Chinesische Tinte

Präsentation des gleichnamigen Romans von Tilemachos Kotsias

diablog.eu bringt eine Präsentation von Tilemachos Kotsias’ Roman „Chinesische Tinte“ (2018), für den der Autor mit dem Nikos-Themelis-Preis ausgezeichnet wurde. Es ist ein Blick zurück in die Jahre zwischen 1974 und dem Beginn der 90er-Jahre, auf das autoritäre Regime in Albanien bis hin zum Zusammenbruch des Sozialismus und der Möglichkeit zur Ausreise für die Angehörigen der griechischen Minderheit, der auch Tilemachos Kotsias angehört.

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Einführung

Gjirokaster, Albanien, im Jahr 1974: Sotiris Zotos, Aristotelis Skevis und Fotis Oikonomou, drei Klassenkameraden, die das Lyzeum von Gjirokaster (griechischer Name: Argyrokastro) besuchen und der griechischsprachigen Minderheit in der nahegelegenen Gemeinde Derviçan angehören, pendeln täglich zwischen Heimatort und Schule. Mithilfe der marxistischen Theorie, die sie im Unterricht kennenlernen, wird ihnen klar, dass das politische System Albaniens keine Demokratie, sondern eine Diktatur ist und dass sie in einem totalitären Staat leben.

In ihrer jugendlichen Naivität beschließen sie, eine Untergrundorganisation zu gründen und das Volk durch regimekritische Flugblätter aufzurütteln, die sie heimlich in den Straßen des Dorfes verteilen. Gleichzeitig träumen sie von einer Flucht nach Griechenland.

Die albanische Geheimpolizei Sigurimi nimmt aufgrund ihrer Ermittlungen und durch tatkräftige Mithilfe ihrer Spitzel zwei der Schüler fest. Anhaltspunkte dafür waren die Schreibfedern und die chinesische Tinte, die von den Schülern verwendet wurden. Im Untersuchungsgefängnis erleidet Fotis, ein Waisenjunge, der von seiner Großmutter aufgezogen wird, durch die brutalen Foltermethoden einen seelischen Schock und endet in der Psychiatrie, während Aristotelis, der älteste Sohn einer armen, kinderreichen Familie, bis zum Schluss Widerstand leistet.

Doch Bastri, ein Sigurimi-Spitzel, der unter die Gefangenen eingeschleust wurde, legt ihn herein, indem er ihm vorgaukelt, er selbst sei auch ein Untergrundkämpfer gegen das Regime und Mitglied eines Netzwerks, das auf dessen Sturz hinarbeite. Aristotelis vertraut ihm, schließt sich dem Netzwerk an und eröffnet ihm die Aktivitäten der Schülergruppe, der noch eine dritte Person angehöre.

kunstwerk mit händen und fäusten

Sotiris lebte seit der Verhaftung seiner Freunde in ständiger Angst, und tatsächlich wird er – vom Umfeld unbemerkt – während eines Fußballtrainings festgenommen. Notgedrungen lässt er sich von der Sigurimi als Spitzel anwerben, worauf man ihn freilässt und ihm als erste Aufgabe aufträgt, seinen alten Griechischlehrer Theodoros Lekkas auszuspähen. Doch der Lehrer kommt schnell dahinter und tadelt ihn dafür. Als Sotiris der Sigurimi berichtet, dass der Lehrer seine Absicht durchschaut hat, verlangt man von ihm, gefälschte Aussagen des Lehrers zu bezeugen, was Sotiris ablehnt. Man gewährt ihm ein dreitägiges Ultimatum für seine Unterschrift, sonst werde er selbst verhaftet. Er informiert seinen Lehrer und gesteht seine Sigurimi-Mitarbeit, verspricht ihm aber, eher ins Gefängnis zu gehen, als ihn zu verraten.

