Der Architekt Ernst Ziller – neu entdeckt

Buchkritik von Nikos Vatopoulos

Der Sachse Ernst Ziller (1837-1923) hat mit über 500 öffentlichen und privaten Bauten zwischen 1870 und 1914 wie kaum ein anderer die Architektur des neueren Griechenland nachhaltig geprägt. 2020 wurde von Marilena Z. Cassimatis eine zweisprachige Edition mit seinen Erinnerungen herausgegeben, Nikos Vatopoulos stellt das Projekt auf diablog.eu vor.

buchcover mit maennerbueste

Vor einigen Jahren war es noch schwer vorstellbar, dass zu Ernst Ziller – der nicht nur für das Verständnis des Städtebaus in Griechenland von zentraler Bedeutung, sondern auch Gegenstand des öffentlichen Interesses ist –, tatsächlich noch neue Erkenntnisse zum Vorschein kommen würden, die eine Menge dringlicher Fragen aufwerfen. Die promovierte Kunsthistorikerin und von 1984-2018 in der griechischen Nationalgalerie tätige wissenschaftliche Mitarbeiterin Marilena Z. Cassimatis liefert uns mit ihrer Veröffentlichung der „Erinnerungen“ des deutschen Architekten eine umfangreiche Studie und schlüssige Hinweise zu Zillers Welt.

protraet eines mannes aus dem 19. Jahrhundert

Josephine Dimas-Ziller, Porträt des Vaters Ernst Ziller, ©Athener Akademie

Anhand seiner Autobiographie bringt sie uns die Persönlichkeit des sächsischen Architekten näher, einen Menschen, der mit den deutschen Prinzipien der 1840er und 1850er Jahre aufwuchs (und mit noch frischen Erinnerungen an die Revolution von 1848 und den Krimkrieg). Hinweise zu seiner Person finden sich aber auch in den Briefen, die seine beiden Töchter Natalia und Josefine Anfang des 20. Jahrhunderts an ihn schrieben, in der Korrespondenz seines in die USA ausgewanderten Sohnes Otto an ihn aus dem Jahr 1917 und in den Briefen von Ziller selbst an seine Schwester in Oberlößnitz in Sachsen. Darin beschreibt er die missliche Lage in seinen letzten Lebensjahren. Marilena Cassimatis beherrscht ihr Material und setzt es virtuos ein, indem sie mit Zillers Ableben beginnt, der völlig mittellos in einem Athener Armenhaus stirbt. Zillers selektive Schilderungen machen viele Facetten seines Lebens sichtbar. Noch mehr als die charmanten Zeugnisse einer romantischen Erzählung zählt jedoch die Dokumentierung der Erkenntnisse über und des Interesses an Ziller in den vergangenen 120 Jahren.

postkarte aus loessnitz

Postkarte aus Oberlössnitz, ©Privatarchiv Ziller, Radebeul.

Zillers große Zeit waren die letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Als Vorsitzender einer ästhetischen und ideologischen Bewegung im Rahmen des wiedergeborenen Klassizismus repräsentierte er zum einen das Großbürgertum, zum anderen den griechischen Staat, indem er im Wesentlichen bestimmte Vorstellungen zur Gebäudegestaltung formulierte. Ziller übernahm den Klassizismus aus den Jahren des ersten griechischen Königs der Neuzeit, Otto von Wittelsbach, und es gelang ihm, diesen Stil städtebaulich zur Blüte zu bringen. Bei seinen Kompositionen nahm er sich viele Freiheiten und schuf so mit Stilelementen wie Karyatiden, Eroten, Sphingen, Schwänen, roten Metopen, krönenden Statuen und kolorierten Eingängen einen eigenen Kosmos.

Er fühlte sich dem europäischen Historismus verbunden und verkörperte das, was wir kurz gefasst als „Aufstieg des Bürgertums“ in der Zeit von Ministerpräsident Trikoupis unter König Georg I. bezeichnen könnten. Zillers besondere Sichtweise fand Nachahmer und Epigonen sowohl unter Architekten als auch den einfachen Handwerkern.

ansicht von athen

Teilansicht von Athen, um 1862, ©Privatarchiv Ziller, Radebeul.

Marilena Cassimatis, die sich seit Jahren mit Ziller befasst und die Ausstellung zu seinen Ehren in der Nationalgalerie 2010 kuratiert hat, gibt uns die Schlüssel zu einer zeitgenössischen Sicht auf das Zillersche Erbe in die Hand. Ihr Schreibstil ist ansprechend und gleichzeitig entschlossen, eine Kombination, die neuen Wind in die bisherige Betrachtungsweise bringt und uns zugleich eine Übersicht über die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre verschafft.

