Schulbank, Sofa, Sarg

Ein Report über die Jugend im Griechenland der Krise von Filippos Mandilaras

Griechenland steht vor wichtigen Entscheidungen. Zeit, einen Blick auf die Entwicklungen der letzten Jahre zu werfen, insbesondere im Hinblick auf das Potenzial und die Zukunft des Landes: auf die Jugend. Dank des Engagements seiner Übersetzerin ist wieder einmal Filippos Mandilaras bei diablog.eu zu Gast. Er lässt uns in die Seelen von Jugendlichen blicken und zeigt uns ein breites Panorama von Lebensentwürfen.

Offiziell klopfte die Wirtschaftskrise im April 2010 an die Tür Griechenlands. Doch der moralische und kulturelle Verfall währte bereits zwei Jahrzehnte und zeigte sich klar und deutlich in den Unruhen, die auf den grundlosen Mord an Alexis Grigoropoulos folgten, einem 16jährigen Schüler, am 6. Dezember 2008 durch einen Polizisten. Seit jenem Tag geriet die griechische Gesellschaft auf eine Bahn des Anzweifelns, der Kollision und des Bruchs mit dem politischen System, immer wieder neu genährt durch die Unterzeichnung der Memoranden und die wirtschaftlichen Engpässe, die darauf folgten. Schüler und Studenten waren an der Spitze dieser Proteste, die dann im weiteren Verlauf in der „Bewegung“ der Wutbürger aufgingen.

Enoikiazetai

Zu vermieten, ©diablog.eu

Lernen wir also einige der jungen Leute kennen, die in diesem aufgewühlten Griechenland leben. Beginnen wir mit Themis, heute 27 Jahre, der seine Kindheit in Thessaloniki verbrachte, wohl wissend, dass er, was immer auch geschieht, das Architekturbüro seines Vaters übernehmen wird, das bis 2008 auch glänzend lief.

Themis wuchs in Panorama auf, dem üppig grünen, neu gebauten Neureichenviertel der Stadt, er ging zur besten und angesagtesten Privatschule und die Sommer verlebte er im Ferienhaus der Familie auf Chalkidiki. Themis war von klein auf für Großes bestimmt. Das dachten jedenfalls seine Eltern. Er war derjenige, der mit dem Architekturbüro neu durchstarten würde, mit seinen frischen Ideen, wenn er aus Amerika zurückkäme, wo er sein Aufbaustudium machen würde, vielleicht auch einen Doktor in bioklimatischer Architektur, was der neue Trend war. Es stimmte zwar, dass er ihnen in den letzten beiden Jahren auf dem Gymnasium Sorgen gemacht hatte, als er etwas mit Lena angefangen hatte, einem gleichaltrigen Mädchen mit rosa Haaren und mit Ohrringen und Piercings, wo es nur eben ging, die im Flüchtlingsviertel Ano Toumba lebte und mit Cliquen zusammen war, die „nicht die Qualität ihrer gesellschaftlichen Klasse hatten“. Zu ihrem Glück schaffte es Themis beim ersten Anlauf in den anspruchsvollen Fachbereich für Architektur der Technischen Hochschule Athen, weit weg von alledem. Als Geschenk zu seinem Erfolg kaufte ihm sein Vater eine Penthousewohnung unterhalb der Akropolis sowie einen roten Smart, um damit zur Uni zu fahren.

Thranio, Kanapes, Tafos

Schulbank, Sofa, Sarg, ©diablog.eu

Themis zog nach Athen um. Vorbei war´s mit Lena, vorbei war´s mit der wahnsinnigen Lernerei, vorbei war´s mit den Verabredungen auf dem Aristotelous-Platz und dem Kaffee in der Hafenstraße. Neue Freunde, neue Mädels, Clubs, Openings, Bouzouki, Konzerte, Galerien, durchgemachte Nächte – eine ganze Stadt zum Entdecken. Zum Glück vergaß sein Papa nie die monatlichen Überweisungen … Das Einzige, was er von Themis verlangte, war, alle Uniprüfungen zu bestehen, aber selbst wenn er durchfiel, wie sollte er das mitkriegen? Was er bestand, das bestand er jedenfalls mit Bestnoten. Die Architektur fand er gut und er wollte damit weitermachen. Ins Ausland gehen, sich mit grünem Bauen und so was beschäftigen. Noch nicht nach Amerika. Nach Finnland, Norwegen – die Skandinavier machten einen super Job und außerdem stand er auf die Mädels. Einfach göttlich! Schön wäre es, wenn er für ein, zwei Jahre dorthin ginge … Und natürlich sah er sich nicht im Büro in Thessaloniki. Wohl eher bliebe er in Athen. Gegen eine Filiale in der Hauptstadt würde der Alte wohl kaum etwas einzuwenden haben.

