„Von Athen lernen“ – oder Athen etwas aufdrängen?

Alexandros Adamopoulos zum Motto der documenta 14

Alexandros Adamopoulos´ Kommentar zum Motto „Von Athen lernen“ der documenta 14 ist der zweite aus einer diablog.eu-Reihe in diesen Sommerwochen 2017. In jeweils ganz persönlichen Anmerkungen wird auf Fakten und Faktoren verwiesen, die von dieser Stadt in der Tat zu lernen wären. Für diablog.eu verfasst von Menschen, die schon immer oder seit langem in Athen leben, zeugen sie von Selbstbewusstsein und Stolz angesichts der gegenwärtigen Situation in einer von vielfachen Krisen gezeichneten Stadt, deren Gedächtnis jedoch weiter zurückreicht als das aller anderen europäischen Metropolen und deren Lebendigkeit sich nicht zum ersten Mal gegen Widerstände behauptet.

Zurzeit steht Athen wieder ganz im Vordergrund; nicht wegen der Krise, die das Land beutelt – inzwischen ein Dauerzustand –, sondern anlässlich einer in die Länge gezogenen Kunstausstellung mit politischem Anspruch und wohl auch auf Marketing ausgerichtet. Sie trägt mit Verve ihren Vorschlag vor, uns an dieser Stadt etwas Neues zu zeigen: „Von Athen lernen“. Höchst interessant!

Hier soll es nicht um irgendeine Kritik an der Qualität einzelner Veranstaltungen gehen oder um die womöglich heftigen Einwände gegen die Art und Weise ihrer Durchführung. Besser richten wir unser Augenmerk darauf, was in Athen – wenn man von seinem besonderen und einzigartigen Licht absieht -, was an diesem Ort der Übergänge wirklich so nützlich und kostbar ist, um es dem übrigen Europa oder gar der Welt in Zeiten wie diesen zu offerieren; seit Aristoteles, etwas vereinfacht und verkürzt gesagt. Man könnte viel davon lernen, selbst wenn dies Nützliche und Kostbare unter oder hinter all dem, was verdreht und verbogen wurde, ganz versteckt liegt und wegen aller möglichen Gebrechen fast nicht mehr zu erkennen ist.

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Vlassis Caniaris, Aspects of Racism II (1970)

Denn ohne auf die Krücken von Idealisierung und Romantik zurückzugreifen (die mitunter beim Kitsch enden) erfahren wir diesen Ort, wo sich Kulturen kreuzen, immer noch als etwas Vitales von übersprudelnder Großzügigkeit in jeder seiner Lebensäußerungen, als Ort, der auf dem Hauptanliegen des „guten Lebens„ für alle menschlichen Wesen auf diesem Planeten, dem aristotelischen EΥ ΖΗΝ beharrt, in dessen Mittelpunkt DER MENSCH steht. All die mühsam geschaffenen Ordnungs- und Klassifizierungsversuche so vieler Jahrhunderte sind für den MENSCHEN unternommen worden. Das steht zweifelsfrei fest, man sollte es dennoch nicht vergessen.

Steht man an einer Wegkreuzung und will sie unbeschadet überqueren, braucht man korrekt gezogene, saubere Straßen, entsprechende Bürgersteige und Ampeln, die regeln, wie sich Passanten und Fahrzeuge im Verkehr verhalten sollen. Und vor allem braucht man die konsequente Beachtung dieser Verkehrsregeln durch sämtliche Beteiligte. Damit nicht einverstanden zu sein, ist so gut wie unmöglich.

Die Vorstellung, dass ein Passant ganz allein und geduldig an einer vollkommen öden Kreuzung wartet, wo nichts und niemand unterwegs ist, noch sich am Horizont ausgestorbener Straßen irgendetwas zu nähern scheint, verweist sicherlich auf ein korrektes Sozialverhalten, eine rührende Hingabe an Regeln und Normen. Doch im unerbittlichen griechischen Licht, in Athen, ist das womöglich ein ziemlich komisches, ja fast absurdes Bild. Nicht weil Athen notwendigerweise irritierend regellos ist, sondern weil es nicht in Betracht kommt, dass Gesetz und Norm nicht dem MENSCHEN dienen.

Doch das vergessen wir nur allzu gern. Daher sollten wir, statt lediglich Athen Diverses –  vielleicht sogar Richtiges – aufzudrängen, uns auch an ein paar Dinge erinnern, die von dort ihre Grundlage erhalten haben.

Alexander Adamopoulos, geboren in Athen, studierte dort Jura, Regie und klassische Gitarre, später Rechtssoziologie in Paris. Er ist Gründer der „Janis­ Christou“-Gesellschaft. Publiziert hat er bisher Erzählungen, Theaterstücke, einen Roman und ein Libretto. Übersetzungen ins Deutsche sind im Berliner Elfenbein-Verlag erschienen.

Redaktion/Übersetzung: Andrea Schellinger. Foto: Vlassis Caniaris, diablog.eu, aufgenommen während der documenta 14 im Museum Zeitgenössischer Kunst Athen.

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