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Zwischen April 1941 und September 1944 führte die deutsche Besatzungsmacht auch auf Kreta brutale Strafmaßnahmen durch, samt Plünderungen, Geiselerschießungen und Einäscherung ganzer Ortschaften. Die Verantwortlichen wurden nur ausnahmsweise vor Gericht gestellt.
Der württembergische evangelische Theologe Ulrich Kadelbach – Philhellene, beständiger Kreta-Besucher und exzellenter Kenner sowohl der lokalen Tradition als auch der griechisch-orthodoxen Theologie –, veröffentlichte 2002 nach langjährigen Recherchen in den deutschen Staatsarchiven von Ludwigsburg und Freiburg i.Br. ein anschauliches Werk mit dem Titel Schatten ohne Mann – Die deutsche Besetzung Kretas 1941-1945.1) Dieses Buch richtete sich vor allem an deutschsprachige Liebhaber Kretas und regelmäßige Besucher der Insel und wurde 2009 vom selben Verlag auch in griechischer Sprache veröffentlicht. 2)

Auszug aus der Buchkritik der Heidenheimer Zeitung vom 04.04.2002: „Es ist kein Buch zum Träumen von kretischen Stränden oder deftigen Zechereien in malerischen Kneipen. Nach der Lektüre des sorgfältig recherchierten und mit zahllosen Dokumenten bereicherten Buches ist man verwundert darüber, dass man sich als Deutscher heutzutage in Kreta überhaupt blicken lassen darf. Die Betroffenheit über die ungeheuerlichen Vorgänge während der deutschen Besetzung ist dem Autor nahezu ständig anzumerken. Fündig wurde Kadelbach bei seinen Recherchen zum Buch in Militärarchiven in Freiburg und Ludwigsburg. Ulrich Kadelbachs Sprache ist nüchtern und wirkt dadurch umso erschütternder. Er weiß auch die poetischen Seiten der Insel und ihrer Bewohner zu verdeutlichen, doch immer wieder bricht das Entsetzen über die Vergangenheit herein. Kadelbach hat ein Buch gegen die Schlussstrichmentalität und für einen besseren Umgang mit Widerstandskämpfern, auch deutschen, geschrieben.“
Jahre später wollte Kadelbach diese notwendige (und zwingende) Arbeit der grundlegenden Erkenntnis und kritischen Reflexion über die gemeinsame Vergangenheit fortsetzen, insbesondere, weil es sich hier um eine äußerst sensible und vielfach vorbelastete handelt. So übergab er am 15. September 2020 in einer besonderen Veranstaltung in der Orthodoxen Akademie von Kreta (in Kolymbari bei Chania) das 505 Blatt umfassende, höchst bedeutende Archivmaterial, das er über Jahre gesammelt hatte, dem gemeinnützigen Verein „Gesellschaft zur Gründung und Verwaltung des Museums der Schlacht um Kreta, der Besatzung und des Widerstands“, vertreten durch seinen Präsidenten, dem langjährigen Generaldirektor der Akademie und persönlichen Freund von Kadelbach, Dr. Alexandros Papaderos. Dieser war in seiner Kindheit von den deutschen Besatzungstruppen verhaftet und ins Agia-Gefängnis verbracht worden. Nur knapp ist er der Deportation in das Konzentrationslager Dachau entgangen.
Das war der Startschuss für die jetzt vorliegende, (weitestgehend) vollständige wissenschaftliche Ausgabe des übergebenen Materials in neugriechischer Sprache. Die kritische Übersetzung dieses Archivmaterials aus dem Deutschen ins Griechische wurde Giorgos Iliopoulos anvertraut; angesichts der allgegenwärtigen sprachlichen und fachlichen Klippen wäre es eine kaum zu bewältigende Aufgabe gewesen, hätte er diese nicht als eine Herzensangelegenheit aufgefasst, wie es bei der öffentlichen Präsentation des Bandes am 30. September 2024 in Chania hieß.