An dem Tag, als sie Grigoropoulos töteten, war er mit Kommilitonen schon früh ins Starbucks in der Koraistraße gegangen. Später hätten sie bei Kiamos weitergemacht. Die Krawalle brachen plötzlich aus, kurz nachdem der Mord bekannt wurde. In seiner Clique waren auch Jannis und Vera, Anarcho-Syriza-Leute, die mit bei den Ersten waren, die losrannten und Feuer legten. Die haben Athen abgefackelt, diese Ärsche, und er kam zu spät, um seinen Smart wegzufahren, den er in einer Seitenstraße vom Klafthmonos-Platz geparkt hatte. Total verkohlt war er und nicht versichert … Halb so schlimm, könntest du meinen, aber der Alte spielte nicht mit – es liefe nicht gut, sagt er, im Bauwesen, sie hatten seit 2004 Schulden bei ihnen, manche sind pleitegegangen und solche Trauergeschichten … Er wusste nicht, ob es stimmte oder ob er sich nur um die zwanzig Riesen für das neue Auto drücken wollte. Aber wie stellte er sich das vor? Dass er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur TH fahren würde? Lachhaft …

Poso evro thes gia na epanastatiseis

Wie viele Euro brauchst du, um zu revoltieren?, ©diablog.eu

Das Büro seines Vaters hielt noch zwei Jahre durch. Er erstickte in Schulden. Als ihm der Rechtsanwalt eröffnete, dass ihm Gefängnis drohte, wäre er beinahe an Ort und Stelle gestorben. Herzinfarkt. In letzter Sekunde wurde er gerettet. Danach musste er notgedrungen alles verkaufen, und es blieb ihm nur noch das Elternhaus im Triandriaviertel. Das würde er wahrscheinlich als Erstwohnung retten können. Und dabei muss man sich vorstellen, dass ihm die Veruntreuer staatlicher Gelder mehr als eine Million schuldeten. Aber die konnte er vergessen, die hatten diese Schlitzohren von Politikern längst in die Schweiz gebracht …

Genau das dachte auch Themis, der alle im Gefängnis sehen wollte, die bis jetzt mit goldenen Löffeln gegessen hatten und ihm nun die Zukunft durch die Memoranden belasteten. Bankkonto auf null, von Auto keine Rede, und die Wohnung musste er zu einem Spottpreis abgeben, um sein Studium und ’10 ein Erasmussemester in Norwegen zu finanzieren. Das war schon prima, keine Frage, aber was kam danach …? Da war nichts. Das wusste er genau. Das sah er überall und bekam das große Zittern … So ging er auch zu den Wutbürgern auf dem Syntagmaplatz, aber er wusste genau, dass nichts dabei herauskam, bei den Demos und den Liedern. Wenn man ihn fragen würde, war er in Wirklichkeit nur da, um ein Mädchen aufzureißen. Sowieso waren zu der Zeit die besten Bräute dort unterwegs …

O choros ekegchetai

©diablog.eu

Heute ist Themis ein erfolgreicher Start-up-Unternehmer mit zwei Betrieben zum Anbau und zur Verarbeitung von Aloe vera, die er nach ganz Europa exportiert. Zurzeit reist er durch China, um die Möglichkeiten abzuchecken, seine Produkte dorthin auszuführen. Das Einzige, was ihm fehlt, sind seine Kumpels, die alle weggegangen sind. Nach Australien, England, Dubai, Südafrika und sonst wohin. Nur Jannis ist noch geblieben, der Anarcho-Syriza-Typ, jetzt Berater des Staatsministers für Kultur. Unnütz für ihn, dort, wo er ist. Was hatte die Aloe mit der Kultur zu tun?

