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Die Sängerin Fevronia lebt seit 2012 in Deutschland. Ihre erste TV-Rolle hat sie in der Serie „Rembetis – Die Geisterjäger“, die diese Tage bei ZDFneo anläuft. Im Interview erzählt sie Raphael Irmer von ihren Erfahrungen und gibt Einblicke in die Welt des Fernsehens.
1_Du bist in Thessaloniki geboren und in Katerini aufgewachsen. Was hat dich bewogen, nach Deutschland zu ziehen?
In der kleinen Stadt Katerini bin ich mit einer tiefen Verbundenheit zur griechischen Kultur und Lebensweise aufgewachsen. Trotzdem habe ich schon früh gespürt, dass meine Vorstellungen von persönlicher und beruflicher Entwicklung über das hinausgingen, was mir meine Heimat bieten konnte. Die Entscheidung des Umzugs war ein großer Schritt für mich – einer, der viel Mut erforderte, mir aber auch viel Hoffnung machte.
Der Wunsch, mehr aus meinem Leben zu machen, hat mich dazu bewegt, mein vertrautes Umfeld zu verlassen. Ich wollte mich selbst besser kennenlernen – unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen und den traditionellen Wegen meines Umfelds. Deutschland war für mich nicht nur ein Land mit mehr Möglichkeiten, sondern vor allem ein Ort, an dem ich herausfinden konnte, wer ich bin, wenn ich ganz auf mich allein gestellt bin – ohne familiäre Einflüsse, ohne kulturelle Grenzen. Es war mir wichtig, in eine Umgebung zu kommen, in der ich meine eigene Denkweise entwickeln konnte, in der ich frei bin, meine Perspektiven zu erweitern und über mich hinauszuwachsen.
Heute weiß ich: Diese Entscheidung hat mir nicht nur neue Chancen eröffnet, sondern mir auch geholfen, meine Identität zu stärken – als Mensch, der seine Wurzeln kennt, aber auch den Mut hat, Neues zu wagen.
2_Wie ist dein Kontakt zu den Verwandten in der Heimat?
Seit 2012 lebe ich in Köln, aber der Kontakt zu meiner Familie ist für mich nach wie vor von zentraler Bedeutung. Auch wenn der Alltag noch so hektisch und die Zeit knapp ist, versuche ich, den Austausch mit meinen Liebsten lebendig zu halten – durch Telefonate, Videochats etc. Die Momente mit meiner Familie geben mir eine tiefe innere Ruhe und stärken mich, die Herausforderungen des beruflichen Lebens mit neuer Energie und Zuversicht zu meistern.
3_Bisher hast du dich vor allem der Musik gewidmet. Nun standest du zum ersten Mal vor der Kamera. Wie ist es dazu gekommen?
Ursprünglich war ich lediglich als Komparsin vorgesehen, die eine Sängerin darstellt. Doch im Frühling 2024 meldete sich der Showrunner Jasin Challah bei mir. Er habe eine erweiterte Rolle für mich und fragte, ob ich offen dafür sei, etwas Neues auszuprobieren – ohne jedoch nähere Details zu verraten. Einige Monate später, im Sommer 2024, erhielt ich dann die Einladung zu einem E-Casting. Ich sollte ein paar Dialoge einstudieren und mich dabei selbst filmen. Als Resultat wurde ich zu einem persönlichen Casting bei der Produktionsfirma eingeladen. Es war eine völlig neue Erfahrung für mich, doch ich hatte das Gefühl, dass es gut lief. Wenige Tage später kam die Bestätigung: Ich wurde für die Rolle angefragt. Erst zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich, dass es sich dabei um eine Hauptrolle handelte. Im Nachhinein war ich fast froh, das nicht früher gewusst zu haben – der Druck wäre wahrscheinlich größer gewesen.