Die Leserschaft wird damit nun zu einer anspruchsvollen Übung kultureller und historischer Selbsterkenntnis im Rahmen einer immer aktuellen politischen Dimension aufgefordert. Über die individuellen Unterschiede hinaus lassen uns alle Verfasser des Bandes an ihren Erfahrungen und Überlegungen teilhaben. Das sind die Professoren Hagen Fleischer (Emeritus für Geschichte an der Nationalen und Kapodistrias Universität Athen – EKPA), Evangelos Protopapadakis (Professor für Philosophie an der EKPA), Philippos Spyropoulos (Emeritus für Recht an der EKPA und ehemaliger Justizminister) und der Historiker an der Universität Kreta, Emmanuil Chalkiadakis.
Das „Unternehmen Merkur“ der deutschen Wehrmacht im letzten Drittel des Mai 1941, das auf die Eroberung Kretas abzielte, war hinreichend erfolgreich und schloss in kurzer Zeit eine bedeutende Lücke in der Umsetzung der Offensivpläne der Achse. Wie der angesehene „griechische Historiker deutscher Herkunft“ Hagen Fleischer in seinem umfangreichen Beitrag „Die Schlacht um Kreta und ihre zahlreichen Folgen“ ausführlich darlegt, lag der Erfolg der Invasion sowohl an der soliden Planung und der entschlossenen Durchführung seitens der Angreifer, als auch an den Versäumnissen der Verteidiger und ihrer Verbündeten in den Jahren davor. Im vorliegenden Band werden die Kenntnisse der kurzen, aber intensiven Schlacht um Kreta sowie die entsprechenden umfangreichen Debatten vorausgesetzt, denn der Fokus liegt auf der Besatzungszeit. Im Vordergrund stehen die Aufdeckung und Beanstandung der deutschen Kriegsverbrechen, die vor mehr als 80 Jahren auf der größten griechischen Insel begangen wurden, aber bis heute weder von deutscher noch – leider – von griechischer Seite gebührend berücksichtigt wurden.
Hier kann man sich im Detail (und mit der entsprechenden emotionalen Last) über viele dieser Verbrechen informieren, deren Verschweigen sinnlos wäre: In der zweiten Augusthälfte bis Anfang September 1944, als das Kriegsende näher rückte, zerstörten die Nazis in einer Operation, die sie mit unglaublichem Zynismus „Abschiedsfest – Sommernachtstraum“ nannten, 13 Dörfer, töteten 500 Widerstandskämpfer (im Sprachgebrauch der Besatzer: „Banditen“) und verhafteten 1000 Zivilisten, wie wir aus dem Bericht einer daran beteiligten Militäreinheit (des Frontaufklärungstrupps 382) erfahren. Die deutsche Seite behauptet, es handele sich nicht um Kriegsverbrechen, da nach dem damals geltenden Kriegs- und Völkerrecht die Gewalttaten der Besatzer nicht als Verbrechen zu werten seien. Die Begründung:
– Die Einheimischen, die Widerstand leisteten, trugen keine Abzeichen, und
– die Eroberer wendeten Gewalt nur als Vergeltung für Gewalttaten an, denen sie zuvor selbst ausgesetzt waren.

