Athos, der Förster

Auszug aus einem Roman von Maria Stefanopoulou

diablog.eu wünscht allen seinen Leserinnen und Lesern ein frohes Osterfest! Als literarisches Beispiel für den möglichen Weg aus einer leidvoll traumatischen Erstarrung möchten wir Ihnen bei dieser Gelegenheit das erste Kapitel aus Maria Stefanopoulous vielbeachteten Roman „Athos, der Förster“ – übersetzt von Michaela Prinzinger – zu lesen geben, der 2015 mit einem Preis der Athener Akademie ausgezeichnet wurde. Maria Stefanopoulou gelingt es, den Diskurs über das Kriegsverbrechen in Kalavryta vom 13. Dezember 1943, bei dem fast die gesamte männliche Bevölkerung der Kleinstadt umgebracht wurde, jenseits von „Schuld“-Zuweisung und Opferrolle weiterzuführen. Lesen Sie zur Ergänzung und Einführung auch das Interview mit der Autorin auf diablog.eu.

Athos cover groß

Der Schnee. Athos‚ Version

Jahrelang habe ich den Mund gehalten. Wenn man sich in der Natur aufhält, lernt man, mit der Stille zu leben. Die Hirten, die ihr Dasein schweigsam und einsam verbringen, können Dinge erlauschen, die weit weg von ihrem Standort passieren – selbst das Geschehen am Berghang gegenüber, unten in der Ebene oder sogar tief im Erdinneren. Die Tiere, die ihrem Herrn für seine Fürsorge oder dem Menschen, der sie irgendwann aus einer Falle im Wald befreit hat, dankbar sind, sprechen mit Blicken und manchmal sogar mit menschlicher Stimme, wenn sie ihnen zu Hilfe kommen oder sie vor Gefahr bewahren wollen. Diese Blicke oder Stimmen, die einen Menschen – wie durch Zauberhand – auf entwaffnend unschuldige und sanfte Art aus großer Bedrängnis befreien können, sind so eindringlich, uneigennützig und zugleich stolz, weise und klug, dass sie einem tiefen, undurchdringlichen Schweigen gleichkommen, wie es einer Tat aus Dankbarkeit ansteht.

In meiner Heimat, den hohen Bergen von Evrytania, heißt es, die menschlichen Laute der Vögel seien die Stimmen von Toten, denen die gebührenden Ehren erwiesen wurden. Gibt es einen Vogel, der mit menschlicher Stimme spricht? Genauso wie ein Pferd, das sich mit seinem Reiter unterhält. Die Bergbewohner auf ihren Aussichtspunkten sind dem Himmel näher und erleben in ihrer Abgeschlossenheit nicht viel. Doch die Natur mit ihrem weiten Horizont hält ihnen die Unendlichkeit vor Augen. Die einfachen Geschichten von der Erde und mühseliger Arbeit, die diese Menschen abends am Feuer erzählen, gewinnen metaphysischen Charakter. Alles erhält eine Bedeutung, des Öfteren zwei oder drei, teils logisch und nachvollziehbar, teils unerklärlich, dunkel oder von Angst und Leidenschaft erfüllt, deren Schilderung diese Menschen jedoch erleichtert. In den großen, geschäftigen Städten kann es den Dingen gar nicht gelingen, irgendeine Bedeutung zu erlangen. Lärmige Eile überdeckt die Stille, menschliche Vogelstimmen sind dort nicht zu hören – wer hätte schon die Geduld zuzuhören? Auch die Toten werden dort schnell, unpersönlich und ohne überflüssiges Zartgefühl auf den Friedhöfen begraben und sofort vergessen. Pferde gibt es nicht in den Städten, und schwermütig ziehen die Seelen durch die baumlosen Straßen, ohne Wasser und ohne Aussichtspunkte, im trügerischen Glauben, sich selbst zu kennen. Dadurch meinen sie, Erklärungen zu finden für wundersame Erscheinungen wie die märchenhaften Geister und Feen, die sich im Wirbelsturm der Bergwinde in den Wäldern verbergen. In meiner Familie, die auf den Bergrücken von Tymfristos und Chelidona lebt, erzählt man sich, der gewaltsame Tod eines Menschen könne durch gebührende Ehrerweisung und Totenrituale gemildert werden. Wenn man die Wunden der Verstorbenen versorge, bevor man sie in die Erde hinablasse, würde verhindert, dass sie sich in Gespenster verwandelten, nachdem sie durch Blitzschlag oder Schlangenbiss, durch eine feindliche Kugel im Krieg oder durch einen Messerstich aus Neid oder Rache ums Leben gekommen seien. Daher stoße der Vogel, der auf so einem Grabstein sitze, außer seinem Zwitschern auch menschliche Worte und Sätze aus. Dies sei die Stimme des Begrabenen, der den Lebenden für die Vergebung seiner Schuld oder für die Linderung seiner tödlichen Verletzungen danke.