Vorgestern sahen ihn seine Alten voller Stolz in der Beilage der Kathimerini zwischen den erfolgreichsten Start-up-Unternehmern unter dreißig Jahren. Okay, davon hatte er nicht gerade geträumt, aber zumindest unternimmt er Reisen, die er sonst nie gemacht hätte, er hat Geld in der Tasche und, vor allem, macht er sich nicht mit Erde und Schlamm schmutzig, wie er anfangs geglaubt hatte. Die Drecksarbeit macht für ihn sein pakistanischer Freund, der Verbindungen zu Migranten hat. Er hat den Verdacht, dass er Menschenhandel betreibt, aber wenn schon, was stört ihn das? Er tut ihm einen Gefallen, wie auch er so vielen Leuten einen Gefallen tut, die eine warme Mahlzeit wollen. Ist das schlimm?

clown ilikiomenos

Alter Clown gesucht, ©diablog.eu

Ja, das ist schlimm, würde Elli sagen, heute 22 Jahre, bekannter unter dem Pseudonym PRIMITIVE, mit dem sie ihre Graffiti in den Straßen von Athen signiert. Immer ohne Erlaubnis, so wie sie auch ohne Genehmigung mit riesigen Buchstaben SKLAVENHÄNDLER an die Mauer um Themis´ Felder schreiben würde, falls sie ihn kennen würde natürlich.

Elli und Themis hatten den gleichen Start: reiche Familien, fertige Jobs, Luxusleben in ihrer Kindheit … Nur, dass Elli ihren Weg in den südlichen Vororten von Athen begann und irgendwann in der Pubertät das Gefühl hatte, dass sie von der Welt, die sie erben würde, erschlagen wurde. Sie fühlte, das sie erstickte, im wörtlichen wie im übertragenden Sinne. Wortwörtlich durch das Tränengas der Sondereinheiten der Polizei, ΜΑΤ bei den Protestdemos für Alexis 2008, im übertragenden Sinne durch das Unrecht, das sie fühlte, weil auf diese Weise ein Junge in ihrem Alter sein Leben verloren hatte, der einer ihrer Kumpel hätte sein können. WARUM STEHLT IHR MIR DIE UNSTERBLICHKEIT? Das hätte sie damals an die Wände geschrieben, aber damals hatte sie von Graffiti und Street Art noch keine Ahnung. Sie wusste nichts vom echten Leben, außerhalb der sterilen, greisenhaften Ruhe von Voula und Vouliagmeni.

Emai esy

Ich bin du, ©diablog.eu

Merkwürdig, aber der Tod des Jungen erfüllte Elli mit Leben. Und wie viele sonst noch, wirst du mir sagen, die bis dahin bequem in ihren warmen Bettchen schliefen und sich nur Sorgen um ihre Klassenarbeit am nächsten Morgen machten oder darum, welche Klamotten sie auf der Party anziehen würden!

Elli wurde rebellisch, sie schaute dem Bullen in die Augen, nannte ihn Schwein – Mörder, sie schmiss ihm einen Marmorbrocken in die Fresse, legte einen Wahnsinnssprint ein, um nicht gepackt und mit dem Schlagstock windelweich geprügelt zu werden, sie hörte, wie sie ihr hinterher riefen, dass sie sie fertig machen werden, das kleine Luder, sie versteckte sich mit anderen, die sie nicht einmal kannte, in den Gassen, sie legte sich mit Typen von der Goldenen Morgenröte an, verbrachte drei, vier, ja fünf Nächte auf der Wache, eine im Krankenhaus mit zugeschwollenem Auge, sie lernte, immer Maaloxan, Wasser, Atemmaske, Taucherbrille und Mütze im Rucksack zu haben, sie lernte, Geheimpolizei, Faschos und Unbeteiligte zu unterscheiden, und schließlich lernte sie, was es heißt, mit Adrenalin im roten Bereich zu leben und es gefiel ihr. Sie fuhr voll darauf ab.

