Danae Dörken: Zwischen Deutschland und Griechenland

Raphael Irmer im Gespräch mit der Konzertpianistin

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Danae Dörken ist eine international bekannte deutsch-griechische Konzertpianistin, geboren 1991 in Wuppertal. Sie gilt als eine der prominenten Musikerinnen ihrer Generation im Bereich der klassischen Musik und tritt weltweit als Solistin und Kammermusikerin auf.
Im April 2026 spielte sie Mendelssohns 1. Klavierkonzert und Schumanns „Rheinische“ in der Kölner Philharmonie. Dort kam sie mit Raphael Irmer ins Gespräch, woraus sich dieses Interview entwickelte.

Wie bist du zum Klavierspielen gekommen?

Dazu bin ich ganz zufällig gekommen. Meine Eltern sind beide keine Musiker und ich habe auf einem Kindergeburtstag ein Mädchen gehört, das Klavier gespielt hat. Damals war ich 5 Jahre alt. Ich war so beeindruckt davon und fand das so toll, dass ich meiner Mutter gesagt habe, dass ich mit Klavierstunden beginnen möchte. Sie hat mir anfangs sogar davon abgeraten, weil es doch so ein unpraktisches und teures Instrument sei – wir hatten kein Klavier zu Hause –, aber nach einigem Bitten fing ich dann doch mit den Klavierstunden an.

© Alfonso Salgueiro

Ich hatte sehr viel Glück mit Marina Kheifets, meiner ersten Klavierlehrerin an der Musikschule, und so ging es dann recht bald schon intensiv los und ich konnte glücklicherweise früh erste Konzert- und Wettbewerbserfahrungen sammeln. Später habe ich dann bei Prof. Karl-Heinz Kämmerling und Lars Vogt studiert.

Welche Komposition, Musikrichtung oder Musiker/in hat dich besonders inspiriert?

Mich inspirieren sehr viele verschiedene KünstlerInnen und MusikerInnen, auch nicht-klassische. Immer, wenn es jemand schafft, sein Innerstes nach außen zu kehren und somit auf der Bühne die Höhen und Tiefen seiner Seele zu offenbaren, finde ich das unheimlich inspirierend und ergreifend. Diese Art von emotionaler Wahrheit und Rohheit ist für mich tausend Mal inspirierender und überzeugender als der perfekteste Bühnenauftritt.

Du bist in Deutschland aufgewachsen – welche Bedeutung haben für dich deine griechischen Wurzeln?

Meine Mutter ist Griechin und in Athen aufgewachsen, stammt aber von der Insel Lesbos. Meine griechische Seite war schon immer sehr stark vertreten, obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin. Zu Hause habe ich mit meiner Mutter und meiner Schwester nur griechisch gesprochen. Aufgewachsen bin ich mit der griechischen Mythologie, mit Homers Ilias und Odyssee, mit griechischer Musik und griechischen Tänzen. Das führe ich heute mit meinen eigenen Kindern (die ebenfalls in Deutschland aufwachsen) so fort. Im Herzen habe ich mich schon immer sehr griechisch gefühlt.

Welche Rolle hat die griechische Seite in deiner musikalischen Entwicklung gespielt?

Eine wichtige! Zum einen ergibt das Vorhandensein von zwei Kulturen auch zwei Herangehensweisen – sowohl im Alltag, wie auch in der Musik. Zum anderen habe ich mich gerade in den letzten fünfzehn Jahren immer intensiver mit der griechischen klassischen Musik befasst. Dabei habe ich tolle musikalische Entdeckungen gemacht, die mich in meinem musikalischen Schaffen sehr beeinflusst haben.

Wie verbindest du in deiner Musik deutsche und griechische Einflüsse?

Natürlich versuche ich immer in erster Linie der emotionalen Aussage eines Musikstücks auf den Grund zu gehen. Und so bereichern mich Einflüsse aller Art – je vielfältiger, desto besser. In der Welt der klassischen Musik und auch durch die Tatsache, dass ich mich viel mit griechischen Komponisten befasse, sind die deutschen und griechischen Einflüsse natürlich besonders präsent. Und obwohl sie teilweise sehr unterschiedlich sind, überrascht es mich manchmal, wie sehr sie sich auch gegenseitig befruchten und dann doch auf eine gewisse Art und Weise zueinander finden.

© Nikolaj Lund

Erzähl uns bitte von deinem neuesten Album „Odyssee“.

