„Ich habe eine unzüchtige Beziehung zum Schreiben…“

Interview mit Yiannis Xanthoulis

Lesung von Yiannis Xanthoulis am 30. September 2018 in Berlin zum „Tag des griechischen Buches“ in der Taverna Notos in Berlin-Schöneberg. Michaela Prinzinger besuchte den Autor in Athen und sprach mit ihm über Leben und Schreiben.

Lesung Ankuendigung

Herr Xanthoulis, Sie sind sehr vielseitig: als Prosa- und Theaterautor, als Schauspieler und als bildender Künstler. Sie sind auch äußerst produktiv, ich zähle fast 50 Buchveröffentlichungen seit 1984. Sie sagten gerade, Sie hätten eine pornografische Beziehung zum Schreiben. Wie meinen Sie das? Und fürchten Sie nicht den Ruf des „Vielschreibers“, des charmanten Plauderers?

Wenn ich von einer „unzüchtigen“ (und nicht pornografischen) Beziehung spreche, so meine ich damit, dass sich zwischen mir und dem Lesepublikum (unter anderem) eine Wechselbeziehung entwickelt hat, da es in die Buchhandlung geht, um mich „käuflich zu erwerben“. Wenn ich so treue Abnehmer für meine schöpferischen Produkte habe, so regt mich das an weiterzuschreiben, mich also weiter „gegen Bezahlung hinzugeben“. Früher hat mich diese Beziehung begeistert, heute ist meine Begeisterung etwas verflogen. Es gibt Stimmen, die in mehrdeutiger Weise auf meine „Opulenz“ hinweisen. Also habe ich schon viel Schlimmeres als die Bezeichnung „Plaudertasche“ gehört. Sobald sich meine Bücher gut verkauften, wurde ich zur Zielscheibe. Das hat mich aber nur wenig getroffen, und so konnte ich weitermachen. Vielleicht bin ich ein „charmanter Plauderer“ – stellen Sie sich nur vor, ich wäre ein scheinbar tiefgründiger Langweiler, wie so viele andere auch…

Sie sind im nordgriechischen Thrakien in der Stadt Alexandroupolis geboren, Ihre Eltern stammen aus Adrianopel und dem türkischen Teil von Thrakien, kamen 1922 im Zuge der großen Flüchtlingswelle nach dem Ersten Weltkrieg und dem „Kleinasiatischen Feldzug“ des griechischen Heeres nach Griechenland. Ihre Bildungssprache war allerdings nicht Türkisch, sondern Französisch. Sie haben, noch nicht lange her, begonnen Türkisch zu lernen und sich in mehreren Büchern mit Ihrer Beziehung zur Türkei beschäftigt, z. B. in einem sehr persönlichen Buch über Istanbul/Konstantinopel. Welche Rolle spielt diese Sprache, diese Kultur und dieses Erbe für Sie?

Über das Erlernen der türkischen Sprache habe ich versucht, meine Wurzeln besser zu ergründen. Denn die Informationen zur Vergangenheit meiner Familie waren minimal. Ich konnte weder in Erfahrung bringen, wie die Lebensumstände meiner Eltern als Untertanen des Osmanischen Reiches waren, noch, welche Bedeutung und welche Auswirkungen das osmanische Türkisch für ihren Alltag hatte. Später wurde mir klar, dass sie die türkische Sprache nicht gut beherrschten. Alles, was meine Eltern von sich gaben, war nichts weiter als ein verfälschtes, verballhorntes Türkisch. Das heißt, es war ein stark gräzisiertes und demnach lustig anzuhörendes Türkisch. Das größere Verständnis, hervorgerufen durch das Erlernen der türkischen Sprache, schärfte zugleich meine Vorstellungskraft, und langsam wuchs eine späte Liebe für alles Türkische und speziell für Istanbul. Das manifestiert sich auch in den Büchern, die ich seitdem geschrieben habe. So begann ich, die Lücken der Vergangenheit zu füllen, begleitet von der großen Befriedigung, eine Ahnung von meiner Herkunft zu bekommen.

eine Städteansicht

©Yiannis Xanthoulis

Bei zwei Ihrer Bücher verwenden Sie Porträts des deutschen Schauspielers Horst Buchholz auf dem Cover. Welche Seelenverwandtschaft verspüren Sie mit ihm? Horst Buchholz ist ein „Berliner Junge“, werden Sie jetzt in der Stadt zu Orten pilgern, an denen er lebte, bzw. zu seinem Grab?

