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	<description>deutsch - griechische Begegnungen</description>
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		<title>Elena Maroutsou: Wundertäter und Sündenbock</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michaela Prinzinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 07:40:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[In Elena Maroutsous Roman nimmt eine Athener Familie einen unbegleiteten Flüchtling auf. Die Ankunft des fünfzehnjährigen Somaliers Musa setzt eine ganze Reihe von Veränderungen in Gang, definiert Beziehungen neu und fördert vergessene Begegnungen wieder ans ... <p class="read-more-container"><a title="Elena Maroutsou: Wundertäter und Sündenbock" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/elena-maroutsou-wundertaeter-und-suendenbock/#more-16663" aria-label="Mehr Informationen über Elena Maroutsou: Wundertäter und Sündenbock">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">In Elena Maroutsous Roman nimmt eine Athener Familie einen unbegleiteten Flüchtling auf. Die Ankunft des fünfzehnjährigen Somaliers Musa setzt eine ganze Reihe von Veränderungen in Gang, definiert Beziehungen neu und fördert vergessene Begegnungen wieder ans Tageslicht.</p>
<p>Die Familie besteht aus Mutter Rahel, Literaturübersetzerin, Vater Nikos, Architekt, und zwei pubertierenden Töchtern. Die Ankunft von Musa, dessen Name „Wundertäter“ bedeutet, bewirkt, dass die 50-jährige Rahel aus ihrer gewohnten Routine ausbricht und sich neu definiert. Dafür bezahlt er jedoch einen hohen Preis: Man legt ihm am Ende des Romans eine schwere Grenzüberschreitung zur Last. Musa wird erneut zum Opfer, nachdem er zunächst von einer somalischen Familie fälschlicherweise als Sohn angegeben wurde, die damit leichter in Deutschland Aufnahme fand. Musa bleibt ein Durchreisender und Heimatloser, der in die Gastfamilie kam, weil er auf die Weiterreise zu seinen „Eltern“ wartete. Er bleibt ein Fremdkörper im Leben der Anderen.</p>
<p>Eine interessante Rolle spielt im Roman die Insel Leros, mit der die Familie eng verbunden ist. Dorthin brachte man in der Bürgerkriegszeit Kinder kommunistischer Eltern zur Ausbildung und Umerziehung. Leros ist architektonisch geprägt durch die italienische Herrschaft auf dem Dodekanes bis 1947 und insbesondere durch den Baustil des italienischen Rationalismus der 30er-Jahre. Der Hafenort Lakki (damals Porto Lago) ist bekannt und berüchtigt als Verbannungsinsel der Linken und als Standort der größten psychiatrischen Anstalt Griechenlands, wo alle Kranken stranden, um die sich sonst niemand mehr kümmert. Zur Erzählzeit der Geschichte, kurz nach 2015, war Leros Flüchtlingshotspot. Das Gefühl von Verbannung und das Ausgestoßen-Sein aus der Gesellschaft treffen auf die Entwurzelung des jungen Flüchtlings.</p>
<p>Das Besondere an der Schreibweise von Elena Maroutsou ist ihr Erfindungsreichtum, sie weiß ihre LeserInnen stets zu überraschen. Ihre Erfahrung als Dozentin für kreatives Schreiben äußert sich in einer gut abgewogenen Vielfalt an Erzählweisen und in ihrem klugen, fruchtbaren Dialog mit anderen Autoren und Autorinnen aus der griechischen und internationalen Literatur sowie mit bildenden Künstlern.</p>
<hr />
<p><strong>Der Auszug:</strong></p>
<p><strong>Teil eins</strong><br />
<strong>Das Gepäck</strong></p>
<p>Es gibt keine Endstation, nur Kleiderkoffer,<br />
aus denen dasselbe Selbst sich wie ein Anzug entfaltet,<br />
abgeschabt, glänzend, mit Taschen von Wünschen,<br />
Einfällen, Fahrscheinen, Kurzschlüssen und Taschenspiegeln.<br />
<em>Sylvia Plath: Totem</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>1. Einführung in die Kunst des Verschwindens: </strong><br />
<strong>    Koffer und Hutschachtel  </strong></p>
<p>„Verschwinden“, das Wort hallte in Rahels Ohr am Ende des Telefonats noch lange nach. Krampfhaft versuchte sie, das entscheidende Wort von all den anderen zu isolieren, die sich in ihre Gedanken drängten wie Störgeräusche im Radio, die den Sprecher, den man eigentlich hören will, übertönen. Die Wörter „Angriff“, „Versuch“, „Missbrauch“ drohten „Verschwinden“ zu verdrängen, zum Schweigen zu bringen und zu überschatten wie Raubvögel, die über einer Taube kreisen. Ja, wie über einem Taubenjungen. Der fünfzehnjährige Musa war auf genauso mysteriöse Weise verschwunden wie das graue Taubenjunge damals, das auf der Gartenveranda im Blumentopf geschlüpft war. Seine Mutter, die geduldig gebrütet hatte und ihm Nahrung brachte, sobald es aus dem Ei geschlüpft war, blieb fort. Die sechsjährige Rahel adoptierte das Junge und probierte, ihm das Fliegen beizubringen. Sie setzte es auf den Verandatisch und bewegte die Arme auf und nieder wie flatternde Flügel. Die Flugstunden nahmen einige Tage in Anspruch. Als das Mädchen beschloss, dass der Vogel soweit war, das Gelernte anzuwenden, gab es ihm einen sanften Schubs. Der Vogel fiel zu Boden. Als sie ihn aufhob, fühlte sie, wie sein kleines Herz unter dem Gefieder flatterte. Rahel gab nicht auf. Sie erteilte ihm neue Flugstunden. Als der Herzschlag des Vogels erstarb, geriet das Mädchen in Panik. Sie umfing das tote Taubenjunge mit beiden Händen und verbarg es in einer Hutschachtel, die im Kleiderschrank der Mutter stand, so schwarz wie der Koffer, wo der Zirkuszauberer einige Monate später seine feingliedrige Assistentin einschloss. Die junge Frau krümmte sich so geschickt zusammen, als würde sie täglich so transportiert. Aus dem Koffer ertönte ein rhythmisches Pochen, wie eine Trommel oder wie der Herzschlag eines Vogels, den man in der Hand hält. Rahels Herz flatterte in ihrer Brust. Sie erinnerte sich an das Taubenjunge, das sie in die Hutschachtel gesperrt und dann ganz hinten im Schrank vergessen hatte. Sie hatte es nie im Garten begraben. Der Zauberer trat von der Bühne und kam auf sie zu, als wüsste er von ihrem dunklen Geheimnis, und lud sie ein, sich neben ihn zu stellen. Der Scheinwerfer fiel auf das kleine Mädchen, deren Füße ein See aus Licht umspielte. Als sie langsam und vorsichtig den Reißverschluss öffnete, sprang sie plötzlich erschrocken zurück: Aus dem Inneren des Koffers flatterte eine Taube. Aber dieses Wunder verlor seinen Glanz und verblasste vor dem unvergleichlichen Wunder, das sich vor Rahels Augen zutrug, als sie, wieder zu Hause, ebenso vorsichtig die schwarze Hutschachtel aufklappte: Das Taubenjunge war verschwunden. An seiner Stelle pulsierten und vibrierten die Leiber tausender weißer, blinder Larven.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>2. Der Koffer, der dich in den Himmel bringt</strong></p>
<p>Sein Name bedeute „Wundertäter“. Das erklärte die Sozialarbeiterin, als man ihnen im Büro der Organisation „Aktion Rückkoppelung“ mitteilte, dass sie ein Kind zur sofortigen Aufnahme hätten. Die Lippen der jungen Frau sahen aus wie die großen Kirschen aus dem Supermarkt. Rahels Lippen wirkten, als hätte eine ungeschickte Kinderhand versucht, einen Mund zu malen. Sie ließen an ein Kind denken, das ihn so lange ausradiert, bis ein einziger Strich übrigbleibt. Ein Strich, der mit zunehmendem Alter immer dünner und blasser wird. Jetzt, mit beinah fünfzig, fühlte sich ihr Mund unter den Händen dieses ungeschickten Kindes bei jedem Lächeln an wie ein rissiges Stück Papier. Richard sagte immer, sie habe empfindsame Lippen. In sie hätte er sich verliebt. „Mein kleiner Modigliani“, so nannte er sie. Aber besser, sie konzentrierte sich auf die Sozialarbeiterin, die sie erwartungsvoll ansah. „Schöner Name!“, sagte sie ratlos. Sie wusste, dass sie sich begeistert zeigen sollte. Es war ja ihre Idee gewesen, einen unbegleiteten Flüchtling aufzunehmen. Sie hatte den Antrag ausgefüllt. Sie hatte sich mit ihrem Mann angelegt, der sich gegen jede Veränderung in ihrem Leben wehrte. Die ältere Tochter hatte nichts dagegen, sie schien den Fremdling neugierig, ja sogar ungeduldig zu erwarten. Mit der jüngeren Tochter lag sie noch im Clinch.<br />
„Ja, man nannte ihn anscheinend so, weil er schon bei seiner Geburt lächelte. Anfangs dachte man, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung war, weil er auch nicht weinte, als er aus dem Bauch herauskam. Aber er war kerngesund. Jedes Mal, wenn die Rede darauf kam, erklärte die Mutter, sie hätte während der Schwangerschaft selbst alle Tränen aufgebraucht. Deshalb hätte das Baby nicht geweint.“<br />
„Aber wie kann es sein, dass ein Baby nach der Geburt nicht schreit? Das höre ich zum ersten Mal“, sagt Rahel.<br />
„Wissen Sie…“, lächelten die Kirschlippen. „Jede Familie hat ihre eigene Erzählung, nicht nur über die Geburt der Kinder, sondern über jede Facette der Familiengeschichte.“<br />
Aha, dachte Rahel. Die Erzählung. Schon wieder dieses unleidliche Wort, das sich so gern hervortut. Anscheinend können die Menschen mit der Wahrheit nicht umgehen. Und irgendwann entdecken sie, dass sie tausend Facetten hat. Und wenn man sie auseinanderfaltet, tauchen noch mehr auf. Die Händler können es nicht ertragen, dass die Kunden sich wegen eines Stoffstückchens zerstreiten, dass sie daran zerren und es zerknittern, dass sie es in Stücke reißen, damit jeder einen Teil bekommt. Und da sie sich nicht gegen die Kundschaft durchsetzen können, verbreiten sie, der Stoff sei nicht echt. Jede Falte, jede Facette enthalte eine kleine Lüge. Eine Erzählung. Jede einzelne sei gleichwertig mit jeder anderen. Sie habe denselben Preis. Sie sei genauso luftig gewebt wie ein Märchen. Und wenn das Märchen einen nicht mehr tröstet, wirft man es weg, ersetzt es durch etwas Reizvolleres, durch etwas, das besser zur Gegenwart passt. Hatte Richard das nicht auch so gemacht? Sie verscheuchte den unliebsamen Gedanken und kehrte zu den Kirschlippen zurück, die mit der Geschichte des Jungen begonnen hatten.<br />
Dabei erfuhr sie folgendes: Musas Eltern stammten nicht aus Somalia. Der Vater arbeitete als Kofferträger im Hotel. Er brachte das Gepäck der Gäste aufs Zimmer und bekam dafür ein Trinkgeld. Immer wenn er todmüde nach Hause kam, schmiedete er Pläne mit seiner Frau, weit wegzugehen. „Weit weg“ nahm viele Gesichter an, manchmal vertraut, manchmal exotisch, aber immer abgewandt von Somalia, das durch den langjährigen Bürgerkrieg nicht zur Ruhe kam. Freunde waren ums Leben gekommen. Man hörte von Leuten, die verschwanden, während sie sorglos über die Straße liefen. Friedenstruppen und die offizielle Regierung konnten die islamistische Terrormiliz Al-Shabaab nicht unter Kontrolle bringen. „Alle Konfliktparteien haben bislang ungestraft Verbrechen gegen internationales Recht und Verletzungen der Menschenrechte begangen. Nach wie vor werden Zivilisten von bewaffneten Einheiten entführt, gefoltert und getötet“, googelte Rahel schnell zu „Somalischer Bürgerkrieg“, als sich die Sozialarbeiterin entschuldigte und kurz das Zimmer verließ. War die gleichmäßige Verteilung der Schuld ein Zeichen für den objektiven Willen, Gerechtigkeit zu schaffen, oder ein Zeichen für die Unmöglichkeit, die Ursachen und Folgen des Bürgerkriegs zu entwirren? So, wie es zum Beispiel geschieht, wenn Schüler im Schulhof aneinandergeraten und der viel beschäftigte Direktor kurzen Prozess mit ihnen macht und alle von der Schule verweist? Musas Vater wurde endgültig aus dem Leben verwiesen, ohne dass er in einen Streit verwickelt war. Als die Sozialarbeiterin von der Toilette zurückkehrte, erzählte sie Rahel, dass ihm Stammgäste einen Job als Safari-Guide in Kenia verschafft hatten. Das Ehepaar packte seine spärlichen Habseligkeiten, und nachdem der Mann den Hoteljob zum Monatsende gekündigt hatte, wollten die Eltern des damals noch ungeborenen Musa Somalia verlassen. An seinem letzten Arbeitstag schwebte der Kofferträger förmlich über den Dingen, kaum spürte er das Gewicht des Gästegepäcks, das ihm, abgesehen vom stundenlangen Stehen, Krampfadern und Kreuzschmerzen gekostet hatte. Kurz vor Schichtende kündigte ein Hotelgast der Direktion das Eintreffen eines Taxis an, das einen am Flughafen vermissten Koffer bringen sollte. Musas Vater hievte ihn trotz seines ungewöhnlichen Gewichts hoch, als sei er federleicht. Der Fahrstuhl muss zwischen der dritten und vierten Etage gewesen sein, als die Bombe explodierte und die Kabine wie eine Rakete zum Himmel schoss. Seine Frau, die unter Schock stand, verbrachte den ganzen Tag im Krankenhaus in Mogadischu, und da wurde ihr mitgeteilt, dass sie schwanger war. Der kleine Musa lernte laufen, indem er sich vom einen Umzugskarton zum anderen hangelte. Alles, was sie brauchte, fischte die Mutter aus den offenen, auf dem Boden herumstehenden Schubladen. Als Musa vierzehn war, kramte die Mutter den Traum von der großen Flucht wieder hervor, steckte ihn in einen neuen, feuerroten Rucksack in der Lieblingsfarbe des Jungen und schenkte ihn dem Sohn, der mittlerweile in der Pubertät war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>3. Baby mit Rucksack</strong></p>
<p>Am Tag, als Kallia ihre erste Geburtstagskerze ausblasen sollte, beschloss Rahel, die Torte selbst zu backen. Es war ihre allererste Torte, und sie stand vor dem Mixer wie vor einer Flugabwehrrakete. Nikos, der sonst immer mit der Kleinen spazieren ging, wenn sie zu tun hatte, war im Büro und nicht zu Hause. Er musste Baupläne abgeben und hatte den Wecker auf fünf Uhr morgens gestellt. Sonst hätte er sich Kallia jetzt mit dem Tragetuch auf den Rücken geschnallt, wie die Afrikanerinnen, die im Stadtteil Patissia herumliefen, wo Frau Kalliopi, seine Mutter, wohnte. Sie hatte ihnen zur Hochzeit den Standmixer geschenkt, der gleichzeitig eine Küchenwaage war, denn beim Backen, so hatte sie der Schwiegertochter erklärt, waren die richtigen Mengen ausschlaggebend. Sie konnte nicht einfach improvisieren. Kuchen und Torten erforderten Disziplin. Umsicht. Aufmerksamkeit. Aber Rahel hatte vergessen, die Butter am Vorabend aus dem Kühlschrank zu holen, damit sie zimmerwarm war, und jetzt knallte der Fettziegel an die Wände der Rührschüssel und veranstaltete einen Heidenlärm. Die Kleine, die sie auf den Küchenboden gesetzt hatte, um sie im Auge zu behalten, plärrte los. Sie zog die Schublade mit den Holzkochlöffeln auf und reichte ihr einen zum Spielen. Es war noch früh, Kallia wachte immer bei Tagesanbruch auf. Rahel schaute aus dem Fenster auf den tiefblauen Morgenhimmel. Am Horizont formierte sich ein Vogelschwarm zu einer jener eindrucksvollen, wabernden Riesenseifenblase, die entstehen, wenn man Lauge durch eine große Schlinge bläst. Es war Oktober, dachte sie, und die Schwalben zogen nach Süden. Vielleicht flogen sie nach Afrika. Sie selbst war nie in Afrika gewesen. Aber sie hatte fast ganz Europa bereist, und einmal war sie mit einer Freundin in Lateinamerika gewesen, die Tickets hatte ihnen ihr Vater zur bestandenen Unizulassung geschenkt. Sie blickte auf Kallia, die gerade entdeckt hatte, dass sie Schubladen aufziehen konnte. Auf dem Boden häuften sich Flyer von Zustelldiensten und Betriebskostenabrechnungen. Wann würde sie wohl wieder reisen können? Sie war bestimmt noch jahrelang an die Bedürfnisse und den Tagesablauf ihrer Tochter gebunden. Und Nikos wollte noch ein Kind. Die Reisen, die sie kannte, sorglos, frei, ohne viel Gepäck und ohne Plan, waren vorbei. Sie war erst dreiunddreißig und würde Europa nicht mehr mit dem Zug durchqueren, nicht mehr auf unbequemen Flughafensitzen schlafen, während sie auf den Anschlussflug wartete, sie würde nicht mehr blind mit dem Finger auf die Landkarte tippen, wie sie es mit Richard, ihrer alten Liebe, getan hatte, wenn sie das nächste Reiseziel auswählte. Während die Butter in der Rührschüssel langsam weichgeklopft wurde, änderten die Vögel ständig ihre Formation und Richtung, als wäre ihre bevorstehende Reise keine Überlebensfrage, sondern eine Laune, die täuschende Nachahmung von Freiheit unter dem Joch der Notwendigkeit. Kallia klatschte ungeduldig in die Hände. Sie hatte Pralinen entdeckt, aber es gelang ihr nicht, sie aus dem Papier zu wickeln. Rahel ging zu ihrem Kind. Wie kamen die Pralinen in die unterste Schublade zwischen all die Quittungen? Als sie die Schokolade zur Hand nahm, brach ihr der kalte Schweiß aus. In der bläulichen Verpackung steckte nichts Süßes, sondern Rattengift. Im Höllenlärm des Mixers konnte Nikos nicht verstehen, was seine Frau unter Schluchzen ins Telefon schrie. Einige Stunden später war das Schauspiel vorbei. Im Kinderkrankenhaus wurde der Kleinen vorsorglich der Magen ausgepumpt, obwohl sie vermutlich keine der tödlichen Pralinen in den Mund gesteckt hatte, da es ihr gut ging. Trotzdem mussten sie die Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus verbringen. Vor lauter Aufregung tat Rahel kein Auge zu, noch konnte die völlig überdrehte, rastlose Kallia einschlafen. Sie summte sie in den Schlaf, legte sie an die Brust, wiegte sie im Stehen, erschöpft und bleich, hin und her. Erst als Nikos die Kleine ins Tragetuch packte und im Krankenhauspark spazieren führte, schlummerte Kallia friedlich ein, und Papa ging die ganze Nacht mit ihr spazieren. Während sie auf die Psychologin warteten – nach der Sozialarbeiterin war für die Aufnahme eines unbegleiteten Flüchtlings ein Hausbesuch vorgeschrieben – dachte Rahel, dass man so etwas besser nicht erzählte. Damit die Behörden Vertrauen fassten, musst man über solche Episoden aus dem Familienleben Schweigen bewahren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>4. Ein Koffer zwischen Vater und Sohn</strong></p>
<p>Nikos wünschte sich einen Sohn als zweites Kind. Er liebte Kallia und fühlte sich nie überfordert. Wenn sie krank war, kümmerte er sich liebevoll um sie, spülte ihr die Nase und gab ihr fiebersenkende Mittel mit der Kindermedizinspritze, damit kein Tropfen verlorenging. Da Rahel einen leichten Schlaf hatte und beim geringsten Laut oder der kleinsten Berührung mit weit aufgerissenen Augen aufrecht im Bett saß, als würde sie von einer Horde von Eindringlingen bedroht, ließ er sie an manchen Samstagabenden im Doppelbett in Ruhe allein ausschlafen, während er – kaum zu glauben, wenn man es nicht mit eigenen Augen sah – zusammengekrümmt und dicht an Kallia geschmiegt im Kinderbett lag. Womit er nicht gut umgehen konnte, waren Kinderspiele. Er schämte sich, es zuzugeben, aber sie langweilten ihn. Puppen jagten ihm von klein auf Angst ein. Auf der Kommode im Schlafzimmer von Frau Kalliopi, seiner Mutter, thronte seit seiner Kinderzeit eine große, fein herausgeputzte Porzellanpuppe. Als er sie einmal kräftig schüttelte, verschwanden ihre Augen mit einem Klack in den Augenhöhlen. Auch Kuscheltiere mied er. Jedes Imitat eines lebendigen Wesens erschien ihm abstoßend und verlogen. Fahrradfahren hingegen gefiel ihm, auch Ball- oder Gesellschaftsspiele, aber seine Tochter weigerte sich, mit etwas anderem zu spielen als mit ihren Püppchen. Daher hoffte er auf einen Sohn als zweites Kind. Als vier Jahre nach Kallia die kleine Paraskevi geboren wurde, stellte Nikos im Lauf der Zeit fest, dass seine jüngere Tochter etwas Jungenhaftes hatte. Sie war draufgängerisch, tauchte überall zugleich auf, heckte Streiche aus und neigte zu lebensgefährlichen Unfällen. Ein Wunder, dass sie ihren heutigen dreizehnten Geburtstag heil und unversehrt erlebte. Auf der Torte stand, das hatte sie sich so gewünscht: „Freitag, der 13.“ Ihr Name, Paraskevi, war auch ein Wochentag: „Freitag“. Die kleine Paraskevi hatte Nikos’ Humor, das behauptete zumindest der stolze Papa, der seine ältere Tochter immer noch heiß und innig liebte, aber für die kleine Göre eine besondere Schwäche hatte. Kallia war ihm ohnehin schon entglitten. Als Siebzehnjährige lebte sie in einer anderen Welt, führte hinter geschlossenen Türen stundenlange Telefonate, verschickte Nachrichten nach Mitternacht und beschäftigte sich – auf für ihn übertriebene und unbegreifliche Weise  – mit Klamotten, Frisuren und Kosmetika. Dabei war Kallia von klein auf wunderhübsch, wie eine Puppe, könnte man sagen, wenn ihn Puppen nicht erschrecken würden, oder bildschön wie ein Gemälde. Seine Frau war attraktiv, und er selbst sah auch nicht schlecht aus, er ging als ansprechend und ansehnlich durch, aber die Natur hatte, aufs Höchste inspiriert, die besten Seiten von ihnen beiden zusammengemixt und ein glänzendes Resultat geschaffen. So musste die Natur, als die kleine Paraskevi zur Welt kam, improvisieren und ihr Erscheinungsbild aus den verbliebenen genetischen Eigenschaften komponieren. Das Resultat war reizvoll, aber nicht zu vergleichen mit der blendenden Schönheit ihrer älteren Schwester. Für Nikos war Schönheit zweitrangig. Er kannte ihren Tauschwert im Spiel der menschlichen Beziehungen, aber ihm war klar, dass diese Währung instabil war und ihr Zeitwert von Jahr zu Jahr sank. Daher glaubte er nicht, dass Kallia mehr Glück hatte als Paraskevi. Denn die jüngere Tochter entwickelte durch natürliche Gaben oder auch aufgrund ihrer schwächeren Position als hässlichere Schwester Durchsetzungsvermögen, Selbstironie und Klugheit. Das alles benutzte sie, um zu erreichen, was immer sie sich in den Kopf setzte. Als Neunjährige beispielsweise hatte sie sich selbst den Rufnamen „Skevi“ gegeben, um sich nachdrücklich von Oma Paraskevi abzugrenzen, die sie „Karfreitag“ nannte und deren depressive Grundhaltung sie verspottete. Die Eltern wehrten sich zunächst gegen das ungewöhnliche „Skevi“. Sie behaupteten, den Namen hätten sie noch nie gehört, den gebe es gar nicht. Zu ihrer großen Enttäuschung entdeckte ihre Tochter im Internet eine zweite Skevi, eine Ärztin auf dem Dodekanes. Damit waren die Eltern mundtot gemacht. Außerdem betrachtete sie den ausgefallenen Rufnamen als Qualitätsmerkmal. Ein Grund mehr, ihn anzunehmen. Ob sie wollten oder nicht, langsam gewöhnten sich die Eltern daran. Trotzdem wünschten sie sich manchmal den Taufnamen ihrer Tochter zurück, und deshalb lachten sie auch, als er als witzige Anspielung auf der Geburtstagtorte auftauchte. Als sie aufgegessen hatten, überredete Skevi ihren Vater, seinen Mittagsschlaf zu opfern und in den Syngrou-Park zu gehen. Nikos hielt sich sonst an den Tagesablauf seines Vaters: Aufbruch im Morgengrauen zur Arbeit, Siesta zu Hause und wieder zurück zur Arbeit. Der Eingang lag nur wenige Meter von der Wohnung entfernt, und Nikos nahm seine Töchter manchmal zu einem Spaziergang oder einem Picknick auf das ihm vertraute Gelände mit. Er hatte sechs Jahre im reformpädagogischen Internat Anavryta verbracht. Kallia begleitete sie nicht mehr auf diesen Ausflügen, aber Skevi steuerte bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Athletikbahn oder die Spazierwege an. Sie wanderte gern mit ihm zu den ehemaligen Schulgebäuden, zum „Weißen Haus“, wo die gymnasiale Unterstufe und die Lernwerkstätten untergebracht waren, oder zum „Turm“, der früheren Villa des Bankiers und Mäzens Andreas Syngrou, wo die „klassische“ gymnasiale Oberstufe unterrichtet wurde. Dort gingen die Mädchen hin, getrennt von den Jungen, gemischte Klassen gab es noch nicht. Als zwei Jahre nach seinem Schuleintritt die ersten Gymnasiastinnen aufgenommen wurden, sei ihm das, so erzählte er seiner Tochter, wie ein Wunder vorgekommen. So, als wäre das „Weiße Haus“ noch heller geworden, als würde es leuchten. Bis dahin war er rund um die Uhr nur mit Jungen zusammen gewesen. Das Leben im „Ostflügel“, wo die Internatszöglinge wohnten, folgte militärischer Ordnung: sechs Uhr morgens aufstehen, kalt duschen, Morgensport mit Jogging und Gymnastik, ankleiden, Bettenmachen, Morgenversammlung, Unterricht, Essen im Speisesaal, einstündige Mittagsruhe, Sportspiele und praktische Übungen, werken, warm duschen, dreistündige Hausaufgabenzeit unter Aufsicht, Lektüre und Schachspiel, Zapfenstreich und Nachtruhe. Nikos war gewöhnt, in Patissia, ihrem Wohnviertel, den ganzen Tag draußen zu verbringen. Er wusste nicht, was ihn erwartete, als der Klassenlehrer, von Nikos’ Leistungen beeindruckt, den Eltern die Reformschule Anavryta vorschlug. Als die Ergebnisse der Aufnahmeprüfung bekanntgegeben wurden, wurde die stolze Freude des Kindes, die Prüfung als einer der Besten geschafft zu haben, von der Ankündigung von Herrn Jannis, seinem Vater, überschattet, dass er im Internat verbleiben sollte. „Ich kann dich mit dem Motorrad nicht jeden Tag hin- und herfahren“, sagte er, und damit war die Sache erledigt. Es war Sommer, und dem Jungen war nicht wirklich bewusst, was ihn im September erwartete. An dem Tag, als der Vater ihn mit aufs Motorrad nahm, herrschte durchdringende Kälte, der Koffer war zwischen sie beide geklemmt, aber die Arme des Jungen umklammerte nicht wie sonst die Taille des Vaters, sondern den Koffer. Die Kälte entsprach der Angst, der Verzweiflung und dem Gefühl des Verlassenseins, das er verspürte, als der Vater Gas gab und sich entfernte, ohne sich noch einmal nach seinem Sohn umzuschauen. Nikos stand, ganz allein mit dem Koffer, vor dem Schuleingang und wartete auf eine Geste, auf eine kurze Wendung des Kopfes.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>5. Aus dem Müllcontainer in den Koffer</strong></p>