Die entscheidende Frage ist jedoch, warum das Nachkriegs- bzw. Post-Nazideutschland die Möglichkeit erhielt, solche Argumente vorzubringen, die unter anderen Umständen nicht akzeptiert worden waren (wie die berühmte Erklärung beim Nürnberger Prozess 1946, man habe lediglich auf Befehl Vorgesetzter gehandelt – die dort abgewiesen wurde). Die Antwort verweist auf die Verantwortung der griechischen Seite, die von Anfang an nicht dafür gesorgt hatte, dass notwendige Strafverfolgungen durchgeführt und zwingende Ergebnisse erzielt wurden. Es mag sein, dass am 20. Mai 1947 (dem symbolträchtigen 6. Jahrestag der deutschen Invasion), die beiden letzten Kommandanten der deutschen Besatzungstruppen auf Kreta (der sogenannten Festung Kreta) Bruno Bräuer und Friedrich-Wilhelm Müller im Militärlager Chaidari/Athen hingerichtet wurden. Wie Hagen Fleischer jedoch nachweist, war das eher dem Wunsch der Königin von Griechenland (geb. Friederike Luise Prinzessin von Hannover) geschuldet, um einer möglichen Volksempörung zuvorzukommen. Die eidesstattlichen Aussagen geschädigter Bürger bei den lokalen Gendarmeriestationen zu begangenen Verbrechen auch anderer Angehöriger der Besatzungstruppen wurden jedoch nicht weiter verfolgt. Kein einziger angeklagter deutscher Militärangehöriger wurde an Griechenland ausgeliefert; der berüchtigte Max Merten, der „Schlächter von Thessaloniki“, wurde sogar auf Druck von Bundeskanzler Konrad Adenauer und nach Intervention von Premierminister Konstantin Karamanlis am 5. November 1959 aus griechischer Haft freigelassen. Das griechische Parlament hatte zwei Wochen zuvor ein Sondergesetz verabschiedet: Demnach wurde jede Strafverfolgung von NS-Verbrechern in Griechenland ausgesetzt. Ab dann waren die Klageschriften an das damalige Westdeutschland weiterzuleiten, wo sie geprüft und die Beschuldigten gegebenenfalls vor Gericht gestellt werden sollten. Die zu erwartende Folge dieser Vereinbarung war natürlich, dass kein einziger derartiger Prozess auf deutschem Boden stattgefunden hat, da
– die Beschuldigten in der Regel aberwitzige Ausreden anführten, wie z.B., dass sie sich im Urlaub befänden, und
– die deutschen Justizbehörden solche Ausreden für bare Münze nahmen, ohne wirkliches Interesse zu zeigen, ihnen nachzugehen; selbst in Fällen, in denen die Beweise erdrückend waren, entschieden sie, dass die Schuld „nicht mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit nachgewiesen werden kann“, und fassten die Beschuldigten mit Samthandschuhen an: Zwar wurde ihnen die Zahlung von Gerichtskosten auferlegt – jedoch verbunden mit der Möglichkeit, in Berufung zu gehen.
In diesem Band können solche Praktiken nachgeschlagen werden, die nachträglich weder den Tätern noch den beiden beteiligten demokratischen Nachkriegsstaaten Ehre machen. Die griechische Seite war bemüht, nicht nur die juristische Untersuchung, sondern auch die künftige historische Forschung zu Grabe zu tragen: Der Justizminister Konstantinos Stefanakis entschied 1975 (wiederum unter Premierminister Konstantinos Karamanlis), die originalen einschlägigen griechischen Dokumente eines inzwischen abgeschafften „Sonderbüros“ zu versteigern oder gar einzustampfen. Dieser Beschluss wurde auch ausgeführt, die NS-Spuren in Südosteuropa waren somit ein für alle Mal getilgt; aber im Herzen Mitteleuropas blieb die sprichwörtliche und vorbildliche deutsche Gründlichkeit davon unangetastet. So haben die deutschen Übersetzungen der griechischen Anklageschriften die Jahrzehnte überlebt, natürlich zusammen mit den deutschen Originalgerichtsakten. In dieser Tradition spielte nun Ulrich Kandelbach, durchdrungen von tiefen humanistischen und echten christlichen Werten, durch die Bewahrung dieser wertvollen Dokumente eine entscheidende Rolle. In diesem Band, der Frucht seiner Schenkung, fanden somit lediglich die deutschen Dokumente Eingang. Selbstredend wird die Rückübersetzung ins Griechische dem authentischen Ton der (verschollenen) griechischen Originaldokumente aus den 1950er und 1960er Jahren nicht gerecht.
