„Die Frau von früher“ – deutsches zeitgenössisches Theater in Athen

Interview mit Elena Karakouli, Regisseurin, und Nikos Psarras, Schauspieler

Das Werk des deutschen Dramatikers Roland Schimmelpfennig „Die Frau von früher“ wird im kommenden Februar von der neu gegründeten Theatergruppe „Kammerspiel“ in Athen inszeniert. Nikos Psarras, Stefania Goulioti, Maria Sorba, Charis Tzortzakis und Iliana Mavromati sind fünf Schauspieler der neuen Generation, die in den letzten Jahren bereits in Produktionen des Nationaltheaters zu sehen waren. Jetzt beschlossen sie, ihre Zusammenarbeit als eigenständiges Ensemble unter der Regie der Dramaturgin Elena Karakouli fortzusetzen, die das Stück auch übersetzt hat. Die Proben im Theater „Poria“ werden gerade aufgenommen. Und auch die ersten Szenen der „Frau von früher“ nehmen bereits genauere Konturen an. Unsere Mitarbeiterin Elena Pallantza hat sich mit der Regisseurin und einem der Schauspieler zu einem Gespräch getroffen.

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Wieso bleibt ihr den deutschen Dramatikern treu?

ΝIKOS PSARRAS: Ich liebe deutsches Theater, deutsche Dramaturgie und die Art, wie meine deutschen Kollegen in ihrem Spiel komplizierte Dinge ganz einfach aussehen lassen. Außerdem nehme ich seit zwei Jahren Deutschunterricht. Berlin ist für mich eine Kulturmetropole, in der ich irgendwann einmal gerne leben und arbeiten würde.

ELENA KARAKOULI: Für mich war das eine ganz logische Konsequenz. Als ich in Deutschland studierte und lebte, hatte ich die Gelegenheit, das deutsche Theater „von innen“ kennenzulernen. Ich habe in Berlin, Hamburg und Bochum gearbeitet und als Zuschauerin hervorragende Inszenierungen erlebt. So entdeckte ich neue Stücke, erzählenswerte Geschichten, einen Stil und eine Arbeitsweise, die mir sehr gefallen haben.

In rund 50 Ländern kämpfen die Theaterfans seit Jahren damit, den Namen Schimmelpfennig richtig auszusprechen – oder zumindest korrekt zu betonen. Warum ist Eure Wahl auf ihn gefallen?

ELENA KARAKOULI: Roland Schimmelpfennig ist ein besonderer Fall. Es ist kein Zufall, dass er der beliebteste und meist übersetzte deutsche Schriftsteller seiner Generation ist. Persönlich mag ich das Rätselhafte, das Unergründliche in seinen Stücken. Es gibt Momente, die sich einer rationalen und eindeutigen Interpretation entziehen. Sie fordern dich heraus, hinter die Wörter zu blicken und dir so das Leben des Helden zu erschließen. Das nicht Greifbare ist es, was mich an seinem Werk reizt.

ΝIKOS PSARRAS: Bei der Lektüre wird ein ganz neuer Schreibstil offenbar, überraschend, mitreißend, du willst mehr von ihm lesen. Wenn du einmal so weit bist, hast du auch gelernt, seinen Namen richtig auszusprechen.

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„Vor 24 Jahren hast du mir geschworen, dass du mich immer lieben wirst. Ich bin jetzt da, um dich an dein Versprechen zu erinnern.“ Mit diesen Worten dringt Romy Vogtländer, die „Frau von früher“, unerwartet in die Wohnung ihres ehemaligen Geliebten und dessen Ehefrau ein und stellt alles auf den Kopf. Boulevard-Farce oder Tragödie?

ELENA KARAKOULI: Das Stück fängt als Komödie im Stil von Feydeau an: Der Ehemann versucht, seine Geliebte vor seiner Frau zu verstecken. Die Ehefrau kommt aus dem Badezimmer und gibt ihm eine Ohrfeige. Dennoch ist das Düstere bereits da. Αm Ende besteht kein Zweifel daran, dass es sich um eine Tragödie handelt.

ΝIKOS PSARRAS: Ein Thriller. Die Vergangenheit hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Wir können sie nicht ignorieren, wir können uns nur mit ihr versöhnen.