Agonas

Kampf für die völlige Befreiung, ©diablog.eu

Seitdem war ihr Leben ein endloses Hin und Her zwischen Vouliagmeni – Syntagmaplatz, bis sie die Schule fertigmachte, in der Kunsthochschule aufgenommen wurde, was sie wollte, sie mit ihrer besten Freundin Anna nach Exarchia zog und anfing, mit ein paar Leuten von der Hochschule Straßentheater zu machen. Von Geld keine Rede: gerade mal genug, um klarzukommen. Ihre Familie pfiff aus dem letzten Loch, aber sie halfen ihr, wo sie konnten. Inzwischen war im Land der Teufel los: Memoranden wurden unterzeichnet, Regierungen wechselten, mal gingen wir Pleite, dann wieder nicht, die Banken wurden bei jeder neuen Krise leergeräumt und füllten sich dann wieder, sobald das neue Memorandum abgesegnet war, die Leute von der Goldenen Morgenröte brachten Pakistaner um, verprügelten jeden, der kein Grieche war, terrorisierten alle, die anders waren, der Omoniaplatz war voll mit Migranten und Junkies, ganze Viertel wurden zu Gettos erklärt, Wutbürger überall, einige von ihnen zündeten sich selbst an, andere schliefen auf der Straße und alle warteten nur auf eine Gelegenheit, um zu explodieren. ZORN WUT RACHE. Das waren die ersten Wörter, die Elli ´13 zu Neujahr an die Wand des Mietshauses schrieb, wo sie wohnte.

Solange die Schafe blöken, heulen die Wölfe

Solange die Schafe blöken, heulen die Wölfe, ©diablog.eu

Kurz darauf schloss sie sich den b- disorder an, einem Kollektiv visueller Künstler, und seitdem zog sie durch die Straßen, um auf Wände zu schreiben und zu malen. Zaghaft und ängstlich zu Beginn (wie die Kakerlake, die von einem Schlupfloch zum anderen rennt, die anderen mit mehr Erfahrung zogen sie auf), aber mit dem Mord an Fissas legte sie los. RIP KILLAH P – 18.9.13 an jeder Wand, in jeder Größe, mit jedem Material, in jedem Moment, selbst bei den Treffpunkten der Faschos, die sich jetzt verkrochen hatten. Armselige Helden – widerwärtige Zuhälter. Und dabei kam ihr die Idee mit dem PRIMITIVE. „Wir sind es, die einer neuen Bewusstheit auf der Spur sind, meine Liebe“, sagte sie zu Anna mit vom Tränengas verquollenen Augen, das die Bullen kiloweise vor den Büros der Goldenen Morgenröte in der Mesogionstraße versprühten. Eine solche Wut hatte sie nicht erwartet, aber das viele Adrenalin wirkt immer positiv. „PRIMITIVE. So wie die ersten Menschen in Gruppen lebten, so werden wir auch in Kollektiven leben. So wie sie gemeinschaftlich Dinge schufen, so machen wir es auch. Wir sind dazu bestimmt, das Feuer zu erfinden, das Rad, den Tauschhandel. Die Instrumente dazu haben wir. Schluss mit dem Individualismus. Es lebe die Zusammenarbeit!“

Elli malt und schreibt heute weiter auf Wände, Leinwände und Papier. Sie glaubt, dass nur das Heute das Morgen schaffen kann. Das Gestern ist tot!

Anapneeis

Atmest du? ©diablog.eu

Das Gestern ist nicht nur nicht tot, würde Elli von Sakis hören, 16 Jahre aus Patras, sondern dem Gestern verdanken wir, dass es uns heute gibt und wir die Fortsetzung bilden! „Wir sind ein großer Blutstrom, der von den ruhmreichen Jahren des Leonidas, Perikles und Alexanders des Großen herkommt, die Jahrhunderte durchfließt und glanzvoll und geehrt das Heute erreicht. Ein Fluss in der Zeit, dessen Fortsetzung wir sind, die modernen Griechen!»