Der Lehrer, ein Altkommunist, war aus Griechenland in seine Heimat zurückgekehrt, um die griechische Minderheit in Albanien auf den sozialistischen Weg zu führen. Doch als er begriff, wie die Realität aussah, wandte er sich enttäuscht von der herrschenden Ideologie ab. Die Behörden betrachteten ihn als feindliches Element und steckten ihn ins Gefängnis. Nach zehnjähriger Haft kehrte er nach Hause zurück, doch selbst jetzt wollen ihn die Behörden erneut unter dem Vorwurf festnehmen, er habe die jungen Leute zu ihren Taten angestiftet.

Sotiris wird, ganz wie Aristotelis, wegen regimefeindlicher Propaganda festgenommen, gefoltert und zu neun Jahren Kerker verurteilt, Aristotelis gar zu zehn. Vor Gericht sagt einer ihrer Mitschüler, Dimokratis Doupis, falsch gegen sie aus. Nach Folterung und Quälereien in den Haftanstalten von Argyrokastro und Tirana bringt man sie als Zwangsarbeiter zu den Pyrit-Minen im berüchtigten nordalbanischen Straflager Spaç, das in einer tiefen, unzugänglichen Schlucht liegt.

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Auszug aus dem Roman – Teil 2, Kapitel 10
Die abgeschriebenen Söhne
 

Aus dem Bauch der „Wölfin“, wie der Gefangenenwagen von den Häftlingen genannt wurde, schlüpften fünf Welpen („Volksfeinde“), unter denen sich Aristotelis Skevis und Sotiris Zotos befanden. Nach fünfstündiger, anstrengender Fahrt stiegen sie, kleine Bündel unter die Achseln geklemmt, tapsig und mitgenommen im Innenhof des Lagers aus.
Die verwirrt und lethargisch wirkenden Neuankömmlinge versuchten mit ihrem Blick die wilde, unwirtliche Landschaft einzufangen, in die sie plötzlich geworfen waren, und empfanden vor dem schmalen, durch die enge Schlucht begrenzten Horizont Ehrfurcht und Verzweiflung.

Das war also das berüchtige Spaç, Furcht und Schrecken eines jeden Häftlings. Obwohl ihre Schicksalsgenossen im Gefängnis von Tirana immer wieder bekräftigt hatten, die Situation in den Arbeitslagern sei eindeutig besser als in den geschlossenen Haftanstalten, waren sie nun beim ersten Anblick der Umgebung ernüchtert.

Sie fanden sich auf dem Grund einer Schlucht wieder, zwischen zerklüfteten, fast kahlen Bergen, mit spärlicher, kränklich vergilbter Vegatation, auf einem von giftigen Erzen durchzogenen Boden.

Selbst im verrammelten, fensterlosen, nur durch eine Lünette belüfteten Gefangenenwagen konnten sie nachvollziehen, wie steil es nach unten ging. Es war ein endloser Abstieg über immer enger werdende Serpentinen, als würden sie sich langsam, aber stetig durch ein nicht enden wollendes Schneckenhaus in die Erde schrauben. Der steil abwärts führende Weg erzeugte eine Leere in ihrer Seele, in ihrem Magen und in ihren Lungen, ließ sie meinen, sie stürzten von einem Kreis der Hölle zum nächsten hinunter, bis sie den letzten, die Lava, erreichten. Doch seltsamerweise brodelte ein paar Meter weiter keine Lava, sondern am Fuß des Abhangs erblickten sie das gurgelnde und glasklare, jedoch unerreichbare Wasser eines kleinen Bachs als Endpunkt ihres Abstiegs in die Unterwelt.