In Ibsens „Baumeister Solness“ fordert Hilde Wangel mit ähnlicher Beharrlichkeit nach Jahren das Königreich ein, das ihr Solness versprochen hatte, als sie dreizehn war. Was verkörpert heute, mehr als hundert Jahre später, eine Romy Vogtländer?

ELENA KARAKOULI: Romy kommt – genauso wie Hilde – um etwas einzufordern, von dem sie glaubt, dass es ihr zusteht. Sie ist kompromisslos und bleibt ihrem eigenen Moralkodex treu. Absolut konsequent. Ein jeder erlebt eine Geschichte, einen Augenblick auf andere Weise und mit unterschiedlicher Gewichtung. Was für Frank eine Sommeraffäre war, war für Romy die vollkommene Liebe. Und dieser Liebe ist sie treu geblieben, zu der kehrt sie zurück. Diese Hartnäckigkeit hat etwas Bewegendes, auch wenn sie nach vierundzwanzig Jahren absurd erscheint. Sie passt nicht in die Realität. Wer kann aber andererseits mit Sicherheit bestimmen, was „die Realität“ ist?

ΝIKOS PSARRAS: Romy könnte auch ein fiktives Wesen sein, etwa eine Erinnye, eine Rachegöttin. Sie kommt zu einem Zeitpunkt, als das Paar offensichtlich eine Krise durchlebt, auch wenn der Autor das nicht explizit ausspricht. Das Eindringen einer Person, die Forderungen stellt und zugleich Franks Ich stärkt, eine Person, die bezaubert, verführt, zerstört. Alte Liebe rostet nicht…

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Was ist Liebe? Vergängliche Wahrheit? Ständige Lüge?

ΝIKOS PSARRAS: Für die jungen Menschen ist die Liebe ein Experiment. Für sie ist es leicht, intensiv zu lieben, etwas zu versprechen und sehr schnell alles wieder zurückzunehmen. Für die Älteren ist die Liebe Zuflucht, Sicherheit, Familie und Zweisamkeit mit einem Menschen, der die gleichen Träume träumt wie du.

ELENA KARAKOULI: Triebfeder, ein ständiger Kampf, die größte Herausforderung, verzehrend und manchmal zerstörerisch. Letztlich stimme ich jedoch Nikos zu: In ihrer schönsten Form ist die Liebe die Beziehung zwischen zwei Menschen, die die gleichen Träume haben.

Liebe, Schwüre, Omen, erbarmungslose Rache – viele Elemente der griechischen Mythologie und Tragödie…

ΝIKOS PSARRAS: Ja, Schimmelpfennig ist eindeutig ein guter Kenner und Verehrer der antiken Mythologie und Tragödie, was sich auch in seinem Stück „Idomeneus“ zeigt. Romy könnte eine moderne Medea sein. Die Thematik der griechischen Mythologie kann jedes Volk berühren. Genau das verleiht ihr eine weltumspannende Aura. So verhält es sich auch mit unserem Stück.

ELENA KARAKOULI: Ich bin mir nicht sicher, trotz der Subtextbezüge auf den griechischen Mythos, ob wir wirklich von einer modernen Medea sprechen sollten. Wir haben es aber auf jeden Fall mit einer zeitgenössischen Tragödie zu tun.

Wie schuldig und wie unschuldig ist jede Figur des Stücks?

ELENA KARAKOULI: Ich glaube, es gibt keine unschuldigen Figuren. Die Vergangenheit hat die Erwachsenen geprägt, aber auch die Jungen folgen bereits Mustern der Älteren. Andi beispielsweise legt mit jugendlichem Enthusiasmus Liebesschwüre ab, um sie ein paar Minuten später völlig selbstverständlich zu brechen. Dabei folgt er in erschreckender Weise genau dem Muster seines Vaters.

ΝIKOS PSARRAS: Jeder hat irgendwie Recht. Wenn du als Schauspieler einen „negativen“ Charakter darstellen sollst, musst du ihn verteidigen und – wenigstens in deinen Augen – rechtfertigen.

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Die Frauen werden allerdings etwas treuer dargestellt…

ELENA KARAKOULI: Ιn dem Stück sind sie in der Tat in ihrer Sehnsucht treuer, beharrlicher. Aus diesem Grund sind sie auch in ihrem Handeln extremer.