Sakis wurde in Zarouchleika geboren, wo er auch lebt, einem ärmlichen Viertel im Süden von Patras. Sein Vater auf dem Bau und seine Mutter zu Hause, um sich um ihn und seine beiden Geschwister zu kümmern. Er kann sich nicht daran erinnern, dass sie mal nicht klamm waren, aber sie kamen gut zurecht. Es fehlte ihnen an nichts. Sowieso saßen sie alle im selben Boot. Und da sitzen sie immer noch. Sie sind hart gesotten, denn nebenan haben sie die Gipsys, mit denen sie gut im Training sind, sich gegenseitig jagen und Steinschlachten liefern. Und wenn du siehst, wie sie zu den Paraden gehen, verstehst du, wer hier die Hosen anhat und wer die Röcke. Zarouchleika Downtown – alles kurz und klein hauen. Nicht so wie die Weicheier in der Agiou-Nikolaou-Straße, die knitterfrei ausgehen und mit zerrissenen Oberhemden und einem blauen Auge abziehen …

Orgi kai Lyssa

Zorn und Wut tun Fyssas gut, ©diablog.eu

Irgendwann wurden die Jobs weniger, und der Vater musste notgedrungen für seinen Tagelohn immer weiter weggehen. Bis nach Rio kam er, einmal für Ausbesserungsarbeiten sogar bis nach Psathopyrgos. Es waren da aber auch diese Ärsche, diese Scheißmigranten, die ihm das Brot wegnahmen. „Schmeißt sie raus aus dem Land, Mann, damit wir den Dreck loswerden!“, schrie er, wenn er sie in den Lokalnachrichten sah, wie sie sich neben den Bahngleisen stapelten und darauf warteten, nach Italien zu verschwinden. „Schickt mal einen Zug dahin, um sie platt zu machen, verdammte Scheiße, damit wir wieder unserer Ruhe haben!“ Und wenn sie einen Pakistaner oder Afghanen fanden, verreckt auf einer Ladefläche, fing er an zu feiern wie damals bei der Nationalmannschaft, als wir Europameister wurden. Sakis war noch klein gewesen, aber er konnte sich an die Hochstimmung erinnern, die Erhabenheit, seinen Stolz, ein Grieche zu sein. Danach ging alles den Bach runter …

´12 hatte der Vater keine Arbeit mehr. Ab und zu einen Job als Tagelöhner, aber wie soll man von zweihundert, dreihundert Euro eine ganze Familie ernähren? Zum Glück aßen die Kinder in der Schule das Essen, das die Kirche bereitstellte. Sie waren noch nicht bei den Armenspeisungen gelandet, aber daran gedacht hatte er schon … Er war durch die Arbeitslosigkeit regelrecht durchgedreht, der arme Vater. Und dann war da auch noch die Geschichte mit diesen Schlitzohren von Politikern, den Verrätern, die uns an die Deutschen und die Amerikaner verkauften, um sich zu bereichern. Austerität, heißt es … Sie kürzten Gehälter, Beihilfen und Renten, Zusatzabgaben wurden verkündet und Steuern – „mit was für Geld sollen wir das denn alles bezahlen, Mann. Ich bezahle überhaupt nichts, und wenn sie mir den Strom abstellen!» brüllte der Vater verzweifelt und suchte ständig nach einem Tagesjob, bis er eines Tages einen Pakistaner sah, der auf dem Bau arbeitete, und er dann völlig ausrastete. Er stieg hoch und schlug ihn grün und blau. „Der ist illegal“, schrie er danach. „Der nimmt mir die Arbeit weg. Ich habe drei Kinder großzuziehen! Der soll weg! Arbeit für die Griechen!“

vasanizomai

Qual, ©diablog.eu

Der Vater kam noch mal mit einem blauen Auge davon. Die Polizisten, die ihn festnahmen, sagten ihm, dass sie ihn verstehen, dass er runterkommen soll, sie würden schon eine Lösung finden. Das Problem bestand darin, dass der Pakistaner nicht illegal war, aber auch das wurde geregelt. Wenn die Polizei nur will, ist alles möglich. Der Vater kam nach Hause mit einer Tüte voller Lebensmittel und der Telefonnummer vom Bereichsleiter der Goldenen Morgenröte, den er anrufen konnte, wann immer er wollte.