An diesem entlegenen Fleck, der den Eingeweiden der Erde am nächsten lag, wurde Kupfer und Pyrit abgebaut. Dort arbeiteten mehr als tausend politische Gefangene, die Strafen zwischen acht und fünfundzwanzig Jahren abbüßten. An diesem Ort gelang es dem Menschen leichter, dem Schoß der Erde die unterirdischen Schätze zu entreißen, in das tiefstes Innere vorzudringen und die wertvollen Erze zu rauben, wie die Wölfe, die immer bei der verletzlichsten Stelle des Bauches beginnen, ihre Beute zerreißen. Der Mensch beutete einen Ort aus, an dem die Berge einander streitsüchtig und trotzig den Rücken zugewandt hatten. Entstanden war daraus die spektakuläre Schlucht.

Dort irgendwo musste auch das gleichnamige Dorf liegen, dessen Schicksal oder auch Fluch es war, zum Synonym zu werden für die brutalsten Martern, die sich ein Mensch für den anderen ausdenken kann. Was hatte das Dorf selbst schon verbrochen? War es nicht genug gestraft damit, aus dieser fruchtlosen Ödnis zu sprießen?

Der Gefängnisdirektor, eine unförmige Masse Fleisch, ein kleiner Berg unter den großen, nur genauso wild oder vielleicht noch wilder als sie, mit zwei tomatenroten Backen, mit seinem Bauch und den Fettwülsten, die ihn am Gehen hinderten, hielt ihnen die übliche Ansprache wie allen Neuankömmlingen: Sie hätten zwar staatsfeindliche Verbrechen begangen, aber die Partei habe ein Herz, so groß wie ein Garten – ja, so drückte er es aus, nur was, mein Gott, für ein Garten konnte in so einer Hölle schon gedeihen! – und gebe ihnen die Chance zur Besserung. Durch ihre Arbeit würden sie tätige Reue zeigen für alles, was sie gegen die Partei und gegen das Vaterland verbrochen hätten. Seine Worte verstärkten nur noch den Brechreiz, den sie bereits durch die steil abwärts führende, kurvenreiche Fahrt des Gefangenenwagens verspürt hatten. Sollte einer von ihnen die Arbeit verweigern oder keine ausreichende Leistung erbringen, fuhrt der Gefängnisdirektor fort, würden Konsequenzen und Strafen folgen. Weiter wolle er vorerst auf die Strafen nicht eingehen. Er hielt inne und schlug einen väterlichen Tonfall an, waren die Gefangenen doch allesamt junge Männer. Nach ihrer Entlassung werde ihr Leben ganz normal weitergehen, sagte er. Zum Schluss, als sei er von seinen eigenen Worten angeekelt, befahl er, sie ins Innere des Straflagers führen.

kunstwerk mit kopf und faust

Ein weiteres Tor ging auf und sie wurden hinter einen weiteren Stacheldrahtzaun geführt – ganz so, als werfe man sie den wilden Tieren vor. Ratlos blickten sie sich um, neugierig beäugt von den anderen Häftlingen. In einförmiger Kleidung steckend, die irgendwann braun gewesen und jetzt vollkommen verwaschen war, fragten ein paar herumstehende Gefangene, wo sie herkamen, in der Hoffnung, dass sich vielleicht unter ihnen ein Bekannter oder aus dem gleichen Dorf Stammender fand, was Glück, aber auch Pech für sie bedeuten konnte. Noch bevor sie einen weiteren Gedanken fassen konnten, befahl ihnen ein Uniformierter, zum Depot zu marschieren.

Der Depotleiter, ebenfalls ein Gefangener, nahm ihnen vor den Augen des Wärters die Sakkos und Hosen ab und händigte ihnen Häftlingskleidung aus. Es hieß, bei ihrer Entlassung würden sie alles zurückerhalten. (Als würde ihnen die Kleidung nach zehn Jahren noch passen!) Hemden und Unterwäsche durften sie unter der Häftlingsjacke anbehalten. Die ausgehändigten Kleider waren alte, zerschlissene Soldatenuniformen vom abscheulichen Braun des Todes.

