Athos der Förster

Auszug aus einem Roman von Maria Stefanopoulou

Ab sofort in den Buchläden bestellbar: der Roman „Athos der Förster” von Maria Stefanopoulou, erschienen im Berliner Elfenbein Verlag! Thema: Vier Frauengenerationen und das Trauma der Massenerschießung vom 13. Dezember 1943 in Kalavryta durch die deutsche Wehrmacht. Begleitend zur Publikation haben Sie die Gelegenheit, Maria Stefanopoulou bei drei Lesungen zu erleben: am 24. März 2019 in Leipzig (12.30 Uhr im Forum „Die Unabhängigen” auf der Buchmesse und im Europa-Haus Leipzig, 18.00 Uhr) und am 25. März 2019 in Berlin (19.30 Uhr im Literaturhaus Fasanenstraße). Michaela Prinzinger stellt bei dieser Gelegenheit ihr Arbeitsjournal zur Übersetzung vor.

Lesen Sie zur Ergänzung und Einführung auch das Interview mit der Autorin auf diablog.eu.

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Der Schnee. Athos` Version

Jahrelang habe ich den Mund gehalten. Wenn man sich in der Natur aufhält, lernt man, mit der Stille zu leben. Die Hirten, die ihr Dasein schweigsam und einsam verbringen, können Dinge hören, die weit weg von ihrem Standort passieren – selbst am Berghang gegenüber, unten in der Ebene oder sogar tief im Erdinneren. Die Tiere, die ihrem Herrn für seine Fürsorge oder dem Menschen, der sie irgendwann aus einer Falle im Wald befreit hat, dankbar sind, sprechen mit Blicken, manchmal sogar mit menschlicher Stimme, wenn sie ihnen zu Hilfe kommen oder sie vor Gefahr bewahren wollen. Diese Blicke oder die Stimme, die einen Menschen – wie durch Zauberhand – auf entwaffnend unschuldige und sanfte Art aus einer Bedrängnis befreien können, sind so eindringlich, so uneigennützig und zugleich stolz, weise und klug, dass sie einem tiefen, undurchdringlichen Schweigen gleichkommen, wie es jedem Akt der Dankbarkeit ansteht.

In meiner Heimat, den hohen Bergen von Evrytania, heißt es, die menschlichen Laute der Vögel seien Stimmen von Toten, denen die gebührenden Ehren erwiesen wurden. Redet je ein Vogel mit menschlicher Stimme? In dem Maß wohl, wie ein Pferd sich mit seinem Reiter unterhält. Die Bergbewohner auf ihren Aussichtspunkten sind dem Himmel näher und erleben in der Abgeschiedenheit nicht viel. Doch die Natur mit ihrem weiten Horizont hält ihnen die Unendlichkeit vor Augen. Einfache Geschichten von der Erde und von mühseliger Arbeit, die diese Menschen abends am Feuer erzählen, gewinnen metaphysischen Charakter. Alles erhält eine Bedeutung, ja zwei oder drei, teils logisch und nachvollziehbar, teils unerklärlich, dunkel oder von Angst und Leidenschaft erfüllt, deren Schilderung diese Menschen innerlich erleichtert. In den großen, geschäftigen Städten dagegen kann es den Dingen gar nicht gelingen, irgendeine Bedeutung zu erlangen. Lärmige Eile überdeckt die Stille, menschliche Vogelstimmen sind dort nicht zu hören – wer hätte dafür schon die Geduld? Auch werden die Toten dort schnell, unpersönlich und ohne überflüssige Fürsorge auf den Friedhöfen begraben und sofort vergessen. Pferde gibt es nicht in den Städten, und schwermütig ziehen die Seelen durch baumlose Straßen, ohne Wasser und ohne Aussichtspunkte, im trügerischen Glauben, sich selbst zu kennen und daher Erklärungen gefunden zu haben für Wundersames – Sagen, Geister und Feen, die sich im Wirbelsturm der Bergwinde in den Wäldern verstecken. In meiner Familie, die auf den Rücken des Tymfristos- und Chelidona-Gebirges lebt, erzählt man sich, vom Schicksal am meisten begünstigt seien die gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen, die, um nicht in Gespenster verwandelt zu werden, ihre Wunden, bevor sie in die Erde kommen, versorgen lassen, nachdem sie etwa durch Blitzschlag oder Schlangenbiss, durch eine feindliche Kugel im Krieg, ja aus Neid oder Rache durch einen Messerstich ums Leben gekommen seien. Daher stoße der Vogel, der auf einem solchen Grabstein sitze, außer Gezwitscher auch menschliche Worte und Sätze aus. Dies sei die Stimme des Begrabenen, der den Lebenden für die Vergebung seiner Schuld oder für die Versorgung seiner tödlichen Verletzungen danke.