<p>Als Nikos im großen Saal vor dem Bett stand, in dem er fortan schlafen sollte, ohne eigenes Zimmer, ohne Familie, fremd unter Fremden, erfasste ihn erst Verzweiflung, dann Zorn. Wie konnten ihn die Eltern so allein lassen? Wie konnte der Vater das zulassen? Er war doch auch als Zwölfjähriger, genauso alt wie er, Zögling an der Königlichen Technischen Schule auf der Insel Leros gewesen, weit weg von seinem Dorf Krania an den Hängen des Olymp? Als er am ersten Besuchstag wagte, seinem Vater Vorhaltungen zu machen, versetzte der ihm eine schallende Ohrfeige. „Zieh nicht über Internate her“, sagte er. „Die haben mich zum Mann gemacht. Was wusste ich schon, da oben im Dorf? Nichts! Nur, wie man mit dem Esel Waffen zu den Partisanen bringt. Als uns die Regierungstruppen aufsammelten, waren wir wilde Tiere. Wie schliefen in Höhlen, mit den Schuhen an. Gut, dass uns der König ein Handwerk lernen ließ! Damit wir später unser Brot verdienen konnten. Vergiss nicht, dass die meisten von uns Waisenkinder waren. Die einen Eltern waren im Partisanenkampf in den Bergen gefallen, die andern waren im Exil, wieder andere im Lager. Mich holten sie, als der Vater umgekommen war. Die Mutter habe ich nicht wiedergesehen. Wir hätten nie gewagt, uns zu beschweren. Besuchstage kannten wir nicht. Hör auf zu jammern und sieh zu, dass etwas aus dir wird, denn du wohnst hier nicht gratis. In der Tischlerei schiebe ich doppelte Schichten, damit du dieselbe Schule besuchen kannst wie König Konstantin. Als kleiner Junge ist er immer mit seinem Vater nach Leros gekommen.“ Ja, das wusste Nikos. Herr Jannis sprach nicht oft davon, aber er hatte es von seiner Mutter gehört, die im selben Schulkomplex auf Leros an die Haushaltsschule ging. Ihre Eltern hatten den Partisanenkampf überlebt, aber sie stimmten dem Abtransport der Tochter auf die Insel zu. Ihr Haus im bergigen Messenien war im Bürgerkrieg abgebrannt, und bettelarm, wie sie waren, hätten sie die einzige Tochter nicht ernähren können. Die Haushaltsschule bot eine Lösung. Die Eltern von Nikos hatten sich während ihrer Ausbildung auf Leros kennengelernt, ganz so wie später die Eltern der kleinen Paraskevi an der Reformschule von Anavryta.<br />
„Komm, erzähl, welchen Eindruck machte Mama, als du sie zum ersten Mal gesehen hast?“<br />
„Das war beim Laufwettbewerb, der jeden Oktober stattfand. Da sind wir klassenweise angetreten, zuerst die Mädchen, dann die Jungen. Die Strecke führte quer durch den Wald im Syngrou-Park.“<br />
„Wo? Hier, wo wir gerade gehen?“<br />
„Ja, ungefähr. Wir sind einen Kilometer dem Wanderweg gefolgt, rauf und runter.“<br />
„Aha, erst rauf-runter, dann rein-raus!“, sagte das Mädchen mit einem gewissen Unterton.<br />
Der Vater tat so, als hätte er die Anspielung nicht gehört.<br />
„Zuerst liefen die Mädchen aus der ersten Klasse Gymnasium. Die Zuschauer standen an der Athletikbahn und haben nur den Start und den Zieleinlauf gesehen. Deine Mama, groß und knochig, war mir schon aufgefallen, bevor der Startschuss fiel. Sie hatte die Schultern eingezogen und machte einen kleinen Buckel. Das gefiel mir, weil ich damals Rockmusik hörte.“<br />
„Was hat das miteinander zu tun?“<br />
„Keine Ahnung, als ich sie sah, dachte ich jedenfalls, dass zu ihrem Gesicht Doors-Musik als Untermalung passt.“<br />
„Aha… Und dann?“<br />
„Mir fiel auf, dass sie nicht gleich beim Startschuss losgelaufen ist. So, als wäre sie in Gedanken versunken. Das fand ich süß. Ich rechnete nicht damit, dass sie überhaupt ins Ziel kommt. Du kannst dir meine Überraschung vorstellen, als sie vor allen anderen, mit riesigen, schnellen Sprüngen aus dem Wald kam. Die Verfolgerinnen waren noch gar nicht zu sehen. Der Sieg war ihr nicht mehr zu nehmen. Nach dem Wald lagen nur noch fünfzig Meter Feldweg vor ihr, der zum Zieleinlauf führte, wo die Zuschauer standen. Sie aber verlangsamte plötzlich ihr Tempo und spazierte gemütlich weiter. Wir trauten unseren Augen nicht! Wir riefen ihr zu, sie solle doch weiterlaufen. Nur noch ein kleines Stück. Aber sie ignorierte uns. So wurde sie von zwei, drei Schülerinnen eingeholt. Sie stand nicht einmal auf dem Treppchen. Das war fantastisch!“<br />
„Was findest du an der blöden Haltung fantastisch?“<br />
„Kapierst du nicht? Deine Mama hätte gewinnen können, sie hatte die Goldmedaille schon in der Tasche, aber sie hat alles hingeschmissen. Es war, als würde sie ihnen sagen: Ich scheiße auf eure Wettkämpfe, sie sind mir egal. Ich bin kein Rennpferd, ich renne nur, wenn ich Lust habe.“<br />
„Ja, vielleicht wusste sie nicht, wo die Ziellinie liegt, und dachte, nach dem Wald ist sie schon im Ziel.“<br />
Nikos lachte. Die Erklärung leuchtete ihm ein. Rahel wirkte des Öfteren ein bisschen „weggetreten“, und damit neckten die Töchter sie auch. Es kam vor, dass sie beim Abwasch reglos mit dem Topfdeckel in der Hand verharrte und die Seifenlauge so eindringlich betrachtete, als hinge ihre Zukunft davon ab. Dito, wenn sie einen Apfel schälte: Sie schälte ihn rundherum, aber nur zur Hälfte, dann pausierte sie mit dem Messer in der Hand, während die Apfelschalenspirale herunterbaumelte. Wenn sie las, ließ sie das Buch sinken, aber ihr Blick blieb an der Stelle haften, wo das Buch gewesen war, als hätten sich die Buchstaben vom Papier gelöst und wogten im Wind wie schwarze Klammern auf einer unsichtbaren Wäscheleine. Schon als Schülerin war sie eine Leseratte. Ihretwegen nahm Nikos an der Lyrikgruppe teil. Damals war Rahel vierzehn, Nikos zwei Jahre älter. Er hatte sich ans Internat gewöhnt, an den Tagesablauf, die kalte Dusche, die Schulhymne, den militärischen Drill und den nicht vorhandenen Ausgang, aber auch an die Späße im Speisesaal, die Gespräche mit seinen Freunden vor dem Einschlafen, das Leben in der Gemeinschaft. Mit Büchern oder Poesie hatte er, abgesehen vom üblichen Sprachunterricht, nicht viel zu tun. Die einzige erfundene Wirklichkeit, aus der er eine seltsam tiefe Befriedigung schöpfte, war sich einen anderen Vater vorzustellen. Wenn alle im Schlafsaal schliefen, blätterte er manchmal die Korrespondenzkarten durch, die er in seinem Koffer zwischen den von seiner Mutter eingepackten Socken und zusammengefalteten Unterhemden versteckt hatte. Am Abend vor dem Umzug ins Internat hatte sie ihn mit dem Müll zum Container geschickt. Seit dem Morgen hatte sie die Tränen kaum zurückhalten können und suchte einen Vorwand, um sich im Bad einzuschließen. Unwillig lief er die Treppe des Wohnhauses nach unten, mit finsterem Blick trat er vor die Haustür und überquerte die Straße. Der Sack in der Hand erinnerte ihn daran, dass er lange keinen Müll mehr wegbringen würde, und der stinkende, überquellende Container erfüllte ihn mit frühzeitigem Heimweh. Sein Blick fiel auf ein Päckchen zwischen den Müllsäcken, auf dem mit schwarzem Filzstift „Lakki“ stand. Das Päckchen war nur lose eingewickelt, und er konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er vermutete, es könnten Briefe des Vaters aus seiner Schulzeit sein. Aber dem war nicht so. Eingewickelt in Packpapier lagen, mit einem Geschenkband zusammengehalten, wie es Konditoreien verwenden, an die fünfzig Blanco-Postkarten, auf der einen Seite vollgeschrieben, auf der anderen Seite mit der Adresse des Empfängers versehen. Bis heute konnte er nicht sagen, aus welchem Impuls heraus er die „Korrespondenzkarten“ &#8211; eine alte Bezeichnung, wie er bald herausfand – mitnahm und in seinen Koffer stopfte. In der ersten Zeit, in der er sich nach Anavryta verbannt fühlte, leisteten ihm ihre Botschaften jeden Abend Gesellschaft. Ja, so fühlt er sich, verbannt, genauso wie der Mann, der unter der Obristenjunta im Internierungslager Lakki auf Leros saß, womöglich sogar im selben Gebäude, in dem der Vater seine Jugendjahre verbrachte, und hoffnungsvoll, ängstlich und zärtlich mit seiner Familie in Athen korrespondierte.</p>
<hr />
<p><strong><img decoding="async" class="alignleft wp-image-16668" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-450x620.jpg" alt="" width="350" height="482" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-450x620.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-218x300.jpg 218w, https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross-500x689.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/em-2_Cover-gross.jpg 743w" sizes="(max-width: 350px) 100vw, 350px" />Das Buch</strong><br />
Elena Maroutsou: <em>To exilastirio thavma. (dt. Arbeitstitel: Wundertäter und Sündenbock). Eine Geschichte in einundfünfzig Koffern </em><br />
(bislang nur auf EL)<br />
Verlag Kichli, Athen 2022, 338 Seiten, ca. 16 €<br />
ISBN 978-618-5461-42-3</p>
<p>Das Titelbild stammt aus der „Baggage Series“ des syrisch-amerikanischen Künstlers Mohamad Hafez. Die Autorin platziert gern in ihren Erzählungen Bildverweise.</p>
<p>Ein durchgehendes Motiv des Romans ist der „Koffer“ (in all seinen Erscheinungsformen als Rucksack, Truhe, Handtasche oder Müllsack) als Hüter von Eigentum und Erinnerung. Ein Koffer symbolisiert immer Abreise und Ankunft, Unterwegssein, Veränderung.</p>
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<figure id="attachment_16667" aria-describedby="caption-attachment-16667" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" class="wp-image-16667 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/em-1_Elena-Maroutsou-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-16667" class="wp-caption-text">© M.Valasopoulos</figcaption></figure>
<p><strong> Die Autorin</strong><br />
<strong>Elena Maroutsou</strong>, geb. 1967 in Athen, studierte Geschichte an der Universität Athen sowie Literatur und Kunstgeschichte in Reading, Großbritannien. Sie unterrichtet Literatur und Creative Writing und veröffentlicht Buchrezensionen.<br />
Ihre ersten Veröffentlichungen bildeten Erzählungen (1998 und 2004), 2008 erhielt sie den Athens Prize for Literature für den Roman „Zwischen Zug und Bahnsteigkante“. Die Novelle ΤΟ ΝØΗΜΑ, „Der Sinn“ (2010) wurde in einem Seminar von jungen LiteraturübersetzerInnen ins Deutsche übertragen.<br />
Mit den miteinander verwobenen Erzählungen „Obszöne Orchideen“ (2015), den Romanen „Zwei“ (2018) und „Wie die Tiere“ (2020) erreicht sie ihre Reifephase. Mit „Wie die Tiere“ wurde Maroutsou vom griechischen PEN unter die zehn besten Autorinnen gewählt, für „Wundertäter und Sündenbock. Eine Geschichte in 51 Koffern“ 2023 wurde sie mit dem Literaturpreis der Zeitschrift Klepsydra ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2024 der Band „Domino“ mit sieben, miteinander verketteten Erzählungen.</p>
<p class="textinfo"><em>Buchvorstellung: Michaela Prinzinger. Romanausschnitt: Elena Maroutsou in der Übersetzung von M. Prinzinger. Fotos: Verlag Kichli, Marios Valasopoulos. Redaktion: A.Tsingas. Die Probeübersetzung wurde von GreekLit unterstützt, der Übersetzungsförderung der Hellenischen Buch- und Kulturstiftung ELIVIP/HFBC, </em><span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://elivip.gr/en/">hier</a> </span><em>(auf EN).</em></p>
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		<title>Atalanti Evripidou: Menschen sind komplex und unvollkommen – und das ist großartig</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2026 07:16:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Autorin spricht über ihren ersten Erzählband „Die, die nicht gegangen sind“. Anhand persönlicher Erlebnisse sowie historischer und mythologischer Elemente verbindet sie Fantasie mit Volksüberlieferungen. Die Sammlung erzählt von Menschen am Rande der Geschichte – ... <p class="read-more-container"><a title="Atalanti Evripidou: Menschen sind komplex und unvollkommen – und das ist großartig" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/atalanti-evripidou-menschen-sind-komplex-und-unvollkommen-und-das-ist-grossartig/#more-16593" aria-label="Mehr Informationen über Atalanti Evripidou: Menschen sind komplex und unvollkommen – und das ist großartig">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die Autorin spricht über ihren ersten Erzählband „Die, die nicht gegangen sind“. Anhand persönlicher Erlebnisse sowie historischer und mythologischer Elemente verbindet sie Fantasie mit Volksüberlieferungen.</p>
<p>Die Sammlung erzählt von Menschen am Rande der Geschichte – im Zeitraum von der osmanischen Besatzung bis heute. Von Frauen, queeren Menschen, ethnischen und religiösen Minderheiten, von Bastarden und Sexarbeiterinnen – sie waren schon immer da, wenn auch selten sichtbar. Sieben Geschichten vor dem Hintergrund eines immer weniger mythisch anmutenden Griechenland, wo Legenden verblassen, Freiheit an den Pranger gestellt wird und Solidarität das Einzige ist, was Bestand hat.<br />
Was in dieser Sammlung besonders hervorsticht, ist die Ehrlichkeit und das Bekenntnis zur Unvollkommenheit, in dem Sinn, dass ihre Figuren nicht ideal, sondern menschlich und vielschichtig sind. Das Buch thematisiert den Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge sowie die Widersprüche der menschlichen Seele. Die intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz – verbunden mit der Suche nach der Wahrheit in einer Welt voller Illusionen –, zeigt, dass Evripidous Sammlung darauf abzielt, die dunklen und verborgenen Aspekte der menschlichen Natur zu beleuchten, und hinterlässt bei den Lesenden zahlreiche Fragen zur Geschichte und zum kollektiven Gedächtnis.</p>
<p><strong>Das Interview: Georgia Harda befragt Atalanti Evripidou</strong></p>
<p class="interview">Was hat Sie dazu angeregt, diesen Erzählband zu schreiben?</p>
<p>Ich schrieb „Trisévgeni“, die erste Erzählung der Sammlung, im Rahmen eines Workshops für kreatives Schreiben, der von <em>Tales of the Wyrd</em> <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://talesofthewyrd.com/?lang=en">hier</a></span> (auf EN) organisiert wurde, und anschließend zwei weitere, „Jenseits der gläsernen Berge“ und „Die, die nicht gegangen sind“, um sie in den Literaturworkshops der Athener Science-Fiction-Gesellschaft (ALEF) vorzustellen. Mir wurde bewusst, dass es in diesen Erzählungen einige thematische und stilistische Gemeinsamkeiten gab, und ich beschloss, noch einige weitere Erzählungen zu schreiben, um eine Sammlung zu schaffen, die genau von diesen thematischen und stilistischen Leitgedanken durchzogen sind.</p>
<p class="interview">Beim Lesen des Titels Ihres Buches fragte ich mich, ob das Verharren im Leben eine Art von Widerstand oder von Untätigkeit ist, und auch, was es über die menschliche Natur verrät, dass sich manche Wesen entscheiden zu bleiben, andere jedoch, zu gehen.</p>
<p>Ich denke, das Bleiben kann beides sein, je nach der Situation, in der wir verharren. Die Charaktere der Sammlung tun das Eine oder das Andere – bleiben oder gehen – und beides kann Widerstand sein oder auch Untätigkeit. Der Junge, Vasiliki oder Evgenios entscheiden sich zu gehen, doch das hat unterschiedliche Gründe und ebenso eine andere Aussage; und möglicherweise wird die Leserschaft nicht für alle ihre Entscheidungen gleichermaßen Verständnis aufbringen. Der Kapitän, Evdokia und Stratis sind Figuren, die bleiben, doch – auch hier – sind ihre Motive und die Folgen ihres Bleibens nicht gleichermaßen annehmbar. Mir scheint, dass wir alle im Leben beide Entscheidungen treffen, sowohl um Widerstand zu leisten, aber auch – vielleicht – aus einer Art Starrheit heraus. In manchen Fällen sogar auch zur Selbsterhaltung. Vielleicht ist es letztendlich wichtiger, wo wir stehen, nachdem wir geblieben oder gegangen sind.</p>
<p class="interview">Sie haben das Buch Ihrem Großvater gewidmet. Inwiefern ist diese Widmung der Abschied, den Sie nicht mehr nehmen konnten?</p>
<p>Das wurde mir bewusst, als ich meine Abschlussarbeit in Gesellschaftspsychologie zum Thema Trauer abgab: dass ich praktisch ein ganzes Buch geschrieben habe, um den Verlust meines Großvaters zu verarbeiten. Er ist während des Lockdowns von uns gegangen und leider gelang es mir aufgrund der Einschränkungen nicht, ihn noch einmal zu sehen oder an seiner Beerdigung teilzunehmen. Die meisten Erzählungen der Sammlung sind in gewisser Weise von meinen Erlebnissen in meinem Dorf bei Karditsa geprägt, sowohl sprachlich als auch bildlich. Und als ich sechs der sieben Erzählungen geschrieben hatte, wurde mir bewusst, dass ich viele Aspekte des „Griechischseins“ einbezogen hatte, aber nicht die Lebensfreude und das Feiern. Und so wurde mir auch klar, dass ich den Tod meines Großvaters innerlich bereits akzeptiert hatte. Es war ein großer Heilprozess, obwohl er gar nicht als solcher gedacht war.</p>
<p class="interview">Wie haben Sie die Thematik der Erzählungen ausgewählt? Haben Sie sich auf persönliche Erfahrungen oder auf mythologische und volkstümliche Elemente der Tradition bezogen?</p>
<p>Eine Mischung von all dem, aber auch auf zahlreiche Zeitzeugnisse, begleitet von einer gehörigen Portion Fantasie. Zwei der Erzählungen sind, wie am Ende des Buches vermerkt ist, von Volksmärchen inspiriert, die im zweibändigen Werk von Georgios Megas <em>Griechische Märchen</em> enthalten sind. Dies sind „Fünf Monde sind dahin“, basierend auf dem Märchen „Herr Weizengrieß“, und „Trisévgeni“, basierend auf dem Märchen „Trisévgeni oder die drei Zedrate“. Aber auch wahre Geschichten, wie die von Thanassis Vagias oder von Zafiris, der an der Seite des Generals des Griechischen Unabhängigkeitskrieges Georgios Karaiskakis kämpfte (<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Georgios_Karaiskakis">hier</a></span>) sowie Berichte von Menschen, die die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg erlebt haben, Berichte über die <em>Existenzialisten der fliegenden Hütte </em>(<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.lifo.gr/culture/music/ena-athinaiko-parti-stin-iptameni-paragka-toy-simoy-toy-yparxisti-1953">hier</a></span>, auf EL). Natürlich auch meine eigenen persönlichen Erfahrungen, zusammen mit geliebten Gedichten und Liedern – und, wie bereits erwähnt, einer gehörigen Portion Fantasie. Abgesehen von diesen beiden Erzählungen, die sich an Märchen orientierten, entstanden die übrigen aus dem Gedanken heraus „Wie würde magischer Realismus in Griechenland aussehen?“ (so entstand die namensgebende Erzählung der Sammlung „Die, die nicht gegangen sind, kommen nicht zurück“) oder aus der Notwendigkeit „Ich muss eine Erzählung für den Workshop einreichen und habe es eilig, also suche ich im Internet nach einem Schreibprompt“ (was schließlich zum Prompt „Ein Henker, den sein letztes Opfer verfluchte“ führte).</p>
<p class="interview">Es sind sieben Erzählungen. Hat diese Zahl eine besondere Bedeutung?</p>
<p>Die Wahrheit ist, dass es nicht sieben waren. Es waren ursprünglich acht Erzählungen, aber eine habe ich rausgenommen, bevor ich das Manuskript einreichte, weil sie nicht ausreichend zu den übrigen passte. Außerdem gab es noch einen neunten Text, der aber erst später geschrieben wurde, als die Sammlung bereits in den Händen des Lektors war – für diese Erzählung war es also zu spät. Aber ich denke, dass sieben schließlich aus vielen Gründen die ideale Anzahl war. Auf einer eher symbolischen Ebene, weil es eine bedeutungsvolle Zahl ist und das Buch von einer Magie handelt, die ständig schwindet und verloren geht. Auf einer praktischen Ebene, weil man eine Woche zum Lesen braucht, wenn man sich das Ziel setzt, eine Erzählung pro Tag zu lesen.</p>
<p class="interview">In Ihrer Erzählung „Der Nagel im Kopf“ hat mir der Satz <em>Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit</em> gefallen. Können Sie uns mehr dazu sagen?</p>
<p>Das war eine Erzählung, die in meinem Kopf mit diesem einen Satz begann. Damit begann ich zu schreiben, ohne eine Ahnung zu haben, wohin es führen würde. Ich vermute, der Satz ergab sich aus dem, was wir oft sagen, wenn wir uns verspäten: „Ach, irgendwo auf der Welt wird es schon die richtige Zeit sein“. Aber er verdichtet in gewisser Weise auch diesen Verlust an Erinnerung und Geschichte, diese Details an Wahrheit, die systemisch (und systematisch) geopfert werden, um unser nationales oder persönliches Narrativ zu konstruieren.</p>
