Griechen im österreichischen Krems?

Über einen Roman von Robert Streibel

Robert Streibels Roman „April in Stein“ erzählt vom (Über-)Leben im Zuchthaus, von Zwangsarbeit und politischem Widerstand, vor allem aber erstmals vom Massenmord an den Gefangenen im April 1945 in Krems. Seit einem halben Jahr heißt die kleine Gasse von der Justizanstalt Stein entlang des Alauntalbaches zur Ringstraße Gerasimos-Garnelis-Weg.

April in SteinMit dieser Benennung ehrt die Stadt Krems jenen griechischen Häftling, der wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen den Nationalsozialismus im besetzten Griechenland eingesperrt wurde, 1944 nach Stein kam, das Massaker überlebte und bis zu seinem Tod in Krems gelebt hat. Eine Straßenbenennung ist nicht nur ein Erinnerungszeichen, sondern kann auch neue Welten erschließen. Der Garnelis-Weg ist dafür ein Beispiel.

Während der NS-Gewaltherrschaft war das Zuchthaus in Krems-Stein das größte der „Ostmark“. Hier wurden Regimegegner eingesperrt – Kommunisten und „Saboteure“, Widerständler aus Österreich und Osteuropa. Am 6. April 1945 öffnet der Gefängnisdirektor angesichts der vorrückenden Roten Armee die Tore der Haftanstalt, doch SS, SA und lokale Bevölkerung jagten und ermordeten Hunderte politische Häftlinge in einem beispiellosen Massaker. Einigen gelingt die Flucht, einige überleben versteckt im Keller, und ihre Berichte bilden die Grundlage von Robert Streibels vielstimmigem Panorama.

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Der Gerasimos-Garnelis-Weg in Krems, ©Robert Streibel

Im vergangenen Sommer war der griechische Ingenieur Achilleas in Krems auf Urlaub, er habe sich nicht zu viel erwartet und sich nicht ein Mal die Mühe gemacht nach Sehenswürdigkeiten vorab Ausschau zu halten, gibt er zu. Krems sei ihm ein Begriff, denn immerhin komme es ja in einer Novelle von Stefan Zweig vor. Bereits an dieser Stelle werden die literaturkundigen Kremser stutzen. Stefan Zweig und Krems? Nie gehört. Doch in der Tat wird in der Erzählung „Buchmendel“ und in seinem Romanfragment „Rausch der Verwandlung“ Krems zumindest erwähnt. Doch wie erfährt man davon in Krems? Weil es den Garnelis-Weg gibt.

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(Die Bilder zeigen: Krems 1938 im Flaggenschmuck und Denkmal für die Griechischen Opfer beim Massaker am 6. April 1945, ©Robert Streibel)

Der 40-jährige Ingenieur erkundet Krems. Bei seiner abendlichen Ankunft scheint ihm die Stadt verlassen (obwohl es noch gar nicht so spät war: halb acht Uhr abends), und er befürchtet kein Lokal mehr zu finden, wo er noch eine Kleinigkeit essen kann. Am Dreifaltigkeitsplatz hat er Glück, und so kann er am nächsten Tag seine Erkundung beginnen. Er spaziert Richtung Stein und seine Aufmerksamkeit wird im Vorbeigehen unwillkürlich vom Straßenschild Gerasimos-Garnelis-Weg angezogen. Wie elektrisiert sei er gewesen. Da er kein Deutsch, kann, ist die Recherche nicht ganz einfach, aber er begreift, dass hier zu Kriegsende mehr als 300 griechische Häftlinge inhaftiert waren und nicht wenige beim Massaker am 6. April 1945 ermordet worden waren.

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Justizvollzugsanstalt Stein 2015, ©Robert Streibel

Zurück in Griechenland hat er mehr Zeit, im Internet zu recherchieren. Er findet einen Hinweis auf den Roman „April in Stein“ und schreibt dem Verfasser eine E-Mail. Achilleas hat bei seiner Suche in Griechenland einen weiteren Häftling ausfindig gemacht, der nun als Geistlicher in einem Kloster lebt. In einer seiner E-Mails erwähnt er natürlich auch die Geschichte mit Stefan Zweig und Krems. In der Zwischenzeit versucht Achilleas, einen Freund zu überzeugen, den Roman in griechischer Übersetzung zu verlegen. Es ist schön zu sehen, dass ein kleines Straßenschild ein Gedankentor zu einer neuen Welt eröffnen kann.

Text: Robert Streibel. Fotos: Robert Streibel. Robert Streibels Buch „April in Stein„ ist 2015, 70 Jahre nach den blutigen Ereignissen, im österreichischen Residenz-Verlag erschienen.

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