Athos_39_Baeume

Als ich klein war, wusste ich nicht, was ein gewaltsamer Tod war. Aber mein Gehör gewöhnte sich nach und nach an die vertraute menschliche Vogelstimme, immer wenn ich mich aus dem Dorf in den Tannenwald aufmachte oder wenn ich die Ziegenpfade vom oberen ins untere Viertel einschlug, von Agia Dynati bei den Wassertränken bis Zafeiromylos und Kamaterovryssi oder vom Ahornbaum in Agia Paraskevi bis zu den steilen, dicht bewachsenen Hängen von Apolykaina. Aus der Vogelstimme hörte ich den Segenswunsch meines Vaters Panaitogiannos heraus: „Möge dir ein friedlicher Tod vergönnt sein!“ Er hatte aufgrund seiner Wehrtauglichkeit gleich zwei Kriege mitgemacht – die Balkankriege von 1912 und den Kleinasiatischen Feldzug von 1921. Da er das Töten und Morden miterlebt hatte, träumte er von einem friedlichen Tod. Dieses eigentümliche Gefühl des Todes war mir bereits in jungen Jahren vertraut, als ich voller Gleichmut auf den bemoosten Felsen lag, aus denen machtvolle Wasser rauschten, meine nackten Arme und Beine schmerz- und lustvoll den Insekten – Bienen, Wespen, Heuschrecken, Hornissen, schwarzen Raupen, Ohrwürmern, Stechmücken – ausgeliefert, die von überallher auf mich eindrangen. So stellte ich mir den „friedlichen Tod“ vor: mitten in der prall von Leben und Schönheit erfüllten Natur den Insekten preisgegeben zu sein, die mir das Blut aussaugten und das Fleisch zerstachen. Das ging so lange, bis mich die Furcht vor dem Gift der Kreuzotter auf die Felsspitze hochtrieb, wo Nebelschwaden meine schmerzenden Glieder wie Gaze umwanden. Dort fühlte ich mich – ein zwar gewaltsam gestorbener, aber umsorgter Toter – zu Hause. Dabei hatte ich weder je einen Schusswechsel miterlebt noch Blutvergiessen – bis auf die Insekten, deren Stiche meine Haut röteten und ab und zu einen dunklen Blutstropfen hervorriefen. Wenn ich Jäger auf Vögel schießen sah, wandte ich das Gesicht ab. Der Gedanke, irgendeinem Wesen das Leben zu nehmen, schien mir unbegreiflich, selbst die Idee, ein Tier zu töten, um die eigenen Kinder zu ernähren. In meiner Vorstellung waren gewaltsam Gestorbene und abgeschossene Vögel eins.

Angesichts der Vielfalt der Naturgottheiten ist es bedauerlich, dass die Menschen nur einen einzigen Gott haben wollen, der ihre Fantasie einschränkt und sie zwingt, ihre Rettung nur bei ihm allein zu suchen. Dennoch gibt es in den Städten, aber vor allem in den kleinen Gemeinschaften eine große Zahl von Geistern, die größtenteils Menschen sein sollen, die sich nach einem gewaltsamen Tod in Spukgestalten verwandelt haben. Als Kind hörte ich in Kastania, die Geister seien Tote, die aus Liebe, aus Pflichtgefühl, eines unerfüllten Versprechens wegen oder auch aus Zorn auf einen noch lebenden Mitmenschen auf der Erde bleiben müssten. Ich fürchtete mich vor den Spukgestalten, die ich mit den Taten der Erwachsenen, die aus Hass und Leidenschaft begangen wurden, in Zusammenhang brachte. Doch ich wusste, dass die Geister niemals im Wald Zuflucht suchten und nur ungern mit Feen und Trollen verkehrten. Lieber verstörten sie ihre Angehörigen, die nach ihrem Tod in den Häusern, den Straßen der Stadt, den dicht besiedelten Gegenden und auf den Friedhöfen einsam und allein zurückgeblieben waren. Aber das habe ich vielleicht – wer weiß, warum – selbst erfunden. Ich liebte die Bergwälder um unsere Dörfer und die Gipfel mit ihren niedrig hängenden Wolken, die so nah wirkten, dass man sie mit der Hand berühren konnte. Von da an wurden die Bäume meine besten Freunde und die Stille der Tier- und Pflanzenwelt meine zweite Natur. Mit achtzehn beschloss ich, Förster zu werden. 1928 verließ ich mein Dorf, um an der Lehranstalt für Forstwirtschaft von Vytina zu studieren. Die Peloponnes war ganz anders als Evrytania, unsere eigentliche Heimat. Dorthin sollte ich nie mehr zurückkehren, sondern nur noch in Gedanken durch die heimischen Berge streifen.

Athos_21_Baeume_Leiden

Der Mensch wird – egal, wie sein Leben verläuft – stets zu dem, was er von Anfang an werden sollte. Mein deutscher Lehrer an der Fachschule, ein bemerkenswerter Experte der Forstwirtschaft, erzählte uns: Alles, was man in seiner Jugend ersehne, finde man schließlich im Alter in reichlichem Maß vor. Wie das zustande komme, könne er uns allerdings nicht erklären. Das Kind, sagte er, wachse mit der elterlichen Fürsorge auf, so wie der Baum mit den Geheimnissen der Erde. Alle Eltern hätten tiefe und dunkle Geheimnisse, die sich später – ob man wollte oder nicht – in Sehnsüchte der Kinder verwandelten. Ob es nun gute oder böse Sehnsüchte seien, könne man nicht vorhersehen. Ihnen jage das Kind sein ganzes Leben lang unbewusst nach, bis es schließlich doch zu der Persönlichkeit werde, die es werden sollte. Menschen und Bäume folgten demselben Gesetz. Als mich meine spätere Frau Marianthi fragte, warum ich den Wald so sehr liebte, antwortete ich: Er komme mir wie eine menschliche Stadt vor, voller Leben und Saft, Licht und Schatten, ein üppiger Kosmos, bewohnt von Stimmen und Schweigen, starken und schwachen Wesen – ganz wie die Menschen, nur ohne deren Bosheit. Stundenlang saß sie auf der Lichtung und wartete, bis ich das Baumharz gesammelt hatte. Dabei konzentrierte sie sich, wie sie mir erzählte, stets auf einen einzigen Gedanken, während sie die hohen, feierlich dastehenden Stämme und deren dichte, dunkle Laubkronen betrachtete: Wie erging es wohl einem toten Baum, bevor er gefällt wurde? Und wie einem grünenden, blühenden Baum, bevor er vertrocknete?