Das Buch beinhaltet ein ausgezeichnetes Nachwort von Eleni Fessa-Emmanuil, einer der führenden Vertreterinnen der neugriechischen Architekturforschung. In Cassimatis‘ Text  kommen dazu sowohl Maro Kardamitsi-Adami, ebenfalls eine wissenschaftliche Koryphäe und Bearbeiterin der Briefe von Zillers Töchtern, zu Wort, als auch die beiden bedeutenden ehemaligen Direktoren der Nationalgalerie, Marinos Kalligas und Dimitris Papastamos, die unsere Erkenntnisse über Ziller in der Vergangenheit wesentlich vorangetrieben hatten. Die beiden waren es auch, die das Ziller-Archiv gerettet und zur Verbreitung seines Werks in einer Zeit beigetragen haben, in der sich nicht gerade viele Forscher für den Historismus und die bürgerliche Renaissance der Belle Epoque interessierten.

ansicht eines klassizistischen baus athen

Projekt zum Stadttheater Athen, ©Städtische Pinakothek Athen

Die erste Ziller-Monographie haben wir Dimitris Papastamos zu verdanken (1973), der Zillers Memoiren als Quelle benutzt hatte. Papastamos hat das Manuskript danach der Staatsbibliothek übergeben, wo es seit 1982 aber nicht mehr auffindbar war. Marilena Cassimatis hat dann die Memoiren als schwer leserliche Kopien in den Archiven der Nationalbibliothek ausfindig machen können. Diese Abschrift des deutschen Originals wurde zur Grundlage der „Erinnerungen“.

Bekannt sind Zillers Gedanken zu seiner Ankunft in Athen, seiner Beziehung zum Architekten Theophil von Hansen (der ihn nach Griechenland kommen ließ, um den Bau der Akademie von Athen zu übernehmen), zum Bankier Simon von Sina, zum griechischen König Georg I. und zu Heinrich Schliemann. Bekannt sind auch seine unternehmerischen Pläne, die ihn schließlich wirtschaftlich ruinierten, die Art und Weise, wie er sich zum „Griechen“ entwickelte, und seine Kontakte ins Ausland. Marilena Cassimatis beleuchtet den Status des Neoklassizismus in den 1930er Jahren, nachdem ab 1938 namhafte Gebäude des 19. Jahrhunderts abgerissen wurden (wie das Stadttheater nach Plänen von Ziller oder das Wohnhaus von Ambrosius Rallis nach Plänen von Stamatis Kleanthis) und die erste Ausstellung zum neoklassizistischen Athen stattfand. Zu diesem Zeitpunkt machten Mitglieder der Familie Ziller die Existenz seiner Memoiren bekannt. Marilena Cassimatis vermutet, dass das Manuskript in seiner endgültigen Form zwischen 1911 und 1914 niedergeschrieben wurde.

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Besuch der Tochter Natalia, Waldhof. ©Privatarchiv Ziller, Radebeul.

Die Publikation „Erinnerungen“ ist zweisprachig, Griechisch und Deutsch. Griechische Quelltexte wurden von Doris Staikos, Klaus-Valtin von Eickstedt und Marilena Cassimatis ins Deutsche übersetzt. So werden Zillers Gedanken der internationalen zeitgenössischen Forschung zugänglich gemacht. Die zusammengetragenen Anmerkungen sind hochkarätig. In ihrem Nachwort stellt Eleni Fessa-Emmanuil die interessante Frage, wie man unter Berücksichtigung der westlichen Betrachtung der Architekturgeschichte Zillers Werk in Griechenland darstellen könnte. Ziller hat an die 500 Gebäude erbaut, darunter die Nationalbibliothek nach Plänen von Theophil von Hansen, das Iliou Melathron (das Palais von Heinrich Schliemann im Athener Zentrum) und das Nationaltheater. Sein Erbe wurde idealisiert. Er pflegte diesen Stil noch immer weiter, als dessen Zeit bereits abgelaufen war. Aber die Akzeptanz der stilistischen Entwicklungen ab 1890 ist in Griechenland sowieso ein generelles Problem. Sein Werk war von einer außerordentlichen Aura umgeben: Seine Architektur blieb stets mit dem Volksempfinden über Schönheit verbunden, ein in dieser Form einmaliges Phänomen.

ansicht einer siedlung

Ziller-Kolonie, Piräus. ©Privatarchiv Ziller, Athen.

Marilena Cassimatis‘ Beitrag ist für Griechenland von großer Bedeutung, weil er der Forschung zu Ziller neue Impulse gibt und damit auch den Städtebau und die enorme Bauaktivität der damaligen Zeit ins Zentrum des Interesses rückt.  Die „Erinnerungen“ eröffnen ein neues Kapitel der Diskussion über das Zillersche Zeitalter und Erbe.

MARILENA Z. CASSIMATIS: Erinnerungen an Ernst Ziller. Peak Publishing, Athen 2020, 249 Seiten.

Text: Nikos Vatopoulos. Erstveröffentlichung in der Athener Tageszeitung „Kathimerini“, 25. Mai 2020. Abbildungen: Peak Publishing, siehe Einzelnachweise. Übersetzung: Angelika Gravert und A. Tsingas.

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