Thessaloniki: „Jerusalem des Balkans“

Rede von Giannis Boutaris zum Holocaust-Gedenktag 2018

Thessaloniki galt als „Jerusalem des Balkans“. Im Zuge des zweiten Weltkriegs wurden Zehntausende griechische Juden in die Lager des Schreckens deportiert, nur eine Handvoll kehrte zurück. Zum Holocaust-Gedenktag 2018 hielt Giannis Boutaris, der Bürgermeister von Thessaloniki, eine denkwürdige Rede. Andrea Schellinger übersetzte sie für diablog.eu.

sterbendes Kind

Josef Scharl, Das Massaker an den Unschuldigen, 1942, Sammlung Karsch-Nierendorf

Rede des Thessaloniker Bürgermeisters Giannis Boutaris
zum Nationalen Gedenktag an die jüdischen Märtyrer und Helden des Holocausts 2018

 

An einem Wintertag 1946 machte Bouena Sarfatty einen Gang in die Stadt.

Drei Jahre zuvor war die dreißigjährige Jüdin und alteingesessene Thessalonikerin den Deportationen entkommen, anfangs in die Berge, wo sie erst mit den Partisanen von EDES (Nationaler Republikanischer Griechischer Verband), dann von EAM (Nationale Befreiungsfront) gekämpft hatte, um dann nach Palästina zu flüchten und jüngst in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Ihr Bruder Eliahu, ihre Schwester Regina, die hundertjährige Großmutter Miriam und ihre Tanten hatten ein anderes Schicksal. Aus den Waggons, die sie alle nach Auschwitz-Birkenau transportierten, sahen sie an einem Frühlingstag des Jahres 1943 ein letztes Mal auf die Stadt, die man „das Jerusalem des Balkans“ nannte. Ein paar Stunden nach ihrer Ankunft wurden sie zusammen mit weiteren Tausenden von Glaubensgenossen in die Krematorien getrieben. Ihr Leben und damit das Leben des jüdischen Thessaloniki, unserer Stadt, wurde zu Asche, zerstreut in den ungastlichen polnischen Ebenen.

Waren Bouenas Angehörige „Märtyrer“? Ehren wir ihr Andenken, wenn wir so an sie denken? Ehrt es uns, so an sie zu denken? Der heutige „Gedenktag an die jüdischen Märtyrer und Helden des Holocaust“ fordert uns auf, über diese Frage nachzudenken. Weder Bouenas Angehörige noch andere europäische Juden hatten sich bewusst für ein Märtyrertum entschieden, sich nicht dazu entschlossen, ihr Leben für ein Ideal, einen Glauben oder eine Ideologie aufzuopfern. Sie selbst haben den Tod nicht gewählt, schlicht und einfach, weil ihnen nicht einmal das Recht auf diese Wahl belassen wurde. Und aus diesem Grund haben sie wahrlich mehr verdient, als von uns Christen und Europäern, die wir sie jahrhundertelang verteufelt haben, heute für Heilige gehalten zu werden. Sie waren Menschen und wollten genau das auch sein.

Einige von ihnen, darunter Bouena, kamen davon. Knapp tausend Thessaloniker Juden von mehr als 45.000. Sie entgingen der Deportation, blieben verschont von Auschwitz, dem Todesmarsch, den Arbeitslagern. Sie überlebten, weil sie unsägliche Gewalthandlungen überstanden – Erniedrigungen, Medizinexperimente, Vergewaltigungen. Und kehrten anschließend in ihre Geburtsstadt zurück. Wie Helden? Alles andere als das! Diejenigen Juden, die in die Berge zu den Partisanen entkommen, sich in den Städten versteckt gehalten oder nach Palästina geflüchtet waren, hielten alle Rückkehrerinnen und Rückkehrer aus den Lagern für Verräter und Kollaborateure der Deutschen, die Frauen gar für Huren. Für die christliche Bevölkerung waren die Überlebendenden „nicht genutzte Seife“, wie ein US-Reporter berichtete, eine Bedrohung aus der Vergangenheit, die einfach nicht verschwinden wollte. Helden, das waren der Zeitung Ellinikos Vorras (Griechischer Norden) zufolge nur die fünf jungen Juden, die zuerst an der Albanischen Front gekämpft, dann die Krematorien überlebt und anschließend, im Oktober 1948, „den Heldentod im Grammos-Massiv oder anderen Bergen im Kampf gegen die Banditen“ (die Angehörigen der Demokratischen Armee, d.Ü.) gestorben waren.

Auch für Bouena war der Gedanke an Märtyrer- und Heldentum mehr oder weniger bedeutungslos, als sie die Trümmer ihres Lebens zusammensuchte und sich bemühte, es von Grund auf neu aufzubauen. Wie mag sie sich gefühlt haben, wenn sogar bescheidenste Freuden die Wunden der Vergangenheit wieder aufrissen? Wie unerträglich mag daher der Schmerz gewesen sein, als sie an diesem Wintertag 1946 unvermutet bemerkte, dass die gefaltete Papiertüte mit den geliebten gerösteten Kastanien, die ihr ein armenischer Straßenverkäufer anbot, ein aus dem Alten Testament ihrer Familie gerissenes Blatt war?

