Wie Menschen, die seit Jahren nicht mehr gelacht haben

Erzählung von Christos Ikonomou

Athen und Piräus in den Jahren vor und während der Krise: Das ist der Schauplatz von Christos Ikonomous Geschichten. 2013 erschien sein Band „Warte nur, es passiert schon was„ bei C. H. Beck. In einer neuen Erzählung glimmt, in kalten und finsteren Zeiten, ein Hoffnungsschimmer auf. Man beginnt sich wieder füreinander zu interessieren…

Entlassungen haben auch ihr Gutes. Man lernt Leute kennen. Da geht man beispielsweise zum Rauchen auf den Balkon hinaus und jemand sagt: Habt ihr´s schon gehört? Der Wolf ist entlassen worden. Und du fragst: Was, der böse Wolf? Und alle schauen dich pikiert an, bis einer sagt: Nö, der Wolf, der unten im Lager war. Der Große mit der langen Mähne. Der mit dem Hinkefuß. Du versuchst dahinterzukommen, wen sie meinen. Aber du kannst dich absolut nicht an ihn erinnern. Hier drin arbeiten dreihundert Leute, wie soll man da alle kennen?

So verhältst du dich ruhig, rauchst und hörst zu, wie sie über den Wolf reden, als sei er gestorben. Netter Typ. Hat ordentlich zugepackt. Hatte zwei kleine Kinder und einen Baukredit, auch seine Frau ist vor drei Monaten entlassen worden, sie arbeitete in einer Modeboutique oder einem Schuhgeschäft, etwas in der Art. Und danach wird jemand sagen: Klar, zuletzt ist er unvorsichtig geworden. Immer wieder ist ihm was rausgerutscht, bei jeder Kleinigkeit ging er an die Decke. Er hatte sich zuletzt sehr verändert. War unvorsichtig geworden, obwohl er vorgewarnt war.

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Dann unterbrechen sie das Gespräch, ein anderer seufzt und sagt, nicht mal Juni und schon so heiß, und ein anderer sagt, wer weiß, wie viele im September noch auf dem Balkon rauchen werden. Und dann schlürfen sie noch einen Schluck Kaffee, drücken ihre Zigaretten aus und kehren in ihre Käfige zurück. Nur du bleibst allein zurück, rauchst eine weitere Zigarette und blickst auf die vorüberfahrenden Autos und die um die Stromleitungen flatternden Vögel. Ein Hund döst im Schatten des Maulbeerbaums. Eine Frau tritt auf den Balkon gegenüber und schüttelt eine Tischdecke aus. Auf dem Bürgersteig kommt ein junger Kerl auf dem Fahrrad vorbei, ein alter Mann mit Gehstock, zwei junge Frauen in Shorts und mit nackten Schultern, gebräunt vom ersten Strandbesuch.

Kalt und ungerührt blickst du auf die Welt, die sich lärmend weiterdreht, und denkst, schließlich ist das Leben doch schön. Und ganz tief, oder vielleicht auch gar nicht so tief in dir drin freust du dich, dass du nicht Wolf heißt, dass du nicht groß und langhaarig bist, dass du keinen Hinkefuß hast und dass deine Frau nicht aus einer Modeboutique oder einem Schuhgeschäft entlassen wurde. Du holst tief Luft, drückst deine Zigarette aus und kehrst zurück an deine Arbeit. Und du beschließt, dass du alles tun wirst, was in deiner Macht steht, um niemals dasselbe Schicksal zu erleiden wie der Wolf. Du beschließt, dass es in einer Welt voller Wölfe besser ist, ein Schaf zu sein als ein Wolf, noch dazu einer mit Hinkefuß.

Dann, am nächsten oder übernächsten Nachmittag, kommt der Wolf zur Arbeit, um seine Sachen zusammenzupacken und sich zu verabschieden. Zufällig stehst du da gerade wieder auf dem Balkon, und jemand sagt: Guck mal, der Wolf. Den haben sie vorgestern gefeuert.

Und du schaust vom Balkon hinunter auf den Typen, der langsam die Treppe hochkommt und sagst: Der da? Das ist der Wolf? Hey, Leute, den kenn ich doch.

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Und du erinnerst dich an eine Winternacht in diesem Jahr, in der es schneite, Januar oder Februar muss es gewesen sein. Du erinnerst dich, dass du wieder mal Überstunden gemacht hast, und als du zum Parkplatz hinuntergegangen bist, lag dein Wagen unter einer zwanzig bis dreißig Zentimeter dicken Schneedecke. Trotz der Kälte bist du stehen geblieben und hast das blütenweiße, unberührte und im Dämmerlicht glitzernde Laken betrachtet und hast es nicht übers Herz gebracht, es zu zerreißen. Doch das musstest du tun. Du musstest den Schnee wegfegen, einsteigen, den Motor anlassen und wegfahren. Weil du wieder mal todmüde warst und so rasch wie möglich nach Hause wolltest, um was zu essen, um dich aufzuwärmen, um zu vergessen. Weil du in einen traumlosen Tiefschlaf fallen wolltest, vor deinem Fernseher.

