Matala Beach Festival

Interview mit Elmar Winters-Ohle

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

17.-19. Juni 2016: Matala Beach Festival. Bereits zum 6. Mal findet das Hippie-Revival im legendären kretischen Ort Matala statt. diablog.eu sprach mit Elmar Winters-Ohle, einem Hippie der ersten Stunde, über die damaligen Erfahrungen, die Dreharbeiten zur ersten griechischen Doku zum Thema „Hippies in Matala“ und die Entstehungsgeschichte des Festivals. Illustriert wird unser Beitrag durch Bilder aus dem Privatarchiv von Elmar Winters-Ohle, Neogräzist und Dozent an der TU Dortmund im Bereich Deutsch als Fremdsprache sowie Verfasser des Lehrwerks „Sprachkurs Griechisch“ im Hueber Verlag.

Matala Beach Festival, 2016, Poster

Elmar, du hast bei einem Dokumentarfilm der ERT mitgewirkt, der kurz vor der Schließung des griechischen staatlichen Rundfunks fertiggestellt wurde. Der Film handelt von der Hippie-Bewegung in Matala während der 1960er Jahre. Wie kam es zu diesem Film und zu deiner Mitwirkung?

Nach der Veröffentlichung von Arn Strohmeyers Buch „Mythos Matala“, in welchem ich ebenfalls einen kleinen Beitrag geleistet hatte, schrieb die Zeitung „Ta Nea“ einen Artikel darüber. In diesem Beitrag hatte ich nicht nur davon berichtet, wie wir morgens im Meer schwammen und abends Retsina tranken, sondern auch, wie wir gemeinsam mit den Bewohnern philosophierten. Sowohl dieser Beitrag als auch ein weiteres Interview, das ich mit der Zeitung „Ta Nea“ geführt hatte, gefielen einer ERT-Redakteurin so sehr, dass sie Kontakt mit mir aufnahm und mich in Matala traf.


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Der Film ist einer der Hauptfiguren gewidmet, einem inzwischen verstorbenem Fischer, der griechischer Hippie und anschließend auch Althippie war.

Ja, Giorgos starb im Dezember letzten Jahres. Damals hatte ich Mitleid mit dem armen Kerl. Während er noch im Kinderwagen lag, veranstalteten wir nächtelang Musiklärm und ließen ihn nicht schlafen. Sein Vater Frangiskos besaß ein kleines Kafenion, das zugleich auch eine Art Ouzeri darstellte. Dort verbrachten wir viele Abende, hörten nächtelang Musik. Giorgos ist Fischer geworden, aber auch zeitlebens Hippie geblieben, nicht nur was seinen Kleidungsstil anbelangt, sondern sein gesamtes Auftreten.

Arn Strohmeyer hat mit deiner Unterstützung ein Buchprojekt durchgeführt. Er hat Material aus der damaligen Zeit gesammelt und es als Buch herausgebracht. Inzwischen ist es in Touristenbuchhandlungen in Matala und ganz Kreta erhältlich.

Ja, das Buch ist auch in Deutschland bestellbar. Es erschien mit dem Titel „Mythos Matala“ beim Balistier-Verlag, mit umfangreichem Fotomaterial aus der damaligen Zeit und zweisprachig angelegten Texten, auf Englisch und Deutsch.

Felsenküste, bewohnte Höhlen im Felsen
Matala 1966-70, ©Archiv Elmar Winters-Ohle

Das erste von euch organisierte Hippie-Revival-Festival fand im Jahr 2011 statt und stellte einen Besucherrekord auf.

Ja, das war erstaunlich und übertraf alle Erwartungen. Ich hielt die Besucherzahl zunächst für übertrieben, doch dann berichteten auch seriöse Zeitungen von vierzigtausend Teilnehmern. Das Festival fand wie geplant zu Pfingsten statt. Die damalige Bürgermeisterin war von dem Projekt sofort begeistert gewesen und hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit es realisiert werden konnte. Schließlich wurde die Gelegenheit erkannt, Kreta auf diese Weise ins Gespräch zu bringen und den Tourismus zu fördern. Selbstverständlich lag das auch in unserem Interesse, denn auch wir sahen darin eine gute Möglichkeit für Kreta zu werben, vor allem jetzt, in dieser Zeit.