4_Hat in deiner Familie jemand Erfahrung als Musiker oder Schauspieler?
Meine Eltern hatten keine musikalische Ausbildung und waren auch nie im künstlerischen Bereich tätig. Dennoch gab es zwei Menschen, die meinen Weg maßgeblich beeinflusst haben. Der erste war der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Dimitris Chandolias, der schon früh meine Begeisterung für Musik erkannte. Als ich elf Jahre alt war, schenkte er mir meine erste Gitarre. Er selbst war ein leidenschaftlicher Hobbymusiker, ein Bassist mit einem großartigen ästhetischen Gespür. Seine Liebe zur Musik und seine Ermutigung bedeuteten mir sehr viel und gaben mir den Mut, meinen eigenen musikalischen Weg einzuschlagen. Der zweite war ein Cousin meiner Mutter, Georgios Chandolias. Er hat viele Jahre als Schauspieler und Regisseur in Athen gearbeitet. Kennengelernt habe ich ihn erst nach seiner Rückkehr nach Katerini, nur wenige Jahre, bevor ich ins Ausland ging. Wir hatten nicht viel Zeit miteinander und mittlerweile ist er verstorben. Aber unsere Gespräche waren intensiv, ehrlich und tiefgründig. Wir sprachen über Kunst und was es bedeutet, Künstler zu sein – und über das Leben allgemein. Mit diesen beiden Menschen verband mich auf seelischer Ebene etwas ganz Besonderes. Es war für mich von großer Bedeutung, wie sehr sie mich verstanden – meine Träume, meine Sorgen, meine Ängste. Wie sehr sie mich geprägt haben, wurde mir erst später bewusst. Bis heute trage ich die Zeit, die mir mit ihnen geschenkt wurde, in meinem Herzen – eine Zeit, die für die Entwicklung meiner Persönlichkeit von unschätzbarem Wert war.
5_Welche Rolle spielst du in der Serie „Rembetis“?
In der Serie spiele ich die Rolle der Alithia. Auf Griechisch bedeutet dieser Name „die Wahrheit“ – und genau das spiegelt auch ihre Persönlichkeit wider. Alithia ist die Klügste in der Familie, sie organisiert den Alltag, hält alles zusammen und übernimmt Verantwortung, besonders während einer langen Abwesenheit der Mutter. Alithia kümmert sich liebevoll um alle. Für ihren Zwillingsbruder Paris hat sie eine Schwäche und auf ihre Tochter Hekate ist sie unglaublich stolz – auch wenn sie als alleinerziehende Mutter oft an ihre Grenzen stößt. Alithia versucht, eine Balance zu finden zwischen den vielen Rollen, die sie auf sich nimmt: Mutter, Schwester, Tochter. Für mich verkörpert sie die moderne Frau – selbstbewusst, reflektiert, mit dem Wunsch, ihren Platz in einer von Männern dominierten Welt selbstbestimmt zu definieren. Sie weiß, wer sie ist, und ist bereit, sich zu zeigen und für sich einzustehen. Mit ihr kann ich mich identifizieren. Auch ich bin fürsorglich, denke lösungsorientiert und stelle meine Familie in den Mittelpunkt. Zwar habe ich noch keine Kinder, aber ich kann mir gut vorstellen, eines Tages selbst Mutter zu sein. Je mehr ich über Alithia nachdenke, desto klarer wird mir: Ich spiele in vieler Hinsicht mich selbst. Klasse Frage, eine gute Gelegenheit zur Reflexion.
6_Wie sind die Dreharbeiten abgelaufen?
Die Dreharbeiten waren intensiv, aber vor allem unglaublich bereichernd. Das gesamte Team – vor und hinter der Kamera – war professionell, unterstützend und voller positiver Energie. So ein respektvolles Miteinander habe ich selten erlebt. Alle arbeiteten mit echter Hingabe – vom Ton über Licht, Kamera und Kostüm bis hin zum Catering. Man spürte sofort: Jeder glaubte an das Projekt. Besonders bewegend war für mich, dass mir die Regisseurin Sophie Averkamp und der Showrunner_* Jasin Challah diese Rolle anvertraut haben. Es war ein Geschenk und zugleich eine große Motivation, mein Bestes zu geben. Sophie Averkamp hat ein feines Gespür dafür, Menschen beim Spielen zu beobachten und sie wirklich zu sehen. Unter ihrer Leitung habe ich viel über mich selbst entdeckt – als Schauspielerin und als Mensch. Jasin Challah war zusätzlich mein Bildschirm-Zwillingsbruder und für mich ein Weggefährte, eine Inspiration und ein seltenes Beispiel dafür, wie kreative Vision und menschliche Feinfühligkeit auf einzigartige Weise verschmelzen können. Durch ihn habe ich erkannt, wie erfüllend es ist, sich ganz in den Dienst einer Idee zu stellen, die über das eigene Ego hinausreicht – im Namen einer Geschichte, eines gemeinsamen Traums.
*_Showrunner ist in der Fernsehbranche eine Person, die gegenüber dem Fernsehsender und dem Produktionsstudio für das Tagesgeschäft einer Fernsehserie verantwortlich ist und dieses leitet.

