Deutsche Philhellenen in Athen – Wer steckt hinter den Straßennamen?

Artikel von Frauke Burian

Im März 2021 wird der 200. Jahrestag des Beginns der griechischen Revolution von 1821 gefeiert, zu deren glücklichem Ausgang die Philhellenen massiv beigetragen haben. Philhellene/Philhellenin ist jemand, der eine besondere Liebe zu den Griechen pflegt, die er/sie durch Wort und Tat bekräftigt. Im Neugriechischen wird der Begriff heute weitgehend für ausländische Staatsbürger benutzt, die griechenlandfreundliche Gefühle während der Revolution von 1821 zum Ausdruck brachten. Frauke Burian greift Athener Straßennamen auf und stellt uns nahezu unbekannte Philhellenen und Liebhaber der Antike vor, die am Befreiungskampf zwar nicht teilgenommen, ihn aber vorbereiteten oder durch ihren Einsatz die Grundlagen des modernen Griechenlands gelegt haben.

Straßennamen sind das Gedächtnis einer Stadt, weil sie die Erinnerung an bestimmte Personen wachhalten. Demnach sind den Griechen vor allem ihre antiken Vorfahren lieb und teuer. In Athen tragen oft ein Dutzend Straßen oder mehr den Namen Aristoteles und Sophokles, Sokrates und Euripides oder Perikles, worin sich der Stolz auf die glanzvolle Vergangenheit und ihre Hinterlassenschaften sowie die oftmals noch immer mit allem Ernst vorgetragene Überzeugung ausdrückt, die direkten Nachkommen der „alten Griechen“ zu sein.

gelbes Gebäude an großer Straße

Ehem. Königspalast/heutiges Parlament neben dem Nationalgarten

In diesen Olymp großer Namen aufgenommen und durch ein Straßenschild geehrt zu werden, gelang immerhin rund dreißig deutschen Wissenschaftlern, Unternehmern, Politikern und Archäologen, denen zuerkannt wird, sich um das Land verdient gemacht zu haben. Griechenland profitierte im 19. Jahrhundert in hohem Maße von der westlichen Wissenschaft, den kompetenten deutschen Gelehrten, die auf vielen Gebieten Pionierarbeit leisteten, Hellas nach außen repräsentierten und Grundlagenforschung betrieben, die noch heute gültig ist.

Straßenschild über Arztpraxis

Philhellenen-Straße

Allen Philhellenen wird im Zentrum Athens mit der Odos Filelinon, der „Straße der Philhellenen“, gemeinsam gedacht. Sie zweigt von der Seite des Syntagmaplatzes ab, die mit der Odos Othonos den Namen des ersten Königs von Griechenland trägt, des Wittelsbachers Otto I., in dessen Gefolge die meisten Deutschen nach Hellas gekommen und geblieben sind – sofern sie den klimatischen und hygienischen Bedingungen sowie anderen Beschwernissen gewachsen waren oder Krankheiten wie das „endemische Wechselfieber“ (endemische Malaria) überlebten.

Unter denen, die sich die Hochschätzung der Athener erwarben, waren zwei deutsche Schmidts: Friedrich Schmidt und J. F. Julius Schmidt (1825-1884). Die Straße des letzteren, die enge Odos Smith, führt zum Nymphenhügel mit der Sternwarte, die der in Wien lebende Adelige Georgios Sinas, Auslandsgrieche, betuchter Bankier und Mäzen, 1842 der Stadt Athen stiftete. Der international bekannte Astronom Schmidt war von 1858 bis zu seinem plötzlichen Herztod 1884 Direktor des Observatoriums. Seine Beerdigung auf dem Ersten Athener Friedhof gestaltete sich unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu einer „nationalen Trauerfeier“.

Straßenschild an Hausecke mit Balkon

Julius-Schmidt-Straße

Ein Sträßchen hinter dem Friedhof, die Odos Vinkelman, erinnert an Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), den Begründer der klassischen Archäologie als Kunstwissenschaft. Er war zwar selbst nie in Hellas, hat aber das Griechenlandbild der Deutschen maßgeblich beeinflusst, auch das der Dichter der Klassik. So sprach etwa Goethe von der „glücklichen Natur der Griechen“, die „den Traum des Lebens am schönsten geträumt“ haben und betrachtete sie als Idealtyp nicht nur der europäischen, sondern der gesamten Menschheit. Winckelmanns große Liebe galt den Griechen. Er schätzte die griechische Kunst höher ein als die römische, in ihrem Wesen liege „edle Einfalt und stille Größe“.

Straßenschild an Hausecke

Winkelmann-Straße

Die zweite Schmidt-Straße liegt südlich vom Zentrum und zweigt von der Pyrras-Straße ab. Ihr Namensgeber Friedrich Schmidt (ohne genaue Lebensdaten) war preußischer Agronom und Hofgärtner, in dessen Händen, unterstützt von dem renommierten bayrischen Botaniker Carl Nikolaus Fraas (der aus gesundheitlichen Gründen 1841 nach München zurückkehren musste), die praktische Umsetzung des Entwurfs von Francois-Louis Barrauld für einen Hofgarten lag. Auf Veranlassung der Königin Amalia/Amalie (1818-1875) ließ Schmidt seltene Bäume und Pflanzen aus dem gesamten Mittelmeergebiet heranschaffen, die den Park zu einem Botanischen Garten machten. Unter den über 500 Arten wurden 102 einheimische gezählt. Über die Entstehung der Anlage veröffentlichte Schmidt den Beitrag „Der königliche Hofgarten in Athen“. Die am Haupteingangstor des „Ethnikós Kípos“, des heutigen Nationalgartens, entlangführende Straße trägt den Namen der Königin: Leofóros Amalías.