<p class="interview">In derselben Erzählung erwähnt die Protagonistin den Rat ihrer Großmutter: <em>Erfinde keine perfekten Märchen. Wenn du eine Geschichte erfindest, sorge dafür, dass man sie glaubt, weil sie wahrhaftig klingt, und nicht, weil man dir glauben will; denn irgendwann wirst du die Menschen enttäuschen, und sie werden aufhören, dir glauben zu wollen, und dich mit Rechen und Schaufeln in den Händen verjagen.</em> Glauben Sie, dass dieser Ansatz authentischer und realistischer ist als andere? Und wie steht dieser zum Bedürfnis der Leserschaft nach „Wahrheit“ in einer Zeit, die von Illusionen überschwemmt wird?</p>
<p>Ich möchte mich zunächst auch als Leserin äußern: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich mit makellosen Charakteren identifizieren oder mit ihnen mitfühlen kann.<br />
Ich mag auch keine Leute, die hohl sind, damit sie der oder die Lesende in der Geschichte als Projektionsfläche seiner selbst nutzen kann. Ich möchte über Figuren lesen, die echt sind, dreidimensionale Menschen, bei denen ich nachvollziehen kann, wie ihr Verstand und ihre Seele tickt, auch wenn ich nicht mit ihnen übereinstimme oder ihre Erfahrungen teile. Als Autorin halte ich es heute noch für einen guten Rat, mit den Protagonisten wie mit normalen Menschen umzugehen. Menschen sind komplex und unvollkommen, und das ist im wirklichen Leben genauso angebracht wie in der Literatur.</p>
<p class="interview">In der Erzählung „Der Sommer, in dem die Freude verloren ging“ schreibt ein Protagonist: <em>Das Leben hat keinen Höhepunkt, denn es ist keine Erzählung.</em> Glauben Sie, dass es im Leben, wie auch in der Literatur, eine gewisse „Logik“ gibt, einen bestimmten Verlauf? Oder ist das Leben dazu verdammt, unvollendet zu bleiben?</p>
<p>Ich denke, dass Leben und Erzählung zweierlei sind: Das Leben an sich hat keine Konsequenzen, ergibt keinen Sinn und unterliegt keiner Logik, aber wenn man es erzählt, die Art und Weise, wie wir uns daran erinnern, beinhaltet doch all das. Oft passieren zwei zusammenhangslose Ereignisse gleichzeitig; später erinnern wir uns aber daran, als wären sie nacheinander passiert, weil das der Erzählung dienlich ist. Beispiel: „Ich bin auf eine Bananenschale getreten – im selben Moment kam mein Bus vorbei und ich habe ihn verpasst“. Das wird zu „Ich habe den Bus verpasst, weil ich auf eine Bananenschale getreten und hingefallen bin“. In der Literatur muss die Erzählung überzeugend, wenn nicht sogar realistisch sein, sodass sie eine gewisse Logik hat – allerdings eher eine innere Logik, denn natürlich gibt es Gattungen wie das Absurde oder das Skurrile, die auf den ersten Blick dieser Logik gar nicht zu folgen scheinen, aber dennoch eine innere Kontinuität aufweisen.</p>
<p class="interview">Das Buch deckt historisch ein breites Spektrum ab, von der osmanischen Herrschaft bis in die Gegenwart, mit besonderem Schwerpunkt auf Personen, die am Rande der Geschichte leben. Wie sind Sie auf diese Figuren gekommen und wie ist ihre eigene Beziehung zur griechischen Gesellschaft?</p>
<p>Ich bin der Ansicht, dass es in der langen, überbordenden Geschichte Griechenlands viele unausgesprochene Geschichten gibt – etliche Dinge, über die wir nicht offen sprechen oder die wir sogar komplett unter den Teppich kehren. Gab es im griechischen Befreiungskampf überhaupt keine queeren Menschen? Waren alle Freiheitskämpfer ständig und ausnahmslos kreuzfromm? Was bedeutete es, als unverheiratete Mutter im Dorf zu leben? Wie entstehen unsere Familiensagen? Wie wird das kollektive Gedächtnis geformt und welche Menschen bleiben dabei außen vor? Diese Fragen stelle ich mir auch jenseits der Literatur. Und aus der Position einer Person heraus, die das Privileg hat, diese Fragen stellen zu können, versuche ich – so gut es mir mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln möglich ist – Licht auf diese nicht wahrgenommenen Geschichten inmitten der geschichtlichen Ereignisse zu werfen. Ich glaube aber auch, dass die heutige Gesellschaft auf einem Weg der Besserung ist: Im Vergleich zu der Zeit vor zehn oder sogar fünfzig Jahren gibt es erhebliche Fortschritte, was Akzeptanz, Toleranz und Vielfalt angeht. Aufgrund meines Berufs komme ich ständig mit jungen Menschen von 18–19 Jahren in Kontakt; es berührt mich zu sehen, dass jede neue Generation etwas aufgeschlossener und sensibler als die vorherige ist.</p>
<p class="interview">Die griechische Tradition und insbesondere die Volksdichtung und die Volksmärchen scheinen in ihrem Schreiben wichtige Komponenten zu sein. Erzählen Sie uns davon.</p>
<p>Daran sind wohl die Märchen von Georgios Megas schuld. <span style="color: #0000ff;">[*]</span> Ich habe sie als Kind innig geliebt, sie auch als Erwachsene oft gelesen und immer eine Verbundenheit mit ihnen gespürt, die bei den westeuropäischen Erzählungen so nicht aufkam. In den Volksmärchen gibt es kluge Frauen, die Prinzen retten, es gibt Protagonisten, die die Lamia und die Drachen mit Klugheit und nicht mit körperlicher Stärke besiegen; sie haben oft Humor und strahlen eine universelle Authentizität aus. Sie sind bodenständig, riechen nach Scholle. Gleichzeitig leben wir in einem Land, das vor lauter Touristen fast untergeht; außerhalb der Landesgrenzen weiß man jedoch wenig mehr über Griechenland als von seiner fernen, antiken Vergangenheit und der Wirtschaftskrise. Insbesondere das antike Schriftgut und die Mythologie gehören der ganzen Welt – wir beobachten einen zunehmenden Trend, dass ausländische Autoren Nacherzählungen der griechischen Mythologie verfassen. Aber die Volkstradition, unsere Volkslieder, unsere Märchen, die Geschichten unserer Dörfer gehören uns und wurden bislang noch von niemandem vereinnahmt. Daher erscheint es mir logisch, dass sich jüngere Autoren wie ich und andere, die mir vorausgegangen sind, sich dahin wenden, wenn sie Inspiration, persönlichen Stil oder gar Identität suchen. Es ist vielleicht eine Neuverhandlung dessen, was als „Griechischsein“ gilt – und das zu unseren eigenen Bedingungen.</p>
<p class="interview">Inwiefern steht das Konzept des persönlichen Opfers, das sich durch mehrere Erzählungen Ihrer Sammlung zieht, mit der heutigen Realität in Verbindung? Sind Sie der Meinung, dass die Menschen heute zu ähnlichen Opfern aufgerufen werden? Und wenn ja, was sind sie bereit zu opfern?</p>
<p>Ich bin froh, dass wir nicht dazu aufgerufen werden, ähnliche Opfer zu bringen, denn wir befinden uns weder im Krieg noch unter einer wie immer gearteten Besatzung. Und auch, dass sich in vielerlei Hinsicht Lebensqualität und Gesellschaft verbessert haben. Gleichzeitig möchte ich behaupten, dass wir jeden Tag Opfer bringen, auch wenn es nicht die allergrößten sind. Sicherlich ist es heroisch, sein Leben zu opfern, um sich gegen Besatzer zu wehren, aber drei Jobs zu haben, um die eigenen Kinder zum privaten Englischunterricht schicken zu können, ist ebenfalls ein bedeutendes Opfer, wenn auch ein eher triviales.</p>
<p class="interview">Ihre Erzählungen spiegeln die griechische Geschichte und ihre Widersprüche sehr eindrücklich wider. Was hat Sie dabei am meisten beschäftigt und dazu bewegt, sich auf solche Themen zu konzentrieren?</p>
<p>Ich habe mich immer wieder gefragt, wo solche Geschichten zu finden sind und warum wir sie nicht erzählen. Geschichten wie die von Zafiris in „Trisévgeni“, die ich bereits erwähnt habe, oder die der Existentialisten von Simos, die so viel Geld für die Erdbebenopfer auf den Ionischen Inseln gesammelt haben. Und das Bedürfnis, mir ein Bild von ihnen zu machen und sie durch die Fantasie mir selbst und den Lesenden wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es war diese besondere Ungerechtigkeit des kollektiven gesellschaftlichen Vergessens.</p>
<p class="interview">Ihre Sammlung thematisiert die Widersprüche und dunklen Seiten der menschlichen Existenz und wagt es, historische und gesellschaftliche Stereotypen zu hinterfragen. Welche Botschaft wollten Sie Ihrer Leserschaft durch diese Herangehensweise vermitteln?</p>
<p>Was die Botschaft angeht, habe ich keine Vorstellung; aber ich wäre sehr zufrieden, wenn diese Sammlung auch nur einen einzigen Lesenden dazu anregen würde nachzudenken, über welche Art von Menschen geschrieben wird und über welche nicht.</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16602 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw-150x150.jpg 150w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw-300x300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-02_GMegas-sw.jpg 443w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" /><span style="color: #0000ff;">[*]</span> <strong>Georgios Megas</strong> war ein griechischer Volkskundler. Er wurde am 13.08.1893 in Mesimvria/Ostthrakien (dem heutigen Nessebar an der bulgarischen Schwarzmeerküste) als Sohn eines Lehrers geboren. Er besuchte die Schule in Siatista, dem Herkunftsort seines Vaters, und schloss 1913 sein Philologie-Studium in Athen ab. Megas arbeitete erst als Grundschullehrer. 1926-1930 studierte er in Leipzig und Berlin Klassische Philologie und Volkskunde. Danach war er als Gymnasiallehrer und im Volkskundearchiv der Akademie von Athen tätig, das er von 1936 bis 1955 leitete. Ab 1947 lehrte er Volkskunde an der Universität Athen.<br />
1960 übernahm er den Vorsitz der Griechischen Volkskundlichen Gesellschaft (Ελληνική Λαογραφική Εταιρεία). Er sammelte und veröffentlichte zahlreiche Volksmärchen, fantastische Erzählungen der Volksliteratur sowie Werke der Volksdichtung, die das ländliche Leben, die Sitten und Bräuche, die Vorurteile, die Aberglauben und die Lebenswerte widerspiegeln. Er war der erste Grieche, der Volkserzählungen nicht nach lokalen oder geografischen, chronologischen oder spektakulären Gesichtspunkten klassifizierte, sondern nach dem internationalen Aarne-Thompson-Uther-Index (ATU). Um dem zukünftigen Forscher die Arbeit zu erleichtern, gibt er am Ende des Buches stets den Typus an, zu dem jedes Märchen gehört (Tierfabel, Volksmärchen oder heitere Erzählung), sowie dessen Herkunft und Varianten.<br />
Am 22.10.1976 starb er bei einem Autounfall.</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-16598" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x.png" alt="" width="945" height="612" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x.png 945w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-300x194.png 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-768x497.png 768w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-450x291.png 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-03_Buchcover3x-500x324.png 500w" sizes="auto, (max-width: 945px) 100vw, 945px" /></p>
<p><strong>Die Erzählung </strong><br />
<strong><em>Der Nagel im Kopf</em></strong></p>
<p>Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit. Das habe ich von deiner Großmutter gelernt. Die, die von wo sie auch immer wegging, anders in Erinnerung blieb. Hier war sie die Hebamme, dort eine Hausiererin, anderswo eine Hexe oder auch eine Heilige.<br />
Wir zogen von Dorf zu Dorf, mit unserem Maultier und einem Planwagen, beladen mit unserem Hab und Gut; abends machten wir Suppe auf dem Gaskocher warm und schliefen auf einer Matratze. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, und er hat mir auch nicht besonders gefehlt. Vielleicht habe ich ein-, zweimal nach ihm gefragt, und vielleicht hat meine Mutter etwas darauf geantwortet, aber ich erinnere mich nicht mehr daran. Es gefiel mir jedoch nicht, dass man mich überall Bankert nannte und an den Brunnen und in den Kaffeehäusern über mich tuschelte.<br />
Also, als ich mit dir schwanger war, erfand ich ein Märchen und erzählte es mir so oft vor dem Spiegel, bis ich es schließlich selbst glaubte. Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit. Ich kam nach Kalyvia, den Bauch bis zur Brust, öffnete das Haus meiner Tante Marigo, lüftete es aus und erzählte, mein Mann sei Seemann und auf Reisen. In ein paar Monaten würde ich in die Stadt fahren und mir selbst einen Brief zuschicken, der mir seinen Tod mitteilen würde. Lieber Witwe und Waise als Hure und Bankert. Ich hatte mir alles im Kopf zurechtgelegt, bis dein Vater auftauchte und meine Pläne durchkreuzte.<br />
Ich sage „dein Vater“, aber wer weiß, ob er das ist – oder was er wirklich ist. Der Mann, der mich geschwängert hat, ist er jedenfalls nicht. Manchmal, wenn ich dich anschaue und sehe, wie sehr du ihm ähnlich siehst, fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, wie ich ihn kennengelernt habe, nachdem du geboren wurdest. Dann fällt es mir natürlich wieder ein, und mir versagen die Beine, obwohl ich Stratis sehr geliebt habe. Warum eigentlich? Das ist nicht leicht zu erklären, aber ich muss es versuchen. Das Vergessen hat schon eingesetzt, und ich befürchte, wenn ich es dir nicht erzähle, wirst du bald beide Elternteile verlieren, meine kleine Julia.<br />
Als ich ins Dorf kam, war ich eine Fremde. Ich hatte zwar das Haus meiner Tante geerbt, aber niemand hatte mich je gesehen oder von mir gehört. Und über meine Mutter, die mit fünfzehn hochschwanger von zu Hause weggegangen war, hatten sie nichts Gutes zu sagen. Nicht alle glaubten meiner Geschichte und betrachteten mich so mit Argwohn. Doch im Laufe der Monate ließ schwächte jeder Brief, den ich an meinen angeblichen Mann schickte, das Gerede ab. Und als ich gebar und die Hebamme mich fragte, wie ich das Kind denn nennen wollte, sagte ich: Julia, wie meine Schwiegermutter. Schau jetzt nicht so, ich weiß, dass es keine Schwiegermutter gab. Was denn, hätte ich dich Agoritsa nennen sollen, wie deine Großmutter? Julia ist doch ein schöner Name.<br />
Vierzig Tage lang habe ich das Haus nicht verlassen. Ich wollte, wollte so sehr, mich – noch mehr dich – mit den Nachbarn gut stellen. Also blieb ich vierzig Tage drin, und mit jedem Tag, der verging, kamen immer mehr Frauen, um mir Pasteten und frische Milch, Löffeldesserts und Marmeladen zu bringen. Und um dich zu sehen, natürlich.<br />
Eines Abends kam auch Fanouris, der den Gemischtwarenladen auf dem Dorfplatz hatte – erinnerst du dich an ihn? Ich weiß selbst nicht mehr, wie oft ich dir gesagt habe, du sollst dich von ihm fernhalten, als du noch klein warst, ich habe den Überblick verloren. Und du hast dich immer bei mir beklagt, dass die anderen Kinder gefüllte Hörnchen und Zuckerwerk bei ihm kauften und ich es dir nicht erlaubte. Wie auch immer. Ich hatte dich gerade gestillt und meine Bluse war von der Milch durchnässt. Ich erwartete keinen Besuch, aber ich dachte mir, dass vielleicht eine Nachbarin vorbeigekommen sei; ich öffnete die Tür, ohne groß nachzudenken.<br />
„Wie geht’s dir, Paraskevi?“, fragte er mich mit honigsüßer Stimme.<br />
Er hatte einiges intus, seine Nase war rot, seine Augen glänzten, und sein Atem roch nach Tsipouro.<br />
„Mir geht’s gut, Fanouris, aber ich muss das Kind ins Bett bringen, es ist schon spät“, sagte ich höflich, denn es ging einfach nicht, unhöflich zu dem einzigen Mann im Dorf zu sein, der Brot und Milch verkaufte.<br />
„Darf ich kurz reinkommen? Ich möchte dir was sagen“, fuhr er fort, als hätte ich kein Wort gesagt.<br />
Wenn man seine Jahre auf der Straße von Ort zu Ort verbracht hat, lernt man schnell zu erkennen, wann jemand einem nichts Gutes will. Meine Mutter sagte zu mir, dass jeder Mensch auf dieser Erde mit einem Nagel in der Brust oder im Kopf oder im Unterleib wandelt, und dass man, wenn man überleben will, besser so tun sollte, als würde man den Nagel des anderen nicht sehen und auch nicht ahnen, wie er dessen Leben bestimmt. Deine Großmutter war eine weise Frau. Weiser als ich.<br />
„Ich muss das Baby schlafen legen“, sagte ich erneut.<br />
Diesmal gelang es mir nicht, meinen Unmut zu verbergen. Fanouris’ aufgesprungene Lippen verzogen sich zu einem vulgären Grinsen.<br />
„Willst du wirklich, dass ich das, was ich zu sagen habe, hier draußen sage, meine kleine Paraskevi?“ Mein Name in seinem Mund verursachte mir Übelkeit. Ich sagte nichts. „Es könnte jemand mithören …“, legte er nach. Da beschloss ich, dass er, egal welche weiteren Drohungen oder Wahrheiten er auch immer von sich geben wollte, meine Türschwelle nicht kampflos übersteigen würde. Zu meinem Glück fingst du in diesem Moment an, laut zu weinen.<br />
„Gute Nacht, Fanouris“, sagte ich und wollte die Tür schließen.<br />
In dem Moment, als er seine verschwitzte Hand dagegenstemmte und seine Visage in den Spalt drückte, hätte ich beinah mein Herz auf dem Boden erbrochen. Ich erinnerte mich daran, dass mir eine Nachbarin erzählt hatte, Fanouris sei im Krieg gewesen. Das kroch zu meiner Kehle hoch und schnürte sie zu; ich räusperte mich mehrmals, aber es wollte mir nicht gelingen, sie frei zu bekommen. Dein Weinen wurde lauter. Als ob du verstanden hättest.<br />
„Ich habe einen Cousin bei der Post, unten in der Stadt“, sagte er leise. „Weißt du, was er sagt, kleine Paraskevi? Dass die Briefe, die du schickst, immer an eine bestimmte Adresse in Athen gehen. Was für eine Sorte Seemann ist dein Mann, der gar nicht auf See ist, aber weit entfernt von Frau und Kind lebt?“<br />
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, eine Lüge vorzutragen, die anderswo vielleicht wahr wäre, kam aber nicht dazu.<br />
„Paraskevi…?“<br />
Die Stimme, die hinter Fanouris erklang, kannte ich nicht, aber sie gab mir wieder Mut und ich schob Fanouris beiseite. Der drehte sich verwirrt um, um zu sehen, wer hinter ihm stand.<br />
Den Mann am Tor kannte ich nicht, obwohl ich ihn bis dahin schon tausendmal beschrieben hatte, mit seinem dichten Haar, dem Bart und den zwei Fingern, die an seiner linken Hand fehlten. Auch das hatte mir deine Großmutter geraten: Erfinde keine perfekten Märchen. Wenn du eine Geschichte erfindest, sorge dafür, dass man sie glaubt, weil sie wahrhaftig klingt, und nicht, weil man dir glauben will; denn irgendwann wirst du die Menschen enttäuschen, und sie werden aufhören, dir glauben zu wollen, und dich mit Rechen und Schaufeln in den Händen verjagen.“ Wahr können nur Menschen sein, die Macken haben, Zaubertränke, die nicht immer wirken, Heilmittel, die vielleicht auch mal daneben gehen. Das sagte meine Mutter, und deshalb hatte Stratis nicht alle seine Finger.<br />
Er trug ein verblichenes Bündel über der Schulter und blickte mit dicken, zusammengezogenen Augenbrauen mal Fanouris und mal mich an. Du hast inzwischen laut gebrüllt. Der Mann warf einen besorgten Blick auf unser Haus und wandte sich dann wieder mir zu.<br />
„Paraskevi…?“ wiederholte er, diesmal langsamer, bedächtiger. Sein Tonfall war ruhig, höflich, doch sein Körper wirkte wie eine gespannte Stahlfeder. „Was ist los? Geht es euch gut? Dir? Dem Kind?“<br />
Ich weiß nicht genau, wie ich dir erklären soll, was in diesem Moment in mir vorging. Einerseits war ich erleichtert, dass jemand aufgetaucht war, mich zu retten. Andererseits war ich wütend, dass ich mich nicht selbst retten konnte. Und ein Teil von mir schrie, dass mir dieser Mann doch völlig fremd sei – vielleicht war er noch dreimal schlimmer als Fanouris – und wer würde mich dann retten?<br />
„Und wer bist du?“, fragte Fanouris schroff.<br />
„Ich bin Stratis“, sagte der Unbekannte, „Paraskevis Mann.“<br />
Für einen Moment hörte ich auf zu atmen, ich schwör´s. Mir schoss durch den Kopf, dass auch das ein Teil von Fanouris’ Plan war, der mich dazu bringen sollte, den Schwindel zuzugeben. Wo der Gemischtwarenhändler den Mann her hatte, der genau dem entsprach, den ich beschrieben hatte, war mir schleierhaft – und dazu kam noch, dass er besoffen war. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Unmöglich war es sicher nicht. Viele hatten im Krieg Finger verloren, viele hatten braunes Kopf- und Barthaar und blaue Augen und Wimpern lang wie Grashalme. Aber warum sollte sich der Fremde in Fanouris’ Tricksereien hineinreißen lassen? Mir wurde schwindelig, und ich merkte nicht mal, dass plötzlich jemand neben mir stand und mich stützte, damit ich nicht umkippte. Und zu all dem kam noch dein ausdauerndes Plärren.<br />
Ich warf einen verstohlenen Blick auf den Pseudo-Stratis. Sogar die Größe hatte Fanouris, dieser Wichser, richtig hingekriegt, genau meine Größe, nicht einen Zentimeter drüber oder drunter.<br />
„Soll ich ihn wegschicken?“, flüsterte er mir ins Ohr, mit einer Stimme wie ein Sonnenstrahl, nach dem du dich schon so lange gesehnt hast. Seine Arme, die mich hielten, waren warm und bestimmt. Ich habe in meinem Leben viele Menschen mit unentschlossenen Händen kennengelernt, aber dein Vater war nicht von dieser Sorte.<br />
Ich brachte kein Wort heraus.<br />
„Besser, du gehst“, hörte ich den Mann zu Fanouris sagen. „Es ist spät, und das Kind … du verstehst …“<br />
Er schloss die Haustür, nahm mich sanft bei der Hand und bat mich, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Reichte mir auch ein Glas Wasser und verschwand. Heute denke ich, es war nicht klug, einen Fremden ins Haus und mit dir allein zu lassen, wo du doch noch ein Säugling warst, aber so war es nun mal. Teils, weil ich völlig desorientiert war, teils, weil damals andere Zeiten waren, ist es passiert. Als ich merkte, dass du aufgehört hattest zu weinen, sprang ich auf und lief ins Obergeschoss. Du schliefst in den Armen dieses Mannes und hieltst mit deiner kleinen Hand den Zeigefinger seiner verstümmelten Hand fest umklammert. Und er … Er hatte ein ehrfürchtiges Lächeln, so als hätte er noch nie in seinem Leben ein Baby gesehen. Als er mein Kommen bemerkte, hob er den Blick. So unschuldig und warmherzig, wie er mich ansah, konnte ich weder glauben, dass er Theater spielte, noch mir vorstellen, dass er einen Vorteil daraus ziehen könnte.<br />
„Gib mir das Kind“, sagte ich, lauter als beabsichtigt.<br />
„Darf ich es noch ein bisschen halten?“, fragte er leise, und die Sehnsucht in seiner Stimme konnte nicht vorgetäuscht sein. Wer könnte ein so guter Schauspieler sein?<br />
Ich riss dich aus seinen Armen und du fingst wieder an zu weinen. Der Mann sagte nichts, ging aber auch nicht aus dem Zimmer; er ließ mich dich beruhigen, wie ich es für richtig hielt, und für einen Moment war nur dein Winseln zu hören. Als du wieder eingeschlafen warst, warf ich mir einen Schal über die Schultern und bedeutete ihm, mir in die Küche zu folgen. Er stellte sein Bündel neben das Kinderbett und kam mit.<br />