Dieses herausgerissene Blatt Papier ist Bouenas Vergangenheit, aber auch die unserer Stadt: Eine Vergangenheit, die uns verfolgt und heimsucht. Eine stille, unmerkliche, doch gegenwärtige Vergangenheit. Da ist etwa der mit Marmorplatten gepflasterte Vorhof der Agios-Dimitrios-Kirche, bestehend aus Hunderten von Grabstelen des jüdischen, einst von Deutschen und griechisch-orthodoxen städtischen Angestellten zerstörten Friedhofs, nach Ansicht des für den Wiederaufbau verantwortlichen Archäologen Stylianos Pelekanidis „wertloses“ Material. Da sind das Achepa-Krankenhaus und die Aristoteles-Universität, errichtet auf einer der bedeutendsten Nekropolen Europas. Da sind die jüdischen Grabstelen, die vor dem historischen Gebäude des Militärischen Hauptquartiers und rings um das Königliche Theater ausgelegt sowie – im November 1948 – von der Stadt Thessaloniki beim Bau von Straßen und Bürgersteigen verwendet wurden, trotz heftiger Proteste der jüdischen Gemeinde. Solche Grabstelen waren es, die aufgestapelt vor dem Weißen Turm und an der Umfriedung des Messegeländes noch bis Dezember 1948 zur Schau gestellt waren. Und da war auch die silberne Handtasche, ein Erbstück der Sarfattys, das, wie Bouena zu ihrer Verblüffung feststellen musste, am Arm einer christlichen Freundin der Familie prangte, oder der seit je in Familienbesitz befindliche Teppich, den eine andere Holocaust-Überlebende zu ihrer Überraschung im Haus von alten Freunden entdeckte, auch sie Christen. Oder das Buch, das vor kaum zehn Jahren durch Zufall in der Bibliothek der Thessaloniker Karitativen Bruderschaft auftauchte und daraufhin an das Jüdische Museum der Stadt zurückgegeben wurde – eine Geste, die man der Bruderschaft hoch anrechnen muss.

Wer hat 1945 seinen verschwundenen Nachbarn nachgetrauert? Welche Mahnmale wurden errichtet? Welche Gedächtnisfeiern durchgeführt? Nur die jüdische Gemeinde, zerschunden und zerlumpt, rang darum, ihre Existenz wiederherzustellen und ihre Toten zu beklagen. Die Stadt, die Gesellschaft, das ganze Land: man übte sich in Gleichgültigkeit. Man steckte den Kopf in den Sand, als wüsste keiner, was geschehen war, wer so etwas getan hatte, wer Beihilfe geleistet und wer sich schützend davorgestellt hatte, als die anderen, viele andere, Hab und Gut der vielen Abwesenden und wenigen Anwesenden zerschlugen, verbrannten, stahlen, an sich rissen. Trauer war ja eine persönliche Angelegenheit. Fast zwanzig Jahre mussten vergehen, bis 1962 ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer errichtet wurde. Wo? Innerhalb des neuen jüdischen Friedhofs, als beträfe dieses Thema nur Verwandte und Mitglieder der jüdischen Gemeinde der Stadt. Und als es 35 Jahre darauf endlich zu einem Mahnmal im öffentlichen Raum kam, wurde es an den Rand des Stadtzentrums verbannt, an eine kaum auszumachende Stelle. Und als dieses Denkmal schließlich an dem einzig angemessenen Ort, nämlich dem Freiheitsplatz, eine neue Stelle fand, war das Erstaunen größer als das Einverständnis. Erst im Jahr 2004 führte das griechische Parlament den Gedenktag des 27. Januar ein. Erst 2011 wurde dieser Gedenktag in unserer Stadt begangen und erst 2014 errichtete die Thessaloniker Aristoteles-Universität ein Mahnmal, das auf die Zerstörung des Friedhofs hinweist. Und vielleicht dauert es nicht mehr lange, bis wir eine entsprechende Gedenktafel an der Umfriedung der Agios-Dimitrios-Kirche sehen, der „St. Dimitrios-Kirche der ermordeten Juden“, dem eigentlichen jüdischen Mausoleum der Stadt Thessaloniki.

Unsere Stadt ist sich zunehmend der historischen Bürde bewusst, die zu tragen sie aufgerufen ist. Jetzt, da die Überlebenden uns allmählich verlassen und der Stab der Erinnerung an uns alle weitergegeben wird, beabsichtigt die Stadtverwaltung, das Schweigen in gesprochenes Wort zu verwandeln, ein tröstendes, aber auch beherztes Wort. Wir wollen, dass die Neugestaltung des Freiheitsplatzes und das Holocaust-Museum die neue Gedächtnisachse unserer Stadt bilden, Ausgangs- und Endpunkt der langen, multikulturellen, christlichen, muslimischen und jüdischen Wegstrecke, die Thessaloniki zurückgelegt hat.