Der Boden war so abschüssig, dass man den Vorhof treppenförmig gepflastert hatte. Es war inzwischen Herbst, die Tage wurden kürzer, und in den Tiefen der Schlucht noch kürzer. Bis zum nächsten Morgen führte man sie in eine L-förmige Baracke, die erstaunlicherweise Kultursaal hieß, wo man als vorläufige Herberge einen Sperrholzverschlag errichtet hatte, bis jeder neue Häftling endgültig zugewiesen war. Für die fünf Häftlinge standen nur vier Strohsäcke zur Verfügung, die sie zusammenschieben und gemeinschaftlich nutzen sollten.

Neben Aristotelis und Sotiris stammten zwei aus Tirana und waren ehemalige Studenten der Kunsthochschule, der dritte war ein Landwirt aus dem nordalbanischen Lezha. Kahl geschoren und abgekämpft, wie sie jetzt waren, sahen sie alle gleich aus. Die Studenten hatten Aristotelis und Sotiris schon in der Haftanstalt von Tirana kennengelernt, während sie den Landwirt aus Lezha erst im Gefangenenwagen getroffen hatten.

Im Gefängnis von Tirana saß der Landwirt in einer anderen Zelle, von ihm erfuhren sie, dass es noch wesentlich mehr Zellen gab, deren genaue Anzahl jedoch unklar blieb. Die Studenten unterhielten sich über die Theorie der Paralleluniversen, von der Aristotelis zwar schon gehört, aber nichts begriffen hatte. Fotis fiel ihm ein. Vielleicht hätte er sie ihm verständlich machen können so wie damals die Marx’sche Theorie. Aber mittlerweile war ihm am liebsten, von keinem mehr irgendeine Theorie erklärt zu bekommen.

Im Depot hatte man ihnen auch ihre Provianttaschen abgenommen und an einem gesonderten Platz aufbewahrt mit dem Versprechen, sie hätten jederzeit Zugriff darauf. Obwohl sie hungrig waren, legten sie sich, vollkommen zerschlagen, lieber auf nüchternen Magen schlafen, als noch einmal ins Depot zu laufen und nach den Taschen zu fragen, die ohnehin nur wenig Essbares enthielten. Kaum waren sie morgens aufgewacht, tauchte ein Häftling auf und forderte sie auf, ihm zu den Stuben zu folgen. Aristotelis und Sotiris versuchten, zusammen zu bleiben und nicht auf getrennte Stuben aufgeteilt zu werden. Und sie hatten Glück: Der Häftling schickte beide in Stube Nummer 5 im ersten Stock. Bevor er sich abwandte, sprach er sie kurz auf Griechisch an und nannte ihnen seinen Namen. Er hieß Thanassis und stammte aus Dropull. Die jungen Männer reagierten zutraulich, doch der andere hielt sich augenscheinlich zurück.

Die Stube war bloß ein muffiges Rattenloch, das nach Fußschweiß roch. Im Halbdunkel konnten sie einen schmalen Korridor erkennen und drei beidseitig regalförmig übereinander angebrachte Holzpritschen, deren Matratzen dicht an dicht lagen. Dort drinnen drängten sich, wie in einer Sardinenbüchse, in einem Raum von fünfundvierzig Quadratmetern mehr als fünfzig Personen.

Das Stubengebäude war das größte Objekt in der aus minderwertigen Materialien errichteten Anlage. Es war ihr Wohnhaus mit vier Stuben auf jeder Etage. Weniger Raum für mehr als tausend Personen war kaum planbar. An den Seiten und von hinten wirkten die Stockwerke mit ihrem abschüssigen Boden so, als lägen sie auf einer Ebene, dabei waren sie untereinander durch Außentreppen verbunden.

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Wie sie später von anderen Gefangenen erfuhren, war das Gebäude nicht für so viele Insassen angelegt, doch die staatliche Nachfrage nach Kupfer und Pyrit erforderte immer mehr Arbeitskräfte und daher auch den Ausbau der „Schlafregale“ von zwei auf drei Holzpritschen, auf denen man sich gerade mal aufsetzen konnte.