„Und jetzt raus mit der Sprache: Wer bist du eigentlich? Was willst du von mir?“ Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ich hörte ihm gar nicht zu. Ich war nicht in der Stimmung für Ausreden. Wollte den Fremden nur aus dem Haus haben und mich schlafen legen. Niemand hatte mich darauf vorbereitet, dass Mutterschaft so anstrengend sein würde – deine Großmutter wirkte immer fröhlich und unbeschwert. Natürlich, weil sie eine viel bessere Lügnerin war als ich. „Wage es ja nicht, Hand an mein Kind zu legen – bei der Heiligen Jungfrau, ich bringe dich um.“<br />
„Paraskevi, was sagst du da?“, fragte der Mann, und seine Frage nahm mir den Wind aus den Segeln. „Ich verstehe dich nicht.“ Er setzte sich auf einen Hocker und rieb sich geistesabwesend den knurrenden Magen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt mir; aber nicht auf Fanouris‘ Art und Weise. Er sah mich besorgt an und seine Augen suchten in meinem Gesicht nach einem Anzeichen, das erklären könnte, was in mir vorging. „Geht es dir gut?“<br />
Diese vier kleinen Worte verstärkten noch meine Unruhe. Ich griff nach einem Messer von denen, die neben dem Waschbecken abtropften, und schwang es drohend in seine Richtung. Ich spürte, wie mein Körper hölzern und steif wurde, als hätte er sich, bis auf die bewaffnete Hand, komplett verkrampft. Und auch sie fühlte sich nicht wie meine eigene an. Ich hatte bislang noch nie jemanden bedroht und war mir nicht sicher, ob ich es richtig machte; aber zumindest tat ich mehr, als nur dazustehen und darauf zu warten, von einem Fremden gerettet zu werden. Seine Augen weiteten sich, als er die Klinge sah.<br />
„Sag mir, wer du bist und was du willst. Willst du Geld? Ich habe keins.“ Er holte tief Luft und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Er schwieg eine Weile, als würde er in seinem Inneren nach etwas suchen. Ausreden? Lügen? Geduld? Ich hatte keine Ahnung.<br />
„Warum tust du das, Paraskevi?“, sagte er so leise, dass ich nähertreten musste, um ihn besser zu verstehen. Er öffnete die Augenlider; die Augen schwammen in Tränen, und das ließ mich auf den Fersen wanken, denn es war etwas, worüber ich oft nachgedacht hatte, es aber niemandem erzählt hatte, wenn ich mein Märchen aufsagte. Mein Stratis weinte ohne zu zögern, wenn ihm danach war. „Ich weiß, dass ich lange weg war, aber es war zu unserem Besten, das schwöre ich, sei mir nicht böse. Ich habe ordentlich was zur Seite gelegt und muss nun nicht mehr in See stechen. Verzeih mir, Paraskevi, ich wollte nicht so viel verpassen, ich wollte hier sein, gemeinsam mit dir das Haus einrichten, wollte dir bei der Geburt zur Seite stehen, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich das wollte. Aber jetzt bin ich da und habe nicht vor, wieder zu gehen. Ich dachte, das sei so in Ordnung.“<br />
Er senkte den Kopf, und ich sah gerade noch, wie eine Träne auf seine Hand tropfte. Ich stieß einen Seufzer aus, plötzlich erschöpft, und zog einen Stuhl heran, um mich zu setzen. Wie ein leerer Sack fiel ich in mich zusammen.<br />
„Ich frage dich zum letzten Mal: Wer bist du?“ Ich betonte jedes Wort einzeln, in der Hoffnung, er würde endlich begreifen, dass sein schauspielern mich nicht so leicht überzeugen würde.<br />
Der Mann stöhnte verzweifelt.<br />
„Ach, liebe Paraskevi, was soll ich noch sagen?“, fragte er. „Ich bin es, dein Stratis. Hast du mich vergessen?“ Für ein paar Sekunden sagte er nichts weiter, meine Augen fielen vor Erschöpfung fast zu. „Hast du vergessen, dass ich in Chalkida aufgewachsen bin? Dass ich mit vierzehn zum ersten Mal an Bord ging und mit zwanzig in den Großen Krieg zog? Wie ich die zwei Finger verloren habe? Dass du als freiwillige Krankenschwester jeden Abend zu mir kamst und mir vorgelesen hast, damit ich einschlafen konnte? Das Lesen hat mir immer zu schaffen gemacht, aber die Geschichten gefielen mir, auch wenn ich sie von allein nicht verstehen konnte. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war der Krieg vorbei, und ich fing an, dich förmlich zu umwerben. Ich habe um deine Hand angehalten, du hast eingewilligt, und wir haben geheiratet.“ Er zuckte mit den Schultern und lächelte schüchtern. „Dann hast du von deiner Tante das Haus geerbt, und wir haben beschlossen, dass ich für ein paar Monate anheuere, du ins Dorf gehst und wir uns, wenn ich nachkomme, ans Kinderkriegen machen. Aber nach nur anderthalb Monaten auf See hast du mir geschrieben, dass seist schwanger. Ich habe mein Bestes getan, um schnell zu Geld zu kommen, und dann bei euch zu sein. Ich habe …“ Er hielt kurz inne und biss sich auf die Lippen. „Ich habe dort in der Ferne Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin, aber nichts, was dich oder unsere Ehe in den Schmutz gezogen hätte, Paraskevi. Habe Sachen getan, die ich bereue, sie waren aber nötig. Nun, der bin ich.“<br />
All das hatte ich den Nachbarn immer und immer wieder erzählt, wenn sie nach meinem Mann, dem Seefahrer, fragten. Nur eine Sache hatte ich nicht preisgegeben, obwohl ich sie mir im Kopf zurechtgelegt hatte: dass mein Stratis Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatte. Als ich zwölf oder dreizehn war, lernte meine Mutter einen Mann kennen, in den sie sich für kurze Zeit verliebte. Für kurze Zeit. Er war ein guter Mensch, aber deine Großmutter pflegte nicht, sich mit guten Menschen abzugeben. Er mochte es, wenn ich ihm vorlas, und lobte mich immer dafür, dass ich das konnte. Er war zur Schule gegangen, hatte versucht zu lernen, aber die Buchstaben und Wörter tanzten vor seinen Augen, und er verstand nicht viel davon. Von all den Liebhabern meiner Mutter hat er sich uns gegenüber am anständigsten verhalten. Deshalb formte ich den Stratis aus dem Märchen so, dass er ein guter Mensch ist, sich anständig verhält und mit Wörtern schwertut. Das und seine tränenfeuchten Augen überzeugten mich davon, dass sein Erscheinen vielleicht doch keine List von Fanouris war, sondern ein Geschenk der Heiligen Jungfrau.</p>
<p>Ich bin nicht so recht dahintergekommen, ob Gott und seine Engel aus irgendeinem Grund Mitleid mit mir hatten, oder ob das, was geschah, auf meinem Mist gewachsen war. Ich kann dir nur sagen, dass noch andere Dinge an unserer Tür geschahen, weil ich fest an sie glaubte und von ihnen erzählte. Weißt du noch, wie du als Kind Scharlach hattest? Wir hatten damals große Angst, dich zu verlieren. Aber ich träumte, du seist gesund, und am nächsten Tag warst du tatsächlich wieder auf den Beinen. Ich weiß nicht mal, ob das eine Gabe von mir ist oder ob sie meiner Familie im Blut liegt – ob deine Großmutter sie hatte und auch du sie hast. Ich hoffe, dass du sie hast, denn ich fange an zu vergessen, mein Kind.<br />
Es war nicht immer einfach mit Stratis. Am Anfang ließ ich ihn auf dem Sofa schlafen; ich traute ihm nicht. Jedes Mal, wenn er ansetzte, mir zu helfen, war ich alarmiert. Und immer, wenn ich mitbekam, wie er mit dir spielte oder dich in den Schlaf wiegte, zitterte ich vor Angst. Er war kein Heiliger, aber sehr geduldig. Ich habe lange gebraucht zu begreifen, dass ich einen ganz normalen Menschen erschaffen hatte; besser als die meisten, aber doch ganz normal. Als ich das begriffen hatte, wurde das Leben für uns beide leichter.<br />
Mit meinem Verhalten habe ich ihn oft gekränkt und wir haben uns nicht wenige Male gestritten. Aber ich habe ihn geliebt und liebe ihn immer noch. Er hat mir das Beet für die Rosen angelegt und den kleinen Pfirsichbaum gepflanzt, hat mir Bücher aus der Stadt mitgebracht, um sie gemeinsam mit mir zu lesen. Und ich half ihm bei den Briefen, den Rechnungen und Quittungen, als wir das Farbengeschäft eröffneten. Sechzig Jahre, und wir haben uns immer noch nicht satt. Und sieh nur, was er jetzt macht: Er schleppt mich zu allen Ärzten, auch wenn es keinerlei Rettung für mich gibt.<br />
Einen treueren Ehemann und Vater habe ich in meinem ganzen Leben nicht getroffen. Es wäre schade, wenn auch du ihn verlieren würdest, nur weil mein Kopf Löcher bekommt. Ich möchte, dass du mit allem, was du hast, an ihn glaubst, jetzt und in der Zukunft, bis zum Ende der Zeit, wenn wir dem Allmächtigen gegenüberstehen. Ich werde es auch tun, solange ich noch kann, doch ich fürchte, es wird nicht von Dauer sein. Schon jetzt erinnere ich mich nur noch an den wenigsten Tagen an ihn.<br />
Versprich es mir, Julia. Versprich mir, dass du an meinen Stratis denkst, dass du dich für uns beide an ihn erinnerst, wenn ich ihn vergessen habe. Und wenn du ihn über das Menschenmögliche hinaus am Leben erhalten kannst, wenn sich deine Kinder und die Kinder deiner Kinder an ihn erinnern können, werde ich in dem Wissen gehen, dass ich trotz all meiner Fehler auf dieser Erde auch zwei Dinge gut hinbekommen habe: dich und ihn.</p>
<hr />
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16614 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-150x150.png" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-150x150.png 150w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-300x300.png 300w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-450x450.png 450w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu-500x500.png 500w, https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-06_Buchcover_qu.png 612w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" />Das Buch</strong><br />
Atalanti Evripidou, <em>Die, die nicht gegangen sind</em> (bislang nur auf EL)<br />
Verlag Polis, Athen 2024, 175 Seiten, ca. 14 Euro<br />
ISBN: 978-960-435-872-4</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16617 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-04_AE-mit-Katze-sw-qu-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></strong><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Atalanti Evripidou</strong> wurde 1987 geboren. Sie ist Sozialpsychologin und schreibt gelegentlich auch Gedichte. Erzählungen von ihr erschienen auf Griechisch in den Anthologien „Verwunschene Stadt“ (Ars Nocturna, 2013), „Töchter der Nacht“ (Ars Nocturna, 2016), „Das Licht in den Spalten“ (Archetypo, 2021), „Vielleicht #1“ (Oxy, 2021), „Countdown“ (AllBooks, 2024) und „Opfergaben“ (Agnostiki Kantath, 2025). Gedichte von ihr sind auf den Online-Portalen „Frear“ und „Vlavi“ zu finden. Auf Englisch wurden Kurzgeschichten von ihr in Zeitschriften wie „Luna Station Quarterly“, „Skull &amp; Laurel“, „34 Orchard“, „Gallery of Curiosities“ und „Speculative North“ veröffentlicht. Auf Deutsch befindet sich ihre, aus dem Englischen übersetzte, Erzählung „Trisévgeni“ unter dem Titel „Kinderly“ im Sammelband „Schatten aus der Welt der Sonne: Fantastische Literatur aus Griechenland“ erschienen, <span id="productTitle" class="a-size-large celwidget" style="color: #0000ff;" data-csa-c-id="yq5kit-34kfz6-2kn0nl-ahpwsi" data-cel-widget="productTitle"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.amazon.de/Schatten-aus-Sonnenwelt-Spekulative-Griechenland/dp/3966290448">hier</a></span>. Sie hat mit dem Rollenspielverlag Onyx Path Publishing an den Publikationen „Gods and Monsters“ und „Forgotten and Forbidden Orders“ zusammengearbeitet. <span class="a-size-large celwidget" data-csa-c-id="yq5kit-34kfz6-2kn0nl-ahpwsi" data-cel-widget="productTitle">Die besprochene Sammlung „Die, die nicht gegangen sind“ ist ihr erstes Buch. Es</span> war für den „Menis Koumandareas“-Preis des griechischen Schriftstellerverbandes sowie für den Staatlichen Preis für Erzählungen/Novellen nominiert. <span id="productTitle" class="a-size-large celwidget" data-csa-c-id="yq5kit-34kfz6-2kn0nl-ahpwsi" data-cel-widget="productTitle">2026 wurde das Buch mit dem Debütantenpreis für Prosa der Literaturzeitschrift <em>o anagnostis </em>ausgezeichnet.</span></p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16621 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/05/AE-01_georgia-harda-fractal-sw-hell-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" />Die Interviewerin</strong><br />
<strong>Georgia Harda</strong> wurde in Kavasila der Präfektur Ilia/Peloponnes geboren. Sie ist Journalistin und arbeitet als freie Berichterstatterin bei einem privaten Fernsehsender. Ihre tiefe Liebe gehört Büchern und der Literatur im Allgemeinen; im Rahmen ihrer journalistischen Laufbahn hat sie Interviews mit renommierten griechischen und ausländischen Schriftstellern geführt. Gleichzeitig verfolgt sie aktiv die zeitgenössische Musikszene, tauscht sich mit Künstlern und Kreativen aus und bietet sowohl aufstrebenden Talenten als auch bereits bekannten Namen der Szene eine Plattform. Ihre Artikel über Literatur und Musik erscheinen in der Online-Presse. Sie ist ordentliches Mitglied des Athener Verbandes der Tageszeitungsredakteure. In ihrer Freizeit liest sie viel, läuft, schwimmt und genießt die sonnigen Tage.</p>
<p class="textinfo"><em>Interview: Giorgia Harda (Übers. A.Tsingas). Das Interview erschien zuerst im Onlinemagazin fractal <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.fractalart.gr/atalanti-eyripidoy/">hier</a></span> (auf EL). Mit freundlicher Genehmigung der Interviewerin und des Portals. Erzählung: Atalanti Evripidou (Übers. A.Tsingas). Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Fotos: fractal. Redaktion: A.Tsingas. </em></p>
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		<title>Toxische Freundschaft oder Liebe?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Apr 2026 06:27:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwei Mädchen lernen sich im Athen der 70er Jahre kennen. Die Diktatur in Griechenland ist gerade erst vorbei. Maria wurde in Afrika geboren und kehrt in ihr Heimatland zurück, wo es ihr anfangs überhaupt nicht ... <p class="read-more-container"><a title="Toxische Freundschaft oder Liebe?" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/toxische-freundschaft-oder-liebe/#more-16527" aria-label="Mehr Informationen über Toxische Freundschaft oder Liebe?">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Zwei Mädchen lernen sich im Athen der 70er Jahre kennen. Die Diktatur in Griechenland ist gerade erst vorbei. Maria wurde in Afrika geboren und kehrt in ihr Heimatland zurück, wo es ihr anfangs überhaupt nicht gefällt. Bis sie Anna kennenlernt, die aus Paris kommt.</p>
<p>lma Rakusa stellt den Roman vor:<br />
Zwischen Juli 2001 und Juli 2002, während eines Stipendienaufenthalts in der Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart, hat Amanda Michalopoulou den Roman „Warum ich meine beste Freundin tötete“ geschrieben, der 2022 in der Übersetzung von Michaela Prinzinger auf Deutsch erschienen ist. Anders als der Titel suggeriert, handelt es sich nicht um einen Krimi, doch spannend ist das Buch allemal. Es erzählt von zwei Freundinnen, die sich lieben und hassen zugleich, die nicht voneinander loskommen, obwohl ihre Beziehung oft lebensbedrohliche Züge annimmt. Hinzukommt der Fokus auf turbulente politische Ereignisse in Griechenland. Dramatik ist also vorprogrammiert.</p>
<p>Zum Zeitrahmen: Er erstreckt sich von der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bis zum Ende der neunziger Jahre, wobei nicht chronologisch-linear erzählt wird. Als Ich-Erzählerin fungiert Maria, eine der beiden Freundinnen. Sie erzählt die Geschichte ihrer Freundschaft mit Anna Horn, nachdem diese auf tragische Weise umgekommen ist. Ihre Erinnerungen springen vor und zurück. So wird beispielsweise eine der Schlüsselszenen erst spät offengelegt, die Spannung also lange hinausgezögert. Solche Kunstgriffe zeigen, wie intelligent Amanda Michalopoulou ihren Roman komponiert hat. Auch die Psychologie der Figuren zeigt Kunstsinn und Menschenkenntnis.</p>
<p>Maria ist zehn, als sie mit ihren Eltern aus Nigeria, wo ihr Vater im Erdölgeschäft tätig war, nach Athen zurückkehrt. Sie ist unglücklich und sehnt sich nach dem ungebundenen Leben in Afrika. In der Schule – wir haben das Jahr 1977 – lernt sie Anna Horn kennen, ein bildhübsches, stolzes Mädchen, das sie sofort in ihren Bann schlägt. Anna lädt Maria zu sich nach Hause ein, stellt sie ihrer Mutter Antigoni vor, einer zierlichen Ballettänzerin mit politisch radikalen Ideen. Kunst und politischer Aktivismus – diese Verbindung wird auch Maria faszinieren und sie bald schon von ihrem Elternhaus entfremden, vor allem von ihrer konservativ-religiösen Mutter.</p>
<p>Antigoni nimmt Anna und Maria am Jahrestag des Aufstands im Athener Polytechnikum, als Studenten gegen die Militärjunta revoltierten, zu einer Demo mit. Später darf Maria Anna nach Paris begleiten, wo deren Vater, der Philosophieprofessor Stamatis, lebt, wo hitzig über Gott und die Welt debattiert und der Libertinage gefrönt wird. Die Freundinnen sind unzertrenntlich. Wobei Anna, das „Alphatier“, Maria in jeder Beziehung dominiert. Sie gibt den Ton an, sie stiehlt Maria die Show, indem sie überall Aufsehen erregt. Sie ist es, die Maria alle Boyfriends ausspannt. Rivalität betrifft auch den Beruf: Nachdem Maria für ihre Zeichnungen gelobt wurde, will Anna in Paris partout Kunst studieren. Gönnt sie Maria denn keine Eigenständigkeit?</p>
<p>Wie sich mehr und mehr herausstellt, geht es um Machtausübung. Maria soll sich unterwerfen, und sie tut es auch, obwohl sie die Freundin durchschaut. Denn auch Anna zeigt manchmal Schwächen, nach einem Erdbeben ist sie zutiefst verängstigt, sucht Hilfe. Da kommt ihr Maria mit ihrem Einfühlungsvermögen und Mitleid gerade recht. Wann immer Anna in Not ist, ruft sie nach Maria – und diese lässt alles stehen, um zu ihrer Freundin zu eilen.</p>
<p>Ist Maria eine Masochistin? Ist sie, statt von Drogen, abhängig von Anna? Und dies, obwohl sie die Psyche Annas längst ergründet hat? Gegenüber Anna fühlt sie sich „wertlos, unbedeutend und blöd“, sie spielt „die Wasserträgerin, das Dienstmädchen, die kleine Sklavin, deren Herrin böse geworden ist.“ Ja, Anna ist launisch, ja, sie benutzt Maria nach Strich und Faden, ja, sie bringt es fast fertig, Maria ihre künstlerischen Talente madig zu machen. Und Maria fragt sich, warum sie dies zulässt.</p>
<p>Nach heftigen Zerwürfnissen und längeren Trennungen kommt es immer wieder zu herzzerreissenden Versöhnungen. Vor allem eine Episode schweißt die Freundinnen für immer zusammen. Als sie auf einer kleinen griechischen Insel an einer einsamen Felsküste die Zweisamkeit geniessen, nähert sich bedrohlich ein Mann. Im Glauben, es gehe um Leben und Tod, wird Anna den Mann mit einer verzweifelten Geste von sich stossen. Er stürzt in die Tiefe und ertrinkt. Dass er nicht schwimmen kann, wussten sie nicht. Ein Mord ohne Absicht, aus Selbstverteidigung. Er sollte nie aufgeklärt werden. Die Freundinnen behalten ihn als tragisches Geheimnis für sich.</p>
<p>Nicht nur in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach moralischen Werten. Wozu dienen linke Ideologie und politischer Aktivismus, wozu dienen anarchistische Ideale und endlose Protestaktionen, wenn man im Privaten immer wieder versagt?<br />
Maria bringt es auf den Punkt: „[Anna] bezaubert. Sie tyrannisiert. Sie flucht. Sie tötet. Ja, sie tötet.“ (S. 210) Das ist im übertragenen Sinne gemeint, enthält aber eine bittere Anklage.</p>
<p>Doch Anna ist mit ihrer Strategie erfolgreich. Sie heiratet einen namhaften (älteren) Architekten, bringt Tochter Dafni zur Welt, lebt ein gediegenes Leben. Von ihren anarchistischen Idealen aber mag sie sich nicht verabschieden. Bei einer Protestaktion auf der Attika-Ringstrasse wird sie von der Polizei durch einen Kopfschuss getötet. Sie ist fünfunddreissig Jahre alt.</p>
<p>Maria, die ein enges Verhältnis zu Annas Tochter Dafni entwickelt hat und ihr Zeichenunterricht gibt, wird gewissermassen zur Ersatzmutter. Eigene Kinder hat sie nicht. Dafni ist Annas leibliches Vermächtnis. Ihr politisches Vermächtnis lautet: „Schluss mit der Dogmatik, mit dem Ersetzen der einen Macht durch eine andere, noch schlimmere!“ Im konkreten historischen Moment auf die Barrikaden zu gehen, hat sowohl etwas Theatralisches als auch Pragmatisches. Mit anderen Worten: Man muss zu „romantischen Unruhestiftern“ werden.</p>
<p>In dieser Losung steckt der Versuch, Kunst und Politik zusammenzubringen, ja zu versöhnen. Was nicht ohne Risiken abgeht, wie gerade Annas Schicksal zeigt.<br />
Am Schluss des Romans wird uns noch ein weiterer Blick auf Anna gewährt, nämlich durch Gedichte, die sie in den achtziger Jahren geschrieben und von fremden Augen ferngehalten hat. Gedichte über das Alleinsein zu Hause, „Brot mit Brombeeren essend“, über „Turnschuhe“, „Landbau“ und „Pizza Napolitina“. Berührende Gedichte ohne Prätention, aber von grosser Sensibilität und Verletzlichkeit. Sind sie es, die von der wahren Anna erzählen?  In „Pizza Napolitana“, das Maria gewidmet ist, heisst es:<br />
„An deiner Oberlippe klebt ein Stück Tomate / oder ist es eine alte Wunde, die aufgebrochen ist? / Soll ich mich darum kümmern oder ist es nicht ratsam? / Deine Wangen sagen nein. / Sie sind erfüllt von Härte, / die du fortwährend ersetzt durch etwas anderes, / noch Härteres. / Aber ich will dein Bissen sein / und dein nächster Bissen / und dein nächster auch. / Lass mich dein Stoffwechsel sein / und dein erneuter Hunger. / Schau: Auch meine Lippen sind von einer Tomate befleckt. / Du beisst mich und lässt mich bluten, jetzt.“ (Paris 1989)</p>
<p>Also war es doch Liebe. Und so wundert es nicht, dass Annas Tod eine schmerzliche Lücke in Marias Leben reisst: „Und jetzt, da du nicht mehr bist, treibe ich neben dir im absoluten Nichts. Oder besser gesagt spiele ich die undankbarste Rolle: dein Geist zu sein.“ (S. 282)</p>
<p>Amanda Michalopoulou hat einen aufwühlenden, bis zur letzten Zeile spannenden Roman geschrieben, der auch nach der Lektüre noch lange fortwirkt. Gerade weil er nicht jede Frage beantwortet und zum Weiterdenken anregt.<br />
Meine Empfehlung: Lesen, und wiederlesen!</p>
<hr />
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Amanda Michalopoulou: <em>Warum ich meine beste Freundin tötete</em><br />
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger<br />
bahoe books, Wien 2022<br />
ISBN 978-3-903290-78-5</p>
<figure id="attachment_16536" aria-describedby="caption-attachment-16536" style="width: 667px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16536 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel.jpg" alt="" width="677" height="538" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel.jpg 677w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel-300x238.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel-450x358.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-3_Doppel-500x397.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 677px) 100vw, 677px" /><figcaption id="caption-attachment-16536" class="wp-caption-text">Die deutsche und die griechische Ausgabe</figcaption></figure>
