Artemis Alcalay und die Trilogie der Beharrlichkeit

Über das Werk der Künstlerin schreibt Thanassis Tsingas

Seit zwanzig Jahren legt Artemis Alcalay in ihren Arbeiten das größte Trauma des 20. Jahrhunderts frei und stellt ihre persönlichen „fixen Ideen“ aus, die aus Gedanken, Begegnungen, Fundsachen und -materialien entstanden sind. Es sind immer wiederkehrende Motive, die nicht nur ihre eigenen sind, sondern die sich auch im Bereich der Kunst und Geschichte finden.

Artemis Alcalay wurde 1957 in Athen geboren. Ihr Interessensfeld scheint grenzenlos zu sein. Von 1974 bis 2000 studierte sie Malerei, Bühnenbild, Kunstgeschichte, Baugeschichte, Fotografie und Weberei. All das fließt in ihre Mischtechnik-Arbeiten ein, die den Betrachter mit ihrer offenkundigen Emotionalität berühren.

Ihre Familie hat große Verluste in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis zu beklagen, sie gehört der zweiten Holocaust-Generation an. Das zieht sich wie ein roter Faden durch ihr zwanzigjähriges Schaffen. Daraus ist eine Anti-Kriegs-Trilogie entstanden, die 2019 ihren Abschluss gefunden hat.

Mneme (Erinnerung, 1999)

Alcalay hat hier durch eine Reihe von Puppen und Skulpturen ihren Gefühlen Ausdruck verliehen. Ausgangspunkt war ihr eigenes, kindliches Interesse am Puppenspiel. Als sie anfing, mit Holz, Nägeln, Stricken, Pappmaché und Leinwand zu arbeiten, musste sie feststellen, dass diese an sich harmlosen Materialien und die nackten Puppenkörper Assoziationen weckten, die auf Bilder aus den nationalsozialistischen Todeslagern verwiesen – Bilder, die wir alle schon mal gesehen haben. So schuf sie diese Serie von übereinandergestapelten Marionetten und kleinen Skulpturen aus weißer Leinwand.

eine Holzfigur mit einem Tuch

Alcalay fühlte, dass sie durch „Mneme/Erinnerung“ ihre Pflicht und Schuldigkeit erfüllt hatte und wandte sich anderen Themen zu. Aber im Laufe der Zeit wuchs das innere Bedürfnis, sich mit den Menschen selbst auseinanderzusetzen, die die unfassbare Erfahrung der Deportation im zweiten Weltkrieg erleben mussten.

Griechische Überlebende des Holocaust (2012-2019)

Artemis Alcalay fotografierte und interviewte seit 2012 griechischen Juden, die die NS-Konzentrationslager überlebt hatten. Um ihre Geschichten zu hören und aufzuzeichnen, bereiste sie Griechenland und die ganze Welt. So besuchte sie fünfundvierzig Überlebende aus Auschwitz-Birkenau und zwanzig aus Bergen-Belsen. Alcalay fotografierte sie in der Geborgenheit und Wärme ihres Zuhauses, in ihren Büros und Geschäften, in Hotels und Altersheimen und schuf ihnen damit eine Individualität, derer sie in den Lagern beraubt wurden.

porträt einer frau vor rotem kunstwerk

Rosa Hanan Mallel, Rhodos-Auschwitz-Rom, ©Artemis Alcalay

Viele von ihnen sind bereits aus dem Leben geschieden oder in einem sehr hohen Alter. Alcalay hat somit die letzten Zeugnisse eingeholt, denkt aber nicht daran aufzuhören. Ihre Erfahrungen fasst sie so zusammen: „Mein Kontakt zu den Überlebenden der Lager hat meine Prioritäten radikal verändert. Ihre Kraft, ins pulsierende Leben zurückzukehren und den Tod in Schöpfung, Liebe und Familie umzusetzen, kann niemanden kalt lassen. Aber auch die Beschäftigung mit der Kunst selbst drängt uns immer dazu, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – egal, wie jeder von uns involviert ist, sei es als Schöpfer oder als Betrachter.“

Nach der realen Welt des zweiten Teils der Trilogie kehrte Alcalay zu den Sinnbildern der Kunst zurück. Alcalay meint, dass der Schöpfungsprozess unbewusste Wege durchläuft, bis er an die Oberfläche dringt. „Kunst rüttelt auf, setzt sich mit heiklen Fragen auseinander, schließt offene Wunden und heilt, erlöst aus Zwangslagen – und das ganz ohne Worte.“

Pakete aus Stoff mit Händen

Emmones. Objets trouvés (Beharrlichkeit. Gefundene Gegenstände, 2019)

In einer Altmetallhandlung wurde eine große Menge metallener Puppenköpfe und -gliedmaßen abgegeben, mit denen wohl in den 60er-Jahren Spielpuppen herstellt wurden. Artemis Alcalay erkannte sofort deren künstlerisches Potenzial. Die abgelichteten Objekte vermitteln als Sinnbild des menschlichen Körpers den Eindruck einer Rauminstallation. Das fotografische Ergebnis ist erst einmal aufwühlend, ohne dass der Betrachter versteht, warum. Es könnte die unbewusste Verknüpfung zwischen der industriellen Massenproduktion und der industriellen Tötungsmaschinerie sein. So wird der Betrachter mit seinen eigenen Fragen konfrontiert. Alcalay zeigt Gewalt, Verschleiß und Verlorenheit wieder mittels eines Spielzeugs – und hier schließt sich der schöpferische Kreis.

Puppenköpfe und Puppengliedmaßen

Artemis Alcalay besitzt die Gabe, eine der wichtigsten Eigenschaften von Kunst zu aktivieren: die Betrachter zu bewegen und aufzurütteln. Es ist der fruchtbare Dialog zwischen dem Künstler, seiner Arbeit und dem Publikum, der uns einbindet und bereichert. Manchmal wirkt das Werk sogar unabhängig von seinem Schöpfer und von der Ausstrahlung, die er ihm selbst zuschreibt, weil je nach den persönlichen Erfahrungen die „Lesart“ eines jeden Betrachters unterschiedlich ausfällt.

Die Frage bleibt: Wie wird es mit dem Schöpfungsprozess von Artemis Alcalay weitergehen? Ihre Antwort fällt entwaffnend schlicht aus: „Darauf bin ich selbst gespannt!“

Text: A. Tsingas. Zitate aus einem Interview der Künstlerin mit Mina Mavrou. Fotos: Artemis Alcalay. Redaktion: Michaela Prinzinger.

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