Seit jenem Tag hatte Sakis´ Familie immer satt zu essen. Was Tagesjobs anging, lief es für den Vater nicht schlecht. Nur die Mutter machte sich Sorgen und Sakis hörte, wenn sie ihm abends in den Ohren lag: „Wir waren immer für die PASOK, Kostas. Meine verstorbene Mutter hat Andreas Papandreou in den Himmel gehoben. Dein Vater – Gott hab ihn selig! – war bei dessen Beerdigung und hatte seinem Sohn Giorgakis persönlich sein Beileid ausgesprochen. Wie kannst du jetzt nur für die Goldene Morgenröte sein?“ „Wir sind für die Griechen!“ brüllte er. „Giorgakis hat uns verraten. Siehst du denn nicht, dass hier alles voll ist mit Ausländern? Sie kommen und nehmen uns das Essen weg. Aber wir sind Griechen, Mensch. Und wir Griechen wissen, wie man kämpft!»

ftocheia eleftheria

Armut macht frei, ©diablog.eu

Der Vater kämpfte und die ganze Nachbarschaft sah ihn voller Stolz im Fernsehen, als er mit den Sturmbataillonen der Goldenen Morgenröte auf die Bauernmärkte ging, in die Lager, in den Hafen, auf die Demos und zu den Streiks, immer auf der Seite des Rechts und der Polizei, gegen die Fremden und die Kommunisten. Und zusammen mit dem Vater hasste auch Sakis die Fremden und die Syriza-Leute, die unsere Geschichte jeden Tag mehr besudelten, er hasste alle, die keine Griechen waren und die an der Größe unseres Volkes zweifelten. Denn die Erde, die die Revolutionshelden von 1821 Papaflessas, Kolokotronis und Nikitaras hervorgebracht hatte, durfte nicht diese eingesetzten Typen verehren, sie darf nicht durch Mischehen befleckt werden und sie darf nicht Neger, Schlitzaugen und alle Arten von lausigen Muselmännern bei sich aufnehmen. Nein!

Heute ist Sakis mehr denn je von Hass erfüllt. Er ist voller Hass, weil der Vater in U-Haft sitzt, zusammen mit seinem Mitstreitern wegen seiner patriotischen Aktionen. Er ist voller Hass, weil die Mutter gezwungen ist, Treppen putzen zu gehen, weil die Polizisten so tun, als würden sie ihn nicht kennen, weil einige Nachbarn die Straßenseite wechseln, wenn sie ihn sehen, weil er mitkriegt, wie unsere Heimat von illegalen Flüchtlingen überschwemmt wird, von Verbrechern, die unsere Mädchen vergewaltigen wollen und uns dazu bringen wollen, unserem Glauben abzuschwören. Er ist schließlich voller Hass, weil sie ihn, als er forderte, dass im Berufsgymnasium jeden Morgen die Fahne gehisst und die Nationalhymne gesungen wird, hochgenommen haben, selbst die Lehrer. Und als er weiter darauf bestand, haben sie ihm Schulverbot aufgebrummt, diese Kommunisten. Gestern Abend ist er aber zusammen mit ein paar Jungs von der Straße in ihr Drecksloch eingedrungen und hat alles kurz und klein geschlagen!“ „Das hier ist meine Heimat, Alter, und ich habe jedes Recht, unsere Nationalhymne zu singen. „Ich erkenn’ dich an der Schneide, die des Schwertes Schrecken ist. An dem Blick, der stolz ins Weite zielt und kühn die Erde mißt.“

Tsipouro

Der Tsipouro ist alle, und Bier schlägt mir auf die Galle, ©diablog.eu

Samira jedenfalls, 14 Jahre, eine Farbige, die in Kypseli geboren wurde und dort lebt, im Viertel der Nationen, wie es genannt wird, bekommt bei Typen wie Sakis das Zittern. Sie ist aber auch wütend auf sie, denn sie zwingen sie dazu, dass sie den Kopf senkt, wenn sie ihnen in der Metro begegnet, dass sie Mund hält, wenn sie hört, wie sie über sie herziehen, und dass sie lieber früher als später die Grenzen zu ihrem Viertel passieren möchte, das die von draußen Getto nennen, ohne zu begreifen, dass sie es selbst geschaffen haben. Samira ist auch wütend, weil sie frei leben will, hier, wo sie geboren ist, in Griechenland, aber man sie nicht lässt. In Burkina Faso, wo ihr Vater geboren wurde, ist sie nie gewesen, aber wie soll sie ein Land als Heimat empfinden, das sie in ihrem Leben nicht gesehen hat? Dort wird sie sich fremd fühlen, hier bringt man sie dazu, sich fremd zu fühlen. Fremd hier, wo ihre Sprache ist, fremd dort, wo ihre Farbe ist. Was für eine Ironie!