Da hast du damit begonnen, den Schnee von der Windschutzscheibe zu wischen, doch schon bald waren deine bloßen Finger steifgefroren. Tatenlos hast du in der Kälte gestanden, hast deine klammen Hände gerieben und gespürt, wie dir die Verzweiflung das Herz abschnürt. Bis ein Typ mit Mütze, Schal und Handschuhen daherkam und dich fragte: Was is´n los, Kumpel? Du hast ihm erklärt, was los war, worauf er zu seinem Auto ging, eine Kehrschaufel aus dem Kofferraum holte und dir sagte, du solltest den Motor anlassen und das Gebläse auf die Windschutzscheibe richten, nein, nicht die Klimaanlage, nur das Gebläse.

Dann beugte er sich über die Windschutzscheibe und begann, mit raschen und ruckartigen Bewegungen, den Schnee fortzukehren. Daraufhin machte er Seitenfenster und Heckscheibe sauber. Und du, im warmen Auto sitzend, hast zugesehen, wie er mit ernster Miene und dampfendem Atem zugange war, und hast dich gefragt, was das alles sollte und warum er sich die Mühe machte, einem Unbekannten, ja einem Unfähigen wie dir zu helfen. Als er fertig war, hob er die Scheibenwischer an und kratzte den an der Scheibe festgefrorenen Schnee fort.

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Dann fragte er mit einer Handbewegung: Alles okay?, und sagte: Fahr langsam, nur ganz vorsichtig bremsen, die Straße ist spiegelglatt. Dann war er fort. Und du konntest ihm nicht einmal mehr danken, da dir seine Freundlichkeit die Kehle noch schlimmer zuschnürte als die Kälte. Unterwegs musstest du immer noch an ihn denken und hast dich gewundert. Und als du zu Hause warst, hast du das Ganze vergessen, wie schon so viele Dinge und so viele Menschen in deinem Leben.

Und als du jetzt siehst, wie er langsam die Treppe hochkommt und bei jedem Schritt den Fuß nachzieht, erinnerst du dich, dass dir an jenem Abend sein Hinken gar nicht aufgefallen war. Du hattest nicht einmal gemerkt, dass ein Hinkefuß dein Auto vom Schnee befreit hat, noch dazu ohne irgendein Dankeschön. Jetzt, da du ihn ansiehst, denkst du daran, zu ihm runterzugehen und ihn anzusprechen. Du könntest ihm jenen Abend in Erinnerung rufen, ihm mit Verspätung danke sagen, obwohl so viele Monate seitdem vergangen sind, obwohl du nicht weißt, wie er mit Vornamen heißt, ob Jannis, Kostas, Nikos oder Takis.

Das geht dir durch den Kopf. Aber du tust nichts. Du gehst nicht runter, du sprichst ihn nicht an. Wozu auch?

Du stehst auf dem Balkon, zündest dir eine Zigarette an und kurz darauf siehst du, wie er mit einer schweren Kiste unterm Arm rauskommt. Auf der Treppe hält er an und wirft einen verlorenen Blick um sich. Dann dreht er sich auf dem Absatz um und blickt das riesige, vor ihm aufragende Gebäude hoch. Da siehst du sein Gesicht und erschrickst. Kreidebleich. Zum ersten Mal siehst du jemandem mit einem so blassen Gesicht. Kreidebleich. Du erschrickst. Du fragst dich, ob auch du so kreidebleich sein wirst, wenn du – Holz anfassen –  eines Tages möglicherweise dasselbe erlebst.

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Und dann wirfst du deine Zigarette weg und stürzt, ohne auf den Fahrstuhl zu warten, die Treppe runter und erwischt ihn gerade noch, als er die Kiste in den Kofferraum stellt. Ganz außer Atem trittst du auf ihn zu und sagst ihm, was los ist. Erinnerst du dich?, sagst du. Erinnerst du dich an jene verschneite Nacht? Hast du die Kehrschaufel noch? Nicht, dass wir sie jetzt bräuchten. Ist ja Juni inzwischen. Aber an einem verfluchten Ort, nun ja, ist alles möglich.

So ein Gewäsch gibst du von dir, und er steht da, blickt dich verwundert an und reibt sich die vom Tragen der Kiste geröteten Finger. Er ist weiß wie die Wand. Sein Mund ein schwarzer Bleistiftstrich.

