1, 2, 3 für Arif

Auszug aus einem Jugendbuch von Konstantinos Patsaros

Kinder- und Jugendliteratur aus Griechenland: „Die Fundgrube“ (To kouti) von Konstantinos Patsaros, ausgezeichnet mit dem griechischen Staatspreis 2015. diablog.eu stellt Ihnen den Autor und ein Kapitel aus dem Buch vor. Gerne kann der ganze Text von Verlagen angefordert werden, die Übersetzung von Michaela Prinzinger wurde durch das ÖSD Institut Griechenland gefördert.

Arif ist die Hauptfigur im Kinder- und Jugendbuch „Die Fundgrube“. Arif hält sich für einen Außerirdischen, weil er sich mit exotischen Comic-Helden besser identifizieren kann als mit den Kindern aus seiner Schulklasse, die ihn nicht sehr freundlich behandeln. Seine Hautfarbe ist dunkler als die anderer Kinder, weil sein Vater aus Pakistan stammt. Genauso gut könnte er ein Kind mit abstehenden Ohren oder einer großen Nase sein oder ein Kind, das seltsam gekleidet ist, eigenartige Musik hört oder Fan einer anderen Mannschaft ist. Jedenfalls ist er jemand, der anders ist. Arifs lebhafte Fantasie entführt ihn aus der 6. Klasse der Grundschule, zu der er jeden Morgen pilgert, auf eine nächtliche Traumreise in die „Fundgrube“ – die Schachtel, in der alle verloren gegangenen und nunmehr herrenlosen Dinge der Schulkinder aufbewahrt werden. Das Buch beschreibt Arifs Träume und wie sie ihm schließlich dabei helfen, mit den Kindern seiner Klasse in Kontakt zu kommen.

sitzender Junge

1, 2, 3 für Arif

Meine Mutter, die – genau wie ich – in Griechenland geboren ist, findet es schön, wenn man andere Menschen zum Lachen bringt. Wenn du witzig bist, kannst du berühmt werden. In den Fernsehnachrichten war ein bekannter Schauspieler zu sehen, der gerade gestorben war. Er würde unvergesslich bleiben, sagten alle. Ich habe ihn, glaube ich, auch schon mal in einem Film gesehen. Aber ich finde es nicht so toll, wenn sie in der Schule über mich lachen. Nicht einmal meinen Namen können sie sich merken. Als ich den Fernseher ausmachte, schaltete ihn meine Mutter wieder an.

Die Frau Lehrerin hat es dann doch geschafft: Sie hat meine Klassenkameraden überredet, mich in der Hofpause mitspielen zu lassen. Unser erstes Spiel war Verstecken. Dimitris war der Sucher, und schon bald hatte er alle gefangen. Nur ich war noch übrig. „1, 2, 3 für Arif!“, riefen alle. Also wussten sie meinen Namen doch, ich hatte mich  geirrt! Nur hatte ich keine Ahnung, wie ich von dem Baum wieder herunterkommen sollte.

Als die Schulglocke läutete, kehrten alle Schüler in die Klassen zurück. Eine halbe Stunde verging, und alles war ruhig. Niemandem war aufgefallen, dass ich fehlte. Ein Vogel kam und setzte sich auf den Ast neben mich. Er war schwarz, mit einem weißen Hals und langen, dünnen Beinen. Als er mich sah, bekam er Angst: Ich konnte sehen, wie sein Herz klopfte. Aber dann beruhigte er sich und trippelte auf seinem Ast hin und her. Laute Rufe waren zu hören, aber ich kümmerte mich nicht darum. Ich machte es mir auf meinem Ast bequem und beobachtete meinen kleinen Freund.

Eine Frau aus dem Wohnhaus nebenan, die gerade die Wäsche am Balkon aufhängte, hatte mich bemerkt und etwas herübergerufen. Dann rief sie in der Schule an und es versammelte sich eine ganze Menschenmenge unter meinem Baum: die Frau Lehrerin, meine Klassenkameraden, der Herr Direktor, die Frau vom Balkon, ein Herr vom Elternverein und der Installateur, der unsere kaputte Heizung reparieren sollte. Alle starrten in die Baumkrone hoch und sagten zu mir, ich solle runterkommen. Aber ich schaute nur den Vogel an.

Erst als auch mein Vater unterm Baum stand, kletterte ich runter. An diesem Tag durfte ich früher nach Hause gehen.

Mein Vater stammt aus Pakistan, und er arbeitet für einen Mann, der Lefteris heißt. Lefteris hat ein Auto mit einer Ladefläche. Wenn sie mit der Arbeit fertig sind, holen sie mich von der Schule ab.

Es gibt dann mehrere Möglichkeiten, wie ich abgeholt werde:

Entweder fährt Lefteris, und ich sitze mit meinem Vater auf der Ladefläche.
Oder Lefteris fährt und mein Vater muss noch arbeiten, dann sitze ich allein auf der Ladefläche.
Oder Lefteris fährt, und ich verstecke mich hinter den Blumentöpfen auf der Ladefläche, damit mich die Klassenkameraden, die vorbeigehen, nicht sehen.
Oder Lefteris fährt, und ich lege mich flach auf die Ladefläche, weil kein Blumentopf drauf steht, hinter dem ich mich verstecken könnte.

Seltener kommt es vor, dass mein Vater mit mir auf der Ladefläche sitzt. Normalerweise muss er noch arbeiten. Aber an diesem Tag hat ihm Lefteris das Auto geliehen, damit er mich abholen konnte.

Da habe ich zum ersten Mal meinen Vater am Steuer gesehen. Und natürlich auch das Wageninnere, weil ich ja neben ihm saß.

Da ich meine Schulsachen ganz eilig gepackt hatte, war mein Bleistift auf dem Pult liegen geblieben. Meine Mitschüler legten ihn in die Fundgrube – eine Schachtel, die für alle in der Klasse verloren gegangenen Dinge bestimmt ist.

Text: Konstantinos Patsaros. Ausschnitt aus To Kouti (Die Fundgrube), Metaichmio-Verlag 2015. Übersetzung: Michaela Prinzinger, gefördert von ÖSD Institut Griechenland.

Konstantinos Patsaros, geb. 1977 in Athen, studierte in Athen Philosophie, Pädagogik und Psychologie und erwarb in Manchester einen Master-Abschluss in Education. Seit 2007 ist er an privaten Schulen als Lehrer tätig. Er war Mitgründer der Zeitschrift „Kaleidoskopio“, seine Texte wurden in griechischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. 2014 erschien sein Buch „Die Fundgrube“ (To kouti), illustriert von Vasilis Grivas, das sich an Leser*innen ab 9 Jahren richtet. Auf Anhieb wurde Kostas Patsaros für dieses Buch mit dem Griechischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. 2017 folgte sein zweites Buch, „Der Feuermensch“ (O anthropos fotia), illustriert von Giorgos Gousis.

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