7_Wie hast du dich bei den Dreharbeiten gefühlt?
Die Dreharbeiten waren eine aufregende Reise in eine völlig neue Welt. Ich habe viel über die Arbeit vor der Kamera gelernt und dabei überraschend eine neue Seite meiner kreativen Ausdruckskraft entdeckt. Obwohl ich immer gespürt habe, dass mir Schauspielerei liegt, war es doch etwas ganz anderes als meine bisherige musikalische Entwicklung – direkter, rauer, unmittelbarer. Besonders bewegend war für mich dieses „pure Schauspielern“ – ohne formelle Ausbildung, ohne Filter, einfach ich selbst. Es erinnerte mich an meine Anfänge in der Musik, aber auf eine neue, kraftvolle Weise. Mir wurde die Freiheit gegeben, mich in dieser Rolle zu entfalten. Diese Erfahrung hat in mir eine neue Welt eröffnet. Ich spüre jetzt den Wunsch, mich weiterzuentwickeln, Seminare zu besuchen, tiefer einzutauchen. Was ich aus dieser Reise mitnehme: Ich möchte weiterhin meine Wahrheit leben – authentisch, ohne Kompromisse. Genau wie Alithia. Durch sie habe ich diese Erkenntnis wirklich in mir verankern können.
8_Was war dein schönster Moment bei den Dreharbeiten?
Ein besonders bedeutungsvoller Moment für mich war die Szene, in der Alithia ihren Platz in einer von Männern dominierten Welt einnimmt. Es war der Moment, in dem sie zu sich selbst steht, ihre Stärke erkennt und ihren Raum einfordert. Diese Szene hat mich tief berührt, weil ich darin so viel von meinem eigenen inneren Weg wiedergefunden habe. Und dann gab es auch noch diese eine Szene, die ich nie vergessen werde – aus ganz anderen Gründen: Unser (Film-)Vater Marcos sprach in einem ganz bestimmten Ton, der mich völlig aus der Fassung brachte. Ich fing an zu lachen und konnte einfach nicht mehr aufhören – mitten im Dreh. Ich habe Tränen gelacht. Es war ein Moment reinen, wilden Lachens. Wenn das Lachen so stark wird, dass der Bauch weh tut, fühlt sich alles richtig an. Solche Momente liebe ich.
9_Was hat dir weniger gefallen?
Es gibt tatsächlich nichts, was mir nicht gefallen hat – das ist meine ehrliche Antwort. Jede Erfahrung am Set war auf ihre Weise lehrreich und hat mir geholfen, mich selbst besser kennenzulernen. Natürlich gab es anfangs Situationen, die für mich ungewohnt oder unbequem waren. Doch im Laufe der Zeit habe ich genau diese Momente integriert – und sogar schätzen gelernt. Rückblickend sehe ich keine negativen Aspekte. Im Gegenteil: Ich möchte künftig offen über diese kleinen Herausforderungen sprechen, weil ich glaube, dass meine Erfahrungen anderen helfen können, die vielleicht ähnliches durchmachen.

10_Würdest du wieder eine Rolle in einer Serie oder einem Film übernehmen?
Ja, auf jeden Fall. Die Erfahrung war großartig – eine Taufe in die Kunst der Schauspielerei und all das, was sie für den Schauspieler bedeutet, der eine Rolle verkörpert. Ich möchte gerne weiterhin Rollen übernehmen, meine Fähigkeiten weiterentwickeln und mich neuen Herausforderungen stellen. Die Schauspielerei hat eine Seite in mir befreit, die ich vorher nicht kannte. Und ich bin fest davon überzeugt, dass ich dieser Aufgabe ehrenwert und respektvoll gerecht werden kann – ich freue mich schon sehr auf die nächste schauspielerische Herausforderung.
Die Serie
Die achtteilige Comedyserie handelt von der griechischen Familie Rembetis. Sie betreibt in Köln eine Gyrosbude, die eines Tages, als Folge eines Unfalls, plötzlich Dämonen und Geister freisetzt. Das zwingt die Familie dazu, ihrer Tradition als Geisterjäger nachzukommen.
Besonders hart trifft es den Sohn Paris (Jasin Challah), der seine Heimatstadt schon vor langer Zeit hinter sich gelassen hat, um sich als Musiker einen Namen zu machen. Doch nun muss er mit seinem Bruder Hektor (Samy Challah) und seinem Vater Marcos (Pavlos Kourtidis) zusammenarbeiten, um die Geister wieder in den Hades zu verbannen und die Welt zu retten. Zum Glück steht ihm seine Zwillingsschwester Alithia (Fevronia) zur Seite.

Fevrionia wurde 1989 in Thessaloniki geboren und ist in Katerini aufgewachsen, wo sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr lebte. Ihre Liebe zur Musik und ihr Gesangstalent zeigten sich schon früh, so dass sie im Alter von 11 Jahren mit klassischem Gitarrenunterricht und ein Jahr später mit klassischem Gesangsunterricht begann. Seit 2012 lebt sie in Köln. Fern der griechischen Heimat entdeckte sie ihre Liebe für den Rembetiko und die griechische Musiktradition. Seitdem singt sie in der Musikgruppe Rebetikon. // Rebetikon hier mit Link zu Fevronia, Musikbeispiel hier (YouTube)

Raphael Irmer hat Neogräzistik und Byzantinistik an der Universität Hamburg studiert. 2022-2023 absolvierte er ein Volontariat bei der Magdeburger Tageszeitung Volksstimme. 2025 hat er gemeinsam mit Asteris Kutulas den Lyrik-Band „Paradiesische Höllen“ mit sämtlichen Gedichten von Mikis Theodorakis herausgegeben.
Interview: Raphael Irmer. Übersetzung: Irmer/Fevronia. Fotos Fevronia: Dorina Milaş. Redaktion: A. Tsingas.
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