Confusion/Diffusion

Interview mit Jeanine Meerapfel, Regisseurin, und Floros Floridis, Musiker

Am 29.1. findet an der Akademie der Künste Berlin eine Performance statt, die mit Musik, Film und Text eine Möglichkeit für die Zuschauer schaffen will, über Fragen nachzudenken, die leicht dem Populismus anheimfallen. Der Musiker Floros Floridis, die Regisseurin Jeanine Meerapfel und die Schauspielerin Eva Mattes werden ein Gesamtkunstwerk zeigen, das ursprünglich vom Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen ausging, jedoch exemplarisch für die heutige Zeit steht und auf größere Zusammenhänge verweist. Michaela Prinzinger sprach mit den Künstlern, zu denen Sie im diablog-Personenlexikon „Who is who„ mehr erfahren. Den Teaser zur Performance sehen Sie hier.

7- Meerapfel & Floridis recording

Jeanine Meerapfel und Floros Floridis, ©Malena Filmproduktion

Floros, wie kam das Projekt „Confusion/Diffusion“ zustande?

Das Ganze begann 2012, als es zwischen Deutschland und Griechenland kriselte, obwohl das eigentliche Problem ja zwischen Griechenland und der EU bestand. Da Deutschland als die stärkste europäische Wirtschaftsmacht gilt, kam es zu Misstönen. Ich hatte die Nase voll davon. Immer wenn ich nach Griechenland kam, hörte ich dumme Sprüche über die Deutschen und umgekehrt, „Nazis“ auf der einen Seite und „Faulpelze“ auf der anderen. Die tieferen Ursachen der Krise waren damals niemandem richtig klar gewesen, und das Ganze wurde populistisch ausgeschlachtet. Wenn man in beiden Kulturen lebt, greifen solche Zuschreibungen zu kurz. Da muss man seriöser herangehen.

Wie lange pendelst du schon zwischen den beiden Kulturräumen?

Etwa 15 Jahre, seitdem ich mit Jeanine zusammenlebe. Ich bin seit Anfang der Achtziger-Jahre regelmäßig nach Deutschland gekommen, in meiner Eigenschaft als Jazz- und Improvisationsmusiker. Lange Jahre habe ich mit Peter Kowald und Günter Baby Sommer zusammengearbeitet, an der AdK Berlin bin ich mit dem Orchester von Cecil Taylor aufgetreten. Das ist ein großer amerikanischer Pianist des Free Jazz.

Floridis Bass clarinet

Floros Floridis, ©Dieter Düvelmeyer

Gibt es in Griechenland eine Free-Jazz-Szene?

Es gibt eine kleine Szene, die ich mit gegründet habe. 1983 haben wir ein Internationales Jazz-Festival in Thessaloniki ins Leben gerufen. So fing alles an. Als dann die Krise ausbrach, und ich willkürliche Anschuldigungen von beiden Seiten hörte, war für mich klar: Hier muss ich was tun. Dieses Projekt nannte ich dann „Confusion/Diffusion“, also, wörtlich gesehen, „Verwirrung“ und „Ausbreitung der Verwirrung“. Diese „Confusion“ geht aber über die ursprüngliche Bedeutung von Zuschreibungen und ökonomischen Missständen hinaus, gewinnt einen allgemeineren Sinn. „Confusion/Diffusion“ ist zum Beispiel eine Methode der Kryptografie, mit der Informationen aus Sicherheitsgründen verschlüsselt und codiert werden. Durch den ersten Algorithmus wird die Botschaft unleserlich und unverständlich gemacht, durch den zweiten Algorithmus wird dann er erste Algorithmus noch einmal bearbeitet und sozusagen doppelt verschlüsselt. Das ist der Schritt von der „Confusion“ zur „Diffusion“. Im 21. Jahrhundert ist es uns gelungen, einfache Begriffe wie „Nahrung“, „Bildung“, „Freundschaft“ oder „Wirtschaft“ dermaßen zu verschlüsseln, dass sie uns unverständlich und unzugänglich geworden sind. Für mich haben diese beiden Begriffe „Confusion/Diffusion“ auch etwas Spielerisches, etwas Musikalisches, wenn man sie ausspricht.

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Welche Rolle spielt die Musik in dem ganzen Projekt?