Niemand betritt den Wald, als sei es das erste Mal. Alle Menschen spüren, dass in einer früheren Zeit, bevor ihre Spezies einen tierhaften Leib und Gliedmaßen entwickelte, um sich fortzubewegen, ihr ursprünglich pflanzlicher Körper dank unsichtbarer Wurzeln aus der Erde wuchs und sich in sorgloser Reglosigkeit vom Grundwasser nährte. Wasser ist das gemeinsame Schicksal für alles, was sich bewegt, und für alles, was unbeweglich bleibt, für Menschen und für Bäume. Die Herkunft bestimmt das Schicksal. Fehlt dir, was dir Leben spendete, stirbst du. Bekommst du es im Übermaß, erstickst du daran. Wird unser Planet von einer großen Dürre heimgesucht, geht das Pflanzen- und Tierreich zugrunde. Dann werden nur die aus anderen Materialien errichteten Menschenwerke – Wohnungen, Brücken, Straßen, Gebäude und Gotteshäuser – erhalten bleiben, als einsame, nutzlose Denkmale einer Kultur des Wassers. Und wenn die Meere überfließen und das Eis der Antarktis schmilzt, wird alles unter den eiskalten Wassern der Ozeane begraben sein.

Athos_40_Baeume

Als Marianthi zum ersten Mal den Wald von Vityna betrat, fiel ihr Blick gleich auf mein Barett, das dem eines Marinesoldaten glich und zur Uniform eines Oberförsters gehörte. Zusammen mit anderen Absolventen des Jahrgangs 1930-31 feierte ich damals die Verleihung des Diploms durch die Lehranstalt für Forstwirtschaft und die sofortige Einstellung der zwei Jahrgangsbesten am Staatlichen Forstamt, obwohl ich und ein weiterer Kommilitone unseren Wehrdienst noch nicht abgeleistet hatten. Zu unserer großen Freude mussten wir sonst kein Bewerbungsverfahren durchlaufen. Marianthi war mit den Schülerinnen der Webwerkstatt dazugestoßen, um – ganz ohne familiäre Begleitung – durch einen spontanen Ausflug den Sommer willkommen zu heißen. Obgleich sie, gut gekleidet, zurückhaltend und mit vornehmen Umgangsformen, wie ein Mädchen aus der Stadt wirkte, zeigte sich rasch, wie vertraut und kühn ihr Verhältnis zur Natur war. Ihre Halbschuhe füllten sich mit Erde, als sie im Spiel mit den Freundinnen zwischen den Bäumen umherlief, ihr Kleid wurde schmutzig, ihre Haarbänder lösten sich, so dass ihr die Locken über die Schultern fielen, ihr Gesicht nur zum Teil freigaben und die andere Hälfte geheimnisvoll verhüllten. Kaum waren wir ins Gespräch gekommen, vertraute sie mir an, dass sie zwar in Valtesiniko in einer Baumhöhle zur Welt gekommen war, aber seither keinen Wald mehr betreten hatte. Dennoch schien es, seltsam genug, als hätte sie ihr ganzes Leben dort verbracht. Sie konnte ihr Lachen über mein Barett nicht unterdrücken und fragte sich, was diese Matrosenmütze mit der Forstverwaltung zu tun habe. Am Schluss der Unterhaltung behauptete sie steif und fest, es gebe Bäume, die im Meer wuchsen. Wir müssten nur zusammen nach Zakynthos reisen, dann würde sie es mir beweisen.

Die ersten Forstbeamten gleich nach der Gründung des griechischen Staates waren bayerische Forstwirte beziehungsweise Offiziere der bayerischen Armee. Mein Lehrer war ein Nachfahre dieser Pioniere. Die Staatliche Forstverwaltung war damals nach dem Vorbild der deutschen Gesetzgebung aufgebaut worden, da die Bayern über ein großes Wissen und eine vierhundertjährige Erfahrung in der Bewirtschaftung der Wälder verfügten. Sie unterteilten das bewaldete Land, errichteten die sieben ersten Forstämter – Roumelien, Euböa, Attika, Elis, Arkadien, Messenien und die Kykladen – und legten die Rangordnung der Staatlichen Forstverwaltung fest: Forstinspektion, Forstamt, Forstrevier, Waldhüter. Sie erklärten einzelne Gebiete zu Nationalparks und regulierten das Holzfällen, die Kohleherstellung, das Sammeln von Brennholz und Baumharz.