Die ins Griechische übersetzten Dokumente stehen nun, ebenso wie die deutschen Originale, der historischen Forschung zur Verfügung, was zu spannenden Resultaten führen könnte. Was die zeitgenössischen deutsch-griechischen Beziehungen im Rahmen dauerhafter Freundschaft und gegenseitigen Vertrauens betrifft, so werden auch politische und diplomatische Folgen erwartet, nach dem Prinzip „vergeben: ja – vergessen: nein“; die Bewältigung der kritischen und schwierigen Fragestellung aus der schmerzhaften Vergangenheit soll nun als mutiger Schritt zum Aufbau einer gemeinsamen europäischen Zukunft „auf einem von vergifteten Altlasten gereinigten Boden“ (U. Kadelbach) wahrgenommen werden.
1) Schatten ohne Mann – Die deutsche Besetzung Kretas 1941-1945 hier (mit Pressestimmen), Verlag Dr. Thomas Balistier, Reihe Sedones 5, Mähringen 2002.
Die ganze Reihe Sedones hier
2) In der Übersetzung von Sofia Anastasiadou: Σκιά δίχως άντρα – Η γερμανική Κατοχή στην Κρήτη 1941-1945, hier (mit einer Pressestimme auf DE), Verlag Dr. Thomas Balistier, Reihe Sedones 5, Mähringen 2009.
Das Buch (nur auf EL)
Πρακτικά γερμανικών δικαστηρίων για εγκλήματα πολέμου στην Κρήτη (zu Deutsch: Deutsche Gerichtsprotokolle zu Kriegsverbrechen auf Kreta) , Verlag Methexis, Chania-Thessaloniki 2024, 350 Seiten, ISBN: 9786182400036, ca. 20 Euro.
Der Sammelband entstand unter der Ägide des gemeinnützigen Vereins „Gesellschaft zur Gründung und Verwaltung des Museums der Schlacht um Kreta, der Besatzung und des Widerstands“.

Der Autor
Ulrich Kadelbach, Jg. 1938, studierte Theologie und Kunstgeschichte in Tübingen, Hamburg und Heidelberg. 1968 bis 1985 Gemeindepfarrer in Heilbronn. 1980 Kontaktstudium an der Aristoteles-Universität Thessaloniki und im Patristischen Institut Moni Vlatadon. Gründungsmitglied des Arbeitskreises Orthodoxe Kirchen der Württembergischen Landeskirche. Zwölf Jahre Nahostreferent im Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland. Publikationen zu den Themen Naher Osten, Orthodoxie, Kreta und Frieden. Werke (Auszug) hier

Der Übersetzer
Georgios Iliopoulos, Jg. 1965, ist Dr. phil. an der Freien Universität Berlin und Dozent an der Fakultät für Philosophie der EKPA Athen. Werke (Auszug) hier und hier (auf EL).
Im Druck befinden sich die Schriften W.F. Hegel, Die Platonische Philosophie (Einleitung-Übers. ins EL und Kommentar), Nissos Verlag, Athen 2025 und Erich-Maria Remarque, Das gelobte Land (Übers. ins EL), Kapon, Athen 2025.

Zusatz
Das Foto stammt vom Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Kandanos am 31.10.2024. Links der einundneunzigjährige Alexandros Papaderos, der Steinmeier ein Exemplar des Sammelbandes überreichte. Papaderos, der in Mainz promoviert hat, brachte seine persönlichen Erlebnisse und Empfindungen zur Sprache und tauschte sich mit Steinmeier über gemeinsame humanitäre Werte aus. Steinmeier hatte bereits das übliche Statement wiederholt, der Fall gelte als abgeschlossen.
Die Athener Tageszeitung Kathimerini portraitierte Papaderos aufgrund dieses Zusammentreffens; zum Artikel hier (auf EL).
Die ungekürzte Rede des Bundespräsidenten in Kadanos hier
(13:20). Erwähnt wird darin der Befehl des ersten Insel- kommandanten Kurt Student, auf dessen Grundlage die ersten Gräueltaten an der Zivilbevölkerung stattfanden und die Ortschaft Kandanos dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Zu Kandanos hier
Entschädigungen in diablog.eu hier
Text: Georgios Iliopoulos. Redaktion und Übersetzung: A. Tsingas. Fotos: Archive G. Iliopoulos und A. Tsingas.