Die Stube war fast leer, da die Häftlinge auf Schicht waren. Thanassis hatte vorhin noch auf zwei leere Matratzen gedeutet und sich mit den Worten „Angenehmen Aufenthalt!“ verabschiedet. Sie wussten nicht, ob der Wunsch ironisch gemeint oder einfach so dahingesagt war.

Zwei oder drei Personen, die noch auf der Stube waren, reckten die Köpfe aus ihren Löchern und fragten, wo sie herkamen. Aristotelis sagte, er sei aus Derviçan, worauf sie „Ach so!“ sagten und verständnisvoll nickten.

Als er sie fragte, warum sie nicht bei der Arbeit seien, erklärte der eine, er habe Krankenurlaub, und der andere, ein uralter Mann, meinte, er könne nicht mehr im Bergwerk schuften und helfe in der Kantine aus, wo er abends Kartoffeln und Zwiebeln schäle.

In dieser düsteren, unmenschlichen Welt also sollten sie die nächsten zehn Jahre verbringen. Die früheren Haftorte hatten sie als Übergangslösungen abgetan, doch diese permanente Zukunftsaussicht ließ sie schier verzweifeln.

Aristotelis bettete sich auf seine Matratze. Das Stroh war völlig plattgedrückt. Wer wusste schon, wie viele Leiber darauf schon gelegen hatten? Paradoxerweise gab es sogar Bettlaken, die jedoch lange schon ihre weiße Farbe verloren hatten. Das mit Stroh gefüllte Kopfkissen war ebenfalls mit einem ehemals weißen Überzug versehen. Alles, Laken, Kissen und selbst die Wände hatten ein helles Rostrot angenommen. Das war die Schattierung, in der alle anderen Farbtöne – Weiß, Braun, Rot und Khaki, und selbst das Blau der Wärteruniformen – endeten.

Der krankgeschriebene Häftling fragte sie, warum man sie ins Gefängnis gesteckt habe. Die Frage kam ganz ungezwungen, ganz gewohnheitsgemäß, so, wie ein Kranker den anderen fragt, woran er leidet. Alle hatten irgendeinen Grund, warum sie eingesperrt wurden, die Mehrzahl wegen regimefeindlicher Propaganda, wegen Landesverrat oder beidem. Zwei monströse Gesetzesparagrafen waren die Grundlage für ihre Verurteilung: Paragraf 64 „Propaganda gegen die Volksherrschaft“ und Paragraf 73 „Vaterlandsverrat, Abschnitt: Fluchtversuch“. Sämtliche Tiger und Leoparden Afrikas zusammengenommen hatten nicht so viele Menschenopfer auf dem Gewissen wie diese beiden albanischen Gesetzesparagrafen. Den Wild-Life-Forschern sind diese beiden Untiere verborgen geblieben… Der Mitgefangene erzählte ihnen, er stamme aus Korça und sei aufgrund von Paragraf 64 zu acht Jahren verurteilt. Er hatte noch anderthalb Jahre vor sich. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder: Der Sohn ging jetzt in die Oberschule, die Tochter in die Grundschule. Als er ins Gefängnis kam, war seine Frau gerade schwanger. Sie kam ihn zwei Mal im Jahr mit ihrem Vater besuchen. Öfter konnte sie nicht. Ylli, so hieß er, sehnte sich nach dem Tag, da er ins ein Dorf zurückkehren und sein Familienleben wieder aufnehmen konnte.

In der engen Stube wurde einem die Luft abgeschnürt und Aristotelis fühlte sich wie in einem Sarg. Als er an die Deckenbretter zum oberen Stockwerk hochblickte, malte er sich aus, er sei lebendig begraben. Viel kleiner konnte in einem Sarg der Abstand zwischen dem Kopf des Toten und dem Deckel nicht sein, überlegte er. Das Atmen fiel schwer, die Luft wurde knapp. Er bedeutete Sotiris, zusammen mit ihm hinauszugehen.