Genau das denkt auch Stratis, 15 Jahre, als er den Betrieb am Hafen von Lesbos beobachtet, dort, wo es am Kai vor Flüchtlingen nur so wimmelt: „Was für eine Ironie!“, denkt er. „Sie sind so froh, dass sie dem Krieg entkommen sind, dass sie Europa lebend erreicht haben, und wir teilen nicht einmal einen Zipfel von ihrer Freude mit ihnen. Wir betrachten sie voller Hass und warten ungeduldig darauf, dass sie weggeschickt werden. Sie besudeln uns, sie beschmutzen uns, sie versauen das schöne Bild und vertreiben uns die Touristen … Uns, die wir vor hundert Jahren an ihrer Stelle waren“.

Graffitti-Gedicht

In der Metropolenlandschaft explodieren Lebenssplitter, während Zufall von den Dächern tropft, ©diablog.eu

Gerade gestern hat die Handelskammer der Stadt ein Protestschreiben an die zuständigen Ministerien geschickt und gefordert, dass der Hafen gesäubert wird, damit die Migranten, die sich dort drängen und auf das Linienschiff warten, nicht das Bild der Stadt kaputtmachen. Das Schlimmste ist für ihn jedenfalls, dass der Vorsitzende der Handelskammer, sein Papa, dieses Schreiben verfasste. Derjenige, der behauptet, dass er sich beim Lernen nicht kaputtzumachen braucht, weil schon ein fertiger Job auf ihn wartet: „Siehst du nicht, Stratis, wohin es mit dem Land geht? Wenn wir den Tourismus nicht hätten, wären wir verloren. Ein bisschen die Zimmer, ein bisschen das Geschäft, ein bisschen die Imbissbude im Sommer … Du brauchst nicht mehr, mein Junge. Die Welt geht zum Teufel, siehst du das nicht? Bei uns ist alles voll mit Leuten ohne Schuhe an den Füßen und mit Hunger im Bauch!“

Sein Papa, der die kleinen Wasserflaschen für einen Euro an Touristen und an Flüchtlinge verkauft, der beim Wechselgeld bescheißt, wenn er sieht, dass der Kunde sich mit Euros nicht richtig auskennt, der keine Quittung ausstellt, es sei denn, er hat gehört, dass die Steuerfahndung unterwegs ist, der die ganzen Jahre jedenfalls nichts gelernt hat und glaubt, dass der Staat ihn ständig bestiehlt, ihn betrügt und verarscht. Nein, Stratis ist kein Anhänger des Staates, er ist kein Kapitalist, er ist kein Anarchist. Er ist nicht rechts, er ist nicht links, er ist nicht in der Mitte. Er ist kein Faschist, er ist kein Kommunist, er ist kein Sozialist. Er ist 15 Jahre, verdammt, und will sein Leben vor sich haben. Nicht verpfändet. Ganz. Ein warmes Leben, quirlig, mit all seinen Säften und Düften. Und wenn es ihm hier nicht gelingt, in diesem Land, wo sie diese Sprache sprechen und der Himmel dieses Licht hat, im Sommer wie im Winter, dann geht er woandershin. Ein Neubeginn, aber keine neue Heimat. Die Heimat wird immer hier sein. So wie die Heimat dieser unglücklichen Menschen aus Syrien immer zurückbleiben wird, um in ihrem Blut zu verrosten. Es bleibt aber eine Heimat! Es sei denn, dass auch sie mit der Zeit verblasst … Kann eine Heimat eigentlich verblassen?

Übersetzung: Doris Wille, Erstveröffentlichung Augsburger Allgemeine Zeitung 27.6.2015. Fotos: Michaela Prinzinger

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