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Danke für diesen Beitrag. Ich kenne die im Header angezeigten Fotos der tapferen alten Leute, die ihren Kindern zur Hinrichtungsstätte folgen. Ich habe sie in dem kleinen nautischen Museum in Chania gesehen und bis heute nicht vergessen.
Das Buch werde ich mir auf alle Fälle besorgen.
Herzliche Grüße allen, die an dem Artikel beteiligt waren.
Herzlichen Dank an diablog für diesen Beitrag.
Ich wußte nahezu nichts über diese Verbrechen… und war erst im Frühjahr 2024 für knapp 6 Wochen vorwiegend im Westen Kretas und habe mich sehr wohl gefühlt.
Es ist gut, daß solche Dinge auf den Tisch kommen.
Allerdings darf man fragen, wofür es nützt, mit Deutscher Gründlichkeit den Dingen auf den Grund zu gehen… Nachahmer für dieses Modell der „Aufarbeitung“ findet man auf der Welt vergebens.
Was sagt uns das…?
Möglicherweise ist die Neigung der Griechen, zu sagen „shit happens“ und „Schwamm drüber“ letztlich einem guten Leben im Hier und Jetzt und für die Zukunft angemessener und nützlicher.
Ich beschäftige mich als Arzt, Psychiater und Psychotherapeut und mit Traumafolgebefindlichkeiten befaßter Mensch von Berufs wegen mit den Menschen und ihren Möglichkeiten, mit Konflikten zurechtzukommen… und die Frage, welche Voraussetzungen und Entwicklungen dazu führen könnten, daß „Krieg“ entbehrlich wird, ist mein bevorzugtes Thema in den Ruhestand hinein.
Worauf ich gewisse Hoffnungen setze, ist, daß die jüngeren Menschen durch Globalisierung und Informationsvernetzung sich zu mehr Selbstverantwortung entwickeln und die Neigung, den uralten quasi „feudalen“ Mechanismus, daß der „Herr“ sagt, wer als „Feind“ zu gelten hat und der „Leibeigene“ gemäß „Befehl und Gehorsam“ dann diesen Feind „vernichtet“ und dabei sich selbst opfert, nachläßt, quasi „altmodisch“ wird.
Freue mich über Rückmeldungen.
Ich lese gerne im diablog Ihre Beiträge und drucke manche in griechisch aus, um sie zu übersetzen.
Ich bin Jahrgang 1941 und reise seit 40 Jahren nach Griechenland. Die Gräueltaten sind mir bewußt, die dort geschehen sind, und es ist gut, daß sie benannt werden. Sind sie jedoch nicht schon durch viele Bücher bekannt, und muß man akribisch nachsetzen?
Ja, wem nützt das? ich glaube in erster Linie demjenigen, dessen Anliegen es war und den Geschichtsbüchern und Archiven. Wer alles dies genau wissen möchte, kann da nachlesen. Auch den Griechen nützt es nicht, haben sie doch unmittelbar nach diesem schrecklichen Krieg noch 3 Jahre Bürgerkrieg durchzustehen gehabt, der sich manchmal durch die eigenen Familien zog.
Ich möchte nicht, daß die Vergangenheit die Zukunft bestimmt, sonst könnte ich vor Scham da nicht mehr hinreisen. Der alte Herr in unserem kleinen Hotel in Chania erzählte uns, daß er als Junge den deutschen Soldaten manchmal die Schuhe putzte und dafür etwas bekam – kein bitteres Wort, keine Vorwürfe …
ja ich glaube, daß diese Einstellung der Griechen eher zu einem guten Leben im Hier und Jetzt führt.
Bitte denken Sia daran, dass Aufarbeitung Klärung und Katharsis bringt. Mit Nachsetzen hat dieses Buch nichts zu tun, es ist eine Dokumentation von historischen Fakten, die man sonst nirgends finden kann.
Stimme Ihnen zu, Frau Matt…!
Das nachträgliche Gejammer und das Aufrechnen nach moralischen Kategorien ist in meinen Augen genau so „daneben“ wie das Führen von Kriegen an sich.
Aber es geschieht mit großer Inbrunst, wobei interessant ist, daß diese Art von „Bewältigung“ fast nur bei den Deutschen beliebt ist
Die Geschichte zeigt, daß der Mensch den Krieg „braucht“, denn sonst gäbe es diese Vernichtungsorgien nicht… bei diesem Ausmaß an verbrecherischem Desaster, das da erzeugt wird.
Gerade jetzt, wo führende Persönlichkeiten den „Feind“ wieder im Osten sehen und dabei zugucken, wie sich die Ukraine selbst opfert, wäre doch eigentlich die Frage, wieso das Phänomen „Krieg“ denn überhaupt zustande kommt und plötzlich wieder selbstverständlich erscheint, nachdem es viele Jahrzehnte lang quasi verschwunden war.
Wie geht sowas…?
Gerne im Dialog…!
Dieses Buch ist genau so auf die Vergangenheit gerichtet wie auch auf die Zukunft.
Bezüglich der Bewältigung und der Aufarbeitung der Vergangenheit, so haben jetzt – wie immer auch – die Politik und die weitere historische Forschung das Wort und dieses Buch versteht sich als eine originelle Hilfleistung in dieser Richtung. Wir müssen aber auch an die Zukunft ebenso denken, denn dort entscheidet sich, ob unser – in der Regel angenehmes – Leben im Hier und Jetzt weiter bestehen kann, zumal gerade neue Kriegsgefahren auf uns zuzukommen scheinen. Deswegen ist politische Bildung letzten Endes mit Aufarbeitung identisch.
Bewältigung und Aufarbeitung der Vergangenheit im Blick auf die Zukunft.
Der aufgeklärte Mensch verlangt von sich, aus der Vergangenheit zu lernen.
Noch nie wurde so viel Klärung und Katharsis betrieben, aber hilft es denn etwas…?
Es scheint doch eher so zu sein, daß der Mensch gewaltsame Auseinandersetzungen quasi „braucht“, denn obwohl es nichts destruktiveres und mehr Leid verursachendes gibt als „Krieg“… findet er doch immer wieder statt, meist ein oder zwei Generationen überspringend, manchmal auch innerhalb kürzerer Zeitspannen wie mit dem WK I und WK II.
Konkret und aktuell: Obwohl die Ukraine und Russland in übelster Weise vom WK II betroffen waren, führen diese Brudervölker derzeit seit 4 Jahren Krieg und die jungen Männer in der Ukraine ††† oder sie verlassen ihr Land… kluge junge Russen ebenso.
Selbst in Deutschland, das ja in den beiden Weltkriegen maximal be- und getroffen war nicht zuletzt durch einen historisch unvergleichlichen Verlust an Menschenleben und zudem auch noch Staatsgebiet durch Okkupation, wird gegenwärtig durch die politischen Führungspersönlichkeiten Russland als „Feind“ bezeichnet und eine militärische Aufrüstung in großem Umfang beschworen… und die führenden Medien berichten darüber mit großer Selbstverständlichkeit.
Wie geht das zusammen…?
Aus der Geschichte gelernt zu haben, würde ein maximales Plädoyer für Verständigung bedeuten.
Die deutsche Regierung könnte sich hier mit oder ohne die EU einbringen… und wenn dies mangels diplomatischer Kompetenz nicht läuft, könnten die großen Medien-Organe wie FAZ, Süddeutsche Zeitung oder die WELT oder die ZEIT gemeinsam oder einzeln Kongresse abhalten zur Überbrückung der Sprachlosigkeit und maßgebliche Politiker aus maßgeblichen Staaten einladen, um einen produktiven Dialog anzustoßen.
Und wenn es auch die Medien nicht hinbekommen… nicht zuletzt die Wirtschaftsverbände wären mindestens organisatorisch in der Lage, hier tätig zu werden.