<figure id="attachment_16531" aria-describedby="caption-attachment-16531" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16531 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis-150x150.jpg 150w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis-300x300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-2-©Verlag-Kastaniotis.jpg 450w" sizes="auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px" /><figcaption id="caption-attachment-16531" class="wp-caption-text">©Verlag Kastaniotis</figcaption></figure>
<p><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Amanda Michalopulou</strong> (* 1966) gehört zu den bekanntesten griechischen Gegenwartsautorinnen. Mit Romanen, Erzählungen, Essays und Kolumnen hat sie sich weit über Griechenland hinaus einen Namen gemacht und wurde vielfach ausgezeichnet.<br />
Auf diablog.eu <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://diablog.eu/?s=Amanda+michalopoulou">hier</a></span>. Interview zum Buch auf diablog.eu <a href="https://diablog.eu/literatur/warum-ich-meine-beste-freundin-toetete/"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<figure id="attachment_16530" aria-describedby="caption-attachment-16530" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16530 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/03/wft-1_Rakusa-©Katalin-Deer-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-16530" class="wp-caption-text">©Katalin Deer</figcaption></figure>
<p><strong>Die Buchkritikerin</strong><br />
<strong>Ilma Rakusa</strong> (*1946) ist eine Schweizer Autorin und Übersetzerin aus dem Russischen, Serbokroatischen, Ungarischen und Französischen. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Auf Wikipedia <span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ilma_Rakusa">hier</a></span></p>
<p class="textinfo"><em>Text: Ilma Rakusa. Fotos: Fotos: bahohe books, Verlag Kastaniotis, Amanda Michalopoulou, Katalin Deer. Redaktion: A.Tsingas.</em></p>
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		<title>Chinesische Tusche, Roman von Tilemachos Kotsias</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michaela Prinzinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Feb 2026 10:55:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Berliner Parrhesia-Verlag ist der Roman „Chinesische Tusche“ von Tilemachos Kotsias in der Übersetzung von Michaela Prinzinger erschienen. diablog.eu hat mit dem Autor über seine Jugend an der griechisch-albanischen Grenze und die Jahre nach dem ... <p class="read-more-container"><a title="Chinesische Tusche, Roman von Tilemachos Kotsias" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/chinesische-tusche-roman-von-tilemachos-kotsias/#more-16260" aria-label="Mehr Informationen über Chinesische Tusche, Roman von Tilemachos Kotsias">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Im Berliner Parrhesia-Verlag ist der Roman „Chinesische Tusche“ von Tilemachos Kotsias in der Übersetzung von Michaela Prinzinger erschienen. diablog.eu hat mit dem Autor über seine Jugend an der griechisch-albanischen Grenze und die Jahre nach dem Fall des Enver Hoxha-Regimes gesprochen.</p>
<p>Albanien, 1974.<br />
Drei Schüler der griechischen Minderheit träumen von Freiheit. Mit handgeschriebenen Flugblättern wagen sie den kleinsten Schritt des Widerstands und werden unbarmherzig verfolgt. Die Geheimpolizei Sigurimi bringt sie ins Straflager Spaç, wo Hunger und Gewalt den Alltag bestimmen.<br />
Tilemachos Kotsias erzählt die Geschichte dieser Jugendlichen mit einer Wucht, die weit über das historische Albanien hinausweist. Sein Roman zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Mut und Verrat, Hoffnung und Verzweiflung sein kann &#8211; und wie selbst in den dunkelsten Momenten Menschlichkeit aufscheint.<br />
„Chinesische Tusche“ ist ein Zeugnis politischer Unterdrückung und eine literarische Erkundung von Erinnerung, Widerstand und dem unzerstörbaren Willen zur Freiheit.</p>
<p><strong>Das Interview</strong></p>
<p class="interview">Sie stammen selbst aus der griechischsprachigen Minderheit im albanisch-griechischen Grenzgebiet. Wie war es für Sie, dort aufzuwachsen?</p>
<p>Ich bin am Rand eines Dorfes, nur einen Kilometer von der griechisch-albanischen Grenze entfernt aufgewachsen, zusammen mit Mutter, Schwester und den Großeltern, da mein Vater als Regimegegner eine siebenjährige Gefängnisstrafe verbüßte. Seine Gefangenschaft war für mich ein schweres seelisches Trauma, da ich von klein auf als „Kind eines Volksfeindes“ diffamiert wurde. Die ersten vier Schuljahre war der Unterricht auf Griechisch, Albanisch lernten wir als Fremdsprache. Ab der fünften Klasse war Albanisch die Unterrichtssprache, auch wenn die Schüler sie anfangs noch nicht ausreichend beherrschten. Als ich die siebenklassige Schule beendete, nahm kein Internat mich auf, damit ich die Mittelschule besuchen konnte. Aber meine Eltern beharrten darauf und trotz ihres geringen Einkommens mieteten sie mir ein Zimmer in Argyrokastro/Gjirokastra, damit ich dort weiter zur Schule gehen konnte.</p>
<p>Von da an wohnte ich in der Stadt und kehrte nur am Wochenende ins Dorf zurück. In Argyrokastro kam ich mit dem bürgerlich-urbanen Leben in Kontakt, mit Film, Bibliotheken, Theater. Das dortige Gymnasium zählte zu den besten in ganz Albanien. Es lag in der Altstadt, gleich neben dem Geburtshaus von Enver Hoxha, den wir damals „Führer“ nannten, heute jedoch gilt er als Diktator. Eine Zeitlang saß ich sogar in genau derselben Schulbank, die auch der „Führer“ gedrückt hatte.</p>
<p>Auf einem abschüssigen Weg, den man „Gasse der Verrückten“ nannte, weil die Fußgänger dort in rasender Geschwindigkeit nach unten liefen, lag das Geburtshaus des Schriftstellers Ismail Kadare. In Argyrokastro erlernte ich die albanische Sprache und lernte sie lieben, sie wurde meine Bildungssprache. Ich war ein ausgezeichneter Schüler und fühlte mich zu Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie hingezogen. Ich vertrat den Distrikt Gjirokastra bei der Wissenschaftsolympiade, die vom Rundfunk in Tirana übertragen wurde, und unsere Mannschaft erreichte das Finale.</p>

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<p class="interview">Und wie entstand Ihre Liebe zur Literatur?</p>
<p>Ich nahm am Lesezirkel der Schule teil, damit verbunden wurde im Literaturteil der Tiraner Zeitung „Stimme der Jugend“ mein erstes Gedicht und meine erste Erzählung veröffentlicht. Trotzdem wurde mir das Weiterstudium versagt, und natürlich konnte auch keine Rede von literarischer Tätigkeit sein, da mein Vater, der zunächst Kommunist gewesen war, sich aber später von der Schaffung landwirtschaftlicher Genossenschaften distanziert hatte, ins Gefängnis musste. Daher absolvierte ich den Militärdienst, eigentlich Zwangsarbeit, in einem Bataillon für unerwünschte Personen, und bei meiner Entlassung war auch ich ein eingeschworener Volksfeind. Die einzige Wahl, die mir blieb, war die Rückkehr ins Dorf und ein Dasein als Landwirt. Mein Haus lag nur einen Kilometer von der Grenze. Unzählige Male habe ich mit dem Gedanken an Flucht gespielt, aber ich hatte Angst, beim Grenzübertritt den Tod zu finden, und auch, dass sich das Regime an meinen Eltern rächen würde: Man würde sie aus ihrem Geburtsort, mit dem sie eng verbunden waren, verbannen. So fügten die elektrischen Drähte des Grenzzauns meinem Herzen, das sich die ganze Zeit gefangen fühlte, auch noch ständig Stromstöße zu.</p>
<p class="interview">Wie haben Sie für den Roman „Chinesische Tusche“ recherchiert? Haben Sie Zeitzeugen interviewt oder Archive besucht und historische Studien zu Rate gezogen?</p>
<p>Es gab in meiner Familie, unter meinen Verwandten und Freunden viele Menschen, die zu langjähriger Schwerstarbeit verurteilt waren. Darüber hinaus ähnelten die Lebensbedingungen während meines Militärdienstes denen in den Straflagern. Ich las die Erinnerungen ehemaliger Gefangener und unterhielt mich mit Bekannten. Die von mir im Roman „Chinesische Tusche“ verwendete Geschichte von Gymnasiasten, die heimlich Flugblätter verteilten, ist wiederholt tatsächlich vorgekommen.</p>
<p class="interview">Viele Menschen wurden unter Druck gesetzt, mit der albanischen Geheimpolizei Sigurimi zusammenzuarbeiten. Sehen Sie hier eine Parallele zur Staatssicherheit in der DDR?</p>
<p>Wie die Stasi funktionierte, weiß ich nur aus dem großartigen deutschen Film „Das Leben der anderen“. Die Geheimpolizei der DDR hatte ihre Methoden technisch perfektioniert, in Albanien ging man viel amateurhafter vor. Dort harrten die Spitzel stundenlang im Verborgenen in der Kälte aus, um ihre Opfer zu beschatten. Aber das Resultat war dasselbe: Alle wussten, dass sie unter ständiger Beobachtung standen und man tat gut daran, sich vorzusehen. Die Sigurimi erinnert mich mehr an die Verfolgung und Beseitigung von Kritikern zur Stalinzeit, die noch brutaler war. In meinen Augen war die ganze albanische Gesellschaft zweigeteilt in Verfolger und Verfolgte. Und wenn man nicht der ersten Gruppe der Verräter und Mitarbeiter angehörte, dann hatte man zwar keine Perspektive, aber zumindest ein reines Gewissen.</p>
<p class="interview">Sie beschreiben tragische Schicksale in den albanischen Straflagern der 70er-Jahre, in denen zahllose widerspenstige Kritiker verschwanden, manchmal für immer. Ich erinnere mich aber auch an eine wunderbare erotische Szene mit dem Lagerschneider, der anhand einer Damenhose, die er für einen höhergestellten Offizier umarbeiten soll, das Leben und die Liebe feiert. Sie thematisieren auch die Homosexualität im Lager, ein lang verdrängtes Thema. Wie interpretieren Sie das Wechselspiel von Leben und Tod im Dasein der Gefangenen?</p>
<p>Die Menschen dort lebten und schliefen jahrelang Arm in Arm mit dem Tod und hatten sich an ihn gewöhnt. Andererseits waren die menschlichen Gefühle, so hart ihr Leben auch war, unter welchen Bedingungen auch immer, wie Blumen, die selbst im Schnee erblühen. Homosexualität ist ein Gefühl, das meiner Meinung nach unbewusst entsteht, unmerklich wächst, parallel zur allgemeinen zwischenmenschlichen Zuneigung, die keine andere Ausdrucksform finden kann. Sie äußert sich als eine Art von Solidarität der Schwachen, als Schutz gegen Unterdrückung, aber gleichzeitig bildet sie auch das Machtgefälle zwischen den Gefangenen ab. Denn in den Gefängnissen herrschten die geeigneten Bedingungen, damit solche Gefühle entstehen konnten.</p>

<a href='https://diablog.eu/literatur/prosa/chinesische-tusche-roman-von-tilemachos-kotsias/attachment/tk-4_beim-militaer/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="1031" height="796" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer.jpg 1031w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-300x232.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-1024x791.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-768x593.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-450x347.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-4_Beim-Militaer-500x386.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1031px) 100vw, 1031px" /></a>
<a href='https://diablog.eu/literatur/prosa/chinesische-tusche-roman-von-tilemachos-kotsias/attachment/tk-5_im-dorf-nach-dem-militaerdienst/#main'><img loading="lazy" decoding="async" width="1184" height="979" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst.jpg" class="attachment-full size-full" alt="" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst.jpg 1184w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-300x248.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-1024x847.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-768x635.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-450x372.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-5_Im-Dorf-nach-dem-Militaerdienst-500x413.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1184px) 100vw, 1184px" /></a>

<p class="interview">Wie haben Sie persönlich den politischen Umbruch 1990 erlebt?</p>
<p>Bei Öffnung der Grenzen war ich vierzig Jahre alt, verheiratet und hatte vier Kinder, die ich ernähren musste, aber ich hatte keinen Ausbildungsberuf. Ich verstand nur etwas von der Landarbeit, mit der ich zwar mich notgedrungen beschäftigte, die ich aber schätzen gelernt hatte. Zunächst ging ich allein nach Griechenland, ganz wie ein Gefangener, wenn sich die Gefängnistore öffnen. Ich arbeitete ein paar Monate und kehrte dann zurück, um meine Familie zu holen. Ich spürte, dass ich einen Schluss-Strich zog und es kein Zurück mehr für mich gab. Ich wollte nichts mehr von der albanischen Sprache wissen noch vom albanischen Volk &#8211; das sage ich jetzt zurückblickend. Das war meine allererste Reaktion. All die Jahre über hatte ich ein paar Erzählungen geschrieben und immer wieder überarbeitet, ohne jede Hoffnung auf Publikation. Die nahm ich mit und zeigte sie einem Verleger. Die Vorsehung führte mich zum Verlag Kedros, dem besten der damaligen Zeit, wo ich meinen ersten Erzählband veröffentlichte. Sprachlich war ich mit dem Griechisch meiner Region und ihren wunderbaren Volksliedern ausgerüstet. Später folgten weitere Bücher, Novellen und Romane. Das Schreiben brachte mir finanziell nichts ein, doch half es mir, einen Posten als Übersetzer im Außenministerium zu finden, wo ich fast fünfundzwanzig Jahre arbeitete.</p>
<p class="interview">Nach 1990 sind viele Albaner als Wirtschaftsflüchtlinge nach Griechenland gegangen. Sie beschreiben in Ihrem Buch die ideologischen Konflikte unter den Auswanderern. Wie sieht es heute, 35 Jahre später, aus?</p>
<p>Es handelte sich um keine ideologischen, sondern um nationalistische Auseinandersetzungen. Keiner von uns unterstützte noch linke Inhalte, die uns in ihrer schlimmsten Form eingetrichtert worden waren. Die Griechen in Albanien wollten Anerkennung für das erlittene Leid, die ihnen jedoch nicht in der erhofften Form geschenkt wurde. Nationalistische Kreise begannen, die verbitterten Menschen wirtschaftlich auszubeuten. Sie wollten &#8211; zusammen mit konservativen Kreisen, die sich damals paradoxerweise in fast allen Parteien breit machten &#8211; die Griechen aus Albanien nicht als gleichwertige Bürger anerkennen. Das begründeten sie so: Würde ihnen der Staat die griechische Staatsbürgschaft verleihen, dann würden sie ihre heimatlichen Wurzeln hinter sich lassen und die Grenzregion wäre entvölkert. In Wirklichkeit wollten sie nur rechtlose, quasi geduldete illegale Arbeitskräfte. Die rein albanischen Wirtschaftsflüchtlinge akzeptierten diese Situation eher als Normalität. Manche von ihnen, die sich die schwierige Differenzierung zwischen einem christlichen Albaner und einem Griechen aus der Minderheit in Albanien zunutze machten, gaben sich für solche Griechen aus, weil sie sich davon eine bessere Behandlung durch den Staat erhofften. Andererseits hatten die Albaner in der griechischen öffentlichen Meinung keinen guten Ruf. Die Griechen aus der Minderheit wurden mit ihnen in einen Topf geworfen und wollten sich von den Albanern distanzieren. Man drängte sie in eine Rolle, die eigentlich der griechische Staat übernehmen sollte &#8211; nämlich, die beiden Gruppen klar auseinanderzuhalten.</p>
<figure id="attachment_16276" aria-describedby="caption-attachment-16276" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16276 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-450x276.jpg" alt="" width="450" height="276" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-450x276.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-300x184.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-768x471.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt-500x307.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-6_Bei-der-Arbeit-als-Landwirt.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-16276" class="wp-caption-text">Beim Sensen als Landwirt</figcaption></figure>
<p class="interview">Eine Zeitlang gab es starke Vorurteile der eingesessenen Bevölkerung gegen die zugewanderten albanischen Familien. Haben sich die Ressentiments gelegt oder sind die Stereotypen übermächtig?</p>
<p>Heute, nach fünfunddreißigjährigem Aufenthalt in Griechenland, sind nicht nur die griechischen Migranten, sondern auch die Nachkommen der damals eingewanderten Albaner vollständig in die griechische Gesellschaft integriert. Aber die aufeinanderfolgenden griechischen Regierungen haben ihnen keine Personalausweise ausgestellt, weil sie fürchteten, dass diese arbeitsamen und zielstrebigen Leute in wirtschaftlich besser gestellte europäische Länder auswandern und Griechenland ihre Arbeitskraft entziehen würden.</p>
<p class="interview">Es gibt Autoren wie Beckett und Nabokov, die in zwei Sprachen zu Hause waren. Würden Sie Ihre eigenen Werke aus dem Griechischen ins Albanische übersetzen wollen?</p>
<p>Ich habe einige meiner Bücher selbst übersetzt und in Albanien publiziert, aber dort ist man den einen Tag in den Schlagzeilen und am nächsten Tag weg vom Fenster, als hätte man nie existiert. Ich habe auch ein Theaterstück auf Albanisch publiziert, „My dear spies“, das den europäischen Theaterpreis Eurodram gewonnen hat. Wenn ich mich an das albanische Lesepublikum wenden wollte, würde ich direkt auf Albanisch schreiben. Schriftsteller schreiben in der Sprache, die sie nicht nur selbst am besten können, sondern die auch das Publikum, an das sie sich richten, am besten versteht. Sie ist das wichtigste Kommunikationsmittel zwischen Autor und Leser, aber das haben andere vor mir schon festgestellt. Was das deutschsprachige Publikum betrifft, so möchte ich mich bei dieser Gelegenheit bei meiner Übersetzerin bedanken sowie bei meiner deutschen Verlegerin Katherina Wicht, ohne deren Unterstützung „Chinesische Tusche“ nicht herausgekommen wäre.</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-16277" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche-199x300.jpg" alt="" width="300" height="453" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche-199x300.jpg 199w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche-450x680.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche-500x755.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/tk-7_chinesische_tusche.jpg 678w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><strong>Das Buch</strong></p>
<div id="detailBullets_feature_div"><span class="a-list-item"> Tilemachos Kotsias, <em>Chinesische Tusche</em></span><br />
<span class="a-list-item"><span class="a-text-bold">in der Übersetzung von Michaela Prinzinger</span></span><br />
<span class="a-list-item">Parrhesia Verlag 2025, </span><span class="a-list-item">576 Seiten, </span><span class="a-list-item">19,90 €</span><br />
<span class="a-list-item"> <span class="a-text-bold">ISBN-13 ‏: ‎ </span> 978-3987310041  </span></div>
<hr />
<p>&nbsp;</p>
<p>:::<em> Chinesische Tusche in diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/literatur/chinesische-tinte-tilemachos-kotsias/">hier</a><em> mit Vorstellung der griechischen Ausgabe und des Autors, Zusammenfassung des Romans und einem </em><em>Auszug</em><em>.<br />
</em></p>
<p class="textinfo"><em>Interview und Übersetzung: Michaela Prinzinger. Fotos: Tilemachos Kotsias. Redaktion: A. Tsingas.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Zehn Zentimeter – Gewalt und Zärtlichkeit</title>
		<link>https://diablog.eu/literatur/prosa/zehn-zentimeter-gewalt-und-zaertlichkeit/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Athanassios Tsingas]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Dec 2025 08:54:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Biografie von Marilena Papaioannou ist ungewöhnlich: die Biowissenschaftlerin wandelte sich zur Schriftstellerin. Einen ähnlichen Verlauf nahm auch ihr literarisches Werk; nach zwei Romanen und einer Novelle veröffentlichte sie jetzt diese Erzählungen. Normalerweise beginnen Autorinnen ... <p class="read-more-container"><a title="Zehn Zentimeter – Gewalt und Zärtlichkeit" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/zehn-zentimeter-gewalt-und-zaertlichkeit/#more-15835" aria-label="Mehr Informationen über Zehn Zentimeter – Gewalt und Zärtlichkeit">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die Biografie von Marilena Papaioannou ist ungewöhnlich: die Biowissenschaftlerin wandelte sich zur Schriftstellerin. Einen ähnlichen Verlauf nahm auch ihr literarisches Werk; nach zwei Romanen und einer Novelle veröffentlichte sie jetzt diese Erzählungen. Normalerweise beginnen Autorinnen und Autoren mit Kurzgeschichten, um sich dann über die Novelle zum Roman vorzuarbeiten. Doch Papaioannou ist eine Autorin der jüngeren Generation, die keine ausgetretenen Pfade beschreitet.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-15837" src="https://medien.diablog.eu/2025/10/de-01-portrait-225x300.jpg" alt="" width="200" height="267" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/10/de-01-portrait-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2025/10/de-01-portrait.jpg 280w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" /><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Marilena Papaioannou</strong> wurde 1982 in Athen geboren. Sie studierte Molekularbiologie und Genetik in Alexandroupolis, promovierte in Genf und arbeitete anschließend als Postdoktorandin in New York City. Heute lebt sie wieder in Athen und beschäftigt sich beruflich mit dem Lektorat-Korrektorat und der Übersetzung von biowissenschaftlichen Publikationen.</p>
<p>Beim Verlag<em> Hestia Publishers</em> erschienen ihre Bücher <em>Νικήτας Δέλτα</em> („Nikitas Delta“, 2013) und <em>Κατεβαίνει ο Καμουζάς στους φούρνους</em> („Kamouzas steigt in die Öfen hinab“, 2016) und im Verlag <em>Kastaniotis Editions</em> der Roman <em>Ένα πιάτο λιγότερο</em> („Ein Teller weniger“, 2020). Im selben Verlag erschien im Juni 2025 ihr Erzählband <em>„</em>Zehn Zentimeter<em>“</em>.</p>
<p><strong>Auszeichnungen</strong><br />
2014 war ihr Roman „Nikitas Delta“ für die Staatlichen Literaturpreise und Preise der Literaturzeitschriften <em>o anagnostis </em>und <em>Klepsydra </em>nominiert<em>.</em> <em>Klepsydra</em> verlieh Papaioannou den Preis <em>Junge Literaten,</em> gemeinsam mit Yannis Asteris für sein Werk „Nouthesia imionou“.<br />