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Als ich klein war, wusste ich nicht, was ein gewaltsamer Tod ist. Aber mein Gehör gewöhnte sich nach und nach an die vertraute menschliche Vogelstimme, immer wenn ich mich aus dem Dorf in den Tannenwald aufmachte oder wenn ich die Ziegenpfade vom oberen ins untere Viertel einschlug, von Agia Dynati bei den Wassertränken bis Zafeiromylos und Kamaterovryssi oder vom Ahornbaum in Agia Paraskevi bis zu den steilen, dicht bewachsenen Hängen von Apolykaina. Aus der Vogelstimme hörte ich den Segenswunsch meines Vaters Panaitogiannos heraus: »Ich wünsche dir einen friedlichen Tod!« Er hatte als Soldat gleich zwei Kriege mitgemacht – die Balkankriege von 1912 und den Kleinasiatischen Feldzug ab 1921. Da er das Töten und Morden selbst erlebt hatte, träumte er von einem friedlichen Tod. Dieses eigentümliche Gefühl des Todes war mir bereits in jungen Jahren vertraut, als ich gleichmütig auf den moosigen Felsen lag, aus denen stürmisch Wasser sprudelte, meine nackten Arme und Beine schmerz- und lustvoll den Insekten ausgeliefert – Bienen, Wespen, Heuschrecken, Hornissen, Hummeln, schwarzen Raupen, Ohrwürmern, Stechmücken –, die von überallher auf mich eindrangen. So stellte ich mir den »friedlichen Tod« vor: mitten in der prall von Leben und Schönheit erfüllten Natur den Insekten preisgegeben zu sein, die mir das Blut aussaugten und das Fleisch zerstachen, bis mich die Furcht vor der giftigen Kreuzotter auf die Felsspitze trieb, wo Nebelschwaden sich wie Gaze um meine schmerzenden Glieder wanden. Dort fühlte ich, ein vom Schicksal begünstigter Toter, mich zu Hause. Dabei hatte ich weder je einen Schusswechsel miterlebt noch Blutvergießen – bis auf die Insekten, deren Stiche meine Haut röteten und ab und zu einen dunklen Blutstropfen hervorriefen. Wenn ich Jäger auf Vögel schießen sah, wandte ich das Gesicht ab. Der Gedanke, irgendeinem Wesen das Leben zu nehmen, schien mir unbegreiflich, selbst wenn es darum ginge, die eigenen Kinder zu ernähren. In meiner Vorstellung waren gewaltsam Gestorbene und getötete Vögel eins.

So wie es in der Natur viele Gottheiten gibt und es schade ist, dass die Menschen nur einen einzigen Gott haben wollen, der ihre Fantasie einschränkt und sie zwingt, ihre Rettung nur bei ihm allein zu suchen, gibt es in den Städten, aber vor allem in kleinen Gemeinschaften eine große Zahl von Geistern. Möglicherweise waren recht viele von ihnen nach einem gewaltsamen Tod zu Spukgestalten geworden. Als Kind hörte ich in Kastania, die Geister seien Tote, die aus Liebe, Pflichtgefühl, eines unerfüllten Versprechens wegen oder auch aus Zorn auf einen noch lebenden Mitmenschen auf der Erde bleiben müssten. Ich fürchtete mich vor den Spukgestalten, die ich mit den Taten der Erwachsenen, mit Hass und Leidenschaft in Zusammenhang brachte. Doch ich wusste, dass die Geister niemals Zuflucht im Wald suchten und nur ungern mit Feen und Trollen verkehrten. Lieber verstörten sie ihre Angehörigen, die in Häusern und Siedlungen, auf den Straßen der Stadt und den Friedhöfen zurückgeblieben waren. Aber das hatte ich mir vielleicht – wer weiß, warum – selbst ausgedacht. Ich liebte die Bergwälder um unsere Dörfer und die Gipfel mit ihren niedrig hängenden Wolken, die man fast mit der Hand berühren konnte. Von da an wurden die Bäume meine besten Freunde und die Stille der Tier- und Pflanzenwelt zu meiner zweiten Haut. Mit achtzehn beschloss ich, Förster zu werden. 1928 verließ ich mein Dorf, um an der Lehranstalt für Forstwirtschaft von Vytina zu studieren. Die Peloponnes war ganz anders als Evrytania, unsere eigentliche Heimat. Dorthin sollte ich nie mehr zurückkehren, sondern nur noch in Gedanken durch die heimischen Berge streifen.

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Letzten Endes wird der Mensch – ganz gleich, wie sein Leben verläuft – stets zu dem, was er von Anfang an werden wollte. Mein deutscher Lehrer an der Fachschule, ein bedeutender Experte der Forstwirtschaft, erzählte uns, alles, was man in seiner Jugend ersehne, finde man schließlich im hohen Alter reichlich vor. Wie das zustande komme, könne er uns allerdings nicht erklären. Das Kind, sagte er, wachse mit elterlicher Fürsorge auf, so wie der Baum mit den Geheimnissen der Erde. Alle Eltern hätten tiefe und dunkle Geheimnisse, die sich später – ob man wollte oder nicht – in Sehnsüchte der Kinder verwandelten. In gute oder böse Sehnsüchte, das könne man nicht vorhersehen. Ihnen jage das Kind, ohne es darauf anzulegen, sein ganzes Leben lang nach, bis es schließlich doch zu der Person werde, die es werden sollte. Für Menschen und Bäume gilt dasselbe Gesetz. Als mich Marianthi fragte, warum ich den Wald so sehr liebte, antwortete ich, er komme mir wie eine menschliche Stadt vor, voller Leben und Saft, Licht und Schatten, ein üppiger Kosmos, bewohnt von Stimmen und Schweigen, starken und schwachen Wesen – ganz wie die Menschen, nur ohne deren Bosheit. Stundenlang saß sie auf der Lichtung und wartete, bis ich das Baumharz gesammelt hatte. Dabei konzentrierte sie sich, wie sie mir erzählte, stets auf einen einzigen Gedanken, während sie die hohen, feierlich dastehenden Stämme und deren dichte, dunkle Laubkronen betrachtete: Was war wohl los mit einem toten Baum, bevor er gefällt wurde? Und was wird aus einem grünenden, blühenden Baum, wenn er vertrocknet?

