Kultur- und Imagewandel anstoßen

Junge griechische Kulturmanager aktivieren die Zivilgesellschaft

Bis 5. April 2018 Bewerbungsfrist für junge griechische Kulturmanager*innen für das Programm START-Create Cultural Change der Robert-Bosch-Stiftung. 30 Stipendienplätze sind zu vergeben, Näheres erfahren Sie unter www.startgreece.net! Projektmanagerin Jennifer Tharr berichtet über diese besondere Initiative, die in diesem Jahr zum 4. Mal ausgeschrieben wird.

Das Land, das die olympischen Spiele erfand, bricht seit einigen Jahren vor allem traurige Rekorde. Aufgrund der Finanzkrise haben seit 2008 mehr als 425.000 Menschen ihre Heimat Griechenland verlassen, darunter viele exzellent ausgebildete junge Akademiker, Fachkräfte und Kreative, genau solche Menschen also, die das Land gerade so dringend braucht – ein Braindrain mit fatalen Konsequenzen für die Zukunft des Landes. Aus der Perspektive vor allem der jungen Emigranten ist der Entschluss zu gehen jedoch nur nachvollziehbar: Die europäische Statistik zur Jugendarbeitslosigkeit führt Griechenland mit 39,5% vor Spanien, Italien und Kroatien an. Besonders Kulturschaffende haben, wenn sie denn bleiben wollen, unter Bedingungen zu arbeiten, die unzumutbar sind und die Kapazitäten einer fähigen Generation schlichtweg verbrennen. Staatliche Förderungen sind besonders im Kulturbereich limitiert und werden meist mit erheblicher Verzögerung ausgezahlt, sodass vieles in Vorleistung geschieht bzw. in der Ungewissheit, ob die erbrachte Leistung jemals vergütet wird.

2015 initiierte die Robert Bosch Stiftung als Reaktion auf die Lage in Griechenland in Kooperation mit dem Goethe-Institut Thessaloniki und der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren das Programm START – Create Cultural Change. Die Idee: Jungen Kulturschaffenden soll für eine gewisse Zeit ein finanziell geschützter Raum für Fortbildung, Vernetzung und zum Experimentieren geboten werden, um Kulturinitiativen zu entwickeln, die sozialen Zusammenhalt in ihrer Heimat zu fördern, kulturelle Teilhabe für alle zu ermöglichen und alternative Wege zu finden, sich nachhaltig in der Gesellschaft zu etablieren. Der Bereich des Kulturmanagements erschien den Programmpartnern dabei als Schlüsselbegriff, um diesen komplexen Anforderungen gerecht zu werden. Mit der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren brachte sich dabei ein Partner in die Programmgestaltung ein, der eine dafür besonders geeignete Auffassung von Kulturarbeit vertritt. Vorstandsmitglied Andreas Kämpf fasst zusammen:

„Bei START geht es um die Zivilgesellschaft, um das ‚Self-Empowerment’. Es geht um Kunst und Kultur, die gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickelt und realisiert werden. In dieser besonderen Form kultureller Arbeit sind Soziokulturelle Zentren als Selbstorganisationen der Zivilgesellschaft erfahren und bieten so für die Stipendiaten eine intensive Möglichkeit, ihre Fähigkeiten und Projekte weiter zu entwickeln, Projekte, die es den Menschen vor Ort ermöglichen, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen, diese mit zu gestalten und sich als selbstbewusster Bestandteil einer lebendigen Zivilgesellschaft zu erleben.“

große Menschengruppe

START-Create Cultural Change, Die Stipendiat*innen aus dem Jahr 2017-18

Grundsteine für partizipative und nachhaltige Kulturinitiativen

Das Fortbildungs- und Stipendienprogramm für angehende Kulturmanager START besteht aus drei aufeinanderfolgenden Phasen. Für die Phase I können sich junge griechische Kulturschaffende mit einem Entwurf für ein Projekt in Griechenland bewerben. 30 von einer unabhängigen Jury ausgewählte Stipendiaten reisen dann für zwei Monate nach Deutschland, wo sie in Berlin und Stuttgart Fortbildungen zu Projektmanagement, Fundraising, Audience development und Öffentlichkeitarbeit bekommen. Im Rahmen einer 6-wöchigen Hospitation lernen sie darüber hinaus die soziokulturelle Praxis kennen und entwickeln ihre Projektidee gemeinsam mit der jeweiligen Gastinstitution in Theorie und Praxis individuell weiter.