2017 war Papaioannous Nouvelle „Kamouzas steigt in die Öfen hinab<em>“</em> für Preise der Literaturzeitschriften <em>o anagnostis</em> und <em>Klepsydra</em> nominiert.<br />
2021 stand ihr Roman „Ein Teller weniger<em>“</em> auf der Shortlist für den <em>Belletristikpreis</em> der Zeitschrift <em>Klepsydra</em>.</p>
<p><strong>Die Buchvorstellung</strong><br />
Die Erzählsammlung „<strong>Zehn Zentimeter</strong>“ erschien Mitte Juli dieses Jahres und zeichnet sich durch eine beeindruckende thematische Vielfalt aus. Die erste und die letzte Erzählung („Junge, Mädchen“ und „Bonbons“) sind Prosa mit poetischen Elementen von Liebe und Tod, die anderen nachdrücklich realistisch mit bittersüßem Nachgeschmack. Papaioannou schüttelt ihre Leserschaft regelrecht durch und erschafft dabei ohne Floskeln und Trivialitäten eine Welt, die durchaus real sein könnte. So sehr, dass sich der Lesende glatt mit den Protagonisten identifizieren kann, egal ob diese männlich, weiblich oder sogar noch ein Kind sind.<br />
Typisch für Papaioannou sind schicksalhafte Ereignisse, die sie ohne billig aufgebaute Spannung direkt schildert. Das Entsetzen, das diese Unmittelbarkeit auslösen kann, mäßigt die anschließende Erzählweise gekonnt. Papaioannou schildert diese Schicksalsschläge so, wie sie sich alltäglich ereignen, nämlich meist ohne Vorwarnung. Ihr Thema ist, wie die Protagonisten damit umgehen.<br />
Hart und zärtlich zugleich – jedoch ohne aufdringlich zu sein – sind die Erzählungen „Kintsugi“ und „Zuckermelone und Vick“, beide auf zweiter Ebene Inklusionsgeschichten. Das gilt ebenso für „Alkiviadis“, die jedoch eine ganze Lebensgeschichte erzählt.<br />
Papaioannous Erzählungen beschönigen nichts, neigen aber zu einem versöhnlichen Schluss, der das Maß der Verbitterung, das sich beim Lesen ansgeammelt hat, lindert. Der gleichnamige, knappe Text „Zehn Zentimeter“ über moderne Sklaverei ist klaustrophobisch und mit offenem Ausgang.<br />
Begeistert und berührt hat mich „Tante Domna“, in der Papaioannou anhand von Fotografien sehr anschaulich Lebensphasen und Befindlichkeiten einer behinderten Griechin in den USA nachstellt. Es ist nicht der einzige Text zum Thema Einwanderung. In „Olga und der Spatz“ geht es um Binnenmigration, in „Die Schuhe“ um den Stolz einer Person, die nach Griechenland immigriert.<br />
Wie hat die Molekularbiologin die Autorin beeinflusst, wurde Papaioannou vor Jahren gefragt. Sie antwortete, die Biologin habe die Schriftstellerin gelehrt, Unnötiges und Unklares aus ihren Geschichten zu verbannen; dafür habe die Schriftstellerin der Biologin nahegebracht, dass auch wissenschaftliche Texte in korrekter und einnehmender Sprache geschrieben sein sollten.<br />
diablog.eu präsentiert die Erzählung „Tiefgefroren“, die in universitären Forschungskreisen spielt. Sie behandelt das universelle Thema des Verlustes auf mehreren und unterschiedlichen Ebenen.</p>
<p><strong>Die Erzählung </strong><br />
<em><strong>Tiefgefroren </strong></em><br />
In den letzten zwölf Jahren bestand mein Frühstück aus zwei Scheiben Zwieback ohne alles und einer Tasse Kaffee, meine Hauptmahlzeit war ein leichtes Abendessen am frühen Abend. Ich habe siebzehn Stunden am Tag gearbeitet. Geschlafen habe ich pro Tag höchstens drei bis vier Stunden. Auf Nachfrage konnte ich weder Wochentag noch Tageszeit angeben. Den Monat konnte ich im Allgemeinen anhand des Wetters bestimmen. Das Vergehen der Zeit konnte ich nur noch durch den Wechsel der Jahreszeiten wahrnehmen. Meine Kleidung war wie eine Uniform – blaue Jeans, schwarzes Hemd und Turnschuhe. Seit Jahren hatte ich keine neue Kleidung mehr gekauft. Seit Jahren hatte ich außerhalb der Arbeit keine sozialen Kontakte mehr, besuchte weder Theater- noch Kinoaufführungen, machte keine Spaziergänge. Meine Interessen beschränkten sich auf das, was mit meiner Forschung zu tun hatte. Meine ganze Energie und all meine Gedanken galten diesem Zweck. Zum Glück hatte Titus einmal gedroht, mir nicht mehr zu helfen, wenn ich nicht zumindest einmal im Monat mit ihm ein Bier trinken ginge – und so tat ich wenigstens das. Man hätte sagen können, ich war wie ein Schiff, dessen Kompass nur in eine Richtung zeigte – meine Nadel klemmte fest.<br />
Deshalb brach ich, als in einer Nacht alles zerstört wurde, was ich mir in vielen Jahren aufgebaut hatte, in nur einem Moment zusammen. Ich knickte ein, wie ein vom Orkan getroffener hohler Baumstamm.<br />
Aber ich bin nicht untergegangen.</p>
<p>Die Hinweise hatte ich am Mittwoch eigenhändig angebracht. Zweiunddreißig an der Zahl. Eigentlich hatte ich vor, noch mehr anzuheften, aber die anderen meinten, das wäre wohl zu viel des Guten. Zwei Hinweisschilder hatte ich an der zentralen Labortür angebracht (innen und außen), eins an der Ecke jedes Tisches (insgesamt zwölf), eins an jeden Kühlschrank (also weitere vier), eins an jeden Gefrierschrank (also noch mal vier), eins an der Tür des Mikroskopierraums, eins vor der Tür des Büros meines Professors und je eins über jedem Waschbecken (also insgesamt weitere fünf). Die restlichen drei hatte ich im Speisesaal angebracht, den wir uns mit dem Labor nebenan teilten (eins auf der Tischplatte, eins am Schrank über dem Waschbecken und eins am Schwarzen Brett).</p>
<p><span style="color: #ff0000;">CAUTION! </span><br />
<span style="color: #ff0000;">ALARM ΟΝ FREEZER #2 HAS GONE OFF </span><br />
<span style="color: #ff0000;">DUE ΤΟ Α TECHNICAL PROBLEM. </span><br />
<span style="color: #ff0000;">PLEASE DO NOT UNPLUG. </span><br />
<span style="color: #ff0000;">CAUTION! </span>*</p>
<p>Ich hatte den Hinweis in roten Großbuchstaben auf A4-Blättern ausgedruckt. Jedes Blatt hatte ich in eine Prospekthülle gesteckt und diese mit wasserfestem Klebeband überall angebracht. Da viele Reinigungskräfte der Universität spanischsprachig sind, hatte mir Titus geholfen, das Ganze auch auf Spanisch zu schreiben, der Hinweis war also zweisprachig.<br />
Die ersten 24 Stunden vergingen ohne Probleme, denn wir waren alle sehr umsichtig. Immer wenn wir den Raum mit den Gefrier- und Kühlschränken betreten oder verlassen mussten, achteten wir darauf, die Tür schnell wieder zu schließen, damit die anderen auf der Etage nicht vom Alarmsignal belästigt wurden.<br />
Dieser Umstand bot uns außerdem die Gelegenheit, ein besseres Verhältnis zu den Doktoranden und Postdoktoranden des benachbarten Labors aufzubauen, zu denen wir, obwohl nur durch einen Korridor getrennt, nie ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatten, aus dem einfachen Grund, dass unsere Chefs eine Abneigung gegeneinander hegten, die wir jahrelang blindlings übernommen hatten. An dem Nachmittag, als ich sie aufsuchte, um das aufgetretene Problem zu besprechen und sie um Verständnis zu bitten, stieß ich nicht nur auf keinerlei Unbehagen ihrerseits; im Gegenteil, sie zeigten Einfühlungsvermögen, Sympathie und boten mir praktische Unterstützung an. Ian, einer der Doktoranden, bot mir sogar zwei Fächer in seinem Gefrierschrank an, die aufgrund wiederholter Misserfolge seiner Experimente leer standen. Ich erklärte ihm, dass ich sie nicht benötige – mein Gefrierschrank hatte kein Temperaturproblem, nur war der Daueralarm ausgelöst und wir mussten bis Freitagmorgen warten, bis der Techniker kam, um den Defekt zu beheben.</p>
<p>Am Donnerstagabend verließen wir alle früh das Labor, schon gegen neunzehn Uhr, auch unser Professor. Wir hatten ein Abschiedsessen für Nina arrangiert, die am Monatsende nach Deutschland zurückkehren würde.<br />
Jo betrat das Labor um einundzwanzig Uhr dreißig. Dies wurde im Nachhinein zum einen durch die Stechkarte bestätigt, die sie um einundzwanzig Uhr zwanzig am Gebäudeeingang gestempelt hatte, zum anderen durch die Kameras, die vor dem Fahrstuhl auf unserem Stockwerk angebracht waren.<br />
Sie begann mit ihrer Arbeit in den Büros. Leerte die Müll- und Wertstoffbehälter, säuberte die Waschbecken am Ende jedes Labortisches, trug die benutzten Behälter zum Spülen zusammen, staubte den Schreibtisch des Professors ab, warf den Staubsauger an und zog gegen zweiundzwanzig Uhr, kurz bevor sie mit dem Wischen begann, den Stecker des Gefrierschranks heraus.<br />
Gegen null Uhr dreißig kehrte Ian, der damals alle vier Stunden seine Kulturen fotografierte, um herauszufinden, warum seine Experimente scheiterten, in sein Labor zurück. Irgendwann musste er etwas aus dem Gefrierraum holen, und als er eintrat, sah er, dass an unserem Gefrierschrank mit dem Daueralarm die Temperatur von -80 Grad Celsius auf -10 Grad angestiegen war.<br />
Er rief mich sofort an.<br />
Bis auf den Professor waren wir alle zu diesem Zeitpunkt noch im Restaurant und stießen auf Ninas Gesundheit an. Sobald ich <em>minus ten</em> hörte, sprang ich auf und verließ wie ein Gehetzter das Lokal.<br />
Nahm ein Taxi und war in zehn Minuten im Labor.<br />
Ian wartete vor dem Aufzug auf mich. Er kam mit mir ins Labor und blieb die ganze Zeit, in der ich versuchte, jemanden vom Sicherheitsdienst der Universität zu alarmieren, bei mir, bis ich vor meinem Gefrierschrank zusammenbrach. Zwölf Jahre meiner Arbeit und weitere zehn Jahre der Arbeit ehemaliger Kollegen waren innerhalb weniger Stunden vernichtet worden.<br />
Zwanzig Minuten später trafen auch die anderen im Labor ein. Ian hatte sie angerufen. Der Professor wurde von Titus alarmiert, als uns das Ausmaß der Katastrophe und die Unwiederbringlichkeit der Proben bewusst wurden.<br />
Kaum war ich zu mir gekommen, fing ich krampfartig an zu weinen. Den andern ging es genauso. Selbst Ian war in Tränen aufgelöst.<br />
Auch der Professor muss geweint haben, nur nicht vor uns. Er ging in sein Büro und zog die Tür hinter sich zu; als er wieder herauskam, sagte er uns mit stark geröteten Augen, er werde alles tun, um den Schuldigen zu finden.<br />
Wir alle wussten natürlich, dass dies nunmehr völlig unbedeutend war. Das Problem ließe sich dadurch nicht lösen. In der Tat ließ es sich in keinster Weise aus dem Weg räumen. Die Kulturen wiederherzustellen, die jahrelang in den Gefrierschränken aufbewahrt worden waren – wenn manche überhaupt wiederhergestellt werden konnten – würde mindestens fünf Jahre und sicher ein paar Millionen Dollar kosten; und endlose Geduld. Die Patientenproben, die ich persönlich in den letzten acht Jahren gesammelt hatte, waren natürlich gar nicht zu ersetzen.</p>
<p>Am nächsten Morgen meldete der Professor den Vorfall der Personalabteilung und holte sich die Einschätzung der Rechtsberater der Universität ein. Wir erfuhren sofort, dass Jo die gestrige Schicht auf unserer Etage übernommen hatte. Und die Aufnahmen der Überwachungskameras zeigten klar, dass sie den Stecker gezogen hatte.<br />
Die Gewerkschaft der Reinigungskräfte, die immer schon sehr mächtig war, nahm Jo sofort in Schutz und meinte, es handele sich bestimmt um menschliches Versagen aufgrund von Übermüdung. Sie behaupteten sogar, Jo habe die Warnschilder wahrscheinlich einfach nicht gesehen. Die Videoaufzeichnungen zeigten jedoch eindeutig, dass Jo die Schilder sowohl vor dem Aufzug als auch im Labor sehr wohl gesehen hatte. Aufnahmen aus dem Raum mit den Gefrierschränken gab es nicht, jedoch ausreichend klare Bilder auf den Videos, die bezeugten, dass sie vor dem Betreten des Raums vor mindestens zwei Warnschildern gestanden hatte. Außerdem wurde bestätigt, dass sie sowohl Englisch als auch Spanisch lesen und verstehen konnte.<br />
Der Professor schlug mir vor, ein paar Tage frei zu nehmen, um mich zu beruhigen und wieder zu Kräften zu kommen. Unwillig stimmte ich zu. Ich war tatsächlich nicht in der Lage, mich um den Papierkram zu kümmern.<br />
Aber ich hielt es auch nicht länger als einen Tag zu Hause aus. Meine Gedanken wollten sich nicht beruhigen, im Gegenteil, sie steigerten sich sogar zu wüsten Szenarien. Zum einen versuchte ich, Lösungen für ein Problem zu finden, das offensichtlich nicht unmittelbar gelöst werden konnte (nur durch Zauberei hätten dreitausend Blutproben von Patienten und vierhundertachtzig Zellkulturen wiedergewonnen werden können), zum anderen war ich zornig, wütend und voller blankem Hass auf diese Frau, die (unwissentlich, wie sie behauptete) nicht nur die Arbeit eines ganzen Labors, sondern auch mein Leben zerstört hatte.<br />
Denn das Laboratorium war mein Leben.<br />
So wurde mir klar, dass Sinn und Zweck meiner zerschlagenen Existenz nur noch darin bestehen konnte, Jos Leben zu zerstören.</p>
<p>Ich begann, endlose Stunden damit zu verbringen, Möglichkeiten auszuloten, mich an ihr zu rächen. Ich machte mich daran, herauszufinden, wo sie wohnt, mit wem sie zusammenlebt, wo sie sonst noch arbeitet, mit wem sie spricht, wo sie einkauft, was ihre Hobbys sind, wer zu ihrer Familie gehört und wo diese arbeiten; einfach alles, bis hin zu ihrer Sozialversicherungsnummer.<br />
Tags im Labor versuchte ich, ziemlich planlos, meine Forschungsarbeit wiederherzustellen, und abends zu Hause schmiedete ich Pläne, wie ich Jo eliminieren könnte. Ich dachte mir viele Szenarien aus – Szenarien für ihre physische Vernichtung, ihre finanzielle Vernichtung, ihre psychische Vernichtung. Nachts verbrachte ich endlose schlaflose Stunden und verschwendete meine Energie auf schreckliche Gedanken zu noch schrecklicheren Handlungen. Ich dachte daran, ihren Hund zu vergiften, sie auf die U-Bahn-Gleise zu schubsen, ein brennendes Streichholz in ihr Haus zu werfen, ein Schmuckstück in ihre Handtasche zu schmuggeln und sie bei der Polizei wegen Diebstahls anzuzeigen, jemanden aus ihrer Familie zu bedrohen. Viele Vorsätze. Abscheulich. Mir war der Verlust so schmerzhaft, dass mein Verstand vernebelt war. Irgendwann setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest, auf dessen subversive Brillanz ich damals furchtbar stolz war, für den ich mich jetzt aber zutiefst schäme. Ich wollte sie bei der Einwanderungsbehörde denunzieren. Obwohl sie nicht wie eine Latina aussah, war ich aus irgendeinem Grund davon überzeugt, dass sie Mexikanerin war und bestimmt schwarz arbeitete. Ich war mir sicher, dass man sie dann abschieben würde – es war Trumps erstes Amtsjahr, mein Plan würde bestimmt aufgehen.<br />
Ich fand einen Privatdetektiv, dem ich eine nicht unerhebliche Summe zahlte, damit er sich in der Angelegenheit schlau machte, bevor ich irgendetwas unternahm, was mich letztlich selbst in Schwierigkeiten hätte bringen können.</p>
<p>Zwei Monate nach dem Vorfall erhielt ich nachmittags einen Anruf des Ermittlers; er sagte, er wolle mich persönlich sprechen.<br />
Wir trafen uns in seinem Büro in Harlem, und dort erfuhr ich die Geschichte von Jo – oder besser von Yasmina, wie sie tatsächlich hieß.<br />
Yasmi­na war zweiunddreißig Jahre alt. Ihrem Aussehen nach hatte ich sie für zweiundfünfzig gehalten. Sie war erst vor einem Jahr nach New York gekommen, zwar mit gefälschten Papieren, aber nicht aus einem lateinamerikanischen Land. Sie stammte aus Syrien, wo sie jahrelang mit ihrer spanischen Mutter und ihrem syrischen Vater im Keller eines Hauses gelebt hatte. Sie war Lehrerin. Ihr Mann war im Krieg durch eine Rakete getötet worden. Durch den ständigen Lärm der Sirenen, die jahrelang täglich in ihrer Stadt zu hören waren, hatten ihre Ohren eine übersteigerte Empfindsamkeit entwickelt, eine allgemeine Unverträglichkeit gegenüber allem, was laut und schrill war. Deshalb blieb sie in New York nicht nur die U-Bahn fern, sondern vermied es sogar, auf der Straße über die vergitterten Luftschächte zu laufen – der Lärm der Züge war für ihre Ohren unerträglich.<br />
All dem hörte ich entsetzt zu, konnte kein einziges Wort herausbringen. Ich verabschiedete mich eilig und verließ das Büro mit großem Schamgefühl.</p>
<p>Am nächsten Morgen wachte ich schweißgebadet auf. Einen Moment lang schoss mir die Idee durch den Kopf, den Professor zu bitten, die Anzeige zurückzuziehen, aber ich blieb an diesem Gedanken nicht lang hängen. Es machte nicht viel Sinn. Eigentlich ging es mir jetzt nur darum, mit Yasmi­na zu reden. Was genau ich ihr sagen wollte, wusste ich nicht. Ich schätze, ich wollte sie einfach nur treffen und all das über ihre Vergangenheit mit eigenen Ohren hören. Was ich erfahren hatte, war so unglaublich, dass ich ihre persönliche Bestätigung brauchte. Vielleicht wollte ich das Ganze aber auch einfach nicht wahrhaben.</p>
<p>Es kostete mich viel Mühe, sie zu einem Treffen zu überreden. Die Gewerkschaft hatte sie angewiesen, jeglichen Kontakt zum Laborpersonal zu meiden, solange wir Klagegegner waren. Aber schließlich konnte ich sie von meinen aufrichtigen Absichten überzeugen, und sie willigte zu einem Treffen ein.<br />
An diesem Nachmittag erfuhr ich mehr über ihr Leben.<br />
Sie erzählte mir, dass nicht nur ihr Mann, sondern auch ihre beste Freundin bei einem Luftangriff auf die Schule, in der sie unterrichteten, getötet worden waren. Daraufhin beschlossen ihre Eltern, in die Türkei zu fliehen. Nach vier Versuchen gelang es ihnen schließlich, Ankara zu erreichen und im Haus entfernter Verwandter unterzukommen. Yasmina war ihnen nicht gefolgt; sie hatte beschlossen, in die USA zu emigrieren. War davon überzeugt, dort ihr gelobtes Land zu finden, so, wie es im Fernsehen angepriesen wurde, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ihr Ziel war, Geld zu sparen und einen Master-Abschluss in Sonderpädagogik zu machen. An unserer Universität fand sie mit Hilfe eines Professors einen Job. Sie verdiente gerade so viel, dass sie in einem Keller in Harlem über die Runden kam und ihren Eltern etwas Geld schicken konnte. Aber nicht genug, um die Studiengebühren zu bezahlen. Gegenwärtig besuchte sie Kurse an einem Community College und arbeitete als Gegenleistung achtzehn Stunden pro Woche in der Mensa und weitere zehn Stunden in der Bibliothek. An unserer Universität wurde sie zweimal die Woche in der Abendschicht eingesetzt.<br />
Als ich sie nach der Empfindsamkeit ihrer Ohren fragte, wirkte sie betreten.<br />
Sie bat mich um ein Glas Wasser, ihr Mund war trocken.<br />
Zuerst erzählte sie mir von dem Heulen der Sirenen in ihrer Heimatstadt. Dann hielt sie inne, trank einen Schluck Wasser, und erzählte mir von einem anderen Geräusch. Sie sagte, in Syrien habe sie nicht im Keller ihres Hauses gewohnt, sondern im Keller des Geschäfts ihres Onkels. Im Erdgeschoss befand sich seine Kaffeestube und im Untergeschoss das Vorratslager und die Kühlschränke. Die beiden Familien – ihre und seine – schliefen nachts zwischen den Kühlschränken. Irgendwann kaufte ihr Onkel eine große, gebrauchte Gefriertruhe. Zwei Wochen nachdem sie neben der Kellertreppe aufgestellt worden war, explodierte sie; die Abdeckung fiel auf ihre neugeborene Tochter und zermalmte ihr Köpfchen.<br />
Ich hörte ihr zu und meine Augen schwammen in Tränen. Auf der Stelle vergaß ich das Labor, die Kulturen, die Proben, die Vernichtung meiner Studie, die vergeudeten Arbeitsstunden, einfach alles. Ich vergaß meinen Namen, meine Stellung, meine Geschichte. Irgendwie fühlte ich mich im eigenen Körper fremd.<br />
Habe aber nichts davon gesagt.<br />
Für einen Moment neigte ich den Kopf; als ich wieder aufblickte, umrahmte Sonnenlicht ihre Haare. Meine Augen konnten in diesem Moment wieder eine längst vergessene Sanftheit wahrnehmen. Unwillkürlich griff ich in meinen Rucksack und holte mein Handy heraus. Ich zeigte ihr Bilder meiner Frau und meiner Schwester und erzählte ihr, dass ich sie beide durch Brustkrebs verloren hatte – die eine vor dreizehn, die andere vor zwölf Jahren.<br />
Sie sah mich an und versuchte sich an einem Lächeln, das ihr aber nicht gelang.<br />
Sie sagte nur: <em>Tut mir leid, ich muss jetzt gehen, habe einen Kurs. </em></p>
<p>Zwei Jahre später erfuhr ich, dass sie ihren Abschluss mit Auszeichnung gemacht habe. Am nächsten Morgen ging ich zum Professor und schlug vor, eine der neu gezüchteten Zelllinien „YaRe“ zu nennen – von Yasmi­na Renta. Er hob den Blick über seine Lesebrille, lehnte sich zurück und sagte mir diplomatisch, dass ich wohl etwas Erholung bräuchte. Dann empfahl er mir, noch diplomatischer, einen befreundeten Psychologen aufzusuchen.<br />
Keinen seiner Ratschläge habe ich befolgt. Stattdessen reduzierte ich weiter die Anzahl meiner Schlafstunden und der Konversation. Und so gelang es mir, in den drei folgenden Jahren dreitausendzweihundertfünfundzwanzig Proben von Frauen mit Brustkrebs zu sammeln.</p>
<p>* <span style="color: #ff0000;">ACHTUNG!</span><br />
<span style="color: #ff0000;">DER ALARM DES GEFRIERSCHRANKS #2 </span><br />
<span style="color: #ff0000;">IST </span><span style="color: #ff0000;">AUSGELÖST </span><span style="color: #ff0000;">AUFGRUND EINES </span><br />
<span style="color: #ff0000;">TECHNISCHEN PROBLEMS. </span><br />
<span style="color: #ff0000;">BITTE NICHT AUSSTÖPSELN.</span><br />
<span style="color: #ff0000;">ACHTUNG!</span></p>
<p><strong>Marilena Papaioannou sagte im Interview zu dieser Erzählung:</strong><br />
„<em>Tiefgefroren</em> basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich vor einigen Jahren an einer amerikanischen Universität zugetragen hat – aber sie enthält auch einige Elemente aus meinem früheren Leben als Forscherin.“<br />
(s. Link 2)</p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-15838" src="https://medien.diablog.eu/2025/10/de-02-cover.jpg" alt="" width="200" height="179" />Das Buch</strong><br />
Marilena Papaioannou: <em>Zehn Zentimeter </em>(nur auf EL)<br />
Kastaniotis Publications, Athen 2025<br />
Gebunden, 224 Seiten, 16,00 €<br />
ISBN 978-960-03-7390-5</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Links</strong><br />
1_Marilena Papaioannou auf <em>biblionet </em><a href="https://biblionet.gr/marilena-papaioannou-c202868">hier</a> (auf EL)<em><br />
</em>Die Titel sind unterteilt in die Rubriken „als Autorin“ (5 Werke) und „als Übersetzerin“ (14 Werke).<em><br />
</em>2_Interview auf EL geführt von Konstantina Drakoulacou auf der Internetplattform <em>Diasticho </em>02.10.2025 <a href="https://diastixo.gr/sinentefxeis/ellines/25304-marilena-papaioannou-synentefksi">hier</a><br />
3_Marilena Papaioannou auf <em>Literature Across Frontiers</em> <a href="https://www.lit-across-frontiers.org/profiles/marilena-papaioannou/">hier</a> (auf EN)</p>
