Ein Hundeleben: „Markos“ – Song von Lena Platonos

Interpretation von Constantin Gröhn

„Markos„ – Song von Lena Platonos: Constantin Gröhn interpretiert den Songtext der ursprünglich 1985 erschienenen und 2015 beim US-amerikanischen Label Dark Entries Records neu herausgegebenen Platte „Gallop„, die als die wichtigste Aufnahme der Komponistin gilt. Lena Platonos, Pionierin der elektronischen Musik in Griechenland, setzt in ihrem Lied einem Straßenhund ein Denkmal, der als Symbol des heutigen Griechenland gelten kann.

Lena Platonos, Gallop, Cover

New Wave und Punk erleben unter jungen Griechen, passend zur Krise, eine musikalische Renaissance. Neben einigen neuen Alben werden vor allem Scheiben der 80er-Jahre in limitierten Auflagen wiederveröffentlicht, so auch im letzten Frühjahr „Gallop“ von Lena Platonos. Mit analogen Synthesizern und Drumcomputer war Lena Platonos nicht nur musikalische Pionierin im Stile einer Anne Clark, sondern sie fiel auch durch ihre poetisch-sozialkritischen Texte auf. Ein Lied dieses eindrücklichen Albums handelt von einem Hund – Platonos nennt ihn Markos – und seinen menschlichen Besitzern. Je mehr aber die Hörenden von seinem Schicksal erfahren, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Hund und Mensch, Gefühl und Vernunft, Emanzipation und Abhängigkeit.

Wir sprechen von Markos. Nie hat er jemanden gebissen.
Seine Augen, seine Augen waren voller Liebe… aber auch voller Furcht…
Seine Besitzer hielten ihn mal angebunden, mal frei.
Sie wussten selbst nicht, was sie von Markos wollten.
Trockenes Brot warfen sie ihm zum Fressen hin. So wurde er zum Dieb,
riss nachts Mülltüten auf.
Irgendwann wollten sie ihn ins Tierheim stecken,
dann weinten sie, änderten ihre Meinung. Und Markos? Mal angebunden, mal frei.

LENA PLATONOS - MASKES ILIOU A

Oft habe auch ich ihm etwas gegeben, habe überlegt, ob ich ihn zu mir nehmen soll,
aber ich war mir nicht sicher, ob ich die Verantwortung für ihn übernehmen könnte.
Einmal war’s, da brauchte ich ihn: Wir machten einen langen Spaziergang,
unterhielten uns in der Sprache der Hunde.
Die Augen … wir sprechen von Markos‚ Augen…
… Markos‚ Augen…

„Möge die Hand, die Markos vergiftet hat, verdorren“,
sagten seine Besitzer.
Wir sprechen von Markos‚ Augen an jenem Morgen.
Selbst seine toten Augen waren voller Liebe..,. und auch voller Furcht…
Warum, warum bringt die Sonne mit Gesten eines lustvollen Gottes
die Blätter der Bäume auf den Parkbänken zum Glänzen, warum?
Warum ist Markos nicht mehr da? Warum lebt er nicht mehr?

LenaPlatonosSabotage

Wir sprechen von Lügen.
Seine Besitzer, sie können leicht weinen.
Es sind dieselben Tränen, mit denen sie im Sommer ihre Limonaden schlürfen.
Statt Eiswürfel tauchen sie Tränen in ihre Erfrischungsgetränke.
Dieselben Tränen machen den Sommer unerträglich,
die Tränen der Besitzer, die nicht wissen, was sie wollen.
Ihre Rolle spielen sie gut.
So verwirren sie uns, so bekämpfen sie uns.
Ihre Rolle spielen sie gut. So verwirren sie uns, so bekämpfen sie uns.

Lena Platonos, Imerologia

Platonos schildert die liebenden und zugleich angstvollen Augen des Hundes als eine Folge von Abhängigkeiten. Seine Besitzer waren unberechenbar, ein Fähnlein im Wind der Launen und Umstände: Mal leinten sie ihn an, mal nicht, mal gaben sie ihm zu fressen, mal nicht. „So wurde er zum Dieb“ singt Platonos.

Die Geschichte beruht auf einer persönlichen Erfahrung der Sängerin, die sie in der griechischen Zeitschrift LIFO schildert. Als die Besitzer wegfuhren, überließen sie ihr den Hund für ein paar Tage. Er wuchs ihr ans Herz, wohnte mit im Haus, winselte nicht, bellte nicht, sondern blickte sie nur an mit seinen großen schwarzen Augen. Er war kein Rassehund, sondern ein Mischling, einer von der Straße.