Es war fast Mittag, als die Sonne an einer kaum zu ortenden Stelle aufging. Daran hätte man sich jetzt vielleicht orientieren können, aber sie hatten so ihre Zweifel, ob von diesem Ort, der sich ihnen nur als Längsschnitt präsentierte, überhaupt ein Grundriss existierte.

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Zusammenfassung

In Spaç sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen hart, das Essen reicht kaum zum Überleben. In dem selbstverwalteten Lager erhalten Arbeiter, die ihre tägliche Leistungsnorm erfüllen, als Bonus einige Tage Freigang. Das motiviert sie zur Arbeit und sichert ihnen auch besseres Essen als den Häftlingen zusteht, die nicht in dem Minen arbeiten. Unter den Gefangenenaufsehern befindet sich auch der aus der griechischen Minderheit stammende Thanassis. Im Lager treffen die Jungen auf Antonis, einen Mithäftling aus dem Gefängnis von Gjirokaster, auf Giorgos Safeiris, einen ehemaligen Schüler des Lyzeums (und Hauptfigur in Kotsias’ Roman „Die sieben Fenster”) sowie die beiden aus Derviçan stammenden Kotsios Litis und Grigoris Meros.

Grigoris ist der jüngste Häftling und nur zu vier Jahren Haft verurteilt, die er einem Dummenjungenstreich und einem unglücklichen Zufall verdankt: Als er mit Kohle eine parteifreundliche Parole auf dem Marmordenkmal für die gefallenen antifaschistischen Partisanen, die aus der griechischen Minderheit stammten, schreiben wollte, wurde durch den nächtlichen Regen ein Teil der Parole gelöscht, so dass sie nun regimekritisch klang. Nach ein paar Monaten wird Grigoris wieder freigelassen. Im Gefängnis lernen die beiden jungen Burschen den Italiener Angelo Bertoni kennen, der vom Besatzungsheer aus dem Zweiten Weltkrieg in Albanien zurückgeblieben war und unter der griechischen Minderheit heiratete, doch schließlich ebenfalls als Regimegegner im Gefängnis landete.

Die leidgeprüften Mütter der Häftlinge nehmen eine zweitägige Reise per Autostop auf sich, um ihre Söhne zu besuchen und ihnen Nahrungsmittel zu bringen, während sie von der übrigen Gesellschaft isoliert und ausgeschlossen werden.
Aristotelis wehrt sich im Stollen gegen den Vergewaltigungsversuch eines Mitgefangenen, worauf der Angreifer in die Tiefe stürzt. Er hält die Sache geheim und erklärt den Vorfall zu einem Unfall.

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Grigoris kehrt wieder ins Lager zurück, da er nach seiner Entlassung versuchte, nach Griechenland zu fliehen, an der Grenze jedoch gefasst und zu sechzehn Jahren Kerker verurteilt wird. Nach einem auf unglaubliche Weise gelungenen Ausbruch wird er erneut an der Grenze gefasst und ins Lager zurückgebracht. Bei seinem dritten, verzweifelten Fluchtversuch wird er vom Wachpersonal am Stacheldrahtzaun des Lager erschossen.

Als der Lagerkommandant Sami, ein ehemaliger Mitschüler von Giorgos Safeiris aus dem Lyzeum in Gjirokaster, erfährt, dass sein alter Freund dort gefangen sitzt, ersucht er den Lagerkommissar Izet, ein Auge auf ihn zu haben, um ihn von einem verzweifelten Ausbruchsversuch abzuhalten, der nur tödlich enden kann. Der Kommissar besorgt Giorgos eine Arbeitsstelle, wo er alte Soldatenuniformen für die Häftlinge zurechtschneidert und darüber hinaus auch für ihn selbst und seine Tochter als Änderungsschneider tätig ist.