Das Projekt war von Anfang an darauf ausgelegt, keine einfachen und populistischen Antworten zu geben. Dafür ist das ganze Thema zu komplex. Die Analyse sollte tiefer reichen, als die „Guten“ und die „Bösen“ zu lokalisieren. Alles liegt unter einer „verschlüsselten“ Oberfläche. Die Akademie der Künste wollte dann, dass das Projekt einen etwas breiteren Rahmen bekommt, als „nur“ die deutsch-griechische Problematik. Im Jahr 2014 hatte sich das Klima dann verändert, diese Problematik wurde stark thematisiert. So bot sich das grundlegende anthropologische Werk von Claude Levi-Strauss an als Ausgangspunkt für Filmaufnahmen, die in Berlin, Thessaloniki und Athen gemacht wurden, sowie deren musikalische Umsetzung. Die Musik verbindet die Bilder miteinander, ich wollte elektronische, abstrakte Musik zu den Bildern haben, die eher Geräusche sind, und dann bei der Performance live dazu improvisieren. Das verknüpft sich mit den Bildern wie beispielsweise den Statuen von Bismarck und Venizelos, den griechischen und deutschen Banken, den griechischen und deutschen Arbeitern auf den Straßen, Fabrikschloten in Deutschland und Schiffen in Piräus, also der griechischen Schwerindustrie.

6- Floridis & Feindt shooting

Floros Floridis und Frido Feindt, ©Malena Filmproduktion

Jeanine, kannst du uns über deinen Teil des Projekts erzählen? Wie sind die Filmsequenzen entstanden?

Ich komme vom Dokumentar- und Spielfilm, und ich wusste, dass wir – trotz aller Auseinandersetzungen – gut und respektvoll zusammenarbeiten können, weil Floros für meine letzten Projekte die Filmmusik gemacht hat. Das Ganze war Floros’ Idee, dann brachte ich den Kameramann Frido Feindt dazu, den ich von früheren Projekten kannte. Frido Feindt hat einen ganz speziellen Blick, seine Bilder erzählen immer noch etwas anderes als das, was man vordergründig sieht. So haben sich die beiden angenähert, nachdem Frido verstanden hatte, worauf Floros hinauswollte. Zusammen mit meinen eigenen Aufnahmen entstanden an die 50-60 Stunden Rohmaterial. Der Film, der schließlich daraus montiert wurde, dauert jetzt 60 Minuten. Mein Beitrag war, meinen Blick einzubringen und vorhandenes Textmaterial zu finden, allegorischer und praktischer Art, sozusagen textuelle Fundstücke, die eingesprochen werden. Die dreitägigen Proben vor der Performance werden ausschlaggebend dafür sein, wie wir mit dem Textmaterial umgehen. Dann werden wir auch sehen, wie die Nachrichtentexte zum Filmmaterial wirken. Genauer gesagt, die live von Eva Mattes gelesenen Texte, die ganz aktuell sein werden und sich auf die letzten Tage vor der Performance beziehen. Dadurch wird auch die Bedeutung der deutsch-griechischen Problematik mit der Realität konfrontiert und auf ihr wahres Maß reduziert. Wort, Bild, Musik und Improvisation sind die Bestandteile des ganzen Vorhabens. So verändert sich die Performance von Vorstellung zu Vorstellung und wird immer aktualisiert. Was mir besonders daran gefällt, ist der Humor, der sich darin zeigt.

Portrait J. Meerapfel copy

Jeanine Meerapfel, ©Malena Filmproduktion

Anthropologie in der modernen Welt

Das heißt, das Lachen ist der Moment der Erkenntnis und Selbsterkenntnis?

Ganz genau. Unsere Realität ist ja oft komisch und absurd. Ich haben solche Szenen aufgenommen, in denen der Humor der Menschen sichtbar wird, mit dem sie mit ihren Katastrophen umgehen.

Vielleicht kannst du noch kurz erklären, wie Levi-Strauss grundlegendes Werk, als Unterbau sozusagen, die Genese des ganzen Projekts beeinflusst hat?

Floros hat „Anthropologie in der modernen Welt“ ins Spiel gebracht, ein posthum erschienenes Buch mit drei bis dahin unveröffentlichten Vorträgen, die Levi-Strauss in den Achtziger-Jahren gehalten hatte. Es war sehr verblüffend, wie aktuell das Buch zu den Katastrophen der Welt heute Stellung nimmt. So wurde dieses Werk zur Richtlinie unseres Projekts, ohne dass wir ausdrücklich Katastrophen zeigen. Entlang dieses Werks konnten wir unser Material ordnen. Diese Texte helfen uns, hinter die vordergründige Realität zu blicken. Es ist ein Angebot an den Zuschauer und Zuhörer, sich auf eine andere Dimension von Denken einzulassen. Der Soundteppich, die Improvisation, die Bilder und diese Texte ermöglichen es jedem einzelnen Zuschauer, seine eigene, individuelle Interpretation zu finden.

Fotos: ©Malena Filmproduktion

 

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