In diesen arbeitsintensiven zwei Monaten werden nicht nur die Grundsteine für partizipative und nachhaltige Kulturinitiativen in Griechenland gelegt, sondern auch Kooperationen zwischen den beiden Ländern geschlossen, die als Partnerschaft auf Augenhöhe bemerkenswerte Austauscheffekte mit sich bringen. Ein Beispiel aus Hamburg:

Roots are Routes

Olga Daskali bewarb sich für das Programm mit einem Projektvorschlag für ihre Heimatstadt Messolonghi, ein kleiner Ort in West-Griechenland, der nach wie vor auf seine traditionellen Berufe, wie Bootsbau, Weberei und Fischfang, konzentriert ist. Den Jugendlichen fehlen jedoch das Know-how und das Interesse, diese Tradition mit neuem Wissen am Leben zu halten und zu pflegen. START brachte Olga mit dem Kommunikationszentrum Honigfabrik in Hamburg zusammen. Die HoFa mit ihren zahlreichen Werkstätten ist unter anderem daran interessiert, alte handwerkliche Techniken als immaterielles kulturelles Erbe zu bewahren und – viel mehr noch – mit diesem Wissen die jüngeren Generationen zu Kreativität und Selbstständigkeit anzuregen. Die HoFa, eines der ältesten soziokulturellen Zentren, hielt also praktisches Wissen und Methoden bereit, die Olga für ihr Projekt „Roots are Routes“ kennenlernen wollte. Wie können Jugendliche in das Projekt eingebunden werden? Wie können deren eigene Interessen und Erwartungen dabei eine Rolle spielen und wie lässt sich all das in einem Projekt vereinen, das auch in der griechischen Realität funktioniert? Olga initiierte mit der HoFa einen Bootsbau-Workshop, in dem Kinder selbst ein Boot in kleinem Maßstab entwerfen und bauen konnten, um dann ihre Erkenntnisse beim Bau eines großen, gemeinsamen Bootes anzuwenden. Was dabei herauskam, übertraf alle Erwartungen. Olga berichtete begeistert: „All the parents were pleased to see what their children did during 5 days, the children were super exited with their participation and the results they had. Thy were coming every day from 10 am until 4 pm although it was vacations time. The workshop instructor was excited and wants to do it again, he also wants to organize an exchange with my hometown with his students to build a boat.”

Derlei Erfolge ließen sich auch andernorts beobachten. Vom Food-Recycling für Athen bis zum Instagram-Projekt zur besseren Vernetzung des Stadtteils, von Augmented Reality in der Geflüchtetenhilfe bis zum Theater spielen als Lernmethode für Jugendliche, von integrativen Body Percussion-Workshops bis zum Umweltprojekt zur Rettung der Bienen – die Kreativität und die Verve der griechischen Kulturmanager beeindruckte die deutschen Gastinstitutionen sehr. Tobias Marten vom Waschhaus Potsdam blickt zurück: „Die Soziokultur ist etwas Neues für Griechenland. Wir hatten viele lange Gespräche darüber, und unsere Stipendiatin hat diese Form der Kulturarbeit mit großer Neugier aufgesogen. Gleichzeitig hat sie uns mit ihren Fragen einen neuen, frischen Blick auf unsere Arbeit ermöglicht. Diese Auseinandersetzung war für beide Seiten hochspannend.“

Die Griechen wiederum waren fasziniert von den professionellen Produktionsbedingungen und dem unmittelbaren Kontakt zur Community. Olga beschreibt dies wie folgt: „I really felt that socio-culture is all this procedure, the process, it is not the result but it is the time spent, the smiles on faces, the new ideas that come up, the people who are really engaged to do something they really like. So I guess it is not the destination but the trip to it. Because you may know where you want to go, but you actually need to travel in order to go there.”

Die Phase II findet nach einem weiteren Auswahlprozess statt, dem ein erneutes Bewerbungsverfahren vorausgeht. Die Auswahl ist eine harte, wenn auch notwendige Aufgabe für die Jury, denn nicht jeder hat das Zeug zum Kulturmanager. Die Fähigkeit zu begeistern braucht auf der anderen Seite den kühlen Kopf für Planung und Kalkulation. Der perfekt ausgeklügelte Plan A erfordert es dennoch, einen Plan B und C in der Tasche zu haben – die Anforderungen sind hoch. Die 15 Stipendiaten der nun folgenden Umsetzungsphase bekommen neben einem Stipendium zur Sicherung des Lebensunterhalts 10.000 Euro Projektmittel, um ihre Kulturinitiative in Griechenland zu verwirklichen. Von Nordgriechenland über Thessaloniki und Athen bis zu den Inseln – die Orte des Geschehens sind so divers wie die Projekte selbst. Wie auch Olga Daskali, kehren die Stipendiaten oftmals an ihren Heimatort zurück, um kulturellen Wandel in ihre Region oder Nachbarschaft zu bringen.