Straßenschild an Säule

Amalia-Boulevard

Die Athener Straßenschilder sind vorbildlich griechisch und lateinisch beschriftet. Jedoch wird die gräzisierte Form eines ausländischen Namens einfach lateinisch transliteriert, sozusagen zurückübersetzt. Oft ist die Schreibweise ganz anders als die ursprüngliche – und damit auf Anhieb nicht wiederzuerkennen. Das ist beim nächsten Schild der Fall. Nahe der Odos Smit trifft man auf die Odos Chelntraich, die ein Tourist wohl nicht auf Anhieb als Heldreich-Straße entziffert. Theodor von Heldreich (1822-1902), ebenfalls Botaniker, weltbekannt und auf vielen internationalen Kongressen zu Hause, war von 1851 bis zu seinem Tod 1902 Direktor des Königlichen Botanischen Gartens Athen sowie von 1858 bis 1883 Kurator des Naturhistorischen Museums der Universität Athen. Auf zahlreichen ausgedehnten Exkursionen erforschte er die Flora Griechenlands und entdeckte 700 neue Arten, von denen siebzig seinen Namen tragen. Von seinen vielen Veröffentlichungen wurden einige im 20. und 21. Jahrhundert nachgedruckt, so erst 2016 bei Hansebooks das 1877 erstmals erschienene Werk „Die Nutzpflanzen Griechenlands“. Heldreich führte eine rege Korrespondenz mit seinen europäischen Kollegen, darunter mit Charles Darwin, diese wurde 1993 veröffentlicht.

Straßenschild mit Schatten

Heldreich-Straße

Auch der deutsche Name Müller ist in Athen präsent. Die Odos Myllerou im Stadtteil Metaxourgío erinnert an den deutschen Dichter und leidenschaftlichen Philhellenen Wilhelm Müller (1794-1827), schon zu seinen Lebzeiten als „Griechen-Müller“ verehrt, der über fünfzig „Griechenlieder“ schrieb, darunter das populäre „Der kleine Hydriot“.1 Den Deutschen besser bekannt sein dürfte er durch das Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ oder die von Schubert vertonte „Winterreise“. Die Odos Myller im Stadtteil Kolonós würdigt Karl Otfried Müller (1797-1840), einen der bedeutendsten und produktivsten Altertumswissenschaftler seiner Zeit. An ihn, der 1840 nach seiner Delphi-Reise in Athen an Fieber starb, erinnert auch eine Grabstele auf dem Kolonóshügel.

Straßenschild an Haus

Wilhelm-Müller-Straße

Natürlich ist auch dem großen Archäologen Heinrich Schliemann (1822-1890) eine Straße gewidmet, die Odos Errikos Sliman, im Süden des nach Lord Byron benannten Stadtteils Vyronas, ebenso dem Architekten Ernst Ziller (1837-1923), der Schliemanns Wohnhaus, das heute das Numismatische Museum beherbergt, sowie das Schliemann-Mausoleum auf dem Ersten Athener Friedhof schuf.

Schild an schmiedeeisernem Gitter

Ehem. Wohnhaus Schliemann/heutiges Numismatisches Museum

Mit über fünfhundert Bauten prägte Ziller das klassizistische Stadtbilds Athen, von denen so manche glücklicherweise überlebt haben. Er starb verarmt in Athen und ist ebenfalls auf dem Ersten Athener Friedhof begraben. Einige weitere Deutsche fanden dort ihre letzte Ruhestätte, wie der philhellenische Baron Eduard von Reineck (1796-1854), der Epigraphiker Hans von Prott (1869-1903), Bettina von Savigny-Schinas (1805-1835), deren Korrespondenz eine wichtige Quelle zur Regentschaft von König Otto I. ist, und der Archäologe Adolf Furtwängler (1853-1907).

Anm. 1: „Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein,
da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein
[…]
Und heute gab der Vater ein Schwert mir in die Hand,
Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland.
[…]
Glück zu, mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!“

Text: Frauke Burian. Erstveröffentlichung in Frauke Burians Blog am 2.4.2018. Redaktion A. Tsingas. Fotos: Alexandra Tsingas. Zur Vita des Architekten Ernst Ziller siehe unseren diablog-Artikel: Der Architekt Ernst Ziller – neu entdeckt.

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Ein Gedanke zu “Deutsche Philhellenen in Athen – Wer steckt hinter den Straßennamen?

  1. Der Artikel zeigt doch sehr deutlich, wie innig das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen ist. Erkennbar anhand der Straßennamen. Manchmal ist es wichtig, sich an diese Freundschaft zu erinnern!

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