ΝIKOS PSARRAS: Der Mann ist der Jäger, das ist seine Natur, er muss auf der Jagd sein. Wenn aus dem Jäger eine Beute wird, sind die Rollen vertauscht. Treue wird von jedem anders wahrgenommen. Ein Mann ist in der Lage, seine Frau zu betrügen, und sofort danach überzeugt zu sein, dass er ihr treuer denn je ist.

Wie entsteht der deutlich spürbare Eindruck, dass sich „die Geschichte wiederholt“? Was kennzeichnet die junge Generation?

ELENA KARAKOULI: Das ergibt sich zunächst aus einem genialen dramaturgischen Trick des Autors, in dem er mit der Zeit spielt. Wir sehen eine Szene, die sich etwas später leicht variiert wiederholt, wodurch die Motive der Personen deutlicher herausgearbeitet werden. Dazu kommen dann Ähnlichkeiten im Verhalten. In der Figur des Andi zum Beispiel konkurriert die junge Generation mit der älteren. Obwohl sie ihre eigenen Zeichen setzen will, wiederholt sie schließlich die Fehler der Erwachsenen. In dieser Wiederholung kommt ein gewisser Pessimismus zum Ausdruck. Andererseits sehen wir bei dem jungen Mädchen Tina einen klaren Blick, eine Kraft, die es ihr ermöglichen wird zu überleben.

ΝIKOS PSARRAS: Des Öfteren lernen wir nichts aus unseren Fehlern, und dennoch müssen wir Fehler begehen, um daraus zu lernen. Es ist ein großer Unterschied, ob du jemandem sagst: „Finger weg vom Feuer, sonst verbrennst du dich“, oder ob du in Kauf nimmst, dass er sich verbrennt. Die junge Generation stellt die ältere in Frage. Sie träumt, geht Risiken ein, will eine bessere Welt schaffen, die Elterngeneration übertreffen. Wir alle setzen unsere Hoffnung auf sie, auch wenn sie Fehler macht oder scheitert. Es ist der Versuch, der zählt.

Die Bauelemente des Stücks sind einfach, beinah archetypisch, allerdings wandeln sie sich, verändern sukzessive ihre Gestalt: Der Traum wird zum Alptraum, die Erinnerungen des Einen verwandeln sich für den Anderen in Mordinstrumente, Umzugskisten werden zu Särgen. Wie sollen wir uns euer Bühnenbild vorstellen?

ELENA KARAKOULI: Als Büchse der Pandora. Das könnte auch der Titel des Stücks sein.

ΝIKOS PSARRAS: Das Bühnenbild wird schlicht und voller Überraschungen sein.

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Was stellt Schimmelpfennig in Frage?

ELENA KARAKOULI: Die Oberflächigkeit der Dinge. Die geordnete, durchorganisierte Lebensweise, die zu funktionieren scheint, jedoch innerhalb weniger Stunden zusammenbricht. Alles, was wir gut verbergen, sogar von uns selbst.

ΝIKOS PSARRAS: Er stellt den Glauben der Menschen, die Träume, die Liebe, die Flucht, die Erinnerung an eine ruhmreiche Vergangenheit, die Vergänglichkeit der Zeit, den Wunsch nach ewiger Jugend in Frage.

Und Ihr?

ΝIKOS PSARRAS: Das oberflächlich Korrekte, den Kompromiss und die Lüge.

ELENA KARAKOULI: Wir vertreiben die Angst. Und wir wollen diese Geschichte gut erzählen. Wir hoffen, dass uns das gelingt.

Elena Pallantza ist Dozentin für Neogräzistik an der Universität Bonn. Fotos: Vasia Anagnostopoulou

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Ein Gedanke zu “„Die Frau von früher“ – deutsches zeitgenössisches Theater in Athen

  1. Die Darstellung und das Interview sind sehr gekonnt, sehr interessant und inhaltsreich gestaltet. Schimmelpfennig würde sich glücklich schätzen können, wenn all seine Stücke so präzise, aber auch so fantasievoll und mit der eigenen Wirklichkeit der Akteure des Athener Theaters „Kammerspiel“ korrespondierend auf die Bühne gebracht würden. Die ausgezeichnete Führung des Gesprächs durch Elena Pallantza macht den potenziellen Zuschauer des Stücks neugierig und bewaffnet ihn mit einer Fülle an analysierenden Informationen. Ein kunstvolles und gut fundiertes Unterfangen.

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