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Smallville

Das Projekt von Elias Adam ist ein weiteres Beispiel. Er ist für sein partizipatives Theaterprojekt „Smallville“ in die Kleinstadt Xylokastro im Norden der Peleponnes zurückgekehrt. Die große Resonanz auf sein Projekt hat die anfänglichen Sorgen schnell verdrängt. Das Logo mit dem kleinen Drachen, der den Outsider, das Unangepasste, aber auch das Liebenswürdige verkörpert, hat die Stadt erobert – eine geniale Branding-Idee. „When writing the project application, I could never imagine the vibe of the 150 people joining the opening event. Reality came as a surprise: people became active members of the Smallville network from the very frst moment”, erzählt Elias glücklich. Doch nun gilt es, die Euphorie des Anfangs zu halten und in die kontrollierbaren Bahnen eines Projektplans zu bringen. So muss Elias weiterhin an seinem Nachhaltigkeitskonzept arbeiten, denn Ende Juni sollen bereits die Ergebnisse auf dem „Bazaar of Ideas“ der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Nach dem offiziellen Projektabschluss Ende Mai können sich die 15 Stipendiaten erneut im Programm für die Phase III, einen Scaling Award bewerben. Hierzu müssen sie unter Beweis stellen, dass ihr Projekt in der griechischen Realität und Gesellschaft angekommen ist, beschreiben, wie es sich weiterentwickeln und auf mittelfristige Sicht auch auf finanziell eigenen Beinen stehen wird. Diese Skalierungsphase wird unterstützt von den beiden neuen griechischen Partnern im Programm, der John S. Latsis Public Benefit Foundation und der Bodossaki Foundation. Das Interesse und Engagement der beiden griechischen Stiftungen ist für das Programm von großer Bedeutung, denn auf diese Weise ist START in Griechenland angekommen.

Mittlerweile wurden durch das Programm 90 Stipendiaten gefördert, in diesem Sommer werden weitere 30 dazukommen. Ein Netzwerk der Ehemaligen organisiert sich zurzeit selbstständig, um den gemeinsamen Interessen und Zielen eine starke Stimme zu geben. Hier entsteht wirklich eine neue Generation, die durch ihre Solidarität untereinander und ihren unermüdlichen Einsatz für eine intakte Zivilgesellschaft ernstzunehmenden Anlass zur Hoffnung gibt. START schafft hier einen finanziellen und ideellen Rahmen und, wie der Name sagt, den Anstoß – alles Weitere liegt in der Hand starker Persönlichkeiten, die den Mut haben, Gesellschaft durch Kulturarbeit kreativ gestalten zu wollen.

INFORMATIONEN ZU „START – CREATE CULTURAL CHANGE”

Bis 5. April 2018 können sich wieder angehende Kulturmanager aus Griechenland und soziokulturelle Zentren und Initiativen aus Deutschland um die Teilnahme bewerben. Mehr Informationen unter www.startgreece.net.

Der „Bazaar of Ideas“ beschließt das laufende Programmjahr und wird dieses Jahr vom 27.-29. Juni in Thessaloniki stattfinden. Alle 15 Stipendiaten der Phase II präsentieren hier ihre Projekte der Öffentlichkeit. Am 28. Juni werden in diesem Rahmen auch die drei Scaling Awards, eine Anschlussförderung von 10.000 Euro, verliehen.

Jennifer Tharr arbeitet als Projektmanagerin des Programms „START – Create Cultural Change“ bei der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V. Zuvor leitete die studierte Theater- und Literaturwissenschaftlerin für drei Jahre das deutsch-griechische Jugendtheaterprojekt „Mein Leben – mein Theater“ und erprobte partizipative Arbeitsweisen mit Jugendlichen auf der Bühne. Derzeit promoviert sie an der Universität zu Köln.

START ist ein Programm der Robert Bosch Stiftung, das in Kooperation mit dem Goethe-Institut Thessaloniki und der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V. durchgeführt wird, unterstützt durch die John S. Latsis Public Benefit Foundation und die Bodossaki Foundation.

Text: Jennifer Tharr, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Kulturmanagement Network Magazins. Fotos: Björn Hänssler, lga Daskali, Antonios Vallindras.

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