Niemand betritt den Wald, als sei es das erste Mal. Alle Menschen spüren, dass in früheren Zeiten, bevor ihre Spezies einen tierhaften Leib mit Beinen zur Fortbewegung entwickelte, ihr ursprünglich pflanzlicher Körper dank unsichtbarer Wurzeln aus der Erde wuchs und sich in unbekümmerter Reglosigkeit vom Grundwasser nährte. Wasser ist das gemeinsame Schicksal für alles, was sich bewegt, und für alles, was unbeweglich bleibt, für Menschen und für Bäume. Die Herkunft bestimmt das Schicksal. Fehlt dir, was dir Leben spendete, stirbst du. Bekommst du es im Übermaß, bleibt es dir im Hals stecken. Wird unser Planet von einer großen Dürre heimgesucht, geht das Pflanzen- und Tierreich zugrunde. Dann werden nur die aus anderen Materialien errichteten Menschenwerke – Wohnungen, Brücken, Straßen, Gebäude und Gotteshäuser – erhalten bleiben, als einsame, nutzlose Denkmäler einer Kultur des Wassers. Und wenn die Meere überfließen und das Eis der Antarktis schmilzt, wird alles unter den eiskalten Wassermassen der Ozeane begraben.

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Als Marianthi zum ersten Mal in den Wald von Vytina kam, fiel ihr Blick gleich auf mein Barett, das dem eines Marinesoldaten glich und zur Uniform eines Jungförsters gehörte. Zusammen mit anderen Absolventen des Jahrgangs 1930 /31 feierte ich damals den Abschluss an der Lehranstalt für Forstwirtschaft und die sofortige Einstellung der zwei Jahrgangsbesten am Staatlichen Forstamt. Das betraf mich und einen Kommilitonen, obwohl wir beide unseren Wehrdienst noch nicht abgeleistet hatten. Zu unserer großen Freude mussten wir sonst kein Aufnahmeverfahren durchlaufen. Marianthi war mit ihren Mitschülerinnen der Webwerkstatt dazugestoßen, um – ganz ohne Begleitung – auf einem ersten spontanen Ausflug den Sommer willkommen zu heißen. Obgleich sie, gut gekleidet, zurückhaltend und mit vornehmen Umgangsformen, wie ein Mädchen aus der Stadt wirkte, zeigte sich rasch, wie vertraut und kühn ihr Verhältnis zur Natur war. Ihre Halbschuhe füllten sich mit Erde, als sie im Spiel mit den Freundinnen zwischen den Bäumen umherlief, ihr Kleid wurde schmutzig, ihre Haarbänder lösten sich, so dass ihr die Locken über die Schultern fielen und ihr Gesicht zur Hälfte geheimnisvoll verhüllten. Kaum waren wir ins Gespräch gekommen, vertraute sie mir an, dass sie zwar in Valtesiniko in einer Baumhöhle zur Welt gekommen war, aber seither keinen Wald mehr betreten hatte. Dennoch schien es – seltsamerweise –, als hätte sie ihr ganzes Leben dort verbracht. Sie konnte ihr Lachen über mein Barett nicht unterdrücken und fragte sich, was diese Matrosenmütze mit der Forstverwaltung zu tun habe. Am Schluss der Unterhaltung behauptete sie steif und fest, es gebe Bäume, die im Meer wuchsen. Wir müssten nur zusammen nach Zakynthos fahren, dann würde sie es mir beweisen.

Die ersten Forstbeamten gleich nach der Gründung des griechischen Staates waren bayerische Forstwirte beziehungsweise Offiziere der bayerischen Armee. Vielleicht war mein Lehrer ein Nachfahre dieser Pioniere. Die Staatliche Forstverwaltung war damals nach dem Vorbild der bayerischen Gesetzgebung aufgebaut worden, da die Bayern über großes Wissen und eine vierhundertjährige Erfahrung in der Bewirtschaftung von Wäldern verfügten. Sie unterteilten das bewaldete Land, errichteten die sieben ersten Forstämter – Roumelien, Euböa, Attika, Elis, Arkadien, Messenien und die Kykladen – und legten die Hierarchie der Staatlichen Forstverwaltung fest: Forstinspektion, Forstamt, Forstrevier, Waldhüter. Sie erklärten einzelne Gebiete zu Nationalparks, in denen Holzfällerei, Kohleherstellung oder das Sammeln von Brennholz und Baumharz erlaubt war.