Athos_45_Baeume

Das Sammeln von Baumharz war meine Lieblingsbeschäftigung. Die Hirten hingegen verursachten mir Probleme. Sie respektierten weder natürliche noch kultivierte Forstgebiete. Schäfer und Pächter tummelten sich stets in anderen Gegenden, als ihnen zugewiesen waren. Gleich nach meinem Dienstantritt übernahm ich, mit Engagement und im Bewusstsein meiner hohen Verantwortung, die Leitung des Forstreviers von Xylokastro. Immer wenn ich meinen Vorgesetzten, den in Deutschland ausgebildeten Leiter des Forstamts von Vytina vertrat, verbrachte ich Stunden vor seinen Bücherregalen und nutzte jede Gelegenheit, um meine Wissenslücken in forstwirtschaftlichen Fragen zu füllen. Ich studierte die Lehrwerke zur Botanik, Bodenkunde und Meteorologie und spielte sogar mit dem Gedanken, mich an der Universität von Thessaloniki einzuschreiben, wo vor kurzem die Hochschule für Forstwirtschaft gegründet worden war. Es gehörte zu meinen Aufgaben, für die Anwendung der Gesetze in der Holzwirtschaft, die Bewirtschaftung der Waldgebiete meines Zuständigkeitsbereichs, die Einhaltung von Verboten, die Waldaufsicht im Bereich von Groß- und Kleingemeinden sowie Klöstern, die Versteuerung forstwirtschaftlicher Produkte, den Brandschutz und die Verfolgung forstrechtlicher Übertretungen zu sorgen. Im Notfall konnte ich auf die Hilfe der Gendarmerie zurückgreifen, was aber niemals erforderlich war. Mit knapp zwanzig Jahren beaufsichtigte ich Waldhüter und Flurwächter, Schreibkräfte und Forstanwärter. Marianthi, die dem Zauber der Montur sofort erlegen war, pflegte meine khakifarbene Pelerine mit ihrem weichem Kragen – die im Sommer aus Leinen und im Winter aus Wolle war – und die langen Hosen mit den ledernen Knieschützern genauso einfallsreich, aufmerksam und hingebungsvoll wie die von ihr bestickten Webarbeiten. Dazu besaß ich einen Kurzmantel mit Schulterklappen, auf denen zwei mit Silberfaden gestickte Eichenblätter genäht waren. Erst ein Revierförster durfte mit Goldfaden gestickte Aufnäher tragen. Meine Matrosenmütze, die so viel Heiterkeit hervorgerufen hatte, ließ ich zur Kennzeichnung des Dienstgrades von einem dunkelgrünen Seidenband einfassen, während ich auf die beiden roten Litzen verzichtete, die für die Epauletten meines Mantels bestimmt waren. Marianthi heftete sie, als kleines Geschenk für unsere künftigen Kinder, an die Gardinen. Darüber hinaus besaß ich eine Schusswaffe, die ich auf meinen Kontrollgängen mit dem Forstgehilfen stets dabei hatte. Angefasst habe ich sie selbst jedoch nie, das überließ ich ganz meinem Gehilfen.

„Die Ruhe des Waldes ist wie die Stille in einer Kirche“, sagte Marianthi eines Tages, als wir einen Waldweg in Vytina entlangspazierten. Wir hatten – sie war gerade achtzehn – nur wenige Wochen nach der feierlichen Verleihung meines Diploms und meinem Dienstantritt geheiratet. „Im Wald lichtet sich die Dunkelheit nie“, flüsterte sie mir in der Hochzeitsnacht zu. „Wir werden unsere Liebe im Schatten und voller Andacht leben.“ Ihr blinder Vater kam des Öfteren mit seiner zweiten Tochter Dorothea aus Valtesiniko zu kurzen Besuchen nach Vytina. Marianthi blickte in seine starren Augen und versuchte zu erraten, was hinter der Nebelwand lag, die seine Sicht trübte. Dort erblickte sie sich selbst – als kleines, achtjähriges Mädchen, dessen Gesicht sich zum letzten Mal im väterlichen Blick spiegelte. Danach hatte ihr Vater das Augenlicht verloren, konnte seine heranwachsende Tochter nicht mehr wahrnehmen, sah sie niemals im Brautkleid. „Ich bin im Schatten aufgewachsen“, sagte sie. „In der Dunkelheit der Frauenempore, auf der ich saß, wenn ich mit meiner Mutter in die Kirche ging. Jetzt bin ich die Frau des Försters und versuche, mich dem von ihm regierten Schattenreich würdig zu erweisen. Ich werde die Bäume lieben wie meine leiblichen Eltern und für sie sorgen wie für meine Kinder.“ Danach kamen die ersten Versetzungen, zuerst nach Mytilini, wo unser Sohn Giannos geboren wurde, dann nach Zagori, wo Marianthi unsere Tochter Margarita zur Welt brachte. Kurz vor dem Krieg im Jahr ’39 übernahm ich das Forstrevier Kalavryta, das zum Forstamt Vytina gehörte und der Forstinspektion Patras unterstellt war.