Odyssee ist ein Album, das sich zum einen auf Homers Odyssee bezieht (eine Geschichte, die mich seit meiner Kindheit fasziniert) und zum anderen auch auf die moderne Odyssee, die wir heutzutage auf dieser Welt erleben. Musikalisch habe ich dafür zum Teil Werke mit direktem Bezug zur klassischen Odyssee ausgesucht (wie zum Beispiel Debussys „Sirènes“), aber auch Stücke, die die aktuellen Ereignisse widerspiegeln, wie z.B. „Waiting for Friday“ des syrischen Komponisten Kinan Azmeh oder „Black Earth“ von Fazil Say.

Dein Album „Helikon“ gilt als Hommage an Mikis Theodorakis. Worum geht’s in dem Album und was fasziniert dich besonders an dem Komponisten?

Theodorakis´ Musik habe ich schon als Kind oft gehört und dabei mitgesungen, auch gemeinsam mit meiner Schwester auf Familienfeiern. Theodorakis macht für mich (und für sehr viele andere auch) die musikalische Essenz Griechenlands aus. Es war ein großer Herzenswunsch von mir, dieses Album aufzunehmen. Dabei war es mir auch wichtig, nicht nur seine schon sehr bekannten Lieder einzubeziehen, sondern auch auf sein klassisches Repertoire aufmerksam zu machen – wie seine Suite für Klavier und Orchester und sein Klavierkonzert „Helikon“, das dem Album seinen Namen gegeben hat und ein wirklich beeindruckendes Werk ist.
An Theodorakis fasziniert mich besonders, dass er ein wahrer Freiheitskämpfer war, der das, was er erzählte, auch wirklich gelebt hat und vor nichts zurückscheute. Und genau dieses Ideal der Freiheit (das ihn unter anderem während der Besatzungszeit Griechenlands in deutsche Haft gebracht hat) ist in seiner Musik stark präsent und reißt mich mit.

Siehst du dich als „Brückenbauerin“ zwischen zwei Kulturen?

Ich finde, dass man immer eine Art Brückenbauerin ist, wenn man zwei Kulturen in sich vereint. Man kennt beide sehr gut, ist simultan in beiden zu Hause, wenn auch nicht zu 100%, weil immer noch etwas am anderen Teil „fremd“ ist. Und genau das ist besonders und wertvoll. Es hat mich Offenheit und Verständnis in vielen Lebenslagen gelehrt. Und nicht zuletzt war es auch diese Tatsache, die dazu geführt hat, dass ich zusammen mit meiner Schwester das Molyvos International Music Festival gegründet habe.

© Nikolaj Lund

Wie kam es zur Gründung dieses Festivals?

Das Molyvos International Music Festival ist ein Kammermusikfestival, das jeden Sommer auf der Insel Lesbos in Molyvos stattfindet, wo meine Großmutter geboren wurde. Es ist eine Fusion aus griechischer Kultur, archäologischen Stätten, Natur und klassischer Musik auf höchstem Niveau. Ich bin unglaublich dankbar, dass jedes Jahr höchst erfolgreiche, tolle Musiker die Reise nach Lesbos auf sich nehmen und quasi unentgeltlich ihre Musik dort mit uns teilen. Es wird eine einzigartige Atmosphäre geschaffen, in der die Barrieren zwischen Künstlern und Publikum verschwinden und sie sich mit der Klassik vereinen. 2026 ist das Thema des Festivals „Eudaimonia“, es findet vom 12. bis zum 19. August 2026 statt.

Welche Unterschiede erlebst du zwischen dem deutschen und dem griechischen Musikpublikum?

So große Unterschiede erlebe ich gar nicht! Und ich könnte auch nicht sagen, wo ich lieber spiele: Sowohl in Deutschland als auch in Griechenland durfte ich schon gleichermaßen unvergessliche Momente auf der Bühne erleben.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Dass uns die Kraft der Musik gerade in den heute turbulenten und auch ungewissen Zeiten immer wieder an das Wesentliche in uns erinnert, dass wir uns durch die Musik auf das uns Verbindende besinnen und die vermeintlichen Unterschiede immer mehr in den Hintergrund treten lassen.


Danae Dörken hier
„Eudaimonia“: 12. Molyvos International Music Festival, 12.-19. August 2026 hier

Raphael Irmer studierte Neogräzistik und Byzantinistik an der Universität Hamburg. 2025 hat er gemeinsam mit Asteris Kutulas den Lyrik-Band „Paradiesische Höllen“ mit sämtlichen Gedichten von Mikis Theodorakis herausgegeben. 2026 übersetzte er Vorlesungen von Nicos Poulantzas aus dem Jahr 1977 ins Deutsche, erschienen unter dem Titel „Klasse, Staat und Imperialismus“.

Interview: Raphael Irmer. Fotos: Alfonso Salgueiro, Nikolaj Lund. Redaktion: A. Tsingas.

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