ganz gefühlvoll. Es gibt sowohl gute als auch brutale Geschichten über deutsche Soldaten.“ In diesem Sinne ist die Ausstellung nicht als Schuldzuweisung zu begreifen. Es wird keine Anklage erhoben. Eher geht es darum, der Vergesslichkeit unseres Gedächtnisses Momente intimer Menschlichkeit gegenüberzustellen.

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„Deine eigene Geschichte„, Bensousan Han, Thessaloniki

Das „Ich„ als Geschichte der Eltern

Apostolos Filippou hat für das Projekt seinen Vater über sein Leben unter der deutschen Besatzung in der Hafenstadt Piräus interviewt. Dabei ist ein Video mit fünf Geschichten aus der Zeit entstanden. Es gehe hier um den Alltag, erklärt Filippou, und nicht um etwas Außergewöhnliches. Ständig war man in Lebensgefahr. Ein Menschenleben war so gut wie nichts mehr wert. Sein Video berichtet von einem Vater als Helden, der einer untergetauchten jüdischen Familie hilft, von einem Vater als Notleidenden, der Lebensmittel von den Deutschen klaut, und von einem Vater als Bedrohten, der gefährliche Situationen oft nur durch Zufall überlebte.

Bereits der Arbeitsprozess an dem Projekt, in dem das Schweigen über die Vergangenheit zwischen Vater und Sohn durchbrochen wurde, war alles andere als stille Archivarbeit. Der Vater hatte die Erinnerungen unterdrückt. Erst in den Gesprächen traten sie nach und nach wieder in sein Bewusstsein. Der Künstler selbst entdeckte während des Projektes die Beziehung zu seinem Vater neu – und lernte auch sich selbst besser kennen. „Die Schilderung der Erlebnisse war gleichzeitig eine Entdeckung meiner selbst. Fragen wie ‚Wer bin ich und wie passe ich in diese Gesellschaft?’ hängen unmittelbar zusammen mit der Frage, wie meine Eltern sich durch den Krieg verändert haben und wie mich das in meinem Wesen beeinflusst hat.“

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Musik eines hilflosen Blicks

Auch Chrisoula Kehagioglou und Dimitris Karageorgos, beides Musiker, ging es um die Auseinandersetzung mit der Familie. Sie berichten über einen stillen Moment, den Karageorgos’ Mutter erlebte und der sie nachhaltig verändert hat. Sie steht frühmorgens am Fenster ihrer Wohnung in Ioannina, einer Stadt im Nordwesten Griechenlands, unweit des Ionischen Meers. Sie starrt auf eine große Gruppe von Menschen, die auf einem Platz warten. Es sind Juden, die zusammengetrieben wurden, um ins Konzentrationslager deportiert zu werden.

Mit einer Videoarbeit sowie einer Musikinstallation begeben sie sich auf die Suche nach den Regungen der menschlichen Seele. Der Frage Was sieht man? in einer solchen Situation wird eine Annäherung an die Thematik Was fühlt man? gegenübergestellt. Es ist der hilflose Blick aus dem Fenster, die stille Grausamkeit des Augenblicks, ein Gefangensein zwischen Fassungslosigkeit und Absurdität. Es sind eben diese beängstigenden Verzerrungen der Realität im Krieg, die sich in den Bildern und Klängen dieser Arbeiten widerspiegeln.

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„Deine eigene Geschichte„, Bensousan Han, Thessaloniki

Wenig Jüdisches in griechischer Aufarbeitung

Teil der Ausstellung sind auch drei riesige Wollpullover mit den Aufschriften: „Ich habe Angst,“ „Mir ist kalt“ und „Ich habe Hunger.“ Sie erinnern an die Mutter der Künstlerin Artemis Alcalay. Diese musste sich in den Bergen verstecken, um der Deportation zu entgehen. Überleben konnte sie, indem sie Pullover und Socken strickte und bei der Dorfbevölkerung gegen Essen eintauschte. Die meisten ihrer Verwandten sind nach Auschwitz deportiert worden und nie zurückgekommen.

In Thessaloniki ist die Ausstellung speziell auch von der jüdischen Gemeinde begrüßt worden. Die Aufarbeitung des Krieges in Griechenland ist geprägt von den Heldentaten des Widerstandes, dem Sieg gegen die italienischen Faschisten und der Trauer um die Dörfer, in denen die deutsche Wehrmacht unsagbare Massaker gegen die Zivilbevölkerung verübt hat. Die jüdische Geschichte bleibt – anders als in Deutschland – außen vor. „Man könnte fast sagen, dass beide Geschichten in Konkurrenz zueinander stehen,“ erklärt Elissavet. Schon allein deswegen ist eine solche Ausstellung in einem Griechenland, in dem die faschistische Goldene Morgenröte drittstärkste Kraft im Parlament ist, längst überfällig.

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„Deine eigene Geschichte„, Bensousan Han, Thessaloniki

Gegen das hässliche Gesicht Europas

In Anbetracht des wachsenden Einflusses von AfD und PEGIDA gehört „Deine eigene Geschichte“ auch nach Deutschland. Nicht nur, um darüber zu informieren, welche Verbrechen unsere Väter und Großväter in einem Land verübt haben, auf das viele Deutsche heute als Krisenland herabschauen. Leider gehen wir in der Bundesrepublik aufgrund unserer eigenen Tätergeschichte so routiniert mit Betroffenheit um, wie andere Länder mit Patriotismus und Nationalismus. Vielmehr geht es um das Große und Ganze. Es geht darum, dass Vergangenheitsbewältigung nicht aufhören darf, wenn es einem nicht mehr in den Kram passt.

Vor allem aber geht es darum, dass eine Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich auch auf europäischer Ebene stattfinden muss. Die europäische Union ist eine direkte Antwort auf den Hitlerfaschismus. Sie sollte für dauerhaften Frieden sorgen. Dass in Anbetracht der Not von Millionen von Flüchtlingen der Einfluss von PEGIDA, der Goldenen Morgenröte und anderen faschistoider Gruppieren immer weiter wächst, zeigt, wie wenig uns die Vergangenheit bewusst ist. Das alte Europa zeigt sein hässliches Gesicht. Und es sind Ausstellungen wie diese, die uns daran erinnern, dass Gegenwart und Vergangenheit untrennbar miteinander verwoben sind.

Text: Florian Schmitz. Fotos: ©der beteiligten Künstlerinnen und Künstler: Artemis Alcalay, Lia Koutelieri, Elli Velliou, Dimitris Karageorgis, Chrysoula Kehagioglou, Apostolos Filippou.

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2 Gedanken zu “„Deine eigene Geschichte“ – ein neuer Blick auf die deutsche Besatzung

  1. Großartig dass dies stattfindet .Die eigenen Verknüpfungen der Länder, die der deutsche Faschismus besetzt hielt, aufzudecken und eine Sprache dazu zufinden, sind m.e. die besten Zukunftssteine für Europa.

  2. Europa muss offensichtlich noch einmal neu gedacht werden. Mit der FluchtWelle der Heimatlos-Gewordenen wird das Ausmass offensichtlich, dass nationale Gemein-schaften sich nicht weiterentwickelt haben. Nicht Religionen machen überlebensfähig, sondern die Erweiterung des Genpools weltweit. Wir alle haben eine Mutter gemeinsam, unsere Mutter Erde. So wie die Leidensgeschichten sich überall ähneln, so können wir zu begreifen beginnen. Diese Ausstellung hat das Potenzial jenseits von Schuld und Sühne enge ethische Räume aufzubrechen.

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