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Das Sammeln von Baumharz war meine Lieblingsbeschäftigung. Die Hirten wiederum verursachten mir Probleme. Sie respektierten weder naturbelassene noch kultivierte Forstgebiete. Schäfer und Pächter tummelten sich stets in anderen Gegenden, als ihnen zugewiesen waren. Gleich nach meinem Dienstantritt übernahm ich mit Engagement und im Bewusstsein meiner hohen Verantwortung die Leitung des Forstreviers von Xylokastro. Wenn ich meinen Vorgesetzten, den in Deutschland ausgebildeten Leiter des Forstamts von Vytina vertreten musste, verbrachte ich Stunden vor seinen Bücherregalen und nutzte jede Gelegenheit, um meine Wissenslücken in forstwirtschaftlichen Fragen zu schließen. Ich studierte Lehrwerke zur Botanik, Bodenkunde und Meteorologie und spielte sogar mit dem Gedanken, mich an der Universität von Thessaloniki einzuschreiben, wo vor kurzem die Hochschule für Forstwirtschaft gegründet worden war. Meine Aufgabe war, dafür zu sorgen, dass in der Holzwirtschaft die Vorschriften befolgt, die Waldgebiete meines Zuständigkeitsbereichs bewirtschaftet, Verbote eingehalten, der Wald im Bereich von größeren und kleineren Gemeinden sowie Klöstern beaufsichtigt, forstwirtschaftliche Produkte versteuert, Brandschutz aufrechterhalten und forstrechtliche Übertretungen geahndet wurden. Im Notfall konnte ich auf die Hilfe der Gendarmerie zurückgreifen, was aber niemals erforderlich war. Mit knapp einundzwanzig Jahren betreute ich Waldhüter und Flurwächter, Schreibkräfte und Forstanwärter. Marianthi, die ganz versessen war auf die Montur, pflegte meine khakifarbene Pelerine mit dem weichen Kragen – im Sommer war sie aus Leinen, im Winter aus Wolle – und die langen Hosen mit den ledernen Knieschützern genauso einfallsreich, aufmerksam und hingebungsvoll wie die von ihr bestickten Webstoffe. Dazu besaß ich einen Kurzmantel mit Schulterklappen, auf denen zwei mit Silberfaden gestickte Eichenblätter genäht waren, denn erst ein Revierförster durfte mit Goldfaden gestickte Aufnäher tragen. Meine Matrosenmütze, die so viel Heiterkeit hervorgerufen hatte, war zur Kennzeichnung des Dienstgrades von einem dunkelgrünen Seidenband eingefasst, doch ich verzichtete auf die beiden roten Litzen, die für die Epauletten meines Mantels bestimmt waren. Marianthi hatte sie, als kleines Geschenk für unsere künftigen Kinder, an die Gardinen geheftet. Darüber hinaus besaß ich eine Schusswaffe, die ich auf meinen Kontrollgängen mit dem Forstgehilfen stets dabei hatte und ihm überließ. Selbst angefasst habe ich sie nie.

»Die Ruhe des Waldes ist wie die Stille in einer Kirche«, sagte Marianthi eines Tages, als wir einen Waldweg in Vytina entlangspazierten. Wir hatten – sie war gerade achtzehn – nur wenige Wochen nach meiner Abschlussfeier und dem Dienstantritt geheiratet. »Im Wald sieht man kein Sternenlicht«, flüsterte sie mir in der Hochzeitsnacht zu. »Wir werden unsere Liebe im Schatten und wie nach innen gewandt leben.« Ihr blinder Vater kam des öfteren mit seiner zweiten Tochter Dorothea aus Valtesiniko zu Kurzbesuchen nach Vytina. Marianthi blickte in seine starren Augen und versuchte zu erraten, was hinter der Nebelwand lag, die seine Sicht trübte. Dort erblickte sie sich selbst – als achtjähriges Mädchen, dessen Gesicht sich damals zum letzten Mal im väterlichen Blick spiegelte. Danach hatte ihr Vater das Augenlicht verloren, konnte seine heranwachsende Tochter nicht mehr wahrnehmen, sah sie niemals im Brautkleid. »Ich bin im Schatten aufgewachsen«, sagte sie. »In der Dunkelheit der Frauenempore, auf der ich saß, wenn ich mit meiner Mutter in die Kirche ging. Jetzt bin ich die Frau des Försters, die sich dem von ihm regierten Schattenreich würdig erweist. Ich werde die Bäume lieben wie meine leiblichen Eltern und für sie sorgen wie für meine Kinder.« Danach kamen die ersten Versetzungen, zuerst nach Mytilini, wo unser Sohn Giannos geboren wurde, dann nach Zagori, wo Marianthi unsere Tochter Margarita zur Welt brachte. Kurz vor dem Krieg im Jahr ’39 übernahm ich das Forstrevier Kalavryta, das zum Forstamt Vytina gehörte und der Forstinspektion Patras unterstellt war.

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Aber wieso interessiert sich Lefki für all das? Lefki verlangt von mir, mein Schweigen zu brechen und zu sprechen – über ganz andere Dinge, über den Krieg, über die Brandschatzung von Kalavryta und über das Massaker an den männlichen Dorfbewohnern auf Kapis’ Acker. Sie wollte wissen, wie ich starb, wie ich überlebte. Ich spreche, und Lefki schreibt. Nein, sie notiert nicht wortwörtlich, was ich sage. Ich, Athos, Förster von Kalavryta, Ehemann von Marianthi, Vater von Margarita und Giannos, getötet mit dreiunddreißig Jahren von den Deutschen durch einen Genickschuss im Zuge der Vergeltungsaktion von ’43, habe jetzt als alter Mann beschlossen zu sprechen, Margaritas Tochter, meiner Enkelin Lefki zuliebe. Doch ich will über das Leben sprechen, über Marianthis Liebe, über meine in der Natur genährten und dann wieder erloschenen Gefühle und Träume, über mein Haus im Wald. Lefki sagt etwas Erschreckendes: »Ich bin Athos. Ich habe das Massaker überlebt. Ich spreche über meinen Tod. Ich lege Zeugnis von dem Verbrechen ab. Ich habe überlebt und muss bezeugen, wie es dazu kam und wie mein Leben nach der Hinrichtung weitergeführt wurde. Athos hat es vergessen, weil er leben musste. Aber ich, Lefki, erinnere mich. Die Vergangenheit ist für mich nicht Geschichte. Sie ist mein gegenwärtiges Leben. Wenn wir Jüngere uns an die Kriegsverbrechen erinnern, erleichtern wir unseren Eltern und Großeltern, die sie tatsächlich erlitten haben, das Vergessen. So helfen wir ihnen, sich mit ihrer dunklen Seite zu versöhnen. Wir opfern uns für sie auf. Normalerweise, heißt es, sollen sich Eltern für ihre Kinder aufopfern. Das könnte nun wechselweise geschehen. Margarita, meine Mutter, hat vergessen, um leben zu können. Marianthi war hin- und hergerissen zwischen Vergessen und Erinnern. Sie hatte sich aus dem Leben zurückgezogen, ohne ganz darauf zu verzichten. Athos ist meine eigene Erinnerung. Eine schwierige Erinnerung, die dank der Vorstellungskraft des Grauens zum Leben erwacht. Auch der Ort erinnert sich. Auf dem Hinrichtungshügel, auf Kapis’ altem Acker, erhebt sich heute ein weißes Kreuz. Unter dem Segen des unsichtbaren Gekreuzigten lebt in der neu erbauten Stadt zu seinen Füßen die junge Generation, lässig oder fanatisch, mitfühlend oder gleichgültig, ganz in der Trägheit der verborgenen historischen Wahrheit versunken. Zeigen die deutschen Vergeltungsmaßnahmen von ’43 in Kalavryta einen Akt der Opferung oder ein Verbrechen an?«