Horst Buchholz hat einen bohrenden Neid in mir geweckt, als ich ihn in den frühen 1960er Jahren zum ersten Mal auf der Leinwand gesehen hatte. Neid auf sein jugendliches Aussehen und den erotischen Funken, der auf die Zuschauer übersprang. Ich war der Überzeugung, dass er für etwas stand, das sehr weit weg von meiner damaligen Selbstwahrnehmung war. Dazu kam, dass ich mich in der Zeit, in der ich seine ersten Filme „Tiger Bay“ (dt. Titel Tiger Bay oder Ich kenne den Mörder) und „Fanny“ sah, gerade von einer schweren Krankheit erholte. Seine mediterrane Ausstrahlung, sein aufgeweckter Blick und sein jugendlicher Überschwang haben mich dermaßen mitgerissen, dass ich sein Bild so in meiner Erinnerung bewahrte: als charmantes Vorbild einer Jugend, die nicht die meine war. Als ich 2007 den Roman „Του φιδιού το γάλα“ (dt.: Die Schlangenmilch) schrieb, reaktivierte ich Horst Buchholz als tröstende Geistererscheinung für mich und meine Helden. Ja, ich würde sehr gern eine Blume auf sein Grab legen.

buchcover horst buchholz

Auch Ihre eigenen Bilder illustrieren immer wieder Ihre Bücher. In Ihrer Wohnung gibt es zahlreiche Bücher und Bilder. Kann ein einziges Bild mehr erzählen als ein ganzes Buch? Wie ergänzen sich beide Kunstformen in Ihrem Schaffen?

Ich habe immer schon gezeichnet, habe immer schon den Seitenrand meiner Manuskripte vollgekritzelt. Aber in den letzten Jahren habe ich gemerkt, das ich mich beim Zeichnen und Malen entspanne, und es systematischer genutzt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich aus therapeutischen Gründen male oder etwas Tieferes zum Ausdruck bringen will. Wie dem auch sei, ich hoffe, bis zuletzt zu Tusche- und Pinsel greifen zu können.

ein Mann mit Bild, Yiannis Xanthoulis

Yiannis Xanthoukis, ©diablog.eu

Sie sagten vorhin, vielleicht etwas provokant: „Ich bin ein besserer Leser als Autor.“ Kommen Sie überhaupt zum Lesen, wenn Sie so viel schreiben? Welche Rolle spielen Bücher für Sie? Welche Bücher haben Sie besonders beeinflusst?

Ich lese viel und ich denke, es ist ein Segen, das zu genießen. Was den „Vielschreiber“ angeht, so opfere ich ohne Zögern – und vor allen Dingen ohne schlechtes Gewissen – die Stunden des Schreibens (die so viele auch nicht sind) dem Lesen. Manchmal kann ich mich von interessanten Autoren gar nicht mehr lösen. Seit einigen Jahren faszinieren mich W. G. Sebald, Patrick Modiano oder auch Patti Smith, aber ich kehre auch immer wieder zu Zweig, Nabokov, Roth, Thomas Mann oder Carson McCullers zurück.

Etliche Ihrer Werke sind in andere Sprachen übersetzt worden, einige Ihrer Bücher wurden verfilmt. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie sich selbst in unbekannten Sprachen sehen? Wollen Sie die Kontrolle über Ihre Werke behalten oder geben Sie sie leicht frei an Übersetzer und Regisseure?

Mal ehrlich: Wenn es ein Buch ins Kino schafft oder übersetzt wird, wird es zu einem anderen Buch. Nun, durch die Übersetzungen natürlich nicht so sehr, wohl aber durch die Verfilmung. Was auch immer der Autor versucht, das letzte Wort hat der Regisseur – und das zu Recht.

Hat der Autor für Sie ein Geschlecht? „Ich wollte geschlechtslos wie ein Engel sein“, sagten Sie in unserem Gespräch. Gerade in der letzten Zeit steht das binäre Modell Männlich-Weiblich in der Diskussion, immer mehr setzt sich die Ansicht durch, es gebe mehr als zwei ausschließliche Möglichkeiten der Identität. Verfolgen Sie diese Diskussion? Was ist Ihr Standpunkt dazu?

Der Autor muss, wenn er schreibt – erlauben Sie mir an dieser Stelle vulgär zu werden –, geil auf seine Helden sein. Diese bisexuelle Erregung bringt ihn dazu, eine ehrliche Haltung gegenüber den Charakteren einzunehmen, denen er Leben einhaucht. Ich spreche von Romanen, die von überzeugenden Lebensgeschichten erfüllt sind, und nicht von literarischen Notizen voller selbstbezogener Schönschreiberei. Stellungnahme und Diskussion zur Geschlechtsidentität betrifft mich nicht. Diese Frage geht an die Experten – denn ich bin nicht mehr als das, was ich nun mal bin.

Interview: Michaela Prinzinger/Yiannis Xanthoulis. Übersetzung: A. Tsingas. Redaktion: M. Prinzinger. Fotos: diablog.eu und Yiannis Xanthoulis. Der Frankfurter Größenwahn Verlag hat Xanthoulis’ Roman „Weihnachtstango“ in deutscher Übersetzung herausgebracht.

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