Kathikas – ein zyprisches Dorf im Hinterland

Avda, Apostolos und Marina erzählen ihre Geschichte

Menschen aus zwei kleinen Dörfern auf Zypern erzählen diablog.eu ihre Geschichten, lesen Sie heute Teil 1. In Kathikas kreuzen sich unterschiedlichste Lebenslinien auf der östlichsten Mittelmeerinsel. Avda, Apostolos und Marina lassen uns kurz in ihr Leben schauen zwischen Zypern, London und Israel.

Zypern, Vorposten der Europäischen Union, treibt 100 Kilometer von Syrien, 260 Kilometer vom Libanon, rund 500 km von Israel und der Türkei entfernt im östlichen Mittelmeer, während die griechische Insel Kastallorizo 285 Kilometer fern ist. Wer heute durch das Land reist, bekommt den Eindruck eines Schmelztiegels: Menschen aus allen Himmelrichtungen strömen auf dieses entlegene Eiland, beladen mit Hoffnungen und Erinnerungen. Zahlenmäßig laufen Russen den allgegenwärtigen Briten, den Nachfahren der alten Kolonialmacht, schön langsam den Rang ab.

Schlaglichter auf vier Lebensentwürfe erhellen ein wenig das facettenreiche Gesicht der Insel, die wie eine seltsame Mischung aus britischer Hinterlassenschaft und griechischem Lebensgefühl anmutet.

statue mit soldat

Nachdem wir den touristischen Alptraum Paphos passiert und eine Agrotourismus-Broschüre ergattert haben, folgen wir dem Weg von der von Hotels zersiedelten Küste ins Landesinnere zum Dorf Kathikas, das uns sofort durch seine Atmosphäre bezaubert, obwohl im Dorf schon seit letztem Oktober Bauarbeiten durchgeführt werden, die kein Ende finden wollen. Aber bald wird Kathikas in neuer Schönheit erstrahlen, da sich der Ort wunderbar für Erkundungen in Richtung Akamas-Halbinsel, für Wanderungen durch die Avakas-Schlucht, für Ausflüge nach Polis Chrysochous und Pomos östlich davon eignet.

Avda ist eine Zuwanderin, die sich erst seit fast zwei Jahren in Kathikas nahe der Akamas-Halbinsel niedergelassen hat. Die Israelin mit irischem Pass betreut mit ihrem Mann Roy eine hübsche agrotouristische Pension im Ort für den zypriotischen Inhaber. Dreißig Jahre ihres Lebens hat sie in Nordirland verbracht, doch als ihre Mutter, die in einem israelischen Kibbuz lebt, Betreuung brauchte, beschlossen sie und ihr Mann, nach Israel zu ziehen. Zypern spielte schon längere Zeit eine Rolle in der Familie, da sich die Insel gut als Treffpunkt eignete, auf der sich ihre Söhne (die ohne Militärdienst nicht nach Israel einreisen dürfen) mit der Großmutter und anderen Verwandten treffen konnten.

frau mit brille unter baum

„Das Leben in Israel ist horrend teuer, die Infrastruktur sehr schlecht. Da lag es nahe, auf Zypern auszuweichen. In wenigen Stunden bin ich bei meiner Mutter.“ Avda hat sich immer gut an die Umstände anpassen können, in Nordirland arbeitete sie als Sonderschulpädagogin, als Pilates-Trainerin und entdeckte immer wieder neue Jobs für sich, wie auch jetzt im „Loxandra’s Inn“ in Kathikas. „Den Garten betreue ich ehrenamtlich“, erzählt sie, denn sie bekommt nur eine bestimmte kleine Pauschale bezahlt, wenn Gäste im Haus sind. Und der Garten und die Kätzchen, die dort eine Bleibe gefunden haben, danken es ihr.

Kathikas hat eine erstaunlich große Auswahl an Tavernen, besonders beliebt bei den etwa siebzig im Ort ansässigen Briten ist das „Imogen’s Inn“. „Wir haben das Lokal nach der Tochter meiner Frau benannt“, erzählt er. Apostolos ist 1993 aus Griechenland nach Zypern gekommen und lebt seit zwanzig Jahren in Kathikas. Aus einem Urlaubsaufenthalt wurde eine Beziehung fürs ganze Leben. Zypern war für ihn eine – etwas andere – griechische Insel, deren Schicksal er schon als Jugendlicher interessiert und betroffen verfolgt hatte.

Der Großvater seiner Lebensgefährtin Marina stammt aus Kathikas, von hier wurde er mit sieben Jahren nach Alexandria geschickt, wo er schon als kleiner Junge in einem Café schuften musste. Er arbeitete sich hoch zum Gemischtwarenhändler, doch sein Leben brach zusammen, als unter Nasser ab den 50er-Jahren alle Griechen Ägypten verlassen mussten. Er ging nach London und – aus einem Flüchtlingslager heraus – begann er einen Neustart. Marina ist in London geboren und kam, ähnlich wie Apostolos, Anfang der Neunziger nach Zypern.

mann an tisch

Vor vierzig Jahren hatte Kathikas noch zweitausend Einwohner und zwanzig Kafenions – für jede nur denkbare politische Richtung, erzählt Apostolos. Es war der führende Ort der regionalen Weinproduktion, doch je wichtiger Bildung für die Jugend wurde, desto mehr junge Menschen verließen das Dorf, das heute auf 350 Einwohner plus 70 Briten (davon 50 ständig ansässig), einige Russen, Deutsche, Bulgaren, die unter anderem als Saisonarbeiter auf den Weingütern arbeiten, und eine geflüchtete syrische Großfamilie geschrumpft ist. In Küstenorten wie im nahen Pegeia gab es nur Bananenplantagen und Karobbäume, heute hingegen wohnen dort 3000 Zyprer und 3000 Briten. „Unser 15-jähriger Sohn sitzt in einer Klasse, die zu einem guten Teil aus Russen und Chinesen besteht“, ergänzt Marina. In Limassol leben mittlerweile 35.000 Russen bei 200.000 Gesamteinwohnern. „Der zyprische Staat bietet ein Paket an: Bei Grunderwerb einer bestimmten Summe gibt’s die EU-Staatsbürgerschaft gratis dazu, ähnlich läuft es bei den Chinesen, die ihre Kinder zum Schulbesuch nach Zypern schicken.“

„Die Kulinarik baut Brücken, genauso wie die Musik“, legt Marina ihre Philosophie dar. In ihrer Küche spiegelt sich der ägyptisch-griechisch-zyprisch-türkische Einfluss wider. Sie verrät uns ihr Rezept für den orientalischen Dip „Muhammara“: Walnüsse, rote eingelegte Paprika (Florinis), Knoblauch, Granatapfelsirup, Kreuzkümmel, Salz, Pfeffer und eingeweichte Brotkrumen mit einem Stabmixer pürieren: Fertig ist die Köstlichkeit!

teller mit brot und vorspeisen

Dass Kathikas auch heute noch guten Wein produziert, kann man an den zwei Kellereien gleich im Ort erkennen, „Sterna“ ist rustikaler, „Vasilikon“ eine edlere Version mit schöner Terrasse, guter Weinauswahl und Lunch-Möglichkeit. Xynisteri ist die einheimische Rebe, die für den Weißwein gekeltert wird, bei den Rotweinen greift man seit einigen Jahren auch wieder auf alte Rebsorten wie Lefkada und Maratheftiko zurück. Bei einem köstlichen Glas Wein kann man den Ausblick auf die Weingärten und das Leben genießen.

Text und Fotos: Michaela Prinzinger.

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