Lefki hat von Kind auf bis heute als reife Frau und Mutter niemals aufgehört, Fragen zu stellen. In ihren Pupillen leuchten zwei Fragezeichen, die niemals erlöschen – egal, welche Antwort sie erhält. Mit bohrendem Blick führt sie ihr Verhör. Warum? Wie? Auf welche Weise? Wann genau? Als sie klein war, erzählte ich ihr über den Wald. Nur dadurch war sie zu beruhigen. Sobald im Sommer die Schulen schlossen, nahm ihre Mutter Margarita sie aus Athen mit nach oben ins Chelmos- Gebirge und ließ sie bei mir in der Hütte. Damals waren mit dem königlichen Dekret von 1966 gerade die Forstreviere abgeschafft worden. Obwohl ich weder gekämpft noch jemals eine Waffe in der Hand gehalten hatte, erhielt ich eine Kriegsversehrtenrente (andere nannten sie »Kriegsopferrente«) und arbeitete nun ehrenamtlich in den neuen Kreisforstämtern. Dort machte man sich meine Erfahrung bei der Planung und Anlegung von Waldwegen zunutze, auf denen mir Lefki wie gebannt folgte. Sie sahen alle gleich aus. Man konnte sie kaum voneinander unterscheiden. Nur ich und die Holzfäller wussten, wie. Trotzdem saß man immer wieder plötzlich in einer Sackgasse fest, die von Unterholz, Gesträuch und Gebüsch aus Kermeseichen versperrt war. Man kam einfach nicht weiter, doch umkehren konnte man auch nicht, da die nächste Ortschaft genau auf dem eingeschlagenen Weg lag. Rechts und links hohes Heidekraut und riesige Baumstämme wie Leute im Hinterhalt, die einem schweigend auflauerten. Dann fiel Lefki die rote Markierung an der Gabel eines niedrigen, schräg ragenden Astes ins Auge. »Hier entlang«, deutete sie. Die Stämme standen immer dichter, was darauf hinwies, dass es sich um einen alten, von Wildwuchs überwucherten Pfad handelte. Hier war ganz vorsichtig der Durchgang freizulegen und nur die trockenen Zweige zu kappen. Was machen wir, wenn wir auf einen Holzweg geraten?, fragte ich Lefki. Wir müssen stehen bleiben und uns mit klarem Kopf sorgsam umschauen, erwiderte sie. Und wenn du vorsichtig und konzentriert jeden einzelnen Punkt erforschst, an dem du gerade stehst, denkst du notgedrungen genau nach, sagte ich zu ihr. Und dann wird dir nur durch die Kraft der Gedanken blitzartig klar, wie du weitergehen musst. In den Wäldern kriegst du bestimmt mehr mit als in den Büchern, die du liest. Die Bäume und Felsen bringen dir mehr bei als wissenschaftliche Lehrer. Das Leben des Walds besteht aus Geben. Sturzbachartigen Regenfällen widersteht er durch sein dichtes Laub. Baumstämme und Gebüsch schützen die Hänge vor der Bodenerosion, wenn große Wassermengen herabfluten. Die Täler bewahrt er vor Verschlammung und Moorbildung, und die Ebenen und Äcker vor Überschwemmungen. Er bringt das außer Rand und Band geratene Wasser wieder zur Vernunft und reguliert seinen Lauf. Wirbelstürme löst er auf und verwandelt sie in ein sanftes Lüftchen. Er hilft, den winterlichen Boden zu wärmen und die dicke Schneedecke zu erhalten, er verzögert die Eisschmelze im Frühjahr und mildert die Hitze im Sommer. Die Bäume reinigen ihre Umgebung, denn sie nähren sich von Parasiten und Mikroorganismen, die sich in feuchten Böden, im Dreck und Morast, in stehenden Gewässern unter diesigen Nebelbänken entwickeln, und schaffen lebensspendende und saubere Luft. Sie nehmen das Wasser aus dem Boden in sich auf, geben es mit ihrem Atem in die Luft ab und tragen so zur natürlichen Entgiftung der Sümpfe bei. Doch der Mensch braucht laufend Brachfelder und Weiden, Wohnraum und Stallungen für sein Vieh. Eine Folge der dafür nötigen Rodungen sind Muren, die über Äcker und Weiden strömen.