Aristotelis erkennt im Lager den Verräter Bastri wieder. Als er sich an ihm rächen will, wird er von dessen zwei Gefährten (der eine ein Verwandter, der andere sein Liebhaber) verwarnt, dass sie ihn fertig machen würden, sollte Bastri etwas zustoßen. Sie hielten so eng zusammen, erklärten sie ihm, da ihre durch das Regime exekutierten Eltern im selben Grab lägen. Nach Bastris Entlassung erfährt Sotiris von Giorgos Safeiris, dass er der Spitzel in Aristotelis’ Zelle war, durch den er selbst ans Messer geliefert wurde. Sotiris stellt Aristotelis zur Rede, warum er ihm nichts davon gesagt hat, da sie sich gemeinsam an ihm hätten rächen können. Doch Aristotelis erklärt ihm, er habe die Sache lieber für sich behalten wollen. Dennoch fühlt er sich für Sotiris’ Schicksal und auch für den von ihm begangenen Mord verantwortlich. Er verweigert die Arbeit, wird in eine Isolationszelle gesteckt und beginnt einen Hungerstreik, an dem er schließlich zugrunde geht. Kurz vor seinem Tod gesteht er Sotiris, dass er den blutigen Häftlingsaufstand von Spaç initiiert hat, jedoch unentdeckt blieb und nie darüber gesprochen hat.

Naum, ein neu eingelieferter Häftling, freundet sich mit Sotiris an und verkuppelt ihn mit seiner Tochter zwecks Heirat nach der Entlassung. Im Jahr 1980 wird eine Amnestie erlassen und die meisten Häftlinge kommen frei. Sotiris wird im Zuge dessen ebenfalls entlassen, aber erst einige Tage nach den anderen.

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Als 1985 Enver Hoxha stirbt, ist Sotiris mittlerweile mit Naums Tochter Marieta verheiratet, hat einen eigenen Hausstand und zwei Söhne, genauso wie sein Mithäftling und Dorfgenosse Kotsios, der auch eine Frau und zwei Söhne hat. Zusammen arbeiten sie in der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Figalia, Sotiris’ erste Liebe aus dem Lyzeum, ist mittlerweile verheiratete Ärztin und unterstützt Sotiris’ Frau bei gesundheitlichen Problemen.

Naum besucht nach seiner Entlassung seine Tochter, die in einer guten, liebevollen Beziehung mit ihrem Mann und ihren Kindern lebt. Als sich die politische Lage in Albanien etwas entspannt, werden – unter der strengen Kontrolle der Sigurimi-Organe – touristische Besuche aus Griechenland bei der griechischen Minderheit gestattet. Einer der Besucher ist der bekannte Komponist Mikis Theodorakis, der seinen früheren Mitstreiter und Mithäftling auf den griechischen Exilinseln Theodoros Lekkas, den alten Lehrer in Derviçan, besucht. Das albanische Regime versucht, dem Besucher ein verlogenes Bild vom Wohlstand der griechischen Minderheit vorzugaukeln, doch Theodoros gelingt es, den Komponisten von seinen offiziellen Begleitern zu trennen und ihm den tatsächlichen Zustand des Landes zu erläutern.

Sotiris beginnt, Besuchern aus Griechenland Zigarettenschachteln zuzustecken, in denen sich Briefe an griechische Politiker befinden. Doch die Behörden kommen dahinter und nehmen ihn fest. Die Sigurimi versucht, den ganzen Zirkel auszuheben, der sich mit der Verbreitung der Zigarettenschachteln befasste. Dabei wird ein junger Mann auf frischer Tat ertappt, was Sotiris erpressbar macht. Dadurch sieht er sich gezwungen, erneut mit der Sigurimi zu kooperieren. Diesmal jedoch fasst er die Flucht nach Griechenlandins Auge, um kein Spitzel der Geheimpolizei werden zu müssen. Bei erster Gelegenheit passiert er die Grenze in einer Bergregion, in der sein alter Mithäftling Giorgos Safeiris lebt.

