„Z” – Opernpremiere an der Bayerischen Staatsoper

Interview mit dem Komponisten Minas Borboudakis

1. Juli 2019: deutschsprachige Premiere der Kammeroper „Z” an der Bayerischen Staatsoper in München. Es geht um die Geschichte des politischen Mordes an dem Friedensaktivisten Grigoris Lambrakis vom 27. Mai 1963. Der Librettist Vangelis Hatziyannidis und der Komponist Minas Borboudakis geben eine zeitgenössische Antwort auf die Fragen, die das Ereignis aufwirft. Die Oper kommt in der deutschen Übersetzung von Michaela Prinzinger zur Aufführung. Lesen Sie das Interview zur Premiere mit dem Komponisten auf diablog.eu!

Kammeroper „Z” von Minas Borboudakis, Bayerische Staatsoper

Der Titel der Oper „Z” von Minas Borboudakis geht auf den gleichnamigen Roman von Vassilis Vassilikos zurück, der die Geschichte bereits 1968 erzählte. Z, im Griechischen der Buchstabe Zita, verweist auf das griechische Verb zeí, „Er lebt“. Nach der Ermordung Lambrakis’ wurde das „Z“ in vielen Städten Griechenlands auf Straßen, Bürgersteige und Fassaden gemalt – als Zeichen des Protestes, aber auch als Zeichen einer unerbittlichen Zuversicht, das Erbe des Demokraten und Pazifisten Lambrakis würde sich letzten Endes durchsetzen.

Das Denkmal zu Ehren von Lambrakis, es befindet sich am Tatort, nur einige Meter vom Hotel „Kosmopolit“ entfernt, ©Eva Karagkiozidou

Es sind die Jahre des weißen Terrors in Griechenland. Der Zweite Weltkrieg ist fast nahtlos in einen Bürgerkrieg übergegangen, dessen Ende noch keine 15 Jahre zurückliegt. Zwar sind die Royalisten mit tatkräftiger Unterstützung Großbritanniens und der USA daraus als Sieger hervorgegangen, vielen Griechen gelten die Visionen der Linken, auf deren Liste auch der parteilose Lambrakis ins Parlament gewählt wurde, dennoch als die bessere Lösung. Die Linke verspricht nicht nur ein besseres Los für die vielen Menschen, die am Existenzminimum leben, sie hat als maßgebliche Akteurin des Widerstands gegen die Nationalsozialisten eine besondere moralische Strahlkraft.

Auch am 22. Mai 1963, wenige Wochen nach seinem Friedensmarathon, erreicht ihn erneut eine Morddrohung. An diesem Tag soll Lambrakis in Thessaloniki auf einer Veranstaltung der „Freunde des Friedens“ sprechen. Schon die Vorbereitungen gestalten sich tumultuös. Der Besitzer des Saals, in dem die Versammlung stattfinden soll, zieht seine Zusage in letzter Sekunde unter fadenscheinigem Vorwand zurück, die „Freunde des Friedens“ sind gezwungen, auf ein viel zu kleines Gewerkschaftsbüro auszuweichen. Am Gebäude bringen sie Lautsprecher an, um Lambrakis‘ Rede auf den Platz davor zu übertragen.

Dort haben sich längst Gegendemonstranten eingefunden. Sie haben Säcke mit Steinen bei sich, die sie später unter den Augen der Polizei in Richtung des Versammlungsraums werfen werden. Bereits auf dem Weg zur Veranstaltung wird Grigoris Lambrakis mit einem Schlag auf den Kopf angegriffen. Später wird er seine Rede mehrmals unterbrechen: „Achtung, Achtung, hier Abgeordneter Lambrakis. Als gewählter Volksvertreter zeige ich an, dass es ein Mordkomplott gegen mich gibt und rufe den Staatsanwalt, den Präfekten und den Polizeidirektor auf, das Leben der hier versammelten Freunde des Friedens und das meine zu schützen.“

Lambrakis hielt seine Rede in diesem Haus, genau gegenüber vom Hotel „Kosmopolit“, ©Eva Karagkiozidou

Dann, es ist kurz nach 22 Uhr, verlässt er das Gewerkschaftsgebäude in Begleitung einiger Weggefährten. Das Hotel, in dem er untergekommen ist, befindet sich genau gegenüber. Wieder kommt es zu Übergriffen. „Heute Abend wirst du sterben“, tönt es aus der Menge von den Gegendemonstranten, die immer noch ausharren. Plötzlich, und obwohl die Polizei die Gegend weiträumig gesperrt hat, fährt ein Kleintransporter mit verdecktem Kennzeichen scharf an. Ein Mann auf der Ladefläche schlägt Lambrakis mit einem schweren Gegenstand auf den Kopf. Dann verschwindet das Gefährt unter den Augen der Polizei, die untätig bleibt. Der bewusstlose Politiker wird von seinen Freunden mit dem Auto ins Krankenhaus gebracht. Am 27. Mai 1963, nach fünf Tagen im Koma, stirbt Grigoris Lambrakis.