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»Ich bin Athos«, sagte Lefki immer wieder, während sie zu einer jungen Frau aufblühte. »Manchmal findet die Welt zur Harmonie, und die Dinge entdecken ganz von allein ihren Platz. Hinter dieser Ordnung stehen großer Schmerz, viele Tränen, ein würdeloser Tod und Verrat, Mühsal und Schweiß.« Teilnahmslos hörte Marianthi ihrer Enkelin zu, mit einem kühlen Blick aus ihren graublauen Augen. Sie sagte nichts. In sich selbst gekehrt, war sie an einem unbekannten Ort von wilder Einsamkeit, an dem die Zeit stillstand und die Ereignisse an ihr vorbeirauschten. Meine Tochter Margarita gab nichts auf Lefkis zusammenhangloses Zeug, es war ihr unverständlich. Außerdem wollte sie gar nicht verstehen, denn sie führte ihr eigenes Leben, und das genügte ihr. Eine Tochter, der die Fantasie durchging, hatte darin nichts zu suchen. Sie selbst, Margarita, lebte ihr Leben in Athen, als wäre sie in dieser Stadt geboren. Sie baute ihren Freundeskreis aus und wurde dann und wann melancholisch angesichts der strahlenden Schönheit, die ihr der Spiegel zurückwarf. Ihre Schönheit löschte jeden dunklen Punkt des früheren Lebens aus.

Nie hatte ich den Wald so nötig wie gleich nach meinem Tod. Oder, besser gesagt, wie im Moment meines Todes. Nur dreizehn Männer hatten Hitlers Vergeltungsmaßnahme, die als »Sühne« gedacht war, in Kalavryta ’43 überlebt. Bis heute, fünfundfünfzig Jahre später, habe ich, einer der dreizehn, im Chelmos-Gebirge gelebt. Wie ein waidwundes Wild hatte ich mich dorthin geflüchtet, als die deutschen Soldaten mit ihren Maschinengewehren dem blutigen Haufen der Hingerichteten den Rücken kehrten und in Reih und Glied zum Ausgang des Ortes zurückmarschierten, in dem das Feuer wütete und alles ringsum vernichtete. Nur in ganz wenigen Fällen, bei höherer Gewalt oder wenn ich bestimmten Verpflichtungen nachkommen musste, kehrte ich an diesen Ort zurück, den ich ein für alle Mal hinter mir gelassen hatte, und jedes Mal war ich danach mit noch größerem Verlangen in den Wald gestrebt. Wo immer ich mich auch aufhielt, ich konnte an nichts als an Flucht denken. Eine Flucht, die mich hoch in die Berge oder tief in die Abgründe meiner selbst führte. Am Kopf trug ich das Loch, das mir der Genickschuss hinterlassen hatte. Wie schwer wiegt ein Loch im Schädel? Eine leere Augen- höhle?

»Ich bin Athos«, sagt Lefki immer wieder. »Erzähl mir, wie du dich vom Ort der Hinrichtung davonmachen konntest. Wo hast du dich versteckt? Wie war es möglich, dass du trotz deiner Verwundung gehen konntest? Wie hast du Schnee und Kälte ertragen? Hör auf, mir Geschichten aus dem Märchenwald zu erzählen. Ich habe das Loch im Kopf. Die Kugel war für mich bestimmt. Ich heiße nicht Lefki, ich heiße Athos.«

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Jedes Mal versuche ich, Lefki zu besänftigen. Über den Krieg sprach ich nie, weder über den gegen die Deutschen noch über den griechischen Bürgerkrieg – schon allein, weil mich lange Jahre Erinnerungslücken quälten. Dann kehrte die Erinnerung durch Bilder zurück, ausschließlich durch Bilder, die – obwohl sie mich heimsuchten und meine Gedanken überschatteten – meinen Alltag nicht beeinträchtigten. Im Wald fand ich immer meinen Weg, und die von mir angelegten Karten waren tadellos. Ehrenamtliche Aufgaben im Sägewerk, im Holzlager und in der Baumschule erfüllte ich mustergültig. Ich kümmerte mich um Lieferungen, unterstützte die jüngeren Waldarbeiter und erteilte ihnen Unterricht. Alles, was meinen Beruf betraf, war mir bis in jede Einzelheit gegenwärtig und bewusst. Auch in der Folge hielt ich mich über den neuesten Stand der Forstwirtschaft auf dem Laufenden.

Lefki ging irgendwann zum Studium ins Ausland, kehrte mit einem strohblonden Mädchen zurück und bewarb sich als Ärztin am Krankenhaus von Kalavryta. Sie hatte Glück, alles lief nach Wunsch. Mitte der achtziger Jahre ließ sie sich in einem eiskalten Dezember in der Stadt nieder. Gleich danach fiel Schnee. Berge, Häuser und Bäume lagen unter einer dicken Wattewolke, alles verschmolz zu einer stillen, weißen Landschaft, Straßen und Wege waren verschwunden und die Entfernungen beseitigt. Die Tannen an den niedrigen Hängen berührten die Bergspitzen, und die Hügel der Stadt reichten bis zum trockenen Flussbett in der Vouraikos-Schlucht. Nachdem Lefki auch ihrer Tochter einen Rucksack übergestreift hatte, kam sie nach zweistündiger Wanderung bei mir an, in der Hütte auf der Tannenhöhe im Chelmos-Gebirge. Als ich sie auf der Türschwelle erblickte, stammelte ich unwillkürlich Marianthis Namen. Der eisige Wind trieb einen vertraut duftenden Atem ins Zimmer, das Feuer in meinem Rücken flammte auf, und ein Holzscheit sirrte, während es in die Asche sank. Die knallroten, weit offenen Nüstern meiner Enkelin starrten mir wie zwei überrascht aufgerissene Augen entgegen. »Wie hast du den Weg im Schneesturm gefunden?«, fragte ich Lefki verblüfft. »Ich habe wie die Waldmenschen durch die Nase geatmet. So, wie du es mir beigebracht hast«, meinte sie, während sie das schläfrige Kind vor den Kamin bettete.

Es gibt Menschen, deren Passion sich nicht in der Natur ausleben lässt, und andere, die Angst davor haben, sich ihr anzuvertrauen: Vielleicht sind es böswillige Menschen mit liederlichen Gefühlen, vielleicht sind sie einfach nur gleichgültig angesichts der Essenz des Lebens – verkrochen ins eigene Schneckenhaus, öffnen sie sich ihren Mitmenschen nur, um sie auszunutzen oder anzugreifen und damit ihre kleinmütige und geistlose Welt zu rechtfertigen, als lebten sie einer ansteckenden Krankheit wegen in Quarantäne. Solche Leute können die Gefahren, die in der Natur lauern, nicht von deren Wohltaten unterscheiden und diesen schicksalhaft kreativen Widerspruch nicht akzeptieren. Deshalb haben sie Angst vor der Natur, stehen ihr feindlich und arrogant gegenüber oder fühlen sich einfach nur von ihr gelangweilt. Lefki ist verwundbar wie ein Regentropfen, hart wie eine Walnussschale, rein wie Muttermilch. Ihr sanfter, vorsichtiger Atem birgt einen zärtlichen Argwohn. Mit derselben bedachtsamen Hingabe wagt sie sich aus der Deckung und zieht sich aus Selbstschutz wieder zurück. Sie ähnelt einer verschneiten Landschaft im Herzen des Winters. Der Schnee lässt die Schöpfung gefrieren, bewahrt jedoch gleichzeitig die Bodenwärme und beschützt die Pflanzen, damit sie im Frühjahr noch kräftiger und grüner aufblühen. Frau und Kind wenden jetzt ihre geröteten Gesichter den Flammen zu, die sich um die Scheite im Kamin ringeln. Schweigend blicken sie in den dunklen Schlund des Schornsteins. Lefki scharrt mit einem eisernen Haken die Asche zusammen und wendet die Kartoffeln in der Glut. Kalavryta steht in Flammen. Der Geruch von Kohlenstaub und Ruß macht sich im Raum breit. Lefki fragt mich, wie ich das Massaker überlebt habe. Wie ich die Kraft fand, die Leichen meiner Kameraden beiseitezuschieben und mich aus der Umklammerung des Todes zu befreien. Sie fragt, ob es zu den Vergeltungsmaßnahmen gekommen sei, weil Partisanen die achtundsiebzig deutschen Gefangenen aus der Schlacht von Kerpini getötet hätten. Ob es wahr sei, dass man sie nach ihrer Exekution, mit Seilen aneinandergebunden, in die Mageros-Schlucht geworfen habe. Warum ich in den Bergen geblieben und nach der Hinrichtung nie wieder in die Stadt zurückgekehrt sei. Wieso ich Marianthis Liebe verraten und Margarita und ihre Mutter ganz ihrem Schicksal überlassen hätte.

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Auf jede erdenkliche Weise zeigte ich Lefki den Wert des Schweigens, in dem alle Antworten verborgen liegen. In tiefster Stille kannst du selbst das Geräusch einer auf den Erdboden fallenden Fichtennadel hören. Man kann eine Opferung von einem Verbrechen unterscheiden, Heldentum von blindem Gehorsam, Bestrafung von brutaler Rache. Krieg, jeder Krieg, ist abscheulich und sollte niemals verherrlicht werden, denn er endet stets in Gemetzel. Doch da in den Kampfhandlungen nicht Tiere, sondern Menschen abgeschlachtet werden, sind Rechtsprechung und moralische Kriterien, die das Gebot »Du sollst nicht töten« außer Kraft setzen und das Blutbad legitimieren, fein aufeinander abgestimmt. Kein Staat hat die Griechen zum Kampf aufgefordert, von ganz allein sind sie in die Berge gezogen, um dem Eroberer Widerstand zu leisten. Aber selbst ein heroischer Widerstand kann Monster gebären und das Licht der Gerechtigkeit in einer beschämenden, doch bis zu einem gewissen Grad gerechtfertigten kollektiven Amnesie erlöschen lassen. Doch welcher Dritte könnte – angesichts der Genugtuung der Sieger, die keine Sieger sind, und angesichts der Demütigung der Verlierer, die keine Verlierer sind – den Bruderzwist des Bürgerkriegs und die mörderische Ideologie des Totalitarismus anerkennen? Beide Lager steuern darauf zu, sich auf fatale Weise gegenseitig auszulöschen, durch einen Vernichtungskrieg aufzuspalten, um die Macht des Stärkeren durchzusetzen. Das Land bricht auseinander, einen dritten Weg gibt es nicht. Die kollektive Amnesie lässt den Preis eines Menschenlebens belanglos erscheinen; auch der Aufstand des Einzelnen erscheint sinnlos, selbst wenn er allein, vom Gedächtnis getragen, sich aus verschiedenen Richtungen dem überindividuellen »Wir« zuwendet. Wir Menschen fordern von uns selbst, bereit zum Heldentum zu sein. Doch wer sagt, dass man von Natur aus zum Heldentum geboren ist? Kurt konnte den Krieg, den seine Heimat unter Hitler losgetreten hatte, gut erklären. Wenn du Sieger bist, sagte er, dann besteht das Heldentum aus schönen Taten. Aber wenn du auf der Verliererseite stehst und die Kraft finden musst, deine Situation wahrzunehmen und sie wieder unter Kontrolle zu bringen, erweist sich das Heldentum als eine feindliche, gefährliche Macht, die dich fertigmacht – ein rechter Moloch. Das könnte man, obwohl es nicht genau dasselbe war, auch über den griechischen Bürgerkrieg sagen. Jedenfalls verlief er genau wie der Akt einer Tragödie. Beide Seiten – nur vielleicht die Verlierer noch mehr – waren zum Kämpfen gezwungen.

Ich beschloss, mein Schweigen zu brechen. Doch anstatt selbst zu sprechen, höre ich den Stimmen der anderen zu: Marianthi, Margarita, Kurt, ich höre Lefkis beharrliche Fragen. Die Personen des Dramas sprechen für mich, in meinem Namen. Ich höre ihren Reden zu, die aus dem Knistern der Holzscheite im Kamin dringen. Die Flammen haben sich bläulich verfärbt, und Lefki stochert immer noch, ganz versunken in den Anblick der verschneiten Landschaft, in der Asche. Dieser Landschaft wird sie sämtliche Gedanken widmen, ihre Atemzüge, ihren drängenden Wunsch, etwas Positives zu leisten. Lefki ist ein Kind der Schönheit und der mitfühlenden Sorge für die Erniedrigten dieser Erde. Sie ist ein Naturmensch, ganz wie ich, der alte Vater ihrer Mutter. »Warum warst du nicht im Widerstand? «, fragt sie. »Wieso hast du nicht gekämpft?«

Ja! Der Mensch ist zum Kämpfen gemacht, um die Kultur zu verteidigen und die Barbaren abzuweisen. So liefere auch ich mir Schlachten mit der Natur. Denn ich bekämpfe sie, weil ich sie liebe. Sie ist kein äußerer Feind, ich trage sie immer in mir. Die Natur tötet entweder selbst oder rät heimtückisch zum Verbrechen. Ich zähme und entwaffne sie, fühle unendliche Bewunderung für ihre Barbarei, die in sich Labsal, Fruchtbarkeit und Wiedergeburt birgt. Andere kämpfen aus Hass, aus Pflicht, aus dem Gefühl des Nicht-Seins. In der Natur gibt es keine Erniedrigung wie unter Menschen. Empfindet ein Tier Erniedrigung? Ein Baum etwa? Lefki fragt mich nach dem Schnee. Schnee fällt nicht, um Hänge und Berggipfel zu bedecken, vielmehr soll er jedem Tier ermöglichen, Spuren zu hinterlassen. Kaum waren die Gewehrsalven auf Kapis’ Acker verstummt, schlug ich meine Augen auf und fühlte, dass ich tot war. Keiner lag neben mir. Ich war allein. Die Figur von Giannos war ausradiert. Ich begriff, dass ich meinen Körper bewegen konnte, obwohl ich tot war. Als ich mich den Hang hinunterrollte, sah ich Tierspuren im Schnee. Die Entscheidung, ihnen zu folgen, rettete mich nicht nur vor dem deutschen Soldaten, der die Genickschüsse vornahm, sondern zeigte mir vor allem, wie nötig ich es hatte, dem Leben auf die Spur zu kommen, das wirklich zu mir passte – selbst wenn es nur ein Leben nach dem Tod war. Nicht weit entfernt standen die ersten Tannen, und ich trat in den Wald. Nach und nach sollte ich jeden einzelnen seiner Wege kennenlernen.

Text: Maria Stefanopoulou, entnommen aus dem Roman „Athos der Förster“, erschienen im Elfenbein Verlag 2019. Übersetzung: Michaela Prinzinger. Lektorat: Andrea Schellinger. Fotos: Michaela Prinzinger.

buchcover athos der foerster

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Ein Gedanke zu “Athos der Förster

  1. Liebe Michaela,
    sehr verspätet möchte ich dir ganz herzlich zu deiner Übersetzung von Marias Roman gratulieren. Ich bin richtig glücklich, dass das Buch nun durch deine große Arbeit auch für deutschsprachige Leser zugänglich ist, und ich habe es schon mehrfach verschenkt.
    Dein Arbeitsjournal habe ich mit großem Interesse gelesen. Da ich Schramms Denken sehr gut kenne, möchte ich fragen, ob du an einem Punkt eine Änderung vornehmen könntest. Sie hat das Wort “Wiedergutmachung” völlig abgelehnt, man könne nichts “wieder gut machen”, sagte sie. Hier ist die Stelle:
    “… und Inge Brahms, deren Figur auf eine historische Persönlichkeit verweist, auf Ehrengard Schramm, die in den 50er-Jahren nach Griechenland fährt und auf eigene Initiative einen Wiedergutmachungsversuch unternimmt. Ihre Schwester war von den Nazis hingerichtet worden.”
    Mein Vorschlag:
    “…und auf eigene Initiative versucht, die Witwen von Kalavryta in ihrem Überlebenskampf zu unterstützen.”
    Schramm dachte praktisch, sie wollte den Frauen ein Einkommen verschaffen, und erst als sich das nicht machen ließ, entstand der Gedanke, ihre Söhne zur Ausbildung nach Deutschland zu bringen.
    Ich wünsche dir in deiner vielfältigen Arbeit weiter guten Erfolg!
    Herzliche Grüße
    Irene

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