Athos_38_Baeume

Aber wieso interessiert sich Lefki für all das? Lefki verlangt von mir, mein Schweigen zu brechen und zu reden – über ganz andere Dinge, über den Krieg, über die Brandschatzung von Kalavryta und über das Massaker an den männlichen Dorfbewohnern auf Kapis Acker. Sie wollte wissen, wie ich starb, wie ich überlebte. Ich spreche, und Lefki schreibt. Nein, sie notiert nicht wortwörtlich, was ich sage. Ich, Athos, Förster von Kalavryta, Ehemann von Marianthi und Vater von Margarita und Giannos, getötet mit dreiunddreißig Jahren von den Deutschen durch einen Genickschuss im Zuge der Vergeltungsaktion im Jahr `43, habe jetzt, als alter Mann beschlossen, Margaritas Tochter und meiner Enkelin Lefki zuliebe zu sprechen. Aber ich will über das Leben sprechen, über Marianthis Liebe, über meine von der Natur genährten und dann wieder erloschenen Leidenschaften und Träume. Lefki sagt etwas Erschreckendes: „Ich bin Athos. Ich habe das Massaker überlebt. Ich spreche über meinen Tod. Ich lege Zeugnis von dem Verbrechen ab. Ich habe überlebt und muss bezeugen, wie es dazu kam und wie ich mein Leben nach der Hinrichtung fortführte. Athos hat es vergessen, weil er leben musste. Aber ich, Lefki, erinnere mich. Die Vergangenheit ist für mich nicht Geschichte. Sie ist mein gegenwärtiges Leben. Dadurch, dass wir Jüngere uns an Kriegsverbrechen erinnern, erleichtern wir unseren Eltern und Großeltern, die sie tatsächlich erlitten haben, das Vergessen. So helfen wir ihnen, sich mit ihrem dunklen Anteil zu versöhnen. Wir opfern uns für sie auf. Normalerweise, heißt es, sollten sich Eltern für ihre Kinder aufopfern. Das könnte nun wechselweise geschehen. Margarita, meine Mutter, musste vergessen, um leben zu können. Marianthi war hin und hergerissen zwischen Vergessen und Erinnern. Sie hatte sich aus dem Leben zurückgezogen, ohne ganz darauf zu verzichten. Athos ist meine eigene Erinnerung. Eine schwierige Erinnerung, die dank der Vorstellungskraft des Grauens zum Leben erwacht. Auch die Landschaft erinnert sich. Auf dem Hinrichtungshügel, auf Kapis altem Acker, erhebt sich heute ein weißes Kreuz. Unter dem Segen des unsichtbaren Gekreuzigten lebt in der neu erbauten Stadt zu seinen Füßen die junge Generation, unbekümmert oder fanatisch, mitfühlend oder gleichgültig, ganz in das Phlegma einer unter der Oberfläche verborgenen historischen Wahrheit versunken. Haben die Toten der deutschen Repressalien im Jahr ´43 in Kalavryta letztendlich ihr Leben für etwas Sinnvolles geopfert oder sind sie einem Kriegsverbrechen zum Opfer gefallen?“

Lefki hat von Kindheit an bis heute, als reife Frau und Mutter, niemals aufgehört, Fragen zu stellen. Zwei Fragezeichen leuchten in ihren Pupillen, die niemals erlöschen – egal, welche Antwort sie erhält. Mit bohrendem Blick führt sie ihr Verhör. Warum? Wie? Auf welche Weise? Wann genau? Als sie klein war, erzählte ich ihr über den Wald. Nur dadurch konnte ich sie beruhigen. Sobald im Sommer die Schulen schlossen, nahm ihre Mutter Margarita sie aus Athen mit nach oben ins Chelmos-Gebirge und ließ sie bei mir in der Hütte. Damals waren mit dem königlichen Dekret von 1966 gerade die Forstreviere abgeschafft worden. Obwohl ich weder gekämpft noch jemals eine Waffe in der Hand gehalten hatte, bekam ich eine Kriegsversehrtenrente (andere nannten sie „Kriegsopferrente“) und arbeitete ehrenamtlich in den neuen Kreisforstämtern. Dort machte man sich meine Erfahrung bei der Planung und Anlegung von Waldwegen zunutze, auf denen mir Lefki wie gebannt folgte. Sie sahen alle gleich aus. Man konnte sie kaum unterscheiden. Nur ich und die Holzfäller wussten, wie. Trotzdem sass ich immer wieder plötzlich in einer Sackgasse fest, die von Unterholz, Gesträuch und niedrigen Kermeseichen versperrt war. Ich kam einfach nicht weiter, doch umkehren konnte ich auch nicht, da die nächste Ortschaft genau auf dem eingeschlagenen Weg lag. Rechts und links rauschten reißende Bäche, riesige Baumstämme standen da wie Männer, die mich, wie in einem Hinterhalt auf der Lauer liegend, schweigend erwarten. Dann fiel Lefki die rote Markierung an der Gabel eines niedrigen, schräg stehenden Astes ins Auge. „Hier entlang“, deutete sie. Die Stämme standen immer dichter, was darauf hinwies, dass es sich um einen alten, von Wildwuchs überwucherten Waldweg handelte. Ganz vorsichtig legte ich den Durchgang frei und kappte nur die alten Triebe. Was bedeutet es, wenn wir auf einen Holzweg geraten, fragte ich Lefki. Dass wir stehen bleiben und uns mit klarem Kopf sorgsam umschauen müssen, erwiderte sie. Und wenn du vorsichtig und konzentriert jeden einzelnen Punkt erforschst, an dem du gerade stehst, denkst du notgedrungen genau nach, sagte ich zu ihr. Und dann wird dir, nur durch die Kraft der Gedanken, schlagartig klar, wie du weitergehen musst. Die Wälder werden dir bessere Lehrer sein als die Bücher, die du liest. Die Bäume und Felsen werden dir mehr beibringen als die wissenschaftlichen Dozenten. Der Wald sorgt durch sein Leben für den Schutz der Erde. Sturzbachartige Regenfälle dämpft der Wald durch sein dichtes Laub. Baumstämme und Gebüsch schützen die Hänge vor der Bodenerosion, wenn große Wassermengen herabfluten. Die Täler bewahrt er vor Verschlammung und Moorbildung, und die Ebenen und Äcker vor Überschwemmungen. Er bringt das außer Rand und Band geratene Wasser wieder zur Vernunft und reguliert seinen Lauf. Wirbelstürme löst er auf und verwandelt sie in ein sanftes Lüftchen. Er hilft, den winterlichen Boden zu wärmen und die dicke Schneedecke zu bewahren, er verzögert die Eisschmelze im Frühjahr und mildert die Hitze im Sommer. Die Bäume reinigen ihre Umgebung. Sie nähren sich von Parasiten und Mikroorganismen, die sich in feuchten Böden, im Dreck und Morast, in stehenden Gewässern unter diesigen Nebelbänken entwickeln, und schaffen lebensspendende und klare Luft. Sie saugen das Wasser aus dem Boden und geben es mit ihrem Atem in die Luft ab. Damit tragen sie zur natürlichen Desinfizierung der Sümpfe bei. Doch der Mensch verlangt immer wieder nach Brachfeldern und Weiden, Wohnraum und Stallungen für sein Vieh. Eine Folge der dafür nötigen Rodungen sind Muren, die Äcker und Weiden heimsuchen.