<p><em>Text und Fotos: Marilena Papaioannou. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kastaniotis Publications. Präsentation und Übersetzung: A. Tsingas. Dank an Catherine Fragou, die diese Buchvorstellung ermöglicht hat.</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Sieben Geschichten des Frühlings</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Aug 2025 07:26:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Filmregisseur Nicos Ligouris war einige Male Gast bei diablog.eu. Vor kurzem ist der zweite Erzählband des Multitalents veröffentlicht worden. Die Buchkritik von Anna Lambardaki Der Erzählband „Sieben Geschichten des Frühlings“ ist die zweite Prosasammlung ... <p class="read-more-container"><a title="Sieben Geschichten des Frühlings" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/sieben-geschichten-des-fruehlings/#more-15328" aria-label="Mehr Informationen über Sieben Geschichten des Frühlings">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Der Filmregisseur Nicos Ligouris war einige Male Gast bei diablog.eu. Vor kurzem ist der zweite Erzählband des Multitalents veröffentlicht worden.</p>
<figure id="attachment_15342" aria-describedby="caption-attachment-15342" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-15342 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-01_Cover-450x748.jpg" alt="" width="450" height="748" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-01_Cover-450x748.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-01_Cover-180x300.jpg 180w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-01_Cover-500x831.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-01_Cover.jpg 616w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-15342" class="wp-caption-text">Deckblatt der griechischen Ausgabe: Sieben Geschichten des Frühlings<br />Verlag Agra, Athen 2024, nur auf EL</figcaption></figure>
<p><strong>Die Buchkritik </strong><em>von Anna Lambardaki</em></p>
<p>Der Erzählband „Sieben Geschichten des Frühlings“ ist die zweite Prosasammlung des Autors Nicos Ligouris. Jede der im Titel erwähnten Erzählungen macht ein eigenständiges narratives Universum aus – mit unterschiedlichen ideologischen, thematischen und stilistischen Merkmalen.<br />
Die <strong>erste</strong> erzählt die dramatische Liebesbeziehung zwischen dem Erzähler und der Kostümbildnerin Phemonoë in Berlin. Die <strong>zweite</strong> handelt von vier Briefen des Malers Claude Lorrain 1674 an Racine und trägt den Titel „Ein Seehafen bei aufgehender Sonne“ nach Lorrains gleichnamigem Gemälde aus der Alten Pinakothek München, das auch das Titelblatt der griechischen Ausgabe ziert. Die <strong>dritte</strong>, betitelt „Silberspiegel im Nachtlicht“ thematisiert einen griechischen Studenten in Berlin, der sein Gedächtnis verloren hat und seine Erinnerung mit Hilfe von Freunden, einem magischen Spiegel und dem Pfaueninsel-Fährmann wiedererlangt. In der <strong>vierten</strong> Erzählung mit dem rätselhaften Titel „Goldene Himmel“ geht es um einen russischen Mystiker in den 1980er Jahren, der nach einer enttäuschten Liebe in Berlin wieder als genialer Mathematiker an der Universität Sankt Petersburg auftaucht. In der <strong>fünften</strong> mit dem Titel „Leonardo da Novalis“ begegnen sich Leonardo da Vinci und der Dichter Novalis auf sonderbare Weise 2014 in der Vorlesung eines Münchner Philosophieprofessors. Die <strong>sechste</strong> Erzählung trägt den Titel „Das Mädchen mit der Mohnblume“:  Ein deutscher Maler, der 1904 mit seiner Frau Athen besucht und an seiner erst kürzlich geschlossenen Heirat zweifelt, erlebt einige unerwartete Begegnungen, die diese Reise maßgeblich prägen. Die <strong>siebte</strong> und letzte Erzählung „Die schwarze Rose“ ist ein bezauberndes Märchen über die Begegnung einer schwarzen Rose mit der personifizierten Zeit an den Ufern des Euphrat.</p>
<p>Mit Ausnahme der Lorraine-Briefe und dem abschließenden Märchen, spielen die Erzählungen in Deutschland (Berlin oder München), dem Wohnort des Autors, und in Griechenland, seinem Herkunftsland. Ebenfalls mit Ausnahme der Lorraine-Briefe und dem „Mädchen mit der Mohnblume“ spielen die Stücke in der Zeit zwischen den 1980er Jahren und der Gegenwart.<br />
Jede Erzählung ist in mehrere betitelte Kapitel unterteilt, die Handlung verläuft in der Regel linear, jedoch mit eingeflochtenen Nebengeschehen – oft aus der Ich-Perspektive – oder Strängen, die parallel zur Haupthandlung laufen und damit Aspekte der Akteure beleuchten oder ihre Beziehungen und Entscheidungen erläutern. Der Erzählfluss ist kinematografisch, der Fokus auf die Personen und Ereignisse rückt je nach Situation näher oder entfernt sich von ihnen; der Dialog wird als Erzählmittel eingesetzt, der die Handlung szenisch unterteilt und die dramaturgische Spannung erhöht. Jede Erzählung gibt Zeit und Geschehen klar an, vermittelt den Bewegungsablauf der Personen und beschreibt szenisch vollendet die umgebenden Räume. Außenräume wie urbane Straßen, öffentliche Parks, Seen, Flüsse, Naturlandschaften von außergewöhnlicher Schönheit im Frühling, historische Bauwerke oder solche von besonderer ästhetischer Bedeutung werden lebendig und ausdrucksstark beschrieben. Ebenso werden die Innenräume, Wohnungen, Zimmer, Büros, Begegnungs- und Veranstaltungsräume mit genauen und detaillierten Angaben zu der Möblierung und zu Gegenständen von besonderem künstlerischem oder symbolischem Charakter beschrieben, wie beispielsweise magische Spiegel, Kerzenständer, Bücher, Behältnisse, Stoffe, besondere Dekorationsgegenstände, Edelsteine, die alle zusammen eine angemessene Atmosphäre schaffen.<br />
In diesen Räumen bewegen sich die Charaktere der Erzählungen, Haupt- sowie Nebenfiguren. Einige von ihnen sind erfundene oder möglicherweise dem Autor nahestehende Personen, andere historische Persönlichkeiten; die Art, wie sie in den Erzählungen aufeinandertreffen, ist meisterhaft. Oft sind es psychisch labile Menschen, Wissenschaftler oder Künstler, auf jeden Fall geistreiche und kunstbeflissene Menschen mit philosophischen oder metaphysischen Neigungen, die sich mit Leidenschaft für das einsetzen, was sie lieben, oder der Sache dienen, der sie sich verschrieben haben. Nicht so sehr sie selbst, sondern vielmehr sind es ihre Begegnungen, die als Leitlinie von Handlung und Entwicklung der Erzählungen im Vordergrund stehen und diese vorantreiben.<br />
Das aber, was den Erzählungen – in Verbindung mit all dem bereits Erwähnten – eine besondere Note verleiht, ist der Rahmen, den der Autor entstehen lässt mit Informationen aus Geschichte, den Künsten – vor allem Musik, Malerei, Poesie, Architektur –, den Naturwissenschaften, der religiösen und politischen Philosophie unterschiedlicher Epochen, der Mythologie – vor allem der griechischen Antike –, der Psychoanalyse und der Glaubenslehre, der Theosophie und der Alchemie, aber auch aus den persönlichen Erinnerungen seiner Helden. Oft erscheinen im Erzählfluss Zitate oder Passagen von Dichtern, Schriftstellern oder Philosophen; wie ins Wasser geworfene Kieselsteine erzeugen sie konzentrische Kreise subtiler Andeutungen und Symbole. Das Material, das entweder den Hauptstrang oder die Nebengeschichten säumt, entführt den Leser in Parallelwelten, in denen sich das Erzählmotiv entfalten kann.<br />
Vorherrschende Grundidee der „Geschichten des Frühlings“ ist das Licht: direkt oder indirekt in vielfältig verschlungenen oder offensichtlichen Formen und Ausprägungen. Direkt als apollonisches Los, als malerisches Sonnenlicht, als Flamme in einem sprechenden Spiegel, als reflektiertes Licht in einer finsteren nordischen Kleinstadt, als obsessives Licht von Echnaton und Leonardo da Vinci, als Musik oder als himmlische Zahlenerkenntnis. Direkt als kosmische Materie, Atom und Wellenbewegung in einem, als Polarlicht, als transformative Sonnenstrahlung im Park der Berliner Pfaueninsel oder als gleißende Sonne auf der Athener Akropolis. Auf einer zweiten Ebene als schöpferische Lebenskraft, als plausibles inneres Feuer von Verstand und Seele, als Gedenken und Wahrheit. Ihm gegenüber steht das Motiv von Schatten und Finsternis, als Bürde der menschlichen Existenz, als Verleugnung, Verzweiflung, Angst und Schuld, Schmerz und Trauer, als Vergessen, bewusste oder unbewusste Leugnung des Lebens. Und dazwischen erscheinen Eros und Tod, Weisheit und Irrtum, Irdisches und Extraterrestrisches, Leben und Traum. Katalysator aller ist die Zeit als Allegorie und als Gemarkung der Existenz.<br />
Die Entwicklung dieser Motive bringt die Hauptthemen der Geschichten mit philosophischen, psychologischen und historischen Bezügen zur Geltung. Es entsteht ein narratives Tableau, in dem der Leser parallel zur Erkundung des psychologischen Hintergrunds und der Beziehungen der Personen untereinander an der „dichterischen“ Mythologie teilhaben kann, die wie eine Arche in Form von wertvollen Klang- und Schriftfragmenten der menschlichen Zivilisation erhalten bleibt. Und, am gewichtigsten: Es werden Fragen aufgeworfen über die menschliche Existenz und ihre Beziehung zum Heimischen und Unheimlichen, zum Materiellen und Immateriellen, zum Sichtbaren und Unsichtbaren, zu Welt und Zeit. Mit jedem Schatten, der uns plagt, mit jeder Flamme, die lodert, und das menschliche Leben in Fügung transmutiert.</p>
<figure id="attachment_15344" aria-describedby="caption-attachment-15344" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-15344 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-02_Pythia-und-roter-Wolf.jpg" alt="" width="1024" height="722" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-02_Pythia-und-roter-Wolf.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-02_Pythia-und-roter-Wolf-300x212.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-02_Pythia-und-roter-Wolf-768x542.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-02_Pythia-und-roter-Wolf-450x317.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-02_Pythia-und-roter-Wolf-500x353.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-15344" class="wp-caption-text">Pythia und roter Wolf © beim Autor</figcaption></figure>
<p><strong>Auszug </strong><em>aus der ersten Erzählung der Sammlung</em><br />
PHEMONOË<br />
1. Der süße Zustand</p>
<p>Anfang der 1980er Jahre bekam ich eine Anstellung als Regieassistent bei einem Film, der in München gedreht werden sollte. Da ich in Berlin wohnte, pendelte ich während der Vorbereitungszeit zwischen den beiden Städten.<br />
Die Arbeit war anstrengend, ich machte sie, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber sie hatte auch ihre schönen Seiten. Eine davon war die Zusammenarbeit mit dem technischen Personal: Maskenbildner, Fotografen, Bühnenbildner, Kostümbildner, Garderobiere.<br />
Seit meiner Kindheit hegte ich eine Vorliebe für handwerkliche Berufe. Ich konnte stundenlang dem Tischler zusehen, wie er mit dem Hobel die Bretter bearbeitete, während um ihn herum die Späne im Licht tanzten. Das Gleiche passierte, wenn ich den Schmieden am Amboss zusah, den Friseuren beim Kämmen und Parfümieren frisch gestutzter Bärte und Schnurrbärte, den Schuhmachern beim Erneuern von Sohlen, den Goldschmieden am Zieheisen, den Bauarbeitern beim Mörteln der Ziegelsteine, den Malern beim Streichen von Türen und Fenstern, den Druckern, Setzern und Buchbindern bei der Fertigung von Büchern.<br />
Ihre gezielten, sich wiederholenden Bewegungen und die Melodie der Arbeitsgeräusche hatten etwas Beruhigendes, das keine Vorbehalte zuließ und an Gott bei der Welterschaffung erinnerte. Während ich sie beobachtete, verspürte ich eine Art entspannenden Dämmerzustand, wie bei einer Massage, dem ich sogar einen Namen gegeben hatte: „Der süße Zustand“.<br />
Am meisten faszinierte mich die Kunst des Schneiderns und Nähens. Dafür gab es eine Erklärung. Als ich klein war, musste meine Mutter am Magen operiert werden, was eine lange postoperative Erholungspause erforderte. Mein Vater ging zur Arbeit. Also wurde ich in die Obhut der Tochter einer entfernten Tante gegeben. Diese Tochter Niki war Schneiderin, und wohnte in einer Souterrainwohnung, die teilweise zu einer Schneiderwerkstatt umgebaut war. In dem großen Raum voller Schneiderpuppen, Tischen, Nähmaschinen, Nadelkissen, Scheren, Maßbändern, Nadeln, Stecknadeln, Schnittmustern, Canvas und Stoffen aller Art schnitt Niki mit der Unterstützung zweier Assistentinnen Stoffe zu und nähte, während eine fette Katze herumstreifte und die Klingel ununterbrochen läutete: Kundinnen und Stoffvertreter. Ich war im Wunderland. Als meine Mutter wieder genesen war und ich nach Hause zurückkehrte, war ich fast traurig.<br />
Verständlich also meine Neugier, die Assistentin der Kostümbildnerin des Films kennenzulernen, mit der ich Mitte Mai einen Termin vereinbart hatte.<br />
Es war ein strahlender Tag. Spatzen und Stare zwitscherten in den sattgrünen Platanen des Kurfürstendamms, während in ihrem Schatten zahlreiche Radfahrer zu den Seen der westlichen Stadtteile fuhren.<br />
Ich wartete auf sie in einem Café unter den hohen Bäumen der Nordseite des Ludwigkirchplatzes und gegenüber der neugotischen Kirche mit den Blumenbeeten und dem runden, plätschernden Springbrunnen.<br />
Ich sah sie kommen – und plötzlich trat die frühlinghafte Kulisse in den Hintergrund.<br />
Sie war wunderschön. Blondes Haar, das im Licht schimmerte, wenn sie den Kopf neigte, grüne Augen und unwiderstehliche Grübchen, die beim Lächeln ihren Reiz noch bezaubernder machten.<br />
Sie trug eine eng anliegende schwarze Seidenbluse und ein weißes Kleid mit großformatigem, schwarzem Blumenmuster. Sie war irdisch und zugleich ätherisch und noch schöner als Catherine Deneuve in „Die Regenschirme von Cherbourg“.<br />
Sie hieß Phemonoë.<br />
Der Film, den wir vorbereiteten, war ein Musical, inspiriert von Andersens „Die Schneekönigin“. Phemonoë gab mir eine dicke Kladde mit Farbvorschlägen und Zeichnungen, die sie angefertigt hatte. Alles war von außergewöhnlicher Inspiration und großem Ideenreichtum geprägt. Sie selbst war die personifizierte Begeisterung. Und redete ununterbrochen. Sie hatte so viel zu sagen, dass sie ihre Sätze nicht zu Ende sprach. Sie war voller Ideen, die sie ohne Punkt und Komma entwickelte, ohne Luft zu holen, so dass ich dachte, sie würde jeden Moment ihren letzten Atemzug tun. Was sie sagte, war originell und einfach zugleich, drang direkt zum Kern der Sache vor. Während sie sprach, hielt sie manchmal inne und brach in Gelächter aus. Ich wurde Zeuge ihrer unbändigen Energie, einer frühlinghaften Flut. „<em>Die Pfade wirbeln auf, erzürnt / Wie heftigste Orkane / Wilder als jede Wolkenwand sich türmt</em>“, hatte ich bei Pasternak gelesen, und diese Verse schienen wie für sie geschrieben zu sein.<br />
Das Besondere an dem Film, den wir drehen wollten, war, dass die Kostüme weder von der Stange sein, noch von Freunden und Bekannten zusammengetragen oder aus dem Kostümfundus stammen sollten. Die Kostüme sollten extra dafür genäht werden. Und weil Phemonoë in Berlin eine Werkstatt ausfindig gemacht hatte, die zum halben Preis nähte, hatte sie sich für die Dauer der Filmvorbereitungen in einer kleinen Wohnung eingerichtet.<br />
Meine zukünftige Mitarbeiterin hatte in London Modedesign studiert, anschließend eine Lehrzeit bei Hugo Boss absolviert und war nun dabei, ihre Flügel auszubreiten. Es war ihr erster Film. Die Arbeit im Filmgeschäft betrachtete sie als Mittel zum Zweck. Diese junge Frau träumte davon, eine zweite Coco Chanel zu werden, wie diese die geltenden Konventionen zu brechen und eine neue Ausdrucksform zu finden. Die Zeichen standen günstig, in den 80er Jahren spielte Stil eine große Rolle.<br />
„Was halten Sie von Coco Chanel, Herr Assistent?“, fragte sie mich irgendwann nach dem vierten Kaffee und dem dritten Mandelkuchen, während sie einen frechen Spatz beobachtete, der auf unseren Tisch geflattert war, um Krümel zu picken.<br />
„Ich verstehe nichts von Mode“, sagte ich ihr, „aber das Nähen hat mich schon immer fasziniert“ – und erzählte ihr von meinem Aufenthalt als Kind in Nikis Wohnung.<br />
Ihre Augen leuchteten auf.<br />
„Dann ist es an der Zeit, ein neues Kapitel in deiner Beziehung zur Welt der Stoffe aufzuschlagen“, sagte sie und teilte mir mit, dass sie am Wochenende in München an einer Veranstaltung teilnehmen werde, bei der junge Designerinnen und Designer ihre Arbeiten in einem Hotel präsentieren würden.<br />
„Kommst du vorbei?“<br />
„Ja“, erwiderte ich, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Als ich nach Hause kam, rief ich sofort die Mitfahrzentrale für eine Fahrt nach München an.</p>
<p>Drei Tage später sah ich weibliche und männliche Models über den Laufsteg des Hotels „Die vier Jahreszeiten“ defilieren.<br />
Der Saal war brechend voll. Freunde und Bekannte, Verwandte, aber auch einige Journalisten. Ich stand in einer Ecke, versuchte, ruhig zu atmen, und hatte neben mir eine große Frau mit strengem Blick in schwarzem Kostüm und Reitstiefeln. Eine beeindruckende, imperiale Erscheinung. Jedes Mal, wenn wir uns ansahen, lächelten wir uns zu.<br />
Phemonoë kam irgendwann freudig errötet  zu mir und stellte uns vor.<br />
Es war ihre Mutter. Sie hieß Karin.<br />
Als die Mutter meinen Namen hörte, ich heisse Kimon, verdunkelte sich ihr Gesicht. Sobald Phemonoë wieder gegangen war, fragte sie mich: „Sind Sie Grieche?“<br />
„Ja. Warum?“, fragte ich.<br />
„Ach nichts“, meinte sie. „Mein Mann hat Verbindungen zu Griechenland. Zum antiken Griechenland, um genau zu sein.“<br />
Nachdem sie erfahren hatte, was mich in den europäischen Norden geführt hat, und wir kurz über den Film gesprochen hatten, den wir vorbereiteten, wollte sie wissen, was ich von ihrer Tochter halte.<br />
„Sie ist großartig“, sagte ich zu ihr, „sie wird es weit bringen.“<br />
Sie seufzte.<br />
„Warum, haben Sie Zweifel?“, fragte ich sie.<br />
„An ihrem Talent nicht“, antwortete sie.<br />
„Aber?“<br />
„Ich hoffe, sie kommt davon los &#8230;“, murmelte sie.<br />
„Wovon?“, fragte ich.<br />
„Von bestimmten schlechten Einflüssen“, meinte sie, und plötzlich verfinsterte sich ihre Miene.<br />
„Was meinen Sie damit?“ hakte ich nach.<br />
„Interessiert Sie das?“ fragte sie.<br />
„Sehr“, antwortete ich.<br />
„Nun ja, ich merke es“, lächelte sie. „Sie haben sich in sie verliebt. Es hat keinen Sinn, es zu leugnen, das sieht man schon von weitem. Ich sage Ihnen eins: Seien Sie vorsichtig. Sie ist sehr schwierig.“<br />
„Warum sagen Sie das?“, fragte ich, immer neugieriger, es zu erfahren.<br />
„Das erkläre ich Ihnen ein anderes Mal“, sagte sie.<br />
„Nein, jetzt“, beharrte ich.<br />
„Jetzt geht das nicht, bei all dem Trubel.“<br />
„Ich bitte Sie innig“, sagte ich so überzeugend und eindringlich wie möglich. Sie verzog das Gesicht, als würde sie kapitulieren.<br />
„Wie Sie wollen“, sagte sie. „Kommen Sie mit.“<br />
Wir verließen den Saal und gingen zur Hotelbar. Sie war menschenleer.  Wir bestellten Dry Martinis und machten es uns in zwei Sesseln bequem.<br />
„Sie müssen wissen“, sagte die Frau, „dass das, was ich Ihnen erzählen werde, mich nachts oft wachhält.“</p>
<figure id="attachment_15340" aria-describedby="caption-attachment-15340" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-15340 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-03_Priesterin.jpg" alt="" width="1024" height="765" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-03_Priesterin.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-03_Priesterin-300x224.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-03_Priesterin-768x574.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-03_Priesterin-450x336.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-03_Priesterin-500x374.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-15340" class="wp-caption-text">Priesterin © beim Autor</figcaption></figure>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-15354 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2025/07/lyg-04_NL-1-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p><strong>Der Autor</strong><br />
Nicos Ligouris wurde in Athen geboren und lebt in Berlin. Er studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, seine Diplomarbeit war der Film „Mitteleuropa“. Er schrieb Kritiken für die Filmzeitschrift „Synchronos Kinimatographos“. Zu seinen Filmen gehören „Nebel unter der Sonne“, „Erebos“, „Herz aus Stein“, „Sommerblitze“, „Die Liebenden der Axos“, „Sultan Ahmed ist aufgewacht“, „Der Dialog von Berlin“ sowie eine Reihe von Porträts von Regisseuren wie Theo Angelopoulos, Jacques Doillon, Paul Vecchiali und Alexander Sokurov. Im August 2022 war in Griechenland beim Verlag <em>To Rodakio </em>seine Erzählsammlung „Elf Sommergeschichten“ erschienen.</p>
<p>::: <em>Nicos Ligouris auf diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/?s=nicos+ligouris">hier</a> // <em>Werk und Auszeichnungen</em> <a href="https://diablog.eu/literatur/personen/nicos-ligouris/">hier</a> // <em>Interview vom 29.03.2025 zum besprochenen Buch</em> <a href="https://www.haniotika-nea.gr/nikos-lyggoyris-oi-lexeis-enechoyn-aioniotita-athanasia/">hier</a> (auf EL)</p>
<p><em>Ausschnitt: Nicos Ligouris. Buchkritik: Anna Lambardaki, </em><em>mit freundlicher Genehmigung</em><em> der Literaturplattform „Hartis“, </em><a href="https://www.hartismag.gr/hartis-76/biblia/efta-istories-tis-anoiksis">hier</a> <em>(auf EL; # 76, April 2025). Abbildungen: Verlag Agra, Nicos Ligouris. </em><em>Übersetzung der Texte und </em><em>Redaktion: A. Tsingas. Gedichta</em><em>usschnitt</em><em>:</em> <em>Boris Pasternak, Meine Schwester – das Leben; Werkausgabe, Band 1. Gedichte, Erzählungen, Briefe;</em> <em>Fischer, Frankfurt a.M. 2025<br />
</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ohne dich, Hellas – die 63. Ausgabe der Zeitschrift metamorphosen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Jul 2025 07:38:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzung]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Fokus der 63. Ausgabe der metamorphosen stehen Griechenland und seine Literatur; die Verleger Ingo Držečnik und Roman Pliske haben Beiträge von mittlerweile zu Klassikern gewordenen sowie von zeitgenössischen griechischen Autorinnen und Autoren zusammengestellt. Die ... <p class="read-more-container"><a title="Ohne dich, Hellas – die 63. Ausgabe der Zeitschrift metamorphosen" class="read-more button" href="https://diablog.eu/uebersetzung/ohne-dich-hellas-die-63-ausgabe-der-zeitschrift-metamorphosen/#more-15434" aria-label="Mehr Informationen über Ohne dich, Hellas – die 63. Ausgabe der Zeitschrift metamorphosen">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Im Fokus der 63. Ausgabe der <em>metamorphosen</em> stehen Griechenland und seine Literatur; die Verleger Ingo Držečnik und Roman Pliske haben Beiträge von mittlerweile zu Klassikern gewordenen sowie von zeitgenössischen griechischen Autorinnen und Autoren zusammengestellt.</p>