In Griechenland findet Sotiris Arbeit und bald kommt er dahinter, wie seine, in den Zigarettenschachteln geschmuggelten Briefe in die Hände der albanischen Geheimpolizei Sigurimi gefallen sind. In der Zwischenzeit erwartet er die Ankunft seiner Frau und Kinder, da 1990 die Landesgrenzen geöffnet wurden. Sein Landsmann und ehemaliger Mitgefangener Kotsios Litis beschafft Reisepässe und bringt seine und Sotiris’ Familie nach Griechenland, wo sie sich in Athen niederlassen. Giorgos Safeiris, der wegen Fluchtversuchs verurteilt wurde, zieht es schließlich vor, nach der Grenzöffnung im Dorf zu bleiben.

Nationalistische Kreise in Athen kochen die Frage der Vereinigung des griechischen Epirus-Gebiets mit dem albanischen Nordepirus wieder hoch, indem sie überzogene Forderungen an Albanien stellen. Dimokratis, der gegen Sotiris falsch ausgesagt und sich all die Jahre in der Parteihierarchie und in den albanischen Machstrukturen hochgedient hatte, gibt sich jetzt als Repräsentant der Nordepiroten. Als er Sotiris’ Mitarbeit bei der Sigurimi offenbart, versetzt ihm der empörte Sotiris einen Faustschlag ins Gesicht, obwohl ihm längst bewusst ist, dass er sich wieder an den Rand der Gesellschaft manövriert hat, während der andere in deren Mitte steht.

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Zum Autor

Tilemachos Kotsias wurde 1951 unter der griechischen Minderheit in Dropull geboren und lebte bis 1990 in Albanien. Aufgrund der Verfolgung seiner Familie durch das autoritäre Regime wurde ihm das Studium verwehrt sowie literarische Veröffentlichungen in albanischer Sprache. Daraufhin begann er in der griechischsprachigen Zeitung von Gjirokaster zu publizieren. Nach der Grenzöffnung wanderte er nach Athen aus, wo er seinen ersten Erzählband „Vorfall um Mitternacht“ herausbrachte.

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Tilemachos Kotsias in Toledo, der Stadt der Übersetzer

Er war als Dolmetscher und Übersetzer langjähriger Mitarbeiter des griechischen Außenministeriums. Bis heute hat er zwölf Bücher – Erzählbände, Novellen und Romane – veröffentlicht. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht die Geschichte seines Geburtslandes Albanien und griechisch-albanische Themen, aber auch die internationalen historischen Beziehungen. Er wurde mit dem „Athens Prize for Literature“ und mit dem Nikos-Themelis-Preis ausgezeichnet. Darüber hinaus hat er in beide Richtungen Literatur übersetzt, u.a. Ismail Kadare und Ziranna Zateli.

Text: Tilemachos Kotsias. Entnommen aus dem Roman von Tilemachos Kotsias „Chinesische Tinte“, erschienen 2018 im Patakis Verlag. Übersetzung und Fotos: Michaela Prinzinger. Die Aufnahmen stammen aus der Ausstellung des Werks „The Last Judgement Sculpture“ von Anthony Caro in der Berliner Gemäldegalerie 2020.

Es liegt ein längerer Auszug aus dem Roman auf Deutsch vor. Interessierte Verlage wenden sich bitte an die Literaturagentin Catherine Fragou über www.irisliteraryagency.gr oder an die Übersetzerin über www.michaela-prinzinger.eu.

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2 Gedanken zu “Chinesische Tinte

  1. ist eine Übersetzung und Herausgabe in deutscher Sprache geplant? Bei welchem Verlag?

    • Leider noch nicht, wir sind auf der Suche nach einem Verlag! Das ist auf jeden Fall eine wenig beleuchtete Seite der albanischen Geschichte.

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