Athos_19_Baeume_Leiden

„Ich bin Athos“, sagte Lefki immer wieder, während sie zu einer jungen, blühenden Frau heranwuchs. „Manchmal findet die Welt zur Harmonie und die Dinge entdecken, ganz von allein, ihren Platz. Hinter dieser Ordnung stehen großer Schmerz, unzählige Tränen, ein würdeloser Tod und Verrat, Mühsal und Schweiß.“ Marianthi hörte ihrer Enkelin mit einem kühlen Blick aus ihren graublauen Augen zu. Sie sagte nichts. Sie war in sich selbst gekehrt, an einem unbekannten Ort von wilder Einsamkeit, an dem die Zeit stehen geblieben war und die Ereignisse an ihr vorbeirauschten. Meine Tochter Margarita gab gar nichts auf Lefkis zusammenhangloses Zeug, das ihr unverständlich war. Außerdem wollte sie gar nicht verstehen, denn sie führte ihr eigenes Leben, und das genügte ihr. Eine Tochter, der die Fantasie durchging, hatte darin nichts zu suchen. Sie selbst, Margarita, lebte ihr Leben in Athen, als wäre sie in dieser Stadt geboren. Sie baute ihren Freundeskreis aus und wurde dann und wann melancholisch angesichts der strahlenden Schönheit, die ihr der Spiegel zurückwarf. Ihre Schönheit löschte jeden dunklen Punkt ihres früheren Lebens aus.

Nie hatte ich den Wald so nötig wie gleich nach meinem Tod. Oder, besser gesagt, wie im Moment meines Todes. Nur dreizehn Männer hatten Hitlers Vergeltungsmaßnahme aus dem Jahr ´43 überlebt. Bis heute, fünfundfünfzig Jahre später, habe ich, einer der Dreizehn, im Chelmos-Gebirge gelebt. Wie ein waidwundes Wild hatte ich mich dorthin geflüchtet, als die deutschen Soldaten mit ihren Maschinengewehren dem blutigen Haufen der Hingerichteten den Rücken kehrten und in Reih und Glied zum Ausgang des Ortes zurückmarschierten, in dem das Feuer wütete und alles ringsum vernichtete. Nur in ganz wenigen Einzelfällen, bei höherer Gewalt oder wenn ich bestimmten Verpflichtungen nachkommen musste, kehrte ich an diesen Ort zurück, den ich ein für alle Mal hinter mir lassen wollte. Jedes Mal war ich danach noch sehnsüchtiger auf die bewaldete Kuppe zurückgeeilt. Flucht war, wo immer ich mich auch aufhielt, mein einziges Streben. Eine Flucht, die mich zum einen hoch in die Berge, zum anderen tief in die Abgründe meines Ich führte. Am Kopf trug ich die Wunde, die mir der Genickschuss hinterlassen hatte. Wie schwer wiegt ein Loch im Schädel? Eine leere Augenhöhle?

„Ich bin Athos“, sagt Lefki immer wieder. „Erzähl mir, wie du von der Hinrichtungsstätte fliehen konntest. Wo hast du dich versteckt? Wie war es möglich, dass du trotz deiner Verwundung gehen konntest? Wie hast du den Schnee und die Kälte ertragen? Hör auf, mir Geschichten aus dem Märchenwald zu erzählen. Ich spüre das Loch im Kopf. Die Kugel war für mich bestimmt. Ich heiße nicht Lefki, ich heiße Athos.“

Athos_30_Baeume_Victoria

Jedes Mal versuche ich, Lefki zu beruhigen. Über den Krieg sprach ich nie, weder über den gegen die Deutschen noch über den griechischen Bürgerkrieg – schon allein, weil mich lange Jahre Erinnerungslücken quälten. Dann kehrte die Erinnerung durch Bilder, und zwar ausschließlich durch Bilder zurück, die – obwohl sie mich heimsuchten und meine Gedanken überschatteten – meinen Alltag nicht trübten. Im Wald fand ich immer meinen Weg, und die von mir angelegten Karten waren tadellos. Ehrenamtliche Aufgaben in der Holzfabrik, im Holzlager und in der Baumschule erfüllte ich zur vollsten Zufriedenheit. Ich kümmerte mich um Lieferungen, unterstützte die jüngeren Waldarbeiter und erteilte ihnen Unterricht. Alles, was meinen Beruf betraf, war mir bis in jede Einzelheit gegenwärtig und bewusst. Auch in der Folge hielt ich mich über die neuesten Entwicklungen der Forstwirtschaft auf dem Laufenden.