Der Freiheitsplatz ist ein Ort der Demokratie, wo 1908 sämtliche Thessaloniker – Muslime, Christen und Juden – die erneute Einführung der osmanischen Verfassung von 1876 feierten. Ein Platz auch der Entwurzelung und des Heimatverlusts, denn von dort brach 1922-1923 die seit langem in Thessaloniki ansässige muslimische Bevölkerungsgruppe auf und eben dort kamen anschließend die aus Kleinasien und von der Schwarzmeerküste geflüchteten Griechen an. Nicht zuletzt ist er auch ein Platz des Martyriums und der öffentlichen Demütigung, wo an jenem „Schwarzen Sabbat“ des 11. Juli 1942 Deutsche vor den Augen auch griechischer Christen 9000 jüdische Männer in aller Öffentlichkeit schikaniert hatten.

Ein schwieriger Ort, dieser Freiheitsplatz. Er führt uns vor Augen, dass der Holocaust in Thessaloniki das massivste Glied in einer langen Kette von Gewalt und Freiheitsberaubung darstellt; dass die Juden unserer Stadt unauflöslicher Bestandteil eines bunten Mosaiks bildeten und dieses „Jerusalem des Balkans“ zugleich auch das „Babel des Mittelmeers“ war. Wir wollen, dass der Freiheitsplatz zu einem Ort wird, wo die schwierigen, leidvollen Erinnerungen aller Einwohner dieser Stadt nicht etwa miteinander konkurrieren, sondern im Gegenteil friedlich koexistieren, intensiv in Austausch treten und eine Kultur des Miteinander und gegenseitigen Respekts anregen. So könnte die Last der Vergangenheit zum Wegweiser in eine bessere Zukunft werden. Der neue Freiheitsplatz steht dann für den Stolz aller Thessaloniker auf ihre Stadt, auf deren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ein paar hundert Meter weiter wird das Holocaust-Museum unsere Scham zum Ausdruck bringen. Darüber, was geschah, was wir taten, und vor allem was wir nicht tun konnten oder tun wollten, Einheimische und hierher Geflüchtete, Rechte und Linke, im Krieg und danach. Für die Stadt ist das Museum eine offene Schuld, für mich eine persönliche Herausforderung.

Eine offene Schuld den Juden gegenüber, als Thessaloniker, Griechen und Sepharden. Doch greift das Museum über die Stadt und das Land hinaus und schreibt Thessaloniki als Metropole der sephardischen Juden des Mittelmeerraums wieder in das Gedächtnis ein.

Es hat sich vorgenommen, die unbekannte Geschichte des Holocausts der Juden des Mittelmeers und des Balkans aufzuzeichnen, der sephardischen Juden von Thessaloniki und Korfu, Chania und Patras, aber auch derer von Belgrad, Skopje, Bitola, Sarajevo, Triest und Livorno. Künftig soll es Bouena Sarfattys herausgerissene Seite in Geschichtswissen verwandeln und einen Aspekt des Holocaust dokumentieren, der angesichts der Fokussierung auf Zentral- und Osteuropa oft übersehen wird. In diesem Kontext kann Thessaloniki auch als Erinnerungsort und das Museum als international ausstrahlendes Forschungszentrum etabliert werden. Und schließlich soll es zu einem Raum werden, wo Bürger aus aller Welt, besonders die nachwachsenden Generationen, erfahren können, zu welchen Ergebnissen die Unterdrückung der Menschenrechte führt.

Viele fragen uns: warum? Warum diese späte Nachdrücklichkeit auf Geschichte und Gedenken der Thessaloniker Juden. Die Schändung des Holocaust-Denkmals am vergangenen Sonntag (21. Januar 2018, d.Ü.) und zeitgleich die Brandstiftung im denkmalgeschützten Haus einer jüdischen und moslemischen Thessalonikerin sind, so meine ich, Antwort genug. Doch persönlich reagiere ich lieber frei nach Primo Levi: „Hier gibt es kein Warum“, antwortete ihm ein deutscher Wächter, kaum dass Levi in Ausschwitz angekommen war. „Hier gibt es kein Warum“, könnte ich denen antworten, die sich über meine Beharrlichkeit wundern. Der Holocaust der europäischen Juden, der Holocaust unserer Juden ist eine extreme Herausforderung für die menschliche Vernunft. Und wir können ihm nur auf eine einzige Art und Weise etwas entgegensetzen – nämlich zu akzeptieren, dass er stets ein Teil dessen ist, was wir als Thessaloniker, Griechen und Europäer sind: eine herausgerissene Seite, beschrieben mit einer unbekannten Schrift, eine Wahrheit, die jederzeit darauf wartet, entziffert zu werden.

Übersetzung aus dem Griechischen: Andrea Schellinger. Illustrationen: Josef Scharl (1896-1954), aus der Ausstellung „Zwischen den Zeiten“, Paula Modersohn-Becker-Museum Bremen.

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