Wenn wir heute wissen, dass der Politiker nicht einem „bedauernswerten Verkehrsunfall“ zum Opfer gefallen ist, wie es am Tag nach dem Mordanschlag in der regierungstreuen griechischen Presse heißt, dann ist das der Arbeit einiger weniger zu verdanken, darunter der Untersuchungs­ichter Christos Sartzetakis, der mit dem Fall betraut wurde, sowie drei Journalisten, die nicht locker ließen. Gemeinsam deckten sie ein Komplott auf, dessen organisierte Drahtzieher aus den staatlichen Behörden heraus operierten und teilweise auch von ihnen finanziert wurden. Die Polizei spielte eine entscheidende Rolle, die Fäden reichten aber bis in das Büro des konservativen Premiers Konstantinos Karamanlis. Ob der von den parastaatlichen Aktivitäten in seinem nächsten Umfeld wusste, ist bis heute nicht geklärt. Sicher ist, dass der Parastaat als unsichtbare Exekutive fungierte, die niemandem Rechenschaft abzulegen hatte.

(Auszug aus dem Artikel „Tod eines Friedfertigen” von Alkyone Karamanolis, das im MAX JOSEPH Magazin Nr. 4/2019 der Bayerischen Staatsoper erschienen ist)

Minas Borboudakis, ©Wilfried Hösl

Interview mit Minas Borboudakis

Warum hast du ein „historisches” Thema aufgegriffen, die Figur von Grigoris Lambrakis, einen griechischen Politiker aus den 60er-Jahren?

Die Figur von Grigoris Lambrakis und die Situation der 60er-Jahre ist in Griechenland bekannt und präsent. Es war eine sehr bewegte Zeit, daraus ist die Lambrakis-Jugendorganisation hervorgegangen einerseits, andererseits die Diktatur. Das war die eine Seite, warum ich diese Geschichte als Stoff ausgewählt habe. Die andere Seite ist seine Aktualität, und zwar nicht nur in Griechenland, sondern weltweit. Man muss nur an eine ganze Reihe politisch motivierter Morde denken, John Lennon zum Beispiel, John F. Kennedy, Martin Luther King oder Rudi Dutschke, die mit dem politischen Untergrund verbunden waren. Lambrakis ist für die Gesellschaft als ein Ganzes, für den Frieden, für die Zukunft des Planeten eingetreten. Europa tendiert weg vom Ganzen und Gemeinsamen hin zum Individuellen und Nationalen, was ich für eine problematische Entwicklung halte.

Inwiefern hat dich Vassilis Vassilikos’ berühmter Roman „Z”, auf dem Costa-Gavras’ Verfilmung beruht, inspiriert?

Die engen Gassen des Markts führen direkt zur Kreuzung Ermou- und Venizelou-Straße, dem Schauplatz des Attentats, ©Eva Karagkiozidou

Zur Vorbereitung auf mein Projekt habe ich mich intensiv mit beiden Werken befasst. An Vassilikos’ Roman hat mich die Sprache und die Struktur besonders fasziniert: eine einfache, direkte Sprache, aber auch extrem poetisch und anrührend. Schon beim Lesen – ich hatte das Buch als Jugendlicher gelesen, sah es jetzt aber mit ganz anderen Augen –  kamen mir einige musikalische Ideen. Costa-Gavras’ Film geht mit dem Stoff viel kühler um, das ist wohl der Zeit seines Entstehens geschuldet, da war viel Angst im Spiel. Diese emotionale Welt des Romans ist für mein eigenes Stück ein wichtiger Aspekt geworden.

Wie gehst du vor, um dich vom literarisch-filmischen Vorbild zu lösen?

Das ist eigentlich ganz automatisch passiert. Je mehr man sich in den Stoff vertieft, sich mit Sprache, Inhalt und Personen beschäftigt, desto mehr formt sich eine eigene Gestalt.  Die Charaktere aus dem Buch habe ich zum Beispiel für mein Musiktheaterstück adaptiert. Ich lese das Buch und es erhält auf dem Notenblatt, durch meine Vorstelllungswelt filtriert, ein Eigenleben. Das ist ein ganz natürlicher Prozess, der unbewusst passiert.

Was sagt uns Grigoris Lambrakis und seine Friedensbewegung heute? Was ist die aktuelle politische Botschaft von „Z”?

Die Botschaft von Lambrakis war der humanistische Aspekt, das Ganzheitliche, das Eine und nicht die Einzelteile. Das kann man auf Menschen, Länder und die ganze Welt übertragen. Er hat versucht, das Gute und das Schlechte in einer Sphäre zu sehen. Das finde ich heutzutage wichtig, wo alles in eine falsche Richtung läuft, weg von der Einheit, hin zur Trennung.