Deko in einer Höhle
Höhleninnendeko, Matala 1966-70, ©Archiv Elmar Winters-Ohle

Der hohe Anteil an Jugendlichen auf dem Festival -80 bis 90%- war besonders bemerkenswert. Wie kam es, dass Jugendliche, die mit Matala und der damaligen Hippie-Bewegung nichts zu tun hatten, auf diesem Festival so zahlreich erschienen? Eine interessante Frage, die wir uns stellen. Scheinbar gab es wohl doch eine Art Revival in der Denkweise der Leute.

Wie ist deine persönliche Geschichte mit Matala? Wann warst du dort?

Zum ersten Mal war ich im Jahr 1963 in Griechenland. Ich gehe nun auf die 73 zu und habe somit eine fünfzigjährige Erfahrung mit diesem Land. Schon früh fing ich an zu reisen: Ich war als Schüler noch mit dem Fahrrad unterwegs, fuhr später mit dem Auto durch ganz Europa und landete schließlich erstmals in Griechenland – in einem Land, das mich auf Anhieb völlig begeisterte. Ich war froh, die anderen Länder bereits gesehen zu haben, weil ich von da an jedes Jahr nur noch nach Griechenland wollte.

In Griechenland lernte ich die wunderbare Herzlichkeit, die großartige Gastfreundschaft und die Aufgeschlossenheit der Menschen kennen, auch die der einfachen Leute, welche ich auf meinen Reisen traf. Ich durchlief ganz Kreta zwei Mal zu Fuß, war auf dem Pilion und drei Mal auf dem Berg Athos. Ich habe Griechenland gewissermaßen vom Scheitel bis zur Sohle erfahren, erlaufen und erkundet.

Es war mir ein inneres Bedürfnis, mit Griechenland mehr zu tun zu haben als nur an der Oberfläche. Die Geschichte und das Interkulturelle – das habe ich gelebt, ohne zu wissen, dass dieses Wort überhaupt existiert. Diese enge Verbindung zu Griechenland habe ich bis heute bewahrt.

Hirte mit Schafherde auf Feldweg
Matala 1966, ©Archiv Elmar Winters-Ohle

Warum gerade Matala?

Ich hatte Kreta zwei Mal durchquert und bereits beim ersten Mal von Reisenden gehört, Matala sei ein toller Ort. Daher wollte ich schon aus Prinzip auf keinen Fall dorthin. Nachdem mir der Ort aber immer wieder empfohlen wurde, entschied ich mich schließlich doch noch, nach Matala zu gehen. Es herrschte eine Atmosphäre dort, die einen willkommen hieß. Ich bezog eine noch freie Höhle. Spithomanolis, der ein Kafenion besaß, war unsere Vaterfigur, die für uns sorgte. Dort haben wir dann gelebt, Gedichte verfasst, Steine bemalt, wir hatten sogar ein kleines Orchester, das aus einer Klarinette, einer Gitarre und einer Geige bestand.

Meine persönliche große „Weltuniversität“ war die kleine Welt auf Kreta, in Matala.

Matala Elmar Winters-Ohle, 1966
Matala Elmar Winters-Ohle, 1966

Eure Beweggründe, nach Matala zu gehen, waren teils auch politisch geprägt, worüber ihr ja ebenfalls diskutiert habt.

Ja, es war eine gemischte internationale Truppe, die bei einigen Themen, wie dem Vietnamkrieg, natürlich auch heftig diskutierte. Wir trafen dort viele Amerikaner, die ihr Land verlassen hatten, um nicht als Rekruten für den Vietnamkrieg eingezogen zu werden. In dieser Hinsicht war die Stimmung durchaus politisch geprägt.

Bist du mit der Entwicklung nach dem Revival und mit der jährlichen Etablierung zufrieden?

Ja, ich finde ich es großartig, dass das Festivalprojekt umgesetzt wurde, denn es brachte die dortige Entwicklung wirklich gut voran. Selbstverständlich gibt es kritische Stimmen, die sich beschweren, es sei touristisch und ziehe Massen an. Aber dass es den dort lebenden Menschen hilft und ihnen ermöglicht, an ihrem Ort zu bleiben, ist meiner Ansicht nach viel wichtiger. Durch die Hotelenwicklung und den Tourismus im Allgemeinen finden sie eine ökonomische Basis.

Fot sw: Portrait eines äleren Mannes
Matala 1966, ©Archiv Elmar Winters-Ohle

Meinst du, dass ihr diese Entwicklung durch die damalige Hippie-Bewegung in Matala eingeleitet habt?

Ja, weil sich schon damals alle fragten, was die Menschen dorthin treibt, und sich dachten, da müsse doch schließlich etwas dran sein. Ebenfalls hochinteressant war die damalige Reaktion der älteren griechischen Damen auf uns. Das wird im Film gut dargestellt und rührt mich noch heute, wenn ich davon erzähle. Diese Greisinnen mit ihren vom Leben wunderbar geprägten Gesichtern, an denen man Biografien geradezu ablesen kann – sie waren von Anfang an von uns begeistert und standen für uns ein, versuchten diejenigen, die unser Hippie-Dasein wegen sexueller Freizügigkeit und Ähnlichem verurteilten, von uns zu überzeugen.

Elmar Winters-Ohle
Elmar Winters-Ohle, ©diablog.eu

Was sollen die Besucher und vor allem die jungen Leute, die das Festival zum ersten Mal besuchen, aus Matala mitnehmen?

Wenn man dort ist, denkt man wieder darüber nach, was früher am Leben anders war und was heute – oder auch in Zukunft – wieder anders sein könnte oder vielleicht sogar anders sein sollte. Sie sollten die Erkenntnis mitnehmen, dass man sich wieder auf seine eigene Kraft bezieht, auf seine eigene Persönlichkeitsbildung. Dass man sich wieder den wesentlichen Dingen zuwendet, sich nicht in der ganzen Hektik verliert oder der oberflächlichen Sensationslust hingibt und ständig etwas „Aufregendes“ erleben will, sondern zur Stille zurückkehrt. Und ich merke, dass genau das bei den Jugendlichen gut ankommt.

Interview: Michaela Prinzinger/Elmar Winters-Ohle. Lektorat: Nina Bungarten. Fotos: Archiv Elmar Winters-Ohle.
Arn Strohmeyers Buch „Mythos Matala. Ein Fotoband aus den 60ern und 70ern“ (englisch und deutsch) finden Sie im Dr. Thomas Balistier Verlag, www.kreta-buch.de.

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

5 Kommentare zu „Matala Beach Festival“

  1. Lieber Elmar,
    danke für den sehr lesenswerten Artikel, auf den ich zufällig gestoßen bin.
    Wie geht es dir in diesen Zeiten??
    Wollte mich nach langer Zeit mal melden! Würde mich über eine Antwort deinerseits sehr freuen!!
    Deine ehemalige Studentin

    Bettina

    Antworten
  2. Hallo, Überraschung!
    Dieser Blogbeitrag, gerne gelesen und den trailer geguckt, da tauchen die eigenen Erlebnisse auf, ist doch oft so, sofort die Erinnerungen.
    Bin damals mit dem Zug nach Athen, 54 Stunden und mit der Fähre nach Kreta, 1980. Matala, die Höhlen, ein Engländer namens Simon, mit dem ich mich zusammen tat. Denn alleine war die Stille und Einsamkeit, das Schlaffe und Lasche leider nicht leicht. Ich will es heute wieder lernen zu genießen, Geduld, siehe unten, das Zitat.
    Noch ein bisschen love&peace-feeling spürte ich aber auch schon kurzhaarige Punks, die die Normaltouris veräppelten. Grund des Besuches war meine Hippieschwester, die dort längere Zeit lebte, frühe 70er. Auf der Weiterreise nach … Indien. Matala gehörte dazu, eine wichtige Station, wie auch der Puddingshop in Istanbul, das waren die Stationen der Hippies.
    Ich schnupperte um 1980 noch flowerpower in Matala, bei einem Besuch 2006 mit meinem Halbbruder, der in Moires wohnt, war alles durchkommerzialisiert.
    Die Erinnerungen und das Lebensgefühl bleiben. Woodstock, da war ich doch medial gesehen schon dabei!
    Danke für den Beitrag und insbesondere für die Lebensweisheiten am Ende: „…dass man sich wieder auf seine eigene Kraft bezieht, auf seine eigene Persönlichkeitsbildung. Dass man sich wieder den wesentlichen Dingen zuwendet, sich nicht in der ganzen Hektik verliert oder der oberflächlichen Sensationslust hingibt und ständig etwas „Aufregendes“ erleben will, sondern zur Stille zurückkehrt. Und ich merke, dass genau das bei den Jugendlichen gut ankommt.“

    Antworten
  3. Meine Schwester und ich kamen 1966 durch Zufall nach Matala. An der berühmten Scheibe von Gortyn mit den verschiedenen Schriften fragte ich einen Busfahrer, der französische Touristen nach Matala brachte, ob er uns mitnähme. Wir waren europäische Bildungsbürgerinnen in Istanbul aufgewachsen, überhaupt keine Hippies. Das Hotel am Strand war belegt, unser Gepäck (ohne Schlafsäcke) hatten wir in Heraklion in der Jugendherberge gelassen. Wir gingen am Strand auf die dortige Taverne/Kafenion zu, als uns ein etwa 3-jähriges Mädchen laut rufend „in Empfang“ nahm „Mama Touristes“. Dahinter eine – mir hünenhaft in Erinnerung gebliebene – blonde Frau nur mit Einem Tuch bekleidet, die sich als Holländerin herausstellte, die die Höhlen „verwaltete“ und zuwies. Aus welchem Grund das kleine Mädchen fasziniert von uns – 19+26 Jahre alt – war? Vielleicht weil wir so absolut keine Hippies waren aber auch keine der „touristischen“ Hotelgäste, die sich nicht an den Teil des Strandes verirrten. Es waren zwei getrennte „Blasen“ und wir passten zu keiner der beiden. Von einem griechischen Dorf mit „normalen“ Bewohnern war nichts zu sehen. Wie und wo wir in der Nacht geschlafen haben, weiß ich nicht mehr. Am nächsten Morgen verließen wir Matala mit einem öffentlichen Autobus, wir hatten keinerlei Interesse dort zu bleiben. Ich bin auch nie mehr dorthin zurück. Sechs Jahre später erlebte ich auf der Insel Ios, wie sich die dortige Bevölkerung und die massenhaften Rucksacktouristen und Hippies (?) in die Quere kamen. Ihr Schmutz und ihr ausbeuterisches Verhalten gegenüber der ursprünglichen Gastfreundschaft der Inselbewohner hat mich abgestossen und auf Dauer gegen diese Art sich in der Fremde zu verhalten geprägt. Ios ist nun durch und durch touristisch durchkommerzialisiert, vom ursprünglichen Inselleben nichts mehr übrig. Ich lebe seit 2011 fast ständig auf einer relativ untouristischen griechischen Insel und sie ist mein Zuhause geworden.

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  4. Leider war es mir nicht möglich, in den 70ern dort zu sein… geboren 1961 und aufgewachsen mit der Musik von Bob Dylan, Joan Baez und Neil Young erfüllte sich jedoch 1982 einer meiner Träume… Matala. Auch zu dieser Zeit war es noch möglich, eine Auszeit vom alltäglichen Leben zu nehmen. Rückschau haltend waren diese sechs Wochen ein Teil meiner schönsten Lebenszeit. Aber… if you follow every dream, you might get lost.

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