Lefki ging irgendwann zum Studium ins Ausland, kehrte mit einem kleinen, strohblonden Mädchen zurück und bewarb sich als Ärztin am Krankenhaus von Kalavryta. Sie hatte Glück, alles lief nach Wunsch. Mitte der Achtziger-Jahre ließ sie sich mitten in einem eiskalten Dezember in der Stadt nieder. Gleich danach fiel Schnee. Berge, Häuser und Bäume lagen unter einer dicken Wolke aus Watte, alles verschmolz zu einer stillen, weißen Landschaft, die Straßen und Wege waren verschwunden und die Entfernungen so verschwommen, dass die Tannen an den niedrigen Hängen die Bergspitzen berührten und sich die Hügel der Stadt hinunter zum vertrockneten Flussbett in der Vouraikos-Schlucht neigten. Nachdem Lefki auch ihrer Tochter einen Rucksack übergestreift hatte, kam sie nach zweistündiger Wanderung zu mir, in die Hütte von Elatorachi im Chelmos-Gebirge. Als ich sie auf der Türschwelle erblickte, stammelte ich unwillkürlich Marianthis Namen. Der eisige Wind trieb einen vertrauten Duft ins Zimmer, das Feuer in meinem Rücken flammte auf, und ein Holzscheit sirrte, während es in die Asche sank. Die rot gefrorenen, weit offenen Nüstern meiner Enkelin starrten mir wie zwei überrascht aufgerissene Augen entgegen. „Wie hast du den Weg im Schneesturm gefunden?“, fragte ich Lefki besorgt. „Ich habe wie die Waldmenschen durch die Nase geatmet. So, wie du es mir beigebracht hast“, meinte sie, während sie das schläfrige Kind vor den Kamin bettete.

Es gibt Menschen, deren Bestimmung sich nicht in der Natur erfüllen kann oder solche, die Angst davor haben, sich ihr anzuvertrauen: Vielleicht sind es böswillige Menschen mit liederlichen Gefühlen, vielleicht sind sie einfach nur gleichgültig angesichts der Essenz des Lebens; eingeschlossen im eigenen Schneckenhaus, öffnen sie sich ihren Mitmenschen nur, um sie auszunutzen oder anzugreifen und damit ihre kleinmütige und stumpfsinnige Welt zu rechtfertigen, als lebten sie, infektiös erkrankt, in Quarantäne. Solche Menschen können die Gefahren, die in der Natur lauern, nicht von deren Wohltaten unterscheiden und diesen auf schicksalhafte Weise kreativen Widerspruch nicht akzeptieren. Deshalb haben sie Angst vor der Natur, stehen ihr feindlich und arrogant gegenüber, oder fühlen sich einfach nur von ihr gelangweilt. Lefki ist verwundbar wie ein Regentropfen, hart wie eine Walnussschale, rein wie Muttermilch. Ihr sanfter, vorsichtiger Atem birgt einen zärtlichen Argwohn. Mit derselben bedachtsamen Hingabe wagt sie sich aus der Deckung und zieht sich aus Selbstschutz wieder zurück. Sie ähnelt einer verschneiten Landschaft im Herzen des Winters. Der Schnee lässt die Welt gefrieren, bewahrt jedoch gleichzeitig die Wärme des Bodens und beschützt die Pflanzen, damit sie, gestärkt und von neuer Kraft erfüllt, im Frühjahr erblühen. Frau und Kind wenden jetzt ihre geröteten Gesichter den Flammen zu, welche die Scheite im Kamin umtanzen. Schweigend blicken sie in den dunklen Schlund des Schornsteins. Lefki scharrt mit einem eisernen Haken die Asche zusammen und wendet die Kartoffeln in der Glut. Kalavryta steht in Flammen. Der Geruch von Kohlenstaub und Ruß macht sich im Raum breit. Lefki fragt mich, wie ich das Massaker überlebt habe. Wie ich die Kraft fand, die Leichen meiner Kameraden beiseite zu schieben und mich aus der tödlichen Umklammerung zu befreien. Sie fragt, ob es zu den Vergeltungsmaßnahmen gekommen sei, weil Partisanen die achtundsiebzig deutschen Gefangenen aus der Schlacht von Kerpini getötet hätten. Ob es wahr sei, dass man sie, nach ihrer Exekution, mit Seilen aneinander gebunden in die Mageros-Schlucht geworfen habe. Warum ich in den Bergen geblieben und nach der Hinrichtungsaktion nie wieder in die Stadt zurückgekehrt sei. Wieso ich Marianthis Liebe verraten und Margarita und ihre Mutter ganz ihrem Schicksal überlassen hätte.