Warum hast du das Genre Oper gewählt? Es hätte ja auch eine Symphonie sein können.

Das Wort ist die treibende Kraft, in meinem Stück kommt es auch besonders zur Geltung. Deshalb hätte es keine symphonische Musik sein können. Aber nicht nur das Wort allein, sondern auch die Botschaft, die dahinter steckt.

Welche Botschaft transportiert der Text? Der bekannte Prosa- und Theaterautor Vangelis Hatzigiannidis hat das Libretto verfasst, wie habt ihr dabei zusammengearbeitet?

Die Tür des Zimmers im Hotel „Kosmopolit“, in dem Lambrakis untergebracht war, ©Eva Karagkiozidou

Ich wollte auf zwei Ebenen arbeiten: auf der Ebene, auf der die Geschichte erzählt wird, wie sie tatsächlich passiert ist; andererseits auf der Ebene der Monologe von Z selbst, seinen Verbündeten und seiner Frau. Im ersten Teil sollten die historischen Fakten dargestellt werden und die Monologe nur sporadisch auftauchen. Nach der Pause sollte es genau umgekehrt sein, die Szenen immer knapper und die Monologe immer umfangreicher werden.

Daraufhin schickte mir Vangelis einen ersten Entwurf und auf dessen Basis haben wir Szene für Szene ganz detailliert erarbeitet, bis ich den Prototyp der Musik skizziert hatte. Dabei haben wir sehr genau auf jeden Satz, jedes Wort und jede Silbe geachtet. Für mich stand die Verständlichkeit an erster Stelle. Am Ende dieses Prozesses habe ich mich zurückgezogen und die jeweilige Szene komponiert.

Eine wichtige Entscheidung in der Umsetzung des Textes in Musik war die, dass Z kein Sänger sein sollte, sondern ein Schauspieler. Ein Grundgedanke war, dass diejenigen, die die Wahrheit sagen, Sprechrollen haben sollten. Während diejenigen, die singen, nicht die Wahrheit sagen. Singen ist keine natürliche Art der Kommunikation, sondern läuft auf einer anderen Ebene. Deshalb ist die Rolle von Z eine Sprechpartie.

Die Friedensflagge weht an der Fassade des Hotels „Kosmopolit“, in dem Lambrakis die Nacht verbringen sollte, ©Eva Karagkiozidou

Die Premiere erfolgte in Athen am Stavros-Niarchos-Kulturzentrum. Wieso ist es wichtig für dich, die Oper in deutscher Sprache zur Aufführung zu bringen? Liegt es daran, dass die Sänger kein Griechisch können? Sonst könnte man ja auch mit Übertiteln arbeiten.

Es war für mich sehr schön und fruchtbar, mit der griechischen Originalfassung des Textes zu arbeiten. Es war so eine Freude, einen griechischen Text zu… „vertonen” will ich nicht sagen, aber zu bearbeiten! Andererseits ist es ein universeller Stoff. Als die Anfrage aus München kam, wurde bald klar, dass es in einer anderen Sprache aufgeführt werden muss. Aus inhaltlichen, aber auch aus praktischen Gründen. Die Sänger auf Griechisch singen zu lassen, wäre nicht ganz unmöglich, aber wesentlich aufwändiger. Daher brauchten wir eine gute, getreue Übersetzung.

Wie passt du die Musik an die Sprache bzw. die Sprache an die Musik an, im einem Fall ans Griechische, im anderen Fall ans Deutsche? Die Oper geht ja vom Wort aus. Was passiert, wenn sich die Sprache ändert, andere Betonungen, eine andere Sprachmelodie hat?

Es ging zunächst vom Inhalt, danach vom Fluss und der Betonung des Wortes oder der Phrase aus, eine mühsame Detailarbeit. Als ich dann bei der ersten Probe merkte, dass die Botschaft transportiert wird, aber auch die Sprache ihren Fluss nicht verliert, war ich sehr froh. Als Erstes muss man schauen, welchen Inhalt man transportieren will, dann passt man den Fluss der Sprache an die Musik an. Und wenn es notwendig war, habe ich die melodische Linie verändert, das geht relativ einfach, indem man Töne hinzufügt oder wegnimmt. Dabei darf man natürlich nicht den großen Spannungsbogen und das ganze Stück außer Acht lassen. So musste ich immer aus der Detailarbeit, Silbe für Silbe und Wort für Wort heraustreten und den Blick aufs Ganze tun, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Interview: Minas Borboudakis/Michaela Prinzinger. Die Fotos von Eva Karagkiozidou stammen vom Blog der Bayerischen Staatsoper.

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