Ja, sagt er schließlich. Jetzt erinnere ich mich. Der blaue Nissan.

Schwarz, sagst du. Er ist schwarz.

Er wirft dir einen kurzen Blick zu und versucht vermutlich herauszufinden, ob du tatsächlich so blöd bist wie du aussiehst. Und dann sagt er: Ja, also, bis dann, und er wirft den Kofferraum zu und schickt sich an, ins Auto zu steigen.

Da kommt dir ein verrückter Gedanke.

Hast du Bock, nach Piräus zu fahren?, fragst du ihn. Ich spendier uns eine Flasche Tsipouro. Nur so, wegen der Kehrschaufel. Ein kleines Dankeschön, sozusagen.

Höchstwahrscheinlich lehnt er ab. Wie kommt er auch dazu? Wie soll der Mann, bei den Sorgen, die er hat, Bock auf Ausflüge haben? Noch dazu mit einem Typen, von dem er nicht mal den Namen kennt. Damit kommst du nicht durch, auf gar keinen Fall.

Aber vielleicht sagt er auch zu. Ja. Kann sein, dass er ja sagt. Und dann fällt dir noch etwas anderes ein, etwas noch Verrückteres. Wartest du zehn Minuten?, fragst du ihn. Ginge das? In zehn Minuten bin ich zurück. Und du springst in deinen Wagen und braust los, und es ist dir ganz egal, dass sich auf deinem Schreibtisch die Arbeit türmt und die anderen nach dir suchen werden.

Zu Hause füllst du Eis in eine Kühlbox und steckst zwei Flaschen rein. Tresterschnaps Marke Apostolakis mit Anisgeschmack, dazu Brot, Käse, Tomaten, was dir gerade in die Hände fällt. Auf dem Rückweg klopft dein Herz zum Zerspringen, weil du Angst hast, dass der Wolf schon weg ist. Aber nein. Er ist noch da, sitzt rauchend auf der Kühlerhaube seines Wagens. Kreidebleich. So kreidebleich wie ein Mensch, der Gespenster gesehen und sich von dem Schrecken noch nicht erholt hat.

Ich bin so weit, sagst du. Los, fahren wir.

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Während der Fahrt nach Piräus wechselt ihr ein paar Worte, doch meistens seid ihr still. Immer wieder spürst du den Impuls, die Hand auszustrecken und ihn in die Wangen zu kneifen, damit sie ein wenig Farbe bekommen. In Piraiki angekommen klettert ihr runter zu den Felsen unter dem Kreuz und du machst die Kühlbox auf und holst eine der Flaschen und den Rest heraus.

Von Glas zu Glas, von Bissen zu Bissen weicht die Blässe langsam aus seinem Gesicht. Er erzählt von früher. Er sagt, als er klein war, hätten sie ihn in der Schule wegen seines Namens gehänselt. Der Wolf kommt, hätten sie gerufen, sich auf alle viere gehockt, den Kopf in den Nacken gelegt und geheult: Auuuu! Auch meine Frau habe ich auf diese Weise kennengelernt. Auf einer Karnevalsparty. Sie ging als Rotkäppchen. Erst wirft er dir einen ernsten Blick zu, dann beginnt er zu lachen. Du stimmst in sein Lachen ein. Ihr lacht zusammen, laut und gut gelaunt. Ihr lacht wie Menschen, die seit Jahren nicht mehr gelacht haben.

Und später, als du schon die zweite Flasche geöffnet hast, bittet er dich, auch etwas zu erzählen.

Erzähl mir eine Geschichte, sagt er. Eine, die gut endet. Du zündest dir eine Zigarette an, bläst den Rauch in die Luft und drehst das Glas in deiner Hand, während du dem Klingeln der Eisstückchen lauschst. Und du willst ihm sagen, dass keine Geschichten je endet, weder gut noch schlecht. Aber du willst ihm das Herz nicht schwer machen. Eine Weile bleibst du stumm. Du riechst das Salzwasser, hörst die Wellen, die sich an den Felsen brechen. Wortlos blickst du auf das dunkle Meer und die Lichter der Schiffe, die in der Ferne blinken.

Und danach holst du tief Luft und beginnst zu sprechen: Entlassungen haben auch ihr Gutes. Man lernt Leute kennen. Da geht man beispielsweise zum Rauchen auf den Balkon hinaus und jemand sagt: Habt ihr´s schon gehört? Der Wolf ist entlassen worden.

Übersetzt von Michaela Prinzinger. Veröffentlicht in: Junge Welt 290, 14./15. Dezember 2013. Fotos: Michaela Prinzinger

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