Athos_16_Baeume_Leiden

Auf jede erdenkliche Weise zeigte ich Lefki den Wert des Schweigens, in dem alle Antworten verborgen liegen. In tiefster Stille kannst du selbst das Geräusch einer auf den Boden fallenden Fichtennadel hören. Du kannst ein Opfer von einem Verbrechen unterscheiden, eine Heldentat von einem brutalen Racheakt. Krieg, jeder Krieg, ist abstoßend und sollte niemals hochgejubelt werden, denn er endet stets in einem Schlachthaus. Doch da in den Kampfhandlungen nicht Tiere, sondern Menschen abgeschlachtet werden, sind die Rechtsprechung und die moralischen Maßstäbe, die das Gebot „Du sollst nicht töten“ außer Kraft setzen und das Blutbad legalisieren, fein aufeinander abgestimmt. Kein Staat hat die Griechen zum Kampf aufgefordert, von ganz allein sind sie in die Berge gezogen, um dem Eroberer Widerstand zu leisten. Aber selbst ein heroischer Widerstand kann Monster gebären und das Licht der Gerechtigkeit in einer beschämenden, doch bis zu einem gewissen Grad gerechtfertigten kollektiven Amnesie zum Erlöschen bringen. Doch welcher unbeteiligte Dritte könnte – angesichts der Genugtuung der Sieger, die keine Sieger sind, und angesichts der Demütigung der Verlierer, die keine Verlierer sind – den Bruderzwist des Bürgerkriegs und die mörderische Ideologie des Totalitarismus anerkennen? Beide Lager steuern auf die gegenseitige Auslöschung zu, auf die fatale Spaltung durch einen Vernichtungskrieg, in dem es nur darum geht, die Macht des Stärkeren durchzusetzen. Das Land bricht auseinander, einen dritten Weg gibt es nicht. Die kollektive Amnesie lässt den Preis eines Menschenlebens belanglos erscheinen, auch der Aufstand des Einzelnen erscheint sinnlos, selbst wenn dieser, über das Sprungpferd der Erinnerung Anlauf nehmend, sich auf verschiedenen Wegen dem überindividuellen „Wir“ annähert. Wir Menschen fordern von uns selbst Heldentaten. Doch wer sagt, dass man von Natur aus zum Helden geboren ist? Kurt konnte den Krieg, den seine Heimat unter Hitler losgetreten hatte, gut erklären. Wenn du Sieger bist, sagte er, dann besteht das Heldentum aus schönen Taten. Aber wenn du auf der Verliererseite stehst und die Kraft finden musst, deine Lage wieder unter Kontrolle zu bringen, erweist sich das Heldentum als eine feindliche, gefährliche Macht, als Moloch, der dich zu verschlingen droht. Das könnte man, obwohl es nicht genau dasselbe war, auch über den griechischen Bürgerkrieg sagen. Jedenfalls vollendete sich in ihm der Akt einer Tragödie. Beide Seiten – nur vielleicht die Verlierer noch mehr – waren zum Kampf gezwungen.

Ich beschloss, mein Schweigen zu brechen. Doch anstatt selbst zu sprechen, höre ich den Stimmen der anderen zu: Marianthi, Margarita, Kurt, Lefkis beharrlichen Fragen. Die Personen des Dramas sprechen für mich, in meinem Namen. Ich höre ihren Reden zu, die aus dem Knistern der Holzscheite im Kamin dringen. Die Flammen haben sich bläulich verfärbt, und Lefki stochert immer noch, ganz versunken in den Anblick der verschneiten Landschaft, in der Asche. Dieser Landschaft wird sie alle Gedanken widmen, ihre Atemzüge, ihren drängenden Wunsch, etwas zu leisten. Lefki ist ein Kind der Schönheit und der schmerzlichen Sorge um die Erniedrigten dieser Erde. Sie ist ein Naturmensch, ganz wie ich, der alte Vater ihrer Mutter. „Warum warst du nicht im Widerstand?“, fragt sie. „Wieso hast du nicht gekämpft?“

Ja! Der Mensch ist zum Kämpfen gemacht, um die Kultur zu verteidigen und die Barbaren abzuwehren. So liefere auch ich mir Schlachten mit der Natur. Denn ich bekämpfe sie, weil ich sie liebe. Sie ist kein äußerer Feind, ich trage sie in meinem Inneren. Die Natur tötet entweder selbst oder rät heimtückisch zum Verbrechen. Ich zähme und entwaffne sie, fühle unendliche Bewunderung für ihre Barbarei, hinter der sich Gedanken von Labsal, Fruchtbarkeit und Wiedergeburt verbergen. Andere kämpfen aus Hass, aus Pflicht, aus dem Gefühl des Nicht-Seins. In der Natur gibt es keine Erniedrigung wie unter den Menschen. Empfindet ein Tier Erniedrigung? Ein Baum etwa? Lefki fragt mich nach dem Schnee. Der Zweck fallenden Schnees ist es nicht, Hänge und Berggipfel zu bedecken, sondern es jedem Tier zu ermöglichen, Spuren zu hinterlassen. Kaum waren die Gewehrsalven auf Kapis Acker verstummt, schlug ich meine Augen auf und fühlte, dass ich tot war. Keiner lag neben mir. Ich war allein. Die Figur meines Sohnes Giannos war ausradiert. Ich begriff, dass ich meinen Körper bewegen konnte, obwohl ich tot war. Als ich mich den Hang hinunterrollte, sah ich Tierspuren im Schnee. Die Entscheidung, ihnen zu folgen, rettete mich nicht nur vor dem deutschen Soldaten, der die Genickschüsse vornahm, sondern zeigte mir, wie wichtig es war, dem Leben auf die Spur zu kommen, das wirklich zu mir passte – selbst wenn es nur ein Leben nach dem Tod war. Nicht weit entfernt standen die ersten Tannen, und ich trat in den Wald. Nach und nach sollte ich jeden einzelnen seiner Wege erforschen.

Text: Maria Stefanopoulou, entnommen aus dem Roman „Athos, der Förster“, erschienen im Verlag Rodakio 2014. Übersetzung: Michaela Prinzinger. Fotos: Michaela Prinzinger.

Print Friendly

Dieser Post ist auch verfügbar auf: EL

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *