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	<description>deutsch - griechische Begegnungen</description>
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		<title>Mein Chios, damals und heute</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Oct 2026 06:43:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alltagskultur]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[2016 hatte der Autor auf diablog einen Text über seine Heimatinsel veröffentlicht. Heute, zehn Jahre später, nimmt er den Faden wieder auf und besucht Chios mit uns ein weiteres Mal. Rückblick auf das Jahr 2016 ... <p class="read-more-container"><a title="Mein Chios, damals und heute" class="read-more button" href="https://diablog.eu/reise/mein-chios-damals-und-heute/#more-17245" aria-label="Mehr Informationen über Mein Chios, damals und heute">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">2016 hatte der Autor auf diablog einen Text über seine Heimatinsel veröffentlicht. Heute, zehn Jahre später, nimmt er den Faden wieder auf und besucht Chios mit uns ein weiteres Mal.</p>
<h5><strong>Rückblick auf das Jahr 2016</strong></h5>
<p>Vor zehn Jahren veröffentlichte diablog einen Text, den ich über Chios geschrieben hatte. Die ursprüngliche Idee stammte von der Neogräzistin Michaela Prinzinger, die mich, wenn ich mich recht erinnere, im Frühjahr 2016 in Berlin spontan dazu anregte, über meine Geburtsinsel zu schreiben, die ich Freunden und Bekannten immer wieder voller Inbrunst anpries. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich kenne viele Menschen, die aus Chios stammen oder einfach einen Bezug zur Insel haben und mit ähnlicher Begeisterung wie ich über sie sprechen. Als ich jedoch begann, an dem besagten Text zu arbeiten, konfrontierte mich der Schreibprozess mit Fragen, die sich im gesprochenen Wort nicht stellen: An welches Publikum richtet sich der Text und warum? Was nehme ich auf und was lasse ich weg aus einem Reisetext, der mit nicht wenigen eigenen Erlebnissen gespickt ist?</p>
<figure id="attachment_17251" aria-describedby="caption-attachment-17251" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-17251 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-1-Pyrgi-450x600.jpg" alt="" width="450" height="600" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-1-Pyrgi-450x600.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-1-Pyrgi-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-1-Pyrgi-500x667.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-1-Pyrgi.jpg 768w" sizes="(max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-17251" class="wp-caption-text">Pyrgi</figcaption></figure>
<p>Nachdem ich den Schreibprozess in vollen Zügen genossen hatte, kam der Moment der Veröffentlichung, aber auch des Feedbacks seitens der Leserschaft. Ein Kommentator lobte den Text, kritisierte jedoch gleichzeitig das Fehlen der Erwähnung der jüngsten Waldbrände, die einen Großteil des Wald- und Agrarkapitals der Insel zerstört hatten, ebenso wie die aufeinanderfolgenden Flüchtlingswellen, die zu dieser Zeit auf Chios anrollten, mit all den Folgen, die dies für die Flüchtlinge selbst, aber auch für die lokale Bevölkerung mit sich brachte. Michaela war so freundlich, mich in Schutz zu nehmen, und antwortete, dass ich gebeten worden sei, einen persönlichen Text zu verfassen – quasi als alternativen Reiseführer – und keine Darstellung der aktuellen Lage, deren Dramatik wir zu keinem Zeitpunkt unterschätzt haben.</p>
<figure id="attachment_17252" aria-describedby="caption-attachment-17252" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" class="wp-image-17252 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-2-Kalamoti-450x600.jpg" alt="" width="450" height="600" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-2-Kalamoti-450x600.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-2-Kalamoti-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-2-Kalamoti-500x667.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-2-Kalamoti.jpg 768w" sizes="(max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-17252" class="wp-caption-text">Kalamoti</figcaption></figure>
<h5><strong>Wir und die Welt</strong></h5>
<p>Dieser Kommentar hat mich nachdenklich gemacht, mich aber auch dazu motiviert, den vorliegenden Text als Fortsetzung des Beitrags von 2016 zu verfassen. Wie hatte mich mein zehn Jahre jüngeres Ich auf meiner Geburtsinsel Chios gesehen und was hatte sich seitdem verändert? Wenn wir davon ausgehen, dass im Laufe der Zeit nichts unverändert bleibt – weder Orte noch Menschen –, stellt sich die Frage: Wie können wir dann zu den Orten unserer Vergangenheit eine Beziehung pflegen, mit einem Blick, der emotional, aber nicht nostalgisch, begeistert, aber nicht verklärt, realistisch, aber nicht zynisch ist?</p>
<p>Ich denke, die Antwort liegt in der Auseinandersetzung mit unserer Einstellung zum Begriff des Wandels. Als ich mich vor zehn Jahren an das Verfassen dieses Textes machte, versuchte ich, ein Bild von Chios auf Papier zu übertragen, das von meinen Kindheitserlebnissen geprägt war – sommerlich und zeitlos. Es war eine unbewusste Entscheidung. Im Gegensatz dazu verewigte der autodidaktische Maler, Grafiker, Kalligraph und Dichter Nikos Gialouris in seinen charakteristischen Zeichnungen bekannte und unbekannte Orte von Chios und entschied sich – wohl bewusst – dafür, sie von der Präsenz und den Aktivitäten des Menschen abzukoppeln. Vielleicht wollte er sie auf diese Weise vor der unvermeidlichen Modernisierung „retten“ – vor den Veränderungen, die der Übergang von Gestern zu Heute und Morgen mit sich bringt. Gialouris’ Landschaften sind wie Postkartenmotive, jedoch nicht verklärt. Sie strahlen die Heiligkeit einer vergangenen Zeit aus, deren Fragmente wir bis heute hier und da entdecken. In einer Welt, die sich ständig und rasant verändert – zum Guten ebenso wie zum Schlechten –, ist die Entscheidung, die Augen zu öffnen oder zu schließen, ein politischer Akt.</p>

<a href='https://diablog.eu/reise/mein-chios-damals-und-heute/attachment/ch-3-gialouris1/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="720" height="960" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-3-Gialouris1.jpg" class="attachment-full size-full" alt="Zeichnungen von Nikos Gialouris" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-3-Gialouris1.jpg 720w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-3-Gialouris1-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-3-Gialouris1-450x600.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-3-Gialouris1-500x667.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px" /></a>
<a href='https://diablog.eu/reise/mein-chios-damals-und-heute/attachment/ch-4-gialouris2/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="590" height="960" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-4-Gialouris2.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-4-Gialouris2.jpg 590w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-4-Gialouris2-184x300.jpg 184w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-4-Gialouris2-450x732.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-4-Gialouris2-500x814.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 590px) 100vw, 590px" /></a>


<a href='https://diablog.eu/reise/mein-chios-damals-und-heute/attachment/ch-6-gialouris4/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="797" height="960" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-6-Gialouris4.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-6-Gialouris4.jpg 797w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-6-Gialouris4-249x300.jpg 249w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-6-Gialouris4-768x925.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-6-Gialouris4-450x542.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-6-Gialouris4-500x602.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 797px) 100vw, 797px" /></a>
<a href='https://diablog.eu/reise/mein-chios-damals-und-heute/attachment/ch-5-gialouris3/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="960" height="635" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-5-Gialouris3.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-5-Gialouris3.jpg 960w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-5-Gialouris3-300x198.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-5-Gialouris3-768x508.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-5-Gialouris3-450x298.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-5-Gialouris3-500x331.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" /></a>

<h5><strong>Das Trauma der Flüchtlinge</strong></h5>
<p>Ende Februar 2020. Die Medien beschäftigen sich in erster Linie mit einem unbekannten, aber gefährlichen Virus, das sich ausgehend von den alpinen Skigebieten Westeuropas auszubreiten begann. Die Bevölkerung von Chios ist jedoch wegen einer anderen für die Insel äußerst wichtigen Angelegenheit in Aufruhr: Die Regierung plant den Bau geschlossener Flüchtlingsunterkünfte und entsendet aus Athen Einheiten der Bereitschaftspolizei auf die Insel, um eine Behinderung der anstehenden Bauarbeiten zu unterbinden. Die daraufhin ausgebrochenen gewalttätigen Ausschreitungen waren für das sonst so friedliche Chios beispiellos. Ich erinnere mich, wie ich das Thema mit Freunden und Bekannten, die den Flüchtlingen wohlgesonnen waren, in Athen diskutierte, und versuchte, sie davon zu überzeugen, dass die Motive der lokalen Bevölkerung, zumindest teilweise, keine rassistischen waren. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Mitte. Der massive Durchzug von Flüchtlingen über die nordöstlichen Ägäis-Inseln im vergangenen Jahrzehnt war ein Phänomen von entscheidender Bedeutung für die Region und ihre Bewohner, mit Folgen, die noch nicht ausreichend ausgewertet worden sind. Da waren die ununterbrochenen Ankünfte morgens und abends, die erfolgreichen und gescheiterten Rettungsaktionen und Rückführungen, die Menschen, die ums Leben kamen, die Anderen, die überlebten, die teils organisierte, teils unorganisierte Unterbringung – stets nur temporär, da die Inseln als Durchgangsstation betrachtet wurden –, die sich solidarisierenden Einheimischen und die Faschisierung des allgemeinen Diskurses, die Horden von Jugendlichen, denen man auf der Straße nicht begegnen wollte, die Frauen und Kinder, die man am liebsten in den Arm genommen hätte, und vieles, vieles mehr. Es ist schwierig, all diese Eindrücke umfassend zu verarbeiten, und ziemlich ungerecht, sich aus der Ferne eine feste Meinung zu bilden. Wie mir eine polnische Bekannte sagte, die mit Flüchtlingen arbeitete: „Ich möchte keinen Urlaub auf den Inseln der nordöstlichen Ägäis machen, um nicht mitansehen zu müssen, was sie durchstehen.“ Das ist legitim, aber irgendwie auch problematisch.</p>
<figure id="attachment_17257" aria-describedby="caption-attachment-17257" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-17257 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-7-Kerameia-450x338.jpg" alt="" width="450" height="338" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-7-Kerameia-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-7-Kerameia-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-7-Kerameia-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-7-Kerameia-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-7-Kerameia.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-17257" class="wp-caption-text">Küstenort Kerameia</figcaption></figure>
<h5><strong>Das Trauma der Brände</strong></h5>
<p>„Je mehr Kilometer wir zurücklegen, je wilder die Landschaft wird, je mehr Berge wir passieren und je weniger Fahrzeuge unterwegs sind, desto näher kommt man den unberührten Orten der Insel.“ Ich lese diesen Satz, den ich vor zehn Jahren geschrieben hatte, und stelle fest, dass ich im Laufe der Zeit eine besondere Fähigkeit entwickelt habe: Ich beobachte über einen längeren Zeitraum hinweg die Landschaft, in der irgendwann einmal ein Brand gewütet hat, und versuche beharrlich, Anzeichen der Genesung zu entdecken: Ah, diese Kiefer ist nur zur Hälfte verbrannt, jener Strauchbestand ist dank der Winterregenfälle wieder üppig gewachsen, die Hänge von Amani sind nicht so schwarz wie auf den Aufnahmen, die ich schweren Herzens in den sozialen Medien gesehen habe. Es ist meine ganz eigene, fast kindliche Art, nach einem Funken Hoffnung zu suchen. Im Gegensatz zur Flüchtlingskrise, die naturgemäß geografisch begrenzt ist, ist das Trauma der Waldbrände allgemeingültig und spiegelt unsere gemeinsame, jeden Sommer wiederkehrende Angst wider. In der kurzen Zeit zwischen dem Brand im Juni 2025 am Rande von Chios-Stadt und dem im August 2025 in Amani beobachtete ich vom Strand von Agia Fotia aus den großen Brand in der Türkei, der tagelang die Küsten Kleinasiens verwüstete, und ich erinnere mich noch genau daran, was ich empfand: eine Teilnahmslosigkeit, als wäre etwas in mir erstarrt, aber auch eine unheilvolle Vorahnung, dass es beim nächsten Mal vielleicht mich treffen würde.</p>
<h5><strong>Das Prisma der Literatur</strong></h5>
<p>In einer von aufeinanderfolgenden Krisen geprägten Gegenwart, wo alles auf eine dystopische Zukunft hindeutet, bietet die Flucht in die Kunst Erleichterung – nicht, weil sie unmittelbare Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit liefert, sondern weil sie diese interpretiert, in einen Rahmen setzt und es uns ermöglicht, sie als Individuen differenziert wahrzunehmen. Chios hat das Glück, Inspiration für viele Menschen zu sein, darunter auch für den vielseitigen Yiannis Makridakis. Ich werde hier weder auf seine Tätigkeit als Landwirt noch auf sein Engagement als aktiver Bürger eingehen, denn mich persönlich interessiert vor allem seine Eigenschaft als Schriftsteller, der meine Wahrnehmung von Chios geprägt hat. Makridakis beschäftigte sich viele Jahre lang mit der Natur, der Humangeographie und der Geschichte von Chios, bevor er begann, literarische Texte zu veröffentlichen. Eines der besonderen Merkmale seines Werks ist die Verflechtung von Fiktion und Lokalbezug: Reale Orte, Menschen und Ereignisse auf Chios dienen als Inspirationsquelle für Geschichten von universeller Geltung. Der Autor beabsichtigt also nicht, sich geografisch einzuschränken. Dennoch, das Verbrechen aus Leidenschaft des Protagonisten Giorgis Petikas in „Eineinhalb Blechkanister“ (Ανάμιση ντενεκέ), die Trauer des Mönchs Vikentios in „Die rechte Tasche der Mönchskutte“ (Δεξιά τσέπη του ράσου) sowie die Lebenserfahrung des queeren Konstantis in „Eiskalte Sonne“ (Ήλιος με δόντια) wurden zu Prismen, durch die ich persönlich viele neue Seiten von Chios entdeckt habe.</p>

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<a href='https://diablog.eu/reise/mein-chios-damals-und-heute/attachment/ch-11-deo/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="578" height="1024" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-11-DEO.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-11-DEO.jpg 578w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-11-DEO-169x300.jpg 169w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-11-DEO-450x797.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-11-DEO-500x886.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 578px) 100vw, 578px" /></a>

<h5><strong>Das Prisma der zeitgenössischen Kunst</strong></h5>
<p>Die gemeinnützige, britisch-griechische Kulturorganisation DEO Projects (ΔΗΩ), ein Projekt des Kurators Akis Kokkinos, lädt seit 2020 Künstler aus aller Welt nach Chios ein, wo sie ihrer Kreativität nachgehen und ihre Werke ausstellen können – inspiriert von den Chiotischen Paralleluniversen: die Seetüchtigkeit des Küstenorts Langáda, die osmanische Vergangenheit der Burg von Chios-Stadt, die mittelalterliche Raumplanung der Mastixdörfer oder auch den abgeschotteten Mikrokosmos des Kampos.<br />
Das Ziel besteht jedoch nicht darin, eine stereotype Sichtweise auf diese Orte zu reproduzieren, sondern sie als einladende Schauplätze zu nutzen, um universelle Themen anzugehen wie unerfüllte Liebe und verlorene Kindheit, Erinnerung und Vergessen, den unvermeidlichen Verfall im Laufe der Zeit oder die Vaterfigur als Symbol für Macht und Abwesenheit. Eine bunte Mischung aus Förderern, Künstlern, Musikliebhabern, Inselgemeinden und anderen Akteuren trifft jeden Sommer bei Ausstellungen und begleitenden Veranstaltungen aufeinander und erneuert das Versprechen auf Zusammenkunft im darauffolgenden Jahr.</p>
<figure id="attachment_17262" aria-describedby="caption-attachment-17262" style="width: 465px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-17262" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-12-Pelineo-450x675.jpg" alt="" width="475" height="712" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-12-Pelineo-450x675.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-12-Pelineo-200x300.jpg 200w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-12-Pelineo-500x750.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ch-12-Pelineo.jpg 683w" sizes="auto, (max-width: 475px) 100vw, 475px" /><figcaption id="caption-attachment-17262" class="wp-caption-text">Pelineo</figcaption></figure>
<h5><strong>Anstelle eines Nachworts</strong></h5>
<p>Dieser Text ist dem Andenken des Wahl-Chioten Philippe Ressing (1954–2026) gewidmet. Persönlich habe ich ihn nie kennengelernt, verdanke ihm aber einen neuen Blick auf meine Geburtsinsel, die ich gut zu kennen glaubte. Durch seinen Blog entdeckte ich das Chios der deutschen Besatzungszeit, einer nicht sehr weit zurückliegenden, prägenden Zeit, die jedoch kollektiv verschwiegen wurde. Das Denkmal für den Widerstandskämpfer Iason Kalampokas im Zentrum von Chios-Stadt vereint die widersprüchlichen Aspekte der Ortsgeschichte und des dialogischen Nebeneinanders: Die Vorderseite preist den Heldenmut des Gefallenen, die Rückseite ist nichts anderes als die Grabplatte eines Nazis. Die eine Seite hebt die andere nicht auf, sondern ergänzt sie. So etwa kommt mir im Laufe der Zeit auch meine Beziehung zu Chios vor.</p>
<hr />
<p><strong>weiterführend</strong><br />
<strong>Yiannis Makridakis,</strong> Veröffentlichungen <a href="https://biblionet.gr/giannis-makridakis-c114568">hier</a> (auf EL); beim Anklicken der einzelnen Bücher erscheinen die Buchkritiken (auf EL)<br />
<strong>DEO Projects</strong>; Zeitungsartikel <a href="https://www.tovima.gr/2023/08/01/culture/akis-kokkinos-i-dio-den-einai-enas-organismos-pyrotexnima/">hier</a> (vom 01.08.2023, auf EL) und Instagram <a href="https://www.instagram.com/deoprojects/?hl=de">hier</a><br />
Portal <strong>Philippe Ressing</strong> <a href="https://medienfresser.blogspot.com/">hier</a></p>
<hr />
<p>&nbsp;</p>
<h5><strong>Der Autor <img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-17534 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/09/ch-14-Monogioudis-s2weich-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></strong></h5>
<p><strong>Giorgos Monogioudis</strong> wurde auf Chios geboren, wuchs jedoch in Athen auf. Er studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Athen, Jena und Tübingen. Im Rahmen seiner Promotion in London lebte er acht Monate in Belgrad. Seit 2015 arbeitet er in der Bildungs- und Kulturabteilung der deutschen Botschaft in Athen und ist Gründungsmit- glied des Vereins „Culture for Change“ (CforC). Er beschäftigt sich mit Fragen der Identität, der Erinnerung und vielem mehr.</p>
<p class="textinfo"><em>Text und Fotos: Giorgos Monogioudis. Redaktion: A.Tsingas.</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Aglaia Blioumi: Verabschiede dich von Stuttgart, Astyanax</title>
		<link>https://diablog.eu/literatur/prosa/aglaia-bloumi-verabschiede-dich-von-stuttgart-astyanax/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Sep 2026 07:35:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie kam Astyanax nach Stuttgart? Auch diese Frage beantwortet Aglaia Blioumi in ihrem episodisch aufgebauten Roman mit 37 Einheiten, die sich einen festen roten Faden teilen. Er entfaltet die Familiengeschichte eines Kindes der zweiten Einwanderergeneration ... <p class="read-more-container"><a title="Aglaia Blioumi: Verabschiede dich von Stuttgart, Astyanax" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/aglaia-bloumi-verabschiede-dich-von-stuttgart-astyanax/#more-17184" aria-label="Mehr Informationen über Aglaia Blioumi: Verabschiede dich von Stuttgart, Astyanax">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Wie kam Astyanax nach Stuttgart? Auch diese Frage beantwortet Aglaia Blioumi in ihrem episodisch aufgebauten Roman mit 37 Einheiten, die sich einen festen roten Faden teilen. Er entfaltet die Familiengeschichte eines Kindes der zweiten Einwanderergeneration in Deutschland, die in einen allgemeineren historisch-kulturellen Kontext eingebettet ist, in dem sich das Private mühelos mit dem „Allgemeinen“ verflechtet.</p>
<p>Die Besonderheit dieses Romans liegt unter anderem darin, dass das „Allgemeine“ sehr facettenreich ist. Er bezieht sich auf die griechische Diaspora in Deutschland in den 1980er- und 1990er-Jahren, auf die Ereignisse in Deutschland in eben diesen Jahrzehnten sowie auf das zeitgenössische, von der Krise geprägte Griechenland bis zum Jahr 2019; durch die Augen eines Einwandererkind<span style="text-decoration: line-through;">e</span>s und die Erinnerungen des namenlosen Erzählers werden gleichzeitig auch die griechisch-deutschen Verflechtungen und die Schnittstellen zwischen den beiden Ländern betrachtet. Im Wesentlichen kartiert das Buch verschiedene Manifestationen eben dieses „Allgemeinen“, wie es durch die Kinderaugen ungefiltert wahrgenommen wird. Mit anderen Worten wird eine Reihe kultureller Codes beschrieben: unausgesprochene gesellschaftliche Konventionen und Alltagsrassismus, subtile, aber nicht weniger traumatisierende Mechanismen der sozialen Ausgrenzung sowohl in Deutschland als auch in Griechenland.</p>
<p>Kurz gesagt, es werden Verluste aller Art skizziert, die auf der Ebene der Prosa den Seferischen Astyanax verkörpern „Nun, da du fortgehst, nimm das Kind, das das Licht erblickte, mit dir,<br />
unter den Blättern jener Platane, und lehre es, die Bäume zu lesen“ (Seferis, Mythistorima 17. Astyanax/Μυθιστόρημα ΙΖ΄ <a href="https://www.babelmatrix.org/works/el/Szeferisz,_Jorgosz-1900/%CE%9C%CF%85%CE%B8%CE%B9%CF%83%CF%84%CF%8C%CF%81%CE%B7%CE%BC%CE%B1_%CE%99%CE%96%E1%BF%BD_-_%E1%BC%88%CF%83%CF%84%CF%85%CE%AC%CE%BD%CE%B1%CE%BE/en/43214-Mythistorema_17._Astyanax">Αστυάναξ</a>). Daher steht auf dem Buchdeckel der griechischen Originalausgabe keineswegs zufällig: „Wer ist der listige Astyanax, der die Tochter mit den vielen Namen dazu zwingt, die Realität durch das linke Auge eines Kindes zu sehen, das sich erinnert, und durch das rechte Auge einer Erwachsenen, die mit Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung, als Nährmutter heranreift?“</p>
<p>Das Kind lernt durch Erinnerungen. Dieser Übergang von der Kindheit zur Reife erfolgt auf erzählerisch makellose Weise, einerseits durch den ständigen Wechsel zwischen der Erzählung in erster und dritter Person, andererseits durch den erdachten anonymen Erzähler, der sich in zweiter Person direkt an die Lesenden oder auch die anderen Figuren des Werks wendet. Diese gelungenen erzählerischen Übergänge sind so häufig, dass sie sogar innerhalb weniger aufeinanderfolgender Sätze stattfinden: „Pantelis bemerkte nicht einmal, wie er wieder im Erdgeschoss ankam. Er ging hinaus. Und jetzt? Diesmal öffnete er den Reiß­verschluss, und der schwarze Boden der Tasche leuchtete auf. Was habe ich bloß getan?, dachte er gerade noch, als er die Tür des benachbarten Aufzugs wieder aufgehen hörte … Soso, du gibst keinen Laut von dir, was?“ (S. 225).</p>
<p>Gleichzeitig wirkt der häufige Einsatz der erlebten Rede, wie ein durchgehend verlaufender chirurgischer Schnitt quer durch die Psyche der Hauptpersonen und liefert meisterhafte Beispiele der inneren Reflexion: „Auch Maulick muss wohl gewusst haben, dass Stavros die Hiebe verdient habe. Und jedes Mal wenn sich der Zwischenfall wiederholte, meinte Stavros, dass er irgendwann mal älter würde und abhauen würde. Er würde es ihnen zeigen. »Ich haue ab«, sagte er ganz ohne Stimme. Bis dahin stieg er die Schultreppe auf und ab wie alle anderen. Die Treppen sagen immer die Wahrheit“ (S. 83).</p>
<p>Zu den großen historischen Ereignissen gehören unter anderem die Kleinasiatische Katastrophe, also das Ende und die Konsequenz des verlorenen Griechisch-Türkischen Krieges 1919-22, die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs , die „Kinderverschleppungen“ während des darauf folgenden Bürgerkriegs sowie der politische Widerstand der Deutschlandgriechen gegen die Obristen; dabei wird die Auseinandersetzung mit Tabuthemen der griechischen Gesellschaft – wie zum Beispiel den Kinderverschleppungen im Bürgerkrieg – mit unbekannten Aspekten der Geschichte der griechischen Diaspora verbunden. Aglaia Blioumi wirft einen kurzen, aber äußerst aufschlussreichen Blick auf den Widerstand der Griechen in Deutschland gegen die Junta, wobei sie die Geschichte der <em>Deutschen Welle</em> und die Koordinierung der politischen Auflehnung durch Pavlos Bakogiannis deutlich skizziert. Es handelt sich jedoch keineswegs nur um eine bloße Aufzeichnung unbekannter Ereignisse. Die Schilderung geht einher mit der Aufarbeitung festumrissener Begriffe, wie zum Beispiel dem der Migration „ … als ob das Wort ›Migrant‹ allein mit der Tinte des Unglücks geschrieben wäre, ein Siegelwachs, das andere stempeln, und Arbeiter zu sein die einzige Eigenschaft der Menschen sei. Aber es ist an der Zeit, dass dieses Siegel entfernt, geöffnet wird“ (S. 137).</p>
<p>Im Roman nimmt die Sprache einen herausragenden Platz ein: Sie verfestigt Begriffe, indem sie sie zu Legenden werden lässt, und wird zudem für die zweisprachig aufgewachsenen Kinder der zweiten Einwanderergeneration zu einem Werkzeug der Interkulturalität. Der Roman zeigt auf, wie Zweisprachigkeit zu einem Träger interkulturellen Gedächtnisses und kultureller Hybridisierung werden und der Muttersprache sogar ihren Stempel aufdrücken kann: „Athen, 2018. In den letzten Wochen klemmt die Tastatur des PCs wieder bei den Buchstaben ›τς‹ und ›τζ‹. Es ist, als ob jemand erneut zu stot­tern beginnen würde. Die griechischen Diphthonge haben mir schon immer Schwierigkeiten bereitet, da es sie im Deutschen nicht gibt“ (S. 160).</p>
<p>Der interkulturelle Inhalt führt auch zur Problematik hinsichtlich der Übertragung deutscher kultureller Spezifika in die griechische Sprache. Man könnte sogar sagen, dass die Handlung der Legende an vielen Stellen als Kaleidoskop kultureller Elemente fungiert, die entweder unverändert aus der deutschen Kultur übernommen werden, einer „lokalen Anpassung“ unterworfen oder sogar hybridisiert werden. Dies gilt beispielsweise für die Erzähleinheit „Hölzerne Noten ohne Übersetzung“, in der die soziale Ausgrenzung ausländischer Kinder aufgrund ihrer Andersartigkeit aufgezeigt wird. Die gleiche Strategie wird auch in der Einheit „Hitzefrei“ verfolgt, in der institutionalisierte Praktiken des Schulalltags in Deutschland „übersetzt“ werden. Diese „gemischte Transfusion kultureller Gegebenheiten“ steht jedoch auch in direktem Zusammenhang mit den deutsch-griechischen Beziehungen, weil hinter dieser Transfusion die unterschiedlichen Auffassungen von Griechen und Deutschen hinsichtlich der Einforderung sozialer Rechte zum Vorschein kommen. Die Erzähleinheit „Wie ein historischer Roman“ greift viele Elemente aus der ihr vorausgehenden Erzählung „Zigeunerzug“ auf. Die Tatsache, dass diese im Original auf Deutsch geschrieben ist und nur stellenweise ins Griechische übersetzt wurde, macht die griechische Leserschaft zwar mit einem deutschsprachigen Text vertraut, demonstriert aber auch, dass Kulturen nicht immer in einer vollkommen gleichwertigen Entsprechung wiedergegeben werden können.</p>
<p>Das Kaleidoskop kultureller Spezifika stellt eine äußerst originelle Thematik dar, die weit über die Ebene der bloßen Beschreibung und Erzählung hinausgeht und durch einen lebendigen literarischen Stil unbekannte kulturelle Besonderheiten Griechenlands und Deutschlands analysiert. Genau diese facettenreichen Transfusionen unterstreichen die stark ausgeprägte interkulturelle Dimension des Romans, in dem der Begriff „Romiosini“, also das Griechentum, mit der Diaspora und damit mit ihrer Zersplitterung verbunden ist: „Das Schicksal des Griechentums ist ihre Diaspora. Wir tauchen ein­fach ins Meer und reißen die Wurzeln der Meerestiefe aus. Jene, die ungesehen mit uns reisen, wenn wir auf die fetten Weiden der Alpen treten. Wurzeln, die darauf warten, mit uns zu sprechen“ (S. 31).</p>
<p>Abgesehen von diesen Neuerungen sollte man jedoch nicht davon ausgehen, dass es sich um ein Werk handelt, das sich ausschließlich an ein literarisch versiertes Publikum richtet. Es sind größtenteils Geschichten aus dem Alltag eines Kindes, das in einem interkulturellen und zweisprachigen Umfeld aufwächst. Geboten werden lebendige Dialoge und anschauliche Beschreibungen, lyrisch, mit Humor und in nachdenklicher Stimmung niedergeschrieben, die vielfältige Interpretationen zulassen. Wohlgemerkt offene Interpretationen, die Leserinnen und Leser dazu einladen, sich weiter mit dem Thema des interkulturellen und zweisprachigen Umfelds auseinanderzusetzen.</p>
<p>In der zeitgenössischen Migrationsliteratur sind griechischsprachige Texte rar gesät. Meistens wird auf „Das doppelte Buch“ von Dimitris Hatzis verwiesen, in dem Stuttgart bereits als Schauplatz der ersten Einwanderergeneration fungiert. Blioumis Buch setzt diese zeitgenössische griechische Einwanderungsgeschichte fort. Aus der Perspektive der zweiten Einwanderergeneration entsteht somit ein Werk mit vielfältigen Auslegungsmöglichkeiten, das die Kartierung der Interkulturalität und des gemeinsamen europäischen Gedächtnisses vorantreibt.</p>
<hr />
<p style="text-align: left;"><strong>Der Auszug</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong>Mein Lebenstraum</strong><br />
<strong>Stuttgart, in den 70er Jahren</strong></p>
<p>Mit sechs Jahren betrat Aglaia zum ersten Mal feine Gemächer, bis dahin kannte sie nur die harten Kammern ihres Zuhauses. Jenes feine Gemach trug an seiner Tür die Aufschrift ›Stadtbibliothek Stuttgart‹. Die Bibliotheksführerin, die die Lehrerin begleitete, sprach vor Aglaias Klasse über Bücher. Über kleine, große, prächti­ge Bücher. Bücher, die betörend rochen, Treppen, die zum Himmel hinaufstiegen, rauschhervorrufend wie ein Speer, der sich in die Seele bohrte; eine Seele, die, anstatt zu weinen, lächelte.<br />
Und warum war dem so? Weil die Treppen, die Aglaia bis dahin gekannt hatte, so schroff und kalt und herzlos wie ein Rasiermes­ser waren. Sie schmiegte sich immer an ihre Mutter, wenn sie sie langsam und vorsichtig hinuntergingen. Die Mutter würde dann die Lichter anschalten, die mit ihrem schwachen Licht den Boden beschienen. Schwach, ja, damit die Unbilden der Nacht bloß nicht erleuchtet werden und sie anfangen zu lachen.<br />
Ein Keller, kalt und dunkel, herber Geruch von verschüttetem Wein und Bier, endlose Tische überladen mit Luftschlangen, ein Saal mit Galerie, Gerüche von alten Teppichböden. Die reinste Gruft … und dann noch vor allem die Angst vor Arco. Arco war schwarz, mit einer langen Schnauze und spitzen Ohren.<br />
»Mama, ich habe Angst.«<br />
»Der Hund des Chefs tut dir nichts.«<br />
»Lass uns gehen, ich habe Angst!«<br />
»Habe keine Angst!«<br />
»Wie soll denn das Kind keine Angst haben«, hatte sie einmal ihre Mutter zu ihrem Vater sagen hören, »wenn der Dreckshund so viel größer ist als sie.«<br />
Endlose kleine Tische, Berge von Flaschenscherben, die ge­duldig auf die Mutter warteten. Humpelnd wie ein havariertes Schiff, jeder Schritt ein stechender Schmerz, ein Leben mit dem Fuß auf der Bremse, nahm sie sich jeden Tisch vor und polierte sie alle der Reihe nach.<br />
»Arco liebt kleine Kinder.«<br />
Noch konnte sie die prächtigen Aufschriften auf den Geld­spielautomaten nicht lesen, »berühre bloß nichts!«, pure Magie das Grün vom Filz, »Billardkugeln sind nichts für kleine Kinder«, Ekstase, wenn sie auf dem von Alkohol durchtränkten Teppich eine Münze fand. Eine freudebringende Beute, die im Dunkeln funkelte. »Such mal nach ein paar Pfennigen und folge mir nicht dorthin, wohin ich gehe.«<br />
Und die Tür öffnete sich, Licht floss in den Raum, und die Mut­ter, mit kaputtem Becken, einem zerbrochenen Schiff gleich, ließ die Dunkelheit der Gruft hinter sich. Und das grelle Popeye-Bild am Geldspielautomaten schien Aglaia zu fragen, wie man denn die Pfeife anzünde, was für einen Geschmack sie habe, welche verschiedenen Farben die Zigarettenstummel auf dem Boden haben könnten. Und wenn sie das schwarze Billard-Dreieck auch nur ganz wenig berühren würde? Wer würde das denn mitkriegen? Und wenn die Kugeln dann nicht mehr hineinpassen würden? Und warum sollte sie denn nicht der Mutter ins lichterfüllte Zimmer folgen?<br />
Und so trat sie ins lichterfüllte Zimmer ein. Blendendes Licht, weiße Fliesen überall und der Gestank spülte in aufeinanderfol­genden Wellen bittere Galle aus ihrem Innern. Sie hatte noch nie zuvor Männertoiletten gesehen. Ihre Mutter hielt einen komischen Stab in der Hand, der in einem roten Ballon endete, und sie be­wegte ihn mit Kraft in der Toilettenschüssel auf und ab, säuberte sie danach von den Exkrementen und schloss dabei die Augen.<br />
»Mama.«<br />
Ihre Mutter eilte stürmisch zu ihr hin, um zu verhindern, dass Aglaia vollständig in den Raum trat. Sie packte sie am Arm und zog sie zurück in das Dunkel der anliegenden Gruft. Ihr Gesicht war geschwollen unter dem kreisförmig hinunterperlenden Schweiß, viele rasche Atemzüge, ein nasses Gespenst. Ein fremdes Gespenst, mit jenen blauen Augen, die wie Strahlen des Lichts die Dunkel­heit durchdrangen, ein Licht, das sie erfüllte, als sie niederkniete und ihr tief in die Augen schaute: »Ich möchte nicht, dass du, wenn du älter bist, die Scheiße der Deutschen reinigst. Geh weg von hier, meine süße Sonne. Studiere, hörst du, studiere, verlass diesen Ort, geh weg von hier.«<br />
Eine feste Umarmung und ein Versprechen zwischen Mutter und Tochter, und Treppen, die bis zum Himmel emporstiegen und zu diesem Kerl mit dem weißen Hemd hochreichten, der im oberen Stock der Bibliothek ständig am Lesen war. Und das kleine Kind, ihr kleines »Baby«, blieb als Letztes in der Reihe, mit dem stummen Versprechen, wie jener Kerl zu werden, der ständig da oben auf den hohen Etagen der Bibliothek ununterbrochen las, da hoch oben im Himmel.</p>
<hr />
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-17196 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-4_Cover-DE-187x300.png" alt="" width="187" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-4_Cover-DE-187x300.png 187w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-4_Cover-DE-450x722.png 450w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-4_Cover-DE.png 474w" sizes="auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px" />Das Buch</strong><br />
Aglaia Blioumi, <em>Nimm Abschied von Stuttgart, Astyanax</em><br />
übersetzt von Olaf Immanuel Seel<br />
Thelem Universitätsverlag, Dresden 2026, 262 Seiten, 19,80 €<br />
ISBN: 978-3-95908-828-2<br />
<a title="8282_Blioumi_Nimm_Abschied_Leseprobe (Leseprobe_blioumi.pdf)" href="https://www.thelem.de/app/download/10699388785/Leseprobe_blioumi.pdf?t=1782991175" target="_top">erweiterte Leseprobe</a></p>
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<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-17194 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-2_Aglaia-qu-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-2_Aglaia-qu-150x150.jpg 150w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-2_Aglaia-qu-300x300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-2_Aglaia-qu.jpg 404w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" />Die Autorin</strong><br />
<strong>Aglaia Blioumi </strong>wurde in Bad Cannstatt-Stuttgart geboren, wo sie bis 1983 aufwuchs, danach remigrierte die Familie nach Thessaloniki. Von 1990 bis 1995 Studium der Germanistik in Thessaloniki und an der FU Berlin. 2001 Promotion an der FU Berlin über deutsch-griechische Migrationsliteratur.<br />
Lehrtätigkeiten an der FU Berlin, Aristoteles Universität Thessaloniki, Open Universität Patras. Sie hat deutschsprachige und griechischsprachige Monographien, Editionen und zahlreiche Artikel zur deutschen Literatur publiziert. Literarische Texte veröffentlichte sie erstmals auf Deutsch in deutschsprachige und bilinguale (deutsch/griechisch) Anthologien. Ihr erster Roman <em>Verabschiede dich von Stuttgart, Astyanax</em> erschien 2022 auf Griechisch im Athener Verlag Kedros und 2026 auf Deutsch im Dresdner Thelem Universitätsverlag.</p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-17193 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-1-Seel-qu-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-1-Seel-qu-150x150.jpg 150w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-1-Seel-qu-300x300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/08/ab-1-Seel-qu.jpg 346w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" />Der Übersetzer</strong><br />
<strong>Olaf Immanuel Seel</strong> ist Assoziierter Professor für Sprache und Übersetzung mit Schwerpunkt Deutsch/Griechisch an der Abteilung für Fremdsprachen, Übersetzen und Dolmetschen der Ionischen Universität auf Korfu. 2020 und 2024 wurde er von der Europäischen Gesellschaft für Translationswissenschaft (European Society for Translation Studies – EST) mit dem „EST Translation Prize“ ausgezeichnet.<br />
Neben mehreren wissenschaftlichen Büchern und zahlreichen Artikeln ist er Inspirator und Mitherausgeber der internationalen wissenschaftlichen Buchreihe „Metafrasis. International Studies in Translation and Interpreting“.</p>
<p><em>Buchvorstellung: Olaf Immanuel Seel; erschien auf EL zuerst im Onlinemagazin fractal <a href="https://www.fractalart.gr/apochaireta-tin-ti-stoutgardi-astyanakta/">hier</a>. </em><em>Mit freundlicher Genehmigung des Kritikers und des Portals. </em><em>Auszug: Aglaia Blioumi in der Übersetzung von Olaf Immanuel Seel. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags. Fotos: privat. Redaktion: A.Tsingas. </em><em>Artikel v</em><em>on Kostas Kalfopoulos zum Buch und zu </em><em>den Hintergründen der sogenannten Migrantenliteratur <a href="https://booksjournal.gr/kritikes/koinonia/4138-yparxei-simera-logotexnia-tis-metanastefsis">hier</a> (</em><em>auf EL)</em></p>
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			</item>
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		<title>das grillenzirpen zwischen den rippen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Athanassios Tsingas]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Sep 2026 07:00:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
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					<description><![CDATA[Platon lässt in „Phaedrus“ musentrunkene Menschen zu zirpenden Zikaden werden, die nicht mehr essen und trinken, sondern nur noch singen. Elena Mpeis Gedichte könnten uns durchaus in diesen Zustand versetzen. Der lebhafte Lyrikband vereint Gedichte ... <p class="read-more-container"><a title="das grillenzirpen zwischen den rippen" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/lyrik/das-grillenzirpen-zwischen-den-rippen/#more-16969" aria-label="Mehr Informationen über das grillenzirpen zwischen den rippen">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Platon lässt in „Phaedrus“ musentrunkene Menschen zu zirpenden Zikaden werden, die nicht mehr essen und trinken, sondern nur noch singen. Elena Mpeis Gedichte könnten uns durchaus in diesen Zustand versetzen.</p>
<p>Der lebhafte Lyrikband vereint Gedichte über das Verschwinden eines kleinen Gemischtwarenladens in Athen, eine unvergessliche Begegnung auf einer Fährenfahrt in der Ägäis, wie auch über Zikaden, die sich 17 Jahre vorbereiten, um nur einen Sommer lang zu leben. Er erzählt von einem Transfer weg <em>aus einer handschriftlichen Zeit</em> hinein in ein <em>Mitteilungsstakkato aus Social-Media-Kanälen</em>. Die Texte sprechen von der Invasion großer Windkraftanlagen auf Inseln der Ägäis, einem Erlebnis am Morgen eines <em>unverbindlichen Frühlings</em> in Berlin, <em>als dir die Zeit über den Weg lief</em>, und vom eindringlichen „Manifest der Feuergewächse“ gegen die Verwüstungen des Betonzeitalters. Laut Verlag <em>ein Debüt von 32 Gedichten mit breit gefächerten Themen </em>[&#8230;]<em> ein Heraustreten aus der Beengtheit des Ich – unbedingt lesen!</em></p>
<p>Das sollte man sich zu Herzen nehmen. Auch nach diesen Rezensionen, die den Band viel treffender besprechen, als ich es vermag. Da sind beispielsweise die <a href="https://calligramme.ch/buchempfehlungen/Buchempfehlungen_2024-12.pdf">Calligramme Buchempfehlungen</a> von Michael Pfister (02.12.2024): <em>Mpei stammt aus Köln und Griechenland, sie hat offenbar viel Zeit auf Theaterbühnen und in Südafrika verbracht. Ihre Gedichte sind Aufbrüche, Umzüge, Bewegungen. Sie reisen im Zug, per Fahrrad und an Bord eines Schiffes, oder sie schliessen sich einer Karawane an.</em> […] <em>Aus Sand, Wind und Wasser baut die Dichterin ihre Sprachhäuser, aus Sternen, Samen, Asche, Haut und Stau. </em></p>
<p>Weitere Rezension gibt es von der <a href="https://www.planetlyrik.de/elena-mpei-das-grillenzirpen-zwischen-den-rippen/2024/10/">planet lyrik</a>-Redaktion (06.10.2024) und von <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/lesen-in-der-aegaeis-literaturfestival-auf-tinos-dlf-kultur-3243642f-100.html">Lesart, Deutschlandfunk</a> als Audio von Carsten Hueck im Gespräch mit Elena Mpei (26.07.2024; darin erwähnt sie das Dorf Volax auf Tinos, s. auf diablog <a href="https://diablog.eu/reise/das-dorf-volax-auf-tinos/">hier</a>) und das Bonner Stadtmagazin <a href="https://www.nimbusbooks.ch/sites/default/files/rezension_mpei_schnuss_2024_05_030.pdf">Schnüss</a> von Klaas Tigchelaar (01.05.2024), der schreibt: <em>Mpeis Neugier, ihr lyrisches Mitgefühl, die Wut nach oben und die Fürsorglichkeit nach unten strahlen aus jeder Zeile dieser kurzweiligen, gelungenen Gedichtsammlung, die kein besseres Datum zur Veröffentlichung hätte erwischen können als genau jetzt</em>.</p>
<p>Was aber bislang nicht thematisiert wurde, ist Mpeis Zweisprachigkeit. Sie selbst meint dazu: <em>Ich dichte tatsächlich in beiden Sprachen, so wie ich in beiden Sprachen denke und fühle. Zu Veröffentlichungszwecken habe ich nur meine eigene Lyrik übersetzt, im Rahmen von Poesieabenden übertrage ich aber auch die Werke anderer Lyriker. </em><em>Lyrik zu übersetzen ist ein schönes und spannendes Unterfangen, denn man versucht dabei, einem anderen Lebensgefühl so nah wie möglich zu kommen. Im besten Fall bewahrt das Gedicht bei der Übertragung etwas von seinem ursprünglichen Wesen; es verliert zwar Nuancen, gewinnt aber durch die neue Sprache andere hinzu. In Lyrik steckt die Vielfalt von Sprache, Lebenskontext und Lebensgefühl, was in einer zunehmend vereinheitlichten Welt etwas unglaublich Wertvolles ist. </em>Mit diesem Wissen können wir zu den Leseproben übergehen.</p>
<hr />
<p><strong><em>KYR </em></strong><strong>HARALAMBOS‘ LADEN</strong></p>
<p>An <em>Kyr</em> Haralambos<em>‘</em> Laden<br />
bleibe ich immer stehen &#8211;<br />
um seinen Laden, wo bis vor Kurzem<br />
Bitterorangenbäume und die Baracken<br />
der Flüchtlinge aus Smyrna standen,<br />
ragen nun hohe Betonhäuser gen Sonne.</p>
<p><em>Kyr</em> Haralambos<em>‘</em> Laden:<br />
In unserem Viertel die einzige Konstante.<br />
Montag bis Sonntag sitzt er fast im Dunkeln hinter seiner<br />
verstaubten Theke aus den 50er Jahren<br />
mit Bonbons, kommunistischen Zeitungen und<br />
Schwimmreifen und jeden Tag<br />
stellt er auf den Klapptisch vor seinem Laden<br />
zwei, drei zeitlose Waren.</p>
<p><em>Kyr</em> Haralambos<em>‘</em> Laden:<br />
Mein erstes Kaugummi mit Farbtatoo und grüner Zunge!<br />
Mein erstes Heft mit Linien, Kartenspiel und Puzzle<br />
und <em>bic</em>-Kugelschreiber für die erste Klasse<br />
in rot, blau und schwarz<br />
für 30 Drachmen.</p>
<p>In <em>Kyr</em> Haralambos<em>‘</em> Laden<br />
blättere ich in Blöcken aus<br />
vergilbten Seiten mit Eselsohren:<br />
Zukünftige Briefe an noch Unbekannte,<br />
eines Tages vom Postboten auf entlegensten Inseln ausgetragen.<br />
Zukünftige Logbücher von Überfahrten<br />
zu Verwandten in Australien!<br />
Papier für Geschichten aus unserem Viertel<br />
die irgendwann auf dem Regal eines Antiquariats der Polis ausharren.</p>
<p>In <em>Kyr</em> Haralambos<em>‘</em> Laden<br />
kaufe ich mal einen bunten Briefumschlag,<br />
mal einen Bleistift, mal Blumen, auch um<br />
seine Einnahmen am Laufen zu halten <em>– </em> und<br />
schlechten Gewissens, dass auch meinetwegen<br />
die teuren Modellflugzeuge weiter verstauben.</p>
<p>Gegenüber beobachtet mich<br />
der <em>Prezaki</em> unseres Viertels,<br />
schlendert nach mir in den Laden und<br />
erbettelt den soeben gemachten Umsatz<br />
aus <em>kyr</em> Haralambos<em>‘</em> Kasse.</p>
<p>*</p>
<p>Vor <em>Kyr</em> Haralambos<em>‘</em> Laden<br />
suche ich heute den Klapptisch vergeblich.<br />
Ich spähe durch die Tür und sehe wie</p>
<p><em>Kyr</em> Haralambos nach fünfzig Jahren<br />
die letzten Hefte und Süßigkeiten in<br />
Plastiktüten einer Supermarktkette wegpackt.<br />
Er muss Platz machen, sagt er, für ein Hotel.<br />
Ich stehe entwurzelt auf der Straße. <em>– </em></p>
<p>Der <em>Prezaki </em>rührt sich nicht von der Stelle und<br />
blickt mir ungläubig in die Augen.<br />
Meine Härte tut mir nun leid,<br />
er war Teil von <em>Kyr </em>Haralambos‘ Mikrokosmos.</p>
<p>Vielleicht wird man später von uns sagen:<br />
Das waren die drei, die den Kampf ums Viertel<br />
am Ende verloren haben.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-17010 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-04_KyrHaralambos-Laden_2-500x375.jpeg" alt="" width="500" height="375" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-04_KyrHaralambos-Laden_2-500x375.jpeg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-04_KyrHaralambos-Laden_2-300x225.jpeg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-04_KyrHaralambos-Laden_2-768x576.jpeg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-04_KyrHaralambos-Laden_2-450x338.jpeg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-04_KyrHaralambos-Laden_2.jpeg 1024w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /></p>
<hr />
<p><em>Als der Gesang der Musen auf der Erde zu hören war </em><br />
<em>waren die Menschen so hingerissen, </em><br />
<em>dass sie versuchten, sie nachzuahmen</em><br />
<em>und dabei das Essen und Trinken vergaßen – </em><br />
<em>und nur mehr sangen und starben, ohne es zu merken. </em><br />
<em>Aus ihnen wurde die Zikade</em>.<br />
<em>                                               Platon,</em> <em>Phaedrus</em></p>
<p><strong>ZEIT DER ZIKADEN</strong></p>
<p>Siebzehn Jahre lang nähern sich<br />
die Sommer leise an und ziehen sich<br />
ebenso still zurück, ohne dass jemand<br />
ihr Kommen und Gehen vernimmt.</p>
<p>Siebzehn Jahre lang riechen sie<br />
den Harz, saugen den herben Wurzelsaft<br />
während das rege Tapsen, Rascheln, Knirschen<br />
nur gedämpft zu ihnen dringt.</p>
<p>Doch dieser Sommer kommt und entfacht ein Kribbeln. Ungestüm<br />
drängt es von innen nach außen. Durchbricht die zu eng gewordene<br />
Haut. Licht lugt durch winzige Tunnel in tiefe Erdschichten.<br />
Es ist Zeit. Unaufhaltsam laufen sie Wurzeln, Baumstämme, Zweige<br />
empor. Werfen hoch oben im Freien die Haut ab und spüren wie ihre<br />
Hülle über Nacht zu zwei Flügeln heranwächst.</p>
<p>Dicht an dicht, ziehen sie ihren Bauch zusammen, vibrieren<br />
mit dem Körper zu einem pulsierenden Gesang, Aufruf,<br />
Stakkato. Schlagen die Flügel zu zweit aneinander, berühren sich<br />
und graben ihre Nymphen tief in die Äste ein, damit diese später<br />
unbemerkt in den Bäumen schlüpfen. Sie werden sich von den Zweigen<br />
fallen lassen, um in der Erde Zuflucht zu finden. Für siebzehn Jahre.</p>
<p>*</p>
<p>Das Ende des Sommers wird kommen. Die alten Zikaden<br />
werden für immer hinabfallen. Gewiss, dass die<br />
Jahre der Dunkelheit und Einsamkeit nicht vergebens<br />
waren. Ihr Zirpen bleibt. Still hallt es nach.</p>
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<hr />
<p><strong>FORSTE DICH AUF</strong></p>
<p><i>21st century reality<br />
</i>Diese entseelte Teerstraße aus kleingedruckten Regeln und Rollenspiel<br />
eine Denkstörung, nein, eine Existenzhemmung<br />
Du bist nicht einmal da, es ist nur Einecho / Einecho<br />
zwischen selbstdarstellerischen Dateianhängen<br />
und linearen Lebenslaufzwängen</p>
<p><i>21st digital reality<br />
</i>Diese unersättliche Ich-erscheine-Industrie<br />
ein technologisches Tentakel aus virtuellen Verhältnissen<br />
Breche aus, Freund, deine Realität ist Replik</p>
<p>Doch irgendwo anders<br />
in einem beinah gerodeten Gefilde, wo einst<br />
wildes Schilfrohr und Oreganoblüten sprossen<br />
findest du Wege, die nicht kartographiert wurden</p>
<p>Hier wurden unsere Körper einst zusammen-<br />
geknetet aus Brot, Blut und Salz<br />
ein Paar Augen und ein Paar Flügel auf dem Rücken<br />
hungrig nach Durchleben und Erspüren am eigenen Leib</p>
<p>Wir sind abgezählt und bemessen<br />
gemäß der Alchemie von Akt und Asche<br />
und bewohnen ein paar Jahre: ein Labyrinth<br />
das sich an Lichtpassagen und Abschiedstoren vorbeiwindet</p>
<p>Ein rückhaltlos mit Hand, Fuß und Herzfell<br />
zu durchschreitender Widersinn<br />
Freund, dir bleibt keine Zeit<br />
für eine computergenerierte Existenz</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-17008 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-02_Forste-dich-auf_2-500x625.jpg" alt="" width="500" height="625" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-02_Forste-dich-auf_2-500x625.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-02_Forste-dich-auf_2-240x300.jpg 240w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-02_Forste-dich-auf_2-768x960.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-02_Forste-dich-auf_2-450x563.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-02_Forste-dich-auf_2.jpg 819w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /></p>
<hr />
<p><strong>WAS BLEIBT</strong></p>
<p>ein Vibrieren<br />
bis in die feinsten Verästelungen<br />
der Lunge<br />
der Farbenhagel<br />
auf der Haut<br />
das Grillenzirpen<br />
zwischen den Rippen</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-17004 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-09_Was-bleibt_1-500x473.jpg" alt="" width="500" height="473" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-09_Was-bleibt_1-500x473.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-09_Was-bleibt_1-300x284.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-09_Was-bleibt_1-768x726.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-09_Was-bleibt_1-450x426.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-09_Was-bleibt_1.jpg 960w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /></p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-17015 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-00_cover.png" alt="" width="340" height="531" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-00_cover.png 340w, https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-00_cover-192x300.png 192w" sizes="auto, (max-width: 340px) 100vw, 340px" /></p>
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Elena Mpei: <em>das grillenzirpen zwischen den rippen</em><br />
Gedichte; Verlag Nimbus, Wädenswil/Schweiz, 2024, 28 Euro<br />
80 Seiten, 20,5 x 13,8 cm, Ganzleinenband mit Fadenheftung<br />
ISBN 978-3-03850-095-7</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-17016 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/06/mp-12_elena_mpei_privat-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p><strong>Die Lyrikerin</strong><br />
<strong>Elena Mpei</strong>, geb. in Köln, studierte Theaterwissenschaften, Germanistik und Psychologie an der Universität München. Sie arbeitete als Regieassistentin an Theatern in München, Salzburg und Heidelberg, ehe sie 2004 nach Südafrika übersiedelte. Dort machte sie eine Fortbildung zur Journalistin und arbeitete mehrere Jahre in Kapstadt und Johannesburg als Redakteurin und Texterin. In Zusammenarbeit mit einer Kapstädter Non-Profit-Organisation realisierte sie Theatre-for-Development-Projekte. Zwischen 2010 und 2019 veröffentlichte sie in Deutschland drei Bücher über Südafrika (Conbook); Gedichte von ihr erschienen in Anthologien und Literaturzeitschriften in Deutschland, Österreich und Griechenland. Elena Mpei engagiert sich in Athen und auf den Kykladen, die sie bereist und immer wieder neu entdeckt.</p>
<p class="textinfo"><em>Lyrik: Elena Mpei, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Nimbus. Fotos: E. Mpei. Vorstellung und Redaktion: A. Tsingas. Dank an Paschalis Tounas für Vorschlag und Kontakt.</em></p>
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			</item>
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		<title>Niki – ein griechischer Familienroman</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michaela Prinzinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Aug 2026 08:06:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Niki ist eine Familiensaga, die Licht auf die Geschichte Griechenlands vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit des Bürgerkriegs in den 1950er-Jahren wirft. Niki Armaou, die Titelheldin, beschreibt nach ihrem Tod im Jahr ... <p class="read-more-container"><a title="Niki – ein griechischer Familienroman" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/niki-ein-griechischer-familienroman/#more-16834" aria-label="Mehr Informationen über Niki – ein griechischer Familienroman">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><em>Niki</em> ist eine Familiensaga, die Licht auf die Geschichte Griechenlands vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit des Bürgerkriegs in den 1950er-Jahren wirft.</p>
<p>Niki Armaou, die Titelheldin, beschreibt nach ihrem Tod im Jahr 2008 als rückblickende Ich-Erzählerin die Geschichte ihrer Familie, ihrer Kindheit und die einer jungen Frau, die ihren eigenen Weg geht. Als Tote kann sie sowohl subjektiv als auch eine allwissende Erzählerin sein, auch wenn sie ihre Erlebnisse mit den staunenden Augen eines Kindes beschreibt.</p>
<p>Sie beginnt bei den Großeltern, schildert den ideologischen Werdegang der Eltern und das Überleben der Familie, die als Linke sieben Jahre lang in Athen untertauchen und eine neue Identität annehmen musste. Der Roman macht die Spaltung des Landes in Links und Rechts, den ewigen Hass zwischen den ideologischen Lagern verständlich und nachvollziehbar, aber auch die Grabenkämpfe innerhalb der Parteien. In einer einzigen Familie treffen Kollaborateure, Verräter, moskautreue Stalinisten und Rechtskonservative aufeinander und illustrieren das ganze Panorama ideologischer Überzeugungen. Aber bei Chomenidis wird keine Seite heroisiert oder dämonisiert. Eine griechische Familie hält durch Dick und Dünn zusammen…</p>
<p>Kurzum, ein rundum gelungener Familienroman, der in die Fußstapfen des Bestsellers „Eleni“ von Nicholas Gage treten kann. Nach der genussvollen Lektüre legt man ihn mit dem Gefühl aus der Hand, dieses Land, das von Touristen geliebt wird und sich selbst einerseits als Hüter der europäischen Werte, andererseits als europäische Peripherie begreift, viel besser zu verstehen. Das Tragische enthält einen Kern des Komischen und wird dadurch erträglich.</p>
<hr />
<p><strong>Der Auszug</strong></p>
<p>Für meine Tochter<br />
und alle Kinder in ihrem Alter<br />
Um sich von der Vergangenheit zu befreien,<br />
muss man sie kennen.</p>
<p style="text-align: center;">„Dein verehrtes Bild, die Flamme ist sein Schild,<br />
bring ich dir am frühen Morgen…“<br />
<em>Michalis Katsaros</em></p>
<p><strong>Anmerkung des Autors</strong></p>
<p>Die Figur von Niki Armaou basiert auf der Geschichte meiner Mutter, Niki Nefeloudi.<br />
Niki Armaou ist eine Romanfigur, so wie alle anderen Personen, die auf den Seiten dieses Buches vorüberziehen. Sie spiegeln das Leben und die Taten echter Personen in der Welt der Fiktion wider. Als Autor handle ich nicht buchstabengetreu, sondern bleibe dem Geist jeder Lebensgeschichte treu. Und der Geschichte im Allgemeinen. Ich arrangiere die Ereignisse mit künstlerischer Willkür, weil ich bis zu ihrer Essenz vordringen will. Dabei lässt mich bis zur letzten Zeile die Angst nicht los, Menschen falsch einzuschätzen oder ihnen unrecht zu tun.</p>
<hr />
<p>Jetzt, da ich tot bin und aufgebahrt liege in meinem besten weißen Kleid, das ich selbst ausgesucht habe und eine Woche vor meinem letzten Besuch im Krankenhaus reinigen ließ, jetzt, da ich im Kühlraum der Leichenhalle liege und darauf warte, dass der Tag meines Begräbnisses anbricht, jetzt, da ich unterwegs bin zum Ort, an dem – wie man sagt – weder Schmerz noch Trauer oder Seufzer bestehen, fühle ich mich freier als je zuvor. Frei, durch die siebzig Jahre meines Lebens zu streifen, vor und zurück zu reisen in der Zeit, bei Wegmarken innezuhalten und bei wichtigen Entscheidungen, die ich selbst oder die andere für mich getroffen haben. Frei, mich allem umfassend, klar und deutlich zu stellen, aber auch winzige Einzelheiten unters Vergrößerungsglas zu legen, kaum sichtbare Nuancen zu betonen, die alles vielleicht in einem neuen Licht erscheinen lassen. Aber was für Nuancen? Nicht die kleinen Unterschiede, die mich von den anderen Menschen abheben, sondern von den unendlich vielen Varianten meiner selbst, die ich als Möglichkeit in mir trug und die niemals Blüten oder Früchte getragen haben. Die Nuancen, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin, und nicht zu dem, was ich hätte werden können.</p>
<p>Solange ich lebte, verweigerte ich den Luxus, Dinge endlos wiederzukäuen. Selbst in meinen Tagebüchern, die ich seit der Zeit, als ich unter fremdem Namen untergetaucht lebte, fast ununterbrochen geführt habe, fällte ich keine Urteile, sondern schilderte ich Ereignisse: „Ich bin dort und dorthin gegangen, ich habe den und den getroffen, mir ist das und das passiert…“. Nur ein paar Unterstreichungen oder – noch seltener – in Klammer gesetzte Ausrufungszeichen deuteten meine Gefühle an.<br />
Am Tag, als ich erfuhr, dass ich Krebs habe, machte ich keinen Eintrag. Am nächsten Tag notierte ich, was ich alles fürs Krankenhaus packen muss – eine kommentarlose Liste. Habe ich mich sogar vor mir selbst versteckt? Kann sein.<br />
Aber vielleicht glaubte ich auch, dass man ein Bild nur dann sinnvoll beurteilen kann, wenn es vollendet ist. Das ist jetzt der Fall.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Das Kind der Rache</strong><br />
(Seiten 159-178)<br />
<strong>Kapitel VIII </strong></p>
<p>Wann wurde die Niederlage der Achsenmächte deutlich? Nach dem Angriff auf Pearl Harbour und dem Kriegseintritt der USA? Nach Stalingrad? Seit dem Frühjahr 1944 war allen Griechen bewusst, dass die deutsche Besatzung ihrem Ende zuging. Zu Ostern wünschte man sich gegenseitig bedeutungsvoll „Frohe Auferstehung!“<br />
„Aber Jesus ist doch schon gestern auferstanden“, sagte ich zu Oma. „Wir warten auf eine andere Auferstehung“, antwortete sie.<br />
In der Zwischenzeit breitete sich die „Auferstehung“ von Tag zu Tag weiter aus, genauso wie ihre blutige Unterdrückung. Jeden Abend bei Einbruch der Dunkelheit hörten wir in Kallithea den „Schalltrichter“. So nannte man die Frauenstimme der Vereinigten Panhellenischen Jugendorganisation, die aus einem Lautsprecher drang. „Hier spricht die EPON!“, rief sie leidenschaftlich und informierte die Zuhörer über den Fortgang des Befreiungskampfes. Im Morgengrauen darauf standen stets mehr Parolen an den Wänden. Beinah wöchentlich erfuhren wir von deutschen Razzien, die wieder Menschen Tod oder Gefangenschaft gebracht hatten. Oma ließ, insbesondere nach dem Tod ihres Sohnes Giannos, ihren Gefühlen freien Lauf und ihrer Ungeduld, die Deutschen sollten endlich „abhauen“. Auf die gallige Bemerkung der Nachbarin „Für deine Söhne, Frau Sevasti, trifft das zu, aber für deine Schwiegersöhne? Was wird aus denen?“ antwortete sie mit einem Bibelzitat: „Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, werden zum Gericht auferstehen.“<br />
Zum ersten Mal wählten ihre beiden Schwiegersöhne getrennte Wege.<br />
Savvas Bogdanos, der ein ruhiges Gewissen hatte und überzeugt war, dass er seine patriotische Pflicht getan hatte, beschloss, bis zum letzten Tag im Ministerium zu bleiben und es geordnet der Regierung zu übergeben, sobald sie aus dem Exil im Nahen Osten zurückkehrte. Er verfasste einen ausführlichen Rechenschaftsbericht und machte sich vor, dann würde ihn sogar der Misstrauischste von aller Schuld freisprechen, ja, ihm sogar auf die Schulter klopfen.<br />
Stratos Vranas gab sich hingegen keinen Illusionen hin. Da er dicke Geschäfte mit den Deutschen gemacht hatte, war sein Schicksal nach ihrem Abzug besiegelt. Natürlich konnte er probieren, sich ein antikommunistisches Mäntelchen umzuhängen oder die neuen Verantwortlichen kräftig zu schmieren, um seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Aber sie würden ihn immer in der Hand haben, sie würden ihn immer erpressen, das war sicher. Er sah nur eine Lösung: Er musste den abziehenden Besatzungstruppen folgen. Ihre Zukunft war untrennbar miteinander verbunden.<br />
Zu Beginn des Sommers begann er, seine Fühler auszustrecken. Mitte August hatte er endlich eine konkrete Information in der Hand. Aus zuverlässiger Quelle hatte er erfahren, dass ein Nachtzug mit auserwählten, aber unwiderruflich kompromittierten Kollaborateuren, die Führungspositionen innehatten, Athen verlassen würde. Nach einem kurzen Halt in Thessaloniki, wo die „Kampfgenossen“ aus Nordgriechenland zusteigen sollten, sollte er nach Wien weiterfahren.<br />
„Reserviert mir einen Fensterplatz!“, sagte Stratos und beeilte sich, mit Gold und Juwelen zwei sündteure Fahrkarten für sich und Markella zu kaufen. „Wann sollen wir am Larissis-Bahnhof sein?“, fragte er. „Wir treffen uns nicht dort“, teilte man ihm mit. „Damit sich unsere Abfahrt nicht herumspricht, versammeln wir uns viel früher im Schwarzen Kater, du weißt schon, Ecke Agiou-Meletiou und Acharnon. Zu gegebener Zeit holt uns dann ein Militärlastwagen ab. Jeder Passagier darf nur ein Gepäckstück mitnehmen.“ Stratos verzog das Gesicht, aber er stimmte zu. Hatte er eine andere Wahl?<br />
Tante Markella musste eine regelrechte Entführung inszenieren, um mich zum Schwarzen Kater mitzunehmen. Was hatte ein sechsjähriges Mädchen auch in einem schlecht beleumundeten Lokal auch zu suchen? Markella log Oma vor, wir würden gemeinsam eine Varietévorstellung für Kinder im Zappion-Palais besuchen, und versprach ihr, spätestens um neun seien wir zurück in Kallithea. Auf der Fahrt eröffnete sie mir die Wahrheit: „Ich zeige dir, wie sich Erwachsene amüsieren!“<br />
Tante Markella und ihr Mann hatten sich schon am frühen Morgen getrennt &#8211; sie war zu Hause geblieben und hatte das Notwendigste gepackt, er war davongestürzt, um die letzten Dinge zu erledigen. Wer wusste schon, wann sie zurückkehrten, vielleicht nie. Als Markella und ich Hand in Hand beim Schwarzen Kater ankamen, fiel Stratos die Kinnlade herunter.<br />
„Bist du verrückt geworden?“, rief er empört. „Warum schleppst du sie mit hierher?“ Aber meine Tante sah keinen Grund, sich zu rechtfertigen: „Ich wollte meinen letzten Abend in Griechenland mit ihr verbringen!“<br />
„Sag bloß, dass du sie heimlich in den Zug schmuggeln willst. Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen!“, knurrte Stratos.<br />
Die zärtliche Zuneigung, die er mir in den letzten drei Jahren gezeigt hatte, war mit einem Schlag verschwunden.<br />
„Wofür hältst du mich?“ Markella warf ihm einen giftigen Blick zu. „Setz dich, meine kleine Niki!“, sagte sie und drückte mich auf den Platz neben sich. „Und du, mein Herr, bestellst uns was zu essen. Das Kind hat Hunger!“<br />
Ich hatte, so kam mir vor, von Geburt an viel mehr Erfahrungen gesammelt als die meisten meiner Altersgenossen. Ich war daran gewöhnt, ständig neue und bizarre Dinge zu erleben. Aber was ich im Schwarzen Kater sah und hörte, beeindruckte mich tiefer als alles andere.<br />
Es war ein Saal im Souterrain, in dem zwanzig, mit Pergamentpapier gedeckte Holztische standen. Auf dem Mosaikfußboden lagen Sägespäne. Auf jedem Tisch stand in der Mitte eine Petroleumlampe, deren Helligkeit die Gäste selbst einstellen konnten. Selbst im Halbdunkel eilten die Kellner, beladen mit übervollen Tabletts, geschäftig hin und her. Darauf lagen Schafsköpfe und Grillhähnchen, Schweinekoteletts und gegrillte Meeresfrüchte, garniert mit Bergen von Makkaroni und Schmorkartoffeln.<br />
Der Schwarze Kater hatte sich mit den Fahrgästen des Wiener Zugs gefüllt, die entschlossen waren, sich vor ihrer Abreise zu amüsieren. Schäumende Champagnerflaschen wurden entkorkt, Zigarren entzündet, Wasserpfeifen gurgelten. Ich überwand meine Schüchternheit und staunte, dass die anwesenden Frauen mitten im August Pelzmäntel und überall &#8211; an Fingern, Armen und Hälsen &#8211; Schmuck trugen. So umgingen sie die Ein-Koffer-Regel pro Person. Die Männer, darunter auch Stratos, zögerten nicht, ihre Pistolen neben die Teller zu legen. „Steck das sofort wieder ein!“, befahl Markella. Er warf ihr einen schrägen Blick zu, schob die Waffe aber unter eine Serviette.<br />
Nachdem das Festmahl verputzt war, trafen die Musiker ein: zwei Bouzoukispieler, ein Gitarrist, ein Akkordeonspieler und eine Rothaarige mit Tamburin. Auf Sifnos hatte ich einmal von einem bekifften Musiker ein Rebetikolied gehört, aber danach nie wieder. Sie schoben fünf Stühle zu einer provisorischen Bühne zusammen. Anfangs erschien mir ihr Spiel monoton und weinerlich. Aber je länger sie spielten, umso süßer erschien mir der Klang. Zweifellos trugen dazu die Ausdünstungen des „Weihrauchs“ bei, der von den Haschischstücken auf den Wasserpfeifen emporstieg. Unerfahren wie ein Milchlämmchen fiel ich rasch in einen unbekannten, träumerischen Zustand. Müde und schwer kuschelte ich mich in die Arme meiner Tante. Immer wenn ich die Augen aufschlug, erblickte ich ein neues, psychedelisches Bild. Fünf Männer, vereint in einem rasend schnellen Hasaposerviko, stampften mit den Füßen auf den Mosaikboden. Die Schuhsohlen mussten beschlagen sein, anders war der ohrenbetäubende Lärm, den sie veranstalteten, nicht zu erklären, sie klangen wir eine galoppierende Herde. Einer tanzte den Zembekiko mit einem Messer zwischen den Zähnen, und sein Freund goss Alkohol auf den Boden und entzündete ihn. Die Sängerin schlug das Tamburin wie im Rausch, und zwei Gäste hoben sie samt Stuhl in die Luft und trugen sie durch den Saal. Da die beiden ungleich groß waren, der eine ein Hüne, der andere ein Bürschchen, drohte der improvisierte Thron zu kippen, die Sängerin brach abwechselnd in Angstschreie und Lachsalven aus.<br />
Stratos, der langsam in Stimmung kam, entdeckte seine alte Liebe für mich. „Ich bringe es nicht übers Herz, die Kleine zurückzulassen!“, verkündete er Markella. „Ach, wenn schon, denn schon! Wir nehmen sie mit!“ Mir brach der Angstschweiß aus. Sie hatten mir nicht erzählt, wo sie hinwollten, aber ich ahnte nichts Gutes. „Niki hat doch noch ihre Eltern!“, fuhr ihm meine Tante in die Parade. Sie war wahrscheinlich die Einzige im Saal, die völlig nüchtern geblieben war. „Ach so? Die sind doch vom Erdboden verschwunden…“, spottete Stratos und füllte ihr Champagnerglas randvoll. Markella wurde knallrot vor Zorn und wer weiß, was zwischen ihnen noch vorgefallen wäre, wenn nicht in diesem Moment die Deutschen das Lokal betreten hätten.<br />
Sobald die Uniformierten an der Schwelle standen, erstarb die Musik und die Gäste setzten sich auf. „Der Zug, meine Damen und Herren, ist bereit zur Abfahrt!“, schnarrte der Anführer des Kommandos, der einen weißen Umhang trug. „In zwei Militärjeeps, die draußen warten, werden Sie zum Larissis-Bahnhof gebracht. Davor müssen wir vorschriftsmäßig eine Leibesvisitation durchführen. Auf der Reise ist Waffenbesitz nicht erlaubt. Wir behalten sie ein, und Sie bekommen sie bei Ihrer Ankunft in Wien zurück.“<br />
So wenig das den wichtigtuerischen Kollaborateuren auch gefiel, sie mussten sich fügen. Ein Tisch nach dem anderen zahlte dem Oberkellner des Schwarzen Katers die Rechnung, die Herren legte die Pistolen auf den Tresen und ließ sich breitbeinig und mit erhobenen Händen von den Soldaten durchsuchen. Auch die Damen wurden nicht verschont.<br />
Geraume Zeit, bevor wir an der Reihe waren, stand Markella vom Tisch auf. „Wo gehst du hin?“, wunderte sich Stratos. „Ich setze Niki in ein Taxi und schicke sie zu ihrer Oma. Ich bin gleich wieder da!“, antwortete sie und zog mich mit hinaus. Nachdem wir mit niedergeschlagenen Augen an den Deutschen vorbei den Schwarzen Kater verlassen hatte, liefen wir los. An der Ecke Agiou-Meletiou und Patission hielten wir ein Taxi an. „Zum Hotel Cecil in Kifissia“, befahl meine Tante dem Fahrer.<br />
Stratos musste kein Hellseher sein, um rasch zu begreifen, was los war. Aber wurde er auch nur eine Minute schwankend? Kam ihm der Gedanke, wegen Markella zurückzubleiben? Selbst wenn, erstickte er ihn wir ein neugeborenes Kätzchen. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, muss er sich gesagt haben.<br />
„Haben Sie nicht zwei Fahrkarten bezahlt, Herr Vranas?“, fragte der Anführer des Kommandos süffisant. „Wenn Sie allein reisen, dürfen Sie kein zweites Gepäckstück mitnehmen, tut mir leid.“ Stratos warf Markellas edlem Lederkoffer, einem Geschenk von ihm, randvoll gepackt mit Seidenkleidern und Wertsachen, einen schmerzlichen Blick zu. Dann fiel ihm auf, dass die Musiker noch an einem Tisch im Lokal saßen. Er packte den Koffer und stellte ihn vor der Sängerin ab. „Zünde ab und zu eine Kerze am Grab meines Vaters am Ersten Friedhof an“, trug er ihr auf.<br />
Im selben Augenblick, um zwanzig vor drei Uhr nachts, zogen sich Stratos Vranas im Zug und Markella Armaou im Hotel gleichzeitig den Ehering vom Finger, zum Symbol ihrer einvernehmlichen Trennung.<br />
Als wir am nächsten Morgen von Kifissia nach Kallithea zurückkehrten, erwartete uns Oma Sevasti schon an der Tür. In so einem Zustand hatte ich sie noch nie gesehen. Sie war außer sich, kurz vorm Explodieren. Markella stammelte ein paar Entschuldigungen: „Ich konnte dich nicht benachrichtigen“ und „Hast du kein Vertrauen zu mir, Mutter?“ Aber Oma schluckte das nicht. Sie packte uns beide an den Haaren und zerrte uns ins Haus. „Geh und wasch dich“, befahl sie mir. „Wer weiß, wo dich meine ehrenwerte Frau Tochter hingeschleppt hat! Und du, Herumtreiberin, erzählst mir alles haarklein!“<br />
Markella konnte, so sehr sie das auch gewollt hätte, dem unerbittlichen Blick ihrer Mutter nicht ausweichen. Jedes Wort von ihr brachte Sevasti noch mehr in Rage.<br />
„Warum hast du Niki mitgenommen?“<br />
„Damit ich einen Grund hatte wegzukommen.“<br />
„Einen Grund oder einen Vorwand? Du als gestandene Frau hast dich hinter dem Kind versteckt? Um wegzukommen? Oder eher, um deinen Mann, wenn’s brenzlig wird, allein zu lassen? Habe ich dich so erzogen? Dass du den bequemsten Weg wählst? Die ganze Zeit, als die kleinen Leute hungerten und für alles und jedes mit ihrem Leben bezahlten, warst du auf der sicheren Seite und hast du dein Leben genossen!“ Sie ließ kein gutes Haar an ihr. Markella brach in Tränen aus. „Heul nicht, ich habe kein Mitleid mit dir. Zu deinem eigenen Besten sage ich dir: Finde einen Weg, zu deinem Mann zu kommen! Nimm ein Flugzeug nach Thessaloniki, fahr zum Bahnhof und fall ihm zu Füßen…“<br />
„Aber ich liebe ihn nicht mehr“, sagte Markella schniefend.<br />
„Du liebst ihn nicht mehr?“ Omas Miene veränderte sich schlagartig. „Wirklich nicht?“ Meine Tante nickte bestätigend. „Hättest du ihn verlassen, auch wenn es anders gekommen wäre?<br />
„Ja, das Bett teilen wir schon seit Monaten nicht mehr.“<br />
„Schwörst du es?“<br />
„Beim Gekreuzigten, Mutter…“<br />
Sevasti warf einen fragenden Blick auf Fani, die wortlos die Szene verfolgte. Sie bestätigte die Worte ihrer Schwester. „Wenn du die Wahrheit sagst, verzeihe ich dir. Es wurde aber auch Zeit… Und du, Fotini, liebst du deinen Savvas?“<br />
„Ich würde ihm bis zum Galgen folgen!“, antwortete Fani.<br />
„Gesegnet sollt ihr sein“, sagte Oma.<br />
So lernte ich, dass die Liebe das Maß aller Dinge ist. Und wenn die Liebe – so erklärte es mir Markella – Feuer fängt, nennt man sie Leidenschaft.</p>
<p><strong>Kapitel IX</strong></p>
<p>Am Donnerstag, den 12. Oktober 1944 zogen die Deutschen so diszipliniert und ruhig aus Athen ab, als hätten sie es schon seit dem Tag ihres Einmarsches vor dreieinhalb Jahren geplant. Um acht Uhr morgens legte ein Bataillon einen Kranz am Denkmal des Unbekannten Soldaten nieder, und um Viertel nach neun holte ein Korporal die Hakenkreuzfahne von der Akropolis ein. Jemand filmte, wie er die Fahne zusammenfaltete, unter den Arm klemmte und mit hoch erhobenem Kopf die Marmorstufen hinunterstürmte. Wenn man die Aufnahme betrachtet, wird deutlich, mit welcher Behändigkeit er den Vorschriften folgte. An die abgebrannten Dörfer, die Hungertoten und die Opfer des Widerstandskampfes verschwendete er keinen Gedanken.<br />
Entlang der Hauptschlagadern verließ ein langer deutscher Militärkonvoi die Stadt, während Kirchenglocken die Auferstehung feierten. Innerhalb kürzester Zeit füllten sich die Straßen mit einer jubelnden Menschenmenge. Bei uns zu Hause in Kallithea stand Oma vor einem Dilemma: Einerseits wäre sie am liebsten mit mir nach draußen gegangen, andererseits fürchtete sie körperliche oder verbale Angriffe. Und wie sollte sie sich verteidigen? Damit, dass drei ihrer vier Söhne im Widerstand waren? Nach jeder Befreiung werden mehr Bosheiten als Freundlichkeiten ausgetauscht.<br />
Er war fast Mittag, als es klingelte. Ich lief zur Tür, denn ich empfing gern Besucher. Als ich die Tür aufmachte, sah ich als erstes zwei zerschundene Beine in ausgetretenen Soldatenstiefeln. Ich hob den Blick: Haare, zerzaust wie ein Dornbusch, ein sonnenverbranntes Gesicht, ein Mund, der sich zu einer Grimasse verzog, die als Lächeln gemeint war. Als die Vogelscheuche die Arme nach mir ausstreckte, knallte ich erschrocken die Tür zu. „Wer ist es?“, fragte Oma. „Eine Zigeunerin, eine Bettlerin…“ Sie machte die Tür wieder auf. Die Vogelscheuche fiel in ihre Arme. Ich schrie auf. „Es ist deine Mama, Kindchen! Es ist deine liebe Mama!“<br />
Meine liebe Mama? Das ist meine Mama? Unmöglich! Ich konnte mich nicht an sie erinnern, nicht mal ein Foto von ihr kannte ich, aber jeder beschrieb sie als wunderschön, eine richtige Märchenfee. Kein Sonnenstrahl berührt die Haut von Märchenfeen, sie ist seidenweich, fast durchscheinend, und nicht rau wie ein Reibeisen. „Die Zigeunerin hat Oma behext“, schloss ich und rannte davon. Ich versteckte mich hinter dem Tonkrug mit unserem Olivenölvorrat und hielt den Atem an. Vergeblich, die Zigeunerin hatte mich im Handumdrehen aufgespürt und hob mich in die Höhe, gleich darauf drückte sie mich an ihre Brust, von Schluchzen geschüttelt. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Sie stank auch noch, sie roch wie ein ganzer Ziegenstall. Ich wollte mich von ihr lösen, aber sie ließ nicht los. Jetzt heulten wir beide, aber aus verschiedenen Gründen.<br />
Während Sevasti Wasser aufheizte, damit ihre Schwester sich waschen konnte, zählte Anna atemlos auf, was sie alles durchgemacht hatte. Dass der Schlaganfall ihres Vaters sie monatelang im Dorf festgehalten hatte und dass sie nach seinem Tod zu den Partisanen in die Berge gegangen war. Dass sie drei Mal versucht hatte, nach Athen durchzudringen, aber die Führungsoffiziere sie daran gehindert hatten. Dass sie gelernt hatte, Waffen zu gebrauchen, aber auch zur Krankenschwester ausgebildet wurde. „Dort oben geschehen großartige Dinge!“, sagte sie begeistert. „Ein neues Griechenland wird geboren.“ Oma blickte sie hinter ihren Brillengläsern zweifelnd an. „Habt ihr die Nachrichten nicht bekommen, die ich euch geschickt habe?“, fragte Mama. „Wir haben nichts bekommen.“<br />
„Vor einem Monat habe ich beschlossen, dass ich zu euch komme, auch wenn die Welt Kopf steht. Sollen sie mich an Deserteurin anklagen! Ehrlich gesagt bin ich tatsächlich desertiert. Ich bin nachts heimlich aufgebrochen und zu Fuß hergekommen.“<br />
„Zu Fuß?“<br />
„Ich habe den halben Peloponnes durchquert. Ich hatte keine Entlassungspapiere, also konnte ich mich auch nicht auf die Unterstützung unserer Leute verlassen. Als Frau allein unterwegs, ihr könnt euch vorstellen, wie gefährlich das war. Deshalb mied ich öffentliche Wege und nahm Fußpfade. Mir war lieber, Schakalen zum Opfer zu fallen als Menschen.“<br />
„Wie bist du an Trinkwasser gekommen? Und an Brot?“<br />
„Dank Hirten und Mönchen. Ich erzählte ihnen, ich hätte gelobt, zu Fuß zum Dafni-Kloster zu pilgern. In der Brusttasche trug ich ein Marienbildchen. Das zeigte ich vor, und sie glaubten mir.“ Aber Oma blieb misstrauisch. „Und du kommst genau am Befreiungstag hier an?“<br />
„Ich bin schon vorgestern gekommen, hielt mich aber versteckt. Es wäre nicht sicher gewesen, früher aufzutauchen. Für euch wäre es nicht sicher gewesen…“<br />
Plötzlich schämte sich Oma. Sie spürte, dass sie Anna Unrecht tat, ihr dermaßen auf den Zahn zu fühlen und mit inquisitorischen Fragen zu piesacken. Ihr heruntergekommenes Äußeres sagte alles, ebenso die Läuse, die sie quälten. „Willkommen zu Hause, liebe Anna!“, sagte sie und breitete erneut die Arme aus. „Wie gut, wieder bei euch zu sein, Mutter!“<br />
Sie verbrauchte zwei Schwämme, bis sie sauber geschrubbt war. Es kostete eine ganze Packung Schichtseife, bis sie den Gestank los war. Als sie sich abgetrocknet und gekämmt und ein Kleid von Fani angezogen hatte, ähnelte sie langsam dem Bild von Mama, das ich im Kopf hatte. Ihr Haar war tatsächlich blond und fiel in Locken über die Schultern. Ihre graublauen Augen hatten einen gewissen entrückten Blick, was – wie wir viel später erfuhren – einem beginnenden grauen Star, der auch junge Leute befällt, zuzuschreiben war. Das Kleidungsstück meiner Tante, mehr Küchenschürze als Kleid, war ihr zu kurz, darunter ragten ihre schlanken, gut geformten Beine hervor. Sie sah aus wie die Jagdgöttin Artemis, die ich in einem Mythologiebuch gesehen und bewundert hatte, und in diesem Sinne passte ihre Irrfahrt durch Arkadien und Korinth auch zu ihrer Erscheinung. Ich starrte sie an, aber Bewunderung allein reichte nicht aus, um Vertrauen zu ihr zu fassen. „Niki, gehst du in die Schule? In welche Klasse? Bist du eine gute Schülerin?“ Oma antwortete an meiner Stelle. Ich hielt einen Sicherheitsabstand und hatte die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt. „Kannst du singen?“, fragte sie mich.<br />
„Sing ihr <em>Da oben auf dem Berg</em> vor.“ Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich vor lauter Aufregung keinen Ton herausgebracht. „Bring Mama deine Puppen! Zeig ihr den Olivenbaum von Papa…“<br />
Den Olivenkern, den mir Antonis auf Korfu gegeben hatte, hatten wir im Hof eingepflanzt, und er war zu einem stattlichen Bäumchen herangewachsen, das blühte, aber noch keine Früchte trug. Jeden Morgen und Abend schaute ich nach ihm, ich schloss es selbst in meine Gebete ein. Ich war vollkommen sicher, dass an dem Tag, da es Früchte trug, mein Vater zurückkehren würde. „Dein Papa ist da!“, verkündete Anna. „Gehen wir zu ihm!“<br />
„Woher willst du das wissen?“, fragte Oma.<br />
„Am frühen Morgen haben zwei Kriegsschiffe mit Griechen aus dem Nahen Osten in Piräus angelegt. Warum sollte Antonis nicht darunter sein?“<br />
„Und wie wollt ihr ihn finden?“<br />
„Vor unserer Festnahme im Jahr ’38 haben wir verabredet, wie wir uns nach der Befreiung wiederfinden. Los, Niki, wir gehen!“<br />
Oma blickte mich aufmunternd an. Ich hatte soweit Vertrauen gefasst, dass ich Mama meine Hand überließ.</p>
<p><strong>Kapitel X</strong></p>
<p>Die ganze Stadt war auf den Beinen, Menschentrauben standen auf den Balkonen und den Trittbrettern der Straßenbahnen. Griechische, britische und sowjetische Fahnen wurden geschwenkt. Wo hatte man die bloß versteckt gehalten? Die Leute sangen und wetteiferten im Ostereiertitschen. Es war chancenlos, ein Fahrzeug zum Hafen zu finden. Meine Mutter zog die Holzpantinen aus, die sie von Oma bekommen hatte, und steckte sie in ihre Umhängetasche. Ihre Fußsohlen waren so abgehärtet, dass sie ohne weiteres barfuß laufen konnte. Wir kletterten auf den Philopappos-Hügel und blickten über das Athener Freudendelirium, dann stiegen wir in Richtung Akropolis hinunter. Meine Mutter wusste, dass die Stadtteile Thissio und Petralona Hochburgen der rechten Widerstandsorganisation X waren. „Wenn uns jemand anhält und etwas fragt, sagst du keinen Ton!“, schärfte sie mir ein, während sie meine Hand fest drückte. Langsam gewöhnte ich mich an sie. Ich mochte ihren federnden Gang, meine Tanten wirkten im Vergleich zu ihr altmodisch und langweilig. Auch ihr selbstsicherer Tonfall gefiel mir und überzeugte mich, dass ich mit ihr zusammen nichts zu fürchten hatte.<br />
Wir wanderten eine ganze Weile kreuz und quer, bis wir im Ziel waren. Ich weiß nicht, ob sie die Orientierung verloren hatte oder mögliche Verfolger verwirren wollte. Schließlich standen wir vor einem einstöckigen Häuschen, das in einer kleinen Schotterstraße lag. „Hier haben dein Papa und ich nach unserer Hochzeit gewohnt. Hier ist unser Treffpunkt“, erklärte sie.<br />
Sie blieb an der Tür stehen, und ich setzte mich auf die Stufen, um mich auszuruhen. So verging eine ganze Weile. Sie war nervös, das war deutlich. Immer wieder trat sie auf die Gasse und spähte nach rechts und links, ob jemand kam. In der Zwischenzeit brannte die Sonne auf uns herunter. Es herrschte sommerliche Hitze. Ich bat um etwas zu trinken, aber sie hatte nichts dabei. „Wie lange wollen wir noch warten?“, fragte ich mich, und die Vorstellung, dass uns hier die Nacht überfiel und wir hungrig und durstig vor der Haustür übernachten mussten, gefiel mir wenig.<br />
Plötzlich ging hinter mir ein Fensterladen auf. Eine uralte Frau mit tiefen Falten und Ziegenbart beugte sich heraus. „Gehört ihr zu Armaos?“, fragte sie mit einer Stimme, die aus der Unterwelt zu kommen schien. „Dein Mann wartet in der Kommandantur auf dich.“<br />
„Wo?“<br />
„In der Kommandantur, junge Frau! Beeil dich!“<br />
„Haben Sie ihn festgenommen?“, fragte Mama ohne nachzudanken, weil sie so erschrocken war.<br />
„Nein, er sie!“ Die Alte brach in Lachen aus und zog die Vorhänge zu.<br />
Das deutsche Hauptquartier lag in der Korai-Straße. Je näher wir kamen, umso dichter wurde die Menschenmenge, am Klafthmonos-Platz war kein Durchkommen mehr. Aber meine Mutter gab nicht auf. Sie drängelte sich immer weiter vor, und im Notfall setzte sie die Ellenbogen ein, um für uns beide den Weg freizumachen.<br />
Wir kamen genau im entscheidenden Augenblick vor dem Gebäude an: Drei Männer waren auf die Brüstung hochgeklettert und sägten die Ketten durch, an denen an ihrem Eisengitter eine Tafel mit gotischer Schrift und Hakenkreuz hing. Die Menge klatschte rhythmisch. „Zurück, gleich kracht sie runter!“, warnte der Anführer der drei. Die Zuschauer, die darunter standen, zogen sich zu einem Halbkreis zurück. „Heee, hopp!“ Ich weiß noch, wie sich die Metalltafel löste, eine halbe Drehung machte und dann mit ohrenbetäubendem Krawall auf dem Gehsteig landete. Die versammelte Menge sprang obenauf und veranstaltete einen Freudentanz. Jemand übergoss sie mit roter Farbe. Ein anderer pieselte darauf, ohne zu zögern. Dabei erblickte ich zum ersten Mal im Leben einen Schniedelwutz.<br />
Der Eingang des Palais wurde von ein paar schwerbewaffneten Männern bewacht.<br />
„Anna Mylona“, sagte meine Mutter, aber ihr Vatersname ließ sie ungerührt. „9. ELAS-Regiment.“<br />
„Was willst du?“, fragten sie unwillig.<br />
„Ich bin die Frau von Antonis Armaos.“  Sofort wichen sie auseinander und gaben den Weg frei.<br />
In allen Stockwerken herrschte ein fürchterliches Durcheinander. Die neuen Machthaber durchsuchten Schubladen und Büroschränke bis in die letzte Ecke nach hinterlassenen Dokumenten. Aber die Deutschen hatten natürlich alles vernichtet. Auf der Suche nach Papa liefen wir von dem einen Zimmer zum nächsten. Schließlich fanden wir ihn im obersten Stockwerk, im einzigen Büro mit verschlossener Tür, hinter der eine wichtige Kommission tagte.<br />
Er sah, ebenso wie meine Mutter, ganz anders aus als in meiner Vorstellung: Anstelle von Sträflingskleidung trug er einen Zweireiher und darunter ein weißes, gestärktes Hemd mit Seidenkrawatte. Er war glattrasiert und von der ägyptischen Sonne gebräunt. Er nahm mich in den Arm. „Hast du den Olivenkern eingepflanzt?“, fragte er verschwörerisch. Bevor er zu seinen vordringlichen Pflichten zurückkehrte – der Wiederherausgabe der Zeitschrift „Der Radikale“ – heftete er mir ein Abzeichen an den Kragen, das mir „einer von uns“ geschickt habe. Ich traute mich nicht zu fragen, wer es war. Es zeigte Hammer und Sichel, aus purem Gold.<br />
Wir blieben noch eine ganze Weile im Gebäude. Die Hochspannung entlud sich in einem rauschenden Fest. Es wurden Korbflaschen mit Wein und gebratene Spanferkel in Pergamentpapier angeliefert. Spontan stellte man ein Orchester zusammen aus Akkordeon, Gitarren und Trompeten, und die Musiker traten auf die beiden Seitenbalkone und spielten Volkslieder, aber auch Tangos und natürlich Revolutionslieder. Ich stand als Maskottchen dazwischen und grüßte die jubelnde Menge mit einem roten Halstuch, das ich schwenkte. Als ich genug davon hatte, griff ich mir einen Pinsel, tauchte ihn in einen Kanister mit Goldfarbe und half beim Bemalen eines riesigen, hölzernen „E“. Drei Buchstaben sollten die Pfeiler des Palais werden: „E“, „A“ und „M“, die Kürzel der Nationalen Befreiungsfront.<br />
Als wir wieder auf der Korai-Straße standen, war es schon dunkel. Mein Glücksgefühl war unbeschreiblich, als ich endlich Hand in Hand mit meinen Eltern lief, die siegreich aus allem hervorgegangen waren. Wir stiegen in einen Militärjeep und fuhren nach Kallithea, damit Papa und Oma sich wiedersehen konnten. Als sie mich fragten, was mir lieber wäre, dort zu schlafen oder mit ihnen in eine „eigene Wohnung“ in Patissia gehen, zögerte ich keine Sekunde. Vielleicht, weil ich nicht gut einschätzen konnte, was „eigene Wohnung“ bedeutete. Oma packte mir ein kleines Bündel mit meinem Nachthemd und Daduna, meiner Lieblingspuppe.</p>
<hr />
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16847" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-01-cover.jpg" alt="" width="300" height="417" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-01-cover.jpg 736w, https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-01-cover-216x300.jpg 216w, https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-01-cover-450x626.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-01-cover-500x696.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Das Buch</strong><br />
Christos Chomenidis: <em>Niki</em><br />
(bislang nur auf EL)<br />
Verlag Patakis, Athen 2014, 494 Seiten, ca. 19 Euro<br />
ISBN 978-960-165-248-1</p>
<p>Für <em>Niki</em> wurde Christos Chomenidis 2015 mit dem Griechischen Staatspreis für Literatur, dem Preis der Zeitschrift <em>o</em> a<em>nagnostis</em> und dem Leserpreis <em>Public</em> ausgezeichnet. Im Dezember 2021 wurde <em>Niki</em> der Prix du Livre Européen, dem Preis des Europäischen Buches zugesprochen. In Frankreich, den USA und den Niederlanden erschienen zu <em>Niki</em> äußerst positive Rezensionen. Chomenidis ist noch nicht ins Deutsche übersetzt.</p>
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<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16848 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-02-Xomenidis-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-02-Xomenidis-150x150.jpg 150w, https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-02-Xomenidis-300x300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-02-Xomenidis-768x768.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-02-Xomenidis-450x450.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-02-Xomenidis-500x500.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/ni-02-Xomenidis.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" />Der Autor</strong><br />
<strong>Christos Chomenidis</strong> wurde 1966 in Athen geboren und ist Spross einer Politikerfamilie. Der studierte Jurist schreibt für Tageszeitungen und Magazine und engagiert sich politisch. Darüber hinaus ist er als Drehbuchautor von Filmen und Serien aktiv. Seit seinem ersten Roman „Das kluge Kind“ (1993) gehört er zu den erfahrensten, bekanntesten und erfolgreichsten griechischen Romanciers. Auf Wiki <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Christos_Chomenidis">hier</a> </span>(auf EN).</p>
<p class="textinfo"><em>Buchvorstellung: Michaela Prinzinger. Romanausschnitt: Christos Chomenidis in der Übersetzung von M. Prinzinger. Fotos: Verlag Patakis. Redaktion: A.Tsingas. Die Probeübersetzung wurde von GreekLit unterstützt, der Übersetzungsförderung der Hellenischen Buch- und Kulturstiftung ELIVIP/HFBC, <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://elivip.gr/en/">hier</a></span> (auf EN). Das Aufmacherfoto auf der Startseite ist ein Ausschnitt vom Buchcover der niederländischen Ausgabe. </em></p>
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		<title>Danae Dörken: Zwischen Deutschland und Griechenland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Jul 2026 06:26:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
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					<description><![CDATA[Danae Dörken ist eine international bekannte deutsch-griechische Konzertpianistin, geboren 1991 in Wuppertal. Sie gilt als eine der prominenten Musikerinnen ihrer Generation im Bereich der klassischen Musik und tritt weltweit als Solistin und Kammermusikerin auf. Im ... <p class="read-more-container"><a title="Danae Dörken: Zwischen Deutschland und Griechenland" class="read-more button" href="https://diablog.eu/kuenste/musik/danae-doerken-zwischen-deutschland-und-griechenland/#more-16932" aria-label="Mehr Informationen über Danae Dörken: Zwischen Deutschland und Griechenland">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Danae Dörken ist eine international bekannte deutsch-griechische Konzertpianistin, geboren 1991 in Wuppertal. Sie gilt als eine der prominenten Musikerinnen ihrer Generation im Bereich der klassischen Musik und tritt weltweit als Solistin und Kammermusikerin auf.<br />
Im April 2026 spielte sie Mendelssohns 1. Klavierkonzert und Schumanns „Rheinische“ in der Kölner Philharmonie. Dort kam sie mit Raphael Irmer ins Gespräch, woraus sich dieses Interview entwickelte.</p>
<p class="interview">Wie bist du zum Klavierspielen gekommen?</p>
<p>Dazu bin ich ganz zufällig gekommen. Meine Eltern sind beide keine Musiker und ich habe auf einem Kindergeburtstag ein Mädchen gehört, das Klavier gespielt hat. Damals war ich 5 Jahre alt. Ich war so beeindruckt davon und fand das so toll, dass ich meiner Mutter gesagt habe, dass ich mit Klavierstunden beginnen möchte. Sie hat mir anfangs sogar davon abgeraten, weil es doch so ein unpraktisches und teures Instrument sei – wir hatten kein Klavier zu Hause –, aber nach einigem Bitten fing ich dann doch mit den Klavierstunden an.</p>
<figure id="attachment_16943" aria-describedby="caption-attachment-16943" style="width: 1014px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16943 size-large" src="https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-03-Klavier-1024x683.jpg" alt="" width="1024" height="683" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-03-Klavier-1024x683.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-03-Klavier-300x200.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-03-Klavier-768x512.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-03-Klavier-450x300.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-03-Klavier-500x333.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-03-Klavier.jpg 1320w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-16943" class="wp-caption-text">© Alfonso Salgueiro</figcaption></figure>
<p>Ich hatte sehr viel Glück mit Marina Kheifets, meiner ersten Klavierlehrerin an der Musikschule, und so ging es dann recht bald schon intensiv los und ich konnte glücklicherweise früh erste Konzert- und Wettbewerbserfahrungen sammeln. Später habe ich dann bei Prof. Karl-Heinz Kämmerling und Lars Vogt studiert.</p>
<p class="interview">Welche Komposition, Musikrichtung oder Musiker/in hat dich besonders inspiriert?</p>
<p>Mich inspirieren sehr viele verschiedene KünstlerInnen und MusikerInnen, auch nicht-klassische. Immer, wenn es jemand schafft, sein Innerstes nach außen zu kehren und somit auf der Bühne die Höhen und Tiefen seiner Seele zu offenbaren, finde ich das unheimlich inspirierend und ergreifend. Diese Art von emotionaler Wahrheit und Rohheit ist für mich tausend Mal inspirierender und überzeugender als der perfekteste Bühnenauftritt.</p>
<p class="interview">Du bist in Deutschland aufgewachsen – welche Bedeutung haben für dich deine griechischen Wurzeln?</p>
<p>Meine Mutter ist Griechin und in Athen aufgewachsen, stammt aber von der Insel Lesbos. Meine griechische Seite war schon immer sehr stark vertreten, obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin. Zu Hause habe ich mit meiner Mutter und meiner Schwester nur griechisch gesprochen. Aufgewachsen bin ich mit der griechischen Mythologie, mit Homers Ilias und Odyssee, mit griechischer Musik und griechischen Tänzen. Das führe ich heute mit meinen eigenen Kindern (die ebenfalls in Deutschland aufwachsen) so fort. Im Herzen habe ich mich schon immer sehr griechisch gefühlt.</p>
<p class="interview">Welche Rolle hat die griechische Seite in deiner musikalischen Entwicklung gespielt?</p>
<p>Eine wichtige! Zum einen ergibt das Vorhandensein von zwei Kulturen auch zwei Herangehensweisen – sowohl im Alltag, wie auch in der Musik. Zum anderen habe ich mich gerade in den letzten fünfzehn Jahren immer intensiver mit der griechischen klassischen Musik befasst. Dabei habe ich tolle musikalische Entdeckungen gemacht, die mich in meinem musikalischen Schaffen sehr beeinflusst haben.</p>
<p class="interview">Wie verbindest du in deiner Musik deutsche und griechische Einflüsse?</p>
<p>Natürlich versuche ich immer in erster Linie der emotionalen Aussage eines Musikstücks auf den Grund zu gehen. Und so bereichern mich Einflüsse aller Art – je vielfältiger, desto besser. In der Welt der klassischen Musik und auch durch die Tatsache, dass ich mich viel mit griechischen Komponisten befasse, sind die deutschen und griechischen Einflüsse natürlich besonders präsent. Und obwohl sie teilweise sehr unterschiedlich sind, überrascht es mich manchmal, wie sehr sie sich auch gegenseitig befruchten und dann doch auf eine gewisse Art und Weise zueinander finden.</p>
<figure id="attachment_16941" aria-describedby="caption-attachment-16941" style="width: 490px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16941 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-01-sprung-500x689.jpeg" alt="" width="500" height="689" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-01-sprung-500x689.jpeg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-01-sprung-218x300.jpeg 218w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-01-sprung-450x620.jpeg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-01-sprung.jpeg 743w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-16941" class="wp-caption-text">© Nikolaj Lund</figcaption></figure>
<p class="interview">Erzähl uns bitte von deinem neuesten Album „Odyssee“.</p>
<p><em>Odyssee</em> ist ein Album, das sich zum einen auf Homers Odyssee bezieht (eine Geschichte, die mich seit meiner Kindheit fasziniert) und zum anderen auch auf die moderne Odyssee, die wir heutzutage auf dieser Welt erleben. Musikalisch habe ich dafür zum Teil Werke mit direktem Bezug zur klassischen Odyssee ausgesucht (wie zum Beispiel Debussys „Sirènes“), aber auch Stücke, die die aktuellen Ereignisse widerspiegeln, wie z.B. „Waiting for Friday“ des syrischen Komponisten Kinan Azmeh oder „Black Earth“ von Fazil Say.</p>
<p class="interview">Dein Album „Helikon“ gilt als Hommage an Mikis Theodorakis. Worum geht&#8217;s in dem Album und was fasziniert dich besonders an dem Komponisten?</p>
<p>Theodorakis´ Musik habe ich schon als Kind oft gehört und dabei mitgesungen, auch gemeinsam mit meiner Schwester auf Familienfeiern. Theodorakis macht für mich (und für sehr viele andere auch) die musikalische Essenz Griechenlands aus. Es war ein großer Herzenswunsch von mir, dieses Album aufzunehmen. Dabei war es mir auch wichtig, nicht nur seine schon sehr bekannten Lieder einzubeziehen, sondern auch auf sein klassisches Repertoire aufmerksam zu machen – wie seine Suite für Klavier und Orchester und sein Klavierkonzert „Helikon“, das dem Album seinen Namen gegeben hat und ein wirklich beeindruckendes Werk ist.<br />
An Theodorakis fasziniert mich besonders, dass er ein wahrer Freiheitskämpfer war, der das, was er erzählte, auch wirklich gelebt hat und vor nichts zurückscheute. Und genau dieses Ideal der Freiheit (das ihn unter anderem während der Besatzungszeit Griechenlands in deutsche Haft gebracht hat) ist in seiner Musik stark präsent und reißt mich mit.</p>
<p class="interview">Siehst du dich als „Brückenbauerin“ zwischen zwei Kulturen?</p>
<p>Ich finde, dass man immer eine Art Brückenbauerin ist, wenn man zwei Kulturen in sich vereint. Man kennt beide sehr gut, ist simultan in beiden zu Hause, wenn auch nicht zu 100%, weil immer noch etwas am anderen Teil „fremd“ ist. Und genau das ist besonders und wertvoll. Es hat mich Offenheit und Verständnis in vielen Lebenslagen gelehrt. Und nicht zuletzt war es auch diese Tatsache, die dazu geführt hat, dass ich zusammen mit meiner Schwester das <em>Molyvos International Music Festival</em> gegründet habe.</p>
<figure id="attachment_16942" aria-describedby="caption-attachment-16942" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16942 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-02-tafel.jpeg" alt="" width="1024" height="675" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-02-tafel.jpeg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-02-tafel-300x198.jpeg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-02-tafel-768x506.jpeg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-02-tafel-450x297.jpeg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-02-tafel-500x330.jpeg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-16942" class="wp-caption-text">© Nikolaj Lund</figcaption></figure>
<p class="interview">Wie kam es zur Gründung dieses Festivals?</p>
<p>Das <em>Molyvos International Music Festival</em> ist ein Kammermusikfestival, das jeden Sommer auf der Insel Lesbos in Molyvos stattfindet, wo meine Großmutter geboren wurde. Es ist eine Fusion aus griechischer Kultur, archäologischen Stätten, Natur und klassischer Musik auf höchstem Niveau. Ich bin unglaublich dankbar, dass jedes Jahr höchst erfolgreiche, tolle Musiker die Reise nach Lesbos auf sich nehmen und quasi unentgeltlich ihre Musik dort mit uns teilen. Es wird eine einzigartige Atmosphäre geschaffen, in der die Barrieren zwischen Künstlern und Publikum verschwinden und sie sich mit der Klassik vereinen. 2026 ist das Thema des Festivals „Eudaimonia“, es findet vom 12. bis zum 19. August 2026 statt.</p>
<p class="interview">Welche Unterschiede erlebst du zwischen dem deutschen und dem griechischen Musikpublikum?</p>
<p>So große Unterschiede erlebe ich gar nicht! Und ich könnte auch nicht sagen, wo ich lieber spiele: Sowohl in Deutschland als auch in Griechenland durfte ich schon gleichermaßen unvergessliche Momente auf der Bühne erleben.</p>
<p class="interview">Was wünscht du dir für die Zukunft?</p>
<p>Dass uns die Kraft der Musik gerade in den heute turbulenten und auch ungewissen Zeiten immer wieder an das Wesentliche in uns erinnert, dass wir uns durch die Musik auf das uns Verbindende besinnen und die vermeintlichen Unterschiede immer mehr in den Hintergrund treten lassen.</p>
<hr />
<p><strong>Danae Dörken</strong> <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Danae_D%C3%B6rken"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a><br />
<strong>„Eudaimonia“</strong>: 12. Molyvos International Music Festival, <strong>12.-19. August 2026</strong> <a href="https://molyvosfestival.com/en/"><u><span style="color: #0000ff;">hier</span></u></a></p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16944 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/06/dd-04_Copyright-Irmer-150x150-1.jpg" alt="" width="150" height="150" />Raphael Irmer</strong> studierte Neogräzistik und Byzantinistik an der Universität Hamburg. 2025 hat er gemeinsam mit Asteris Kutulas den Lyrik-Band „Paradiesische Höllen“ mit sämtlichen Gedichten von Mikis Theodorakis herausgegeben. 2026 übersetzte er Vorlesungen von Nicos Poulantzas aus dem Jahr 1977 ins Deutsche, erschienen unter dem Titel „Klasse, Staat und Imperialismus“.</p>
<p class="textinfo"><em>Interview: Raphael Irmer. Fotos: Alfonso Salgueiro, Nikolaj Lund. Redaktion: A. Tsingas.</em></p>
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		<title>Vaggelis Tsaprounis: von Ikonen und der Liebe zur Natur</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jul 2026 06:29:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bildende Kunst]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Ikonenmalerei verbindet Kunst mit Handwerk und Glauben und ermöglicht in einer hektischen Welt das Streben zum Göttlichen. Für Vaggelis Tsaprounis ist sie mehr als ein Beruf. Simon Steiner hat mit ihm gesprochen. Vaggelis, wie ... <p class="read-more-container"><a title="Vaggelis Tsaprounis: von Ikonen und der Liebe zur Natur" class="read-more button" href="https://diablog.eu/kuenste/bildende-kunst/vaggelis-tsaprounis-von-ikonen-und-der-liebe-zur-natur/#more-16685" aria-label="Mehr Informationen über Vaggelis Tsaprounis: von Ikonen und der Liebe zur Natur">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die Ikonenmalerei verbindet Kunst mit Handwerk und Glauben und ermöglicht in einer hektischen Welt das Streben zum Göttlichen. Für Vaggelis Tsaprounis ist sie mehr als ein Beruf. Simon Steiner hat mit ihm gesprochen.</p>
<p class="interview">Vaggelis, wie bist du zur Ikonenmalerei gekommen?</p>
<p>Mit der Ikonenmalerei habe ich vor etwa 34 Jahren begonnen. Das war um 1992, ich hatte gerade mein fünfjähriges Studium an einer privaten und freien Studienwerkstatt abgeschlossen. Meine Studienschwerpunkte waren freies Zeichnen und Farbe.</p>
<p class="interview">Welche Rolle spielten während deines Studiums das Vergangene, die Tradition und die Moderne und welche deine Lehrer?</p>
<figure id="attachment_16709" aria-describedby="caption-attachment-16709" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16709 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34-450x337.jpg" alt="" width="450" height="337" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34-450x337.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-10-E.Tsaprounis-teaser34.jpg 718w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16709" class="wp-caption-text">Vaggelis Tsaprounis in seinem Atelier in Vasilika, Nord-Euböa</figcaption></figure>
<p>In Athen gab – damals wie heute – die Hochschule für Bildende Künste den Ton in der Kunstszene an, die sich zunehmend der sogenannten zeitgenössischen Kunst (contemporary art) zuwandte. Der neue Trend umfasste Kunstinstallationen, Videokunst, Performances, konzeptuelle Kunst und alles andere außer Leinwandmalerei. Dieser Trend wurde in den folgenden Jahren vorherrschend und dauert bis heute an.<br />
In der kleinen Werkstatt, in der ich studierte, waren jedoch der Einfluss der Malergeneration der 1930er Jahre und die Rückkehr zur Tradition noch sehr ausgeprägt. Der Maler Tassos Rigas, der diese Werkstatt leitete, vermittelte uns seine Bewunderung für Maler wie Parthenis, Nikolaou, Papaloukas, Tsarouchis sowie für die Quellen dieser Tradition: byzantinische Ikonenmalerei, antike griechische Reliefs, Lekythen <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lekythos">hier</a>]</span>, Mosaike und Fresken. Wir lebten also in einer vergangenen Zeit. Die zeitgenössische griechische Kunst war in die postmoderne Phase eingetreten – und wir atmeten immer noch den Geist des Modernismus. Wenn ich von Modernismus spreche, meine ich damit den Aspekt, der sich auf Quellen, Tradition und das Ursprüngliche zurückbesinnt, eben die Suche nach Werten.<br />
Die Werkstatt von Tassos Rigas war eigentlich eine Vorbereitungsklasse für die Aufnahmeprüfungen an der Hochschule für Bildende Künste. Die Studenten blieben dort im Durchschnitt ein bis drei Jahre und wurden danach entweder von der Hochschule aufgenommen, oder gaben endgültig auf. Rigas war ein charismatischer Lehrer und bildete in diesem künstlerischen Klima Maler aus. Eigentlich war er dazu nicht verpflichtet, da der Besuch der Werkstatt, wie bereits erwähnt, lediglich der Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen diente.<br />
Ich bin dort über die Dreijahresgrenze hinaus geblieben; nachdem ich fünf Mal in Folge auf der Warteliste der erfolgreichen Kunsthochschulbewerber gelandet war, beschloss ich, meinen Weg ohne Hochschulausbildung fortzusetzen. Ich hatte fünf Jahre lang freies Zeichnen und Farbe studiert, bei Sonntagsausflügen in die Nationalgalerie und das Archäologische Museum über Kunst diskutiert, Galerien besucht und die Kunstszene Athens beobachtet und kommentiert.</p>
<p class="interview">Zu deiner persönlichen Beziehung zur Tradition passt sicherlich auch dein Bekenntnis zur Religion.</p>
<p>Von Natur oder aus innerer Neigung war ich unter anderem ein eher konservativer Mensch. Vielleicht hatte ich auch eine latente Neigung zur Religion und zum Spirituellen, in der Schule nannten mich die anderen Kinder „Pater“. Für Dogmen und Fanatismus hatte ich aber nicht viel übrig. Später entwickelte ich durch meine Arbeit ein starkes Interesse für die Universalität der Religion.</p>
<p class="interview">Gibt es bestimmte Ikonen oder Meister, die dich geprägt haben?</p>
<p>Gegen Ende dieses Zeitabschnitts brachte mich Tassos Rigas mit dem Ikonenmaler Giorgos Chochlidakis in Kontakt. „Meister Giorgis“, wie wir ihn damals nannten, unterhielt zu dieser Zeit eine Werkstatt mit drei oder vier Assistenten und übernahm vielerorts in Griechenland die ikonographische Ausgestaltung von Kirchen. Er war Träger einer großen Tradition, hatte in der Werkstatt von Fotis Kontoglou „gedient“, dem großen Erneuerer der byzantinischen Ikonenmalerei. Kontoglou war Lehrer vieler Maler der 1930er-Generation, darunter auch von Giannis Tsarouchis. Ich war begeistert von der Idee, mit ihm als Ikonenmalerei-Assistent zu arbeiten. Das Werk, das mich damals besonders inspirierte, waren die Wandmalereien der Chora-Kirche in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, ein Denkmal, das ich einige Jahre später aus nächster Nähe bewundern konnte. <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-die-chora-kirche-in-istanbul-ist-nun-eine-moschee/a-69044665">hier</a>]</span><br />
So schlug ich also einen Weg ein, der mich von der aktuellen Entwicklung der Kunst meiner Zeit entfernte und in ein Studium eintauchen ließ, das einer archäologischen Ausgrabung glich. Ich war neugierig auf alles, was mit dieser Tätigkeit zu tun hatte: die Texte des Siebten Ökumenischen Konzils, die die Verwendung von Bildern in der orthodoxen Tradition regeln, das Leben der Heiligen, die Geschichte von Architektur und Ikonenmalerei, die Materialkunde, die Ursprünge dieser Kunst und so weiter.<br />
In der Werkstatt des Ikonenmalers Giorgos Chochlidakis schufen wir hauptsächlich Wandmalereien und nur sehr wenige tragbare Ikonen auf Holz. Chochlidakis hatte zu Beginn seiner Karriere mit der Freskotechnik gearbeitet; ein Beispiel dazu kann man in der kleinen Kapnikarea-Kirche in der Athener Ermou-Straße sehen, wo er mit seinem Lehrer Kontoglou zusammengearbeitet hat.</p>
<p class="interview">Erzähle mir mehr über deine Arbeitstechniken und Ausbildungsschritte.</p>
<figure id="attachment_16708" aria-describedby="caption-attachment-16708" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16708 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-450x512.jpg" alt="" width="450" height="512" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-450x512.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-264x300.jpg 264w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-768x874.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros-500x569.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-09_AgDimitriosTheodoros.jpg 900w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16708" class="wp-caption-text">Die Hl. Dimitrios und Theodoros</figcaption></figure>
<p>Zu der Zeit, als ich dort war, arbeitete er nur <em>al seco</em>, also auf trockener Wand, und insbesondere mit einer Variante dieser Technik, bei der Leinwand verwendet wird. Bei dieser Technik verwendeten wir große Baumwollstoffe von etwa drei auf vier Metern, die wir in der Werkstatt auf entsprechend große Keilrahmen spannten. Dann ging es ans Bild, wir entwarfen und malten es auf die Leinwand. Das fertige Werk wurde dann sorgfältig abgenommen und wie eine Tapete auf die Wand geklebt. Die genaue Platzierung wurde mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms, das maßstabsgetreu auf einem architektonischen Aufriss der Kirche basierte, genau berechnet. Diese Technik verwende ich normalerweise auch bei meinen eigenen Werken. Diese Methode hat Vor- und Nachteile sowie technische Schwierigkeiten. Das Hauptproblem besteht darin, die Größe des Werks und die Farbabstufungen so zu berechnen, dass es mit dem architektonischen Element, auf das es kommt, harmoniert, und dabei die andächtige Atmosphäre entsteht, die in orthodoxen Kirchen vorherrscht. Dies lässt sich nur durch Erfahrung erreichen – unterstützt durch bewährte Lösungen der traditionellen Kirchenmalerei. Der Werkstattalltag hat uns genau auf solche Arbeiten vorbereitet.<br />
In diesem Metier gibt es eine Hierarchie. Der Meister leitet die Werkstatt. Er fertigt den ersten maßstabsgetreuen Entwurf, wie auch die endgültigen Fassungen auf Leinwand an. Die Assistenten beginnen ihre Ausbildung mit der Vorbereitung der Leinwand und anderen groben Arbeiten. Ich blieb fast ein Jahr lang in dieser Phase und begann dann, Gebäude, Kleidung usw. zu malen. Es gibt also Lehrlinge, die sich auf Kleidung oder dekorative Motive spezialisiert haben, je nach ihrer Erfahrung. Manch einer ist ehrgeizig und lernt die ganze Bandbreite des Handwerks, während sich andere mit einer Spezialisierung begnügen. Der Meister vollendet dann das Werk, mildert hier einige Farbtöne ab, betont dort etwas anderes, korrigiert ein Kleidungsstück und malt vor allem die Gesichter und ihren Ausdruck. Nur so ist die Bemalung so großer Flächen möglich.<br />
Fürs Protokoll möchte ich erwähnen, dass ich nach einigen Jahren auch in der Werkstatt für tragbare Ikonen von Themis Petrou gearbeitet habe, wo ich die Technik der Eitempera erlernte. Ich arbeitete abwechselnd in beiden Werkstätten. 1996, mit 27 Jahren, übernahm ich zusammen mit meiner Kollegin Nelli Tziara die malerische Ausgestaltung der Kapelle des Heiligen Stephanos in Chalkida auf Euböa. 1998 gründete ich mein erstes Atelier in der Kolokotroni-Straße im Athener Zentrum und verlegte es 2001 in die Agia-Filothei-Straße neben der Erzdiözese Athen.</p>
<p class="interview">Und dein persönlicher Stil, wie ist der entstanden? Erzähle mir bitte mehr über Motivation und Ziele.</p>
<figure id="attachment_16705" aria-describedby="caption-attachment-16705" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16705 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-450x430.jpg" alt="" width="450" height="430" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-450x430.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-300x286.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-768x733.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu-500x477.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-06-Mandala-Jesu.jpg 887w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16705" class="wp-caption-text">Pantokrator, Kapelle des Hl. Vasileios auf Schinoussa 2002, Deckenmalerei al seco</figcaption></figure>
<p>Was in diesem Zusammenhang meinen persönlichen Stil angeht, so würde ich sagen, dass es sich nicht um eine bewusste Entscheidung oder um Eklektizismus handelt. Der persönliche Stil hat mit der Art und Weise zu tun, wie und in welchem Ausmaß jemand die traditionellen Elemente versteht; es ist also das Ergebnis eines analytischen Prozesses, aber auch eines Gespürs für das Heilige, das sich in einem langsam entwickelt. Sagen wir, ich habe ein bestimmtes Kriterium oder Ideal entwickelt, dem ich mich anzunähern versuche. Ich betrachte das Werk, an dem ich arbeite, und frage mich: Ist es richtig angeordnet, sind die Farben harmonisch? Mein großes Ziel ist es – ob ich es erreicht habe, müssen andere beurteilen – , mit meiner Kunst dazu beizutragen, dass in der Kirche dieses Erlebnis festlicher Freude und zurückhaltender Trauer entsteht, das Gefühl der bittersüßen Zufriedenheit, wie man es zusammenfassend ausdrücken könnte.<br />
Hier muss ich etwas anfügen, was mir sehr am Herzen liegt: Die Künstler hängen in ihren Werkstätten konstant einer Vision nach, einem Hauptanliegen, das sie während ihrer Arbeit – und nicht nur dann – beschäftigt. Dazu möchte ich zwei weitere Meinungen anführen, die ich teile: Ernst Gombrich meint, Künstler würden stets nach einer gewissen Art von Gleichgewicht streben und sich fragen, ob sie es erreicht hätten. <span style="color: #0000ff;">[hier]</span> George Lappas ergänzt, sie würden sich ständig in Richtung <em>Ekstase</em> bewegen, ohne sie jemals zu erreichen, da der ekstatische Mensch nicht mehr den Wunsch verspüre, Kunst zu erschaffen. <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Lappas">hier</a>]</span></p>
<p class="interview">Welche Bedeutung hat für dich die Ikonenmalerei?</p>
<figure id="attachment_16704" aria-describedby="caption-attachment-16704" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16704 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-450x481.jpg" alt="" width="450" height="481" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-450x481.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-281x300.jpg 281w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-768x821.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller-500x534.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-05_agiosVasiliosMandalaheller.jpg 819w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16704" class="wp-caption-text">Der Hl. Nikolaos, Kapelle des Hl. Vasileios auf Schinoussa 2002</figcaption></figure>
<p>Zusammenfassend ist die Ikonenmalerei, meiner Meinung nach, keine simple Kunstfertigkeit, sondern ein komplexes darstellendes System, das in direktem Zusammenhang zum orthodoxen Dogma steht. Man müsste Theologe sein und sich intensiv mit der Theologie der Ikonen befasst haben, um das gesamte Geflecht von Regeln und Symbolismen beschreiben zu können. Generell lässt sich jedoch sagen, dass das Siebte Ökumenische Konzil von Nicäa nach der Bildersturm-Debatte die Verwendung von Ikonen im Gottesdienst wieder zulässt. Aus dieser Sicht erhält das Bild, dank seines Potentials, den Geist der Gläubigen auf den Dargestellten auszurichten, seinen Wert innerhalb der Kirche zurück. Es handelt sich also um einen liturgischen Gegenstand, der durch seine Verwendung im Gottesdienst geheiligt wird. Der Ikonenmaler bietet seine handwerkliche Arbeit an, um das Bildnis herzustellen. Meiner Meinung nach drückt dies die Formulierung <em>dia cheiros</em> („aus der Hand von &#8230;“) aus, die der Unterschrift des Künstlers auf einem Bild voransteht; diese Formulierung erscheint mir passender als das antike <em>epoiesen</em> („erschaffen von &#8230;“). Das Gleiche gilt für alle liturgischen Gegenstände. Der Kelch der Liturgie beispielsweise erhält seine Heiligkeit nicht aufgrund seiner Herstellung, sondern aufgrund seiner Verwendung im Rahmen der Heiligen Kommunion.<br />
Zu diesem Zweck können somit auch Ikonen von bescheidenerer künstlerischer Qualität verwendet werden. Natürlich gibt es Ikonen, die wahre Meisterwerke der bildenden Kunst sind, und einige davon werden als solche in großen Museen auf der ganzen Welt oder manchmal auch als Zeitzeugnisse ausgestellt. Jedoch: Keine dieser Ikonen wurde als Ausstellungsstück, als Prestigeobjekt oder als Dekoration geschaffen. Das ist ein grundlegender Unterschied zur sogenannten weltlichen Kunst.<br />
So habe ich auch meinen Platz unter all den anderen Handwerkern, Kirchenbauern, Schneidern liturgischer Gewänder, Herstellern von Enkolpien und anderen liturgischen Gegenständen, die für den kirchlichen Alltag bestimmt sind. [Enkolpion <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Enkolpion">hier</a></span>] Einige Kollegen sind vielleicht der Ansicht, die Arbeit des Ikonenmalers stehe auf einer höheren Stufe als die der anderen, und vielleicht haben sie damit Recht. Andererseits nimmt der Ikonenmaler im kirchlichen Leben keine offizielle institutionelle Position oder Weihe ein, wie beispielsweise die Lektoren, also die Vorleser beim Gottesdienst.</p>
<p class="interview">Jetzt interessiert mich natürlich brennend, was für dich das Besondere an deiner Arbeit ist. Es geht doch hauptsächlich um Religion, um Kirche, oder!?</p>
<figure id="attachment_16706" aria-describedby="caption-attachment-16706" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16706 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-450x397.jpg" alt="" width="450" height="397" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-450x397.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-300x265.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-768x677.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT-500x441.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-07-Dome-AT.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16706" class="wp-caption-text">Hl. Peter-und-Paul-Pfarrkirche, Dunackeszi Budapest 2024, Deckenmalerei al seco</figcaption></figure>
<p>Aus dem bisher Gesagten geht klar hervor, dass es eine gewisse Spannung zwischen weltlicher Kunst und Ikonographie gibt, sowohl was die Thematik, als auch was die Zeitlichkeit betrifft. Es gibt einen festen Kodex, der in den Werkstätten der Ikonenmalerei lebendig bleibt, während die Tradition vom Meister auf den Lehrling übergeht, zum Beispiel von erleuchteten Lehrern wie dem Mönch Dionysios von Phourna aus dem 16. Jahrhundert. <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dionysios_von_Phourna">hier</a>]</span> Jede Entwicklung verläuft sehr langsam und oft in Kreisen. Die erwähnte Spannung entspringt der Tatsache, dass der zeitgenössische Ikonenmaler entgegen den Lockrufen seiner Zeit aufgefordert ist, sich von Originalität und Subjektivismus abzuwenden, um etwas Zeitlosem zu dienen.<br />
Meiner Meinung nach ist Religion als Wissenssystem auf die Vergangenheit ausgerichtet. Alles Wichtige wurde bereits von Christus im Jahr 1 selbst gesagt. Die wunderbare neue technologische Welt ist nicht in der Lage, Antworten auf die wichtigen existenziellen Lebensfragen zu geben. Die Kirche beantwortet die grundlegende Frage „Was ist der Tod?“ mit „Es gibt keinen Tod“. „Wie sollen Menschen miteinander umgehen?“ „Gebettet in Liebe.“ Bis wir diese grundlegenden Wahrheiten verinnerlicht haben, werden wir uns weiterhin selbst an Händen und Füßen Ketten anlegen.<br />
Diese Wahrheiten warten nicht auf ihren Beweis, sondern sind vielmehr Ausgangspunkte, die zu einer bestimmten Praxis führen. Sie werden also ergebnisorientiert beurteilt und setzen eine bestimmte Haltung voraus. Die Tradition gewinnt an Autorität durch eine unablässige Zunahme an weisen Altvorderen, die uns oft erleuchten, die manchmal aber auch, aufgrund der anderen Bedürfnisse unserer Zeit, das Leben verfinstern können. Die Kirche befindet sich immer in einem Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Reform, was oft zu Irrwegen führt. Sie ist also „kämpferisch”, wie man sagt, im Gegensatz zur himmlischen Kirche, die als „triumphierend” bezeichnet wird. <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://orthpedia.de/index.php/Kirche,_die_k%C3%A4mpferische_und_die_triumphierende">hier</a>]</span> Der Ikonenmaler ist bestrebt, durch Darstellung letztere sichtbar zu machen.</p>
<p class="interview">Berichte bitte über deine konkreten Arbeiten im In- und Ausland.</p>
<figure id="attachment_16703" aria-describedby="caption-attachment-16703" style="width: 790px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16703 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein.jpg" alt="" width="800" height="533" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein.jpg 800w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein-300x200.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein-768x512.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein-450x300.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-04-Skalosia-klein-500x333.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-16703" class="wp-caption-text">Hl. Peter-und-Paul-Pfarrkirche, Dunackeszi Budapest 2024, Malergerüst im Kircheninnern</figcaption></figure>
<p>Seitdem ich 1996 begann, Kirchenmalereien zu übernehmen, habe ich sieben Kapellen und Kirchen in Griechenland und eine im Ausland gestaltet. Konkret sind es diese: Kirche des Agios Stefanos, Chalkida auf Euböa, Kapelle der Metropolitankirche Agios Dimitrios // Pfarrkirche des Agios Charalambos in Ellinika, Nord-Euböa // Kapelle des Agios Athanasios in Ellinika, Nord-Euböa // Pfarrkirche der Agia Sophia auf Amorgos // Pfarrkirche des Timios Stavros auf Donoussa // Kapelle des Agios Filaretos auf Schinoussa // Kapelle des Agios Vasileios auf Schinoussa // Pfarrkirche der Hl. Peter und Paul in Budapest.<br />
Werke von mir wie Wandmalereien und tragbare Ikonen sowie solche für bischöfliche Kathedren und Ikonostasen befinden sich in zahlreichen anderen Kirchen und in Privatsammlungen. [Ikonostase <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ikonostase">hier</a>]</span><br />
Die Art und Weise, wie ich in Griechenland und im Ausland arbeite, ist im Wesentlichen dieselbe. Zunächst erstelle ich eine Studie, wie ich zu Beginn beschrieben habe, die von einem Kostenvoranschlag begleitet wird. Wenn der Pfarrherr zufrieden ist, wird der Entwurf der zuständigen Metropolie zur Genehmigung vorgelegt, und ich fahre dann zusammen mit einem Arbeitsteam, das ich jedes Mal neu zusammenstelle, mit der Ausführung des Projektes fort.</p>
<p class="interview">Du hattest mir einmal in einer Taverne Fotos von deiner Arbeit in Budapest gezeigt. Ich erinnere mich, das war kurz nach dem großen Feuer, über das wir viel diskutiert haben.</p>
<figure id="attachment_16723" aria-describedby="caption-attachment-16723" style="width: 290px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16723 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-12a_schwarz-spiegel.jpg 616w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-16723" class="wp-caption-text">Ölgemälde, Detail</figcaption></figure>
<p>In Budapest gab es natürlich besondere Schwierigkeiten. Dazu gehörten unter anderem die sprachlichen und kulturellen Unterschiede sowie die Beschaffung der Materialien. Hinzu kamen die Probleme mit der Ausfuhr und dem Transport der Werke. Der griechische Staat verlangt eine spezielle Genehmigung für die Ausfuhr von Kunstwerken, um Antiquitätenraub zu verhindern. Diese Genehmigung wird von der zuständigen archäologischen Behörde erteilt und bestätigt, dass es sich um zeitgenössische Werke handelt. All dies konnte jedoch dank der guten Zusammenarbeit und des gegenseitigen Vertrauens mit dem dortigen Pfarrherrn, Pater Nikolaos, seiner Familie und mit Hilfe der Kirchenheiligen überwunden werden. Nach Abschluss dieser Arbeit war ich besonders stolz und gleichzeitig dankbar. Für mich war es eine Meisterleistung.<br />
Der Vorschlag für die oben genannte Arbeit kam zu einem sehr schwierigen Zeitpunkt. Es war unmittelbar nach dem großen Brand in Nord-Euböa, dem Gebiet, wo ich seit 14 Jahren mit meiner Familie lebe. Das Feuer zerstörte 500 Hektar dichten Wald. [<em>Das „neugriechische&#8220; oder auch „königliche&#8220; Stremma </em><span style="color: #0000ff;">(<a style="color: #0000ff;" href="https://orthpedia.de/index.php/Kirche,_die_k%C3%A4mpferische_und_die_triumphierende">hier</a>)</span><em> umfasst 1000 Quadratmeter, also 0,1 Hektar</em>] Eine biblische Katastrophe. Die staatliche Fürsorge während des Brandes war, gelinde gesagt, nicht vorhanden. Anschließend wandte sie sich in Richtung „großer Investitionen“. Das Ergebnis: Nach der ersten schweren Trauerphase und dem Versuch, wieder auf die Beine zu kommen, verließen Jahr für Jahr mehr Bewohner die Region aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs und der Arbeitslosigkeit, die zur Zerstörung der lebenswichtigen Ressourcen der Region geführt hatten. Der Wald hatte unter anderem Holz und Kiefernharz geliefert und war zugleich ein touristischer Anreiz gewesen. 80 % des griechischen Kiefernhonigs waren hier produziert worden. Die traditionelle Viehzucht erlitt einen schweren Schlag. Ein Großteil der Tiere verbrannte bei lebendigem Leibe. In der ersten Zeit glich die Region einem Kriegsgebiet: Asche, Schlamm, verbrannten Baumstämme und dazu Lastwagen überall. Und dann kam es zu Überschwemmungen. Es gibt einfach keine Worte, um die Situation zu beschreiben. Die Bewohner hatten in diesem Schockzustand sogar ihren eigenen Namen vergessen. Also nahm ich das Angebot aus Budapest an, das von einem alten ukrainischen Kollegen kam, der in seine Heimat zurückgekehrt war, eine Familie gegründet hatte und Priester geworden war. Er hatte von dieser ungarischen Gemeinde gehört, die ihre Kirche im griechischen Stil gestalten wollte. Er schlug vor, dass wir den Auftrag gemeinsam übernehmen, da er aufgrund seiner sonstigen Pflichten dazu nicht allein in der Lage war. Meiner Meinung nach hatte er auch nicht die nötige Erfahrung. Um es kurz zu machen: Wir nahmen ersten Kontakt zu Pater Nikolaos auf, dem Pfarrherrn der Gemeinde. Dann schnitt der Krieg in der Ukraine meinem Kollegen den Weg ab, und so übernahm ich das Projekt allein. Ich konnte ihn jedoch in die Arbeitsgruppe aufnehmen, die die Wandmalereien in der Kirche anbrachte. Die ikonographische Gestaltung einer Kirche ist eine sehr große Sache. Es gibt dabei immer Besonderheiten und einzigartige Momente.</p>
<p class="interview">Sehr gerne erinnere ich mich auch an deine Ausstellung in Vasilika, es gab Musik, Wein und tolle Gespräche. Und wunderschöne Gemälde, nicht nur zur Ikonographie, sondern auch zu unserem geliebten Heimatort Vasilika.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16712 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-450x636.jpg" alt="" width="450" height="636" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-450x636.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-212x300.jpg 212w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-724x1024.jpg 724w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-768x1086.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-1086x1536.jpg 1086w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz-500x707.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-13_Poster-ganz.jpg 1169w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" />Neben der kirchlichen Gestaltung male ich auch andere Motive. Dabei handelt es sich um Entwürfe, Studien und Werke, ausgeführt mit Bleistift, Tusche, Aquarell- und Ölfarben. Ich habe sogar einige Radierungen gemacht und einige wenige Plastiken. Eine kleine Auswahl dieser Werke habe ich 2021, im Jahr des großen Brandes, in einer Ausstellung hier in Vasilika auf Nordeuböa präsentiert. Genannt habe ich sie „Kleine Retrospektive”, weil sie ausgewählte Werke aus meiner gesamten Laufbahn, meine Lehrzeit ausgenommen, umfasste. Ich wollte diese Arbeiten zeigen, um Rückmeldung zu erhalten.<br />
Die größte Einheit dieser Arbeit machen die Landschaften aus, die ich mit Ölfarbe auf wasserfestes Sperrholz male. Es sind Landschaften aus der Umgebung. Meer und niedrige Hügel. Ich male sie nach der Natur und aus der Erinnerung. Die Motive wähle ich nicht wegen ihrer Lieblichkeit aus, sondern weil sie in mir ein besonderes Gefühl hervorrufen, das mich mit der Landschaft verbindet. Ich male in vertikalem Format, um so viel Himmel wie möglich einzubeziehen. Menschen tauchen darin nicht auf und nur selten menschliche Bauwerke. Ich möchte einen Eindruck von Erhabenheit vermitteln, eine Art Ehrfurcht vor der Großartigkeit der Natur, die jedoch gleichzeitig, aufgrund des gewählten Maßstabs, vertraut und zugänglich wirkt. Es handelt sich um Hügel und nicht um hohe, unzugängliche Berge. Für die Griechen war das Göttliche immer nah- und greifbar. Im Gegensatz zu den Heiligenbildern male ich die Landschaften schnell, fast instinktiv, nachdem ich mir zuvor im Kopf zurechtgelegt habe, worauf ich aus bin. Oft geht das ohne jegliche Vorzeichnung.</p>
<p class="interview">Wie reagieren die Besucher?</p>
<p>Normalerweise bekomme ich positive Kommentare zu meinen Gemälden; die Leute, die die Werke betrachten, sagen oft, dass sie sehr vertraute Themen erkennen, denen sie bislang keine Beachtung geschenkt hätten. Das werte ich als Erfolg, denn zu meinen Zielen gehört, die Anzahl der Dinge, denen wir Aufmerksamkeit schenken, immer ein wenig zu erweitern. Außerdem sagen viele, meine Werke würden sie auf Reisen schicken.</p>
<p class="interview">Du hast auch auf der Insel Kythera ausgestellt.</p>
<p>2019 hatte ich eine Ausstellung mit diesen Werken im Ausstellungsraum „Desmos“ in Paris – und sie wurden gut aufgenommen. Nach dem Brand von 2021 wurden meine Landschaften erst zu verbrannten und dann zu wiedergeborenen Landschaften. 2023 stellte ich diese Arbeiten in einem schönen Raum auf Kythera aus, dem „Zeidoro”. <em>[Altgriechisch: „Leben spendend“]</em></p>
<p class="interview">Wie lassen sich Ikonen und Landschaften für dich vereinen?</p>
<p>Meine Ikonen und meine Landschaften unterscheiden sich stark in Bezug auf Thematik und Stil. Zwischen ihnen gibt es jedoch eine Art emotionale Verbindung, die mir nicht paradox erscheint, betrachte ich doch die Natur als etwas Heiliges.</p>
<p class="interview">Wo entstehen deine Werke und wie ist dein Arbeitsrhythmus?</p>
<figure id="attachment_16700" aria-describedby="caption-attachment-16700" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16700 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz-450x800.jpg" alt="" width="450" height="800" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz-450x800.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz-169x300.jpg 169w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz-500x889.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-01a-Atelier-ganz.jpg 576w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16700" class="wp-caption-text">Atelier in Vasilika, Nord-Euböa</figcaption></figure>
<p>Der Ort, der mir die Möglichkeit für all dieses Schaffen gibt, ist meine Werkstatt. Das Atelier hat für mich eine emotionale Bedeutung, es ist ein Ort für Studium und Besinnung. Ein charakteristischer Tag dort beginnt normalerweise morgens um acht mit Reinigungsarbeiten und Arbeitsvorbereitungen. Wenn keine dringenden Lieferungen anstehen, arbeite ich fünf Stunden durch, male und recherchiere; darauf folgt eine Pause zum Mittagessen und zur Erholung. Am Nachmittag arbeite ich entweder weiter im Atelier, oder kümmere mich um Haushalt und Feldarbeit. Je nach den Erfordernissen des Tages und der Jahreszeit ergeben sich oft Anpassungen, aber auch durch die Auftragslage. Die Jahreszeiten und das Wetter sind für die Arbeit auf dem Land viel entscheidender als in der Stadt. Ich mag die Abwechslung und langweile mich daher nie. Oft bin ich jedoch angespannt, weil ich nicht das Pensum schaffe, das ich mir vorgenommen habe.</p>
<p class="interview">Ich kenne dich schon als kleinen Jungen, seit den frühen 80er Jahren. Ich denke immer an unseren gemeinsamen Wohnort, wenn ich dich sehe, nicht an Ikonen.</p>
<p>Ich genieße meine Beziehung zur Natur, die Veränderungen des Lichts und vor allem das Meer. In das Meer bin ich verliebt; meine Frau ist nur deshalb nicht eifersüchtig, weil wir diese Liebe teilen. Das Licht ist auch in meiner Malerei maßgeblich. Ich schwimme gerne, genieße aber auch lange Spaziergänge in den Bergen. Es gibt jedoch Zeiten, in denen ich mich in meine Werkstatt zurückziehe und den Kontakt zu meinem Umfeld verliere. Eine solche lange Phase waren die letzten drei Jahre, in denen ich die Kirche in Budapest ausgemalt habe. Das war meiner Gesundheit nicht zuträglich. Vielleicht wollte ich aber auch nicht raus, um die niedergebrannte Landschaft nicht sehen zu müssen.</p>
<p class="interview">Wie geht dein Leben nun weiter, bei dieser wirtschaftlichen Situation? Du hast von Feldarbeit und Haushalt erzählt, aber wie lässt sich weiterhin als Künstler das täglich Brot verdienen?</p>
<figure id="attachment_16699" aria-describedby="caption-attachment-16699" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16699 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder.jpg" alt="" width="1024" height="615" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder-300x180.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder-768x461.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder-450x270.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-00-die-3-bilder-500x300.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-16699" class="wp-caption-text">profane Gemälde im Atelier</figcaption></figure>
<p>Aufträge für Ikonenmalerei kommen nicht regelmäßig rein und Kunstausstellungen bringen in Griechenland keinen Gewinn. Derzeit sind außerdem finanzielle Schwierigkeiten weit verbreitet. Ich darf nicht klagen, habe ein opulentes Leben geführt und befinde mich jetzt an einem interessanten Scheideweg: Ich habe das Gefühl, genug für die Malerei getan zu haben, könnte jetzt aufhören und zufrieden sein. Meine Suche hat Früchte getragen und ich fühle mich frei, beruflich etwas anderes zu tun, was lukrativer und konstanter ist. Ich könnte auch weitermachen und das wäre trotzdem wie ein Neuanfang: Ich wäre jetzt reifer und könnte etwas wirklich Gutes schaffen, ein Vermächtnis für die Nachwelt. Ein altes Sprichwort besagt, Malerei sei die Kunst der Greise. Möglicherweise könnte ich die Kluft zwischen meiner kirchlichen und meiner weltlichen Malerei schließen. Das wäre eine sehr noble Absicht und der Weg, den ich gerne einschlagen würde. Jedoch bin ich mir bewusst, dass dies sehr stark von den sozialen Gegebenheiten und Bedürfnissen abhängt. Nicht alle Phasen begünstigen gleichermaßen die Produktion von Kunst; in Griechenland ist es derzeit heikel, sich mit Kunst zu beschäftigen. Ich habe dazu eine Familie, und die hat Priorität. Das Leben eines einsamen Künstlers, der für seine Kunst alles andere aufgibt, könnte ich nicht führen. Das war nie mein Ding. Die Kunst kommt auch ohne mich zurecht und ich ohne sie.<br />
In Griechenland gibt es viele Werkstätten für Ikonenmalerei, die miteinander konkurrieren. Die meisten produzieren sehr kommerzielle Werke. Aber so ist es nun einmal in der Kunst, in einer Zeit, in der der Profit an erster Stelle steht. Einige schaffen es jedoch, die Widrigkeiten des kommerziellen Geschmacks und des Strebens nach Reichtum zu überwinden, und etwas Bedeutendes zu fertigen. Vielleicht wird das auch in unserer Generation so sein, so dass die Tradition fortgesetzt wird.</p>
<p class="interview">Vaggelis, vielen herzlichen Dank für die Einladung ins Atelier und das Gespräch. Wir sehen uns!</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16701 alignleft" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf-150x150.jpg" alt="" width="200" height="267" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf-450x600.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf-500x667.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/vg-02-die-2-im-Atelier-scharf.jpg 675w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" /></p>
<p class="textinfo interview">Beim Interview im Atelier: V. Tsaprounis links, S. Steiner rechts</p>
<p class="textinfo"><em>Vaggelis Tsaprounis <a href="https://tsaprounisicon.wordpress.com/">hier</a>. Interview: Simon Steiner. Fotos: V. Tsaprounis, Simon und Rebekka Steiner. Übersetzung und Redaktion: A. Tsingas. Das Interview ist in stark verkürzter Form auch im Griechenland Journal erschienen.</em></p>
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		<title>Elena Maroutsou: Wundertäter und Sündenbock</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michaela Prinzinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 07:40:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[In Elena Maroutsous Roman nimmt eine Athener Familie einen unbegleiteten Flüchtling auf. Die Ankunft des fünfzehnjährigen Somaliers Musa setzt eine ganze Reihe von Veränderungen in Gang, definiert Beziehungen neu und fördert vergessene Begegnungen wieder ans ... <p class="read-more-container"><a title="Elena Maroutsou: Wundertäter und Sündenbock" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/elena-maroutsou-wundertaeter-und-suendenbock/#more-16663" aria-label="Mehr Informationen über Elena Maroutsou: Wundertäter und Sündenbock">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">In Elena Maroutsous Roman nimmt eine Athener Familie einen unbegleiteten Flüchtling auf. Die Ankunft des fünfzehnjährigen Somaliers Musa setzt eine ganze Reihe von Veränderungen in Gang, definiert Beziehungen neu und fördert vergessene Begegnungen wieder ans Tageslicht.</p>
<p>Die Familie besteht aus Mutter Rahel, Literaturübersetzerin, Vater Nikos, Architekt, und zwei pubertierenden Töchtern. Die Ankunft von Musa, dessen Name „Wundertäter“ bedeutet, bewirkt, dass die 50-jährige Rahel aus ihrer gewohnten Routine ausbricht und sich neu definiert. Dafür bezahlt er jedoch einen hohen Preis: Man legt ihm am Ende des Romans eine schwere Grenzüberschreitung zur Last. Musa wird erneut zum Opfer, nachdem er zunächst von einer somalischen Familie fälschlicherweise als Sohn angegeben wurde, die damit leichter in Deutschland Aufnahme fand. Musa bleibt ein Durchreisender und Heimatloser, der in die Gastfamilie kam, weil er auf die Weiterreise zu seinen „Eltern“ wartete. Er bleibt ein Fremdkörper im Leben der Anderen.</p>
<p>Eine interessante Rolle spielt im Roman die Insel Leros, mit der die Familie eng verbunden ist. Dorthin brachte man in der Bürgerkriegszeit Kinder kommunistischer Eltern zur Ausbildung und Umerziehung. Leros ist architektonisch geprägt durch die italienische Herrschaft auf dem Dodekanes bis 1947 und insbesondere durch den Baustil des italienischen Rationalismus der 30er-Jahre. Der Hafenort Lakki (damals Porto Lago) ist bekannt und berüchtigt als Verbannungsinsel der Linken und als Standort der größten psychiatrischen Anstalt Griechenlands, wo alle Kranken stranden, um die sich sonst niemand mehr kümmert. Zur Erzählzeit der Geschichte, kurz nach 2015, war Leros Flüchtlingshotspot. Das Gefühl von Verbannung und das Ausgestoßen-Sein aus der Gesellschaft treffen auf die Entwurzelung des jungen Flüchtlings.</p>
<p>Das Besondere an der Schreibweise von Elena Maroutsou ist ihr Erfindungsreichtum, sie weiß ihre LeserInnen stets zu überraschen. Ihre Erfahrung als Dozentin für kreatives Schreiben äußert sich in einer gut abgewogenen Vielfalt an Erzählweisen und in ihrem klugen, fruchtbaren Dialog mit anderen Autoren und Autorinnen aus der griechischen und internationalen Literatur sowie mit bildenden Künstlern.</p>
<hr />
<p><strong>Der Auszug:</strong></p>
<p><strong>Teil eins</strong><br />
<strong>Das Gepäck</strong></p>
<p>Es gibt keine Endstation, nur Kleiderkoffer,<br />
aus denen dasselbe Selbst sich wie ein Anzug entfaltet,<br />
abgeschabt, glänzend, mit Taschen von Wünschen,<br />
Einfällen, Fahrscheinen, Kurzschlüssen und Taschenspiegeln.<br />
<em>Sylvia Plath: Totem</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>1. Einführung in die Kunst des Verschwindens: </strong><br />
<strong>    Koffer und Hutschachtel  </strong></p>
<p>„Verschwinden“, das Wort hallte in Rahels Ohr am Ende des Telefonats noch lange nach. Krampfhaft versuchte sie, das entscheidende Wort von all den anderen zu isolieren, die sich in ihre Gedanken drängten wie Störgeräusche im Radio, die den Sprecher, den man eigentlich hören will, übertönen. Die Wörter „Angriff“, „Versuch“, „Missbrauch“ drohten „Verschwinden“ zu verdrängen, zum Schweigen zu bringen und zu überschatten wie Raubvögel, die über einer Taube kreisen. Ja, wie über einem Taubenjungen. Der fünfzehnjährige Musa war auf genauso mysteriöse Weise verschwunden wie das graue Taubenjunge damals, das auf der Gartenveranda im Blumentopf geschlüpft war. Seine Mutter, die geduldig gebrütet hatte und ihm Nahrung brachte, sobald es aus dem Ei geschlüpft war, blieb fort. Die sechsjährige Rahel adoptierte das Junge und probierte, ihm das Fliegen beizubringen. Sie setzte es auf den Verandatisch und bewegte die Arme auf und nieder wie flatternde Flügel. Die Flugstunden nahmen einige Tage in Anspruch. Als das Mädchen beschloss, dass der Vogel soweit war, das Gelernte anzuwenden, gab es ihm einen sanften Schubs. Der Vogel fiel zu Boden. Als sie ihn aufhob, fühlte sie, wie sein kleines Herz unter dem Gefieder flatterte. Rahel gab nicht auf. Sie erteilte ihm neue Flugstunden. Als der Herzschlag des Vogels erstarb, geriet das Mädchen in Panik. Sie umfing das tote Taubenjunge mit beiden Händen und verbarg es in einer Hutschachtel, die im Kleiderschrank der Mutter stand, so schwarz wie der Koffer, wo der Zirkuszauberer einige Monate später seine feingliedrige Assistentin einschloss. Die junge Frau krümmte sich so geschickt zusammen, als würde sie täglich so transportiert. Aus dem Koffer ertönte ein rhythmisches Pochen, wie eine Trommel oder wie der Herzschlag eines Vogels, den man in der Hand hält. Rahels Herz flatterte in ihrer Brust. Sie erinnerte sich an das Taubenjunge, das sie in die Hutschachtel gesperrt und dann ganz hinten im Schrank vergessen hatte. Sie hatte es nie im Garten begraben. Der Zauberer trat von der Bühne und kam auf sie zu, als wüsste er von ihrem dunklen Geheimnis, und lud sie ein, sich neben ihn zu stellen. Der Scheinwerfer fiel auf das kleine Mädchen, deren Füße ein See aus Licht umspielte. Als sie langsam und vorsichtig den Reißverschluss öffnete, sprang sie plötzlich erschrocken zurück: Aus dem Inneren des Koffers flatterte eine Taube. Aber dieses Wunder verlor seinen Glanz und verblasste vor dem unvergleichlichen Wunder, das sich vor Rahels Augen zutrug, als sie, wieder zu Hause, ebenso vorsichtig die schwarze Hutschachtel aufklappte: Das Taubenjunge war verschwunden. An seiner Stelle pulsierten und vibrierten die Leiber tausender weißer, blinder Larven.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>2. Der Koffer, der dich in den Himmel bringt</strong></p>
<p>Sein Name bedeute „Wundertäter“. Das erklärte die Sozialarbeiterin, als man ihnen im Büro der Organisation „Aktion Rückkoppelung“ mitteilte, dass sie ein Kind zur sofortigen Aufnahme hätten. Die Lippen der jungen Frau sahen aus wie die großen Kirschen aus dem Supermarkt. Rahels Lippen wirkten, als hätte eine ungeschickte Kinderhand versucht, einen Mund zu malen. Sie ließen an ein Kind denken, das ihn so lange ausradiert, bis ein einziger Strich übrigbleibt. Ein Strich, der mit zunehmendem Alter immer dünner und blasser wird. Jetzt, mit beinah fünfzig, fühlte sich ihr Mund unter den Händen dieses ungeschickten Kindes bei jedem Lächeln an wie ein rissiges Stück Papier. Richard sagte immer, sie habe empfindsame Lippen. In sie hätte er sich verliebt. „Mein kleiner Modigliani“, so nannte er sie. Aber besser, sie konzentrierte sich auf die Sozialarbeiterin, die sie erwartungsvoll ansah. „Schöner Name!“, sagte sie ratlos. Sie wusste, dass sie sich begeistert zeigen sollte. Es war ja ihre Idee gewesen, einen unbegleiteten Flüchtling aufzunehmen. Sie hatte den Antrag ausgefüllt. Sie hatte sich mit ihrem Mann angelegt, der sich gegen jede Veränderung in ihrem Leben wehrte. Die ältere Tochter hatte nichts dagegen, sie schien den Fremdling neugierig, ja sogar ungeduldig zu erwarten. Mit der jüngeren Tochter lag sie noch im Clinch.<br />
„Ja, man nannte ihn anscheinend so, weil er schon bei seiner Geburt lächelte. Anfangs dachte man, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung war, weil er auch nicht weinte, als er aus dem Bauch herauskam. Aber er war kerngesund. Jedes Mal, wenn die Rede darauf kam, erklärte die Mutter, sie hätte während der Schwangerschaft selbst alle Tränen aufgebraucht. Deshalb hätte das Baby nicht geweint.“<br />
„Aber wie kann es sein, dass ein Baby nach der Geburt nicht schreit? Das höre ich zum ersten Mal“, sagt Rahel.<br />
„Wissen Sie…“, lächelten die Kirschlippen. „Jede Familie hat ihre eigene Erzählung, nicht nur über die Geburt der Kinder, sondern über jede Facette der Familiengeschichte.“<br />
Aha, dachte Rahel. Die Erzählung. Schon wieder dieses unleidliche Wort, das sich so gern hervortut. Anscheinend können die Menschen mit der Wahrheit nicht umgehen. Und irgendwann entdecken sie, dass sie tausend Facetten hat. Und wenn man sie auseinanderfaltet, tauchen noch mehr auf. Die Händler können es nicht ertragen, dass die Kunden sich wegen eines Stoffstückchens zerstreiten, dass sie daran zerren und es zerknittern, dass sie es in Stücke reißen, damit jeder einen Teil bekommt. Und da sie sich nicht gegen die Kundschaft durchsetzen können, verbreiten sie, der Stoff sei nicht echt. Jede Falte, jede Facette enthalte eine kleine Lüge. Eine Erzählung. Jede einzelne sei gleichwertig mit jeder anderen. Sie habe denselben Preis. Sie sei genauso luftig gewebt wie ein Märchen. Und wenn das Märchen einen nicht mehr tröstet, wirft man es weg, ersetzt es durch etwas Reizvolleres, durch etwas, das besser zur Gegenwart passt. Hatte Richard das nicht auch so gemacht? Sie verscheuchte den unliebsamen Gedanken und kehrte zu den Kirschlippen zurück, die mit der Geschichte des Jungen begonnen hatten.<br />
Dabei erfuhr sie folgendes: Musas Eltern stammten nicht aus Somalia. Der Vater arbeitete als Kofferträger im Hotel. Er brachte das Gepäck der Gäste aufs Zimmer und bekam dafür ein Trinkgeld. Immer wenn er todmüde nach Hause kam, schmiedete er Pläne mit seiner Frau, weit wegzugehen. „Weit weg“ nahm viele Gesichter an, manchmal vertraut, manchmal exotisch, aber immer abgewandt von Somalia, das durch den langjährigen Bürgerkrieg nicht zur Ruhe kam. Freunde waren ums Leben gekommen. Man hörte von Leuten, die verschwanden, während sie sorglos über die Straße liefen. Friedenstruppen und die offizielle Regierung konnten die islamistische Terrormiliz Al-Shabaab nicht unter Kontrolle bringen. „Alle Konfliktparteien haben bislang ungestraft Verbrechen gegen internationales Recht und Verletzungen der Menschenrechte begangen. Nach wie vor werden Zivilisten von bewaffneten Einheiten entführt, gefoltert und getötet“, googelte Rahel schnell zu „Somalischer Bürgerkrieg“, als sich die Sozialarbeiterin entschuldigte und kurz das Zimmer verließ. War die gleichmäßige Verteilung der Schuld ein Zeichen für den objektiven Willen, Gerechtigkeit zu schaffen, oder ein Zeichen für die Unmöglichkeit, die Ursachen und Folgen des Bürgerkriegs zu entwirren? So, wie es zum Beispiel geschieht, wenn Schüler im Schulhof aneinandergeraten und der viel beschäftigte Direktor kurzen Prozess mit ihnen macht und alle von der Schule verweist? Musas Vater wurde endgültig aus dem Leben verwiesen, ohne dass er in einen Streit verwickelt war. Als die Sozialarbeiterin von der Toilette zurückkehrte, erzählte sie Rahel, dass ihm Stammgäste einen Job als Safari-Guide in Kenia verschafft hatten. Das Ehepaar packte seine spärlichen Habseligkeiten, und nachdem der Mann den Hoteljob zum Monatsende gekündigt hatte, wollten die Eltern des damals noch ungeborenen Musa Somalia verlassen. An seinem letzten Arbeitstag schwebte der Kofferträger förmlich über den Dingen, kaum spürte er das Gewicht des Gästegepäcks, das ihm, abgesehen vom stundenlangen Stehen, Krampfadern und Kreuzschmerzen gekostet hatte. Kurz vor Schichtende kündigte ein Hotelgast der Direktion das Eintreffen eines Taxis an, das einen am Flughafen vermissten Koffer bringen sollte. Musas Vater hievte ihn trotz seines ungewöhnlichen Gewichts hoch, als sei er federleicht. Der Fahrstuhl muss zwischen der dritten und vierten Etage gewesen sein, als die Bombe explodierte und die Kabine wie eine Rakete zum Himmel schoss. Seine Frau, die unter Schock stand, verbrachte den ganzen Tag im Krankenhaus in Mogadischu, und da wurde ihr mitgeteilt, dass sie schwanger war. Der kleine Musa lernte laufen, indem er sich vom einen Umzugskarton zum anderen hangelte. Alles, was sie brauchte, fischte die Mutter aus den offenen, auf dem Boden herumstehenden Schubladen. Als Musa vierzehn war, kramte die Mutter den Traum von der großen Flucht wieder hervor, steckte ihn in einen neuen, feuerroten Rucksack in der Lieblingsfarbe des Jungen und schenkte ihn dem Sohn, der mittlerweile in der Pubertät war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>3. Baby mit Rucksack</strong></p>
<p>Am Tag, als Kallia ihre erste Geburtstagskerze ausblasen sollte, beschloss Rahel, die Torte selbst zu backen. Es war ihre allererste Torte, und sie stand vor dem Mixer wie vor einer Flugabwehrrakete. Nikos, der sonst immer mit der Kleinen spazieren ging, wenn sie zu tun hatte, war im Büro und nicht zu Hause. Er musste Baupläne abgeben und hatte den Wecker auf fünf Uhr morgens gestellt. Sonst hätte er sich Kallia jetzt mit dem Tragetuch auf den Rücken geschnallt, wie die Afrikanerinnen, die im Stadtteil Patissia herumliefen, wo Frau Kalliopi, seine Mutter, wohnte. Sie hatte ihnen zur Hochzeit den Standmixer geschenkt, der gleichzeitig eine Küchenwaage war, denn beim Backen, so hatte sie der Schwiegertochter erklärt, waren die richtigen Mengen ausschlaggebend. Sie konnte nicht einfach improvisieren. Kuchen und Torten erforderten Disziplin. Umsicht. Aufmerksamkeit. Aber Rahel hatte vergessen, die Butter am Vorabend aus dem Kühlschrank zu holen, damit sie zimmerwarm war, und jetzt knallte der Fettziegel an die Wände der Rührschüssel und veranstaltete einen Heidenlärm. Die Kleine, die sie auf den Küchenboden gesetzt hatte, um sie im Auge zu behalten, plärrte los. Sie zog die Schublade mit den Holzkochlöffeln auf und reichte ihr einen zum Spielen. Es war noch früh, Kallia wachte immer bei Tagesanbruch auf. Rahel schaute aus dem Fenster auf den tiefblauen Morgenhimmel. Am Horizont formierte sich ein Vogelschwarm zu einer jener eindrucksvollen, wabernden Riesenseifenblase, die entstehen, wenn man Lauge durch eine große Schlinge bläst. Es war Oktober, dachte sie, und die Schwalben zogen nach Süden. Vielleicht flogen sie nach Afrika. Sie selbst war nie in Afrika gewesen. Aber sie hatte fast ganz Europa bereist, und einmal war sie mit einer Freundin in Lateinamerika gewesen, die Tickets hatte ihnen ihr Vater zur bestandenen Unizulassung geschenkt. Sie blickte auf Kallia, die gerade entdeckt hatte, dass sie Schubladen aufziehen konnte. Auf dem Boden häuften sich Flyer von Zustelldiensten und Betriebskostenabrechnungen. Wann würde sie wohl wieder reisen können? Sie war bestimmt noch jahrelang an die Bedürfnisse und den Tagesablauf ihrer Tochter gebunden. Und Nikos wollte noch ein Kind. Die Reisen, die sie kannte, sorglos, frei, ohne viel Gepäck und ohne Plan, waren vorbei. Sie war erst dreiunddreißig und würde Europa nicht mehr mit dem Zug durchqueren, nicht mehr auf unbequemen Flughafensitzen schlafen, während sie auf den Anschlussflug wartete, sie würde nicht mehr blind mit dem Finger auf die Landkarte tippen, wie sie es mit Richard, ihrer alten Liebe, getan hatte, wenn sie das nächste Reiseziel auswählte. Während die Butter in der Rührschüssel langsam weichgeklopft wurde, änderten die Vögel ständig ihre Formation und Richtung, als wäre ihre bevorstehende Reise keine Überlebensfrage, sondern eine Laune, die täuschende Nachahmung von Freiheit unter dem Joch der Notwendigkeit. Kallia klatschte ungeduldig in die Hände. Sie hatte Pralinen entdeckt, aber es gelang ihr nicht, sie aus dem Papier zu wickeln. Rahel ging zu ihrem Kind. Wie kamen die Pralinen in die unterste Schublade zwischen all die Quittungen? Als sie die Schokolade zur Hand nahm, brach ihr der kalte Schweiß aus. In der bläulichen Verpackung steckte nichts Süßes, sondern Rattengift. Im Höllenlärm des Mixers konnte Nikos nicht verstehen, was seine Frau unter Schluchzen ins Telefon schrie. Einige Stunden später war das Schauspiel vorbei. Im Kinderkrankenhaus wurde der Kleinen vorsorglich der Magen ausgepumpt, obwohl sie vermutlich keine der tödlichen Pralinen in den Mund gesteckt hatte, da es ihr gut ging. Trotzdem mussten sie die Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus verbringen. Vor lauter Aufregung tat Rahel kein Auge zu, noch konnte die völlig überdrehte, rastlose Kallia einschlafen. Sie summte sie in den Schlaf, legte sie an die Brust, wiegte sie im Stehen, erschöpft und bleich, hin und her. Erst als Nikos die Kleine ins Tragetuch packte und im Krankenhauspark spazieren führte, schlummerte Kallia friedlich ein, und Papa ging die ganze Nacht mit ihr spazieren. Während sie auf die Psychologin warteten – nach der Sozialarbeiterin war für die Aufnahme eines unbegleiteten Flüchtlings ein Hausbesuch vorgeschrieben – dachte Rahel, dass man so etwas besser nicht erzählte. Damit die Behörden Vertrauen fassten, musst man über solche Episoden aus dem Familienleben Schweigen bewahren.</p>
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<p><strong>4. Ein Koffer zwischen Vater und Sohn</strong></p>
<p>Nikos wünschte sich einen Sohn als zweites Kind. Er liebte Kallia und fühlte sich nie überfordert. Wenn sie krank war, kümmerte er sich liebevoll um sie, spülte ihr die Nase und gab ihr fiebersenkende Mittel mit der Kindermedizinspritze, damit kein Tropfen verlorenging. Da Rahel einen leichten Schlaf hatte und beim geringsten Laut oder der kleinsten Berührung mit weit aufgerissenen Augen aufrecht im Bett saß, als würde sie von einer Horde von Eindringlingen bedroht, ließ er sie an manchen Samstagabenden im Doppelbett in Ruhe allein ausschlafen, während er – kaum zu glauben, wenn man es nicht mit eigenen Augen sah – zusammengekrümmt und dicht an Kallia geschmiegt im Kinderbett lag. Womit er nicht gut umgehen konnte, waren Kinderspiele. Er schämte sich, es zuzugeben, aber sie langweilten ihn. Puppen jagten ihm von klein auf Angst ein. Auf der Kommode im Schlafzimmer von Frau Kalliopi, seiner Mutter, thronte seit seiner Kinderzeit eine große, fein herausgeputzte Porzellanpuppe. Als er sie einmal kräftig schüttelte, verschwanden ihre Augen mit einem Klack in den Augenhöhlen. Auch Kuscheltiere mied er. Jedes Imitat eines lebendigen Wesens erschien ihm abstoßend und verlogen. Fahrradfahren hingegen gefiel ihm, auch Ball- oder Gesellschaftsspiele, aber seine Tochter weigerte sich, mit etwas anderem zu spielen als mit ihren Püppchen. Daher hoffte er auf einen Sohn als zweites Kind. Als vier Jahre nach Kallia die kleine Paraskevi geboren wurde, stellte Nikos im Lauf der Zeit fest, dass seine jüngere Tochter etwas Jungenhaftes hatte. Sie war draufgängerisch, tauchte überall zugleich auf, heckte Streiche aus und neigte zu lebensgefährlichen Unfällen. Ein Wunder, dass sie ihren heutigen dreizehnten Geburtstag heil und unversehrt erlebte. Auf der Torte stand, das hatte sie sich so gewünscht: „Freitag, der 13.“ Ihr Name, Paraskevi, war auch ein Wochentag: „Freitag“. Die kleine Paraskevi hatte Nikos’ Humor, das behauptete zumindest der stolze Papa, der seine ältere Tochter immer noch heiß und innig liebte, aber für die kleine Göre eine besondere Schwäche hatte. Kallia war ihm ohnehin schon entglitten. Als Siebzehnjährige lebte sie in einer anderen Welt, führte hinter geschlossenen Türen stundenlange Telefonate, verschickte Nachrichten nach Mitternacht und beschäftigte sich – auf für ihn übertriebene und unbegreifliche Weise  – mit Klamotten, Frisuren und Kosmetika. Dabei war Kallia von klein auf wunderhübsch, wie eine Puppe, könnte man sagen, wenn ihn Puppen nicht erschrecken würden, oder bildschön wie ein Gemälde. Seine Frau war attraktiv, und er selbst sah auch nicht schlecht aus, er ging als ansprechend und ansehnlich durch, aber die Natur hatte, aufs Höchste inspiriert, die besten Seiten von ihnen beiden zusammengemixt und ein glänzendes Resultat geschaffen. So musste die Natur, als die kleine Paraskevi zur Welt kam, improvisieren und ihr Erscheinungsbild aus den verbliebenen genetischen Eigenschaften komponieren. Das Resultat war reizvoll, aber nicht zu vergleichen mit der blendenden Schönheit ihrer älteren Schwester. Für Nikos war Schönheit zweitrangig. Er kannte ihren Tauschwert im Spiel der menschlichen Beziehungen, aber ihm war klar, dass diese Währung instabil war und ihr Zeitwert von Jahr zu Jahr sank. Daher glaubte er nicht, dass Kallia mehr Glück hatte als Paraskevi. Denn die jüngere Tochter entwickelte durch natürliche Gaben oder auch aufgrund ihrer schwächeren Position als hässlichere Schwester Durchsetzungsvermögen, Selbstironie und Klugheit. Das alles benutzte sie, um zu erreichen, was immer sie sich in den Kopf setzte. Als Neunjährige beispielsweise hatte sie sich selbst den Rufnamen „Skevi“ gegeben, um sich nachdrücklich von Oma Paraskevi abzugrenzen, die sie „Karfreitag“ nannte und deren depressive Grundhaltung sie verspottete. Die Eltern wehrten sich zunächst gegen das ungewöhnliche „Skevi“. Sie behaupteten, den Namen hätten sie noch nie gehört, den gebe es gar nicht. Zu ihrer großen Enttäuschung entdeckte ihre Tochter im Internet eine zweite Skevi, eine Ärztin auf dem Dodekanes. Damit waren die Eltern mundtot gemacht. Außerdem betrachtete sie den ausgefallenen Rufnamen als Qualitätsmerkmal. Ein Grund mehr, ihn anzunehmen. Ob sie wollten oder nicht, langsam gewöhnten sich die Eltern daran. Trotzdem wünschten sie sich manchmal den Taufnamen ihrer Tochter zurück, und deshalb lachten sie auch, als er als witzige Anspielung auf der Geburtstagtorte auftauchte. Als sie aufgegessen hatten, überredete Skevi ihren Vater, seinen Mittagsschlaf zu opfern und in den Syngrou-Park zu gehen. Nikos hielt sich sonst an den Tagesablauf seines Vaters: Aufbruch im Morgengrauen zur Arbeit, Siesta zu Hause und wieder zurück zur Arbeit. Der Eingang lag nur wenige Meter von der Wohnung entfernt, und Nikos nahm seine Töchter manchmal zu einem Spaziergang oder einem Picknick auf das ihm vertraute Gelände mit. Er hatte sechs Jahre im reformpädagogischen Internat Anavryta verbracht. Kallia begleitete sie nicht mehr auf diesen Ausflügen, aber Skevi steuerte bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Athletikbahn oder die Spazierwege an. Sie wanderte gern mit ihm zu den ehemaligen Schulgebäuden, zum „Weißen Haus“, wo die gymnasiale Unterstufe und die Lernwerkstätten untergebracht waren, oder zum „Turm“, der früheren Villa des Bankiers und Mäzens Andreas Syngrou, wo die „klassische“ gymnasiale Oberstufe unterrichtet wurde. Dort gingen die Mädchen hin, getrennt von den Jungen, gemischte Klassen gab es noch nicht. Als zwei Jahre nach seinem Schuleintritt die ersten Gymnasiastinnen aufgenommen wurden, sei ihm das, so erzählte er seiner Tochter, wie ein Wunder vorgekommen. So, als wäre das „Weiße Haus“ noch heller geworden, als würde es leuchten. Bis dahin war er rund um die Uhr nur mit Jungen zusammen gewesen. Das Leben im „Ostflügel“, wo die Internatszöglinge wohnten, folgte militärischer Ordnung: sechs Uhr morgens aufstehen, kalt duschen, Morgensport mit Jogging und Gymnastik, ankleiden, Bettenmachen, Morgenversammlung, Unterricht, Essen im Speisesaal, einstündige Mittagsruhe, Sportspiele und praktische Übungen, werken, warm duschen, dreistündige Hausaufgabenzeit unter Aufsicht, Lektüre und Schachspiel, Zapfenstreich und Nachtruhe. Nikos war gewöhnt, in Patissia, ihrem Wohnviertel, den ganzen Tag draußen zu verbringen. Er wusste nicht, was ihn erwartete, als der Klassenlehrer, von Nikos’ Leistungen beeindruckt, den Eltern die Reformschule Anavryta vorschlug. Als die Ergebnisse der Aufnahmeprüfung bekanntgegeben wurden, wurde die stolze Freude des Kindes, die Prüfung als einer der Besten geschafft zu haben, von der Ankündigung von Herrn Jannis, seinem Vater, überschattet, dass er im Internat verbleiben sollte. „Ich kann dich mit dem Motorrad nicht jeden Tag hin- und herfahren“, sagte er, und damit war die Sache erledigt. Es war Sommer, und dem Jungen war nicht wirklich bewusst, was ihn im September erwartete. An dem Tag, als der Vater ihn mit aufs Motorrad nahm, herrschte durchdringende Kälte, der Koffer war zwischen sie beide geklemmt, aber die Arme des Jungen umklammerte nicht wie sonst die Taille des Vaters, sondern den Koffer. Die Kälte entsprach der Angst, der Verzweiflung und dem Gefühl des Verlassenseins, das er verspürte, als der Vater Gas gab und sich entfernte, ohne sich noch einmal nach seinem Sohn umzuschauen. Nikos stand, ganz allein mit dem Koffer, vor dem Schuleingang und wartete auf eine Geste, auf eine kurze Wendung des Kopfes.</p>
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<p><strong>5. Aus dem Müllcontainer in den Koffer</strong></p>
<p>Als Nikos im großen Saal vor dem Bett stand, in dem er fortan schlafen sollte, ohne eigenes Zimmer, ohne Familie, fremd unter Fremden, erfasste ihn erst Verzweiflung, dann Zorn. Wie konnten ihn die Eltern so allein lassen? Wie konnte der Vater das zulassen? Er war doch auch als Zwölfjähriger, genauso alt wie er, Zögling an der Königlichen Technischen Schule auf der Insel Leros gewesen, weit weg von seinem Dorf Krania an den Hängen des Olymp? Als er am ersten Besuchstag wagte, seinem Vater Vorhaltungen zu machen, versetzte der ihm eine schallende Ohrfeige. „Zieh nicht über Internate her“, sagte er. „Die haben mich zum Mann gemacht. Was wusste ich schon, da oben im Dorf? Nichts! Nur, wie man mit dem Esel Waffen zu den Partisanen bringt. Als uns die Regierungstruppen aufsammelten, waren wir wilde Tiere. Wie schliefen in Höhlen, mit den Schuhen an. Gut, dass uns der König ein Handwerk lernen ließ! Damit wir später unser Brot verdienen konnten. Vergiss nicht, dass die meisten von uns Waisenkinder waren. Die einen Eltern waren im Partisanenkampf in den Bergen gefallen, die andern waren im Exil, wieder andere im Lager. Mich holten sie, als der Vater umgekommen war. Die Mutter habe ich nicht wiedergesehen. Wir hätten nie gewagt, uns zu beschweren. Besuchstage kannten wir nicht. Hör auf zu jammern und sieh zu, dass etwas aus dir wird, denn du wohnst hier nicht gratis. In der Tischlerei schiebe ich doppelte Schichten, damit du dieselbe Schule besuchen kannst wie König Konstantin. Als kleiner Junge ist er immer mit seinem Vater nach Leros gekommen.“ Ja, das wusste Nikos. Herr Jannis sprach nicht oft davon, aber er hatte es von seiner Mutter gehört, die im selben Schulkomplex auf Leros an die Haushaltsschule ging. Ihre Eltern hatten den Partisanenkampf überlebt, aber sie stimmten dem Abtransport der Tochter auf die Insel zu. Ihr Haus im bergigen Messenien war im Bürgerkrieg abgebrannt, und bettelarm, wie sie waren, hätten sie die einzige Tochter nicht ernähren können. Die Haushaltsschule bot eine Lösung. Die Eltern von Nikos hatten sich während ihrer Ausbildung auf Leros kennengelernt, ganz so wie später die Eltern der kleinen Paraskevi an der Reformschule von Anavryta.<br />
„Komm, erzähl, welchen Eindruck machte Mama, als du sie zum ersten Mal gesehen hast?“<br />
„Das war beim Laufwettbewerb, der jeden Oktober stattfand. Da sind wir klassenweise angetreten, zuerst die Mädchen, dann die Jungen. Die Strecke führte quer durch den Wald im Syngrou-Park.“<br />
„Wo? Hier, wo wir gerade gehen?“<br />
„Ja, ungefähr. Wir sind einen Kilometer dem Wanderweg gefolgt, rauf und runter.“<br />
„Aha, erst rauf-runter, dann rein-raus!“, sagte das Mädchen mit einem gewissen Unterton.<br />
Der Vater tat so, als hätte er die Anspielung nicht gehört.<br />
„Zuerst liefen die Mädchen aus der ersten Klasse Gymnasium. Die Zuschauer standen an der Athletikbahn und haben nur den Start und den Zieleinlauf gesehen. Deine Mama, groß und knochig, war mir schon aufgefallen, bevor der Startschuss fiel. Sie hatte die Schultern eingezogen und machte einen kleinen Buckel. Das gefiel mir, weil ich damals Rockmusik hörte.“<br />
„Was hat das miteinander zu tun?“<br />
„Keine Ahnung, als ich sie sah, dachte ich jedenfalls, dass zu ihrem Gesicht Doors-Musik als Untermalung passt.“<br />
„Aha… Und dann?“<br />
„Mir fiel auf, dass sie nicht gleich beim Startschuss losgelaufen ist. So, als wäre sie in Gedanken versunken. Das fand ich süß. Ich rechnete nicht damit, dass sie überhaupt ins Ziel kommt. Du kannst dir meine Überraschung vorstellen, als sie vor allen anderen, mit riesigen, schnellen Sprüngen aus dem Wald kam. Die Verfolgerinnen waren noch gar nicht zu sehen. Der Sieg war ihr nicht mehr zu nehmen. Nach dem Wald lagen nur noch fünfzig Meter Feldweg vor ihr, der zum Zieleinlauf führte, wo die Zuschauer standen. Sie aber verlangsamte plötzlich ihr Tempo und spazierte gemütlich weiter. Wir trauten unseren Augen nicht! Wir riefen ihr zu, sie solle doch weiterlaufen. Nur noch ein kleines Stück. Aber sie ignorierte uns. So wurde sie von zwei, drei Schülerinnen eingeholt. Sie stand nicht einmal auf dem Treppchen. Das war fantastisch!“<br />
„Was findest du an der blöden Haltung fantastisch?“<br />
„Kapierst du nicht? Deine Mama hätte gewinnen können, sie hatte die Goldmedaille schon in der Tasche, aber sie hat alles hingeschmissen. Es war, als würde sie ihnen sagen: Ich scheiße auf eure Wettkämpfe, sie sind mir egal. Ich bin kein Rennpferd, ich renne nur, wenn ich Lust habe.“<br />
„Ja, vielleicht wusste sie nicht, wo die Ziellinie liegt, und dachte, nach dem Wald ist sie schon im Ziel.“<br />
Nikos lachte. Die Erklärung leuchtete ihm ein. Rahel wirkte des Öfteren ein bisschen „weggetreten“, und damit neckten die Töchter sie auch. Es kam vor, dass sie beim Abwasch reglos mit dem Topfdeckel in der Hand verharrte und die Seifenlauge so eindringlich betrachtete, als hinge ihre Zukunft davon ab. Dito, wenn sie einen Apfel schälte: Sie schälte ihn rundherum, aber nur zur Hälfte, dann pausierte sie mit dem Messer in der Hand, während die Apfelschalenspirale herunterbaumelte. Wenn sie las, ließ sie das Buch sinken, aber ihr Blick blieb an der Stelle haften, wo das Buch gewesen war, als hätten sich die Buchstaben vom Papier gelöst und wogten im Wind wie schwarze Klammern auf einer unsichtbaren Wäscheleine. Schon als Schülerin war sie eine Leseratte. Ihretwegen nahm Nikos an der Lyrikgruppe teil. Damals war Rahel vierzehn, Nikos zwei Jahre älter. Er hatte sich ans Internat gewöhnt, an den Tagesablauf, die kalte Dusche, die Schulhymne, den militärischen Drill und den nicht vorhandenen Ausgang, aber auch an die Späße im Speisesaal, die Gespräche mit seinen Freunden vor dem Einschlafen, das Leben in der Gemeinschaft. Mit Büchern oder Poesie hatte er, abgesehen vom üblichen Sprachunterricht, nicht viel zu tun. Die einzige erfundene Wirklichkeit, aus der er eine seltsam tiefe Befriedigung schöpfte, war sich einen anderen Vater vorzustellen. Wenn alle im Schlafsaal schliefen, blätterte er manchmal die Korrespondenzkarten durch, die er in seinem Koffer zwischen den von seiner Mutter eingepackten Socken und zusammengefalteten Unterhemden versteckt hatte. Am Abend vor dem Umzug ins Internat hatte sie ihn mit dem Müll zum Container geschickt. Seit dem Morgen hatte sie die Tränen kaum zurückhalten können und suchte einen Vorwand, um sich im Bad einzuschließen. Unwillig lief er die Treppe des Wohnhauses nach unten, mit finsterem Blick trat er vor die Haustür und überquerte die Straße. Der Sack in der Hand erinnerte ihn daran, dass er lange keinen Müll mehr wegbringen würde, und der stinkende, überquellende Container erfüllte ihn mit frühzeitigem Heimweh. Sein Blick fiel auf ein Päckchen zwischen den Müllsäcken, auf dem mit schwarzem Filzstift „Lakki“ stand. Das Päckchen war nur lose eingewickelt, und er konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er vermutete, es könnten Briefe des Vaters aus seiner Schulzeit sein. Aber dem war nicht so. Eingewickelt in Packpapier lagen, mit einem Geschenkband zusammengehalten, wie es Konditoreien verwenden, an die fünfzig Blanco-Postkarten, auf der einen Seite vollgeschrieben, auf der anderen Seite mit der Adresse des Empfängers versehen. Bis heute konnte er nicht sagen, aus welchem Impuls heraus er die „Korrespondenzkarten“ &#8211; eine alte Bezeichnung, wie er bald herausfand – mitnahm und in seinen Koffer stopfte. In der ersten Zeit, in der er sich nach Anavryta verbannt fühlte, leisteten ihm ihre Botschaften jeden Abend Gesellschaft. Ja, so fühlt er sich, verbannt, genauso wie der Mann, der unter der Obristenjunta im Internierungslager Lakki auf Leros saß, womöglich sogar im selben Gebäude, in dem der Vater seine Jugendjahre verbrachte, und hoffnungsvoll, ängstlich und zärtlich mit seiner Familie in Athen korrespondierte.</p>
<hr />
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16668" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-450x620.jpg" alt="" width="350" height="482" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-450x620.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-218x300.jpg 218w, https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-500x689.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross.jpg 743w" sizes="auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px" />Das Buch</strong><br />
Elena Maroutsou: <em>To exilastirio thavma. (dt. Arbeitstitel: Wundertäter und Sündenbock). Eine Geschichte in einundfünfzig Koffern </em><br />
(bislang nur auf EL)<br />
Verlag Kichli, Athen 2022, 338 Seiten, ca. 16 €<br />
ISBN 978-618-5461-42-3</p>
<p>Das Titelbild stammt aus der „Baggage Series“ des syrisch-amerikanischen Künstlers Mohamad Hafez. Die Autorin platziert gern in ihren Erzählungen Bildverweise.</p>
<p>Ein durchgehendes Motiv des Romans ist der „Koffer“ (in all seinen Erscheinungsformen als Rucksack, Truhe, Handtasche oder Müllsack) als Hüter von Eigentum und Erinnerung. Ein Koffer symbolisiert immer Abreise und Ankunft, Unterwegssein, Veränderung.</p>
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<figure id="attachment_16667" aria-describedby="caption-attachment-16667" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16667 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/em-1_Elena-Maroutsou-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-16667" class="wp-caption-text">© M.Valasopoulos</figcaption></figure>
<p><strong> Die Autorin</strong><br />
<strong>Elena Maroutsou</strong>, geb. 1967 in Athen, studierte Geschichte an der Universität Athen sowie Literatur und Kunstgeschichte in Reading, Großbritannien. Sie unterrichtet Literatur und Creative Writing und veröffentlicht Buchrezensionen.<br />
Ihre ersten Veröffentlichungen bildeten Erzählungen (1998 und 2004), 2008 erhielt sie den Athens Prize for Literature für den Roman „Zwischen Zug und Bahnsteigkante“. Die Novelle ΤΟ ΝØΗΜΑ, „Der Sinn“ (2010) wurde in einem Seminar von jungen LiteraturübersetzerInnen ins Deutsche übertragen.<br />
Mit den miteinander verwobenen Erzählungen „Obszöne Orchideen“ (2015), den Romanen „Zwei“ (2018) und „Wie die Tiere“ (2020) erreicht sie ihre Reifephase. Mit „Wie die Tiere“ wurde Maroutsou vom griechischen PEN unter die zehn besten Autorinnen gewählt, für „Wundertäter und Sündenbock. Eine Geschichte in 51 Koffern“ 2023 wurde sie mit dem Literaturpreis der Zeitschrift Klepsydra ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2024 der Band „Domino“ mit sieben, miteinander verketteten Erzählungen.</p>
<p class="textinfo"><em>Buchvorstellung: Michaela Prinzinger. Romanausschnitt: Elena Maroutsou in der Übersetzung von M. Prinzinger. Fotos: Verlag Kichli, Marios Valasopoulos. Redaktion: A.Tsingas. Die Probeübersetzung wurde von GreekLit unterstützt, der Übersetzungsförderung der Hellenischen Buch- und Kulturstiftung ELIVIP/HFBC, </em><span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://elivip.gr/en/">hier</a> </span><em>(auf EN).</em></p>
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		<title>Atalanti Evripidou: Menschen sind komplex und unvollkommen – und das ist großartig</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2026 07:16:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die Autorin spricht über ihren ersten Erzählband „Die, die nicht gegangen sind“. Anhand persönlicher Erlebnisse sowie historischer und mythologischer Elemente verbindet sie Fantasie mit Volksüberlieferungen.</p>
<p>Die Sammlung erzählt von Menschen am Rande der Geschichte – im Zeitraum von der osmanischen Besatzung bis heute. Von Frauen, queeren Menschen, ethnischen und religiösen Minderheiten, von Bastarden und Sexarbeiterinnen – sie waren schon immer da, wenn auch selten sichtbar. Sieben Geschichten vor dem Hintergrund eines immer weniger mythisch anmutenden Griechenland, wo Legenden verblassen, Freiheit an den Pranger gestellt wird und Solidarität das Einzige ist, was Bestand hat.<br />
Was in dieser Sammlung besonders hervorsticht, ist die Ehrlichkeit und das Bekenntnis zur Unvollkommenheit, in dem Sinn, dass ihre Figuren nicht ideal, sondern menschlich und vielschichtig sind. Das Buch thematisiert den Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge sowie die Widersprüche der menschlichen Seele. Die intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz – verbunden mit der Suche nach der Wahrheit in einer Welt voller Illusionen –, zeigt, dass Evripidous Sammlung darauf abzielt, die dunklen und verborgenen Aspekte der menschlichen Natur zu beleuchten, und hinterlässt bei den Lesenden zahlreiche Fragen zur Geschichte und zum kollektiven Gedächtnis.</p>
<p><strong>Das Interview: Georgia Harda befragt Atalanti Evripidou</strong></p>
<p class="interview">Was hat Sie dazu angeregt, diesen Erzählband zu schreiben?</p>
<p>Ich schrieb „Trisévgeni“, die erste Erzählung der Sammlung, im Rahmen eines Workshops für kreatives Schreiben, der von <em>Tales of the Wyrd</em> <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://talesofthewyrd.com/?lang=en">hier</a></span> (auf EN) organisiert wurde, und anschließend zwei weitere, „Jenseits der gläsernen Berge“ und „Die, die nicht gegangen sind“, um sie in den Literaturworkshops der Athener Science-Fiction-Gesellschaft (ALEF) vorzustellen. Mir wurde bewusst, dass es in diesen Erzählungen einige thematische und stilistische Gemeinsamkeiten gab, und ich beschloss, noch einige weitere Erzählungen zu schreiben, um eine Sammlung zu schaffen, die genau von diesen thematischen und stilistischen Leitgedanken durchzogen sind.</p>
<p class="interview">Beim Lesen des Titels Ihres Buches fragte ich mich, ob das Verharren im Leben eine Art von Widerstand oder von Untätigkeit ist, und auch, was es über die menschliche Natur verrät, dass sich manche Wesen entscheiden zu bleiben, andere jedoch, zu gehen.</p>
<p>Ich denke, das Bleiben kann beides sein, je nach der Situation, in der wir verharren. Die Charaktere der Sammlung tun das Eine oder das Andere – bleiben oder gehen – und beides kann Widerstand sein oder auch Untätigkeit. Der Junge, Vasiliki oder Evgenios entscheiden sich zu gehen, doch das hat unterschiedliche Gründe und ebenso eine andere Aussage; und möglicherweise wird die Leserschaft nicht für alle ihre Entscheidungen gleichermaßen Verständnis aufbringen. Der Kapitän, Evdokia und Stratis sind Figuren, die bleiben, doch – auch hier – sind ihre Motive und die Folgen ihres Bleibens nicht gleichermaßen annehmbar. Mir scheint, dass wir alle im Leben beide Entscheidungen treffen, sowohl um Widerstand zu leisten, aber auch – vielleicht – aus einer Art Starrheit heraus. In manchen Fällen sogar auch zur Selbsterhaltung. Vielleicht ist es letztendlich wichtiger, wo wir stehen, nachdem wir geblieben oder gegangen sind.</p>
<p class="interview">Sie haben das Buch Ihrem Großvater gewidmet. Inwiefern ist diese Widmung der Abschied, den Sie nicht mehr nehmen konnten?</p>
<p>Das wurde mir bewusst, als ich meine Abschlussarbeit in Gesellschaftspsychologie zum Thema Trauer abgab: dass ich praktisch ein ganzes Buch geschrieben habe, um den Verlust meines Großvaters zu verarbeiten. Er ist während des Lockdowns von uns gegangen und leider gelang es mir aufgrund der Einschränkungen nicht, ihn noch einmal zu sehen oder an seiner Beerdigung teilzunehmen. Die meisten Erzählungen der Sammlung sind in gewisser Weise von meinen Erlebnissen in meinem Dorf bei Karditsa geprägt, sowohl sprachlich als auch bildlich. Und als ich sechs der sieben Erzählungen geschrieben hatte, wurde mir bewusst, dass ich viele Aspekte des „Griechischseins“ einbezogen hatte, aber nicht die Lebensfreude und das Feiern. Und so wurde mir auch klar, dass ich den Tod meines Großvaters innerlich bereits akzeptiert hatte. Es war ein großer Heilprozess, obwohl er gar nicht als solcher gedacht war.</p>
<p class="interview">Wie haben Sie die Thematik der Erzählungen ausgewählt? Haben Sie sich auf persönliche Erfahrungen oder auf mythologische und volkstümliche Elemente der Tradition bezogen?</p>
<p>Eine Mischung von all dem, aber auch auf zahlreiche Zeitzeugnisse, begleitet von einer gehörigen Portion Fantasie. Zwei der Erzählungen sind, wie am Ende des Buches vermerkt ist, von Volksmärchen inspiriert, die im zweibändigen Werk von Georgios Megas <em>Griechische Märchen</em> enthalten sind. Dies sind „Fünf Monde sind dahin“, basierend auf dem Märchen „Herr Weizengrieß“, und „Trisévgeni“, basierend auf dem Märchen „Trisévgeni oder die drei Zedrate“. Aber auch wahre Geschichten, wie die von Thanassis Vagias oder von Zafiris, der an der Seite des Generals des Griechischen Unabhängigkeitskrieges Georgios Karaiskakis kämpfte (<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Georgios_Karaiskakis">hier</a></span>) sowie Berichte von Menschen, die die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg erlebt haben, Berichte über die <em>Existenzialisten der fliegenden Hütte </em>(<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.lifo.gr/culture/music/ena-athinaiko-parti-stin-iptameni-paragka-toy-simoy-toy-yparxisti-1953">hier</a></span>, auf EL). Natürlich auch meine eigenen persönlichen Erfahrungen, zusammen mit geliebten Gedichten und Liedern – und, wie bereits erwähnt, einer gehörigen Portion Fantasie. Abgesehen von diesen beiden Erzählungen, die sich an Märchen orientierten, entstanden die übrigen aus dem Gedanken heraus „Wie würde magischer Realismus in Griechenland aussehen?“ (so entstand die namensgebende Erzählung der Sammlung „Die, die nicht gegangen sind, kommen nicht zurück“) oder aus der Notwendigkeit „Ich muss eine Erzählung für den Workshop einreichen und habe es eilig, also suche ich im Internet nach einem Schreibprompt“ (was schließlich zum Prompt „Ein Henker, den sein letztes Opfer verfluchte“ führte).</p>
<p class="interview">Es sind sieben Erzählungen. Hat diese Zahl eine besondere Bedeutung?</p>
<p>Die Wahrheit ist, dass es nicht sieben waren. Es waren ursprünglich acht Erzählungen, aber eine habe ich rausgenommen, bevor ich das Manuskript einreichte, weil sie nicht ausreichend zu den übrigen passte. Außerdem gab es noch einen neunten Text, der aber erst später geschrieben wurde, als die Sammlung bereits in den Händen des Lektors war – für diese Erzählung war es also zu spät. Aber ich denke, dass sieben schließlich aus vielen Gründen die ideale Anzahl war. Auf einer eher symbolischen Ebene, weil es eine bedeutungsvolle Zahl ist und das Buch von einer Magie handelt, die ständig schwindet und verloren geht. Auf einer praktischen Ebene, weil man eine Woche zum Lesen braucht, wenn man sich das Ziel setzt, eine Erzählung pro Tag zu lesen.</p>
<p class="interview">In Ihrer Erzählung „Der Nagel im Kopf“ hat mir der Satz <em>Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit</em> gefallen. Können Sie uns mehr dazu sagen?</p>
<p>Das war eine Erzählung, die in meinem Kopf mit diesem einen Satz begann. Damit begann ich zu schreiben, ohne eine Ahnung zu haben, wohin es führen würde. Ich vermute, der Satz ergab sich aus dem, was wir oft sagen, wenn wir uns verspäten: „Ach, irgendwo auf der Welt wird es schon die richtige Zeit sein“. Aber er verdichtet in gewisser Weise auch diesen Verlust an Erinnerung und Geschichte, diese Details an Wahrheit, die systemisch (und systematisch) geopfert werden, um unser nationales oder persönliches Narrativ zu konstruieren.</p>
<p class="interview">In derselben Erzählung erwähnt die Protagonistin den Rat ihrer Großmutter: <em>Erfinde keine perfekten Märchen. Wenn du eine Geschichte erfindest, sorge dafür, dass man sie glaubt, weil sie wahrhaftig klingt, und nicht, weil man dir glauben will; denn irgendwann wirst du die Menschen enttäuschen, und sie werden aufhören, dir glauben zu wollen, und dich mit Rechen und Schaufeln in den Händen verjagen.</em> Glauben Sie, dass dieser Ansatz authentischer und realistischer ist als andere? Und wie steht dieser zum Bedürfnis der Leserschaft nach „Wahrheit“ in einer Zeit, die von Illusionen überschwemmt wird?</p>
<p>Ich möchte mich zunächst auch als Leserin äußern: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich mit makellosen Charakteren identifizieren oder mit ihnen mitfühlen kann.<br />
Ich mag auch keine Leute, die hohl sind, damit sie der oder die Lesende in der Geschichte als Projektionsfläche seiner selbst nutzen kann. Ich möchte über Figuren lesen, die echt sind, dreidimensionale Menschen, bei denen ich nachvollziehen kann, wie ihr Verstand und ihre Seele tickt, auch wenn ich nicht mit ihnen übereinstimme oder ihre Erfahrungen teile. Als Autorin halte ich es heute noch für einen guten Rat, mit den Protagonisten wie mit normalen Menschen umzugehen. Menschen sind komplex und unvollkommen, und das ist im wirklichen Leben genauso angebracht wie in der Literatur.</p>
<p class="interview">In der Erzählung „Der Sommer, in dem die Freude verloren ging“ schreibt ein Protagonist: <em>Das Leben hat keinen Höhepunkt, denn es ist keine Erzählung.</em> Glauben Sie, dass es im Leben, wie auch in der Literatur, eine gewisse „Logik“ gibt, einen bestimmten Verlauf? Oder ist das Leben dazu verdammt, unvollendet zu bleiben?</p>
<p>Ich denke, dass Leben und Erzählung zweierlei sind: Das Leben an sich hat keine Konsequenzen, ergibt keinen Sinn und unterliegt keiner Logik, aber wenn man es erzählt, die Art und Weise, wie wir uns daran erinnern, beinhaltet doch all das. Oft passieren zwei zusammenhangslose Ereignisse gleichzeitig; später erinnern wir uns aber daran, als wären sie nacheinander passiert, weil das der Erzählung dienlich ist. Beispiel: „Ich bin auf eine Bananenschale getreten – im selben Moment kam mein Bus vorbei und ich habe ihn verpasst“. Das wird zu „Ich habe den Bus verpasst, weil ich auf eine Bananenschale getreten und hingefallen bin“. In der Literatur muss die Erzählung überzeugend, wenn nicht sogar realistisch sein, sodass sie eine gewisse Logik hat – allerdings eher eine innere Logik, denn natürlich gibt es Gattungen wie das Absurde oder das Skurrile, die auf den ersten Blick dieser Logik gar nicht zu folgen scheinen, aber dennoch eine innere Kontinuität aufweisen.</p>
<p class="interview">Das Buch deckt historisch ein breites Spektrum ab, von der osmanischen Herrschaft bis in die Gegenwart, mit besonderem Schwerpunkt auf Personen, die am Rande der Geschichte leben. Wie sind Sie auf diese Figuren gekommen und wie ist ihre eigene Beziehung zur griechischen Gesellschaft?</p>
<p>Ich bin der Ansicht, dass es in der langen, überbordenden Geschichte Griechenlands viele unausgesprochene Geschichten gibt – etliche Dinge, über die wir nicht offen sprechen oder die wir sogar komplett unter den Teppich kehren. Gab es im griechischen Befreiungskampf überhaupt keine queeren Menschen? Waren alle Freiheitskämpfer ständig und ausnahmslos kreuzfromm? Was bedeutete es, als unverheiratete Mutter im Dorf zu leben? Wie entstehen unsere Familiensagen? Wie wird das kollektive Gedächtnis geformt und welche Menschen bleiben dabei außen vor? Diese Fragen stelle ich mir auch jenseits der Literatur. Und aus der Position einer Person heraus, die das Privileg hat, diese Fragen stellen zu können, versuche ich – so gut es mir mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln möglich ist – Licht auf diese nicht wahrgenommenen Geschichten inmitten der geschichtlichen Ereignisse zu werfen. Ich glaube aber auch, dass die heutige Gesellschaft auf einem Weg der Besserung ist: Im Vergleich zu der Zeit vor zehn oder sogar fünfzig Jahren gibt es erhebliche Fortschritte, was Akzeptanz, Toleranz und Vielfalt angeht. Aufgrund meines Berufs komme ich ständig mit jungen Menschen von 18–19 Jahren in Kontakt; es berührt mich zu sehen, dass jede neue Generation etwas aufgeschlossener und sensibler als die vorherige ist.</p>
<p class="interview">Die griechische Tradition und insbesondere die Volksdichtung und die Volksmärchen scheinen in ihrem Schreiben wichtige Komponenten zu sein. Erzählen Sie uns davon.</p>
<p>Daran sind wohl die Märchen von Georgios Megas schuld. <span style="color: #0000ff;">[*]</span> Ich habe sie als Kind innig geliebt, sie auch als Erwachsene oft gelesen und immer eine Verbundenheit mit ihnen gespürt, die bei den westeuropäischen Erzählungen so nicht aufkam. In den Volksmärchen gibt es kluge Frauen, die Prinzen retten, es gibt Protagonisten, die die Lamia und die Drachen mit Klugheit und nicht mit körperlicher Stärke besiegen; sie haben oft Humor und strahlen eine universelle Authentizität aus. Sie sind bodenständig, riechen nach Scholle. Gleichzeitig leben wir in einem Land, das vor lauter Touristen fast untergeht; außerhalb der Landesgrenzen weiß man jedoch wenig mehr über Griechenland als von seiner fernen, antiken Vergangenheit und der Wirtschaftskrise. Insbesondere das antike Schriftgut und die Mythologie gehören der ganzen Welt – wir beobachten einen zunehmenden Trend, dass ausländische Autoren Nacherzählungen der griechischen Mythologie verfassen. Aber die Volkstradition, unsere Volkslieder, unsere Märchen, die Geschichten unserer Dörfer gehören uns und wurden bislang noch von niemandem vereinnahmt. Daher erscheint es mir logisch, dass sich jüngere Autoren wie ich und andere, die mir vorausgegangen sind, sich dahin wenden, wenn sie Inspiration, persönlichen Stil oder gar Identität suchen. Es ist vielleicht eine Neuverhandlung dessen, was als „Griechischsein“ gilt – und das zu unseren eigenen Bedingungen.</p>
<p class="interview">Inwiefern steht das Konzept des persönlichen Opfers, das sich durch mehrere Erzählungen Ihrer Sammlung zieht, mit der heutigen Realität in Verbindung? Sind Sie der Meinung, dass die Menschen heute zu ähnlichen Opfern aufgerufen werden? Und wenn ja, was sind sie bereit zu opfern?</p>
<p>Ich bin froh, dass wir nicht dazu aufgerufen werden, ähnliche Opfer zu bringen, denn wir befinden uns weder im Krieg noch unter einer wie immer gearteten Besatzung. Und auch, dass sich in vielerlei Hinsicht Lebensqualität und Gesellschaft verbessert haben. Gleichzeitig möchte ich behaupten, dass wir jeden Tag Opfer bringen, auch wenn es nicht die allergrößten sind. Sicherlich ist es heroisch, sein Leben zu opfern, um sich gegen Besatzer zu wehren, aber drei Jobs zu haben, um die eigenen Kinder zum privaten Englischunterricht schicken zu können, ist ebenfalls ein bedeutendes Opfer, wenn auch ein eher triviales.</p>
<p class="interview">Ihre Erzählungen spiegeln die griechische Geschichte und ihre Widersprüche sehr eindrücklich wider. Was hat Sie dabei am meisten beschäftigt und dazu bewegt, sich auf solche Themen zu konzentrieren?</p>
<p>Ich habe mich immer wieder gefragt, wo solche Geschichten zu finden sind und warum wir sie nicht erzählen. Geschichten wie die von Zafiris in „Trisévgeni“, die ich bereits erwähnt habe, oder die der Existentialisten von Simos, die so viel Geld für die Erdbebenopfer auf den Ionischen Inseln gesammelt haben. Und das Bedürfnis, mir ein Bild von ihnen zu machen und sie durch die Fantasie mir selbst und den Lesenden wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es war diese besondere Ungerechtigkeit des kollektiven gesellschaftlichen Vergessens.</p>
<p class="interview">Ihre Sammlung thematisiert die Widersprüche und dunklen Seiten der menschlichen Existenz und wagt es, historische und gesellschaftliche Stereotypen zu hinterfragen. Welche Botschaft wollten Sie Ihrer Leserschaft durch diese Herangehensweise vermitteln?</p>
<p>Was die Botschaft angeht, habe ich keine Vorstellung; aber ich wäre sehr zufrieden, wenn diese Sammlung auch nur einen einzigen Lesenden dazu anregen würde nachzudenken, über welche Art von Menschen geschrieben wird und über welche nicht.</p>
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<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16602 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw-150x150.jpg 150w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw-300x300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw.jpg 443w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" /><span style="color: #0000ff;">[*]</span> <strong>Georgios Megas</strong> war ein griechischer Volkskundler. Er wurde am 13.08.1893 in Mesimvria/Ostthrakien (dem heutigen Nessebar an der bulgarischen Schwarzmeerküste) als Sohn eines Lehrers geboren. Er besuchte die Schule in Siatista, dem Herkunftsort seines Vaters, und schloss 1913 sein Philologie-Studium in Athen ab. Megas arbeitete erst als Grundschullehrer. 1926-1930 studierte er in Leipzig und Berlin Klassische Philologie und Volkskunde. Danach war er als Gymnasiallehrer und im Volkskundearchiv der Akademie von Athen tätig, das er von 1936 bis 1955 leitete. Ab 1947 lehrte er Volkskunde an der Universität Athen.<br />
1960 übernahm er den Vorsitz der Griechischen Volkskundlichen Gesellschaft (Ελληνική Λαογραφική Εταιρεία). Er sammelte und veröffentlichte zahlreiche Volksmärchen, fantastische Erzählungen der Volksliteratur sowie Werke der Volksdichtung, die das ländliche Leben, die Sitten und Bräuche, die Vorurteile, die Aberglauben und die Lebenswerte widerspiegeln. Er war der erste Grieche, der Volkserzählungen nicht nach lokalen oder geografischen, chronologischen oder spektakulären Gesichtspunkten klassifizierte, sondern nach dem internationalen Aarne-Thompson-Uther-Index (ATU). Um dem zukünftigen Forscher die Arbeit zu erleichtern, gibt er am Ende des Buches stets den Typus an, zu dem jedes Märchen gehört (Tierfabel, Volksmärchen oder heitere Erzählung), sowie dessen Herkunft und Varianten.<br />
Am 22.10.1976 starb er bei einem Autounfall.</p>
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<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-16598" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x.png" alt="" width="945" height="612" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x.png 945w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-300x194.png 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-768x497.png 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-450x291.png 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-500x324.png 500w" sizes="auto, (max-width: 945px) 100vw, 945px" /></p>
<p><strong>Die Erzählung </strong><br />
<strong><em>Der Nagel im Kopf</em></strong></p>
<p>Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit. Das habe ich von deiner Großmutter gelernt. Die, die von wo sie auch immer wegging, anders in Erinnerung blieb. Hier war sie die Hebamme, dort eine Hausiererin, anderswo eine Hexe oder auch eine Heilige.<br />
Wir zogen von Dorf zu Dorf, mit unserem Maultier und einem Planwagen, beladen mit unserem Hab und Gut; abends machten wir Suppe auf dem Gaskocher warm und schliefen auf einer Matratze. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, und er hat mir auch nicht besonders gefehlt. Vielleicht habe ich ein-, zweimal nach ihm gefragt, und vielleicht hat meine Mutter etwas darauf geantwortet, aber ich erinnere mich nicht mehr daran. Es gefiel mir jedoch nicht, dass man mich überall Bankert nannte und an den Brunnen und in den Kaffeehäusern über mich tuschelte.<br />
Also, als ich mit dir schwanger war, erfand ich ein Märchen und erzählte es mir so oft vor dem Spiegel, bis ich es schließlich selbst glaubte. Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit. Ich kam nach Kalyvia, den Bauch bis zur Brust, öffnete das Haus meiner Tante Marigo, lüftete es aus und erzählte, mein Mann sei Seemann und auf Reisen. In ein paar Monaten würde ich in die Stadt fahren und mir selbst einen Brief zuschicken, der mir seinen Tod mitteilen würde. Lieber Witwe und Waise als Hure und Bankert. Ich hatte mir alles im Kopf zurechtgelegt, bis dein Vater auftauchte und meine Pläne durchkreuzte.<br />
Ich sage „dein Vater“, aber wer weiß, ob er das ist – oder was er wirklich ist. Der Mann, der mich geschwängert hat, ist er jedenfalls nicht. Manchmal, wenn ich dich anschaue und sehe, wie sehr du ihm ähnlich siehst, fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, wie ich ihn kennengelernt habe, nachdem du geboren wurdest. Dann fällt es mir natürlich wieder ein, und mir versagen die Beine, obwohl ich Stratis sehr geliebt habe. Warum eigentlich? Das ist nicht leicht zu erklären, aber ich muss es versuchen. Das Vergessen hat schon eingesetzt, und ich befürchte, wenn ich es dir nicht erzähle, wirst du bald beide Elternteile verlieren, meine kleine Julia.<br />
Als ich ins Dorf kam, war ich eine Fremde. Ich hatte zwar das Haus meiner Tante geerbt, aber niemand hatte mich je gesehen oder von mir gehört. Und über meine Mutter, die mit fünfzehn hochschwanger von zu Hause weggegangen war, hatten sie nichts Gutes zu sagen. Nicht alle glaubten meiner Geschichte und betrachteten mich so mit Argwohn. Doch im Laufe der Monate ließ schwächte jeder Brief, den ich an meinen angeblichen Mann schickte, das Gerede ab. Und als ich gebar und die Hebamme mich fragte, wie ich das Kind denn nennen wollte, sagte ich: Julia, wie meine Schwiegermutter. Schau jetzt nicht so, ich weiß, dass es keine Schwiegermutter gab. Was denn, hätte ich dich Agoritsa nennen sollen, wie deine Großmutter? Julia ist doch ein schöner Name.<br />
Vierzig Tage lang habe ich das Haus nicht verlassen. Ich wollte, wollte so sehr, mich – noch mehr dich – mit den Nachbarn gut stellen. Also blieb ich vierzig Tage drin, und mit jedem Tag, der verging, kamen immer mehr Frauen, um mir Pasteten und frische Milch, Löffeldesserts und Marmeladen zu bringen. Und um dich zu sehen, natürlich.<br />
Eines Abends kam auch Fanouris, der den Gemischtwarenladen auf dem Dorfplatz hatte – erinnerst du dich an ihn? Ich weiß selbst nicht mehr, wie oft ich dir gesagt habe, du sollst dich von ihm fernhalten, als du noch klein warst, ich habe den Überblick verloren. Und du hast dich immer bei mir beklagt, dass die anderen Kinder gefüllte Hörnchen und Zuckerwerk bei ihm kauften und ich es dir nicht erlaubte. Wie auch immer. Ich hatte dich gerade gestillt und meine Bluse war von der Milch durchnässt. Ich erwartete keinen Besuch, aber ich dachte mir, dass vielleicht eine Nachbarin vorbeigekommen sei; ich öffnete die Tür, ohne groß nachzudenken.<br />
„Wie geht’s dir, Paraskevi?“, fragte er mich mit honigsüßer Stimme.<br />
Er hatte einiges intus, seine Nase war rot, seine Augen glänzten, und sein Atem roch nach Tsipouro.<br />
„Mir geht’s gut, Fanouris, aber ich muss das Kind ins Bett bringen, es ist schon spät“, sagte ich höflich, denn es ging einfach nicht, unhöflich zu dem einzigen Mann im Dorf zu sein, der Brot und Milch verkaufte.<br />
„Darf ich kurz reinkommen? Ich möchte dir was sagen“, fuhr er fort, als hätte ich kein Wort gesagt.<br />
Wenn man seine Jahre auf der Straße von Ort zu Ort verbracht hat, lernt man schnell zu erkennen, wann jemand einem nichts Gutes will. Meine Mutter sagte zu mir, dass jeder Mensch auf dieser Erde mit einem Nagel in der Brust oder im Kopf oder im Unterleib wandelt, und dass man, wenn man überleben will, besser so tun sollte, als würde man den Nagel des anderen nicht sehen und auch nicht ahnen, wie er dessen Leben bestimmt. Deine Großmutter war eine weise Frau. Weiser als ich.<br />
„Ich muss das Baby schlafen legen“, sagte ich erneut.<br />
Diesmal gelang es mir nicht, meinen Unmut zu verbergen. Fanouris’ aufgesprungene Lippen verzogen sich zu einem vulgären Grinsen.<br />
„Willst du wirklich, dass ich das, was ich zu sagen habe, hier draußen sage, meine kleine Paraskevi?“ Mein Name in seinem Mund verursachte mir Übelkeit. Ich sagte nichts. „Es könnte jemand mithören …“, legte er nach. Da beschloss ich, dass er, egal welche weiteren Drohungen oder Wahrheiten er auch immer von sich geben wollte, meine Türschwelle nicht kampflos übersteigen würde. Zu meinem Glück fingst du in diesem Moment an, laut zu weinen.<br />
„Gute Nacht, Fanouris“, sagte ich und wollte die Tür schließen.<br />
In dem Moment, als er seine verschwitzte Hand dagegenstemmte und seine Visage in den Spalt drückte, hätte ich beinah mein Herz auf dem Boden erbrochen. Ich erinnerte mich daran, dass mir eine Nachbarin erzählt hatte, Fanouris sei im Krieg gewesen. Das kroch zu meiner Kehle hoch und schnürte sie zu; ich räusperte mich mehrmals, aber es wollte mir nicht gelingen, sie frei zu bekommen. Dein Weinen wurde lauter. Als ob du verstanden hättest.<br />
„Ich habe einen Cousin bei der Post, unten in der Stadt“, sagte er leise. „Weißt du, was er sagt, kleine Paraskevi? Dass die Briefe, die du schickst, immer an eine bestimmte Adresse in Athen gehen. Was für eine Sorte Seemann ist dein Mann, der gar nicht auf See ist, aber weit entfernt von Frau und Kind lebt?“<br />
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, eine Lüge vorzutragen, die anderswo vielleicht wahr wäre, kam aber nicht dazu.<br />
„Paraskevi…?“<br />
Die Stimme, die hinter Fanouris erklang, kannte ich nicht, aber sie gab mir wieder Mut und ich schob Fanouris beiseite. Der drehte sich verwirrt um, um zu sehen, wer hinter ihm stand.<br />
Den Mann am Tor kannte ich nicht, obwohl ich ihn bis dahin schon tausendmal beschrieben hatte, mit seinem dichten Haar, dem Bart und den zwei Fingern, die an seiner linken Hand fehlten. Auch das hatte mir deine Großmutter geraten: Erfinde keine perfekten Märchen. Wenn du eine Geschichte erfindest, sorge dafür, dass man sie glaubt, weil sie wahrhaftig klingt, und nicht, weil man dir glauben will; denn irgendwann wirst du die Menschen enttäuschen, und sie werden aufhören, dir glauben zu wollen, und dich mit Rechen und Schaufeln in den Händen verjagen.“ Wahr können nur Menschen sein, die Macken haben, Zaubertränke, die nicht immer wirken, Heilmittel, die vielleicht auch mal daneben gehen. Das sagte meine Mutter, und deshalb hatte Stratis nicht alle seine Finger.<br />
Er trug ein verblichenes Bündel über der Schulter und blickte mit dicken, zusammengezogenen Augenbrauen mal Fanouris und mal mich an. Du hast inzwischen laut gebrüllt. Der Mann warf einen besorgten Blick auf unser Haus und wandte sich dann wieder mir zu.<br />
„Paraskevi…?“ wiederholte er, diesmal langsamer, bedächtiger. Sein Tonfall war ruhig, höflich, doch sein Körper wirkte wie eine gespannte Stahlfeder. „Was ist los? Geht es euch gut? Dir? Dem Kind?“<br />
Ich weiß nicht genau, wie ich dir erklären soll, was in diesem Moment in mir vorging. Einerseits war ich erleichtert, dass jemand aufgetaucht war, mich zu retten. Andererseits war ich wütend, dass ich mich nicht selbst retten konnte. Und ein Teil von mir schrie, dass mir dieser Mann doch völlig fremd sei – vielleicht war er noch dreimal schlimmer als Fanouris – und wer würde mich dann retten?<br />
„Und wer bist du?“, fragte Fanouris schroff.<br />
„Ich bin Stratis“, sagte der Unbekannte, „Paraskevis Mann.“<br />
Für einen Moment hörte ich auf zu atmen, ich schwör´s. Mir schoss durch den Kopf, dass auch das ein Teil von Fanouris’ Plan war, der mich dazu bringen sollte, den Schwindel zuzugeben. Wo der Gemischtwarenhändler den Mann her hatte, der genau dem entsprach, den ich beschrieben hatte, war mir schleierhaft – und dazu kam noch, dass er besoffen war. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Unmöglich war es sicher nicht. Viele hatten im Krieg Finger verloren, viele hatten braunes Kopf- und Barthaar und blaue Augen und Wimpern lang wie Grashalme. Aber warum sollte sich der Fremde in Fanouris’ Tricksereien hineinreißen lassen? Mir wurde schwindelig, und ich merkte nicht mal, dass plötzlich jemand neben mir stand und mich stützte, damit ich nicht umkippte. Und zu all dem kam noch dein ausdauerndes Plärren.<br />
Ich warf einen verstohlenen Blick auf den Pseudo-Stratis. Sogar die Größe hatte Fanouris, dieser Wichser, richtig hingekriegt, genau meine Größe, nicht einen Zentimeter drüber oder drunter.<br />
„Soll ich ihn wegschicken?“, flüsterte er mir ins Ohr, mit einer Stimme wie ein Sonnenstrahl, nach dem du dich schon so lange gesehnt hast. Seine Arme, die mich hielten, waren warm und bestimmt. Ich habe in meinem Leben viele Menschen mit unentschlossenen Händen kennengelernt, aber dein Vater war nicht von dieser Sorte.<br />
Ich brachte kein Wort heraus.<br />
„Besser, du gehst“, hörte ich den Mann zu Fanouris sagen. „Es ist spät, und das Kind … du verstehst …“<br />
Er schloss die Haustür, nahm mich sanft bei der Hand und bat mich, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Reichte mir auch ein Glas Wasser und verschwand. Heute denke ich, es war nicht klug, einen Fremden ins Haus und mit dir allein zu lassen, wo du doch noch ein Säugling warst, aber so war es nun mal. Teils, weil ich völlig desorientiert war, teils, weil damals andere Zeiten waren, ist es passiert. Als ich merkte, dass du aufgehört hattest zu weinen, sprang ich auf und lief ins Obergeschoss. Du schliefst in den Armen dieses Mannes und hieltst mit deiner kleinen Hand den Zeigefinger seiner verstümmelten Hand fest umklammert. Und er … Er hatte ein ehrfürchtiges Lächeln, so als hätte er noch nie in seinem Leben ein Baby gesehen. Als er mein Kommen bemerkte, hob er den Blick. So unschuldig und warmherzig, wie er mich ansah, konnte ich weder glauben, dass er Theater spielte, noch mir vorstellen, dass er einen Vorteil daraus ziehen könnte.<br />
„Gib mir das Kind“, sagte ich, lauter als beabsichtigt.<br />
„Darf ich es noch ein bisschen halten?“, fragte er leise, und die Sehnsucht in seiner Stimme konnte nicht vorgetäuscht sein. Wer könnte ein so guter Schauspieler sein?<br />
Ich riss dich aus seinen Armen und du fingst wieder an zu weinen. Der Mann sagte nichts, ging aber auch nicht aus dem Zimmer; er ließ mich dich beruhigen, wie ich es für richtig hielt, und für einen Moment war nur dein Winseln zu hören. Als du wieder eingeschlafen warst, warf ich mir einen Schal über die Schultern und bedeutete ihm, mir in die Küche zu folgen. Er stellte sein Bündel neben das Kinderbett und kam mit.<br />
„Und jetzt raus mit der Sprache: Wer bist du eigentlich? Was willst du von mir?“ Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ich hörte ihm gar nicht zu. Ich war nicht in der Stimmung für Ausreden. Wollte den Fremden nur aus dem Haus haben und mich schlafen legen. Niemand hatte mich darauf vorbereitet, dass Mutterschaft so anstrengend sein würde – deine Großmutter wirkte immer fröhlich und unbeschwert. Natürlich, weil sie eine viel bessere Lügnerin war als ich. „Wage es ja nicht, Hand an mein Kind zu legen – bei der Heiligen Jungfrau, ich bringe dich um.“<br />
„Paraskevi, was sagst du da?“, fragte der Mann, und seine Frage nahm mir den Wind aus den Segeln. „Ich verstehe dich nicht.“ Er setzte sich auf einen Hocker und rieb sich geistesabwesend den knurrenden Magen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt mir; aber nicht auf Fanouris‘ Art und Weise. Er sah mich besorgt an und seine Augen suchten in meinem Gesicht nach einem Anzeichen, das erklären könnte, was in mir vorging. „Geht es dir gut?“<br />
Diese vier kleinen Worte verstärkten noch meine Unruhe. Ich griff nach einem Messer von denen, die neben dem Waschbecken abtropften, und schwang es drohend in seine Richtung. Ich spürte, wie mein Körper hölzern und steif wurde, als hätte er sich, bis auf die bewaffnete Hand, komplett verkrampft. Und auch sie fühlte sich nicht wie meine eigene an. Ich hatte bislang noch nie jemanden bedroht und war mir nicht sicher, ob ich es richtig machte; aber zumindest tat ich mehr, als nur dazustehen und darauf zu warten, von einem Fremden gerettet zu werden. Seine Augen weiteten sich, als er die Klinge sah.<br />
„Sag mir, wer du bist und was du willst. Willst du Geld? Ich habe keins.“ Er holte tief Luft und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Er schwieg eine Weile, als würde er in seinem Inneren nach etwas suchen. Ausreden? Lügen? Geduld? Ich hatte keine Ahnung.<br />
„Warum tust du das, Paraskevi?“, sagte er so leise, dass ich nähertreten musste, um ihn besser zu verstehen. Er öffnete die Augenlider; die Augen schwammen in Tränen, und das ließ mich auf den Fersen wanken, denn es war etwas, worüber ich oft nachgedacht hatte, es aber niemandem erzählt hatte, wenn ich mein Märchen aufsagte. Mein Stratis weinte ohne zu zögern, wenn ihm danach war. „Ich weiß, dass ich lange weg war, aber es war zu unserem Besten, das schwöre ich, sei mir nicht böse. Ich habe ordentlich was zur Seite gelegt und muss nun nicht mehr in See stechen. Verzeih mir, Paraskevi, ich wollte nicht so viel verpassen, ich wollte hier sein, gemeinsam mit dir das Haus einrichten, wollte dir bei der Geburt zur Seite stehen, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich das wollte. Aber jetzt bin ich da und habe nicht vor, wieder zu gehen. Ich dachte, das sei so in Ordnung.“<br />
Er senkte den Kopf, und ich sah gerade noch, wie eine Träne auf seine Hand tropfte. Ich stieß einen Seufzer aus, plötzlich erschöpft, und zog einen Stuhl heran, um mich zu setzen. Wie ein leerer Sack fiel ich in mich zusammen.<br />
„Ich frage dich zum letzten Mal: Wer bist du?“ Ich betonte jedes Wort einzeln, in der Hoffnung, er würde endlich begreifen, dass sein schauspielern mich nicht so leicht überzeugen würde.<br />
Der Mann stöhnte verzweifelt.<br />
„Ach, liebe Paraskevi, was soll ich noch sagen?“, fragte er. „Ich bin es, dein Stratis. Hast du mich vergessen?“ Für ein paar Sekunden sagte er nichts weiter, meine Augen fielen vor Erschöpfung fast zu. „Hast du vergessen, dass ich in Chalkida aufgewachsen bin? Dass ich mit vierzehn zum ersten Mal an Bord ging und mit zwanzig in den Großen Krieg zog? Wie ich die zwei Finger verloren habe? Dass du als freiwillige Krankenschwester jeden Abend zu mir kamst und mir vorgelesen hast, damit ich einschlafen konnte? Das Lesen hat mir immer zu schaffen gemacht, aber die Geschichten gefielen mir, auch wenn ich sie von allein nicht verstehen konnte. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war der Krieg vorbei, und ich fing an, dich förmlich zu umwerben. Ich habe um deine Hand angehalten, du hast eingewilligt, und wir haben geheiratet.“ Er zuckte mit den Schultern und lächelte schüchtern. „Dann hast du von deiner Tante das Haus geerbt, und wir haben beschlossen, dass ich für ein paar Monate anheuere, du ins Dorf gehst und wir uns, wenn ich nachkomme, ans Kinderkriegen machen. Aber nach nur anderthalb Monaten auf See hast du mir geschrieben, dass seist schwanger. Ich habe mein Bestes getan, um schnell zu Geld zu kommen, und dann bei euch zu sein. Ich habe …“ Er hielt kurz inne und biss sich auf die Lippen. „Ich habe dort in der Ferne Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin, aber nichts, was dich oder unsere Ehe in den Schmutz gezogen hätte, Paraskevi. Habe Sachen getan, die ich bereue, sie waren aber nötig. Nun, der bin ich.“<br />
All das hatte ich den Nachbarn immer und immer wieder erzählt, wenn sie nach meinem Mann, dem Seefahrer, fragten. Nur eine Sache hatte ich nicht preisgegeben, obwohl ich sie mir im Kopf zurechtgelegt hatte: dass mein Stratis Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatte. Als ich zwölf oder dreizehn war, lernte meine Mutter einen Mann kennen, in den sie sich für kurze Zeit verliebte. Für kurze Zeit. Er war ein guter Mensch, aber deine Großmutter pflegte nicht, sich mit guten Menschen abzugeben. Er mochte es, wenn ich ihm vorlas, und lobte mich immer dafür, dass ich das konnte. Er war zur Schule gegangen, hatte versucht zu lernen, aber die Buchstaben und Wörter tanzten vor seinen Augen, und er verstand nicht viel davon. Von all den Liebhabern meiner Mutter hat er sich uns gegenüber am anständigsten verhalten. Deshalb formte ich den Stratis aus dem Märchen so, dass er ein guter Mensch ist, sich anständig verhält und mit Wörtern schwertut. Das und seine tränenfeuchten Augen überzeugten mich davon, dass sein Erscheinen vielleicht doch keine List von Fanouris war, sondern ein Geschenk der Heiligen Jungfrau.</p>
<p>Ich bin nicht so recht dahintergekommen, ob Gott und seine Engel aus irgendeinem Grund Mitleid mit mir hatten, oder ob das, was geschah, auf meinem Mist gewachsen war. Ich kann dir nur sagen, dass noch andere Dinge an unserer Tür geschahen, weil ich fest an sie glaubte und von ihnen erzählte. Weißt du noch, wie du als Kind Scharlach hattest? Wir hatten damals große Angst, dich zu verlieren. Aber ich träumte, du seist gesund, und am nächsten Tag warst du tatsächlich wieder auf den Beinen. Ich weiß nicht mal, ob das eine Gabe von mir ist oder ob sie meiner Familie im Blut liegt – ob deine Großmutter sie hatte und auch du sie hast. Ich hoffe, dass du sie hast, denn ich fange an zu vergessen, mein Kind.<br />
Es war nicht immer einfach mit Stratis. Am Anfang ließ ich ihn auf dem Sofa schlafen; ich traute ihm nicht. Jedes Mal, wenn er ansetzte, mir zu helfen, war ich alarmiert. Und immer, wenn ich mitbekam, wie er mit dir spielte oder dich in den Schlaf wiegte, zitterte ich vor Angst. Er war kein Heiliger, aber sehr geduldig. Ich habe lange gebraucht zu begreifen, dass ich einen ganz normalen Menschen erschaffen hatte; besser als die meisten, aber doch ganz normal. Als ich das begriffen hatte, wurde das Leben für uns beide leichter.<br />
Mit meinem Verhalten habe ich ihn oft gekränkt und wir haben uns nicht wenige Male gestritten. Aber ich habe ihn geliebt und liebe ihn immer noch. Er hat mir das Beet für die Rosen angelegt und den kleinen Pfirsichbaum gepflanzt, hat mir Bücher aus der Stadt mitgebracht, um sie gemeinsam mit mir zu lesen. Und ich half ihm bei den Briefen, den Rechnungen und Quittungen, als wir das Farbengeschäft eröffneten. Sechzig Jahre, und wir haben uns immer noch nicht satt. Und sieh nur, was er jetzt macht: Er schleppt mich zu allen Ärzten, auch wenn es keinerlei Rettung für mich gibt.<br />
Einen treueren Ehemann und Vater habe ich in meinem ganzen Leben nicht getroffen. Es wäre schade, wenn auch du ihn verlieren würdest, nur weil mein Kopf Löcher bekommt. Ich möchte, dass du mit allem, was du hast, an ihn glaubst, jetzt und in der Zukunft, bis zum Ende der Zeit, wenn wir dem Allmächtigen gegenüberstehen. Ich werde es auch tun, solange ich noch kann, doch ich fürchte, es wird nicht von Dauer sein. Schon jetzt erinnere ich mich nur noch an den wenigsten Tagen an ihn.<br />
Versprich es mir, Julia. Versprich mir, dass du an meinen Stratis denkst, dass du dich für uns beide an ihn erinnerst, wenn ich ihn vergessen habe. Und wenn du ihn über das Menschenmögliche hinaus am Leben erhalten kannst, wenn sich deine Kinder und die Kinder deiner Kinder an ihn erinnern können, werde ich in dem Wissen gehen, dass ich trotz all meiner Fehler auf dieser Erde auch zwei Dinge gut hinbekommen habe: dich und ihn.</p>
<hr />
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16614 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-150x150.png" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-150x150.png 150w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-300x300.png 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-450x450.png 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-500x500.png 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu.png 612w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" />Das Buch</strong><br />
Atalanti Evripidou, <em>Die, die nicht gegangen sind</em> (bislang nur auf EL)<br />
Verlag Polis, Athen 2024, 175 Seiten, ca. 14 Euro<br />
ISBN: 978-960-435-872-4</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16617 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-04_AE-mit-Katze-sw-qu-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></strong><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Atalanti Evripidou</strong> wurde 1987 geboren. Sie ist Sozialpsychologin und schreibt gelegentlich auch Gedichte. Erzählungen von ihr erschienen auf Griechisch in den Anthologien „Verwunschene Stadt“ (Ars Nocturna, 2013), „Töchter der Nacht“ (Ars Nocturna, 2016), „Das Licht in den Spalten“ (Archetypo, 2021), „Vielleicht #1“ (Oxy, 2021), „Countdown“ (AllBooks, 2024) und „Opfergaben“ (Agnostiki Kantath, 2025). Gedichte von ihr sind auf den Online-Portalen „Frear“ und „Vlavi“ zu finden. Auf Englisch wurden Kurzgeschichten von ihr in Zeitschriften wie „Luna Station Quarterly“, „Skull &amp; Laurel“, „34 Orchard“, „Gallery of Curiosities“ und „Speculative North“ veröffentlicht. Auf Deutsch befindet sich ihre, aus dem Englischen übersetzte, Erzählung „Trisévgeni“ unter dem Titel „Kinderly“ im Sammelband „Schatten aus der Welt der Sonne: Fantastische Literatur aus Griechenland“ erschienen, <span id="productTitle" class="a-size-large celwidget" style="color: #0000ff;" data-csa-c-id="yq5kit-34kfz6-2kn0nl-ahpwsi" data-cel-widget="productTitle"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.amazon.de/Schatten-aus-Sonnenwelt-Spekulative-Griechenland/dp/3966290448">hier</a></span>. Sie hat mit dem Rollenspielverlag Onyx Path Publishing an den Publikationen „Gods and Monsters“ und „Forgotten and Forbidden Orders“ zusammengearbeitet. <span class="a-size-large celwidget" data-csa-c-id="yq5kit-34kfz6-2kn0nl-ahpwsi" data-cel-widget="productTitle">Die besprochene Sammlung „Die, die nicht gegangen sind“ ist ihr erstes Buch. Es</span> war für den „Menis Koumandareas“-Preis des griechischen Schriftstellerverbandes sowie für den Staatlichen Preis für Erzählungen/Novellen nominiert. <span id="productTitle" class="a-size-large celwidget" data-csa-c-id="yq5kit-34kfz6-2kn0nl-ahpwsi" data-cel-widget="productTitle">2026 wurde das Buch mit dem Debütantenpreis für Prosa der Literaturzeitschrift <em>o anagnostis </em>ausgezeichnet.</span></p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16621 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-01_georgia-harda-fractal-sw-hell-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" />Die Interviewerin</strong><br />
<strong>Georgia Harda</strong> wurde in Kavasila der Präfektur Ilia/Peloponnes geboren. Sie ist Journalistin und arbeitet als freie Berichterstatterin bei einem privaten Fernsehsender. Ihre tiefe Liebe gehört Büchern und der Literatur im Allgemeinen; im Rahmen ihrer journalistischen Laufbahn hat sie Interviews mit renommierten griechischen und ausländischen Schriftstellern geführt. Gleichzeitig verfolgt sie aktiv die zeitgenössische Musikszene, tauscht sich mit Künstlern und Kreativen aus und bietet sowohl aufstrebenden Talenten als auch bereits bekannten Namen der Szene eine Plattform. Ihre Artikel über Literatur und Musik erscheinen in der Online-Presse. Sie ist ordentliches Mitglied des Athener Verbandes der Tageszeitungsredakteure. In ihrer Freizeit liest sie viel, läuft, schwimmt und genießt die sonnigen Tage.</p>
<p class="textinfo"><em>Interview: Giorgia Harda (Übers. A.Tsingas). Das Interview erschien zuerst im Onlinemagazin fractal <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.fractalart.gr/atalanti-eyripidoy/">hier</a></span> (auf EL). Mit freundlicher Genehmigung der Interviewerin und des Portals. Erzählung: Atalanti Evripidou (Übers. A.Tsingas). Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Fotos: fractal. Redaktion: A.Tsingas. </em></p>
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		<title>Die griechische Theatergruppe Nefeli aus Stuttgart – am Puls der Gesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Apr 2026 06:27:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theater]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Theaterbühne Nefeli – Theatriki skini Nefeli – führt selbstgeschriebene und klassische Theaterstücke in griechischer Sprache auf. Nefeli wurde im Dezember 2017 von Maria Papadopoulou, Maria Tramountani und Routh Zampakika gegründet – „aus kultureller Not“, ... <p class="read-more-container"><a title="Die griechische Theatergruppe Nefeli aus Stuttgart – am Puls der Gesellschaft" class="read-more button" href="https://diablog.eu/kuenste/theater/die-griechische-theatergruppe-nefeli-aus-stuttgart-am-puls-der-gesellschaft/#more-16498" aria-label="Mehr Informationen über Die griechische Theatergruppe Nefeli aus Stuttgart – am Puls der Gesellschaft">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die Theaterbühne <em>Nefeli</em> – <em>Theatriki skini</em> <em>Nefeli</em> – führt selbstgeschriebene und klassische Theaterstücke in griechischer Sprache auf.</p>
<p><em>Nefeli</em> wurde im Dezember 2017 von Maria Papadopoulou, Maria Tramountani und Routh Zampakika gegründet – „aus kultureller Not“, wie sie sagen. „Denn Stuttgart bietet Gyrosbuden, griechische Bars, Tavernen und griechische Livemusik. Aber das griechischsprachige Theater war so gut wie gar nicht vertreten.“ <em>Nefeli</em> ist seit 2018 im Kulturkabinett Kkt Stuttgart-Bad Cannstatt beheimatet, <a href="https://kkt-stuttgart.de/">hier</a>. Bei den Aufführungen werden einige Stücke per Beamer deutsch untertitelt, andere gleich in deutscher Sprache aufgeführt.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-16502 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne.jpg" alt="" width="1024" height="768" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-01_Buehne-500x375.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></p>
<p><strong>Zahlreiche Spielstätten und eine künstlerische Handschrift</strong><br />
Die Spielstätten von <em>Nefeli</em> sind inzwischen zahlreich. Neben den „Heimspielen“ im Kkt Stuttgart finden auch Aufführungen im Deutsch-Amerikanischen Institut Tübingen, im wunderschönen Dreigroschentheater Stuttgart-Süd, in der Eventlocation Dreamcity Winnenden, im vielbeachteten Theater tri-bühne Stuttgart, im Kommunalen Häussler Bürgerforum Stuttgart-Vaihingen und in den Griechischen Schulen Stuttgart-Vaihingen und Stuttgart-Waiblingen statt.<br />
Die künstlerische Handschrift bewegt sich zwischen klassischem Theater (Einakter, Lesungen und Monologe), musikalisch-poetischen Formaten (Hommagen an den Brand von Izmir, das griechische Kino, den Seemannsdichter Nikos Kavvadias und den Komponisten Mikis Theodorakis), Kindertheater, Seminare und Performances.</p>
<figure id="attachment_16505" aria-describedby="caption-attachment-16505" style="width: 390px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16505" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-03_SchuleWaiblingen.jpg" alt="" width="400" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-03_SchuleWaiblingen.jpg 493w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-03_SchuleWaiblingen-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-03_SchuleWaiblingen-450x338.jpg 450w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" /><figcaption id="caption-attachment-16505" class="wp-caption-text">Besuch in der Griechischen Schule Stuttgart-Waiblingen</figcaption></figure>
<p>Das Repertoire reicht von Klassikern bis zu modernen griechischen AutorΙnnen. Unter der Anleitung des Regisseurs Simos Papanastasopoulos sind die Schauspielerinnen bereit zu experimentieren und neue Wege in den unendlichen Weiten des Theaters zu gehen. Zukünftig soll auch eine Frau aus den eigenen Reihen Regie übernehmen. Um sich als stets verändernde Gruppe und individuell weiterzuentwickeln, nehmen sie regelmäßig an Theaterseminaren teil. Besonders am Herzen liegen ihnen die musikalischen Abende, wie zum Beispiel die Produktion mit Aman-Musik aus Smyrni, dem heutigen Izmir. „Hier wird Schauspiel mit dem emotionalen Erbe unserer Kultur und eine ganz besondere Atmosphäre im Publikum geschaffen“, betont das Ensemble.</p>
<p><strong>Die drei Gründerinnen</strong><br />
<strong>Routh Zampakika – die Reise geht weiter</strong><br />
Routh (Foto weiter unten links) wurde 1968 in Thessaloniki geboren und ist dort aufgewachsen. „Schon als Kind trug ich zwei große Leidenschaften in mir: das Theater und das Reisen. 1996 kam ich nach Deutschland – zunächst nur für einige Monate. Hier hat mir das Theater sehr schnell gefehlt. Wie durch Fügung begegnete ich der talentierten Schauspielerin Nike M. Vassily. Unser Austausch über das Theater war inspirierend und voller Leidenschaft. Es dauerte nicht lange, bis ich selbst in dem Aristophanes-Stück <em>Plutos</em> (Der Reichtum) mitspielte. Diese Aufführung wurde für mein Leben zu einem Wendepunkt. Nicht nur künstlerisch – sondern auch persönlich. Denn dort lernte ich meinen späteren Ehemann kennen.“ Evangelos Dimopoulos ist Multiinstrumentalist und bei <em>Nefeli</em> auch für die Technik, also Licht und Sound, verantwortlich. Routh lernte fleißig Deutsch und ließ sich zur Erzieherin ausbilden. Als solche arbeitet sie in einer Kita in Schorndorf bei Stuttgart.<br />
Routh meint: „Fast 30 Jahre nach meinem Kommen verspüre ich tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich immer noch Theater spiele. Letztes Jahr habe ich das einjährige Seminar „Analyse von Theaterstücken und Regie“ abgeschlossen. Unter anderem habe ich dort gelernt, dass Theater nicht nur Unterhaltung bedeutet, sondern auch ein dynamisches Medium ist, das gesellschaftliche Veränderungen widerspiegelt und aktiv mitgestalten kann. Deshalb ist es für mich wichtig, dass wir mit <em>Nefeli</em> auch aktuelle Themen wie Diskriminierung oder Nationalismus auf die Bühne bringen. Im Kulturkabinett Theater Kkt in Bad Cannstatt bin ich seit über zehn Jahren künstlerisch zu Hause, und ich freue mich immer noch, dass ich mit den beiden Marias weiterhin mit Leidenschaft und Kreativität auf der Bühne stehe. Die Reise geht weiter!“</p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16504 size-single-hochkant alignleft" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller-500x375.jpg" alt="" width="500" height="375" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/03/nef-02_die-3-heller.jpg 608w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" />Maria Tramountani – die Rastlose </strong><br />
Maria T. (Foto Mitte) wurde 1990 in Stuttgart geboren, ihre Großeltern waren in den 1960er-Jahren aus Griechenland nach Deutschland gekommen. Maria studierte Ethnologie und Englische Literatur in Heidelberg sowie im Masterstudium Interkulturalität und Integration in Schwäbisch Gmünd. Sie ist selbständig im Bereich Jugend- und Kulturarbeit tätig. Auch ist sie Gründerin und Vorsitzende der arabischen Schreibwerkstatt Literally Peace e.V. Stuttgart, <a href="https://evau-mag.de/literatur-projekt-literally-peace-ehrenamtliches-engagement-austausch-syrien-deutschland/">hier</a><br />
Über Nefeli sagt sie: Da wir ein mehrsprachiges Team sind ist Diversität Teil der DNA unserer Theatergruppe. Wir wollen Brücken schlagen zwischen den Kulturen und zeigen, dass Theater sich einer universellen Sprache bedient. Uns bewegt die Frage, wie wir ein jüngeres Publikum erreichen können. Ein weiteres Ziel ist es, das deutschsprachige Publikum, das wir bei vergangenen Produktionen durch simultane deutsche Untertitelung gewonnen haben, zu halten und stetig zu erweitern, um den kulturellen Austausch zu fördern.“</p>
<p><strong>Maria Papadopoulou – die Verbindung zwischen Recht und Bühne</strong><br />
Maria P. (Foto rechts) wurde in Waiblingen als Enkelin griechischer Einwanderer geboren. „In meinem Leben sind juristische Präzision und künstlerische Leidenschaft vereint. Nach dem Jurastudium an der Demokrit-Universität Thrakien und dem Aufbaustudium Master of Laws in Erlangen arbeitete ich elf Jahre als Rechtsanwältin am Landgericht Thessaloniki. Seit 2011 bin ich in Deutschland im sozialen Bereich des öffentlichen Dienstes tätig, wo ich die Rechte von Kindern und Jugendlichen vertrete. Dazu arbeite ich freiberuflich als beeidigte Übersetzerin für Griechisch.“<br />
Zu Marias Liebe zu Recht und Gerechtigkeit gesellt sich ihre Leidenschaft fürs Theater. So stand sie in Deutschland und Griechenland bei verschiedenen Theaterformationen auf der Bühne. Neben dem namhaften Schauspieler und Regisseur Tasos Pantazis lernte sie am Staatlichen Theater Nordgriechenlands in Thessaloniki die Schauspieltechnik und hinter den Kulissen die Geheimnisse der Spielleitung. Seit 2013 ist sie Mitglied des Kkt-Kulturkabinetts.<br />
„Das Theater reflektiert für mich soziale Fragen, bietet neue Perspektiven und Denkanstöße. Dabei haben Justiz und Theater haben überraschend viele Gemeinsamkeiten. Beide basieren auf Inszenierung, Rollenverteilung und Rhetorik. Daher würde ich gerne ein Theaterstück, das eine Gerichtsverhandlung zum Thema hat, mit der Unterstützung des <em>Nefeli</em>-Regisseurs Simos Papanastasopoulos entwickeln und selbst darin mitspielen. Ich denke z.B. an den Film »Die Zwölf Geschworenen«, das Debüt des US-Regisseurs Sidney Lumet aus dem Jahr 1957.“ Namensgeberin der Theatergruppe ist übrigens ihre Tochter, sie heißt Nefeli.</p>
<hr />
<p><strong><em>Nefeli</em></strong><strong> aktuell – Die Rolle der Frau: „Nur Kinder, Küche, Kirche” (von 1977)</strong><br />
Das neue Theaterstück von <em>Nefeli</em> ist eine theatralisch-musikalische Lesung des legendären italienischen Theaterwerks „Nur Kinder, Küche, Kirche” der Autorin Franca Rame, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Franca_Rame">hier</a>. Sie arbeitete jahrzehntelang künstlerisch eng mit ihrem Mann Dario Fo zusammen. Die Gründerinnen von <em>Nefeli</em> betonen, dass ihnen aktuelle gesellschaftliche Themen besonders am Herzen liegen. Ein zentrales Thema ist für sie – immer wieder – die Rolle der Frau.<br />
Ihr neu eingeübtes Stück thematisiert die Stellung der Frau in der kapitalistischen Gesellschaft, insbesondere ihre sexuelle Versklavung. Im Zentrum stehen bitter komische und provokative Monologe, in denen Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus ihre Erfahrungen mit patriarchalen Strukturen, Gewalt, Ausbeutung und Rollenzwängen erzählen. Das feministische, politische, oft wütende und zugleich humorvolle Stück rüttelt wach. Es deckt weibliche Lebensrealitäten und Unterdrückung auf und weist auf den Kampf um Selbstbestimmung hin. Gespielt werden eine Fabrikarbeiterin und Mutter, eine Prostituierte, die groteske Figur der „Mama Hexe“ und sogar Medea als mythologische Brechung. Diese Vielfalt zeigt, dass das Stück nicht nur Alltagsrealitäten, sondern auch archetypische und symbolische Frauenbilder nutzt, um patriarchale Muster sichtbar zu machen.</p>
<p><strong>Die Jahre, die da noch kommen sollen</strong><br />
Die drei Gründerinnen haben den Ehrgeiz, <em>Nefeli</em> als festen Bestandteil der Stuttgarter Kulturlandschaft zu etablieren und weiterhin anspruchsvolles griechisches Theater zu präsentieren, das den Geist der Zeit trifft. Auf die Frage, ob es eine besondere Tradition gibt, die sie kultivieren, antworten die drei unisono: „Wenn man es als Tradition bezeichnen kann: Nach jeder Premiere ist es für uns obligatorisch, gemeinsam griechisch essen zu gehen. Das gehört für den Zusammenhalt der Gruppe einfach dazu.“<br />
Da kann man ihnen nur guten Appetit wünschen, viel Erfolg und weiterhin alles Gute!</p>
<hr />
<p class="textinfo"><em>Kulturkabinett e.V., <a href="https://kkt-stuttgart.de/service/#kontakt">hier</a>. Text: Simon Steiner. Fotos: Nefeli. Redaktion: A.Tsingas.</em></p>
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		<title>Toxische Freundschaft oder Liebe?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Apr 2026 06:27:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwei Mädchen lernen sich im Athen der 70er Jahre kennen. Die Diktatur in Griechenland ist gerade erst vorbei. Maria wurde in Afrika geboren und kehrt in ihr Heimatland zurück, wo es ihr anfangs überhaupt nicht ... <p class="read-more-container"><a title="Toxische Freundschaft oder Liebe?" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/toxische-freundschaft-oder-liebe/#more-16527" aria-label="Mehr Informationen über Toxische Freundschaft oder Liebe?">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Zwei Mädchen lernen sich im Athen der 70er Jahre kennen. Die Diktatur in Griechenland ist gerade erst vorbei. Maria wurde in Afrika geboren und kehrt in ihr Heimatland zurück, wo es ihr anfangs überhaupt nicht gefällt. Bis sie Anna kennenlernt, die aus Paris kommt.</p>
<p>lma Rakusa stellt den Roman vor:<br />
Zwischen Juli 2001 und Juli 2002, während eines Stipendienaufenthalts in der Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart, hat Amanda Michalopoulou den Roman „Warum ich meine beste Freundin tötete“ geschrieben, der 2022 in der Übersetzung von Michaela Prinzinger auf Deutsch erschienen ist. Anders als der Titel suggeriert, handelt es sich nicht um einen Krimi, doch spannend ist das Buch allemal. Es erzählt von zwei Freundinnen, die sich lieben und hassen zugleich, die nicht voneinander loskommen, obwohl ihre Beziehung oft lebensbedrohliche Züge annimmt. Hinzukommt der Fokus auf turbulente politische Ereignisse in Griechenland. Dramatik ist also vorprogrammiert.</p>
<p>Zum Zeitrahmen: Er erstreckt sich von der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bis zum Ende der neunziger Jahre, wobei nicht chronologisch-linear erzählt wird. Als Ich-Erzählerin fungiert Maria, eine der beiden Freundinnen. Sie erzählt die Geschichte ihrer Freundschaft mit Anna Horn, nachdem diese auf tragische Weise umgekommen ist. Ihre Erinnerungen springen vor und zurück. So wird beispielsweise eine der Schlüsselszenen erst spät offengelegt, die Spannung also lange hinausgezögert. Solche Kunstgriffe zeigen, wie intelligent Amanda Michalopoulou ihren Roman komponiert hat. Auch die Psychologie der Figuren zeigt Kunstsinn und Menschenkenntnis.</p>
<p>Maria ist zehn, als sie mit ihren Eltern aus Nigeria, wo ihr Vater im Erdölgeschäft tätig war, nach Athen zurückkehrt. Sie ist unglücklich und sehnt sich nach dem ungebundenen Leben in Afrika. In der Schule – wir haben das Jahr 1977 – lernt sie Anna Horn kennen, ein bildhübsches, stolzes Mädchen, das sie sofort in ihren Bann schlägt. Anna lädt Maria zu sich nach Hause ein, stellt sie ihrer Mutter Antigoni vor, einer zierlichen Ballettänzerin mit politisch radikalen Ideen. Kunst und politischer Aktivismus – diese Verbindung wird auch Maria faszinieren und sie bald schon von ihrem Elternhaus entfremden, vor allem von ihrer konservativ-religiösen Mutter.</p>
<p>Antigoni nimmt Anna und Maria am Jahrestag des Aufstands im Athener Polytechnikum, als Studenten gegen die Militärjunta revoltierten, zu einer Demo mit. Später darf Maria Anna nach Paris begleiten, wo deren Vater, der Philosophieprofessor Stamatis, lebt, wo hitzig über Gott und die Welt debattiert und der Libertinage gefrönt wird. Die Freundinnen sind unzertrenntlich. Wobei Anna, das „Alphatier“, Maria in jeder Beziehung dominiert. Sie gibt den Ton an, sie stiehlt Maria die Show, indem sie überall Aufsehen erregt. Sie ist es, die Maria alle Boyfriends ausspannt. Rivalität betrifft auch den Beruf: Nachdem Maria für ihre Zeichnungen gelobt wurde, will Anna in Paris partout Kunst studieren. Gönnt sie Maria denn keine Eigenständigkeit?</p>
<p>Wie sich mehr und mehr herausstellt, geht es um Machtausübung. Maria soll sich unterwerfen, und sie tut es auch, obwohl sie die Freundin durchschaut. Denn auch Anna zeigt manchmal Schwächen, nach einem Erdbeben ist sie zutiefst verängstigt, sucht Hilfe. Da kommt ihr Maria mit ihrem Einfühlungsvermögen und Mitleid gerade recht. Wann immer Anna in Not ist, ruft sie nach Maria – und diese lässt alles stehen, um zu ihrer Freundin zu eilen.</p>
<p>Ist Maria eine Masochistin? Ist sie, statt von Drogen, abhängig von Anna? Und dies, obwohl sie die Psyche Annas längst ergründet hat? Gegenüber Anna fühlt sie sich „wertlos, unbedeutend und blöd“, sie spielt „die Wasserträgerin, das Dienstmädchen, die kleine Sklavin, deren Herrin böse geworden ist.“ Ja, Anna ist launisch, ja, sie benutzt Maria nach Strich und Faden, ja, sie bringt es fast fertig, Maria ihre künstlerischen Talente madig zu machen. Und Maria fragt sich, warum sie dies zulässt.</p>
<p>Nach heftigen Zerwürfnissen und längeren Trennungen kommt es immer wieder zu herzzerreissenden Versöhnungen. Vor allem eine Episode schweißt die Freundinnen für immer zusammen. Als sie auf einer kleinen griechischen Insel an einer einsamen Felsküste die Zweisamkeit geniessen, nähert sich bedrohlich ein Mann. Im Glauben, es gehe um Leben und Tod, wird Anna den Mann mit einer verzweifelten Geste von sich stossen. Er stürzt in die Tiefe und ertrinkt. Dass er nicht schwimmen kann, wussten sie nicht. Ein Mord ohne Absicht, aus Selbstverteidigung. Er sollte nie aufgeklärt werden. Die Freundinnen behalten ihn als tragisches Geheimnis für sich.</p>
<p>Nicht nur in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach moralischen Werten. Wozu dienen linke Ideologie und politischer Aktivismus, wozu dienen anarchistische Ideale und endlose Protestaktionen, wenn man im Privaten immer wieder versagt?<br />
Maria bringt es auf den Punkt: „[Anna] bezaubert. Sie tyrannisiert. Sie flucht. Sie tötet. Ja, sie tötet.“ (S. 210) Das ist im übertragenen Sinne gemeint, enthält aber eine bittere Anklage.</p>
<p>Doch Anna ist mit ihrer Strategie erfolgreich. Sie heiratet einen namhaften (älteren) Architekten, bringt Tochter Dafni zur Welt, lebt ein gediegenes Leben. Von ihren anarchistischen Idealen aber mag sie sich nicht verabschieden. Bei einer Protestaktion auf der Attika-Ringstrasse wird sie von der Polizei durch einen Kopfschuss getötet. Sie ist fünfunddreissig Jahre alt.</p>
<p>Maria, die ein enges Verhältnis zu Annas Tochter Dafni entwickelt hat und ihr Zeichenunterricht gibt, wird gewissermassen zur Ersatzmutter. Eigene Kinder hat sie nicht. Dafni ist Annas leibliches Vermächtnis. Ihr politisches Vermächtnis lautet: „Schluss mit der Dogmatik, mit dem Ersetzen der einen Macht durch eine andere, noch schlimmere!“ Im konkreten historischen Moment auf die Barrikaden zu gehen, hat sowohl etwas Theatralisches als auch Pragmatisches. Mit anderen Worten: Man muss zu „romantischen Unruhestiftern“ werden.</p>
<p>In dieser Losung steckt der Versuch, Kunst und Politik zusammenzubringen, ja zu versöhnen. Was nicht ohne Risiken abgeht, wie gerade Annas Schicksal zeigt.<br />
Am Schluss des Romans wird uns noch ein weiterer Blick auf Anna gewährt, nämlich durch Gedichte, die sie in den achtziger Jahren geschrieben und von fremden Augen ferngehalten hat. Gedichte über das Alleinsein zu Hause, „Brot mit Brombeeren essend“, über „Turnschuhe“, „Landbau“ und „Pizza Napolitina“. Berührende Gedichte ohne Prätention, aber von grosser Sensibilität und Verletzlichkeit. Sind sie es, die von der wahren Anna erzählen?  In „Pizza Napolitana“, das Maria gewidmet ist, heisst es:<br />
„An deiner Oberlippe klebt ein Stück Tomate / oder ist es eine alte Wunde, die aufgebrochen ist? / Soll ich mich darum kümmern oder ist es nicht ratsam? / Deine Wangen sagen nein. / Sie sind erfüllt von Härte, / die du fortwährend ersetzt durch etwas anderes, / noch Härteres. / Aber ich will dein Bissen sein / und dein nächster Bissen / und dein nächster auch. / Lass mich dein Stoffwechsel sein / und dein erneuter Hunger. / Schau: Auch meine Lippen sind von einer Tomate befleckt. / Du beisst mich und lässt mich bluten, jetzt.“ (Paris 1989)</p>
<p>Also war es doch Liebe. Und so wundert es nicht, dass Annas Tod eine schmerzliche Lücke in Marias Leben reisst: „Und jetzt, da du nicht mehr bist, treibe ich neben dir im absoluten Nichts. Oder besser gesagt spiele ich die undankbarste Rolle: dein Geist zu sein.“ (S. 282)</p>
<p>Amanda Michalopoulou hat einen aufwühlenden, bis zur letzten Zeile spannenden Roman geschrieben, der auch nach der Lektüre noch lange fortwirkt. Gerade weil er nicht jede Frage beantwortet und zum Weiterdenken anregt.<br />
Meine Empfehlung: Lesen, und wiederlesen!</p>
<hr />
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Amanda Michalopoulou: <em>Warum ich meine beste Freundin tötete</em><br />
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger<br />
bahoe books, Wien 2022<br />
ISBN 978-3-903290-78-5</p>
<figure id="attachment_16536" aria-describedby="caption-attachment-16536" style="width: 667px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16536 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel.jpg" alt="" width="677" height="538" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel.jpg 677w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel-300x238.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel-450x358.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel-500x397.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 677px) 100vw, 677px" /><figcaption id="caption-attachment-16536" class="wp-caption-text">Die deutsche und die griechische Ausgabe</figcaption></figure>
<figure id="attachment_16531" aria-describedby="caption-attachment-16531" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16531 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis-150x150.jpg 150w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis-300x300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis.jpg 450w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" /><figcaption id="caption-attachment-16531" class="wp-caption-text">©Verlag Kastaniotis</figcaption></figure>
<p><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Amanda Michalopulou</strong> (* 1966) gehört zu den bekanntesten griechischen Gegenwartsautorinnen. Mit Romanen, Erzählungen, Essays und Kolumnen hat sie sich weit über Griechenland hinaus einen Namen gemacht und wurde vielfach ausgezeichnet.<br />
Auf diablog.eu <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://diablog.eu/?s=Amanda+michalopoulou">hier</a></span>. Interview zum Buch auf diablog.eu <a href="https://diablog.eu/literatur/warum-ich-meine-beste-freundin-toetete/"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<figure id="attachment_16530" aria-describedby="caption-attachment-16530" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16530 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-1_Rakusa-©Katalin-Deer-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-16530" class="wp-caption-text">©Katalin Deer</figcaption></figure>
<p><strong>Die Buchkritikerin</strong><br />
<strong>Ilma Rakusa</strong> (*1946) ist eine Schweizer Autorin und Übersetzerin aus dem Russischen, Serbokroatischen, Ungarischen und Französischen. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Auf Wikipedia <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ilma_Rakusa">hier</a></span></p>
<p class="textinfo"><em>Text: Ilma Rakusa. Fotos: Fotos: bahohe books, Verlag Kastaniotis, Amanda Michalopoulou, Katalin Deer. Redaktion: A.Tsingas.</em></p>
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