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		<title>Vaggelis Tsaprounis: von Ikonen und der Liebe zur Natur</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jul 2026 06:29:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bildende Kunst]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Ikonenmalerei verbindet Kunst mit Handwerk und Glauben und ermöglicht in einer hektischen Welt das Streben zum Göttlichen. Für Vaggelis Tsaprounis ist sie mehr als ein Beruf. Simon Steiner hat mit ihm gesprochen. Vaggelis, wie ... <p class="read-more-container"><a title="Vaggelis Tsaprounis: von Ikonen und der Liebe zur Natur" class="read-more button" href="https://diablog.eu/kuenste/bildende-kunst/vaggelis-tsaprounis-von-ikonen-und-der-liebe-zur-natur/#more-16685" aria-label="Mehr Informationen über Vaggelis Tsaprounis: von Ikonen und der Liebe zur Natur">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die Ikonenmalerei verbindet Kunst mit Handwerk und Glauben und ermöglicht in einer hektischen Welt das Streben zum Göttlichen. Für Vaggelis Tsaprounis ist sie mehr als ein Beruf. Simon Steiner hat mit ihm gesprochen.</p>
<p class="interview">Vaggelis, wie bist du zur Ikonenmalerei gekommen?</p>
<p>Mit der Ikonenmalerei habe ich vor etwa 34 Jahren begonnen. Das war um 1992, ich hatte gerade mein fünfjähriges Studium an einer privaten und freien Studienwerkstatt abgeschlossen. Meine Studienschwerpunkte waren freies Zeichnen und Farbe.</p>
<p class="interview">Welche Rolle spielten während deines Studiums das Vergangene, die Tradition und die Moderne und welche deine Lehrer?</p>
<figure id="attachment_16709" aria-describedby="caption-attachment-16709" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" class="wp-image-16709 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34-450x337.jpg" alt="" width="450" height="337" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34-450x337.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34.jpg 718w" sizes="(max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16709" class="wp-caption-text">Vaggelis Tsaprounis in seinem Atelier in Vasilika, Nord-Euböa</figcaption></figure>
<p>In Athen gab – damals wie heute – die Hochschule für Bildende Künste den Ton in der Kunstszene an, die sich zunehmend der sogenannten zeitgenössischen Kunst (contemporary art) zuwandte. Der neue Trend umfasste Kunstinstallationen, Videokunst, Performances, konzeptuelle Kunst und alles andere außer Leinwandmalerei. Dieser Trend wurde in den folgenden Jahren vorherrschend und dauert bis heute an.<br />
In der kleinen Werkstatt, in der ich studierte, waren jedoch der Einfluss der Malergeneration der 1930er Jahre und die Rückkehr zur Tradition noch sehr ausgeprägt. Der Maler Tassos Rigas, der diese Werkstatt leitete, vermittelte uns seine Bewunderung für Maler wie Parthenis, Nikolaou, Papaloukas, Tsarouchis sowie für die Quellen dieser Tradition: byzantinische Ikonenmalerei, antike griechische Reliefs, Lekythen <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lekythos">hier</a>]</span>, Mosaike und Fresken. Wir lebten also in einer vergangenen Zeit. Die zeitgenössische griechische Kunst war in die postmoderne Phase eingetreten – und wir atmeten immer noch den Geist des Modernismus. Wenn ich von Modernismus spreche, meine ich damit den Aspekt, der sich auf Quellen, Tradition und das Ursprüngliche zurückbesinnt, eben die Suche nach Werten.<br />
Die Werkstatt von Tassos Rigas war eigentlich eine Vorbereitungsklasse für die Aufnahmeprüfungen an der Hochschule für Bildende Künste. Die Studenten blieben dort im Durchschnitt ein bis drei Jahre und wurden danach entweder von der Hochschule aufgenommen, oder gaben endgültig auf. Rigas war ein charismatischer Lehrer und bildete in diesem künstlerischen Klima Maler aus. Eigentlich war er dazu nicht verpflichtet, da der Besuch der Werkstatt, wie bereits erwähnt, lediglich der Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen diente.<br />
Ich bin dort über die Dreijahresgrenze hinaus geblieben; nachdem ich fünf Mal in Folge auf der Warteliste der erfolgreichen Kunsthochschulbewerber gelandet war, beschloss ich, meinen Weg ohne Hochschulausbildung fortzusetzen. Ich hatte fünf Jahre lang freies Zeichnen und Farbe studiert, bei Sonntagsausflügen in die Nationalgalerie und das Archäologische Museum über Kunst diskutiert, Galerien besucht und die Kunstszene Athens beobachtet und kommentiert.</p>
<p class="interview">Zu deiner persönlichen Beziehung zur Tradition passt sicherlich auch dein Bekenntnis zur Religion.</p>
<p>Von Natur oder aus innerer Neigung war ich unter anderem ein eher konservativer Mensch. Vielleicht hatte ich auch eine latente Neigung zur Religion und zum Spirituellen, in der Schule nannten mich die anderen Kinder „Pater“. Für Dogmen und Fanatismus hatte ich aber nicht viel übrig. Später entwickelte ich durch meine Arbeit ein starkes Interesse für die Universalität der Religion.</p>
<p class="interview">Gibt es bestimmte Ikonen oder Meister, die dich geprägt haben?</p>
<p>Gegen Ende dieses Zeitabschnitts brachte mich Tassos Rigas mit dem Ikonenmaler Giorgos Chochlidakis in Kontakt. „Meister Giorgis“, wie wir ihn damals nannten, unterhielt zu dieser Zeit eine Werkstatt mit drei oder vier Assistenten und übernahm vielerorts in Griechenland die ikonographische Ausgestaltung von Kirchen. Er war Träger einer großen Tradition, hatte in der Werkstatt von Fotis Kontoglou „gedient“, dem großen Erneuerer der byzantinischen Ikonenmalerei. Kontoglou war Lehrer vieler Maler der 1930er-Generation, darunter auch von Giannis Tsarouchis. Ich war begeistert von der Idee, mit ihm als Ikonenmalerei-Assistent zu arbeiten. Das Werk, das mich damals besonders inspirierte, waren die Wandmalereien der Chora-Kirche in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, ein Denkmal, das ich einige Jahre später aus nächster Nähe bewundern konnte. <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-die-chora-kirche-in-istanbul-ist-nun-eine-moschee/a-69044665">hier</a>]</span><br />
So schlug ich also einen Weg ein, der mich von der aktuellen Entwicklung der Kunst meiner Zeit entfernte und in ein Studium eintauchen ließ, das einer archäologischen Ausgrabung glich. Ich war neugierig auf alles, was mit dieser Tätigkeit zu tun hatte: die Texte des Siebten Ökumenischen Konzils, die die Verwendung von Bildern in der orthodoxen Tradition regeln, das Leben der Heiligen, die Geschichte von Architektur und Ikonenmalerei, die Materialkunde, die Ursprünge dieser Kunst und so weiter.<br />
In der Werkstatt des Ikonenmalers Giorgos Chochlidakis schufen wir hauptsächlich Wandmalereien und nur sehr wenige tragbare Ikonen auf Holz. Chochlidakis hatte zu Beginn seiner Karriere mit der Freskotechnik gearbeitet; ein Beispiel dazu kann man in der kleinen Kapnikarea-Kirche in der Athener Ermou-Straße sehen, wo er mit seinem Lehrer Kontoglou zusammengearbeitet hat.</p>
<p class="interview">Erzähle mir mehr über deine Arbeitstechniken und Ausbildungsschritte.</p>
<figure id="attachment_16708" aria-describedby="caption-attachment-16708" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16708 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-450x512.jpg" alt="" width="450" height="512" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-450x512.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-264x300.jpg 264w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-768x874.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-500x569.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros.jpg 900w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16708" class="wp-caption-text">Die Hl. Dimitrios und Theodoros</figcaption></figure>
<p>Zu der Zeit, als ich dort war, arbeitete er nur <em>al seco</em>, also auf trockener Wand, und insbesondere mit einer Variante dieser Technik, bei der Leinwand verwendet wird. Bei dieser Technik verwendeten wir große Baumwollstoffe von etwa drei auf vier Metern, die wir in der Werkstatt auf entsprechend große Keilrahmen spannten. Dann ging es ans Bild, wir entwarfen und malten es auf die Leinwand. Das fertige Werk wurde dann sorgfältig abgenommen und wie eine Tapete auf die Wand geklebt. Die genaue Platzierung wurde mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms, das maßstabsgetreu auf einem architektonischen Aufriss der Kirche basierte, genau berechnet. Diese Technik verwende ich normalerweise auch bei meinen eigenen Werken. Diese Methode hat Vor- und Nachteile sowie technische Schwierigkeiten. Das Hauptproblem besteht darin, die Größe des Werks und die Farbabstufungen so zu berechnen, dass es mit dem architektonischen Element, auf das es kommt, harmoniert, und dabei die andächtige Atmosphäre entsteht, die in orthodoxen Kirchen vorherrscht. Dies lässt sich nur durch Erfahrung erreichen – unterstützt durch bewährte Lösungen der traditionellen Kirchenmalerei. Der Werkstattalltag hat uns genau auf solche Arbeiten vorbereitet.<br />
In diesem Metier gibt es eine Hierarchie. Der Meister leitet die Werkstatt. Er fertigt den ersten maßstabsgetreuen Entwurf, wie auch die endgültigen Fassungen auf Leinwand an. Die Assistenten beginnen ihre Ausbildung mit der Vorbereitung der Leinwand und anderen groben Arbeiten. Ich blieb fast ein Jahr lang in dieser Phase und begann dann, Gebäude, Kleidung usw. zu malen. Es gibt also Lehrlinge, die sich auf Kleidung oder dekorative Motive spezialisiert haben, je nach ihrer Erfahrung. Manch einer ist ehrgeizig und lernt die ganze Bandbreite des Handwerks, während sich andere mit einer Spezialisierung begnügen. Der Meister vollendet dann das Werk, mildert hier einige Farbtöne ab, betont dort etwas anderes, korrigiert ein Kleidungsstück und malt vor allem die Gesichter und ihren Ausdruck. Nur so ist die Bemalung so großer Flächen möglich.<br />
Fürs Protokoll möchte ich erwähnen, dass ich nach einigen Jahren auch in der Werkstatt für tragbare Ikonen von Themis Petrou gearbeitet habe, wo ich die Technik der Eitempera erlernte. Ich arbeitete abwechselnd in beiden Werkstätten. 1996, mit 27 Jahren, übernahm ich zusammen mit meiner Kollegin Nelli Tziara die malerische Ausgestaltung der Kapelle des Heiligen Stephanos in Chalkida auf Euböa. 1998 gründete ich mein erstes Atelier in der Kolokotroni-Straße im Athener Zentrum und verlegte es 2001 in die Agia-Filothei-Straße neben der Erzdiözese Athen.</p>
<p class="interview">Und dein persönlicher Stil, wie ist der entstanden? Erzähle mir bitte mehr über Motivation und Ziele.</p>
<figure id="attachment_16705" aria-describedby="caption-attachment-16705" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16705 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-450x430.jpg" alt="" width="450" height="430" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-450x430.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-300x286.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-768x733.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-500x477.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu.jpg 887w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16705" class="wp-caption-text">Pantokrator, Kapelle des Hl. Vasileios auf Schinoussa 2002, Deckenmalerei al seco</figcaption></figure>
<p>Was in diesem Zusammenhang meinen persönlichen Stil angeht, so würde ich sagen, dass es sich nicht um eine bewusste Entscheidung oder um Eklektizismus handelt. Der persönliche Stil hat mit der Art und Weise zu tun, wie und in welchem Ausmaß jemand die traditionellen Elemente versteht; es ist also das Ergebnis eines analytischen Prozesses, aber auch eines Gespürs für das Heilige, das sich in einem langsam entwickelt. Sagen wir, ich habe ein bestimmtes Kriterium oder Ideal entwickelt, dem ich mich anzunähern versuche. Ich betrachte das Werk, an dem ich arbeite, und frage mich: Ist es richtig angeordnet, sind die Farben harmonisch? Mein großes Ziel ist es – ob ich es erreicht habe, müssen andere beurteilen – , mit meiner Kunst dazu beizutragen, dass in der Kirche dieses Erlebnis festlicher Freude und zurückhaltender Trauer entsteht, das Gefühl der bittersüßen Zufriedenheit, wie man es zusammenfassend ausdrücken könnte.<br />
Hier muss ich etwas anfügen, was mir sehr am Herzen liegt: Die Künstler hängen in ihren Werkstätten konstant einer Vision nach, einem Hauptanliegen, das sie während ihrer Arbeit – und nicht nur dann – beschäftigt. Dazu möchte ich zwei weitere Meinungen anführen, die ich teile: Ernst Gombrich meint, Künstler würden stets nach einer gewissen Art von Gleichgewicht streben und sich fragen, ob sie es erreicht hätten. <span style="color: #0000ff;">[hier]</span> George Lappas ergänzt, sie würden sich ständig in Richtung <em>Ekstase</em> bewegen, ohne sie jemals zu erreichen, da der ekstatische Mensch nicht mehr den Wunsch verspüre, Kunst zu erschaffen. <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Lappas">hier</a>]</span></p>
<p class="interview">Welche Bedeutung hat für dich die Ikonenmalerei?</p>
<figure id="attachment_16704" aria-describedby="caption-attachment-16704" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16704 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-450x481.jpg" alt="" width="450" height="481" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-450x481.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-281x300.jpg 281w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-768x821.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-500x534.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller.jpg 819w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16704" class="wp-caption-text">Der Hl. Nikolaos, Kapelle des Hl. Vasileios auf Schinoussa 2002</figcaption></figure>
<p>Zusammenfassend ist die Ikonenmalerei, meiner Meinung nach, keine simple Kunstfertigkeit, sondern ein komplexes darstellendes System, das in direktem Zusammenhang zum orthodoxen Dogma steht. Man müsste Theologe sein und sich intensiv mit der Theologie der Ikonen befasst haben, um das gesamte Geflecht von Regeln und Symbolismen beschreiben zu können. Generell lässt sich jedoch sagen, dass das Siebte Ökumenische Konzil von Nicäa nach der Bildersturm-Debatte die Verwendung von Ikonen im Gottesdienst wieder zulässt. Aus dieser Sicht erhält das Bild, dank seines Potentials, den Geist der Gläubigen auf den Dargestellten auszurichten, seinen Wert innerhalb der Kirche zurück. Es handelt sich also um einen liturgischen Gegenstand, der durch seine Verwendung im Gottesdienst geheiligt wird. Der Ikonenmaler bietet seine handwerkliche Arbeit an, um das Bildnis herzustellen. Meiner Meinung nach drückt dies die Formulierung <em>dia cheiros</em> („aus der Hand von &#8230;“) aus, die der Unterschrift des Künstlers auf einem Bild voransteht; diese Formulierung erscheint mir passender als das antike <em>epoiesen</em> („erschaffen von &#8230;“). Das Gleiche gilt für alle liturgischen Gegenstände. Der Kelch der Liturgie beispielsweise erhält seine Heiligkeit nicht aufgrund seiner Herstellung, sondern aufgrund seiner Verwendung im Rahmen der Heiligen Kommunion.<br />
Zu diesem Zweck können somit auch Ikonen von bescheidenerer künstlerischer Qualität verwendet werden. Natürlich gibt es Ikonen, die wahre Meisterwerke der bildenden Kunst sind, und einige davon werden als solche in großen Museen auf der ganzen Welt oder manchmal auch als Zeitzeugnisse ausgestellt. Jedoch: Keine dieser Ikonen wurde als Ausstellungsstück, als Prestigeobjekt oder als Dekoration geschaffen. Das ist ein grundlegender Unterschied zur sogenannten weltlichen Kunst.<br />
So habe ich auch meinen Platz unter all den anderen Handwerkern, Kirchenbauern, Schneidern liturgischer Gewänder, Herstellern von Enkolpien und anderen liturgischen Gegenständen, die für den kirchlichen Alltag bestimmt sind. [Enkolpion <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Enkolpion">hier</a></span>] Einige Kollegen sind vielleicht der Ansicht, die Arbeit des Ikonenmalers stehe auf einer höheren Stufe als die der anderen, und vielleicht haben sie damit Recht. Andererseits nimmt der Ikonenmaler im kirchlichen Leben keine offizielle institutionelle Position oder Weihe ein, wie beispielsweise die Lektoren, also die Vorleser beim Gottesdienst.</p>
<p class="interview">Jetzt interessiert mich natürlich brennend, was für dich das Besondere an deiner Arbeit ist. Es geht doch hauptsächlich um Religion, um Kirche, oder!?</p>
<figure id="attachment_16706" aria-describedby="caption-attachment-16706" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16706 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-450x397.jpg" alt="" width="450" height="397" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-450x397.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-300x265.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-768x677.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-500x441.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16706" class="wp-caption-text">Hl. Peter-und-Paul-Pfarrkirche, Dunackeszi Budapest 2024, Deckenmalerei al seco</figcaption></figure>
<p>Aus dem bisher Gesagten geht klar hervor, dass es eine gewisse Spannung zwischen weltlicher Kunst und Ikonographie gibt, sowohl was die Thematik, als auch was die Zeitlichkeit betrifft. Es gibt einen festen Kodex, der in den Werkstätten der Ikonenmalerei lebendig bleibt, während die Tradition vom Meister auf den Lehrling übergeht, zum Beispiel von erleuchteten Lehrern wie dem Mönch Dionysios von Phourna aus dem 16. Jahrhundert. <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dionysios_von_Phourna">hier</a>]</span> Jede Entwicklung verläuft sehr langsam und oft in Kreisen. Die erwähnte Spannung entspringt der Tatsache, dass der zeitgenössische Ikonenmaler entgegen den Lockrufen seiner Zeit aufgefordert ist, sich von Originalität und Subjektivismus abzuwenden, um etwas Zeitlosem zu dienen.<br />
Meiner Meinung nach ist Religion als Wissenssystem auf die Vergangenheit ausgerichtet. Alles Wichtige wurde bereits von Christus im Jahr 1 selbst gesagt. Die wunderbare neue technologische Welt ist nicht in der Lage, Antworten auf die wichtigen existenziellen Lebensfragen zu geben. Die Kirche beantwortet die grundlegende Frage „Was ist der Tod?“ mit „Es gibt keinen Tod“. „Wie sollen Menschen miteinander umgehen?“ „Gebettet in Liebe.“ Bis wir diese grundlegenden Wahrheiten verinnerlicht haben, werden wir uns weiterhin selbst an Händen und Füßen Ketten anlegen.<br />
Diese Wahrheiten warten nicht auf ihren Beweis, sondern sind vielmehr Ausgangspunkte, die zu einer bestimmten Praxis führen. Sie werden also ergebnisorientiert beurteilt und setzen eine bestimmte Haltung voraus. Die Tradition gewinnt an Autorität durch eine unablässige Zunahme an weisen Altvorderen, die uns oft erleuchten, die manchmal aber auch, aufgrund der anderen Bedürfnisse unserer Zeit, das Leben verfinstern können. Die Kirche befindet sich immer in einem Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Reform, was oft zu Irrwegen führt. Sie ist also „kämpferisch”, wie man sagt, im Gegensatz zur himmlischen Kirche, die als „triumphierend” bezeichnet wird. <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://orthpedia.de/index.php/Kirche,_die_k%C3%A4mpferische_und_die_triumphierende">hier</a>]</span> Der Ikonenmaler ist bestrebt, durch Darstellung letztere sichtbar zu machen.</p>
<p class="interview">Berichte bitte über deine konkreten Arbeiten im In- und Ausland.</p>
<figure id="attachment_16703" aria-describedby="caption-attachment-16703" style="width: 790px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16703 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein.jpg" alt="" width="800" height="533" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein.jpg 800w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein-300x200.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein-768x512.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein-450x300.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein-500x333.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-16703" class="wp-caption-text">Hl. Peter-und-Paul-Pfarrkirche, Dunackeszi Budapest 2024, Malergerüst im Kircheninnern</figcaption></figure>
<p>Seitdem ich 1996 begann, Kirchenmalereien zu übernehmen, habe ich sieben Kapellen und Kirchen in Griechenland und eine im Ausland gestaltet. Konkret sind es diese: Kirche des Agios Stefanos, Chalkida auf Euböa, Kapelle der Metropolitankirche Agios Dimitrios // Pfarrkirche des Agios Charalambos in Ellinika, Nord-Euböa // Kapelle des Agios Athanasios in Ellinika, Nord-Euböa // Pfarrkirche der Agia Sophia auf Amorgos // Pfarrkirche des Timios Stavros auf Donoussa // Kapelle des Agios Filaretos auf Schinoussa // Kapelle des Agios Vasileios auf Schinoussa // Pfarrkirche der Hl. Peter und Paul in Budapest.<br />
Werke von mir wie Wandmalereien und tragbare Ikonen sowie solche für bischöfliche Kathedren und Ikonostasen befinden sich in zahlreichen anderen Kirchen und in Privatsammlungen. [Ikonostase <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ikonostase">hier</a>]</span><br />
Die Art und Weise, wie ich in Griechenland und im Ausland arbeite, ist im Wesentlichen dieselbe. Zunächst erstelle ich eine Studie, wie ich zu Beginn beschrieben habe, die von einem Kostenvoranschlag begleitet wird. Wenn der Pfarrherr zufrieden ist, wird der Entwurf der zuständigen Metropolie zur Genehmigung vorgelegt, und ich fahre dann zusammen mit einem Arbeitsteam, das ich jedes Mal neu zusammenstelle, mit der Ausführung des Projektes fort.</p>
<p class="interview">Du hattest mir einmal in einer Taverne Fotos von deiner Arbeit in Budapest gezeigt. Ich erinnere mich, das war kurz nach dem großen Feuer, über das wir viel diskutiert haben.</p>
<figure id="attachment_16723" aria-describedby="caption-attachment-16723" style="width: 290px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16723 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel.jpg 616w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-16723" class="wp-caption-text">Ölgemälde, Detail</figcaption></figure>
<p>In Budapest gab es natürlich besondere Schwierigkeiten. Dazu gehörten unter anderem die sprachlichen und kulturellen Unterschiede sowie die Beschaffung der Materialien. Hinzu kamen die Probleme mit der Ausfuhr und dem Transport der Werke. Der griechische Staat verlangt eine spezielle Genehmigung für die Ausfuhr von Kunstwerken, um Antiquitätenraub zu verhindern. Diese Genehmigung wird von der zuständigen archäologischen Behörde erteilt und bestätigt, dass es sich um zeitgenössische Werke handelt. All dies konnte jedoch dank der guten Zusammenarbeit und des gegenseitigen Vertrauens mit dem dortigen Pfarrherrn, Pater Nikolaos, seiner Familie und mit Hilfe der Kirchenheiligen überwunden werden. Nach Abschluss dieser Arbeit war ich besonders stolz und gleichzeitig dankbar. Für mich war es eine Meisterleistung.<br />
Der Vorschlag für die oben genannte Arbeit kam zu einem sehr schwierigen Zeitpunkt. Es war unmittelbar nach dem großen Brand in Nord-Euböa, dem Gebiet, wo ich seit 14 Jahren mit meiner Familie lebe. Das Feuer zerstörte 500 Hektar dichten Wald. [<em>Das „neugriechische&#8220; oder auch „königliche&#8220; Stremma </em><span style="color: #0000ff;">(<a style="color: #0000ff;" href="https://orthpedia.de/index.php/Kirche,_die_k%C3%A4mpferische_und_die_triumphierende">hier</a>)</span><em> umfasst 1000 Quadratmeter, also 0,1 Hektar</em>] Eine biblische Katastrophe. Die staatliche Fürsorge während des Brandes war, gelinde gesagt, nicht vorhanden. Anschließend wandte sie sich in Richtung „großer Investitionen“. Das Ergebnis: Nach der ersten schweren Trauerphase und dem Versuch, wieder auf die Beine zu kommen, verließen Jahr für Jahr mehr Bewohner die Region aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs und der Arbeitslosigkeit, die zur Zerstörung der lebenswichtigen Ressourcen der Region geführt hatten. Der Wald hatte unter anderem Holz und Kiefernharz geliefert und war zugleich ein touristischer Anreiz gewesen. 80 % des griechischen Kiefernhonigs waren hier produziert worden. Die traditionelle Viehzucht erlitt einen schweren Schlag. Ein Großteil der Tiere verbrannte bei lebendigem Leibe. In der ersten Zeit glich die Region einem Kriegsgebiet: Asche, Schlamm, verbrannten Baumstämme und dazu Lastwagen überall. Und dann kam es zu Überschwemmungen. Es gibt einfach keine Worte, um die Situation zu beschreiben. Die Bewohner hatten in diesem Schockzustand sogar ihren eigenen Namen vergessen. Also nahm ich das Angebot aus Budapest an, das von einem alten ukrainischen Kollegen kam, der in seine Heimat zurückgekehrt war, eine Familie gegründet hatte und Priester geworden war. Er hatte von dieser ungarischen Gemeinde gehört, die ihre Kirche im griechischen Stil gestalten wollte. Er schlug vor, dass wir den Auftrag gemeinsam übernehmen, da er aufgrund seiner sonstigen Pflichten dazu nicht allein in der Lage war. Meiner Meinung nach hatte er auch nicht die nötige Erfahrung. Um es kurz zu machen: Wir nahmen ersten Kontakt zu Pater Nikolaos auf, dem Pfarrherrn der Gemeinde. Dann schnitt der Krieg in der Ukraine meinem Kollegen den Weg ab, und so übernahm ich das Projekt allein. Ich konnte ihn jedoch in die Arbeitsgruppe aufnehmen, die die Wandmalereien in der Kirche anbrachte. Die ikonographische Gestaltung einer Kirche ist eine sehr große Sache. Es gibt dabei immer Besonderheiten und einzigartige Momente.</p>
<p class="interview">Sehr gerne erinnere ich mich auch an deine Ausstellung in Vasilika, es gab Musik, Wein und tolle Gespräche. Und wunderschöne Gemälde, nicht nur zur Ikonographie, sondern auch zu unserem geliebten Heimatort Vasilika.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16712 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-450x636.jpg" alt="" width="450" height="636" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-450x636.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-212x300.jpg 212w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-724x1024.jpg 724w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-768x1086.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-1086x1536.jpg 1086w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-500x707.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz.jpg 1169w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" />Neben der kirchlichen Gestaltung male ich auch andere Motive. Dabei handelt es sich um Entwürfe, Studien und Werke, ausgeführt mit Bleistift, Tusche, Aquarell- und Ölfarben. Ich habe sogar einige Radierungen gemacht und einige wenige Plastiken. Eine kleine Auswahl dieser Werke habe ich 2021, im Jahr des großen Brandes, in einer Ausstellung hier in Vasilika auf Nordeuböa präsentiert. Genannt habe ich sie „Kleine Retrospektive”, weil sie ausgewählte Werke aus meiner gesamten Laufbahn, meine Lehrzeit ausgenommen, umfasste. Ich wollte diese Arbeiten zeigen, um Rückmeldung zu erhalten.<br />
Die größte Einheit dieser Arbeit machen die Landschaften aus, die ich mit Ölfarbe auf wasserfestes Sperrholz male. Es sind Landschaften aus der Umgebung. Meer und niedrige Hügel. Ich male sie nach der Natur und aus der Erinnerung. Die Motive wähle ich nicht wegen ihrer Lieblichkeit aus, sondern weil sie in mir ein besonderes Gefühl hervorrufen, das mich mit der Landschaft verbindet. Ich male in vertikalem Format, um so viel Himmel wie möglich einzubeziehen. Menschen tauchen darin nicht auf und nur selten menschliche Bauwerke. Ich möchte einen Eindruck von Erhabenheit vermitteln, eine Art Ehrfurcht vor der Großartigkeit der Natur, die jedoch gleichzeitig, aufgrund des gewählten Maßstabs, vertraut und zugänglich wirkt. Es handelt sich um Hügel und nicht um hohe, unzugängliche Berge. Für die Griechen war das Göttliche immer nah- und greifbar. Im Gegensatz zu den Heiligenbildern male ich die Landschaften schnell, fast instinktiv, nachdem ich mir zuvor im Kopf zurechtgelegt habe, worauf ich aus bin. Oft geht das ohne jegliche Vorzeichnung.</p>
<p class="interview">Wie reagieren die Besucher?</p>
<p>Normalerweise bekomme ich positive Kommentare zu meinen Gemälden; die Leute, die die Werke betrachten, sagen oft, dass sie sehr vertraute Themen erkennen, denen sie bislang keine Beachtung geschenkt hätten. Das werte ich als Erfolg, denn zu meinen Zielen gehört, die Anzahl der Dinge, denen wir Aufmerksamkeit schenken, immer ein wenig zu erweitern. Außerdem sagen viele, meine Werke würden sie auf Reisen schicken.</p>
<p class="interview">Du hast auch auf der Insel Kythera ausgestellt.</p>
<p>2019 hatte ich eine Ausstellung mit diesen Werken im Ausstellungsraum „Desmos“ in Paris – und sie wurden gut aufgenommen. Nach dem Brand von 2021 wurden meine Landschaften erst zu verbrannten und dann zu wiedergeborenen Landschaften. 2023 stellte ich diese Arbeiten in einem schönen Raum auf Kythera aus, dem „Zeidoro”. <em>[Altgriechisch: „Leben spendend“]</em></p>
<p class="interview">Wie lassen sich Ikonen und Landschaften für dich vereinen?</p>
<p>Meine Ikonen und meine Landschaften unterscheiden sich stark in Bezug auf Thematik und Stil. Zwischen ihnen gibt es jedoch eine Art emotionale Verbindung, die mir nicht paradox erscheint, betrachte ich doch die Natur als etwas Heiliges.</p>
<p class="interview">Wo entstehen deine Werke und wie ist dein Arbeitsrhythmus?</p>
<figure id="attachment_16700" aria-describedby="caption-attachment-16700" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16700 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz-450x800.jpg" alt="" width="450" height="800" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz-450x800.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz-169x300.jpg 169w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz-500x889.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz.jpg 576w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16700" class="wp-caption-text">Atelier in Vasilika, Nord-Euböa</figcaption></figure>
<p>Der Ort, der mir die Möglichkeit für all dieses Schaffen gibt, ist meine Werkstatt. Das Atelier hat für mich eine emotionale Bedeutung, es ist ein Ort für Studium und Besinnung. Ein charakteristischer Tag dort beginnt normalerweise morgens um acht mit Reinigungsarbeiten und Arbeitsvorbereitungen. Wenn keine dringenden Lieferungen anstehen, arbeite ich fünf Stunden durch, male und recherchiere; darauf folgt eine Pause zum Mittagessen und zur Erholung. Am Nachmittag arbeite ich entweder weiter im Atelier, oder kümmere mich um Haushalt und Feldarbeit. Je nach den Erfordernissen des Tages und der Jahreszeit ergeben sich oft Anpassungen, aber auch durch die Auftragslage. Die Jahreszeiten und das Wetter sind für die Arbeit auf dem Land viel entscheidender als in der Stadt. Ich mag die Abwechslung und langweile mich daher nie. Oft bin ich jedoch angespannt, weil ich nicht das Pensum schaffe, das ich mir vorgenommen habe.</p>
<p class="interview">Ich kenne dich schon als kleinen Jungen, seit den frühen 80er Jahren. Ich denke immer an unseren gemeinsamen Wohnort, wenn ich dich sehe, nicht an Ikonen.</p>
<p>Ich genieße meine Beziehung zur Natur, die Veränderungen des Lichts und vor allem das Meer. In das Meer bin ich verliebt; meine Frau ist nur deshalb nicht eifersüchtig, weil wir diese Liebe teilen. Das Licht ist auch in meiner Malerei maßgeblich. Ich schwimme gerne, genieße aber auch lange Spaziergänge in den Bergen. Es gibt jedoch Zeiten, in denen ich mich in meine Werkstatt zurückziehe und den Kontakt zu meinem Umfeld verliere. Eine solche lange Phase waren die letzten drei Jahre, in denen ich die Kirche in Budapest ausgemalt habe. Das war meiner Gesundheit nicht zuträglich. Vielleicht wollte ich aber auch nicht raus, um die niedergebrannte Landschaft nicht sehen zu müssen.</p>
<p class="interview">Wie geht dein Leben nun weiter, bei dieser wirtschaftlichen Situation? Du hast von Feldarbeit und Haushalt erzählt, aber wie lässt sich weiterhin als Künstler das täglich Brot verdienen?</p>
<figure id="attachment_16699" aria-describedby="caption-attachment-16699" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16699 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder.jpg" alt="" width="1024" height="615" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder-300x180.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder-768x461.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder-450x270.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder-500x300.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-16699" class="wp-caption-text">profane Gemälde im Atelier</figcaption></figure>
<p>Aufträge für Ikonenmalerei kommen nicht regelmäßig rein und Kunstausstellungen bringen in Griechenland keinen Gewinn. Derzeit sind außerdem finanzielle Schwierigkeiten weit verbreitet. Ich darf nicht klagen, habe ein opulentes Leben geführt und befinde mich jetzt an einem interessanten Scheideweg: Ich habe das Gefühl, genug für die Malerei getan zu haben, könnte jetzt aufhören und zufrieden sein. Meine Suche hat Früchte getragen und ich fühle mich frei, beruflich etwas anderes zu tun, was lukrativer und konstanter ist. Ich könnte auch weitermachen und das wäre trotzdem wie ein Neuanfang: Ich wäre jetzt reifer und könnte etwas wirklich Gutes schaffen, ein Vermächtnis für die Nachwelt. Ein altes Sprichwort besagt, Malerei sei die Kunst der Greise. Möglicherweise könnte ich die Kluft zwischen meiner kirchlichen und meiner weltlichen Malerei schließen. Das wäre eine sehr noble Absicht und der Weg, den ich gerne einschlagen würde. Jedoch bin ich mir bewusst, dass dies sehr stark von den sozialen Gegebenheiten und Bedürfnissen abhängt. Nicht alle Phasen begünstigen gleichermaßen die Produktion von Kunst; in Griechenland ist es derzeit heikel, sich mit Kunst zu beschäftigen. Ich habe dazu eine Familie, und die hat Priorität. Das Leben eines einsamen Künstlers, der für seine Kunst alles andere aufgibt, könnte ich nicht führen. Das war nie mein Ding. Die Kunst kommt auch ohne mich zurecht und ich ohne sie.<br />
In Griechenland gibt es viele Werkstätten für Ikonenmalerei, die miteinander konkurrieren. Die meisten produzieren sehr kommerzielle Werke. Aber so ist es nun einmal in der Kunst, in einer Zeit, in der der Profit an erster Stelle steht. Einige schaffen es jedoch, die Widrigkeiten des kommerziellen Geschmacks und des Strebens nach Reichtum zu überwinden, und etwas Bedeutendes zu fertigen. Vielleicht wird das auch in unserer Generation so sein, so dass die Tradition fortgesetzt wird.</p>
<p class="interview">Vaggelis, vielen herzlichen Dank für die Einladung ins Atelier und das Gespräch. Wir sehen uns!</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16701 alignleft" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf-150x150.jpg" alt="" width="200" height="267" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf-450x600.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf-500x667.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf.jpg 675w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" /></p>
<p class="textinfo interview">Beim Interview im Atelier: V. Tsaprounis links, S. Steiner rechts</p>
<p class="textinfo"><em>Vaggelis Tsaprounis <a href="https://tsaprounisicon.wordpress.com/">hier</a>. Interview: Simon Steiner. Fotos: V. Tsaprounis, Simon und Rebekka Steiner. Übersetzung und Redaktion: A. Tsingas. Das Interview ist in stark verkürzter Form auch im Griechenland Journal erschienen.</em></p>
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		<title>Elena Maroutsou: Wundertäter und Sündenbock</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michaela Prinzinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 07:40:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[In Elena Maroutsous Roman nimmt eine Athener Familie einen unbegleiteten Flüchtling auf. Die Ankunft des fünfzehnjährigen Somaliers Musa setzt eine ganze Reihe von Veränderungen in Gang, definiert Beziehungen neu und fördert vergessene Begegnungen wieder ans ... <p class="read-more-container"><a title="Elena Maroutsou: Wundertäter und Sündenbock" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/elena-maroutsou-wundertaeter-und-suendenbock/#more-16663" aria-label="Mehr Informationen über Elena Maroutsou: Wundertäter und Sündenbock">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">In Elena Maroutsous Roman nimmt eine Athener Familie einen unbegleiteten Flüchtling auf. Die Ankunft des fünfzehnjährigen Somaliers Musa setzt eine ganze Reihe von Veränderungen in Gang, definiert Beziehungen neu und fördert vergessene Begegnungen wieder ans Tageslicht.</p>
<p>Die Familie besteht aus Mutter Rahel, Literaturübersetzerin, Vater Nikos, Architekt, und zwei pubertierenden Töchtern. Die Ankunft von Musa, dessen Name „Wundertäter“ bedeutet, bewirkt, dass die 50-jährige Rahel aus ihrer gewohnten Routine ausbricht und sich neu definiert. Dafür bezahlt er jedoch einen hohen Preis: Man legt ihm am Ende des Romans eine schwere Grenzüberschreitung zur Last. Musa wird erneut zum Opfer, nachdem er zunächst von einer somalischen Familie fälschlicherweise als Sohn angegeben wurde, die damit leichter in Deutschland Aufnahme fand. Musa bleibt ein Durchreisender und Heimatloser, der in die Gastfamilie kam, weil er auf die Weiterreise zu seinen „Eltern“ wartete. Er bleibt ein Fremdkörper im Leben der Anderen.</p>
<p>Eine interessante Rolle spielt im Roman die Insel Leros, mit der die Familie eng verbunden ist. Dorthin brachte man in der Bürgerkriegszeit Kinder kommunistischer Eltern zur Ausbildung und Umerziehung. Leros ist architektonisch geprägt durch die italienische Herrschaft auf dem Dodekanes bis 1947 und insbesondere durch den Baustil des italienischen Rationalismus der 30er-Jahre. Der Hafenort Lakki (damals Porto Lago) ist bekannt und berüchtigt als Verbannungsinsel der Linken und als Standort der größten psychiatrischen Anstalt Griechenlands, wo alle Kranken stranden, um die sich sonst niemand mehr kümmert. Zur Erzählzeit der Geschichte, kurz nach 2015, war Leros Flüchtlingshotspot. Das Gefühl von Verbannung und das Ausgestoßen-Sein aus der Gesellschaft treffen auf die Entwurzelung des jungen Flüchtlings.</p>
<p>Das Besondere an der Schreibweise von Elena Maroutsou ist ihr Erfindungsreichtum, sie weiß ihre LeserInnen stets zu überraschen. Ihre Erfahrung als Dozentin für kreatives Schreiben äußert sich in einer gut abgewogenen Vielfalt an Erzählweisen und in ihrem klugen, fruchtbaren Dialog mit anderen Autoren und Autorinnen aus der griechischen und internationalen Literatur sowie mit bildenden Künstlern.</p>
<hr />
<p><strong>Der Auszug:</strong></p>
<p><strong>Teil eins</strong><br />
<strong>Das Gepäck</strong></p>
<p>Es gibt keine Endstation, nur Kleiderkoffer,<br />
aus denen dasselbe Selbst sich wie ein Anzug entfaltet,<br />
abgeschabt, glänzend, mit Taschen von Wünschen,<br />
Einfällen, Fahrscheinen, Kurzschlüssen und Taschenspiegeln.<br />
<em>Sylvia Plath: Totem</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>1. Einführung in die Kunst des Verschwindens: </strong><br />
<strong>    Koffer und Hutschachtel  </strong></p>
<p>„Verschwinden“, das Wort hallte in Rahels Ohr am Ende des Telefonats noch lange nach. Krampfhaft versuchte sie, das entscheidende Wort von all den anderen zu isolieren, die sich in ihre Gedanken drängten wie Störgeräusche im Radio, die den Sprecher, den man eigentlich hören will, übertönen. Die Wörter „Angriff“, „Versuch“, „Missbrauch“ drohten „Verschwinden“ zu verdrängen, zum Schweigen zu bringen und zu überschatten wie Raubvögel, die über einer Taube kreisen. Ja, wie über einem Taubenjungen. Der fünfzehnjährige Musa war auf genauso mysteriöse Weise verschwunden wie das graue Taubenjunge damals, das auf der Gartenveranda im Blumentopf geschlüpft war. Seine Mutter, die geduldig gebrütet hatte und ihm Nahrung brachte, sobald es aus dem Ei geschlüpft war, blieb fort. Die sechsjährige Rahel adoptierte das Junge und probierte, ihm das Fliegen beizubringen. Sie setzte es auf den Verandatisch und bewegte die Arme auf und nieder wie flatternde Flügel. Die Flugstunden nahmen einige Tage in Anspruch. Als das Mädchen beschloss, dass der Vogel soweit war, das Gelernte anzuwenden, gab es ihm einen sanften Schubs. Der Vogel fiel zu Boden. Als sie ihn aufhob, fühlte sie, wie sein kleines Herz unter dem Gefieder flatterte. Rahel gab nicht auf. Sie erteilte ihm neue Flugstunden. Als der Herzschlag des Vogels erstarb, geriet das Mädchen in Panik. Sie umfing das tote Taubenjunge mit beiden Händen und verbarg es in einer Hutschachtel, die im Kleiderschrank der Mutter stand, so schwarz wie der Koffer, wo der Zirkuszauberer einige Monate später seine feingliedrige Assistentin einschloss. Die junge Frau krümmte sich so geschickt zusammen, als würde sie täglich so transportiert. Aus dem Koffer ertönte ein rhythmisches Pochen, wie eine Trommel oder wie der Herzschlag eines Vogels, den man in der Hand hält. Rahels Herz flatterte in ihrer Brust. Sie erinnerte sich an das Taubenjunge, das sie in die Hutschachtel gesperrt und dann ganz hinten im Schrank vergessen hatte. Sie hatte es nie im Garten begraben. Der Zauberer trat von der Bühne und kam auf sie zu, als wüsste er von ihrem dunklen Geheimnis, und lud sie ein, sich neben ihn zu stellen. Der Scheinwerfer fiel auf das kleine Mädchen, deren Füße ein See aus Licht umspielte. Als sie langsam und vorsichtig den Reißverschluss öffnete, sprang sie plötzlich erschrocken zurück: Aus dem Inneren des Koffers flatterte eine Taube. Aber dieses Wunder verlor seinen Glanz und verblasste vor dem unvergleichlichen Wunder, das sich vor Rahels Augen zutrug, als sie, wieder zu Hause, ebenso vorsichtig die schwarze Hutschachtel aufklappte: Das Taubenjunge war verschwunden. An seiner Stelle pulsierten und vibrierten die Leiber tausender weißer, blinder Larven.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>2. Der Koffer, der dich in den Himmel bringt</strong></p>
<p>Sein Name bedeute „Wundertäter“. Das erklärte die Sozialarbeiterin, als man ihnen im Büro der Organisation „Aktion Rückkoppelung“ mitteilte, dass sie ein Kind zur sofortigen Aufnahme hätten. Die Lippen der jungen Frau sahen aus wie die großen Kirschen aus dem Supermarkt. Rahels Lippen wirkten, als hätte eine ungeschickte Kinderhand versucht, einen Mund zu malen. Sie ließen an ein Kind denken, das ihn so lange ausradiert, bis ein einziger Strich übrigbleibt. Ein Strich, der mit zunehmendem Alter immer dünner und blasser wird. Jetzt, mit beinah fünfzig, fühlte sich ihr Mund unter den Händen dieses ungeschickten Kindes bei jedem Lächeln an wie ein rissiges Stück Papier. Richard sagte immer, sie habe empfindsame Lippen. In sie hätte er sich verliebt. „Mein kleiner Modigliani“, so nannte er sie. Aber besser, sie konzentrierte sich auf die Sozialarbeiterin, die sie erwartungsvoll ansah. „Schöner Name!“, sagte sie ratlos. Sie wusste, dass sie sich begeistert zeigen sollte. Es war ja ihre Idee gewesen, einen unbegleiteten Flüchtling aufzunehmen. Sie hatte den Antrag ausgefüllt. Sie hatte sich mit ihrem Mann angelegt, der sich gegen jede Veränderung in ihrem Leben wehrte. Die ältere Tochter hatte nichts dagegen, sie schien den Fremdling neugierig, ja sogar ungeduldig zu erwarten. Mit der jüngeren Tochter lag sie noch im Clinch.<br />
„Ja, man nannte ihn anscheinend so, weil er schon bei seiner Geburt lächelte. Anfangs dachte man, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung war, weil er auch nicht weinte, als er aus dem Bauch herauskam. Aber er war kerngesund. Jedes Mal, wenn die Rede darauf kam, erklärte die Mutter, sie hätte während der Schwangerschaft selbst alle Tränen aufgebraucht. Deshalb hätte das Baby nicht geweint.“<br />
„Aber wie kann es sein, dass ein Baby nach der Geburt nicht schreit? Das höre ich zum ersten Mal“, sagt Rahel.<br />
„Wissen Sie…“, lächelten die Kirschlippen. „Jede Familie hat ihre eigene Erzählung, nicht nur über die Geburt der Kinder, sondern über jede Facette der Familiengeschichte.“<br />
Aha, dachte Rahel. Die Erzählung. Schon wieder dieses unleidliche Wort, das sich so gern hervortut. Anscheinend können die Menschen mit der Wahrheit nicht umgehen. Und irgendwann entdecken sie, dass sie tausend Facetten hat. Und wenn man sie auseinanderfaltet, tauchen noch mehr auf. Die Händler können es nicht ertragen, dass die Kunden sich wegen eines Stoffstückchens zerstreiten, dass sie daran zerren und es zerknittern, dass sie es in Stücke reißen, damit jeder einen Teil bekommt. Und da sie sich nicht gegen die Kundschaft durchsetzen können, verbreiten sie, der Stoff sei nicht echt. Jede Falte, jede Facette enthalte eine kleine Lüge. Eine Erzählung. Jede einzelne sei gleichwertig mit jeder anderen. Sie habe denselben Preis. Sie sei genauso luftig gewebt wie ein Märchen. Und wenn das Märchen einen nicht mehr tröstet, wirft man es weg, ersetzt es durch etwas Reizvolleres, durch etwas, das besser zur Gegenwart passt. Hatte Richard das nicht auch so gemacht? Sie verscheuchte den unliebsamen Gedanken und kehrte zu den Kirschlippen zurück, die mit der Geschichte des Jungen begonnen hatten.<br />
Dabei erfuhr sie folgendes: Musas Eltern stammten nicht aus Somalia. Der Vater arbeitete als Kofferträger im Hotel. Er brachte das Gepäck der Gäste aufs Zimmer und bekam dafür ein Trinkgeld. Immer wenn er todmüde nach Hause kam, schmiedete er Pläne mit seiner Frau, weit wegzugehen. „Weit weg“ nahm viele Gesichter an, manchmal vertraut, manchmal exotisch, aber immer abgewandt von Somalia, das durch den langjährigen Bürgerkrieg nicht zur Ruhe kam. Freunde waren ums Leben gekommen. Man hörte von Leuten, die verschwanden, während sie sorglos über die Straße liefen. Friedenstruppen und die offizielle Regierung konnten die islamistische Terrormiliz Al-Shabaab nicht unter Kontrolle bringen. „Alle Konfliktparteien haben bislang ungestraft Verbrechen gegen internationales Recht und Verletzungen der Menschenrechte begangen. Nach wie vor werden Zivilisten von bewaffneten Einheiten entführt, gefoltert und getötet“, googelte Rahel schnell zu „Somalischer Bürgerkrieg“, als sich die Sozialarbeiterin entschuldigte und kurz das Zimmer verließ. War die gleichmäßige Verteilung der Schuld ein Zeichen für den objektiven Willen, Gerechtigkeit zu schaffen, oder ein Zeichen für die Unmöglichkeit, die Ursachen und Folgen des Bürgerkriegs zu entwirren? So, wie es zum Beispiel geschieht, wenn Schüler im Schulhof aneinandergeraten und der viel beschäftigte Direktor kurzen Prozess mit ihnen macht und alle von der Schule verweist? Musas Vater wurde endgültig aus dem Leben verwiesen, ohne dass er in einen Streit verwickelt war. Als die Sozialarbeiterin von der Toilette zurückkehrte, erzählte sie Rahel, dass ihm Stammgäste einen Job als Safari-Guide in Kenia verschafft hatten. Das Ehepaar packte seine spärlichen Habseligkeiten, und nachdem der Mann den Hoteljob zum Monatsende gekündigt hatte, wollten die Eltern des damals noch ungeborenen Musa Somalia verlassen. An seinem letzten Arbeitstag schwebte der Kofferträger förmlich über den Dingen, kaum spürte er das Gewicht des Gästegepäcks, das ihm, abgesehen vom stundenlangen Stehen, Krampfadern und Kreuzschmerzen gekostet hatte. Kurz vor Schichtende kündigte ein Hotelgast der Direktion das Eintreffen eines Taxis an, das einen am Flughafen vermissten Koffer bringen sollte. Musas Vater hievte ihn trotz seines ungewöhnlichen Gewichts hoch, als sei er federleicht. Der Fahrstuhl muss zwischen der dritten und vierten Etage gewesen sein, als die Bombe explodierte und die Kabine wie eine Rakete zum Himmel schoss. Seine Frau, die unter Schock stand, verbrachte den ganzen Tag im Krankenhaus in Mogadischu, und da wurde ihr mitgeteilt, dass sie schwanger war. Der kleine Musa lernte laufen, indem er sich vom einen Umzugskarton zum anderen hangelte. Alles, was sie brauchte, fischte die Mutter aus den offenen, auf dem Boden herumstehenden Schubladen. Als Musa vierzehn war, kramte die Mutter den Traum von der großen Flucht wieder hervor, steckte ihn in einen neuen, feuerroten Rucksack in der Lieblingsfarbe des Jungen und schenkte ihn dem Sohn, der mittlerweile in der Pubertät war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>3. Baby mit Rucksack</strong></p>
<p>Am Tag, als Kallia ihre erste Geburtstagskerze ausblasen sollte, beschloss Rahel, die Torte selbst zu backen. Es war ihre allererste Torte, und sie stand vor dem Mixer wie vor einer Flugabwehrrakete. Nikos, der sonst immer mit der Kleinen spazieren ging, wenn sie zu tun hatte, war im Büro und nicht zu Hause. Er musste Baupläne abgeben und hatte den Wecker auf fünf Uhr morgens gestellt. Sonst hätte er sich Kallia jetzt mit dem Tragetuch auf den Rücken geschnallt, wie die Afrikanerinnen, die im Stadtteil Patissia herumliefen, wo Frau Kalliopi, seine Mutter, wohnte. Sie hatte ihnen zur Hochzeit den Standmixer geschenkt, der gleichzeitig eine Küchenwaage war, denn beim Backen, so hatte sie der Schwiegertochter erklärt, waren die richtigen Mengen ausschlaggebend. Sie konnte nicht einfach improvisieren. Kuchen und Torten erforderten Disziplin. Umsicht. Aufmerksamkeit. Aber Rahel hatte vergessen, die Butter am Vorabend aus dem Kühlschrank zu holen, damit sie zimmerwarm war, und jetzt knallte der Fettziegel an die Wände der Rührschüssel und veranstaltete einen Heidenlärm. Die Kleine, die sie auf den Küchenboden gesetzt hatte, um sie im Auge zu behalten, plärrte los. Sie zog die Schublade mit den Holzkochlöffeln auf und reichte ihr einen zum Spielen. Es war noch früh, Kallia wachte immer bei Tagesanbruch auf. Rahel schaute aus dem Fenster auf den tiefblauen Morgenhimmel. Am Horizont formierte sich ein Vogelschwarm zu einer jener eindrucksvollen, wabernden Riesenseifenblase, die entstehen, wenn man Lauge durch eine große Schlinge bläst. Es war Oktober, dachte sie, und die Schwalben zogen nach Süden. Vielleicht flogen sie nach Afrika. Sie selbst war nie in Afrika gewesen. Aber sie hatte fast ganz Europa bereist, und einmal war sie mit einer Freundin in Lateinamerika gewesen, die Tickets hatte ihnen ihr Vater zur bestandenen Unizulassung geschenkt. Sie blickte auf Kallia, die gerade entdeckt hatte, dass sie Schubladen aufziehen konnte. Auf dem Boden häuften sich Flyer von Zustelldiensten und Betriebskostenabrechnungen. Wann würde sie wohl wieder reisen können? Sie war bestimmt noch jahrelang an die Bedürfnisse und den Tagesablauf ihrer Tochter gebunden. Und Nikos wollte noch ein Kind. Die Reisen, die sie kannte, sorglos, frei, ohne viel Gepäck und ohne Plan, waren vorbei. Sie war erst dreiunddreißig und würde Europa nicht mehr mit dem Zug durchqueren, nicht mehr auf unbequemen Flughafensitzen schlafen, während sie auf den Anschlussflug wartete, sie würde nicht mehr blind mit dem Finger auf die Landkarte tippen, wie sie es mit Richard, ihrer alten Liebe, getan hatte, wenn sie das nächste Reiseziel auswählte. Während die Butter in der Rührschüssel langsam weichgeklopft wurde, änderten die Vögel ständig ihre Formation und Richtung, als wäre ihre bevorstehende Reise keine Überlebensfrage, sondern eine Laune, die täuschende Nachahmung von Freiheit unter dem Joch der Notwendigkeit. Kallia klatschte ungeduldig in die Hände. Sie hatte Pralinen entdeckt, aber es gelang ihr nicht, sie aus dem Papier zu wickeln. Rahel ging zu ihrem Kind. Wie kamen die Pralinen in die unterste Schublade zwischen all die Quittungen? Als sie die Schokolade zur Hand nahm, brach ihr der kalte Schweiß aus. In der bläulichen Verpackung steckte nichts Süßes, sondern Rattengift. Im Höllenlärm des Mixers konnte Nikos nicht verstehen, was seine Frau unter Schluchzen ins Telefon schrie. Einige Stunden später war das Schauspiel vorbei. Im Kinderkrankenhaus wurde der Kleinen vorsorglich der Magen ausgepumpt, obwohl sie vermutlich keine der tödlichen Pralinen in den Mund gesteckt hatte, da es ihr gut ging. Trotzdem mussten sie die Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus verbringen. Vor lauter Aufregung tat Rahel kein Auge zu, noch konnte die völlig überdrehte, rastlose Kallia einschlafen. Sie summte sie in den Schlaf, legte sie an die Brust, wiegte sie im Stehen, erschöpft und bleich, hin und her. Erst als Nikos die Kleine ins Tragetuch packte und im Krankenhauspark spazieren führte, schlummerte Kallia friedlich ein, und Papa ging die ganze Nacht mit ihr spazieren. Während sie auf die Psychologin warteten – nach der Sozialarbeiterin war für die Aufnahme eines unbegleiteten Flüchtlings ein Hausbesuch vorgeschrieben – dachte Rahel, dass man so etwas besser nicht erzählte. Damit die Behörden Vertrauen fassten, musst man über solche Episoden aus dem Familienleben Schweigen bewahren.</p>
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<p><strong>4. Ein Koffer zwischen Vater und Sohn</strong></p>
<p>Nikos wünschte sich einen Sohn als zweites Kind. Er liebte Kallia und fühlte sich nie überfordert. Wenn sie krank war, kümmerte er sich liebevoll um sie, spülte ihr die Nase und gab ihr fiebersenkende Mittel mit der Kindermedizinspritze, damit kein Tropfen verlorenging. Da Rahel einen leichten Schlaf hatte und beim geringsten Laut oder der kleinsten Berührung mit weit aufgerissenen Augen aufrecht im Bett saß, als würde sie von einer Horde von Eindringlingen bedroht, ließ er sie an manchen Samstagabenden im Doppelbett in Ruhe allein ausschlafen, während er – kaum zu glauben, wenn man es nicht mit eigenen Augen sah – zusammengekrümmt und dicht an Kallia geschmiegt im Kinderbett lag. Womit er nicht gut umgehen konnte, waren Kinderspiele. Er schämte sich, es zuzugeben, aber sie langweilten ihn. Puppen jagten ihm von klein auf Angst ein. Auf der Kommode im Schlafzimmer von Frau Kalliopi, seiner Mutter, thronte seit seiner Kinderzeit eine große, fein herausgeputzte Porzellanpuppe. Als er sie einmal kräftig schüttelte, verschwanden ihre Augen mit einem Klack in den Augenhöhlen. Auch Kuscheltiere mied er. Jedes Imitat eines lebendigen Wesens erschien ihm abstoßend und verlogen. Fahrradfahren hingegen gefiel ihm, auch Ball- oder Gesellschaftsspiele, aber seine Tochter weigerte sich, mit etwas anderem zu spielen als mit ihren Püppchen. Daher hoffte er auf einen Sohn als zweites Kind. Als vier Jahre nach Kallia die kleine Paraskevi geboren wurde, stellte Nikos im Lauf der Zeit fest, dass seine jüngere Tochter etwas Jungenhaftes hatte. Sie war draufgängerisch, tauchte überall zugleich auf, heckte Streiche aus und neigte zu lebensgefährlichen Unfällen. Ein Wunder, dass sie ihren heutigen dreizehnten Geburtstag heil und unversehrt erlebte. Auf der Torte stand, das hatte sie sich so gewünscht: „Freitag, der 13.“ Ihr Name, Paraskevi, war auch ein Wochentag: „Freitag“. Die kleine Paraskevi hatte Nikos’ Humor, das behauptete zumindest der stolze Papa, der seine ältere Tochter immer noch heiß und innig liebte, aber für die kleine Göre eine besondere Schwäche hatte. Kallia war ihm ohnehin schon entglitten. Als Siebzehnjährige lebte sie in einer anderen Welt, führte hinter geschlossenen Türen stundenlange Telefonate, verschickte Nachrichten nach Mitternacht und beschäftigte sich – auf für ihn übertriebene und unbegreifliche Weise  – mit Klamotten, Frisuren und Kosmetika. Dabei war Kallia von klein auf wunderhübsch, wie eine Puppe, könnte man sagen, wenn ihn Puppen nicht erschrecken würden, oder bildschön wie ein Gemälde. Seine Frau war attraktiv, und er selbst sah auch nicht schlecht aus, er ging als ansprechend und ansehnlich durch, aber die Natur hatte, aufs Höchste inspiriert, die besten Seiten von ihnen beiden zusammengemixt und ein glänzendes Resultat geschaffen. So musste die Natur, als die kleine Paraskevi zur Welt kam, improvisieren und ihr Erscheinungsbild aus den verbliebenen genetischen Eigenschaften komponieren. Das Resultat war reizvoll, aber nicht zu vergleichen mit der blendenden Schönheit ihrer älteren Schwester. Für Nikos war Schönheit zweitrangig. Er kannte ihren Tauschwert im Spiel der menschlichen Beziehungen, aber ihm war klar, dass diese Währung instabil war und ihr Zeitwert von Jahr zu Jahr sank. Daher glaubte er nicht, dass Kallia mehr Glück hatte als Paraskevi. Denn die jüngere Tochter entwickelte durch natürliche Gaben oder auch aufgrund ihrer schwächeren Position als hässlichere Schwester Durchsetzungsvermögen, Selbstironie und Klugheit. Das alles benutzte sie, um zu erreichen, was immer sie sich in den Kopf setzte. Als Neunjährige beispielsweise hatte sie sich selbst den Rufnamen „Skevi“ gegeben, um sich nachdrücklich von Oma Paraskevi abzugrenzen, die sie „Karfreitag“ nannte und deren depressive Grundhaltung sie verspottete. Die Eltern wehrten sich zunächst gegen das ungewöhnliche „Skevi“. Sie behaupteten, den Namen hätten sie noch nie gehört, den gebe es gar nicht. Zu ihrer großen Enttäuschung entdeckte ihre Tochter im Internet eine zweite Skevi, eine Ärztin auf dem Dodekanes. Damit waren die Eltern mundtot gemacht. Außerdem betrachtete sie den ausgefallenen Rufnamen als Qualitätsmerkmal. Ein Grund mehr, ihn anzunehmen. Ob sie wollten oder nicht, langsam gewöhnten sich die Eltern daran. Trotzdem wünschten sie sich manchmal den Taufnamen ihrer Tochter zurück, und deshalb lachten sie auch, als er als witzige Anspielung auf der Geburtstagtorte auftauchte. Als sie aufgegessen hatten, überredete Skevi ihren Vater, seinen Mittagsschlaf zu opfern und in den Syngrou-Park zu gehen. Nikos hielt sich sonst an den Tagesablauf seines Vaters: Aufbruch im Morgengrauen zur Arbeit, Siesta zu Hause und wieder zurück zur Arbeit. Der Eingang lag nur wenige Meter von der Wohnung entfernt, und Nikos nahm seine Töchter manchmal zu einem Spaziergang oder einem Picknick auf das ihm vertraute Gelände mit. Er hatte sechs Jahre im reformpädagogischen Internat Anavryta verbracht. Kallia begleitete sie nicht mehr auf diesen Ausflügen, aber Skevi steuerte bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Athletikbahn oder die Spazierwege an. Sie wanderte gern mit ihm zu den ehemaligen Schulgebäuden, zum „Weißen Haus“, wo die gymnasiale Unterstufe und die Lernwerkstätten untergebracht waren, oder zum „Turm“, der früheren Villa des Bankiers und Mäzens Andreas Syngrou, wo die „klassische“ gymnasiale Oberstufe unterrichtet wurde. Dort gingen die Mädchen hin, getrennt von den Jungen, gemischte Klassen gab es noch nicht. Als zwei Jahre nach seinem Schuleintritt die ersten Gymnasiastinnen aufgenommen wurden, sei ihm das, so erzählte er seiner Tochter, wie ein Wunder vorgekommen. So, als wäre das „Weiße Haus“ noch heller geworden, als würde es leuchten. Bis dahin war er rund um die Uhr nur mit Jungen zusammen gewesen. Das Leben im „Ostflügel“, wo die Internatszöglinge wohnten, folgte militärischer Ordnung: sechs Uhr morgens aufstehen, kalt duschen, Morgensport mit Jogging und Gymnastik, ankleiden, Bettenmachen, Morgenversammlung, Unterricht, Essen im Speisesaal, einstündige Mittagsruhe, Sportspiele und praktische Übungen, werken, warm duschen, dreistündige Hausaufgabenzeit unter Aufsicht, Lektüre und Schachspiel, Zapfenstreich und Nachtruhe. Nikos war gewöhnt, in Patissia, ihrem Wohnviertel, den ganzen Tag draußen zu verbringen. Er wusste nicht, was ihn erwartete, als der Klassenlehrer, von Nikos’ Leistungen beeindruckt, den Eltern die Reformschule Anavryta vorschlug. Als die Ergebnisse der Aufnahmeprüfung bekanntgegeben wurden, wurde die stolze Freude des Kindes, die Prüfung als einer der Besten geschafft zu haben, von der Ankündigung von Herrn Jannis, seinem Vater, überschattet, dass er im Internat verbleiben sollte. „Ich kann dich mit dem Motorrad nicht jeden Tag hin- und herfahren“, sagte er, und damit war die Sache erledigt. Es war Sommer, und dem Jungen war nicht wirklich bewusst, was ihn im September erwartete. An dem Tag, als der Vater ihn mit aufs Motorrad nahm, herrschte durchdringende Kälte, der Koffer war zwischen sie beide geklemmt, aber die Arme des Jungen umklammerte nicht wie sonst die Taille des Vaters, sondern den Koffer. Die Kälte entsprach der Angst, der Verzweiflung und dem Gefühl des Verlassenseins, das er verspürte, als der Vater Gas gab und sich entfernte, ohne sich noch einmal nach seinem Sohn umzuschauen. Nikos stand, ganz allein mit dem Koffer, vor dem Schuleingang und wartete auf eine Geste, auf eine kurze Wendung des Kopfes.</p>
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<p><strong>5. Aus dem Müllcontainer in den Koffer</strong></p>
<p>Als Nikos im großen Saal vor dem Bett stand, in dem er fortan schlafen sollte, ohne eigenes Zimmer, ohne Familie, fremd unter Fremden, erfasste ihn erst Verzweiflung, dann Zorn. Wie konnten ihn die Eltern so allein lassen? Wie konnte der Vater das zulassen? Er war doch auch als Zwölfjähriger, genauso alt wie er, Zögling an der Königlichen Technischen Schule auf der Insel Leros gewesen, weit weg von seinem Dorf Krania an den Hängen des Olymp? Als er am ersten Besuchstag wagte, seinem Vater Vorhaltungen zu machen, versetzte der ihm eine schallende Ohrfeige. „Zieh nicht über Internate her“, sagte er. „Die haben mich zum Mann gemacht. Was wusste ich schon, da oben im Dorf? Nichts! Nur, wie man mit dem Esel Waffen zu den Partisanen bringt. Als uns die Regierungstruppen aufsammelten, waren wir wilde Tiere. Wie schliefen in Höhlen, mit den Schuhen an. Gut, dass uns der König ein Handwerk lernen ließ! Damit wir später unser Brot verdienen konnten. Vergiss nicht, dass die meisten von uns Waisenkinder waren. Die einen Eltern waren im Partisanenkampf in den Bergen gefallen, die andern waren im Exil, wieder andere im Lager. Mich holten sie, als der Vater umgekommen war. Die Mutter habe ich nicht wiedergesehen. Wir hätten nie gewagt, uns zu beschweren. Besuchstage kannten wir nicht. Hör auf zu jammern und sieh zu, dass etwas aus dir wird, denn du wohnst hier nicht gratis. In der Tischlerei schiebe ich doppelte Schichten, damit du dieselbe Schule besuchen kannst wie König Konstantin. Als kleiner Junge ist er immer mit seinem Vater nach Leros gekommen.“ Ja, das wusste Nikos. Herr Jannis sprach nicht oft davon, aber er hatte es von seiner Mutter gehört, die im selben Schulkomplex auf Leros an die Haushaltsschule ging. Ihre Eltern hatten den Partisanenkampf überlebt, aber sie stimmten dem Abtransport der Tochter auf die Insel zu. Ihr Haus im bergigen Messenien war im Bürgerkrieg abgebrannt, und bettelarm, wie sie waren, hätten sie die einzige Tochter nicht ernähren können. Die Haushaltsschule bot eine Lösung. Die Eltern von Nikos hatten sich während ihrer Ausbildung auf Leros kennengelernt, ganz so wie später die Eltern der kleinen Paraskevi an der Reformschule von Anavryta.<br />
„Komm, erzähl, welchen Eindruck machte Mama, als du sie zum ersten Mal gesehen hast?“<br />
„Das war beim Laufwettbewerb, der jeden Oktober stattfand. Da sind wir klassenweise angetreten, zuerst die Mädchen, dann die Jungen. Die Strecke führte quer durch den Wald im Syngrou-Park.“<br />
„Wo? Hier, wo wir gerade gehen?“<br />
„Ja, ungefähr. Wir sind einen Kilometer dem Wanderweg gefolgt, rauf und runter.“<br />
„Aha, erst rauf-runter, dann rein-raus!“, sagte das Mädchen mit einem gewissen Unterton.<br />
Der Vater tat so, als hätte er die Anspielung nicht gehört.<br />
„Zuerst liefen die Mädchen aus der ersten Klasse Gymnasium. Die Zuschauer standen an der Athletikbahn und haben nur den Start und den Zieleinlauf gesehen. Deine Mama, groß und knochig, war mir schon aufgefallen, bevor der Startschuss fiel. Sie hatte die Schultern eingezogen und machte einen kleinen Buckel. Das gefiel mir, weil ich damals Rockmusik hörte.“<br />
„Was hat das miteinander zu tun?“<br />
„Keine Ahnung, als ich sie sah, dachte ich jedenfalls, dass zu ihrem Gesicht Doors-Musik als Untermalung passt.“<br />
„Aha… Und dann?“<br />
„Mir fiel auf, dass sie nicht gleich beim Startschuss losgelaufen ist. So, als wäre sie in Gedanken versunken. Das fand ich süß. Ich rechnete nicht damit, dass sie überhaupt ins Ziel kommt. Du kannst dir meine Überraschung vorstellen, als sie vor allen anderen, mit riesigen, schnellen Sprüngen aus dem Wald kam. Die Verfolgerinnen waren noch gar nicht zu sehen. Der Sieg war ihr nicht mehr zu nehmen. Nach dem Wald lagen nur noch fünfzig Meter Feldweg vor ihr, der zum Zieleinlauf führte, wo die Zuschauer standen. Sie aber verlangsamte plötzlich ihr Tempo und spazierte gemütlich weiter. Wir trauten unseren Augen nicht! Wir riefen ihr zu, sie solle doch weiterlaufen. Nur noch ein kleines Stück. Aber sie ignorierte uns. So wurde sie von zwei, drei Schülerinnen eingeholt. Sie stand nicht einmal auf dem Treppchen. Das war fantastisch!“<br />
„Was findest du an der blöden Haltung fantastisch?“<br />
„Kapierst du nicht? Deine Mama hätte gewinnen können, sie hatte die Goldmedaille schon in der Tasche, aber sie hat alles hingeschmissen. Es war, als würde sie ihnen sagen: Ich scheiße auf eure Wettkämpfe, sie sind mir egal. Ich bin kein Rennpferd, ich renne nur, wenn ich Lust habe.“<br />
„Ja, vielleicht wusste sie nicht, wo die Ziellinie liegt, und dachte, nach dem Wald ist sie schon im Ziel.“<br />
Nikos lachte. Die Erklärung leuchtete ihm ein. Rahel wirkte des Öfteren ein bisschen „weggetreten“, und damit neckten die Töchter sie auch. Es kam vor, dass sie beim Abwasch reglos mit dem Topfdeckel in der Hand verharrte und die Seifenlauge so eindringlich betrachtete, als hinge ihre Zukunft davon ab. Dito, wenn sie einen Apfel schälte: Sie schälte ihn rundherum, aber nur zur Hälfte, dann pausierte sie mit dem Messer in der Hand, während die Apfelschalenspirale herunterbaumelte. Wenn sie las, ließ sie das Buch sinken, aber ihr Blick blieb an der Stelle haften, wo das Buch gewesen war, als hätten sich die Buchstaben vom Papier gelöst und wogten im Wind wie schwarze Klammern auf einer unsichtbaren Wäscheleine. Schon als Schülerin war sie eine Leseratte. Ihretwegen nahm Nikos an der Lyrikgruppe teil. Damals war Rahel vierzehn, Nikos zwei Jahre älter. Er hatte sich ans Internat gewöhnt, an den Tagesablauf, die kalte Dusche, die Schulhymne, den militärischen Drill und den nicht vorhandenen Ausgang, aber auch an die Späße im Speisesaal, die Gespräche mit seinen Freunden vor dem Einschlafen, das Leben in der Gemeinschaft. Mit Büchern oder Poesie hatte er, abgesehen vom üblichen Sprachunterricht, nicht viel zu tun. Die einzige erfundene Wirklichkeit, aus der er eine seltsam tiefe Befriedigung schöpfte, war sich einen anderen Vater vorzustellen. Wenn alle im Schlafsaal schliefen, blätterte er manchmal die Korrespondenzkarten durch, die er in seinem Koffer zwischen den von seiner Mutter eingepackten Socken und zusammengefalteten Unterhemden versteckt hatte. Am Abend vor dem Umzug ins Internat hatte sie ihn mit dem Müll zum Container geschickt. Seit dem Morgen hatte sie die Tränen kaum zurückhalten können und suchte einen Vorwand, um sich im Bad einzuschließen. Unwillig lief er die Treppe des Wohnhauses nach unten, mit finsterem Blick trat er vor die Haustür und überquerte die Straße. Der Sack in der Hand erinnerte ihn daran, dass er lange keinen Müll mehr wegbringen würde, und der stinkende, überquellende Container erfüllte ihn mit frühzeitigem Heimweh. Sein Blick fiel auf ein Päckchen zwischen den Müllsäcken, auf dem mit schwarzem Filzstift „Lakki“ stand. Das Päckchen war nur lose eingewickelt, und er konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er vermutete, es könnten Briefe des Vaters aus seiner Schulzeit sein. Aber dem war nicht so. Eingewickelt in Packpapier lagen, mit einem Geschenkband zusammengehalten, wie es Konditoreien verwenden, an die fünfzig Blanco-Postkarten, auf der einen Seite vollgeschrieben, auf der anderen Seite mit der Adresse des Empfängers versehen. Bis heute konnte er nicht sagen, aus welchem Impuls heraus er die „Korrespondenzkarten“ &#8211; eine alte Bezeichnung, wie er bald herausfand – mitnahm und in seinen Koffer stopfte. In der ersten Zeit, in der er sich nach Anavryta verbannt fühlte, leisteten ihm ihre Botschaften jeden Abend Gesellschaft. Ja, so fühlt er sich, verbannt, genauso wie der Mann, der unter der Obristenjunta im Internierungslager Lakki auf Leros saß, womöglich sogar im selben Gebäude, in dem der Vater seine Jugendjahre verbrachte, und hoffnungsvoll, ängstlich und zärtlich mit seiner Familie in Athen korrespondierte.</p>
<hr />
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16668" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-450x620.jpg" alt="" width="350" height="482" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-450x620.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-218x300.jpg 218w, https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-500x689.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross.jpg 743w" sizes="auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px" />Das Buch</strong><br />
Elena Maroutsou: <em>To exilastirio thavma. (dt. Arbeitstitel: Wundertäter und Sündenbock). Eine Geschichte in einundfünfzig Koffern </em><br />
(bislang nur auf EL)<br />
Verlag Kichli, Athen 2022, 338 Seiten, ca. 16 €<br />
ISBN 978-618-5461-42-3</p>
<p>Das Titelbild stammt aus der „Baggage Series“ des syrisch-amerikanischen Künstlers Mohamad Hafez. Die Autorin platziert gern in ihren Erzählungen Bildverweise.</p>
<p>Ein durchgehendes Motiv des Romans ist der „Koffer“ (in all seinen Erscheinungsformen als Rucksack, Truhe, Handtasche oder Müllsack) als Hüter von Eigentum und Erinnerung. Ein Koffer symbolisiert immer Abreise und Ankunft, Unterwegssein, Veränderung.</p>
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<figure id="attachment_16667" aria-describedby="caption-attachment-16667" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16667 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/em-1_Elena-Maroutsou-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-16667" class="wp-caption-text">© M.Valasopoulos</figcaption></figure>
<p><strong> Die Autorin</strong><br />
<strong>Elena Maroutsou</strong>, geb. 1967 in Athen, studierte Geschichte an der Universität Athen sowie Literatur und Kunstgeschichte in Reading, Großbritannien. Sie unterrichtet Literatur und Creative Writing und veröffentlicht Buchrezensionen.<br />
Ihre ersten Veröffentlichungen bildeten Erzählungen (1998 und 2004), 2008 erhielt sie den Athens Prize for Literature für den Roman „Zwischen Zug und Bahnsteigkante“. Die Novelle ΤΟ ΝØΗΜΑ, „Der Sinn“ (2010) wurde in einem Seminar von jungen LiteraturübersetzerInnen ins Deutsche übertragen.<br />
Mit den miteinander verwobenen Erzählungen „Obszöne Orchideen“ (2015), den Romanen „Zwei“ (2018) und „Wie die Tiere“ (2020) erreicht sie ihre Reifephase. Mit „Wie die Tiere“ wurde Maroutsou vom griechischen PEN unter die zehn besten Autorinnen gewählt, für „Wundertäter und Sündenbock. Eine Geschichte in 51 Koffern“ 2023 wurde sie mit dem Literaturpreis der Zeitschrift Klepsydra ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2024 der Band „Domino“ mit sieben, miteinander verketteten Erzählungen.</p>
<p class="textinfo"><em>Buchvorstellung: Michaela Prinzinger. Romanausschnitt: Elena Maroutsou in der Übersetzung von M. Prinzinger. Fotos: Verlag Kichli, Marios Valasopoulos. Redaktion: A.Tsingas. Die Probeübersetzung wurde von GreekLit unterstützt, der Übersetzungsförderung der Hellenischen Buch- und Kulturstiftung ELIVIP/HFBC, </em><span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://elivip.gr/en/">hier</a> </span><em>(auf EN).</em></p>
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		<title>Atalanti Evripidou: Menschen sind komplex und unvollkommen – und das ist großartig</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2026 07:16:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die Autorin spricht über ihren ersten Erzählband „Die, die nicht gegangen sind“. Anhand persönlicher Erlebnisse sowie historischer und mythologischer Elemente verbindet sie Fantasie mit Volksüberlieferungen.</p>
<p>Die Sammlung erzählt von Menschen am Rande der Geschichte – im Zeitraum von der osmanischen Besatzung bis heute. Von Frauen, queeren Menschen, ethnischen und religiösen Minderheiten, von Bastarden und Sexarbeiterinnen – sie waren schon immer da, wenn auch selten sichtbar. Sieben Geschichten vor dem Hintergrund eines immer weniger mythisch anmutenden Griechenland, wo Legenden verblassen, Freiheit an den Pranger gestellt wird und Solidarität das Einzige ist, was Bestand hat.<br />
Was in dieser Sammlung besonders hervorsticht, ist die Ehrlichkeit und das Bekenntnis zur Unvollkommenheit, in dem Sinn, dass ihre Figuren nicht ideal, sondern menschlich und vielschichtig sind. Das Buch thematisiert den Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge sowie die Widersprüche der menschlichen Seele. Die intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz – verbunden mit der Suche nach der Wahrheit in einer Welt voller Illusionen –, zeigt, dass Evripidous Sammlung darauf abzielt, die dunklen und verborgenen Aspekte der menschlichen Natur zu beleuchten, und hinterlässt bei den Lesenden zahlreiche Fragen zur Geschichte und zum kollektiven Gedächtnis.</p>
<p><strong>Das Interview: Georgia Harda befragt Atalanti Evripidou</strong></p>
<p class="interview">Was hat Sie dazu angeregt, diesen Erzählband zu schreiben?</p>
<p>Ich schrieb „Trisévgeni“, die erste Erzählung der Sammlung, im Rahmen eines Workshops für kreatives Schreiben, der von <em>Tales of the Wyrd</em> <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://talesofthewyrd.com/?lang=en">hier</a></span> (auf EN) organisiert wurde, und anschließend zwei weitere, „Jenseits der gläsernen Berge“ und „Die, die nicht gegangen sind“, um sie in den Literaturworkshops der Athener Science-Fiction-Gesellschaft (ALEF) vorzustellen. Mir wurde bewusst, dass es in diesen Erzählungen einige thematische und stilistische Gemeinsamkeiten gab, und ich beschloss, noch einige weitere Erzählungen zu schreiben, um eine Sammlung zu schaffen, die genau von diesen thematischen und stilistischen Leitgedanken durchzogen sind.</p>
<p class="interview">Beim Lesen des Titels Ihres Buches fragte ich mich, ob das Verharren im Leben eine Art von Widerstand oder von Untätigkeit ist, und auch, was es über die menschliche Natur verrät, dass sich manche Wesen entscheiden zu bleiben, andere jedoch, zu gehen.</p>
<p>Ich denke, das Bleiben kann beides sein, je nach der Situation, in der wir verharren. Die Charaktere der Sammlung tun das Eine oder das Andere – bleiben oder gehen – und beides kann Widerstand sein oder auch Untätigkeit. Der Junge, Vasiliki oder Evgenios entscheiden sich zu gehen, doch das hat unterschiedliche Gründe und ebenso eine andere Aussage; und möglicherweise wird die Leserschaft nicht für alle ihre Entscheidungen gleichermaßen Verständnis aufbringen. Der Kapitän, Evdokia und Stratis sind Figuren, die bleiben, doch – auch hier – sind ihre Motive und die Folgen ihres Bleibens nicht gleichermaßen annehmbar. Mir scheint, dass wir alle im Leben beide Entscheidungen treffen, sowohl um Widerstand zu leisten, aber auch – vielleicht – aus einer Art Starrheit heraus. In manchen Fällen sogar auch zur Selbsterhaltung. Vielleicht ist es letztendlich wichtiger, wo wir stehen, nachdem wir geblieben oder gegangen sind.</p>
<p class="interview">Sie haben das Buch Ihrem Großvater gewidmet. Inwiefern ist diese Widmung der Abschied, den Sie nicht mehr nehmen konnten?</p>
<p>Das wurde mir bewusst, als ich meine Abschlussarbeit in Gesellschaftspsychologie zum Thema Trauer abgab: dass ich praktisch ein ganzes Buch geschrieben habe, um den Verlust meines Großvaters zu verarbeiten. Er ist während des Lockdowns von uns gegangen und leider gelang es mir aufgrund der Einschränkungen nicht, ihn noch einmal zu sehen oder an seiner Beerdigung teilzunehmen. Die meisten Erzählungen der Sammlung sind in gewisser Weise von meinen Erlebnissen in meinem Dorf bei Karditsa geprägt, sowohl sprachlich als auch bildlich. Und als ich sechs der sieben Erzählungen geschrieben hatte, wurde mir bewusst, dass ich viele Aspekte des „Griechischseins“ einbezogen hatte, aber nicht die Lebensfreude und das Feiern. Und so wurde mir auch klar, dass ich den Tod meines Großvaters innerlich bereits akzeptiert hatte. Es war ein großer Heilprozess, obwohl er gar nicht als solcher gedacht war.</p>
<p class="interview">Wie haben Sie die Thematik der Erzählungen ausgewählt? Haben Sie sich auf persönliche Erfahrungen oder auf mythologische und volkstümliche Elemente der Tradition bezogen?</p>
<p>Eine Mischung von all dem, aber auch auf zahlreiche Zeitzeugnisse, begleitet von einer gehörigen Portion Fantasie. Zwei der Erzählungen sind, wie am Ende des Buches vermerkt ist, von Volksmärchen inspiriert, die im zweibändigen Werk von Georgios Megas <em>Griechische Märchen</em> enthalten sind. Dies sind „Fünf Monde sind dahin“, basierend auf dem Märchen „Herr Weizengrieß“, und „Trisévgeni“, basierend auf dem Märchen „Trisévgeni oder die drei Zedrate“. Aber auch wahre Geschichten, wie die von Thanassis Vagias oder von Zafiris, der an der Seite des Generals des Griechischen Unabhängigkeitskrieges Georgios Karaiskakis kämpfte (<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Georgios_Karaiskakis">hier</a></span>) sowie Berichte von Menschen, die die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg erlebt haben, Berichte über die <em>Existenzialisten der fliegenden Hütte </em>(<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.lifo.gr/culture/music/ena-athinaiko-parti-stin-iptameni-paragka-toy-simoy-toy-yparxisti-1953">hier</a></span>, auf EL). Natürlich auch meine eigenen persönlichen Erfahrungen, zusammen mit geliebten Gedichten und Liedern – und, wie bereits erwähnt, einer gehörigen Portion Fantasie. Abgesehen von diesen beiden Erzählungen, die sich an Märchen orientierten, entstanden die übrigen aus dem Gedanken heraus „Wie würde magischer Realismus in Griechenland aussehen?“ (so entstand die namensgebende Erzählung der Sammlung „Die, die nicht gegangen sind, kommen nicht zurück“) oder aus der Notwendigkeit „Ich muss eine Erzählung für den Workshop einreichen und habe es eilig, also suche ich im Internet nach einem Schreibprompt“ (was schließlich zum Prompt „Ein Henker, den sein letztes Opfer verfluchte“ führte).</p>
<p class="interview">Es sind sieben Erzählungen. Hat diese Zahl eine besondere Bedeutung?</p>
<p>Die Wahrheit ist, dass es nicht sieben waren. Es waren ursprünglich acht Erzählungen, aber eine habe ich rausgenommen, bevor ich das Manuskript einreichte, weil sie nicht ausreichend zu den übrigen passte. Außerdem gab es noch einen neunten Text, der aber erst später geschrieben wurde, als die Sammlung bereits in den Händen des Lektors war – für diese Erzählung war es also zu spät. Aber ich denke, dass sieben schließlich aus vielen Gründen die ideale Anzahl war. Auf einer eher symbolischen Ebene, weil es eine bedeutungsvolle Zahl ist und das Buch von einer Magie handelt, die ständig schwindet und verloren geht. Auf einer praktischen Ebene, weil man eine Woche zum Lesen braucht, wenn man sich das Ziel setzt, eine Erzählung pro Tag zu lesen.</p>
<p class="interview">In Ihrer Erzählung „Der Nagel im Kopf“ hat mir der Satz <em>Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit</em> gefallen. Können Sie uns mehr dazu sagen?</p>
<p>Das war eine Erzählung, die in meinem Kopf mit diesem einen Satz begann. Damit begann ich zu schreiben, ohne eine Ahnung zu haben, wohin es führen würde. Ich vermute, der Satz ergab sich aus dem, was wir oft sagen, wenn wir uns verspäten: „Ach, irgendwo auf der Welt wird es schon die richtige Zeit sein“. Aber er verdichtet in gewisser Weise auch diesen Verlust an Erinnerung und Geschichte, diese Details an Wahrheit, die systemisch (und systematisch) geopfert werden, um unser nationales oder persönliches Narrativ zu konstruieren.</p>
<p class="interview">In derselben Erzählung erwähnt die Protagonistin den Rat ihrer Großmutter: <em>Erfinde keine perfekten Märchen. Wenn du eine Geschichte erfindest, sorge dafür, dass man sie glaubt, weil sie wahrhaftig klingt, und nicht, weil man dir glauben will; denn irgendwann wirst du die Menschen enttäuschen, und sie werden aufhören, dir glauben zu wollen, und dich mit Rechen und Schaufeln in den Händen verjagen.</em> Glauben Sie, dass dieser Ansatz authentischer und realistischer ist als andere? Und wie steht dieser zum Bedürfnis der Leserschaft nach „Wahrheit“ in einer Zeit, die von Illusionen überschwemmt wird?</p>
<p>Ich möchte mich zunächst auch als Leserin äußern: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich mit makellosen Charakteren identifizieren oder mit ihnen mitfühlen kann.<br />
Ich mag auch keine Leute, die hohl sind, damit sie der oder die Lesende in der Geschichte als Projektionsfläche seiner selbst nutzen kann. Ich möchte über Figuren lesen, die echt sind, dreidimensionale Menschen, bei denen ich nachvollziehen kann, wie ihr Verstand und ihre Seele tickt, auch wenn ich nicht mit ihnen übereinstimme oder ihre Erfahrungen teile. Als Autorin halte ich es heute noch für einen guten Rat, mit den Protagonisten wie mit normalen Menschen umzugehen. Menschen sind komplex und unvollkommen, und das ist im wirklichen Leben genauso angebracht wie in der Literatur.</p>
<p class="interview">In der Erzählung „Der Sommer, in dem die Freude verloren ging“ schreibt ein Protagonist: <em>Das Leben hat keinen Höhepunkt, denn es ist keine Erzählung.</em> Glauben Sie, dass es im Leben, wie auch in der Literatur, eine gewisse „Logik“ gibt, einen bestimmten Verlauf? Oder ist das Leben dazu verdammt, unvollendet zu bleiben?</p>
<p>Ich denke, dass Leben und Erzählung zweierlei sind: Das Leben an sich hat keine Konsequenzen, ergibt keinen Sinn und unterliegt keiner Logik, aber wenn man es erzählt, die Art und Weise, wie wir uns daran erinnern, beinhaltet doch all das. Oft passieren zwei zusammenhangslose Ereignisse gleichzeitig; später erinnern wir uns aber daran, als wären sie nacheinander passiert, weil das der Erzählung dienlich ist. Beispiel: „Ich bin auf eine Bananenschale getreten – im selben Moment kam mein Bus vorbei und ich habe ihn verpasst“. Das wird zu „Ich habe den Bus verpasst, weil ich auf eine Bananenschale getreten und hingefallen bin“. In der Literatur muss die Erzählung überzeugend, wenn nicht sogar realistisch sein, sodass sie eine gewisse Logik hat – allerdings eher eine innere Logik, denn natürlich gibt es Gattungen wie das Absurde oder das Skurrile, die auf den ersten Blick dieser Logik gar nicht zu folgen scheinen, aber dennoch eine innere Kontinuität aufweisen.</p>
<p class="interview">Das Buch deckt historisch ein breites Spektrum ab, von der osmanischen Herrschaft bis in die Gegenwart, mit besonderem Schwerpunkt auf Personen, die am Rande der Geschichte leben. Wie sind Sie auf diese Figuren gekommen und wie ist ihre eigene Beziehung zur griechischen Gesellschaft?</p>
<p>Ich bin der Ansicht, dass es in der langen, überbordenden Geschichte Griechenlands viele unausgesprochene Geschichten gibt – etliche Dinge, über die wir nicht offen sprechen oder die wir sogar komplett unter den Teppich kehren. Gab es im griechischen Befreiungskampf überhaupt keine queeren Menschen? Waren alle Freiheitskämpfer ständig und ausnahmslos kreuzfromm? Was bedeutete es, als unverheiratete Mutter im Dorf zu leben? Wie entstehen unsere Familiensagen? Wie wird das kollektive Gedächtnis geformt und welche Menschen bleiben dabei außen vor? Diese Fragen stelle ich mir auch jenseits der Literatur. Und aus der Position einer Person heraus, die das Privileg hat, diese Fragen stellen zu können, versuche ich – so gut es mir mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln möglich ist – Licht auf diese nicht wahrgenommenen Geschichten inmitten der geschichtlichen Ereignisse zu werfen. Ich glaube aber auch, dass die heutige Gesellschaft auf einem Weg der Besserung ist: Im Vergleich zu der Zeit vor zehn oder sogar fünfzig Jahren gibt es erhebliche Fortschritte, was Akzeptanz, Toleranz und Vielfalt angeht. Aufgrund meines Berufs komme ich ständig mit jungen Menschen von 18–19 Jahren in Kontakt; es berührt mich zu sehen, dass jede neue Generation etwas aufgeschlossener und sensibler als die vorherige ist.</p>
<p class="interview">Die griechische Tradition und insbesondere die Volksdichtung und die Volksmärchen scheinen in ihrem Schreiben wichtige Komponenten zu sein. Erzählen Sie uns davon.</p>
<p>Daran sind wohl die Märchen von Georgios Megas schuld. <span style="color: #0000ff;">[*]</span> Ich habe sie als Kind innig geliebt, sie auch als Erwachsene oft gelesen und immer eine Verbundenheit mit ihnen gespürt, die bei den westeuropäischen Erzählungen so nicht aufkam. In den Volksmärchen gibt es kluge Frauen, die Prinzen retten, es gibt Protagonisten, die die Lamia und die Drachen mit Klugheit und nicht mit körperlicher Stärke besiegen; sie haben oft Humor und strahlen eine universelle Authentizität aus. Sie sind bodenständig, riechen nach Scholle. Gleichzeitig leben wir in einem Land, das vor lauter Touristen fast untergeht; außerhalb der Landesgrenzen weiß man jedoch wenig mehr über Griechenland als von seiner fernen, antiken Vergangenheit und der Wirtschaftskrise. Insbesondere das antike Schriftgut und die Mythologie gehören der ganzen Welt – wir beobachten einen zunehmenden Trend, dass ausländische Autoren Nacherzählungen der griechischen Mythologie verfassen. Aber die Volkstradition, unsere Volkslieder, unsere Märchen, die Geschichten unserer Dörfer gehören uns und wurden bislang noch von niemandem vereinnahmt. Daher erscheint es mir logisch, dass sich jüngere Autoren wie ich und andere, die mir vorausgegangen sind, sich dahin wenden, wenn sie Inspiration, persönlichen Stil oder gar Identität suchen. Es ist vielleicht eine Neuverhandlung dessen, was als „Griechischsein“ gilt – und das zu unseren eigenen Bedingungen.</p>
<p class="interview">Inwiefern steht das Konzept des persönlichen Opfers, das sich durch mehrere Erzählungen Ihrer Sammlung zieht, mit der heutigen Realität in Verbindung? Sind Sie der Meinung, dass die Menschen heute zu ähnlichen Opfern aufgerufen werden? Und wenn ja, was sind sie bereit zu opfern?</p>
<p>Ich bin froh, dass wir nicht dazu aufgerufen werden, ähnliche Opfer zu bringen, denn wir befinden uns weder im Krieg noch unter einer wie immer gearteten Besatzung. Und auch, dass sich in vielerlei Hinsicht Lebensqualität und Gesellschaft verbessert haben. Gleichzeitig möchte ich behaupten, dass wir jeden Tag Opfer bringen, auch wenn es nicht die allergrößten sind. Sicherlich ist es heroisch, sein Leben zu opfern, um sich gegen Besatzer zu wehren, aber drei Jobs zu haben, um die eigenen Kinder zum privaten Englischunterricht schicken zu können, ist ebenfalls ein bedeutendes Opfer, wenn auch ein eher triviales.</p>
<p class="interview">Ihre Erzählungen spiegeln die griechische Geschichte und ihre Widersprüche sehr eindrücklich wider. Was hat Sie dabei am meisten beschäftigt und dazu bewegt, sich auf solche Themen zu konzentrieren?</p>
<p>Ich habe mich immer wieder gefragt, wo solche Geschichten zu finden sind und warum wir sie nicht erzählen. Geschichten wie die von Zafiris in „Trisévgeni“, die ich bereits erwähnt habe, oder die der Existentialisten von Simos, die so viel Geld für die Erdbebenopfer auf den Ionischen Inseln gesammelt haben. Und das Bedürfnis, mir ein Bild von ihnen zu machen und sie durch die Fantasie mir selbst und den Lesenden wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es war diese besondere Ungerechtigkeit des kollektiven gesellschaftlichen Vergessens.</p>
<p class="interview">Ihre Sammlung thematisiert die Widersprüche und dunklen Seiten der menschlichen Existenz und wagt es, historische und gesellschaftliche Stereotypen zu hinterfragen. Welche Botschaft wollten Sie Ihrer Leserschaft durch diese Herangehensweise vermitteln?</p>
<p>Was die Botschaft angeht, habe ich keine Vorstellung; aber ich wäre sehr zufrieden, wenn diese Sammlung auch nur einen einzigen Lesenden dazu anregen würde nachzudenken, über welche Art von Menschen geschrieben wird und über welche nicht.</p>
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<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16602 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw-150x150.jpg 150w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw-300x300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw.jpg 443w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" /><span style="color: #0000ff;">[*]</span> <strong>Georgios Megas</strong> war ein griechischer Volkskundler. Er wurde am 13.08.1893 in Mesimvria/Ostthrakien (dem heutigen Nessebar an der bulgarischen Schwarzmeerküste) als Sohn eines Lehrers geboren. Er besuchte die Schule in Siatista, dem Herkunftsort seines Vaters, und schloss 1913 sein Philologie-Studium in Athen ab. Megas arbeitete erst als Grundschullehrer. 1926-1930 studierte er in Leipzig und Berlin Klassische Philologie und Volkskunde. Danach war er als Gymnasiallehrer und im Volkskundearchiv der Akademie von Athen tätig, das er von 1936 bis 1955 leitete. Ab 1947 lehrte er Volkskunde an der Universität Athen.<br />
1960 übernahm er den Vorsitz der Griechischen Volkskundlichen Gesellschaft (Ελληνική Λαογραφική Εταιρεία). Er sammelte und veröffentlichte zahlreiche Volksmärchen, fantastische Erzählungen der Volksliteratur sowie Werke der Volksdichtung, die das ländliche Leben, die Sitten und Bräuche, die Vorurteile, die Aberglauben und die Lebenswerte widerspiegeln. Er war der erste Grieche, der Volkserzählungen nicht nach lokalen oder geografischen, chronologischen oder spektakulären Gesichtspunkten klassifizierte, sondern nach dem internationalen Aarne-Thompson-Uther-Index (ATU). Um dem zukünftigen Forscher die Arbeit zu erleichtern, gibt er am Ende des Buches stets den Typus an, zu dem jedes Märchen gehört (Tierfabel, Volksmärchen oder heitere Erzählung), sowie dessen Herkunft und Varianten.<br />
Am 22.10.1976 starb er bei einem Autounfall.</p>
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<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-16598" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x.png" alt="" width="945" height="612" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x.png 945w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-300x194.png 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-768x497.png 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-450x291.png 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-500x324.png 500w" sizes="auto, (max-width: 945px) 100vw, 945px" /></p>
<p><strong>Die Erzählung </strong><br />
<strong><em>Der Nagel im Kopf</em></strong></p>
<p>Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit. Das habe ich von deiner Großmutter gelernt. Die, die von wo sie auch immer wegging, anders in Erinnerung blieb. Hier war sie die Hebamme, dort eine Hausiererin, anderswo eine Hexe oder auch eine Heilige.<br />
Wir zogen von Dorf zu Dorf, mit unserem Maultier und einem Planwagen, beladen mit unserem Hab und Gut; abends machten wir Suppe auf dem Gaskocher warm und schliefen auf einer Matratze. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, und er hat mir auch nicht besonders gefehlt. Vielleicht habe ich ein-, zweimal nach ihm gefragt, und vielleicht hat meine Mutter etwas darauf geantwortet, aber ich erinnere mich nicht mehr daran. Es gefiel mir jedoch nicht, dass man mich überall Bankert nannte und an den Brunnen und in den Kaffeehäusern über mich tuschelte.<br />
Also, als ich mit dir schwanger war, erfand ich ein Märchen und erzählte es mir so oft vor dem Spiegel, bis ich es schließlich selbst glaubte. Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit. Ich kam nach Kalyvia, den Bauch bis zur Brust, öffnete das Haus meiner Tante Marigo, lüftete es aus und erzählte, mein Mann sei Seemann und auf Reisen. In ein paar Monaten würde ich in die Stadt fahren und mir selbst einen Brief zuschicken, der mir seinen Tod mitteilen würde. Lieber Witwe und Waise als Hure und Bankert. Ich hatte mir alles im Kopf zurechtgelegt, bis dein Vater auftauchte und meine Pläne durchkreuzte.<br />
Ich sage „dein Vater“, aber wer weiß, ob er das ist – oder was er wirklich ist. Der Mann, der mich geschwängert hat, ist er jedenfalls nicht. Manchmal, wenn ich dich anschaue und sehe, wie sehr du ihm ähnlich siehst, fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, wie ich ihn kennengelernt habe, nachdem du geboren wurdest. Dann fällt es mir natürlich wieder ein, und mir versagen die Beine, obwohl ich Stratis sehr geliebt habe. Warum eigentlich? Das ist nicht leicht zu erklären, aber ich muss es versuchen. Das Vergessen hat schon eingesetzt, und ich befürchte, wenn ich es dir nicht erzähle, wirst du bald beide Elternteile verlieren, meine kleine Julia.<br />
Als ich ins Dorf kam, war ich eine Fremde. Ich hatte zwar das Haus meiner Tante geerbt, aber niemand hatte mich je gesehen oder von mir gehört. Und über meine Mutter, die mit fünfzehn hochschwanger von zu Hause weggegangen war, hatten sie nichts Gutes zu sagen. Nicht alle glaubten meiner Geschichte und betrachteten mich so mit Argwohn. Doch im Laufe der Monate ließ schwächte jeder Brief, den ich an meinen angeblichen Mann schickte, das Gerede ab. Und als ich gebar und die Hebamme mich fragte, wie ich das Kind denn nennen wollte, sagte ich: Julia, wie meine Schwiegermutter. Schau jetzt nicht so, ich weiß, dass es keine Schwiegermutter gab. Was denn, hätte ich dich Agoritsa nennen sollen, wie deine Großmutter? Julia ist doch ein schöner Name.<br />
Vierzig Tage lang habe ich das Haus nicht verlassen. Ich wollte, wollte so sehr, mich – noch mehr dich – mit den Nachbarn gut stellen. Also blieb ich vierzig Tage drin, und mit jedem Tag, der verging, kamen immer mehr Frauen, um mir Pasteten und frische Milch, Löffeldesserts und Marmeladen zu bringen. Und um dich zu sehen, natürlich.<br />
Eines Abends kam auch Fanouris, der den Gemischtwarenladen auf dem Dorfplatz hatte – erinnerst du dich an ihn? Ich weiß selbst nicht mehr, wie oft ich dir gesagt habe, du sollst dich von ihm fernhalten, als du noch klein warst, ich habe den Überblick verloren. Und du hast dich immer bei mir beklagt, dass die anderen Kinder gefüllte Hörnchen und Zuckerwerk bei ihm kauften und ich es dir nicht erlaubte. Wie auch immer. Ich hatte dich gerade gestillt und meine Bluse war von der Milch durchnässt. Ich erwartete keinen Besuch, aber ich dachte mir, dass vielleicht eine Nachbarin vorbeigekommen sei; ich öffnete die Tür, ohne groß nachzudenken.<br />
„Wie geht’s dir, Paraskevi?“, fragte er mich mit honigsüßer Stimme.<br />
Er hatte einiges intus, seine Nase war rot, seine Augen glänzten, und sein Atem roch nach Tsipouro.<br />
„Mir geht’s gut, Fanouris, aber ich muss das Kind ins Bett bringen, es ist schon spät“, sagte ich höflich, denn es ging einfach nicht, unhöflich zu dem einzigen Mann im Dorf zu sein, der Brot und Milch verkaufte.<br />
„Darf ich kurz reinkommen? Ich möchte dir was sagen“, fuhr er fort, als hätte ich kein Wort gesagt.<br />
Wenn man seine Jahre auf der Straße von Ort zu Ort verbracht hat, lernt man schnell zu erkennen, wann jemand einem nichts Gutes will. Meine Mutter sagte zu mir, dass jeder Mensch auf dieser Erde mit einem Nagel in der Brust oder im Kopf oder im Unterleib wandelt, und dass man, wenn man überleben will, besser so tun sollte, als würde man den Nagel des anderen nicht sehen und auch nicht ahnen, wie er dessen Leben bestimmt. Deine Großmutter war eine weise Frau. Weiser als ich.<br />
„Ich muss das Baby schlafen legen“, sagte ich erneut.<br />
Diesmal gelang es mir nicht, meinen Unmut zu verbergen. Fanouris’ aufgesprungene Lippen verzogen sich zu einem vulgären Grinsen.<br />
„Willst du wirklich, dass ich das, was ich zu sagen habe, hier draußen sage, meine kleine Paraskevi?“ Mein Name in seinem Mund verursachte mir Übelkeit. Ich sagte nichts. „Es könnte jemand mithören …“, legte er nach. Da beschloss ich, dass er, egal welche weiteren Drohungen oder Wahrheiten er auch immer von sich geben wollte, meine Türschwelle nicht kampflos übersteigen würde. Zu meinem Glück fingst du in diesem Moment an, laut zu weinen.<br />
„Gute Nacht, Fanouris“, sagte ich und wollte die Tür schließen.<br />
In dem Moment, als er seine verschwitzte Hand dagegenstemmte und seine Visage in den Spalt drückte, hätte ich beinah mein Herz auf dem Boden erbrochen. Ich erinnerte mich daran, dass mir eine Nachbarin erzählt hatte, Fanouris sei im Krieg gewesen. Das kroch zu meiner Kehle hoch und schnürte sie zu; ich räusperte mich mehrmals, aber es wollte mir nicht gelingen, sie frei zu bekommen. Dein Weinen wurde lauter. Als ob du verstanden hättest.<br />
„Ich habe einen Cousin bei der Post, unten in der Stadt“, sagte er leise. „Weißt du, was er sagt, kleine Paraskevi? Dass die Briefe, die du schickst, immer an eine bestimmte Adresse in Athen gehen. Was für eine Sorte Seemann ist dein Mann, der gar nicht auf See ist, aber weit entfernt von Frau und Kind lebt?“<br />
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, eine Lüge vorzutragen, die anderswo vielleicht wahr wäre, kam aber nicht dazu.<br />
„Paraskevi…?“<br />
Die Stimme, die hinter Fanouris erklang, kannte ich nicht, aber sie gab mir wieder Mut und ich schob Fanouris beiseite. Der drehte sich verwirrt um, um zu sehen, wer hinter ihm stand.<br />
Den Mann am Tor kannte ich nicht, obwohl ich ihn bis dahin schon tausendmal beschrieben hatte, mit seinem dichten Haar, dem Bart und den zwei Fingern, die an seiner linken Hand fehlten. Auch das hatte mir deine Großmutter geraten: Erfinde keine perfekten Märchen. Wenn du eine Geschichte erfindest, sorge dafür, dass man sie glaubt, weil sie wahrhaftig klingt, und nicht, weil man dir glauben will; denn irgendwann wirst du die Menschen enttäuschen, und sie werden aufhören, dir glauben zu wollen, und dich mit Rechen und Schaufeln in den Händen verjagen.“ Wahr können nur Menschen sein, die Macken haben, Zaubertränke, die nicht immer wirken, Heilmittel, die vielleicht auch mal daneben gehen. Das sagte meine Mutter, und deshalb hatte Stratis nicht alle seine Finger.<br />
Er trug ein verblichenes Bündel über der Schulter und blickte mit dicken, zusammengezogenen Augenbrauen mal Fanouris und mal mich an. Du hast inzwischen laut gebrüllt. Der Mann warf einen besorgten Blick auf unser Haus und wandte sich dann wieder mir zu.<br />
„Paraskevi…?“ wiederholte er, diesmal langsamer, bedächtiger. Sein Tonfall war ruhig, höflich, doch sein Körper wirkte wie eine gespannte Stahlfeder. „Was ist los? Geht es euch gut? Dir? Dem Kind?“<br />
Ich weiß nicht genau, wie ich dir erklären soll, was in diesem Moment in mir vorging. Einerseits war ich erleichtert, dass jemand aufgetaucht war, mich zu retten. Andererseits war ich wütend, dass ich mich nicht selbst retten konnte. Und ein Teil von mir schrie, dass mir dieser Mann doch völlig fremd sei – vielleicht war er noch dreimal schlimmer als Fanouris – und wer würde mich dann retten?<br />
„Und wer bist du?“, fragte Fanouris schroff.<br />
„Ich bin Stratis“, sagte der Unbekannte, „Paraskevis Mann.“<br />
Für einen Moment hörte ich auf zu atmen, ich schwör´s. Mir schoss durch den Kopf, dass auch das ein Teil von Fanouris’ Plan war, der mich dazu bringen sollte, den Schwindel zuzugeben. Wo der Gemischtwarenhändler den Mann her hatte, der genau dem entsprach, den ich beschrieben hatte, war mir schleierhaft – und dazu kam noch, dass er besoffen war. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Unmöglich war es sicher nicht. Viele hatten im Krieg Finger verloren, viele hatten braunes Kopf- und Barthaar und blaue Augen und Wimpern lang wie Grashalme. Aber warum sollte sich der Fremde in Fanouris’ Tricksereien hineinreißen lassen? Mir wurde schwindelig, und ich merkte nicht mal, dass plötzlich jemand neben mir stand und mich stützte, damit ich nicht umkippte. Und zu all dem kam noch dein ausdauerndes Plärren.<br />
Ich warf einen verstohlenen Blick auf den Pseudo-Stratis. Sogar die Größe hatte Fanouris, dieser Wichser, richtig hingekriegt, genau meine Größe, nicht einen Zentimeter drüber oder drunter.<br />
„Soll ich ihn wegschicken?“, flüsterte er mir ins Ohr, mit einer Stimme wie ein Sonnenstrahl, nach dem du dich schon so lange gesehnt hast. Seine Arme, die mich hielten, waren warm und bestimmt. Ich habe in meinem Leben viele Menschen mit unentschlossenen Händen kennengelernt, aber dein Vater war nicht von dieser Sorte.<br />
Ich brachte kein Wort heraus.<br />
„Besser, du gehst“, hörte ich den Mann zu Fanouris sagen. „Es ist spät, und das Kind … du verstehst …“<br />
Er schloss die Haustür, nahm mich sanft bei der Hand und bat mich, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Reichte mir auch ein Glas Wasser und verschwand. Heute denke ich, es war nicht klug, einen Fremden ins Haus und mit dir allein zu lassen, wo du doch noch ein Säugling warst, aber so war es nun mal. Teils, weil ich völlig desorientiert war, teils, weil damals andere Zeiten waren, ist es passiert. Als ich merkte, dass du aufgehört hattest zu weinen, sprang ich auf und lief ins Obergeschoss. Du schliefst in den Armen dieses Mannes und hieltst mit deiner kleinen Hand den Zeigefinger seiner verstümmelten Hand fest umklammert. Und er … Er hatte ein ehrfürchtiges Lächeln, so als hätte er noch nie in seinem Leben ein Baby gesehen. Als er mein Kommen bemerkte, hob er den Blick. So unschuldig und warmherzig, wie er mich ansah, konnte ich weder glauben, dass er Theater spielte, noch mir vorstellen, dass er einen Vorteil daraus ziehen könnte.<br />
„Gib mir das Kind“, sagte ich, lauter als beabsichtigt.<br />
„Darf ich es noch ein bisschen halten?“, fragte er leise, und die Sehnsucht in seiner Stimme konnte nicht vorgetäuscht sein. Wer könnte ein so guter Schauspieler sein?<br />
Ich riss dich aus seinen Armen und du fingst wieder an zu weinen. Der Mann sagte nichts, ging aber auch nicht aus dem Zimmer; er ließ mich dich beruhigen, wie ich es für richtig hielt, und für einen Moment war nur dein Winseln zu hören. Als du wieder eingeschlafen warst, warf ich mir einen Schal über die Schultern und bedeutete ihm, mir in die Küche zu folgen. Er stellte sein Bündel neben das Kinderbett und kam mit.<br />
„Und jetzt raus mit der Sprache: Wer bist du eigentlich? Was willst du von mir?“ Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ich hörte ihm gar nicht zu. Ich war nicht in der Stimmung für Ausreden. Wollte den Fremden nur aus dem Haus haben und mich schlafen legen. Niemand hatte mich darauf vorbereitet, dass Mutterschaft so anstrengend sein würde – deine Großmutter wirkte immer fröhlich und unbeschwert. Natürlich, weil sie eine viel bessere Lügnerin war als ich. „Wage es ja nicht, Hand an mein Kind zu legen – bei der Heiligen Jungfrau, ich bringe dich um.“<br />
„Paraskevi, was sagst du da?“, fragte der Mann, und seine Frage nahm mir den Wind aus den Segeln. „Ich verstehe dich nicht.“ Er setzte sich auf einen Hocker und rieb sich geistesabwesend den knurrenden Magen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt mir; aber nicht auf Fanouris‘ Art und Weise. Er sah mich besorgt an und seine Augen suchten in meinem Gesicht nach einem Anzeichen, das erklären könnte, was in mir vorging. „Geht es dir gut?“<br />
Diese vier kleinen Worte verstärkten noch meine Unruhe. Ich griff nach einem Messer von denen, die neben dem Waschbecken abtropften, und schwang es drohend in seine Richtung. Ich spürte, wie mein Körper hölzern und steif wurde, als hätte er sich, bis auf die bewaffnete Hand, komplett verkrampft. Und auch sie fühlte sich nicht wie meine eigene an. Ich hatte bislang noch nie jemanden bedroht und war mir nicht sicher, ob ich es richtig machte; aber zumindest tat ich mehr, als nur dazustehen und darauf zu warten, von einem Fremden gerettet zu werden. Seine Augen weiteten sich, als er die Klinge sah.<br />
„Sag mir, wer du bist und was du willst. Willst du Geld? Ich habe keins.“ Er holte tief Luft und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Er schwieg eine Weile, als würde er in seinem Inneren nach etwas suchen. Ausreden? Lügen? Geduld? Ich hatte keine Ahnung.<br />
„Warum tust du das, Paraskevi?“, sagte er so leise, dass ich nähertreten musste, um ihn besser zu verstehen. Er öffnete die Augenlider; die Augen schwammen in Tränen, und das ließ mich auf den Fersen wanken, denn es war etwas, worüber ich oft nachgedacht hatte, es aber niemandem erzählt hatte, wenn ich mein Märchen aufsagte. Mein Stratis weinte ohne zu zögern, wenn ihm danach war. „Ich weiß, dass ich lange weg war, aber es war zu unserem Besten, das schwöre ich, sei mir nicht böse. Ich habe ordentlich was zur Seite gelegt und muss nun nicht mehr in See stechen. Verzeih mir, Paraskevi, ich wollte nicht so viel verpassen, ich wollte hier sein, gemeinsam mit dir das Haus einrichten, wollte dir bei der Geburt zur Seite stehen, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich das wollte. Aber jetzt bin ich da und habe nicht vor, wieder zu gehen. Ich dachte, das sei so in Ordnung.“<br />
Er senkte den Kopf, und ich sah gerade noch, wie eine Träne auf seine Hand tropfte. Ich stieß einen Seufzer aus, plötzlich erschöpft, und zog einen Stuhl heran, um mich zu setzen. Wie ein leerer Sack fiel ich in mich zusammen.<br />
„Ich frage dich zum letzten Mal: Wer bist du?“ Ich betonte jedes Wort einzeln, in der Hoffnung, er würde endlich begreifen, dass sein schauspielern mich nicht so leicht überzeugen würde.<br />
Der Mann stöhnte verzweifelt.<br />
„Ach, liebe Paraskevi, was soll ich noch sagen?“, fragte er. „Ich bin es, dein Stratis. Hast du mich vergessen?“ Für ein paar Sekunden sagte er nichts weiter, meine Augen fielen vor Erschöpfung fast zu. „Hast du vergessen, dass ich in Chalkida aufgewachsen bin? Dass ich mit vierzehn zum ersten Mal an Bord ging und mit zwanzig in den Großen Krieg zog? Wie ich die zwei Finger verloren habe? Dass du als freiwillige Krankenschwester jeden Abend zu mir kamst und mir vorgelesen hast, damit ich einschlafen konnte? Das Lesen hat mir immer zu schaffen gemacht, aber die Geschichten gefielen mir, auch wenn ich sie von allein nicht verstehen konnte. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war der Krieg vorbei, und ich fing an, dich förmlich zu umwerben. Ich habe um deine Hand angehalten, du hast eingewilligt, und wir haben geheiratet.“ Er zuckte mit den Schultern und lächelte schüchtern. „Dann hast du von deiner Tante das Haus geerbt, und wir haben beschlossen, dass ich für ein paar Monate anheuere, du ins Dorf gehst und wir uns, wenn ich nachkomme, ans Kinderkriegen machen. Aber nach nur anderthalb Monaten auf See hast du mir geschrieben, dass seist schwanger. Ich habe mein Bestes getan, um schnell zu Geld zu kommen, und dann bei euch zu sein. Ich habe …“ Er hielt kurz inne und biss sich auf die Lippen. „Ich habe dort in der Ferne Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin, aber nichts, was dich oder unsere Ehe in den Schmutz gezogen hätte, Paraskevi. Habe Sachen getan, die ich bereue, sie waren aber nötig. Nun, der bin ich.“<br />
All das hatte ich den Nachbarn immer und immer wieder erzählt, wenn sie nach meinem Mann, dem Seefahrer, fragten. Nur eine Sache hatte ich nicht preisgegeben, obwohl ich sie mir im Kopf zurechtgelegt hatte: dass mein Stratis Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatte. Als ich zwölf oder dreizehn war, lernte meine Mutter einen Mann kennen, in den sie sich für kurze Zeit verliebte. Für kurze Zeit. Er war ein guter Mensch, aber deine Großmutter pflegte nicht, sich mit guten Menschen abzugeben. Er mochte es, wenn ich ihm vorlas, und lobte mich immer dafür, dass ich das konnte. Er war zur Schule gegangen, hatte versucht zu lernen, aber die Buchstaben und Wörter tanzten vor seinen Augen, und er verstand nicht viel davon. Von all den Liebhabern meiner Mutter hat er sich uns gegenüber am anständigsten verhalten. Deshalb formte ich den Stratis aus dem Märchen so, dass er ein guter Mensch ist, sich anständig verhält und mit Wörtern schwertut. Das und seine tränenfeuchten Augen überzeugten mich davon, dass sein Erscheinen vielleicht doch keine List von Fanouris war, sondern ein Geschenk der Heiligen Jungfrau.</p>
<p>Ich bin nicht so recht dahintergekommen, ob Gott und seine Engel aus irgendeinem Grund Mitleid mit mir hatten, oder ob das, was geschah, auf meinem Mist gewachsen war. Ich kann dir nur sagen, dass noch andere Dinge an unserer Tür geschahen, weil ich fest an sie glaubte und von ihnen erzählte. Weißt du noch, wie du als Kind Scharlach hattest? Wir hatten damals große Angst, dich zu verlieren. Aber ich träumte, du seist gesund, und am nächsten Tag warst du tatsächlich wieder auf den Beinen. Ich weiß nicht mal, ob das eine Gabe von mir ist oder ob sie meiner Familie im Blut liegt – ob deine Großmutter sie hatte und auch du sie hast. Ich hoffe, dass du sie hast, denn ich fange an zu vergessen, mein Kind.<br />
Es war nicht immer einfach mit Stratis. Am Anfang ließ ich ihn auf dem Sofa schlafen; ich traute ihm nicht. Jedes Mal, wenn er ansetzte, mir zu helfen, war ich alarmiert. Und immer, wenn ich mitbekam, wie er mit dir spielte oder dich in den Schlaf wiegte, zitterte ich vor Angst. Er war kein Heiliger, aber sehr geduldig. Ich habe lange gebraucht zu begreifen, dass ich einen ganz normalen Menschen erschaffen hatte; besser als die meisten, aber doch ganz normal. Als ich das begriffen hatte, wurde das Leben für uns beide leichter.<br />
Mit meinem Verhalten habe ich ihn oft gekränkt und wir haben uns nicht wenige Male gestritten. Aber ich habe ihn geliebt und liebe ihn immer noch. Er hat mir das Beet für die Rosen angelegt und den kleinen Pfirsichbaum gepflanzt, hat mir Bücher aus der Stadt mitgebracht, um sie gemeinsam mit mir zu lesen. Und ich half ihm bei den Briefen, den Rechnungen und Quittungen, als wir das Farbengeschäft eröffneten. Sechzig Jahre, und wir haben uns immer noch nicht satt. Und sieh nur, was er jetzt macht: Er schleppt mich zu allen Ärzten, auch wenn es keinerlei Rettung für mich gibt.<br />
Einen treueren Ehemann und Vater habe ich in meinem ganzen Leben nicht getroffen. Es wäre schade, wenn auch du ihn verlieren würdest, nur weil mein Kopf Löcher bekommt. Ich möchte, dass du mit allem, was du hast, an ihn glaubst, jetzt und in der Zukunft, bis zum Ende der Zeit, wenn wir dem Allmächtigen gegenüberstehen. Ich werde es auch tun, solange ich noch kann, doch ich fürchte, es wird nicht von Dauer sein. Schon jetzt erinnere ich mich nur noch an den wenigsten Tagen an ihn.<br />
Versprich es mir, Julia. Versprich mir, dass du an meinen Stratis denkst, dass du dich für uns beide an ihn erinnerst, wenn ich ihn vergessen habe. Und wenn du ihn über das Menschenmögliche hinaus am Leben erhalten kannst, wenn sich deine Kinder und die Kinder deiner Kinder an ihn erinnern können, werde ich in dem Wissen gehen, dass ich trotz all meiner Fehler auf dieser Erde auch zwei Dinge gut hinbekommen habe: dich und ihn.</p>
<hr />
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16614 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-150x150.png" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-150x150.png 150w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-300x300.png 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-450x450.png 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-500x500.png 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu.png 612w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" />Das Buch</strong><br />
Atalanti Evripidou, <em>Die, die nicht gegangen sind</em> (bislang nur auf EL)<br />
Verlag Polis, Athen 2024, 175 Seiten, ca. 14 Euro<br />
ISBN: 978-960-435-872-4</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16617 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-04_AE-mit-Katze-sw-qu-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></strong><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Atalanti Evripidou</strong> wurde 1987 geboren. Sie ist Sozialpsychologin und schreibt gelegentlich auch Gedichte. Erzählungen von ihr erschienen auf Griechisch in den Anthologien „Verwunschene Stadt“ (Ars Nocturna, 2013), „Töchter der Nacht“ (Ars Nocturna, 2016), „Das Licht in den Spalten“ (Archetypo, 2021), „Vielleicht #1“ (Oxy, 2021), „Countdown“ (AllBooks, 2024) und „Opfergaben“ (Agnostiki Kantath, 2025). Gedichte von ihr sind auf den Online-Portalen „Frear“ und „Vlavi“ zu finden. Auf Englisch wurden Kurzgeschichten von ihr in Zeitschriften wie „Luna Station Quarterly“, „Skull &amp; Laurel“, „34 Orchard“, „Gallery of Curiosities“ und „Speculative North“ veröffentlicht. Auf Deutsch befindet sich ihre, aus dem Englischen übersetzte, Erzählung „Trisévgeni“ unter dem Titel „Kinderly“ im Sammelband „Schatten aus der Welt der Sonne: Fantastische Literatur aus Griechenland“ erschienen, <span id="productTitle" class="a-size-large celwidget" style="color: #0000ff;" data-csa-c-id="yq5kit-34kfz6-2kn0nl-ahpwsi" data-cel-widget="productTitle"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.amazon.de/Schatten-aus-Sonnenwelt-Spekulative-Griechenland/dp/3966290448">hier</a></span>. Sie hat mit dem Rollenspielverlag Onyx Path Publishing an den Publikationen „Gods and Monsters“ und „Forgotten and Forbidden Orders“ zusammengearbeitet. <span class="a-size-large celwidget" data-csa-c-id="yq5kit-34kfz6-2kn0nl-ahpwsi" data-cel-widget="productTitle">Die besprochene Sammlung „Die, die nicht gegangen sind“ ist ihr erstes Buch. Es</span> war für den „Menis Koumandareas“-Preis des griechischen Schriftstellerverbandes sowie für den Staatlichen Preis für Erzählungen/Novellen nominiert. <span id="productTitle" class="a-size-large celwidget" data-csa-c-id="yq5kit-34kfz6-2kn0nl-ahpwsi" data-cel-widget="productTitle">2026 wurde das Buch mit dem Debütantenpreis für Prosa der Literaturzeitschrift <em>o anagnostis </em>ausgezeichnet.</span></p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16621 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-01_georgia-harda-fractal-sw-hell-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" />Die Interviewerin</strong><br />
<strong>Georgia Harda</strong> wurde in Kavasila der Präfektur Ilia/Peloponnes geboren. Sie ist Journalistin und arbeitet als freie Berichterstatterin bei einem privaten Fernsehsender. Ihre tiefe Liebe gehört Büchern und der Literatur im Allgemeinen; im Rahmen ihrer journalistischen Laufbahn hat sie Interviews mit renommierten griechischen und ausländischen Schriftstellern geführt. Gleichzeitig verfolgt sie aktiv die zeitgenössische Musikszene, tauscht sich mit Künstlern und Kreativen aus und bietet sowohl aufstrebenden Talenten als auch bereits bekannten Namen der Szene eine Plattform. Ihre Artikel über Literatur und Musik erscheinen in der Online-Presse. Sie ist ordentliches Mitglied des Athener Verbandes der Tageszeitungsredakteure. In ihrer Freizeit liest sie viel, läuft, schwimmt und genießt die sonnigen Tage.</p>
<p class="textinfo"><em>Interview: Giorgia Harda (Übers. A.Tsingas). Das Interview erschien zuerst im Onlinemagazin fractal <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.fractalart.gr/atalanti-eyripidoy/">hier</a></span> (auf EL). Mit freundlicher Genehmigung der Interviewerin und des Portals. Erzählung: Atalanti Evripidou (Übers. A.Tsingas). Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Fotos: fractal. Redaktion: A.Tsingas. </em></p>
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		<title>Die griechische Theatergruppe Nefeli aus Stuttgart – am Puls der Gesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Apr 2026 06:27:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theater]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Theaterbühne Nefeli – Theatriki skini Nefeli – führt selbstgeschriebene und klassische Theaterstücke in griechischer Sprache auf. Nefeli wurde im Dezember 2017 von Maria Papadopoulou, Maria Tramountani und Routh Zampakika gegründet – „aus kultureller Not“, ... <p class="read-more-container"><a title="Die griechische Theatergruppe Nefeli aus Stuttgart – am Puls der Gesellschaft" class="read-more button" href="https://diablog.eu/kuenste/theater/die-griechische-theatergruppe-nefeli-aus-stuttgart-am-puls-der-gesellschaft/#more-16498" aria-label="Mehr Informationen über Die griechische Theatergruppe Nefeli aus Stuttgart – am Puls der Gesellschaft">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die Theaterbühne <em>Nefeli</em> – <em>Theatriki skini</em> <em>Nefeli</em> – führt selbstgeschriebene und klassische Theaterstücke in griechischer Sprache auf.</p>
<p><em>Nefeli</em> wurde im Dezember 2017 von Maria Papadopoulou, Maria Tramountani und Routh Zampakika gegründet – „aus kultureller Not“, wie sie sagen. „Denn Stuttgart bietet Gyrosbuden, griechische Bars, Tavernen und griechische Livemusik. Aber das griechischsprachige Theater war so gut wie gar nicht vertreten.“ <em>Nefeli</em> ist seit 2018 im Kulturkabinett Kkt Stuttgart-Bad Cannstatt beheimatet, <a href="https://kkt-stuttgart.de/">hier</a>. Bei den Aufführungen werden einige Stücke per Beamer deutsch untertitelt, andere gleich in deutscher Sprache aufgeführt.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-16502 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne.jpg" alt="" width="1024" height="768" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne-500x375.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></p>
<p><strong>Zahlreiche Spielstätten und eine künstlerische Handschrift</strong><br />
Die Spielstätten von <em>Nefeli</em> sind inzwischen zahlreich. Neben den „Heimspielen“ im Kkt Stuttgart finden auch Aufführungen im Deutsch-Amerikanischen Institut Tübingen, im wunderschönen Dreigroschentheater Stuttgart-Süd, in der Eventlocation Dreamcity Winnenden, im vielbeachteten Theater tri-bühne Stuttgart, im Kommunalen Häussler Bürgerforum Stuttgart-Vaihingen und in den Griechischen Schulen Stuttgart-Vaihingen und Stuttgart-Waiblingen statt.<br />
Die künstlerische Handschrift bewegt sich zwischen klassischem Theater (Einakter, Lesungen und Monologe), musikalisch-poetischen Formaten (Hommagen an den Brand von Izmir, das griechische Kino, den Seemannsdichter Nikos Kavvadias und den Komponisten Mikis Theodorakis), Kindertheater, Seminare und Performances.</p>
<figure id="attachment_16505" aria-describedby="caption-attachment-16505" style="width: 390px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16505" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-03_SchuleWaiblingen.jpg" alt="" width="400" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-03_SchuleWaiblingen.jpg 493w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-03_SchuleWaiblingen-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-03_SchuleWaiblingen-450x338.jpg 450w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" /><figcaption id="caption-attachment-16505" class="wp-caption-text">Besuch in der Griechischen Schule Stuttgart-Waiblingen</figcaption></figure>
<p>Das Repertoire reicht von Klassikern bis zu modernen griechischen AutorΙnnen. Unter der Anleitung des Regisseurs Simos Papanastasopoulos sind die Schauspielerinnen bereit zu experimentieren und neue Wege in den unendlichen Weiten des Theaters zu gehen. Zukünftig soll auch eine Frau aus den eigenen Reihen Regie übernehmen. Um sich als stets verändernde Gruppe und individuell weiterzuentwickeln, nehmen sie regelmäßig an Theaterseminaren teil. Besonders am Herzen liegen ihnen die musikalischen Abende, wie zum Beispiel die Produktion mit Aman-Musik aus Smyrni, dem heutigen Izmir. „Hier wird Schauspiel mit dem emotionalen Erbe unserer Kultur und eine ganz besondere Atmosphäre im Publikum geschaffen“, betont das Ensemble.</p>
<p><strong>Die drei Gründerinnen</strong><br />
<strong>Routh Zampakika – die Reise geht weiter</strong><br />
Routh (Foto weiter unten links) wurde 1968 in Thessaloniki geboren und ist dort aufgewachsen. „Schon als Kind trug ich zwei große Leidenschaften in mir: das Theater und das Reisen. 1996 kam ich nach Deutschland – zunächst nur für einige Monate. Hier hat mir das Theater sehr schnell gefehlt. Wie durch Fügung begegnete ich der talentierten Schauspielerin Nike M. Vassily. Unser Austausch über das Theater war inspirierend und voller Leidenschaft. Es dauerte nicht lange, bis ich selbst in dem Aristophanes-Stück <em>Plutos</em> (Der Reichtum) mitspielte. Diese Aufführung wurde für mein Leben zu einem Wendepunkt. Nicht nur künstlerisch – sondern auch persönlich. Denn dort lernte ich meinen späteren Ehemann kennen.“ Evangelos Dimopoulos ist Multiinstrumentalist und bei <em>Nefeli</em> auch für die Technik, also Licht und Sound, verantwortlich. Routh lernte fleißig Deutsch und ließ sich zur Erzieherin ausbilden. Als solche arbeitet sie in einer Kita in Schorndorf bei Stuttgart.<br />
Routh meint: „Fast 30 Jahre nach meinem Kommen verspüre ich tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich immer noch Theater spiele. Letztes Jahr habe ich das einjährige Seminar „Analyse von Theaterstücken und Regie“ abgeschlossen. Unter anderem habe ich dort gelernt, dass Theater nicht nur Unterhaltung bedeutet, sondern auch ein dynamisches Medium ist, das gesellschaftliche Veränderungen widerspiegelt und aktiv mitgestalten kann. Deshalb ist es für mich wichtig, dass wir mit <em>Nefeli</em> auch aktuelle Themen wie Diskriminierung oder Nationalismus auf die Bühne bringen. Im Kulturkabinett Theater Kkt in Bad Cannstatt bin ich seit über zehn Jahren künstlerisch zu Hause, und ich freue mich immer noch, dass ich mit den beiden Marias weiterhin mit Leidenschaft und Kreativität auf der Bühne stehe. Die Reise geht weiter!“</p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16504 size-single-hochkant alignleft" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller-500x375.jpg" alt="" width="500" height="375" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller.jpg 608w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" />Maria Tramountani – die Rastlose </strong><br />
Maria T. (Foto Mitte) wurde 1990 in Stuttgart geboren, ihre Großeltern waren in den 1960er-Jahren aus Griechenland nach Deutschland gekommen. Maria studierte Ethnologie und Englische Literatur in Heidelberg sowie im Masterstudium Interkulturalität und Integration in Schwäbisch Gmünd. Sie ist selbständig im Bereich Jugend- und Kulturarbeit tätig. Auch ist sie Gründerin und Vorsitzende der arabischen Schreibwerkstatt Literally Peace e.V. Stuttgart, <a href="https://evau-mag.de/literatur-projekt-literally-peace-ehrenamtliches-engagement-austausch-syrien-deutschland/">hier</a><br />
Über Nefeli sagt sie: Da wir ein mehrsprachiges Team sind ist Diversität Teil der DNA unserer Theatergruppe. Wir wollen Brücken schlagen zwischen den Kulturen und zeigen, dass Theater sich einer universellen Sprache bedient. Uns bewegt die Frage, wie wir ein jüngeres Publikum erreichen können. Ein weiteres Ziel ist es, das deutschsprachige Publikum, das wir bei vergangenen Produktionen durch simultane deutsche Untertitelung gewonnen haben, zu halten und stetig zu erweitern, um den kulturellen Austausch zu fördern.“</p>
<p><strong>Maria Papadopoulou – die Verbindung zwischen Recht und Bühne</strong><br />
Maria P. (Foto rechts) wurde in Waiblingen als Enkelin griechischer Einwanderer geboren. „In meinem Leben sind juristische Präzision und künstlerische Leidenschaft vereint. Nach dem Jurastudium an der Demokrit-Universität Thrakien und dem Aufbaustudium Master of Laws in Erlangen arbeitete ich elf Jahre als Rechtsanwältin am Landgericht Thessaloniki. Seit 2011 bin ich in Deutschland im sozialen Bereich des öffentlichen Dienstes tätig, wo ich die Rechte von Kindern und Jugendlichen vertrete. Dazu arbeite ich freiberuflich als beeidigte Übersetzerin für Griechisch.“<br />
Zu Marias Liebe zu Recht und Gerechtigkeit gesellt sich ihre Leidenschaft fürs Theater. So stand sie in Deutschland und Griechenland bei verschiedenen Theaterformationen auf der Bühne. Neben dem namhaften Schauspieler und Regisseur Tasos Pantazis lernte sie am Staatlichen Theater Nordgriechenlands in Thessaloniki die Schauspieltechnik und hinter den Kulissen die Geheimnisse der Spielleitung. Seit 2013 ist sie Mitglied des Kkt-Kulturkabinetts.<br />
„Das Theater reflektiert für mich soziale Fragen, bietet neue Perspektiven und Denkanstöße. Dabei haben Justiz und Theater haben überraschend viele Gemeinsamkeiten. Beide basieren auf Inszenierung, Rollenverteilung und Rhetorik. Daher würde ich gerne ein Theaterstück, das eine Gerichtsverhandlung zum Thema hat, mit der Unterstützung des <em>Nefeli</em>-Regisseurs Simos Papanastasopoulos entwickeln und selbst darin mitspielen. Ich denke z.B. an den Film »Die Zwölf Geschworenen«, das Debüt des US-Regisseurs Sidney Lumet aus dem Jahr 1957.“ Namensgeberin der Theatergruppe ist übrigens ihre Tochter, sie heißt Nefeli.</p>
<hr />
<p><strong><em>Nefeli</em></strong><strong> aktuell – Die Rolle der Frau: „Nur Kinder, Küche, Kirche” (von 1977)</strong><br />
Das neue Theaterstück von <em>Nefeli</em> ist eine theatralisch-musikalische Lesung des legendären italienischen Theaterwerks „Nur Kinder, Küche, Kirche” der Autorin Franca Rame, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Franca_Rame">hier</a>. Sie arbeitete jahrzehntelang künstlerisch eng mit ihrem Mann Dario Fo zusammen. Die Gründerinnen von <em>Nefeli</em> betonen, dass ihnen aktuelle gesellschaftliche Themen besonders am Herzen liegen. Ein zentrales Thema ist für sie – immer wieder – die Rolle der Frau.<br />
Ihr neu eingeübtes Stück thematisiert die Stellung der Frau in der kapitalistischen Gesellschaft, insbesondere ihre sexuelle Versklavung. Im Zentrum stehen bitter komische und provokative Monologe, in denen Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus ihre Erfahrungen mit patriarchalen Strukturen, Gewalt, Ausbeutung und Rollenzwängen erzählen. Das feministische, politische, oft wütende und zugleich humorvolle Stück rüttelt wach. Es deckt weibliche Lebensrealitäten und Unterdrückung auf und weist auf den Kampf um Selbstbestimmung hin. Gespielt werden eine Fabrikarbeiterin und Mutter, eine Prostituierte, die groteske Figur der „Mama Hexe“ und sogar Medea als mythologische Brechung. Diese Vielfalt zeigt, dass das Stück nicht nur Alltagsrealitäten, sondern auch archetypische und symbolische Frauenbilder nutzt, um patriarchale Muster sichtbar zu machen.</p>
<p><strong>Die Jahre, die da noch kommen sollen</strong><br />
Die drei Gründerinnen haben den Ehrgeiz, <em>Nefeli</em> als festen Bestandteil der Stuttgarter Kulturlandschaft zu etablieren und weiterhin anspruchsvolles griechisches Theater zu präsentieren, das den Geist der Zeit trifft. Auf die Frage, ob es eine besondere Tradition gibt, die sie kultivieren, antworten die drei unisono: „Wenn man es als Tradition bezeichnen kann: Nach jeder Premiere ist es für uns obligatorisch, gemeinsam griechisch essen zu gehen. Das gehört für den Zusammenhalt der Gruppe einfach dazu.“<br />
Da kann man ihnen nur guten Appetit wünschen, viel Erfolg und weiterhin alles Gute!</p>
<hr />
<p class="textinfo"><em>Kulturkabinett e.V., <a href="https://kkt-stuttgart.de/service/#kontakt">hier</a>. Text: Simon Steiner. Fotos: Nefeli. Redaktion: A.Tsingas.</em></p>
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		<title>Toxische Freundschaft oder Liebe?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Apr 2026 06:27:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwei Mädchen lernen sich im Athen der 70er Jahre kennen. Die Diktatur in Griechenland ist gerade erst vorbei. Maria wurde in Afrika geboren und kehrt in ihr Heimatland zurück, wo es ihr anfangs überhaupt nicht ... <p class="read-more-container"><a title="Toxische Freundschaft oder Liebe?" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/toxische-freundschaft-oder-liebe/#more-16527" aria-label="Mehr Informationen über Toxische Freundschaft oder Liebe?">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Zwei Mädchen lernen sich im Athen der 70er Jahre kennen. Die Diktatur in Griechenland ist gerade erst vorbei. Maria wurde in Afrika geboren und kehrt in ihr Heimatland zurück, wo es ihr anfangs überhaupt nicht gefällt. Bis sie Anna kennenlernt, die aus Paris kommt.</p>
<p>lma Rakusa stellt den Roman vor:<br />
Zwischen Juli 2001 und Juli 2002, während eines Stipendienaufenthalts in der Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart, hat Amanda Michalopoulou den Roman „Warum ich meine beste Freundin tötete“ geschrieben, der 2022 in der Übersetzung von Michaela Prinzinger auf Deutsch erschienen ist. Anders als der Titel suggeriert, handelt es sich nicht um einen Krimi, doch spannend ist das Buch allemal. Es erzählt von zwei Freundinnen, die sich lieben und hassen zugleich, die nicht voneinander loskommen, obwohl ihre Beziehung oft lebensbedrohliche Züge annimmt. Hinzukommt der Fokus auf turbulente politische Ereignisse in Griechenland. Dramatik ist also vorprogrammiert.</p>
<p>Zum Zeitrahmen: Er erstreckt sich von der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bis zum Ende der neunziger Jahre, wobei nicht chronologisch-linear erzählt wird. Als Ich-Erzählerin fungiert Maria, eine der beiden Freundinnen. Sie erzählt die Geschichte ihrer Freundschaft mit Anna Horn, nachdem diese auf tragische Weise umgekommen ist. Ihre Erinnerungen springen vor und zurück. So wird beispielsweise eine der Schlüsselszenen erst spät offengelegt, die Spannung also lange hinausgezögert. Solche Kunstgriffe zeigen, wie intelligent Amanda Michalopoulou ihren Roman komponiert hat. Auch die Psychologie der Figuren zeigt Kunstsinn und Menschenkenntnis.</p>
<p>Maria ist zehn, als sie mit ihren Eltern aus Nigeria, wo ihr Vater im Erdölgeschäft tätig war, nach Athen zurückkehrt. Sie ist unglücklich und sehnt sich nach dem ungebundenen Leben in Afrika. In der Schule – wir haben das Jahr 1977 – lernt sie Anna Horn kennen, ein bildhübsches, stolzes Mädchen, das sie sofort in ihren Bann schlägt. Anna lädt Maria zu sich nach Hause ein, stellt sie ihrer Mutter Antigoni vor, einer zierlichen Ballettänzerin mit politisch radikalen Ideen. Kunst und politischer Aktivismus – diese Verbindung wird auch Maria faszinieren und sie bald schon von ihrem Elternhaus entfremden, vor allem von ihrer konservativ-religiösen Mutter.</p>
<p>Antigoni nimmt Anna und Maria am Jahrestag des Aufstands im Athener Polytechnikum, als Studenten gegen die Militärjunta revoltierten, zu einer Demo mit. Später darf Maria Anna nach Paris begleiten, wo deren Vater, der Philosophieprofessor Stamatis, lebt, wo hitzig über Gott und die Welt debattiert und der Libertinage gefrönt wird. Die Freundinnen sind unzertrenntlich. Wobei Anna, das „Alphatier“, Maria in jeder Beziehung dominiert. Sie gibt den Ton an, sie stiehlt Maria die Show, indem sie überall Aufsehen erregt. Sie ist es, die Maria alle Boyfriends ausspannt. Rivalität betrifft auch den Beruf: Nachdem Maria für ihre Zeichnungen gelobt wurde, will Anna in Paris partout Kunst studieren. Gönnt sie Maria denn keine Eigenständigkeit?</p>
<p>Wie sich mehr und mehr herausstellt, geht es um Machtausübung. Maria soll sich unterwerfen, und sie tut es auch, obwohl sie die Freundin durchschaut. Denn auch Anna zeigt manchmal Schwächen, nach einem Erdbeben ist sie zutiefst verängstigt, sucht Hilfe. Da kommt ihr Maria mit ihrem Einfühlungsvermögen und Mitleid gerade recht. Wann immer Anna in Not ist, ruft sie nach Maria – und diese lässt alles stehen, um zu ihrer Freundin zu eilen.</p>
<p>Ist Maria eine Masochistin? Ist sie, statt von Drogen, abhängig von Anna? Und dies, obwohl sie die Psyche Annas längst ergründet hat? Gegenüber Anna fühlt sie sich „wertlos, unbedeutend und blöd“, sie spielt „die Wasserträgerin, das Dienstmädchen, die kleine Sklavin, deren Herrin böse geworden ist.“ Ja, Anna ist launisch, ja, sie benutzt Maria nach Strich und Faden, ja, sie bringt es fast fertig, Maria ihre künstlerischen Talente madig zu machen. Und Maria fragt sich, warum sie dies zulässt.</p>
<p>Nach heftigen Zerwürfnissen und längeren Trennungen kommt es immer wieder zu herzzerreissenden Versöhnungen. Vor allem eine Episode schweißt die Freundinnen für immer zusammen. Als sie auf einer kleinen griechischen Insel an einer einsamen Felsküste die Zweisamkeit geniessen, nähert sich bedrohlich ein Mann. Im Glauben, es gehe um Leben und Tod, wird Anna den Mann mit einer verzweifelten Geste von sich stossen. Er stürzt in die Tiefe und ertrinkt. Dass er nicht schwimmen kann, wussten sie nicht. Ein Mord ohne Absicht, aus Selbstverteidigung. Er sollte nie aufgeklärt werden. Die Freundinnen behalten ihn als tragisches Geheimnis für sich.</p>
<p>Nicht nur in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach moralischen Werten. Wozu dienen linke Ideologie und politischer Aktivismus, wozu dienen anarchistische Ideale und endlose Protestaktionen, wenn man im Privaten immer wieder versagt?<br />
Maria bringt es auf den Punkt: „[Anna] bezaubert. Sie tyrannisiert. Sie flucht. Sie tötet. Ja, sie tötet.“ (S. 210) Das ist im übertragenen Sinne gemeint, enthält aber eine bittere Anklage.</p>
<p>Doch Anna ist mit ihrer Strategie erfolgreich. Sie heiratet einen namhaften (älteren) Architekten, bringt Tochter Dafni zur Welt, lebt ein gediegenes Leben. Von ihren anarchistischen Idealen aber mag sie sich nicht verabschieden. Bei einer Protestaktion auf der Attika-Ringstrasse wird sie von der Polizei durch einen Kopfschuss getötet. Sie ist fünfunddreissig Jahre alt.</p>
<p>Maria, die ein enges Verhältnis zu Annas Tochter Dafni entwickelt hat und ihr Zeichenunterricht gibt, wird gewissermassen zur Ersatzmutter. Eigene Kinder hat sie nicht. Dafni ist Annas leibliches Vermächtnis. Ihr politisches Vermächtnis lautet: „Schluss mit der Dogmatik, mit dem Ersetzen der einen Macht durch eine andere, noch schlimmere!“ Im konkreten historischen Moment auf die Barrikaden zu gehen, hat sowohl etwas Theatralisches als auch Pragmatisches. Mit anderen Worten: Man muss zu „romantischen Unruhestiftern“ werden.</p>
<p>In dieser Losung steckt der Versuch, Kunst und Politik zusammenzubringen, ja zu versöhnen. Was nicht ohne Risiken abgeht, wie gerade Annas Schicksal zeigt.<br />
Am Schluss des Romans wird uns noch ein weiterer Blick auf Anna gewährt, nämlich durch Gedichte, die sie in den achtziger Jahren geschrieben und von fremden Augen ferngehalten hat. Gedichte über das Alleinsein zu Hause, „Brot mit Brombeeren essend“, über „Turnschuhe“, „Landbau“ und „Pizza Napolitina“. Berührende Gedichte ohne Prätention, aber von grosser Sensibilität und Verletzlichkeit. Sind sie es, die von der wahren Anna erzählen?  In „Pizza Napolitana“, das Maria gewidmet ist, heisst es:<br />
„An deiner Oberlippe klebt ein Stück Tomate / oder ist es eine alte Wunde, die aufgebrochen ist? / Soll ich mich darum kümmern oder ist es nicht ratsam? / Deine Wangen sagen nein. / Sie sind erfüllt von Härte, / die du fortwährend ersetzt durch etwas anderes, / noch Härteres. / Aber ich will dein Bissen sein / und dein nächster Bissen / und dein nächster auch. / Lass mich dein Stoffwechsel sein / und dein erneuter Hunger. / Schau: Auch meine Lippen sind von einer Tomate befleckt. / Du beisst mich und lässt mich bluten, jetzt.“ (Paris 1989)</p>
<p>Also war es doch Liebe. Und so wundert es nicht, dass Annas Tod eine schmerzliche Lücke in Marias Leben reisst: „Und jetzt, da du nicht mehr bist, treibe ich neben dir im absoluten Nichts. Oder besser gesagt spiele ich die undankbarste Rolle: dein Geist zu sein.“ (S. 282)</p>
<p>Amanda Michalopoulou hat einen aufwühlenden, bis zur letzten Zeile spannenden Roman geschrieben, der auch nach der Lektüre noch lange fortwirkt. Gerade weil er nicht jede Frage beantwortet und zum Weiterdenken anregt.<br />
Meine Empfehlung: Lesen, und wiederlesen!</p>
<hr />
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Amanda Michalopoulou: <em>Warum ich meine beste Freundin tötete</em><br />
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger<br />
bahoe books, Wien 2022<br />
ISBN 978-3-903290-78-5</p>
<figure id="attachment_16536" aria-describedby="caption-attachment-16536" style="width: 667px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16536 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel.jpg" alt="" width="677" height="538" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel.jpg 677w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel-300x238.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel-450x358.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel-500x397.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 677px) 100vw, 677px" /><figcaption id="caption-attachment-16536" class="wp-caption-text">Die deutsche und die griechische Ausgabe</figcaption></figure>
<figure id="attachment_16531" aria-describedby="caption-attachment-16531" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16531 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis-150x150.jpg 150w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis-300x300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis.jpg 450w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" /><figcaption id="caption-attachment-16531" class="wp-caption-text">©Verlag Kastaniotis</figcaption></figure>
<p><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Amanda Michalopulou</strong> (* 1966) gehört zu den bekanntesten griechischen Gegenwartsautorinnen. Mit Romanen, Erzählungen, Essays und Kolumnen hat sie sich weit über Griechenland hinaus einen Namen gemacht und wurde vielfach ausgezeichnet.<br />
Auf diablog.eu <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://diablog.eu/?s=Amanda+michalopoulou">hier</a></span>. Interview zum Buch auf diablog.eu <a href="https://diablog.eu/literatur/warum-ich-meine-beste-freundin-toetete/"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<figure id="attachment_16530" aria-describedby="caption-attachment-16530" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16530 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-1_Rakusa-©Katalin-Deer-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-16530" class="wp-caption-text">©Katalin Deer</figcaption></figure>
<p><strong>Die Buchkritikerin</strong><br />
<strong>Ilma Rakusa</strong> (*1946) ist eine Schweizer Autorin und Übersetzerin aus dem Russischen, Serbokroatischen, Ungarischen und Französischen. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Auf Wikipedia <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ilma_Rakusa">hier</a></span></p>
<p class="textinfo"><em>Text: Ilma Rakusa. Fotos: Fotos: bahohe books, Verlag Kastaniotis, Amanda Michalopoulou, Katalin Deer. Redaktion: A.Tsingas.</em></p>
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		<title>Griechische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Mar 2026 08:24:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Historisches]]></category>
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					<description><![CDATA[Ravensbrück – keine der dorthin deportierten Griechinnen wird zuvor diesen Ortsnamen gehört, geschweige denn Kenntnis über die geografische Lage dieses kleinen brandenburgischen Ortes gehabt haben. Auch heute noch spielt Ravensbrück auf der Landkarte des kollektiven ... <p class="read-more-container"><a title="Griechische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/historisches/griechische-frauen-im-konzentrationslager-ravensbrueck/#more-16296" aria-label="Mehr Informationen über Griechische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Ravensbrück – keine der dorthin deportierten Griechinnen wird zuvor diesen Ortsnamen gehört, geschweige denn Kenntnis über die geografische Lage dieses kleinen brandenburgischen Ortes gehabt haben.</p>
<p>Auch heute noch spielt Ravensbrück auf der Landkarte des kollektiven griechischen Gedächtnisses kaum eine Rolle. Auschwitz, Mauthausen, Dachau, Bergen-Belsen sind die Orte nationalsozialistischer Terrorherrschaft, die die Mehrheit der Griechinnen und Griechen kennt, nicht zuletzt dank der berühmten Theodorakis-Komposition „Asma Asmaton“. [aus der Mauthausen-Kantate, <a href="https://www.mauthausen-memorial.org/de/Aktuell/Mikis-Theodorakis-(19252021)"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>; YouTube <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D-Z0_oKzZdg"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>]</p>
<p>Die Überlebenden haben in der Regel geschwiegen, denn niemand interessierte sich wirklich, ihre Erfahrungsberichte zu hören. Sogar störend wurde mancherorts ihre Rückkehr empfunden, wie jüdische Überlebende wiederholt berichteten. Politisch links Stehende waren im repressiven griechischen Staat der Nachkriegszeit erneut mannigfaltigen Verfolgungen ausgesetzt und durchlebten oft ein zweites Mal den entmenschlichten Alltag einer Konzentrationslagerhaft. So überrascht es nicht, dass die wenigsten griechischen Überlebenden jemals an die Stätte ihres Leidens nach Ravensbrück zurückkehrten.</p>
<figure id="attachment_16304" aria-describedby="caption-attachment-16304" style="width: 360px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16304" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/02a_Buchcover-knapp.jpg" alt="" width="370" height="632" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/02a_Buchcover-knapp.jpg 430w, https://medien.diablog.eu/2026/01/02a_Buchcover-knapp-176x300.jpg 176w" sizes="auto, (max-width: 370px) 100vw, 370px" /><figcaption id="caption-attachment-16304" class="wp-caption-text"><em>Als der Mensch gegen Scham und Tod ankämpfte</em> – Erinnerungen von Maria Tsiskaki-Galiatsatou (vergriffen)</figcaption></figure>
<p><strong>Zeitzeuginnen</strong><br />
Eine wichtige Quelle für die Griechinnen im Konzentrationslager Ravensbrück sind die Erinnerungen von Maria Tsiskaki-Galiatsatou. Bereits 1946 begann sie ihre Erfahrungen in den deutschen Konzentrationslagern aufzuschreiben. Aber es sollten fast 30 Jahre vergehen, bis sie diese kurz vor ihrem Tod 1975 im Selbstverlag veröffentlichte.</p>
<p>Maria Tsiskaki-Galiatsatou hat den Anspruch, das Erlebte so „neutral“ wie möglich wiederzugeben. Nicht jede griechische Zeitzeugin hat die Kraft dazu. Zu schwer lasten die traumatischen Erfahrungen auch heute noch auf den Überlebenden. So fällt es einer anderen Griechin sichtlich schwer, das von den Mitarbeitern des Projektes „Memories of the Occupation in Greece (MOG)“ geführte Interview durchzuhalten. [<a href="https://www.occupation-memories.org/en/index.html"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>] Immer wieder will sie das Interview vorzeitig beenden und unterbricht mehrmals ihre Schilderungen mit hasserfüllten Beschimpfungen auf die Deutschen. Noch 80 Jahre danach sitzen die Wunden tief; die brutalen Erlebnisse der Haft sind allzu gegenwärtig, die Wut über verlorenen Besitz ist groß. Eine Bereitschaft zur Versöhnung ist nicht erkennbar. Sie war 16 Jahre alt, als sie in eine Razzia der Deutschen in ihrer Heimatstadt Volos (Zentralgriechenland) geriet. Politisch habe sie sich nicht betätigt, als junge Vollwaisin ging es um das tägliche Überleben. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich seit ihrem 14. Lebensjahr als Arbeiterin in einer örtlichen Tabakfabrik, wo sie auch nach ihrer Rückkehr aus dem Konzentrationslager bis zu ihrer Berentung tätig war.</p>
<p><strong>Konzentrationslager und Orte der Zwangsarbeit</strong><br />
Nachgewiesen ist bislang die Internierung von 265 Griechinnen, die im Zeitraum zwischen Februar 1944 und Frühjahr 1945 in das Konzentrationslager Ravensbrück gelangten. In 12 Deportationstransporten erreichten sie einzeln oder in kleinen Gruppen gemeinsam mit weiteren Landsfrauen, aber immer im Zusammenhang von größeren Transporten aus allen Himmelsrichtungen Europas, das Lager Ravensbrück.</p>
<figure id="attachment_16305" aria-describedby="caption-attachment-16305" style="width: 490px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16305 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1-500x453.jpg" alt="" width="500" height="453" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1-500x453.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1-300x272.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1-450x408.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1.jpg 565w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-16305" class="wp-caption-text">Abfahrtsorte von Deportationen griechischer Frauen in das Konzentrationslager Ravensbrück // © F.M.Papoulia</figcaption></figure>
<p>Compiègne, Riga, Chaidari, Warschau, Lodz, Auschwitz sind nur einige Beispiel für Orte, an denen ihre Reise begann – die oftmals auch nicht in Ravensbrück endete: Zu groß und vielfältig war der ausbeuterische Bedarf der deutschen Kriegswirtschaft. Köpenick, Leipzig, Malchow, Magdeburg, Rechlin sind Beispiele für Einsatzorte der mitunter tödlich verlaufenden Zwangsarbeit.</p>
<p>Das in der Regel bürokratisch penibel geführte Aufnahmeprozedere der Nationalsozialisten liefert uns heute Hinweise für die Recherche. Deportationslisten, Eingangslisten, Effektenlisten, Krankenakten und schließlich die Häftlingskarteien selbst bilden die Grundlage für die Spurensuche. Nicht alle Inhaftierten lassen sich auf diese Weise finden, jedoch zahlreiche von ihnen.</p>
<figure id="attachment_16306" aria-describedby="caption-attachment-16306" style="width: 375px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-16306" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/04_Karte-2.jpg" alt="" width="385" height="506" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/04_Karte-2.jpg 385w, https://medien.diablog.eu/2026/01/04_Karte-2-228x300.jpg 228w" sizes="auto, (max-width: 385px) 100vw, 385px" /><figcaption id="caption-attachment-16306" class="wp-caption-text">Zwangsarbeitseinsatzorte griechischer Frauen // © F.M.Papoulia</figcaption></figure>
<p><strong>Der Griechische Freundeskreis Ravensbrück, Berlin</strong><br />
Eine dieser Listen fiel vor über 25 Jahren einer kleinen Gruppe um Sofia Anastassiadou und Eleni Winckel in die Hände. Damit war der Grundstein für die engagierte Erinnerungsarbeit des „Griechischen Freundeskreises Ravensbrück, Berlin“ gelegt. Mit großem persönlichen Einsatz, minutiöser Recherche, dem Beisteuern privater Finanzmittel und unter Begleitung unglaublicher glücklicher Zufälle wurden Begegnungen mit inzwischen verstorbenen Zeitzeuginnen möglich. Ziel des Projektes ist, ein angemessenes Gedenken an diese griechischen Frauen zu ermöglichen und weitere aus der Anonymität ihrer Häftlingsnummern zu befreien. <span style="color: #0000ff;">[1]</span><strong><br />
</strong></p>
<p>Wer waren sie, diese 265 griechischen Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück, mit ihren 265 unterschiedlichen Lebensgeschichten, ihren auf individuelle Weise 265-mal unterschiedlich erfahrenen Erlebnissen und mit schließlich 265 verschiedenen persönlichen Erinnerungen daran?</p>
<p><strong>Griechische Frauen in der französischen Résistance</strong><br />
Die erste Griechin, die in den Eingangslisten von Ravensbrück zu finden ist, erreicht das Lager nicht aus Griechenland, sondern kommt im Februar 1944 in einem Deportationstransport gemeinsam mit 957 aus politischen Gründen inhaftierten Frauen aus dem französischen Compiègne. Warum die 51-jährige Anastassia sich in Frankreich aufhielt und welche die genauen Gründe ihrer Verhaftung waren, wissen wir nicht. Aus Berichten französischer Ravensbrückerinnen haben wir jedoch Kenntnis darüber, dass Ausländerinnen in den Reihen des französischen Widerstands durchaus üblich waren. Auch über eine weitere in Ravensbrück internierte Griechin ist bekannt, dass sie sich während des Krieges in Paris aufhielt und schließlich wegen ihrer Aktivitäten in der französischen Résistance verhaftet und nach Ravensbrück deportiert wurde. Ihre belgische Lagerfreundin, die Unternehmerin und Widerständlerin Simonne L., berichtet uns darüber:<br />
<em>Wir teilten uns ein einziges Bett, kaum 60 Zentimeter breit: sie am Kopfende, ich am Fußende. Nichts kann Ihnen wirklich vermitteln, was wir damals durchlebt haben; kein Bericht, keine Erzählung kann dieses Grauen wiedergeben, das selbst Dante sich nicht auszumalen gewagt </em><em>hätte</em><em>.</em><br />
<em>Um mir unter diesen Umständen Mut zu machen, trug mir Polymnia Gedichte vor. Sie hatte tatsächlich hunderte davon im Gefängnis geschrieben – alle sorgfältig geordnet und in ihrem Gedächtnis bewahrt. Nach unserer Befreiung wollte sie sie in zwölf Heften begleitet von Skizzen veröffentlichen. Sie versprach, mir das erste Heft zu widmen.</em><br />
<em>Um unserer Realität zu entfliehen, rezitierten wir gemeinsam mit geschlossenen Augen Gedichte. Viele davon waren Lieder, die wir dann alle zusammen sangen, während wir versuchten, Polymnia nachzuahmen. Sie war eine Frau von seltener Geisteskultur. Jedes Mal, wenn ich an sie zurückdenke, muss ich weinen</em>.</p>
<figure id="attachment_16307" aria-describedby="caption-attachment-16307" style="width: 640px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16307" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--500x375.jpg" alt="" width="650" height="488" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin-.jpg 1008w" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-16307" class="wp-caption-text">Erinnerungsort Retzow-Rechlin // © Gemeinde Rechlin</figcaption></figure>
<p>Beide Griechinnen überleben ihre Inhaftierung nicht. Polymnia wird nach Angaben von Simonne L. im Jugendlager Uckermark ermordet, während Anastassia an den brutalen Haft- und Arbeitsbedingungen im Außenlager Rechlin zugrunde gehen wird. Auf der hoch in den Himmel ragenden Gedenkstele am Ort der Erinnerung inmitten der mecklenburgischen Seenlandschaft können wir heute ihren Namen lesen.</p>
<figure id="attachment_16309" aria-describedby="caption-attachment-16309" style="width: 640px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16309" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-500x338.jpg" alt="" width="650" height="439" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-500x338.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-300x203.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-768x519.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-450x304.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari.jpg 983w" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-16309" class="wp-caption-text">Das Konzentrationslager Chaidari bei Athen // © A.M.Droumbouki</figcaption></figure>
<p><strong>Der „Sondertransport aus Athen“</strong><br />
Nur wenige Monate vor dem Abzug der deutschen Besatzungstruppen aus Griechenland erreicht im Juni 1944 der sogenannte „Sondertransport aus Athen“ das Konzentrationslager Ravensbrück. Es handelt sich um den einzigen (bisher dokumetierten) direkt aus Griechenland erfolgten Deportationstransport in dieses Konzentrationslager. Mit ihm treffen 61 Griechinnen im Lager ein. Sie waren sämtlich aus politischen Gründen im berüchtigten Konzentrationslager Chaidari bei Athen <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/kz-chaidari.html">hier</a>]</span> inhaftiert gewesen:<br />
Darunter eine 16-jährige, bei der EPON [<a href="https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/article-epon-vereinigte-panhellenische-jugendorganisation.html"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>] organisierte Schülerin; eine sechsfache Mutter, die als Verwaltungsführerin der Nationalen Befreiungsfront, der EAM [<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/article-elas-griechische-volksbefreiungsarmee.html">hier</a></span>], auf Evia identifiziert worden war; mehrere Mitglieder einer Familie aus Theben, die als Angehörige von EAM-ELAS eingestuft wurden; sowie eine Mutter mit ihrer Tochter aus Ioannina, die als politische Geiseln festgehalten wurden. Weitere in den Häftlingskarteien verzeichnete Haftgründe lauteten „disziplinloses Verhalten“, „Bandenunterstützung“, „Judenbegünstigung“ oder schlicht „Kommunistin“.</p>
<p>Die Hälfte dieser Frauen war jünger als 25 Jahre, ein Viertel davon nicht einmal 20; die jüngste war gerade einmal 15 Jahre alt.</p>
<figure id="attachment_16308" aria-describedby="caption-attachment-16308" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16308" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter.jpg" alt="" width="750" height="307" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter.jpg 974w, https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter-300x123.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter-768x315.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter-450x184.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter-500x205.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-16308" class="wp-caption-text">Altersstruktur inhaftierter griechischer Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück // n = 204 // © F.M.Papoulia</figcaption></figure>
<p>Einige der Frauen aus dieser Gruppe hatten im Konzentrationslager Chaidari bereits auf ihre Hinrichtung gewartet, bevor sich die Pläne der Besatzungsbehörden für sie änderten. Die Zugfahrt der 61 Frauen und 850 Männer in geschlossenen Güterwaggons habe 13 Tage gedauert. <span style="color: #0000ff;">[2]</span> In Thessaloniki waren weitere 250 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Pavlos Melas hinzugekommen. In Weimar schließlich wurden die beiden Waggons mit den Frauen vom restlichen Zug abgekoppelt. Die Stimmung unter den Frauen lasse sich nicht leicht beschreiben, erklärt Maria Tsiskaki-Galiatsatou :<br />
<em>Niedergeschlagenheit. Angst. Unsicherheit. Diejenigen von uns, die klar denken konnten, erkannten die Gefahr. Wir mussten unverzüglich reagieren. Wir mussten mit allen Mitteln das loswerden, was uns belastete. Die meisten unter uns waren junge Mädchen. An sie fiel nun die Aufgabe, eine Atmosphäre der Unbeschwertheit und Zuversicht zu schaffen. Mit intelligenten Witzen, Liedern unseres Heimatlandes, ein paar improvisierten kleinen Sketchen, in denen sie unsere Situation karikierten, gelang es ihnen, unsere depressive Stimmung etwas aufzuhellen</em>.</p>
<p>Die Ankunft in Ravensbrück und die damit verbundene Aufnahmeprozedur wird als eine zutiefst entmenschlichende Zäsur erlebt, sie bedeutete die völlige Entindividualisierung, die schlichte Reduzierung auf eine Häftlingsnummer. Aus den Anfangstagen berichtet Tsiskaki-Galiatsatou , die Gruppe habe rasch begriffen, dass zwei Dinge überlebenswichtig sein würden: ihr Zusammenhalt und der Kontakt zu anderen Mithäftlingen. Und tatsächlich gelang es ihnen – trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Hintergründe, es waren Studentinnen, Schneiderinnen, Hausfrauen, Verwaltungsangestellte, Akademikerinnen – über Monate hinweg eine enge Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.</p>
<p>Während eine Reihe dieser Frauen nicht in der Lage war, ihre Häftlingskartei zu unterschreiben und anstatt einer Unterschrift drei Kreuze setzten, besaßen andere dagegen gute Fremdsprachenkenntnisse: in einer Lagergemeinschaft aus über dreißig Nationen ein durchaus entscheidendes Wissen. So erfahren wir von Maria Tsiskaki-Galiatsatou:<br />
<em>Vaso sprach gut Französisch. Elenitsa kam mit Russisch zurecht, Betty konnte Deutsch, ebenso wie Matina. Und die Papadopoulou beherrschte alle diese Sprachen sehr gut. Sie versuchten also gleich, erste Kontakte zu knüpfen, und auf diese Weise wurden die kleine Sonja aus der fernen Steppe und die kleine Eleni vom warmen, blauen Meer Freundinnen. Zwischen Vasso und Odette entstand eine enge Bindung. Betty und Madina kamen mit deutschen Widerständlerinnen in Kontakt. Und die Papadopoulou versuchte, sich mit den Polinnen zu verständigen. Nach und nach brach das Eis, und so entstand zwischen uns ein Zusammenhalt, der nur Sklavinnen verbindet</em>.</p>
<p>Wie sich später zeigen sollte, konnte Betty im Arbeitslager ihre Deutschkenntnisse lebensrettend einsetzen und verhinderte auf diese Weise den Abtransport einer erkrankten griechischen Kameradin.</p>
<figure id="attachment_16310" aria-describedby="caption-attachment-16310" style="width: 640px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16310" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-500x280.jpg" alt="" width="650" height="365" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-500x280.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-300x168.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-768x431.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-450x252.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig.jpg 804w" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-16310" class="wp-caption-text">Das ehemalige Hauptgebäude des KZ-Außenlagers Hasag-Leipzig (Aufnahme 2021) // © GfZL</figcaption></figure>
<p>Diese 61 Frauen werden schließlich ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt und zum Arbeitseinsatz nach Leipzig in die Hasag-Werke gebracht. Zwei Frauen dieser Gruppe werden nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Die 22-jährige Maria stirbt kurz nach der Befreiung in einem Leipziger Krankenhaus an den Folgen der schweren Haft- und Arbeitsbedingungen. Und über das tragische Schicksal von Vangelio berichtet uns Maria Tsiskaki-Galiatsatou:<br />
<em>In unserer Gruppe befanden sich auch fünf junge Frauen aus Evia, darunter Vangelio, eine Bäuerin. Gewohnt an ein Leben im Freien, in der Natur, war es der Unglücklichen unmöglich, sich an das Leben in der Fabrik anzupassen, insbesondere unter diesen Umständen. Am Ende verlor sie den Verstand. Eines Morgens wurde sie gemeinsam mit anderen verurteilten Frauen auf einen Lastwagen gepackt und in den Tod geschickt</em>.</p>
<p><strong>Evakuierungstransporte</strong><strong> aus Auschwitz</strong><br />
Von September 1944 bis Mitte Januar ´45 werden weitere Griechinnen nach Ravensbrück gebracht, diesmal hauptsächlich aus Auschwitz. Diese Transporte mit teilweise tausenden von Frauen sind nicht mehr so ausführlich dokumentiert. Auf den Eingangslisten sind meistens nichts Weiteres als Name, Geburtsdatum und Nationalität vermerkt. Oftmals sind es jüngere jüdische Frauen, die bereits mit den ersten Deportationstransporten im Frühjahr 1943 aus Thessaloniki nach Ausschwitz gebracht worden waren.</p>
<p>Hannah Herzog und Adi Efrat <span style="color: #0000ff;">[3]</span> haben gezeigt, dass diese in der Spätphase aus Auschwitz eintreffenden jüdisch-griechischen Frauen bereits ein unter den Lagerbedingungen in Auschwitz gut entwickeltes Solidarnetz mitbrachten. Auch in Ravensbrück sorgte diese aus etwa 50 Frauen bestehende Gruppe weiterhin füreinander und unterstützte sich gegenseitig. Diese unter den extremen Bedingungen des Lageralltags geknüpften Bande hielten auch über das Kriegsende hinaus.</p>
<p>Eine andere Gruppe von 38 Griechinnen wird ins Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt und kommt in das gerade im September 1944 neuerrichtete Außenlager Oberspree. Dort werden sie im Kabelwerk der AEG-Werke zur Zwangsarbeit eingesetzt. Täglich werden sie mit einem Kahn vom Lager zu ihrem Arbeitseinsatz unter der Aufsicht einer brutalen Aufseherin gebracht, die keinerlei Mitleid mit ihnen hatte, so die Berichte.</p>
<figure id="attachment_16311" aria-describedby="caption-attachment-16311" style="width: 640px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16311" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-500x314.jpg" alt="" width="650" height="408" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-500x314.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-300x188.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-1024x642.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-768x482.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-450x282.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg.jpg 1084w" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-16311" class="wp-caption-text">Eingangstor des ehemaligen Zwangsarbeitslagers der Polte-Munitionswerke in Magdeburg (mit Gedenktafel) // © Olaf Meister, Wikimedia Commons</figcaption></figure>
<p>Eine weitere, zahlenmäßig kleinere Gruppe von 11 Griechinnen wird ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt und kommt zur Zwangsarbeit in das Magdeburger Polte-Werk. Diese Frauen wurden im Juni 1944 mit einem der letzten Transporte aus Griechenland nach Auschwitz deportiert. Sie waren hauptsächlich aus politischen Gründen festgenommen und hatten teilweise bereits längere Inhaftierungen in griechischen Gefängnissen und Konzentrationslagern durchlebt. So zum Beispiel die junge Vangelio, die bei ihrer Verhaftung auf Kreta im August 1942 gerade einmal 17 Jahre alt war. In dieser Gruppe befand sich auch Vasso Stamatiou, eine später sehr engagierte Zeitzeugin. Eleni Winckel hatte noch die Gelegenheit mit V. Stamatiou kurz vor ihrem Tod 2023 zu sprechen. <span style="color: #0000ff;">[4]</span></p>
<p>Im Polte-Werk arbeiteten die Frauen in 12-Stunden Schichten, wobei sie beim Beizen, Lackieren, Bohren und Pressen oftmals ungeschützt giftigen Chemikalien ausgesetzt waren. Fast täglich kam es zu Betriebsunfällen. Unter katastrophalen Zuständen waren sie zu jeweils 100 in unbeheizten, mit Fensteröffnungen ohne Glas versehenen Holzbaracken untergebracht.</p>
<p>Einer der letzten bisher dokumentierten Transporte mit Griechinnen aus Auschwitz erreichte Ravensbrück im Januar 1945. Übereinstimmend berichten diese Frauen von den chaotischen Zuständen beim Verlassen des Lagers, einem mörderischen dreitägigen Fußmarsch bei eisigen Wintertemperaturen und der anschließenden Zugfahrt in offenen, ungeschützten Güterwaggons nach Ravensbrück. Obwohl diese Frauen bereits fast zwei Jahre in Auschwitz verbracht hatten – einige von ihnen brutalsten medizinischen Versuchen ausgesetzt –, empfanden sie Ravensbrück als Verschlechterung und berichteten mit blankem Entsetzen von ihren ersten Eindrücken.</p>
<p>Im Januar 1945 befanden sich aufgrund der andauernd eintreffenden Evakuierungstransporte aus anderen Lagern über 60.000 Häftlinge in Ravensbrück. In Baracken, die vorher mit 200 Frauen belegt waren, wurden bis zu 2000 Frauen hineingepfercht. Unter diesen Bedingungen brachen die hygienischen Zustände und die Versorgung völlig zusammen. Es herrschte akuter Nahrungsmangel, Krankheiten breiteten sich unkontrolliert aus. Tägliches Sterben gehörte zum Lageralltag. Dennoch wurde das System des Zwangsarbeitseinsatzes weiterhin aufrechterhalten. Die jetzt eintreffenden griechischen Frauen wurden mehrheitlich in die Außenlager nach Malchow und Neustadt-Glewe aufgeteilt und arbeiteten bis zum Kriegsende bei den dortigen Rüstungsbetrieben.</p>
<p><strong>Befreiung und Rückkehr nach Griechenland</strong><br />
Das Kriegsende und der Moment der Befreiung nehmen in den Schilderungen der Ravensbrücker Griechinnen keine so herausragende Rolle ein, wie wir es aus den Schilderungen anderer Konzentrationslagerhäftlinge kennen. Oftmals wurden sie am Ort ihres Arbeitseinsatzes noch zu Evakuierungsmärschen gezwungen, den bekannten „Todesmärschen“. Ihre Schilderungen darüber sind geprägt von Todesangst, Hunger und äußerster physischer Erschöpfung. Manche der Griechinnen irrten nach dem plötzlichen Verschwinden des Wachpersonals wochenlang orientierungslos und hungernd durch das zerstörte Deutschland. Auch liegen diametral unterschiedliche Erfahrungen über die Begegnung mit den sowjetischen Befreiern vor. Während einige nach all den Strapazen endlich Sicherheit verspürten, sich aufgehoben fühlten und fürsorglich behandelt wurden, erfahren wir dagegen von anderen Griechinnen, dass sie leidvollen, angstbesetzten sexualisierten Gewalterfahrungen ausgesetzt waren.</p>
<p>Die früheste Rückkehrerin erreicht Griechenland im Juli 1945, für andere Frauen wird es jedoch noch Monate dauern, bis sie ihre Heimat wiedersehen werden. Von einer organisierten Rückkehr, wie es bei anderen Nationalitäten der Fall war, wird nur vereinzelt berichtet. Der griechische Staat interessierte sich zu diesem Zeitpunkt nur wenig für seine Überlebenden. Aus der Gruppe der 61 Frauen bricht Maria Tsiskaki-Galiatsatou mit 21 von ihnen von München nach Italien auf und erreicht Griechenland auf einem britischen Marineschiff. Manche jüdische Griechinnen berichten, dass sie mit Bussen nach Belgien gebracht und von dort in ihre Heimat ausgeflogen wurden. Andere wiederum brauchten monatelang, um über die Balkanländer schließlich Griechenland zu erreichen.</p>
<p>In der griechischen Nachkriegsgesellschaft war für die traumatischen Erfahrungen der KZ-Überlebenden wenig Raum, posttraumatische Belastungssyndrome in der damaligen Zeit noch ein Fremdwort. Mit der Verarbeitung ihrer Hafterlebnisse waren die Frauen weitgehendst auf sich gestellt, dementsprechend fielen sie auch sehr unterschiedlich aus. Eine überlebende Ravensbrückerin aus Thessaloniki beschreibt, wie ihre Freundinnen und Freunde das wiedergewonnene Leben in Tavernen feierten – und es für sie unmöglich war, sich ihnen anzuschließen. Jeder menschliche Kontakt fiel ihr schwer, jeder einzelne Mensch erschien ihr einer zu viel. In Thessaloniki nahm sich ein Gynäkologe der zwangssterilisierten Frauen an. Manche von ihnen konnten später noch Familien gründen, andere blieben zeitlebens kinderlos. Den Umgang der griechischen Bevölkerung mit jüdischem Besitz thematisiert Giannis Karatzoglou in seinem 2023 erschienen Buch. [<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.epikentro.gr/mesengyouchoi-kai-dosilogoi-kai-to-telos-tis-evraikis-epicheirimatikotitas-stin-katochiki-thessaloniki/">hier</a>,</span> auf EL] Ein heikles Thema, auch 80 Jahre danach. So resümiert die in Thessaloniki lebende ehemalige Ravensbrückerin Oro Alfantari:<br />
<em>Wir fanden zwar unsere Immobilien wieder vor, aber leer, besetzt von Flüchtlingen. Erst nach zahlreichen Gerichtsverfahren erhielten wir sie wieder zurück. Ich heiratete erneut, aber da war keine Familie mehr. Heutzutage haben wir niemanden mehr, nicht einmal eine Großmutter &#8230; Das Härteste, was einem Menschen passieren kann, ist, wenn er einsam bleibt. Dieses Unrecht werden wir niemals verzeihen</em>.</p>
<p>Für die aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten verfolgten Griechinnen wiederum hörte das Leid mit Kriegsende mitnichten auf. Unsere Chronistin Maria Tsiskaki-Galiatsatou wurde erneut inhaftiert, deportiert, Lagerhaft bestimmte wieder ihren Alltag. Tinos, Trikeri, Makronissos, Jaros sind Stationen ihrer leidvollen Erfahrung, diesmal von Seiten des griechischen Staates. Ein Beispiel von vielen für das Schicksal der von den Nationalsozialisten politisch verfolgten Griechinnen in der Nachkriegszeit.</p>
<figure id="attachment_16313" aria-describedby="caption-attachment-16313" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16313 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR.jpg" alt="" width="1024" height="366" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR-300x107.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR-768x275.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR-450x161.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR-500x179.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-16313" class="wp-caption-text">Ravensbrück, Straße der Nationen // © Eleni Winckel</figcaption></figure>
<p>Auf wenigen Seiten einen Eindruck über 265 Frauenschicksale zu geben, ist eine ziemliche Herausforderung. Ich habe mich bemüht, diejenigen Aspekte zumindest anzureißen, die ich für entscheidend halte, um sie in einer zukünftigen kollektivbiographischen Bearbeitung zusammenzuführen. Die Arbeit an diesem Projekt gestaltet sich als ein fortwährendes <em>work-in-progress</em>. Immer wieder lassen sich neue Anknüpfungspunkte finden, tauchen neue Namen mit ganz eigenen biographischen Geschichten auf. <span style="color: #0000ff;">[5]</span></p>
<p>Wenn auch deutsch-griechische Erinnerungsarbeit, insbesondere auf der politischen Ebene, keine einfache Angelegenheit ist, hat das Interesse an der deutsch-griechischen Erinnerungskultur Bestand. Nehmen wir das alle als Chance, um gemeinsam diesen griechischen Opfern der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ein dauerhaft verankertes Gedenken zu sichern – vor allem in einer Zeit, in der das Grundgerüst unseres demokratischen Konsenses zunehmend in Frage gestellt wird.</p>
<hr />
<p><span style="color: #0000ff;">[1] </span>Der <em>Griechische Freundeskreis Ravensbrück, Berlin</em> hat sich zur Aufgabe gemacht, eine umfassende Dokumentation der in Ravensbrück inhaftierten Griechinnen und Griechen zu erstellen. Er geht auf eine Initiative des ehemaligen Berliner Vereins <em>Frauen aktiv und kreativ e.V. </em>zurück, der sich seit 2000 auf die Spurensuche nach überlebenden Griechinnen und Griechen des Konzentrationslagers Ravensbrück gemacht hatte. Bisher wurde das Schicksal von 265 Griechinnen und über 130 Griechen dokumentiert. Der Verein konnte noch mit fünf ehemals inhaftierten Griechinnen und/oder ihren Angehörigen persönliche Gespräche führen.<br />
Eleni Winckel wurde für ihr jahrelanges unermüdliches Engagement 2023 als Vertreterin Griechenlands in das <em>Internationale Ravensbrück Komitee (IRK-CIR)</em> [<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationales_Ravensbr%C3%BCck-Komitee">hier</a>] aufgenommen. Zur Zeit unterstützt sie die Arbeiten zu der Filmdokumentation „Parousses“ von Agnes Sklavou und Stelios Tatakis über das Konzentrationslager Ravensbrück.<br />
Im Frühjahr 2016 wurde eine Gedenktafel zu Ehren der griechischen Inhaftierten angebracht. Jedes Jahr wird im Anschluss an die offiziellen Gedenkfeierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers an dieser Stelle mit einer kleinen Zeremonie an sie erinnert. Für die Gedenkfeier 2026 <a href="https://www.ravensbrueck-sbg.de/veranstaltungen/81-jahrestag-der-befreiung-des-frauen-konzentrationslagers-ravensbrueck/"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>.<br />
Kontakt: <em>gfkravensbrueck@gmail.com</em>.<br />
<span style="color: #0000ff;">[2]</span> Vgl. dazu auch den Zeitzeugenbericht von Evgenia Lambrinou. In Eleni Tsakmaki: <em>Letzte Station. Griechische Gefangene in deutschen Konzentrationslagern</em>. Papyrossa Verlag, Köln 2024, S. 85-88.<br />
<span style="color: #0000ff;">[3]</span> Herzog, Hanna / Efrat, Adi: <em>Wir Griechinnen wurden klepsi, klepsi genannt</em>. Jüdisch-griechische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück. In: Gisela Bock (Hg.): <em>Genozid und Geschlecht: Jüdische Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem</em>. Frankfurt a. M. 2005, S. 85–102.<br />
<span style="color: #0000ff;">[4]</span> Vaso Stamatiou: <em>Warum? Eine Griechin in Auschwitz</em> (nur auf EL als: βαρούμ? γιατί; Μια Ελληνίδα στο Άουσβιτς), Athen 1997, <a href="https://sep.gr/product/varoum-giati-mia-ellinida-sto-aousvits/?srsltid=AfmBOoqoube9poy-UgfZhPq47oLdB5tlbkTphx4IFZVVO6kSuK1l9XxK">hier</a>.<br />
Eleni Winckel: <em>Die Zeit drängt… Ein Besuch bei Vasso Stamatiou</em>. In: Exantas, Heft 38, 2023, S. 70-73.<br />
<span style="color: #0000ff;">[5]</span> Zuletzt konnten der Liste, dank der Zusammenarbeit mit dem Widerstandsmuseum der Stadt Lamia, elf neue Namen hinzugefügt werden, also elf weitere griechische Schicksalswege.</p>
<hr />
<figure id="attachment_16408" aria-describedby="caption-attachment-16408" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16408 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/11_FMP-von-Kanella-Tragousti-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-16408" class="wp-caption-text">© Kanella Tragousti</figcaption></figure>
<p><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Fanny Marina Papoulia</strong> studierte Neuere Geschichte und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Seitdem beschäftigt sie sich mit Themen der neugriechischen Geschichte des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts, wobei ihr besonderes Interesse gesellschaftspolitischen Veränderungsprozessen sowie Fragen der Historiographie und der Biographiearbeit gilt. Seit 2024 unterstützt sie den <em>Griechischen Freundeskreis Ravensbrück, Berlin</em> bei der Aufarbeitung des gesammelten Quellenmaterials.</p>
<p class="textinfo"><em>Überarbeitete Form des Vortrags, den F.M.Papoulia am 28.11.2025 in den Räumen der Botschaft der Hellenischen Republik in Berlin gehalten hat. </em><em>Über die Veranstaltung</em> <a href="https://www.stiftung-bg.de/veranstaltungen/2025-benefizveranstaltung/">hier</a>.<em> Text: Fanny Marina Papoulia mit Zitaten von Maria Tsiskaki-Galiatsatou, Simonne Lehouk-Gerbehaye und Oro Alfantari (in der Übersetzung von F.M.Papoulia). Fotos und Abbildungen: siehe Angaben; Dank an Pauline Schneider und Charlotte Behr für die Unterstützung bei der Erstellung der Graphiken.</em> <em>Redaktion: A. Tsingas.</em><a href="#_ftnref1" name="_ftn1"></a></p>
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		<title>Ach! Nostalgie! Vom Verlust des griechischen Alltags in Stuttgart</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Feb 2026 09:04:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alltagskultur]]></category>
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					<description><![CDATA[Ich habe den Eindruck, dass sich ein Teil der Lebenswelt „meiner Griechen“ – und damit der Alltag in meiner Stadt – stark verändert hat. Ich möchte mich einmischen, als einer der sich eng mit Griechenland ... <p class="read-more-container"><a title="Ach! Nostalgie! Vom Verlust des griechischen Alltags in Stuttgart" class="read-more button" href="https://diablog.eu/alltagskultur/ach-nostalgie-vom-verlust-des-griechischen-alltags-in-stuttgart/#more-16451" aria-label="Mehr Informationen über Ach! Nostalgie! Vom Verlust des griechischen Alltags in Stuttgart">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Ich habe den Eindruck, dass sich ein Teil der Lebenswelt „meiner Griechen“ – und damit der Alltag in meiner Stadt – stark verändert hat. Ich möchte mich einmischen, als einer der sich eng mit Griechenland verbunden fühlt. Ich lebe halbjährlich dort und spiele griechische Musik. In mir rumort es. Es liegt mir sehr am Herzen, etwas loszuwerden: Ich bin voller Nostalgie!</p>
<p>„Meine“ griechische Alltagskultur, meine Tavernen, Buchläden, Minimärkte, Reisebüros, Schneidereien aus den 70ern und bis zu den Nullerjahren sind am Verschwinden. So wie ich sie gekannt und geliebt habe, sind sie nicht mehr da, für mich ein herber Verlust. Sie sind weg oder wurden durch ziemlich lieblose Versionen ersetzt. Besser gesagt: Fast alle!</p>
<p>Die meisten griechischen Geschäfte wurden von „Gastarbeiter“-Familien gegründet, die in den 60er bis 80er Jahren nach Deutschland kamen. Die erste griechische Einwanderergeneration ist in Rente gegangen. Sie lebte vorrangig in ihrer eigenen Community, obwohl natürlich auch viele Menschen anderer Nationen daran teilhatten. Heute sind diese Menschen teils über 70, ihre Kinder und Enkel sind und fühlen sich deutsch, sprechen deutsch, sind mit der deutschen Kultur und Gesellschaft tagein, tagaus verbunden. Leiden nicht unter Heimweh, sind und fühlen sich nicht fremd, für sie ist alles selbstverständlich; sind im besten Sinn des Wortes gleich-gültig, heißt, beides ist gleich und gilt gleich: deutsch – griechisch. Dazu kommt noch die sogenannte Amerikanisierung. Die Jüngeren haben andere Laufbahnen eingeschlagen und die Reisebüros, Schneidereien, Minimärkte oder altbacken wirkende Tavernen nicht übernommen, geschweige denn modernisiert. Einer der Gründe: Die explodierenden Mietpreise.</p>
<p>Soziale Nähe, Kuscheliges und Sprüche wie <em>Wir gehen zu Kostas</em> sind Vergangenheit. Flogen früher noch Teller und Rosen, so flattern jetzt Papierservietten. Was womöglich auf uns zukommt (oder bereits existiert): Griechische Weinbars, neue Meze-Konzepte und ausgeflippte Design-Shops. Wenn auch Greek Style!</p>
<p>Ein griechischer Buchladen, hey, da lagen Zeitungen, Zeitschriften, Videokassetten und Bücher, die es jetzt nicht mehr gibt. Einiges davon findet man im großen Buchladen, der aber selbst fast am Aussterben ist. Der griechische Buchhändler sagte mir vor Jahren <em>Wir zeigen auch Filme im Kommunalen Kino, wir haben einen Verein</em>. Es folgten immer intensive Gespräche, da geh ich jetzt noch immer hin. Ein Buchladen, Kultur pur! Griechisches Lebensgefühl, Tradition und Identität. Hier mitten in der Stadt. Das war einmal. Gibt´s noch, würden andere sagen, ja, aber immer weniger, kaum, selten, fast nicht mehr, in Ausnahmefällen vielleicht.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16464 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-02_Restaurant-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-02_Restaurant-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-02_Restaurant-450x600.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-02_Restaurant-500x667.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-02_Restaurant.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" />Die typische griechische Taverne war meist rustikal eingerichtet, viel Holz, Fototapete oder Wandmalereien, antike Säulen. Günstig der Gyrosteller. Familiär, ohne Marketing und erfreulicherweise ohne „Konzept“. Manchmal entstanden spontan tolle Musikabende mit Livemusik und es wurde getanzt. Bis vor kurzem gab es doch noch die alte griechische Taverne, wie aus der Zeit gefallen. Heute wollen die Menschen „Mediterrane Fusion-Küche“, stylische Restaurants und Social-Media-Anerkennung. Es gibt nicht wenige Griechen, die inzwischen „zum Türken“ ausweichen, der hat noch Identität und Charme und authentische Küche, die sich oft mit der griechischen deckt.</p>
<p>Inter- oder sogar transkulturelle Integration ist ein Erfolg und hat zu einer gewissen kulturellen Auflösung beigetragen. Es ist schon ein bisschen paradox: Je besser eine migrantische Community integriert ist, desto weniger braucht sie eigene Infrastruktur. Die griechische Community in Deutschland ist gut ausgebildet und wirkt – auch noch in unserer unsicheren Zeit – wirtschaftlich stabil, ist sprachlich integriert und nicht mehr auf eigene Läden angewiesen. Man kann sagen: Diese Community hat sich in der Mehrheitsgesellschaft aufgelöst.</p>
<p>Hier drei Beispiele, auf die ich aufmerksam machen will:<br />
<strong>Im Minimarkt</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16466 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-04_Verkaufsladen-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-04_Verkaufsladen-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-04_Verkaufsladen-450x599.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-04_Verkaufsladen-500x666.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-04_Verkaufsladen.jpg 515w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" />Ach, welche Köstlichkeiten: Eingelegtes Gemüse, Tzatziki, Feta in goldenem Öl mit Lorbeer und Bachari (sieht aus wie Myrthe; die kleinen Piment-Kügelchen werden auch Nelkenpfeffer genannt). Rigani, also feines Oregano. <em>Selbst gepflückt, von meiner Oma</em>, sagt der Kaufmann in weißem Arbeitskittel. Wie winzige Ameisen, Miniflocken, so zart und es duftet bis zu mir rüber, bilde ich mir ein.<br />
Grüne dicke und schwarze, nein blaue oder rostrot schimmernde Kalamon-Oliven mit dem Zipfelchen, wie kleine Birnen, ja, ich weiß, aus Kalamata. Das höchste der Gefühle: Throumbes von der Insel Thassos, die schrumpeligen Oliven, schmecken wie Fleisch. Mattgrüne Peperoni absolut knackig; wenn du reinbeißt, tröpfelt die Salzlake auf den Teller.<br />
Gebratene kleine Fische oder in Öl schwimmend, sie starren dich aus der großen Vitrine an. Was man sich kaum leisten kann: Oktopus-Salat! Wurst? Türkisch! Sucuk. Passt auch. Kräftig gewürzt, mit viel Knoblauch, rot, vom Rind.<br />
Demestica-Wein weiß, aus Patras und der halbsüße Imiglykos dunkelrot, habe keine Ahnung wer den trinkt. Verschiedene Ouzo, herrliche Etiketten mit griechischer Schrift, da wird einem ganz anders. Kleine Retsina-Fläschchen, welcher schmeckt? Niemals Malamatina trinken, heißt es, wenn schon, dann allerhöchstens den von Kourtaki. Auf dem Boden stehen die Zweiliterbomben für die Gastronomen, riesige Retsina-Flaschen. Guck nur: Da stehen die Olivenölkanister, flüssiges Gold.<br />
Hinten im Regal liegt Fladenbrot. Der Sattmacher für unser Soulfood. Auch ein paar Konserven, Gigantes, die allerfettesten riesengroßen, weißen Bohnen mit Dill in Tomatensauce. Fischkonserven und gegrillte Paprika im Glas. Du siehst die Grillstreifen, schwarz. Da läuft dir das Wasser im Mund zusammen. Häppchen voller Griechenland! Nostalgie, Weinen vor Glück, das Herz pocht, meine Ellada – hier in Stuttgart.<br />
Der Kaufmann hat alles in kleine durchsichtige Plastikschalen schön verpackt, alles glänzt köstlich, da läuft einem das Wasser im Munde zusammen – schon wieder. Als ob du nichts bezahlen müsstest, so kommst es dir vor. Vor lauter Freude! Das alles heimtragen und auf den Besuch warten.<br />
Minimärkte waren meistens preisgünstig, familiär und klein – genau die Art von Läden, die als erstes verschwanden. Supermärkte haben ihre Nischen übernommen. Olivenöl und Wein, Kräuter und Feta, Ouzo und Tsipouro und so viele andere Spezialitäten haben nun die großen Ketten im Angebot. Oft zu günstigeren Preisen als in Griechenland selbst.</p>
<p><strong>Im Reisebüro</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16468 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-01_Reisebuero-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-01_Reisebuero-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-01_Reisebuero-450x600.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-01_Reisebuero-500x667.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-01_Reisebuero.jpg 654w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" />Es duftet nach Oktopus Stifado und tatsächlich: Auf Woulas Arbeitstisch, auf dem sich Ordner, Telefone, Kassen, Taschenrechner, Stifte, Quittungen und Reiseprospekte stapeln, tändelt ein Oktopusarm mit mir. Wie er mundet, mit Zwiebel, Lorbeer, Bachari, in rostrotem Sößchen. Ich schmecke auch einen Hauch Zimt. Die Fototapete: Inseln, Wälder, Berge und das Meer. Woula, eine sehr elegante Frau, Gold, Glanz, Glitzer, sehr schicke Frisur, jedes Haar sitzt. Vornehm gekleidet, nicht der Hauch einer Migrantin. Voll angekommen, voll dabei, sehr lebendig, emanzipiert!<br />
Zur Reise: Wohin? Wann wollen wir? Über Ancona? Mit welcher Fährgesellschaft und wie wir an den Hafen kämen, warum nicht Venedig oder mal Bari – und dann? Igou oder Patras, die Vor- und Nachteile werden abgewogen und noch viel mehr wird besprochen, unendlich lang, ja ich habe Zeit und nachher kommt noch Rebekka her. Bari, Süditalien, Apulien, Kalabrien, endlich mal das ganze Land durchqueren, das wäre eine prima Option, Maut und Sprit rechnen sich und wir wollten doch endlich mal den kompletten Stiefel umfahren! Wir haben Zeit und reisen gerne, der Weg ist das Ziel.<br />
Ja, kriegen wir heute noch eine Buchung hin oder warten wir noch auf Rebekka? <em>Und falls sich was ändert, rufe ich euch an</em>, meint Woula. Bezahlen in bar, ok. Aber dann geh ich zuerst auf die Bank, auch gut. Der Drucker rattert und ich bekomme einen ersten Vordruck, ich bin sehr nahe an der Buchung, eventuell.<br />
Jetzt schaut Janni rüber, er ist der Hoffotograf des griechischen Konsulats nebenan, macht im hinteren Bereich des Reisebüros die Passbilder. Er sitzt unter einem riesengroßen Schirm, sieht sehr professionell aus, ein richtiger Fotograf, wenn auch im Reisebüro. Bürosharing in den Nullerjahren, sehr modern. Plötzlich angelt er sich eine Bouzouki. Ob das mit der Buchung heute noch was wird?<br />
<em>Ich kann euch auch noch telefonisch auf der Autobahn erreichen, falls sich was ändert</em>, meint Woula. Ich bin glücklich, befinde mich seelisch schon kurz vor Ancona auf der Autostrada. Links das Meer, ich werde schwach: Mit einem Bein bin ich noch in Stuttgart und mit dem anderen schon in Greece.</p>
<p><strong>In der Änderungsschneiderei</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16465 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-03_Schneiderei-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-03_Schneiderei-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-03_Schneiderei-450x601.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-03_Schneiderei-500x668.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/02/nos-03_Schneiderei.jpg 767w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" />Hier sitzt Dimitri, eingedeckt von Hunderten Nadeln, zwischen Kleiderständern voller Jacken, Sakkos und Hosen. Hemden und Blusen hängen an Drahtkleiderbügel in Plastikfolie. Frisch von Hand gebügelt, ohne Bügelpuppe. Dimi steckt Hosen, Röcke oder Kleider ab, kürzt, verlängert, repariert Reißverschlüsse. Türme von Anzügen, hinten sind die Vorhänge, vorne hängt ein stolzes Ballkleid.<br />
Mich fasziniert Dimis Aussehen, klein, dick, Brille auf der Nasenspitze; hat er nicht ein Toupet? Ich kann mich an seinem Toupet nicht satt sehen, ich hatte immer Angst vor Haarausfall. Und ich kann mich an seiner Aussprache nicht satt hören, der Akzent, mir gefällt, wie das klingt.<br />
<em>Welche Strecke</em>, fragt er? <em>Autoput oder Fähre oder Adriaküste, Albanien? Nicht fliegen, da kommt die Seele nicht nach! An was arbeitest du zurzeit, kannst du meiner Tochter in Deutsch helfen? Sie ist schlecht in der Schule!</em> <em>Ja, weißt du, wir wurden angeworben, ein Plakat auf dem Dorfplatz bei der Kirche an einem Laternen- oder Telefonmasten</em>: „Wir suchen Arbeiter“. <em>Komm, ela, der Zug, nach München, Koffer packen, auf Wiedersehen!</em> Jetzt sitzt er in seiner Schneiderei. Reicht das zum Leben?<br />
Schneidereien verschwinden generell – nicht nur die griechischen. Fast Fashion hat die Preise gedrückt und die alte Handwerkskultur verdrängt. Das Gewöhnliche und Liebliche, das Vertraute und das Gefühl der Zugehörigkeit – alles verschwunden, durch inszeniertes Spektakel ersetzt, durch das man auffallen muss, um zu gelten.</p>
<p>Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht vom Verlust von Milieus. Er meint, wie ich anhand von Tavernen, Reisebüros und Minimärkten beschrieben habe: Die Spätmoderne zerstört Milieus durch Ökonomisierung, Digitalisierung, Gentrifizierung und Singularisierung, also das „Besondere“.<br />
Übrig bleibt Nostalgie und ein bisschen Melancholie. Das Leben geht immer weiter, man freundet sich mit Neuem an und bald ist das Nagelneue selbstverständlich. Man geht mit der Zeit, erst schüttelt man noch den Kopf, dann willigt man ein. Ich will ja nicht stehen bleiben. Neues macht lebendig. Wer immer den alten Weg nicht verlässt, bleibt auf der Strecke.</p>
<p>Es bleibt noch eine Frage: Was überlebt letztendlich alles, ist zuckersüß, schmeckt und sieht immer lecker aus? Natürlich die Süßigkeiten im Zacharoplastio, der griechischen Zuckerbäckerei 🙂</p>
<hr />
<p class="textinfo"><em>Text: Simon Steiner. Symbolbilder: Archive S.Steiner und A.Tsingas. Redaktion: A.Tsingas. </em><em>Simon Steiner in diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/?s=simon+steiner">hier</a>.</p>
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		<title>Chinesische Tusche, Roman von Tilemachos Kotsias</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michaela Prinzinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Feb 2026 10:55:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Berliner Parrhesia-Verlag ist der Roman „Chinesische Tusche“ von Tilemachos Kotsias in der Übersetzung von Michaela Prinzinger erschienen. diablog.eu hat mit dem Autor über seine Jugend an der griechisch-albanischen Grenze und die Jahre nach dem ... <p class="read-more-container"><a title="Chinesische Tusche, Roman von Tilemachos Kotsias" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/chinesische-tusche-roman-von-tilemachos-kotsias/#more-16260" aria-label="Mehr Informationen über Chinesische Tusche, Roman von Tilemachos Kotsias">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Im Berliner Parrhesia-Verlag ist der Roman „Chinesische Tusche“ von Tilemachos Kotsias in der Übersetzung von Michaela Prinzinger erschienen. diablog.eu hat mit dem Autor über seine Jugend an der griechisch-albanischen Grenze und die Jahre nach dem Fall des Enver Hoxha-Regimes gesprochen.</p>
<p>Albanien, 1974.<br />
Drei Schüler der griechischen Minderheit träumen von Freiheit. Mit handgeschriebenen Flugblättern wagen sie den kleinsten Schritt des Widerstands und werden unbarmherzig verfolgt. Die Geheimpolizei Sigurimi bringt sie ins Straflager Spaç, wo Hunger und Gewalt den Alltag bestimmen.<br />
Tilemachos Kotsias erzählt die Geschichte dieser Jugendlichen mit einer Wucht, die weit über das historische Albanien hinausweist. Sein Roman zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Mut und Verrat, Hoffnung und Verzweiflung sein kann &#8211; und wie selbst in den dunkelsten Momenten Menschlichkeit aufscheint.<br />
„Chinesische Tusche“ ist ein Zeugnis politischer Unterdrückung und eine literarische Erkundung von Erinnerung, Widerstand und dem unzerstörbaren Willen zur Freiheit.</p>
<p><strong>Das Interview</strong></p>
<p class="interview">Sie stammen selbst aus der griechischsprachigen Minderheit im albanisch-griechischen Grenzgebiet. Wie war es für Sie, dort aufzuwachsen?</p>
<p>Ich bin am Rand eines Dorfes, nur einen Kilometer von der griechisch-albanischen Grenze entfernt aufgewachsen, zusammen mit Mutter, Schwester und den Großeltern, da mein Vater als Regimegegner eine siebenjährige Gefängnisstrafe verbüßte. Seine Gefangenschaft war für mich ein schweres seelisches Trauma, da ich von klein auf als „Kind eines Volksfeindes“ diffamiert wurde. Die ersten vier Schuljahre war der Unterricht auf Griechisch, Albanisch lernten wir als Fremdsprache. Ab der fünften Klasse war Albanisch die Unterrichtssprache, auch wenn die Schüler sie anfangs noch nicht ausreichend beherrschten. Als ich die siebenklassige Schule beendete, nahm kein Internat mich auf, damit ich die Mittelschule besuchen konnte. Aber meine Eltern beharrten darauf und trotz ihres geringen Einkommens mieteten sie mir ein Zimmer in Argyrokastro/Gjirokastra, damit ich dort weiter zur Schule gehen konnte.</p>
<p>Von da an wohnte ich in der Stadt und kehrte nur am Wochenende ins Dorf zurück. In Argyrokastro kam ich mit dem bürgerlich-urbanen Leben in Kontakt, mit Film, Bibliotheken, Theater. Das dortige Gymnasium zählte zu den besten in ganz Albanien. Es lag in der Altstadt, gleich neben dem Geburtshaus von Enver Hoxha, den wir damals „Führer“ nannten, heute jedoch gilt er als Diktator. Eine Zeitlang saß ich sogar in genau derselben Schulbank, die auch der „Führer“ gedrückt hatte.</p>
<p>Auf einem abschüssigen Weg, den man „Gasse der Verrückten“ nannte, weil die Fußgänger dort in rasender Geschwindigkeit nach unten liefen, lag das Geburtshaus des Schriftstellers Ismail Kadare. In Argyrokastro erlernte ich die albanische Sprache und lernte sie lieben, sie wurde meine Bildungssprache. Ich war ein ausgezeichneter Schüler und fühlte mich zu Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie hingezogen. Ich vertrat den Distrikt Gjirokastra bei der Wissenschaftsolympiade, die vom Rundfunk in Tirana übertragen wurde, und unsere Mannschaft erreichte das Finale.</p>

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<a href='https://diablog.eu/literatur/prosa/chinesische-tusche-roman-von-tilemachos-kotsias/attachment/tk-2_tilemachos-mit-schwester/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="728" height="1024" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-2_Tilemachos-mit-Schwester.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-2_Tilemachos-mit-Schwester.jpg 728w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-2_Tilemachos-mit-Schwester-213x300.jpg 213w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-2_Tilemachos-mit-Schwester-450x633.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-2_Tilemachos-mit-Schwester-500x703.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 728px) 100vw, 728px" /></a>
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<p class="interview">Und wie entstand Ihre Liebe zur Literatur?</p>
<p>Ich nahm am Lesezirkel der Schule teil, damit verbunden wurde im Literaturteil der Tiraner Zeitung „Stimme der Jugend“ mein erstes Gedicht und meine erste Erzählung veröffentlicht. Trotzdem wurde mir das Weiterstudium versagt, und natürlich konnte auch keine Rede von literarischer Tätigkeit sein, da mein Vater, der zunächst Kommunist gewesen war, sich aber später von der Schaffung landwirtschaftlicher Genossenschaften distanziert hatte, ins Gefängnis musste. Daher absolvierte ich den Militärdienst, eigentlich Zwangsarbeit, in einem Bataillon für unerwünschte Personen, und bei meiner Entlassung war auch ich ein eingeschworener Volksfeind. Die einzige Wahl, die mir blieb, war die Rückkehr ins Dorf und ein Dasein als Landwirt. Mein Haus lag nur einen Kilometer von der Grenze. Unzählige Male habe ich mit dem Gedanken an Flucht gespielt, aber ich hatte Angst, beim Grenzübertritt den Tod zu finden, und auch, dass sich das Regime an meinen Eltern rächen würde: Man würde sie aus ihrem Geburtsort, mit dem sie eng verbunden waren, verbannen. So fügten die elektrischen Drähte des Grenzzauns meinem Herzen, das sich die ganze Zeit gefangen fühlte, auch noch ständig Stromstöße zu.</p>
<p class="interview">Wie haben Sie für den Roman „Chinesische Tusche“ recherchiert? Haben Sie Zeitzeugen interviewt oder Archive besucht und historische Studien zu Rate gezogen?</p>
<p>Es gab in meiner Familie, unter meinen Verwandten und Freunden viele Menschen, die zu langjähriger Schwerstarbeit verurteilt waren. Darüber hinaus ähnelten die Lebensbedingungen während meines Militärdienstes denen in den Straflagern. Ich las die Erinnerungen ehemaliger Gefangener und unterhielt mich mit Bekannten. Die von mir im Roman „Chinesische Tusche“ verwendete Geschichte von Gymnasiasten, die heimlich Flugblätter verteilten, ist wiederholt tatsächlich vorgekommen.</p>
<p class="interview">Viele Menschen wurden unter Druck gesetzt, mit der albanischen Geheimpolizei Sigurimi zusammenzuarbeiten. Sehen Sie hier eine Parallele zur Staatssicherheit in der DDR?</p>
<p>Wie die Stasi funktionierte, weiß ich nur aus dem großartigen deutschen Film „Das Leben der anderen“. Die Geheimpolizei der DDR hatte ihre Methoden technisch perfektioniert, in Albanien ging man viel amateurhafter vor. Dort harrten die Spitzel stundenlang im Verborgenen in der Kälte aus, um ihre Opfer zu beschatten. Aber das Resultat war dasselbe: Alle wussten, dass sie unter ständiger Beobachtung standen und man tat gut daran, sich vorzusehen. Die Sigurimi erinnert mich mehr an die Verfolgung und Beseitigung von Kritikern zur Stalinzeit, die noch brutaler war. In meinen Augen war die ganze albanische Gesellschaft zweigeteilt in Verfolger und Verfolgte. Und wenn man nicht der ersten Gruppe der Verräter und Mitarbeiter angehörte, dann hatte man zwar keine Perspektive, aber zumindest ein reines Gewissen.</p>
<p class="interview">Sie beschreiben tragische Schicksale in den albanischen Straflagern der 70er-Jahre, in denen zahllose widerspenstige Kritiker verschwanden, manchmal für immer. Ich erinnere mich aber auch an eine wunderbare erotische Szene mit dem Lagerschneider, der anhand einer Damenhose, die er für einen höhergestellten Offizier umarbeiten soll, das Leben und die Liebe feiert. Sie thematisieren auch die Homosexualität im Lager, ein lang verdrängtes Thema. Wie interpretieren Sie das Wechselspiel von Leben und Tod im Dasein der Gefangenen?</p>
<p>Die Menschen dort lebten und schliefen jahrelang Arm in Arm mit dem Tod und hatten sich an ihn gewöhnt. Andererseits waren die menschlichen Gefühle, so hart ihr Leben auch war, unter welchen Bedingungen auch immer, wie Blumen, die selbst im Schnee erblühen. Homosexualität ist ein Gefühl, das meiner Meinung nach unbewusst entsteht, unmerklich wächst, parallel zur allgemeinen zwischenmenschlichen Zuneigung, die keine andere Ausdrucksform finden kann. Sie äußert sich als eine Art von Solidarität der Schwachen, als Schutz gegen Unterdrückung, aber gleichzeitig bildet sie auch das Machtgefälle zwischen den Gefangenen ab. Denn in den Gefängnissen herrschten die geeigneten Bedingungen, damit solche Gefühle entstehen konnten.</p>

<a href='https://diablog.eu/literatur/prosa/chinesische-tusche-roman-von-tilemachos-kotsias/attachment/tk-4_beim-militaer/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="1031" height="796" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer.jpg 1031w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-300x232.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-1024x791.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-768x593.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-450x347.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-500x386.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1031px) 100vw, 1031px" /></a>
<a href='https://diablog.eu/literatur/prosa/chinesische-tusche-roman-von-tilemachos-kotsias/attachment/tk-5_im-dorf-nach-dem-militaerdienst/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="1184" height="979" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst.jpg 1184w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-300x248.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-1024x847.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-768x635.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-450x372.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-500x413.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1184px) 100vw, 1184px" /></a>

<p class="interview">Wie haben Sie persönlich den politischen Umbruch 1990 erlebt?</p>
<p>Bei Öffnung der Grenzen war ich vierzig Jahre alt, verheiratet und hatte vier Kinder, die ich ernähren musste, aber ich hatte keinen Ausbildungsberuf. Ich verstand nur etwas von der Landarbeit, mit der ich zwar mich notgedrungen beschäftigte, die ich aber schätzen gelernt hatte. Zunächst ging ich allein nach Griechenland, ganz wie ein Gefangener, wenn sich die Gefängnistore öffnen. Ich arbeitete ein paar Monate und kehrte dann zurück, um meine Familie zu holen. Ich spürte, dass ich einen Schluss-Strich zog und es kein Zurück mehr für mich gab. Ich wollte nichts mehr von der albanischen Sprache wissen noch vom albanischen Volk &#8211; das sage ich jetzt zurückblickend. Das war meine allererste Reaktion. All die Jahre über hatte ich ein paar Erzählungen geschrieben und immer wieder überarbeitet, ohne jede Hoffnung auf Publikation. Die nahm ich mit und zeigte sie einem Verleger. Die Vorsehung führte mich zum Verlag Kedros, dem besten der damaligen Zeit, wo ich meinen ersten Erzählband veröffentlichte. Sprachlich war ich mit dem Griechisch meiner Region und ihren wunderbaren Volksliedern ausgerüstet. Später folgten weitere Bücher, Novellen und Romane. Das Schreiben brachte mir finanziell nichts ein, doch half es mir, einen Posten als Übersetzer im Außenministerium zu finden, wo ich fast fünfundzwanzig Jahre arbeitete.</p>
<p class="interview">Nach 1990 sind viele Albaner als Wirtschaftsflüchtlinge nach Griechenland gegangen. Sie beschreiben in Ihrem Buch die ideologischen Konflikte unter den Auswanderern. Wie sieht es heute, 35 Jahre später, aus?</p>
<p>Es handelte sich um keine ideologischen, sondern um nationalistische Auseinandersetzungen. Keiner von uns unterstützte noch linke Inhalte, die uns in ihrer schlimmsten Form eingetrichtert worden waren. Die Griechen in Albanien wollten Anerkennung für das erlittene Leid, die ihnen jedoch nicht in der erhofften Form geschenkt wurde. Nationalistische Kreise begannen, die verbitterten Menschen wirtschaftlich auszubeuten. Sie wollten &#8211; zusammen mit konservativen Kreisen, die sich damals paradoxerweise in fast allen Parteien breit machten &#8211; die Griechen aus Albanien nicht als gleichwertige Bürger anerkennen. Das begründeten sie so: Würde ihnen der Staat die griechische Staatsbürgschaft verleihen, dann würden sie ihre heimatlichen Wurzeln hinter sich lassen und die Grenzregion wäre entvölkert. In Wirklichkeit wollten sie nur rechtlose, quasi geduldete illegale Arbeitskräfte. Die rein albanischen Wirtschaftsflüchtlinge akzeptierten diese Situation eher als Normalität. Manche von ihnen, die sich die schwierige Differenzierung zwischen einem christlichen Albaner und einem Griechen aus der Minderheit in Albanien zunutze machten, gaben sich für solche Griechen aus, weil sie sich davon eine bessere Behandlung durch den Staat erhofften. Andererseits hatten die Albaner in der griechischen öffentlichen Meinung keinen guten Ruf. Die Griechen aus der Minderheit wurden mit ihnen in einen Topf geworfen und wollten sich von den Albanern distanzieren. Man drängte sie in eine Rolle, die eigentlich der griechische Staat übernehmen sollte &#8211; nämlich, die beiden Gruppen klar auseinanderzuhalten.</p>
<figure id="attachment_16276" aria-describedby="caption-attachment-16276" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16276 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-450x276.jpg" alt="" width="450" height="276" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-450x276.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-300x184.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-768x471.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-500x307.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16276" class="wp-caption-text">Beim Sensen als Landwirt</figcaption></figure>
<p class="interview">Eine Zeitlang gab es starke Vorurteile der eingesessenen Bevölkerung gegen die zugewanderten albanischen Familien. Haben sich die Ressentiments gelegt oder sind die Stereotypen übermächtig?</p>
<p>Heute, nach fünfunddreißigjährigem Aufenthalt in Griechenland, sind nicht nur die griechischen Migranten, sondern auch die Nachkommen der damals eingewanderten Albaner vollständig in die griechische Gesellschaft integriert. Aber die aufeinanderfolgenden griechischen Regierungen haben ihnen keine Personalausweise ausgestellt, weil sie fürchteten, dass diese arbeitsamen und zielstrebigen Leute in wirtschaftlich besser gestellte europäische Länder auswandern und Griechenland ihre Arbeitskraft entziehen würden.</p>
<p class="interview">Es gibt Autoren wie Beckett und Nabokov, die in zwei Sprachen zu Hause waren. Würden Sie Ihre eigenen Werke aus dem Griechischen ins Albanische übersetzen wollen?</p>
<p>Ich habe einige meiner Bücher selbst übersetzt und in Albanien publiziert, aber dort ist man den einen Tag in den Schlagzeilen und am nächsten Tag weg vom Fenster, als hätte man nie existiert. Ich habe auch ein Theaterstück auf Albanisch publiziert, „My dear spies“, das den europäischen Theaterpreis Eurodram gewonnen hat. Wenn ich mich an das albanische Lesepublikum wenden wollte, würde ich direkt auf Albanisch schreiben. Schriftsteller schreiben in der Sprache, die sie nicht nur selbst am besten können, sondern die auch das Publikum, an das sie sich richten, am besten versteht. Sie ist das wichtigste Kommunikationsmittel zwischen Autor und Leser, aber das haben andere vor mir schon festgestellt. Was das deutschsprachige Publikum betrifft, so möchte ich mich bei dieser Gelegenheit bei meiner Übersetzerin bedanken sowie bei meiner deutschen Verlegerin Katherina Wicht, ohne deren Unterstützung „Chinesische Tusche“ nicht herausgekommen wäre.</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16277" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche-199x300.jpg" alt="" width="300" height="453" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche-199x300.jpg 199w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche-450x680.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche-500x755.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche.jpg 678w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><strong>Das Buch</strong></p>
<div id="detailBullets_feature_div"><span class="a-list-item"> Tilemachos Kotsias, <em>Chinesische Tusche</em></span><br />
<span class="a-list-item"><span class="a-text-bold">in der Übersetzung von Michaela Prinzinger</span></span><br />
<span class="a-list-item">Parrhesia Verlag 2025, </span><span class="a-list-item">576 Seiten, </span><span class="a-list-item">19,90 €</span><br />
<span class="a-list-item"> <span class="a-text-bold">ISBN-13 ‏: ‎ </span> 978-3987310041  </span></div>
<hr />
<p>&nbsp;</p>
<p>:::<em> Chinesische Tusche in diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/literatur/chinesische-tinte-tilemachos-kotsias/">hier</a><em> mit Vorstellung der griechischen Ausgabe und des Autors, Zusammenfassung des Romans und einem </em><em>Auszug</em><em>.<br />
</em></p>
<p class="textinfo"><em>Interview und Übersetzung: Michaela Prinzinger. Fotos: Tilemachos Kotsias. Redaktion: A. Tsingas.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Doris Wille und ihre Verdienste</title>
		<link>https://diablog.eu/uebersetzung/doris-wille-und-ihre-verdienste/</link>
					<comments>https://diablog.eu/uebersetzung/doris-wille-und-ihre-verdienste/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Athanassios Tsingas]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Jan 2026 08:09:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Übersetzung]]></category>
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					<description><![CDATA[Doris Wille hat sich durch herausragende Übertragungen griechischer Literatur ins Deutsche einen Namen gemacht. Anfang Oktober 2025 wurde sie zur Gewinnerin des Preises des Johann-Heinrich-Voß-Literaturhauses der Stadt Penzlin 2025/26 gekürt. Hier die Pressemitteilung zum „Preis ... <p class="read-more-container"><a title="Doris Wille und ihre Verdienste" class="read-more button" href="https://diablog.eu/uebersetzung/doris-wille-und-ihre-verdienste/#more-15924" aria-label="Mehr Informationen über Doris Wille und ihre Verdienste">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Doris Wille hat sich durch herausragende Übertragungen griechischer Literatur ins Deutsche einen Namen gemacht. Anfang Oktober 2025 wurde sie zur Gewinnerin des <em>Preises des Johann-Heinrich-Voß-Literaturhauses der Stadt Penzlin</em> 2025/26 gekürt.</p>
<p>Hier die Pressemitteilung zum „Preis des Johann-Heinrich-Voß-Literaturhauses der Stadt Penzlin“ 2025/26, der Doris Wille zugesprochen wurde:</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-15925" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-01_Bekanntmachung_Preistraegerin.png" alt="" width="1024" height="716" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-01_Bekanntmachung_Preistraegerin.png 1024w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-01_Bekanntmachung_Preistraegerin-300x210.png 300w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-01_Bekanntmachung_Preistraegerin-768x537.png 768w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-01_Bekanntmachung_Preistraegerin-450x315.png 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-01_Bekanntmachung_Preistraegerin-500x350.png 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-15929 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-05-300x230.jpg" alt="" width="300" height="230" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-05-300x230.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-05-768x590.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-05-450x345.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-05-500x384.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-05.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
<p><strong>Die Übersetzerin</strong><br />
<strong>Doris Wille</strong> wurde in Warburg geboren und lebt auf der griechischen Insel Kefalonia. Sie studierte zunächst Germanistik und Kunstgeschichte in Münster, Wien und Berlin (Freie Universität) und absolvierte ein Aufbaustudium in Journalistik und Öffentlichem Recht an der Uni Mainz.</p>
<p>Wie ist sie zur griechischen Sprache gekommen? Dazu erzählt sie diablog.eu:</p>
<p class="textinfo">»<em>Nach Griechenland ging ich 1985, um an einer privaten Sprachenschule Deutsch zu unterrichten. Griechenland war ein Zufallstreffer, das erste Land, in dem sich mir eine solche Stelle im Ausland bot. Als ich von Berlin nach Ioannina zog, war es ein Kulturschock für mich. Kein Schock war hingegen die Sprache, es sei denn, man denkt an den Ausdruck „schockverliebt“. Als ich ankam, konnte ich gerade mal „Kalimera“ sagen, doch dann nutzte ich jede Gelegenheit, die Sprache zu lernen. Ich las, was ich in die Finger bekam, sprach mit jedem, der mir über den Weg lief, setzte mich gleich im ersten Monat unverdrossen an der dortigen Uni in eine Vorlesung über den Dichter Kavafis, in der Hoffnung, irgendetwas aufzuschnappen. Das war nicht die schlechteste Methode.</em></p>
<p class="textinfo"><em>In Ioannina war es auch, als ich vor mittlerweile 40 Jahren in einem Fahrstuhl stand und auf einem Hinweisschild „4 ATOMA“ entzifferte. Aha, hier durften vier Personen mitfahren. Das Atom, das ich im Chemieunterricht als die kleinste unteilbare Einheit kennengelernt hatte, war hierzulande also auch die „Person“. Ich war fasziniert. Ebenso faszinierte mich, dass „metaforika“ nicht nur „metaphorisch“ meint, also im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich alles bezeichnet, was etwas transportiert, also auch eine Spedition, was nun einmal ein Transportunternehmen ist. Seitdem bin ich dieser Sprache verfallen. Sie war anfangs mein wichtigster Grund, in diesem Land zu bleiben.</em></p>
<p class="textinfo"><em>Schnell entdeckte ich, dass Übersetzen eine wunderbare Möglichkeit bietet, tief in einen literarischen Text einzudringen. Nichts zu überspringen, sich ihm zu stellen. Schwingungen zu erfassen. Sich am Ausdruck zu erfreuen. Welten aufzutun. Zu begreifen. Ich begann zu übersetzen, zunächst einmal für mich, um wirklich gut zu verstehen. Das ist wiederum wohl die wichtigste Voraussetzung dafür, keine Wörter zu übersetzen, sondern etwas in einer anderen Sprache neu zu sagen. Und das ist oftmals </em>Quasi dasselbe mit anderen Worte<em>n, um den deutschen Titel von Umberto Ecos Buch über das Übersetzen zu zitieren.</em></p>
<p class="textinfo"><em>Dem gehe ich nun schon seit vielen Jahren nach: Manchmal sind es Romane, Kinderbücher oder Gedichte, manchmal sind es Ausstellungstexte oder Interviews, manchmal Drehbücher oder Libretti, von Geburtsurkunden und Scheidungsurteilen ganz zu schweigen.</em></p>
<p class="textinfo"><em>Im Grunde habe ich Griechisch im Selbststudium gelernt, abgesehen von wenigen Stunden in einem Sprachkurs. Sicher kam mir dabei zugute, dass ich mich mein Leben lang mit Sprache beschäftigt habe, sei es im Germanistikstudium, sei es als Sprachlehrerin, sei es als Journalistin. Um meine Griechischkenntnisse auf eine solide Basis zu stellen, habe ich mich als Übersetzerin staatlich prüfen und auch vereidigen lassen.</em></p>
<p class="textinfo"><em>Das Übersetzen von Literatur habe ich als Quereinsteigerin begonnen. Irgendwann war ich auf der Frankfurter Buchmesse und bekam von einem Verlag den ersten Auftrag für einen kurzen Text in einer Anthologie. Nach dem Motto: „Mal schauen, ob es klappt“. Am Ende hatte ich fast die gesamte Anthologie übersetzt. So kam eins zum anderen, über die Jahre immer mehr.</em></p>
<p class="textinfo"><em>Wenn die Sprache Heimat bedeutet, </em><em>wie Nikos Kazantzakis meinte, </em><em>dann ist, wenn man in einem fremden Land lebt, das Übersetzen zwischen der neuen Sprache und der Muttersprache eine wunderbare Möglichkeit, nicht heimatlos zu werden</em>.«</p>
<p>Doris Wille ist seit 1998 selbständige Übersetzerin. Mehrere Jahre war sie beim Internationalen Literaturfestival Berlin (Programmsparte Kinder- und Jugendliteratur) als Beraterin für Griechenland tätig. Sie arbeitete als Expertin für <em>Literarische Übersetzungsprojekte </em>für die EU Kommission, Brüssel. Am Athener EKEMEL (<em>Europäisches Übersetzerzentrum – Literatur und Humanwissenschaften</em>) hatte sie einen Lehrauftrag.</p>
<p>Sie steht für ein engagiertes Verständnis von Literatur und für gesellschaftliche Verantwortung. Ihr breites Spektrum lädt die Leserschaft dazu ein, sich mit komplexen historischen und persönlichen Geschichten auseinanderzusetzen und fördert damit Empathie und Dialog, denn ihre Übersetzungen zeichnen sich durch literarische Sensibilität aus. Besonders ihre Feinsinnigkeit im Umgang mit Sprach- und Kulturräumen, das Bewahren von Stimmungen und Kontexten und die Vermittlung schwieriger Themen, etwa zu Krieg und Erinnerungskultur, zeichnen ihr Werk aus. Ihre Übersetzungen gelten als Brückenschlag zwischen Kulturen und sind ein wichtiges Bindeglied im deutsch-griechischen Kulturaustausch.</p>
<figure id="attachment_15927" aria-describedby="caption-attachment-15927" style="width: 290px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-15927" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-03_Kueste_Converso-450x600.jpg" alt="" width="300" height="400" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-03_Kueste_Converso-450x600.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-03_Kueste_Converso-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-03_Kueste_Converso-500x667.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-03_Kueste_Converso.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-15927" class="wp-caption-text"><em>An der Küste von Kefalonia</em></figcaption></figure>
<p><strong>Die Division Acqui </strong><br />
Doris Wille widmet sich als Übersetzerin und Journalistin außerdem der deutschen Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg und vor allem der <em>Oral-History</em>. Ihren Fokus richtet sie dabei auf Kefalonia, wo sie lebt. Dort wurden im September 1943 mehrere Tausend Soldaten der italienischen Division Acqui von der deutschen Wehrmacht in Massenexekutionen ermordet. Dieses Blutbad gilt als eines der größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Seit über zwanzig Jahren engagiert sie sich in vielfältiger Form für dessen Aufarbeitung, vom italienischen Verein <em>Associazone Nazionale Divisione Acqui</em><a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a> wurde sie 2018 für ihre Verdienste mit einer Medaille ausgezeichnet.</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a>  Der Verein wurde 1945 von Überlebenden und Familienangehörigen der Gefallenen der Division Acqui gegründet mit dem Ziel, die Opfer dieser tragischen Ereignisse zu ehren und ihrer zu gedenken.</p>
<hr />
<p><strong>Das Ende einer Ära?</strong><br />
Persönlich kennenglernt habe ich Doris im Juni 2024 in Chania/Kreta bei der 3. ViceVersa Deutsch-Griechischen Übersetzerwerkstatt und erlebte sie als äußerst freundliche und angenehme Kollegin, mitdenkend und hilfsbereit. Großzügig teilte sie ihre enorme Erfahrung mit den anderen Teilnehmer:innen.</p>
<p>Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird am 29. März 2026 verliehen. Er bedeutet für sie Anerkennung und Respekt, etwas, woran es ihrer Meinung nach in der Branche mangelt. Vielleicht bildet der Preis den krönenden Abschluss ihrer Laufbahn als literarische Übersetzerin.</p>
<hr />
<p><strong>Links</strong><br />
Doris Wille auf diablog.eu <a href="https://diablog.eu/?s=doris+wille">hier</a> // Anthi Wiedenmayer, <em>Interview mit Doris Wille</em>, Reihe <em>Übersetzerporträts</em>, Freie Universität Berlin/CeMoG, Berlin, 2016, <a href="https://www.cemog.fu-berlin.de/wissensbasis/uebersetzerportraets/video-interviews/doris-wille/index.html">hier</a> (mit Auswahl ihrer Übersetzungen und Links zu Rezensionen); Transkript des Interviews <a href="https://www.cemog.fu-berlin.de/wissensbasis/uebersetzerportraets/interviews-in-textform/doris-wille/index.html">hier</a> // Doris Wille beim Verlag Romiosini <a href="https://bibliothek.edition-romiosini.de/catalog/category/doris-wille">hier</a></p>
<figure id="attachment_15928" aria-describedby="caption-attachment-15928" style="width: 940px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-15928" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-04_Skript.jpg" alt="" width="950" height="713" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-04_Skript.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-04_Skript-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-04_Skript-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-04_Skript-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/dw-04_Skript-500x375.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 950px) 100vw, 950px" /><figcaption id="caption-attachment-15928" class="wp-caption-text"><em>Willes Notizen zur Übertragung von</em> Isla Boa</figcaption></figure>
<p><strong>Übersetzte Prosa, eine Auswahl </strong><br />
Ersi <strong>Sotiropoulos</strong>, <em>Was bleibt von der Nacht</em> (2025 und 2021) und <em>Bittere Orangen</em> (2001) – beide Romane sind bedeutende Werke der modernen griechischen Literatur // Christos <strong>Asteriou</strong>, <em>Die Therapie der Erinnerungen; </em>behandelt werden Fragen von Erinnerung und Identität (2023, übersetzt zusammen mit Sigrid Willer. Sie können den Roman <a href="https://bibliothek.edition-romiosini.de/catalog/book/89">hier</a> online lesen, dazu müssen Sie sich bei Edition Romiosini registrieren, kostenlos und äußerst benutzerfreundlich. Die Edition Romiosini gibt griechische bzw. griechenlandbezogene Literatur in deutscher Sprache heraus und bietet alle Werke zur kostenlosen Online-Lektüre an). Der Roman <em>Isla Boa</em> des Autors wartet noch auf seinen Verlag; zu <em>Isla Boa</em> auf diablog.eu <a href="https://diablog.eu/literatur/christos-asteriou-isla-boa/">hier </a> // Maria <strong>Topali</strong>, <em>Die Wurzeln lang ziehen</em> (2023; übersetzt zusammen mit Birgit Hildebrand) – eine Mischung aus Lyrik und Essay, thematisch verknüpft mit Migration und Erinnerungsarbeit; auf diablog.eu <a href="https://diablog.eu/literatur/die-wurzeln-lang-ziehen/">hier</a> // Katerina <strong>Schiná,</strong> <em>Die Nadeln des Aufstands. Eine Kulturgeschichte des Strickens</em> (2021) – dieses Sachbuch vereint sehr unterhaltsam historische Recherche und literarische Reflexion; auf diablog.eu <a href="https://diablog.eu/literatur/historisches/die-nadeln-des-aufstands-eine-kulturgeschichte-des-strickens/">hier</a> // Giorgos <strong>Koukoulas</strong>, <em>Atlantis wird nie untergehen</em> – die Geschichte von Santorin (2015; übersetzt zusammen mit Sigrid Willer) // Kostas <strong>Kondodimos</strong>, <em>Sorbas-Remake</em> (2001) // Nikos <strong>Thanos </strong>(Hrsg.), <em>Wohin ich auch reise&#8230; Literarische Beschreibung Griechenlands </em>(1998)</p>
<p><strong>Besondere Projekte</strong><br />
Einen hohen Stellenwert hat für Doris Wille die Ausstellung <em>Gespaltene Erinnerungen 1940-1950, Zwischen Geschichte und Erfahrung, </em>die sich weiterhin digital besuchen lässt, <a href="https://dividedmemories.de/">hier</a><br />
Ebenso das Projekt <em>Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland, </em>bei dem sie die Untertitel für umfangreiche Zeitzeugenberichte übersetzte und auch selbst Interviews führte, <a href="https://www.occupation-memories.org/de/deutsche-okkupation/literature/index.html">hier</a></p>
<p><strong>Auswahl anderer Texte</strong><br />
Ermis <strong>Peristeris</strong>, <em>Vielleicht ist es Elektra</em> (2022; Bühnenstück) // <em>Affinities. Greek and German Art Songs</em> (2019; Musik-CD) – vertonte Gedichte von Kostis Palamas und Angelos Sikelianos // Jannis <strong>Lamprou</strong> und Konstantinos <strong>Blathras</strong>, <em>Rhythmen der Ägäis. Die Lyra </em>(2016) – Filmuntertitelung zusammen mit Sigrid Willer // Brigitte<strong> Weninger</strong>/Eve<strong> Tharlet</strong>, <em>Gute Besserung Pauli / Καλή </em><em>ανάρρωση Παυλή</em> (2015) – zweisprachige Ausgabe übersetzt ins EL zusammen mit Nikolas Haliotis // Frantzeska <strong>Alexopoulou</strong>-Petraki, <em>Rot ist grün … für Freunde</em> (2013) // Titos <strong>Patrikios</strong>, <em>Dir begegnet die Poesie</em> (2013) // Luciano <strong>Comida</strong>/Vagelis <strong>Iliopoulos</strong>, <em>Dreizehneinhalb</em> (2009) // Eugene <strong>Trivizas</strong>, <em>Despina und die Taube </em>(2004) und <em>Eine Schwalbe für Europa</em> (2003) // Eleni <strong>Torossi</strong>, <em>Kleine Worte – Große Worte</em> (2001) // Dimosthenis <strong>Kurtovik</strong>, <em>Griechische Schriftsteller der Gegenwart. Ein kritischer Leitfaden </em>(2000)</p>
<hr />
<p><em>Fotos: Johann-Heinrich-Voß-Literaturhaus der Stadt Penzlin, Edition Converso und Teilnehmer:innen der 3. ViceVersa Deutsch-Griechischen Übersetzerwerkstatt. </em><em>Redaktion: A. Tsingas. </em></p>
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		<title>Das 2. Rembetiko-Festival auf der Athener Heiligen Straße (2025)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Dec 2025 08:35:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
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					<description><![CDATA[Mitte Oktober war es endlich wieder soweit, das 2. Rembetiko-Festival fand in Athen-Egaleo statt. Drei Tage voll mit Musik, Tänzen, Seminaren, Kursen, Schattentheater, Ausstellungen und Buchpräsentationen, die die urbane Volksmusik Griechenlands für annähernd 3000 gut ... <p class="read-more-container"><a title="Das 2. Rembetiko-Festival auf der Athener Heiligen Straße (2025)" class="read-more button" href="https://diablog.eu/kuenste/musik/das-2-rembetiko-festival-auf-der-athener-heiligen-strasse-2025/#more-15895" aria-label="Mehr Informationen über Das 2. Rembetiko-Festival auf der Athener Heiligen Straße (2025)">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Mitte Oktober war es endlich wieder soweit, das 2. Rembetiko-Festival fand in Athen-Egaleo statt. Drei Tage voll mit Musik, Tänzen, Seminaren, Kursen, Schattentheater, Ausstellungen und Buchpräsentationen, die die urbane Volksmusik Griechenlands für annähernd 3000 gut gelaunte Gäste feierten.</p>
<p><strong>Was geschah</strong><br />
Sensationell war die lange Samstagsveranstaltung, denn diese Nacht wurde zur Trance: Das Publikum war schon randvoll mit melancholischen Klängen aus Kleinasien und schläfrig. Da tauchte um Mitternacht der ältere Herr Thimios Stouraitis mit seiner jungen Frau Maria Kapetanidou auf und verblüffte alle durch seine Bouzouki, die er eigenwillig im Stil amerikanischer Bluesmusiker spielte. Alles andere als übliche Akkorde, rasende Triolenpassagen und abrupte Brüche; dazu wurde zweistimmig gesungen – er rau, sie hell, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=MmYpTf8MKCs&amp;list=RDMmYpTf8MKCs&amp;start_radio=1">hier</a>. Das machte den Unterschied zu den vielen Traditionalisten aus. Am Schluss stimmten sie Markos Vamvakaris‘ Karantouzeni aus dem Jahr 1933 an, in dem Markos die rembetische Lebenswelt schildert.</p>

<a href='https://diablog.eu/kuenste/musik/das-2-rembetiko-festival-auf-der-athener-heiligen-strasse-2025/attachment/s2-06_thimios-und-maria-nah-dran/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="958" height="718" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-06_Thimios-und-Maria-nah-dran.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-06_Thimios-und-Maria-nah-dran.jpg 958w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-06_Thimios-und-Maria-nah-dran-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-06_Thimios-und-Maria-nah-dran-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-06_Thimios-und-Maria-nah-dran-450x337.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-06_Thimios-und-Maria-nah-dran-500x375.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 958px) 100vw, 958px" /></a>
<a href='https://diablog.eu/kuenste/musik/das-2-rembetiko-festival-auf-der-athener-heiligen-strasse-2025/attachment/s2-07_jorgo-tzortzis-nah-dranjpg/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="879" height="660" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-07_Jorgo-Tzortzis.-nah-dranjpg.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-07_Jorgo-Tzortzis.-nah-dranjpg.jpg 879w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-07_Jorgo-Tzortzis.-nah-dranjpg-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-07_Jorgo-Tzortzis.-nah-dranjpg-768x577.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-07_Jorgo-Tzortzis.-nah-dranjpg-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-07_Jorgo-Tzortzis.-nah-dranjpg-500x375.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 879px) 100vw, 879px" /></a>
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<p>Und dann trat auch noch Giorgos Tzortzis auf, der das Publikum bis 2 Uhr morgen mitriss. Gut, dass er seine Begleitmusiker kaum kannte, denn dadurch kamen Improvisationen, Lücken und Dehnungen zustande, die ins Freie und Schwebende führten. Tzortzis konnte sie immer wieder antreiben und zusammenbringen. Seine Baglamas spielte er zart und sang mal hoch, mal tief, immer aber in seinem unverwechselbaren Stil – war ganz bei sich, eine starke Persönlichkeit mit überragender Haltung, Charme und einem breiten Grinsen. Der Saal tobte, vom Publikum kamen Zurufe und Aufmunterungen, es fühlte sich ganz und gar mitgenommen. Höhepunkt war dann, als das halbe Organisationsteam die Bühne stürmte und zu Tzortzis´ Klängen tanzte.</p>
<p>Noch einmal zurück zu den orientalisch klingenden Amanedes, dem gesanglichen Ausdruck unerfüllter Sehnsucht oder unüberwindbarer Leidenschaft, die ihren Ursprung in Smyrna haben. Auf der Bühne spielte die musikalische Formation in klassischer Café-Aman-Besetzung: Santouri (Hackbrett), Kanoun (Kastenzither), Oud (Kurzhalslaute) und statt der Klarinette ein gebogenes Sopraninosaxophon. Gleitende Mikrotöne, unisono mit Gesang und Geige – man fühlte sich auf einer Zeitreise in Kleinasien.</p>
<figure id="attachment_15984" aria-describedby="caption-attachment-15984" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-15984 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-04_Konzert-im-Saal-laengs.jpg" alt="" width="1024" height="283" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-04_Konzert-im-Saal-laengs.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-04_Konzert-im-Saal-laengs-300x83.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-04_Konzert-im-Saal-laengs-768x212.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-04_Konzert-im-Saal-laengs-450x124.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-04_Konzert-im-Saal-laengs-500x138.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-15984" class="wp-caption-text">Innenbühne</figcaption></figure>
<p>Aller politischen Bemühungen, dem gesellschaftlichen Wandel, der Modernisierung Griechenlands und der let´s-go-West-Orientierung seit gut 100 Jahren zum Trotz, liegen die musikalischen Wurzeln des Rembetiko im Orient. Das gilt für die Amanades genauso wie für den Athener Piräus-Stil. Die arabisch-persischen Tonleitern und ihre Melancholie machen die Faszination dieser urbanen Volkslieder aus.</p>
<figure id="attachment_15983" aria-describedby="caption-attachment-15983" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-15983 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-03_Konzert-im-Aussenbereich-laengs.jpg" alt="" width="1024" height="319" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-03_Konzert-im-Aussenbereich-laengs.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-03_Konzert-im-Aussenbereich-laengs-300x93.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-03_Konzert-im-Aussenbereich-laengs-768x239.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-03_Konzert-im-Aussenbereich-laengs-450x140.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-03_Konzert-im-Aussenbereich-laengs-500x156.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-15983" class="wp-caption-text">Außenbühne</figcaption></figure>
<p>An den drei Festivaltagen gab es dazu einen Tsitsanis-Abend, ein Stelios-Kazantzidis-Konzert und Rembetiko-graphic-novels, um nur einige Veranstaltungen hervorzuheben.<br />
Große Überraschungen waren ein Konzert, das sich ausschließlich mit der „Zigeuner“-Thematik im Rembetiko befasste, und die Band <em>Antifa</em>, die sich politischen Themen wie Krieg, Krisen, NS, Hunger und autoritären Regimen widmet. Ihr Auftritt wurde begleitet von schockierenden Bildern per Beamer.</p>

<a href='https://diablog.eu/kuenste/musik/das-2-rembetiko-festival-auf-der-athener-heiligen-strasse-2025/attachment/s2-10_chor-athens-reb-festi_34/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-10_chor-athens-reb-festi_34.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-10_chor-athens-reb-festi_34.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-10_chor-athens-reb-festi_34-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-10_chor-athens-reb-festi_34-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-10_chor-athens-reb-festi_34-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-10_chor-athens-reb-festi_34-500x375.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a>
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<a href='https://diablog.eu/kuenste/musik/das-2-rembetiko-festival-auf-der-athener-heiligen-strasse-2025/attachment/s2-05_koumpania-antifa/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-05_Koumpania-ANTIFA.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-05_Koumpania-ANTIFA.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-05_Koumpania-ANTIFA-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-05_Koumpania-ANTIFA-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-05_Koumpania-ANTIFA-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-05_Koumpania-ANTIFA-500x375.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a>

<p>Ich selbst war eingeladen, um mein Lieblingsthema „Wie der Rembetiko nach Deutschland kam“ vorzutragen. In 12 Thesen gelang es mir – in griechischer Sprache (!) – die Verbindungen und Verflechtungen zwischen dem Rembetiko und Deutschland zu definieren. Befragt wurde ich anschließend zu den Auswanderungswellen von</p>
<figure id="attachment_16020" aria-describedby="caption-attachment-16020" style="width: 370px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16020" src="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-12_Simon-Steiner-Gerard-Jacques-Istres-Kris-Kaerts-Poli-Roumeliotis-300x91.jpg" alt="" width="380" height="116" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-12_Simon-Steiner-Gerard-Jacques-Istres-Kris-Kaerts-Poli-Roumeliotis-300x91.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-12_Simon-Steiner-Gerard-Jacques-Istres-Kris-Kaerts-Poli-Roumeliotis-768x234.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-12_Simon-Steiner-Gerard-Jacques-Istres-Kris-Kaerts-Poli-Roumeliotis-450x137.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-12_Simon-Steiner-Gerard-Jacques-Istres-Kris-Kaerts-Poli-Roumeliotis-500x152.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/11/s2-12_Simon-Steiner-Gerard-Jacques-Istres-Kris-Kaerts-Poli-Roumeliotis.jpg 928w" sizes="auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px" /><figcaption id="caption-attachment-16020" class="wp-caption-text">von links: Simon Steiner, Gérard Jacques Istres, Kris Kaerts und Poli Roumeliotis</figcaption></figure>
<p>Griechen nach Deutschland, die den Rembetiko in ihrem Gepäck hatten. Auf der Grundlage von vier Musikbands habe ich die heutige Stuttgarter Rembetiko-Szene veranschaulicht und selbstverständlich nicht versäumt, auch mein „World“-Rembetikoprojekt <a href="http://www.lefta.eu/">www.lefta.eu</a> vorzustellen. <em>Lefta</em> hat sich weiterentwickelt: Internationale Gäste und noch mehr musikalisch-visuelle Experimente kamen hinzu; es ist, mit einem Wort gesagt, <em>Post Re &#8211; betiko</em>!<br />
Im Rahmen des Panels „Rembetiko in Europa“ repräsentierte das Künstlerpaar Kris Kaerts und Poli Roumeliotis die belgische Rembetiko-Szene und zeigte ihren Dokumentarfilm „In Skipperstreet“, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=R8wpMT7Sd3U">hier</a><br />
Die französische Szene stellte Gerard Durand vor, dessen Hauptthese „Rembetiko ist Schicksal“ sehr überzeugte.<br />
Interessant waren die Rückmeldungen: Viele Leute zeigten sich erstaunt über unser Thema „Rembetiko in Europa“, was wir alles in Deutschland, Frankreich und Belgien bewegen und wie intensiv wir mit Griechenland verbunden sind.</p>
<p><strong>Die Organisation</strong><br />
Die Tageskarte lag in diesem Jahr bei 12 Euro an der Abendkasse. Parkplätze sind vor Ort auf der Iera Odos 154 in Athen-Egaleo vorhanden. Die Menschen sind rücksichtsvoll, die Sanitäranlagen werden nonstop gereinigt. Fürs leibliche Wohl ist immer gesorgt: Im Hof des Festivals werden Souflaki, belegte Brote und Getränke verkauft. Am Büchertisch gibt es eine breite Palette von käuflichen Artikeln wie Tonträger, Bilder, T-Shirts u.v.a.m. Dem Festivalgelände gegenüber befindet sich ein Kiosk mit breitem Angebot und im idyllischen Stadtteil Kato Egaleo in 4 km Entfernung gibt es sehr gute Tavernen, Einkaufsmöglichkeiten und einen Park zum Runterkommen und Ausruhen.<br />
Ein perfektes Festival, das Mitte Oktober 2026 wieder stattfinden soll.</p>
<hr />
<p data-wp-editing="1"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-15972" src="https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-01_poster-450x627.jpg" alt="" width="300" height="418" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-01_poster-450x627.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-01_poster-215x300.jpg 215w, https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-01_poster-500x697.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/10/s2-01_poster.jpg 735w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Anmerkungen<br />
<strong>1</strong>_<strong>Karantouzeni</strong>, Komposition von Markos Vamvakaris, 1933:</p>
<p data-wp-editing="1"><em>Du hättest in unseren Teke kommen sollen, Mangas,</em><br />
<em>um der Baglamas und unsrem Doppelschlag der Saiten zu lauschen.</em><br />
<em>Du hättest dich hinsetzen, amüsieren und eine Weile zuhören sollen,</em><br />
<em>hättest nicht widerstehen können aufzustehen, dich im Zeibekiko zu drehen.</em><br />
<em>Würdest die Arabién- und Karantouzeni-gestimmten Instrumente hören</em><br />
<em>und schon bald sagen können, die Wasserpfeife wird’s schon richten.</em><br />
<em>Deine Sorgen würden verschwinden, all der Drang und das Verlangen,</em><br />
<em>allein schon vom Zuhören der Bouzouki-Klänge.</em></p>
<p data-wp-editing="1">Die alternativen Stimmungen (= Einstellung der Saiten) <em>Arabién- </em>und <em>Karantouzeni </em>sind Ausdruck der engen Verbindung des Rembetiko mit der osmanisch-arabischen Musiktradition.<br />
<strong>2</strong>_Simon Steiner, <strong>12 Thesen</strong> zur Frage, woher das Interesse am Rembetiko in Deutschland rührt. Die Kurzfassung <a href="https://stuttgartpunk.de/2025/08/10/rembetiko-kosmos/">hier</a> // Der Artikel <em>Wie der Rembetiko nach Stuttgart kam</em> in diablog.eu <a href="https://diablog.eu/kuenste/musik/wie-der-rembetiko-nach-stuttgart-kam/">hier</a> // Dank an meine Frau Rebekka, Thanassis Tsingas und Tasos Kaklamanis für die Betreuung des Vortrages.<br />
<strong>3</strong>_Schreibweise: <strong>Rembetiko</strong> (eher im deutschsprachigen Raum) – <strong>Rebetiko</strong> (eher im englischsprachigen Raum)<br />
<strong>4</strong>_Das Festivalprogramm auf EL <a href="https://athensrebetikofestival.gr/programma-2oy-festibal">hier</a><br />
<strong>5</strong>_Ein Teil des Erlöses des Festivals wurde an die S.O.S.-Kinderdörfer und den Solidaritätsfonds der Panhellenischen Musikvereinigung gespendet.</p>
<p class="textinfo"><em>Text: Simon Steiner. Redaktion. A. Tsingas. Fotos: 2. Rembetiko-Festival Athen.</em></p>
]]></content:encoded>
					
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