Die Frage nach der Verantwortlichkeit stellt sich die Sängerin auch selbst in ihrem Lied, als Prolog zu Markos‘ Ende: „Ich habe überlegt, ob ich ihn zu mir nehmen soll, aber ich war mir nicht sicher.“

Markos wurde vergiftet, wie die Hörerinnen und Hörer im Folgenden erfahren. Das Schicksal teilt er mit vielen Straßenhunden, die herrenlos in Südeuropa durch die Gassen streunen. Die theatralisch wirkenden Flüche der Besitzer täuschen im Lied aber nur darüber hinweg, wo der Hund begraben liegt. Sie verbergen, was die Besitzer zum Schicksal des Hundes beigetragen haben.

Lena Platonos, porträt,αφίσα

Die Geschichte von Markos und seinen Besitzern ist eine Parabel auf unsere Gesellschaft, die eine erstaunliche Aktualität besitzt. Zahlreiche Assoziationen kommen einem in den Sinn: Launenhafte Eltern, die Kindern keine verlässliche Stütze sind; Verantwortliche in der Flüchtlingspolitik, die – selbst gefangen in den Systemen – mit gewisser Willkür ihr Trockenfutter verteilen; Staaten innerhalb einer europäischen Gemeinschaft, bei denen die einen sich neuerdings wie Herrchen oder Frauchen aufspielen, die anderen hochverschuldet als begossener Pudel enden, die eigentlich frei und souverän sein sollen, dann aber immer wieder an der kurzen Leine gehalten werden. Alle weinen sie Krokodilstränen, wenn die ihnen Anvertrauten scheitern und verloren gehen: „Seine Besitzer, sie können leicht weinen.

Es sind dieselben Tränen, mit denen sie im Sommer ihre Limonaden schlürfen… die Tränen der Besitzer, die nicht wissen, was sie wollen.„

Fest steht hier wie woanders auch: Wenn sich niemand verantwortlich fühlt, wird der Hund zum Dieb und wühlt in den Containern. Ein Bild, das wir von Bedürftigen auch aus Deutschland kennen, das aber in Griechenland und Südeuropa in einem ganz anderen Ausmaß zu erleben ist.

Der ohnmächtigen Wut und Bitterkeit über den Tod des Markos geht für Platonos die Erfahrung der Schönheit und Zerbrechlichkeit des Lebens voraus: „Warum, warum bringt die Sonne mit Gesten eines lustvollen Gottes die Blätter der Bäume auf den Parkbänken zum Glänzen, warum?

Constantin Gröhn Foto Ulrich Schaarschmidt-0694

Constantin Gröhn,©Ulrich Schaarschmidt

Es geht also weniger um Schuldzuweisung als darum, die Tragik des Geschehens nicht einfach so stehen zu lassen. Dabei werden auch religiöse Fragen im Text gestreift. Immer wieder fragt Platonos „Warum?“ und zitiert wohl nicht rein zufällig den Namen „Gott“.

In der Auseinandersetzung darüber, ob Moral die Religion begründet, hat Schleiermacher vor mehr als 200 Jahren einer Religion der Vernunft bekanntlich eine Religion des Gefühls entgegengesetzt. Religion sei nicht Tun, sondern Gefühl und Anschauung: Anschauung im Angesicht des Universums – hinausgehen und verstehen, wie klein wir doch sind – Gefühl der Abhängigkeit schlechthin. Dieses veranlasste den Philosophen Hegel zu der polemischen Bemerkung: „Gründet sich die Religion im Menschen nur auf das Gefühl seiner Abhängigkeit, so wäre der Hund der beste Christ, denn dieser lebet vornehmlich in diesem Gefühl.“

Dass wir Menschen wie Hunde sind, ist laut Platonos gar nicht so absurd. Die Musikerin berichtet, dass sie in der Zeit, bevor sie das Stück komponierte, eine schwere Trennung durchlebte. Eines Morgens erwachte sie mit Tränen in den Augen und sagte sich: „Meine Augen sind nun die Augen von Markos geworden.“

Constantin Gröhn, evangelischer Pfarrer in Hamburg legt, sofern ihm seine pastorale Tätigkeit noch Zeit dazu lässt, auch immer wieder mal gern Platten auf. Ein Beispiel hören Sie auf Soundcloud hier.

Text: Constantin Gröhn. Fotos: Plattencover Lena Platonos. Der Text ist im Juni 2015 in „Evangelische Stimmen„ erschienen.

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