<p><strong>Die Veranstaltung</strong><br />
<strong>Wann</strong>: Mittwoch, 6. August 2025 um 18:30 Uhr<br />
<strong>Wo</strong>: Ingeborg-Drewitz-Bibliothek („Schloss“, Grunewaldstraße 3 , 12165 Berlin-Steglitz, 3. OG)<br />
Eintritt frei; Voranmeldung erwünscht per Telefon (030) 90299 2410 oder eMail <a href="mailto:event-bibliothek@ba-sz.berlin.de">event-bibliothek@ba-sz.berlin.de</a><br />
Die Übersetzerinnen Andrea Schellinger (Athen) und Peter Holland (Berlin) stellen einige der Autorinnen und Autoren der Sammlung vor, der Lyriker Giorgos Lillis (Bielefeld) wird eigene Gedichte vortragen. Die Veranstaltung moderiert der Herausgeber Ingo Držečnik.</p>
<p>&nbsp;</p>
<figure id="attachment_15446" aria-describedby="caption-attachment-15446" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-15446 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2025/07/odh_1-450x391.jpg" alt="" width="450" height="391" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/07/odh_1-450x391.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/07/odh_1-300x261.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/07/odh_1-768x668.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/07/odh_1-500x435.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/07/odh_1.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-15446" class="wp-caption-text">Stand des Elfenbein Verlags auf der Leipziger Buchmesse 2025</figcaption></figure>
<p><strong>Die Buchvorstellung</strong><br />
von Elena Pallantza</p>
<p>Unter dem Titel <em>Ohne dich, Hellas</em> ist die 63. Ausgabe der deutschsprachigen Literaturzeitschrift <em>metamorphosen</em> dem modernen Griechenland und seiner Literatur gewidmet. Die Herausgeber Ingo Držečnik und Roman Pliske verbergen nicht – und warum sollten sie auch? – ihren philhellenischen Hintergrund und richten den Blick auf die Vielstimmigkeit der griechischen Lyrik und Prosa der letzten hundert Jahre: eine Literatur, die weiterhin geschrieben und übersetzt wird, die bewegt und überrascht.<br />
Die Hommage versäumt es dabei nicht, dem Kanon des neugriechischen Modernismus gebührend Tribut zu zollen – mit teils weniger bekannten Texten von Kavafis, Seferis, Embirikos und Ritsos –, lenkt den Fokus jedoch vor allem auf Stimmen der jüngeren Generation: Christos Asteriou, Rea Galanaki, Phoebe Giannisi, Michalis Ganas, Katerina Gkiouleka, Thanasis Lambrou, Giorgos Lillis, Jenny Mastoraki, Maria Stefanopoulou, Ursula Foskolou und Panagiotis Chatzimoysiadis.<br />
So gelingt es dem Band nicht nur, zentrale Motive sichtbar zu machen, die sich in der griechischen Literaturproduktion im fortwährenden Dialog mit Licht, Landschaft, Menschen und Erinnerung entfalten, sondern auch, die Karten der literarischen Rezeption Griechenlands im deutschsprachigen Europa auf kreative Weise neu zu mischen.<br />
Vielmehr als eine repräsentative Gesamtschau versteht sich diese Anthologie als Lektürevorschlag, der sich seiner Grenzen bewusst ist – und Raum für Weiterführungen schafft. Ihr Ziel ist es, das Palimpsest der zeitgenössischen griechischen Literaturlandschaft exemplarisch und andeutungsreich zu skizzieren – nicht im Rückgriff auf Autoritäten, sondern durch das Aufzeigen von Wegen und Konstellationen. In diesem Sinne gleicht das Heft erfreulicherweise eher dem Notizbuch eines philhellenischen Lesers als einem „Kanon“ nationaler Literatur.<br />
Von zentraler Bedeutung für das literarische Porträt griechischer Identität, das hier entsteht, ist zudem die Rolle der Übersetzerinnen und Übersetzer – etwa Ina Berger, Günter Dietz, Peter Holland, Christiane Horstkötter, Ina und Asteris Kutulas, Elena Pallantza, Michaela Prinzinger, Andrea Schellinger, Herbert Speckner, Athanassios Tsingas und Theo Votsos. Sie agieren nicht nur als Interpreten, sondern vor allem als Vermittler der neugriechischen Literatur gegenüber dem deutschsprachigen Publikum. Mit ihren Übersetzungsentscheidungen gestalten sie Räume kultureller Begegnung mit, in denen Stimmen hörbar werden, die nicht nur untereinander, sondern auch im europäischen Kontext in Dialog treten.<br />
Die Ausgabe beschränkt sich schließlich nicht auf Übersetzungen griechischer Werke. Sie überrascht angenehm, indem sie auch Texte deutscher Autoren wie Herbert Genzmer, Tobias Herold, Andreas Holschuh und Konstantinos Kammenos einbezieht, die sich von der griechischen Natur und Gegenwartskultur inspirieren lassen – und mit neuen Mitteln die Tradition der Reisenden fortschreiben: ein fremder Blick, der nicht idealisiert, sondern horcht, beobachtet und sich reflektierend – mitunter kritisch oder humorvoll – auseinandersetzt. Illustriert wird die geschmackvoll gestaltete Ausgabe mit elf Schwarzweiß-Fotografien von Klaus Pichler.<br />
<em>Ohne dich, Hellas</em> ist eine Reise, eine Wiederverbindung, ein Versuch, den <em>genius loci</em> eines kulturellen Ursprungsortes erneut – und mit anderen Mitteln – einzufangen; einem Ort, der die Kraft bewahrt, das Verlangen nach geistiger Heimkehr immer neu zu entfachen.</p>
<p><strong>Das Heft</strong><br />
<span id="productTitle" class="a-size-large celwidget" data-csa-c-id="e4mpt-2xnb37-2jmgrs-u2b77h" data-cel-widget="productTitle">metamorphosen. Zeitschrift für Literatur: <em>Ohne dich, Hellas</em> (Nr. 63)</span><br />
<span class="a-list-item"> Elfenbein Verlag, Berlin 2025</span><br />
<span class="a-list-item"> <span class="a-text-bold">Sprache: ‎ </span> Prosa deutsch, Lyrik griechisch und </span><span class="a-list-item">deutsch </span><br />
<span class="a-list-item">128 Seiten, 10 Euro</span><br />
<span class="a-list-item"><span class="a-text-bold">ISBN-13: ‎ </span> 978-3961609017 </span></p>
<hr />
<p>Die Geschichte der Zeitschrift für Literatur <em>metamorphosen </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metamorphosen_(Zeitschrift)">hier</a> // Archiv <a href="http://metamorphosen-zeitschrift.de/archiv/">hier</a> // Impressum <a href="http://metamorphosen-zeitschrift.de/impressum/">hier</a><br />
Die Verleger Ingo Držečnik <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ingo_Dr%C5%BEe%C4%8Dnik">hier</a> und Roman Pliske <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Pliske">hier</a><br />
Der Elfenbein Verlag <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Elfenbein_Verlag">hier</a> // der Mitteldeutsche Verlag <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mitteldeutscher_Verlag">hier</a> (Wikipedia<em>)</em><br />
Die Griechische Buch- und Kulturstiftung, Zweigstelle Berlin <a href="https://elivip.gr/annex/berlin/">hier</a> (auf EL)</p>
<p><em>Buchvorstellung: Elena Pallantza. </em><em>Erschienen zuerst bei </em>o anagnostis <a href="https://www.oanagnostis.gr/quot-choris-esena-ellada-quot-sti-leipsia-grafei-i-elena-palatza/">hier</a> <em>(auf EL); bei diablog.eu mit freundlicher Genehmigung des Verlags.</em><em> Foto: o anagnostis und Elfenbein Verlag. Redaktion: A. Tsingas.<br />
</em></p>
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		<title>Dendriten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Jul 2025 09:32:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Dendriten ist eine Geschichte von Flucht, Hoffnungen und den Dämonen, die man auch und gerade dann nicht loswird, wenn man ein neues Land betritt. Kallia Papadaki erzählt mit psychologischem Feingefühl die Geschichte einer Familie, die ... <p class="read-more-container"><a title="Dendriten" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/dendriten/#more-15198" aria-label="Mehr Informationen über Dendriten">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Dendriten ist eine Geschichte von Flucht, Hoffnungen und den Dämonen, die man auch und gerade dann nicht loswird, wenn man ein neues Land betritt.</p>
<p>Kallia Papadaki erzählt mit psychologischem Feingefühl die Geschichte einer Familie, die ganz im Sinne Tolstois einzigartig in ihrem Unglück ist. Wie die feinen Verästelungen einer Stadtkarte hängen die Schicksale der Figuren zusammen, meisterhaft gewebt führt eine Straße zur nächsten und zur übernächsten, bis irgendwann eine Sackgasse erreicht ist und es nicht mehr möglich ist, der eigenen Verantwortung zu entfliehen.</p>
<p><strong>Die Geschichte</strong><br />
Antonis Kambanis ist zweiundzwanzig Jahre alt, als er in Amerika ankommt. Er besitzt nichts als einen italienischen Pass – dabei spricht er nicht einmal Italienisch. Seine Heimat, die Insel Nisyros, befindet sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter italienischer Herrschaft.<br />
Antonis hat kein Glück: Als ihm auch der letzte Penny abgenommen wird und der Amerikanische Traum ausgeträumt scheint, gerät er an Tony Mecca, der ihn in die Familie aufnimmt. Nicht ganz uneigennützig, denn dieser braucht Hilfe bei seiner illegalen Grappa-Produktion. Durch diese Wohltat legt Mecca den Grundstein für eine über mehrere Generationen greifende Familiengeschichte.</p>
<hr />
<p><strong>Die Buchvorstellung</strong><br />
<em><strong>Dendriten – von griechischen Auswanderern in den USA</strong></em><br />
<em>von Thomas Plaul</em></p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-15219 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2025/06/den-10_snowflake_colorized_early_experimental_digital_photography_by_Rick_Doble-300x276.png" alt="" width="300" height="276" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/06/den-10_snowflake_colorized_early_experimental_digital_photography_by_Rick_Doble-300x276.png 300w, https://medien.diablog.eu/2025/06/den-10_snowflake_colorized_early_experimental_digital_photography_by_Rick_Doble.png 380w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
<p>Dendriten, vom griechischen dendro/ δένδρο (dt. Baum) abge­leitet, bezeichnen zum einen ver­zweigte Fortsätze, die die Oberfläche von Nervenzellen vergrößern und mitverantwortlich für Lernvorgän­ge des Gehirns sind, zum anderen verästelte Kristallstrukturen, wie sie etwa Schneeflocken darstellen. Kallia Papadaki mag beides im Sinn gehabt haben, als sie ihrem 2015 im Original erschienenen, zwei Jahre später mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichneten und nun von Michaela Prinzinger famos ins Deut­sche übertragenen Roman den Titel „Dendriten&#8220; (Δενδρίτες) gab, denn ihre Protagonisten müssen stets Neues über die Realität und sich selbst lernen und dabei feststellen, dass die schönen Momente in ihrem Leben wie Schnee­flocken wegschmelzen.</p>
<p><strong>Schönheit ohne Spuren</strong><br />
Dieses Schneeflockenbild wie über­haupt das Motiv des Schnees hat sich Papadaki freilich geliehen: Der ameri­kanische Farmer Wilson Bentley, dem es Ende des 19. Jahrhunderts als einem der ersten gelungen ist, Schneeflocken zu fotografieren, hat einmal beklagt, dass mit dem Schmelzen der Schnee­flocken „viel Schönheit verschwindet, ohne die geringste Spur zu hinterlas­sen&#8220; – Papadaki widmet ihm das letz­te Kapitel ihres Romans. Im Kapitel davor beendet sie die von ihr erzähl­te Geschichte um zwei Einwanderergenerationen aus Griechenland in die USA in deutlicher Anlehnung an die berühmten Schlusssätze der Erzählung „Die Toten&#8220; von James Joyce: Als Basil Kambanis seinen Vater Antonis im Altenheim besucht, schneit es „drau­ßen&#8220; und nun „auch drinnen&#8220;, und Basil begreift, dass sie bald „alle von Schnee bedeckt sein&#8220; werden, sprich der Tod sie holen und keine Spur von ihnen in der Welt zurückbleiben wird.</p>
<p><strong>Machtlos ausgeliefert</strong><br />
Anfang der 1920er-Jahre emigriert der aus Nisyros stammende Antonis Kambanis in die USA und versucht, in Camden in New Jersey eine Existenz aufzubauen, was ihm eher schlecht als recht gelingt. Ähnlich sieht es mit seiner Ehe mit der aus Lesbos stam­menden Rallou aus: Nach anfänglich schönen Zeiten zerbricht diese an Rallous Alkoholismus und seiner Gewalt­tätigkeit. Ihr Sohn Vassilis wiederum grenzt sich von seinen desillusionierten Einwanderereltern ab und ver­sucht sich mit der anglisierten Form seines Namens eine amerikanische Identität zuzulegen. Doch auch er, Basil, vermag die schönen Momente in seinem Leben nicht festzuhalten, seine Ehe mit der 68er-bewegten Susan zer­schellt an den Alltagsherausforde­rungen, die, wie schon bei Antonis, von den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Zeit geplagt sind, denen sie machtlos ausgeliefert sind.</p>
<p><strong>Härten der Fremde</strong><br />
Die 1978 geborene Kallia Papadaki erzählt die Lebensläufe von Vater und Sohn Kambanis und damit die zwei verschiedenen Erzählstränge und Zeitebenen zunächst parallel und führt sie erst im Laufe des Romans zusammen. Das Erzähltempo ist rasant, die Handlung spannt sich über sechzig Jahre und lässt histori­sche Ereignisse im Hintergrund mit­laufen, etwa die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre, den Zweiten Weltkrieg, den von Howard Unruh 1949 in Camden verübten ersten Mas­senmord der US-Geschichte oder die Ölkrise von 1973.<br />
Die griechische Autorin hat eine grie­chische Tragödie mit griechischen Dar­stellern ins 20. Jahrhundert und in die USA verlegt, das Leben ihrer Figuren ist von wenigen Glücks- und vielen Unglücksmomenten gekennzeichnet wobei sie alle – trotz allem Bemühen – dem Schicksal des Scheiterns nicht entkommen. Eine hervorragend und zuweilen mit ironischen Untertönen erzählte (Wirtschafts-)Migrantengenschichte, die von Hoffnung und Ent­mutigung und den Härten der Fremde sowie des Fremdseins handelt – als wär&#8217;s ein Stück von heute.</p>
<p>::: <em>Wilson Bentley</em> <a href="https://www.uni-regensburg.de/bibliothek/schnee/kristalliner-schnee/wilson-bentley/index.html">hier</a> <em>inkl. Literatur</em></p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-15223 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2025/06/den-01_DE-Cover-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/06/den-01_DE-Cover-189x300.jpg 189w, https://medien.diablog.eu/2025/06/den-01_DE-Cover-450x716.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/06/den-01_DE-Cover-500x795.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/06/den-01_DE-Cover.jpg 644w" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" /></p>
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Kallia Papadaki: <em>Dendriten</em><br />
Roman, aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger<br />
Parrhesia Verlag, Berlin 2024, 223 Seiten<br />
ISBN 978-39873-100-34, Preis 19,50 Euro<br />
Parrhesia Verlag <a href="https://parrhesia-verlag.de/">hier</a></p>
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<hr />
<p style="text-align: left;"><strong>Der Ausschnitt, </strong>Kapitel X</p>
<p style="text-align: left;"><em>Thanksgiving-Dinner:</em><br />
<em>Der Kinderstuhl aufgestellt </em><br />
<em>im leeren Raum</em><br />
Nick Virgilio</p>
<p>Antonis Kambanis hatte nicht vor, sich zu verlieben. Im Lauf der Jahre hatte er sich damit abgefunden, dass er ohne Nachkommen altern und in seiner kleinen Junggesellenwohnung mit dem Hinterhofgarten einsam und allein seine Augen für immer schließen würde. Seine Ersparnisse wollte er der Krebshilfe spenden, um Unglück von sich abzuwenden, denn er glaubte an das verdammte Schicksal, ganz wie seine Mutter und seine glücklosen Vorfahren, die nur Armut und Krankheit erlebt hatten. Trotzdem hatte er sich von seinem Geschäftspartner aus Saloniki nach langem Zögern überreden lassen, zum Jahresball des Griechisch-Amerikanischen Progressiven Bildungsvereins im Luxushotel „Walt Whitman“ mitzukommen. Er holte seinen alten, mottenzerfressenen Anzug aus dem Schrank, und als er ihn anprobierte, stellte er zu seinem großen Bedauern fest, dass er in den elf Jahren seit dem Tod seiner Mutter genauso viele Kilos zugenommen hatte, die Hosenstulpen eine ganze Handbreit zu kurz waren und das Sakko nicht mehr zuging. In dieser erbärmlichen Aufmachung konnte er sich unmöglich auf dem Ball sehen lassen. So gab er seinem Geschäftspartner kleinmütig Bescheid, er habe Fieber und die Knochen täten ihm weh, und er solle nicht mit ihm rechnen. Doch Takis kannte seinen schwerfälligen, mutlosen Freund, und als er ihm auf den Zahn fühlte und merkte, wo das Problem lag, schickte er noch am selben Tag die levantinische Schneiderin mit einem Leihanzug vorbei. Die Zeit drängte, und eilig brachte sie sein Äußeres so weit auf Vordermann, dass Antonis Kambanis am 22. April 1933 um Viertel nach acht unverhofft gut gekleidet in seiner Wohnung vor dem Spiegel stand.</p>
<p>Für die griechisch-amerikanische Gemeinde war der jährliche Tanzabend zweifellos das größte Ereignis des Jahres nach dem heiligen Osterfest, bei dem sich die angesehenen Bürger ein eindrucksvolles Stelldichein gaben. Da man trotz der erheblichen wirtschaftlichen Not jedes Mal die alten Kleider und Anzüge auftrennte und daraus nach den aktuellen Modetrends neue nähen ließ, erfreute sich Antonis Kambanis, ohne sich dessen bewusst zu sein, einer allgemeinen, stillen Wertschätzung. In seinem kleinen Laden bekamen zahlreiche Kleider und noch mehr Anzüge eine zweite Chance, und seine Schneiderin, die aus Stroh Gold spinnen konnte, trug den Spitznamen „Rockefeller mit der Nähnadel“. Man munkelte, auch Damen der guten Gesellschaft, die finanziell in der Bredouille waren, schlichen sich kurz vor Ladenschluss zu ihr und vertrauten ihr heimlich ihre prächtigen, beweglichen Güter an – ihre teuren Kleider, die mit der Zeit Form und Glanz verloren hatten und ausgebessert, retuschiert und renoviert werden mussten. Während Takis aus Saloniki die doppelt gesteppten Säume der Levantinerin bewunderte, stand Antonis Kambanis, von all den raschelnden Kleidern und den süßen, betörenden Düften betäubt, in einer Ecke und betrachtete gleichgültig die Musikkapelle, die gerade die Bühne betreten hatte und griechischen Foxtrott und Tango zum Besten gab. Als die Sängerin mit sinnlich-rauer Stimme mal von einer neuen Liebe sang, mal den unvergesslichen Zeiten einer alten Liebe nachtrauerte, spielte Kambanis mit dem kleinen, stumpf gewordenen Taufkreuz an seiner Halskette, das er in seinen zweiunddreißig Lebensjahren noch nie abgelegt hatte.</p>
<p>Da erblickte er sie, wie sie aufrecht und allein in der Menge stand, das Spendenkörbchen für die Vereinsmitglieder in der Hand. Zwei Minuten später sah er, wie sie graziös durch den Saal wirbelte und mit einer Gruppe gut gekleideter Herren scherzte, während deren Ehefrauen, die sich am Rande der Gruppe und des Gesprächs befanden, ihr giftige, zornerfüllte Blicke zuwarfen. Antonis Kambanis nahm seinen ganzen Mut zusammen, ging auf sie zu, warf seinen Obolus für den Bau der griechisch-orthodoxen Kirche ins Spendenkörbchen und sprach sie schüchtern an. Sie war fast zehn Jahre älter als er, mit schönen, feinen Zügen, die von ihren vierzig Jahren und von den Sorgen des Lebens ein wenig kantiger, aber nicht hässlicher geworden waren. Das Wunderbarste an ihr waren die graugrünen, hypnotisierenden Augen, die einen zwangen, nach ihrem Rhythmus zu tanzen. Als Antonis Kambanis, der mit Frauen unerfahren und tollpatschig war, unter ihrem langen Blick ganz verwirrt erneut sein Portemonnaie zückte, um Geld ins Körbchen zu werfen, lachte sie ungezwungen, hielt seine Hand fest und winkte ab: „Das reicht schon!“ Seine ersten Dollars seien genug, um den Zweck zu heiligen, und dann stellte sie sich vor: „Ich bin Rallou, Rallou aus Lesbos“. Mit einem „Antonis, Antonis Kambanis“ gab er ihr die Hand, und sie verschwand mit einer mädchenhaften Drehung und einem tiefen, perlenden Lachen aus seinem Blickfeld und blieb ein paar Grüppchen weiter mit dem Körbchen und Arm in Arm mit ihrer Freundin aus Smyrna stehen. Es war fast Mitternacht, der Höhepunkt des Abends näherte sich. Beim letzten Glockenschlag ließen alle wie auf Kommando die guten Taten und wohltätigen Zwecke des vergangenen Tages hinter sich und signalisierten der Kapelle, griechische Tänze zu spielen.</p>
<p>Er musste sie noch einmal ansprechen! Dieser heftige Wunsch wurde immer quälender, er drang ihm unter die Haut und raubte ihm den Atem. Er suchte nach Mitteln und Wegen, sich ihr zu nähern, vom Tanzen hatte er keinen blassen Schimmer, seine Bewegungen waren, obwohl er eigentlich wendig und sehnig war, alles andere als harmonisch. Wie ein Holzklotz stand er in einer Ecke und lauerte auf den Moment, da sie zufällig neben ihm stehenbleiben würde, um sie mit schmeichelnden Worten für sich zu gewinnen. Aber die beiden Male, da sie auf ihn zukam, packte er die Gelegenheit nicht beim Schopf, denn ein Dritter rief nach ihr, oder eine Freundin begrüßte sie. Antonis Kambanis saß auf glühenden Kohlen, und als es Viertel nach zwei war, fand er sich damit ab, dass er nicht den Mumm hatte, sich ihr zu nähern. Er verließ seinen Posten und wandte sich zur Toilette, wo er beim Klang glühender Liebesklagen geduldig wartete, bis er an der Reihe war. Aber plötzlich sah er sie, er erkannte ihre Silhouette hinter der Milchglasscheibe der Tür und ihre Hände, die sich im Waschbecken vom Wasserstrahl streicheln ließen. Wie ein Rammbock stürmte er nach vorn, um ihr die Worte zu sagen, die er die ganze Zeit schon mit sich herumtrug und immer wieder vor sich hersagte. Jetzt aber blieben sie an seinen Lippen hängen, balancierten auf der Kippe zwischen innen und außen und machten ihn zum Gespött. Sie stockten, ohne den verzweifelten Schritt – egal, was daraus würde – nach draußen zu wagen. Da die Sprache ihm nicht gehorchte, übernahmen die Hände das Reden und taten, was tausend Worte nicht hätten leisten können: Er löste die Kette mit dem Taufkreuz und legte sie ihr um den Hals. Rallou schlug tief gerührt die Augen nieder und neigte den Kopf vor dem Mann, der sie zu seiner Frau und zur Herrin seines Hauses ausersehen hatte.</p>
<p>Rallou brachte nichts weiter mit in die Ehe als ihre Fröhlichkeit und ihr hübsches Aussehen, sie war wie der Morgentau, der den Blättern neues Leben einhaucht und die Blütenstempel zum Glitzern bringt. Sofort ging sie auf Antonis Kambanis’ Angebot ein, denn er war anders als die anderen, schüchtern, aber handwerklich geschickt, und was andere als Charakterschwäche deuteten, war in Rallous Augen Respekt. So trat sie im Oktober 1933 mit ihm die Reise ins unbekannte Land der Ehe an, sie gründeten ihren Hausstand in Kambanis’ kleiner Bude, mehr Platz brauchten sie nicht. Anfangs gingen sie gemeinsam zur Arbeit in die „Zweite Chance“, alles lief wie am Schnürchen und mit schöner Regelmäßigkeit, nur Takis aus Saloniki waren die kleinen Veränderungen, die ihm auffielen, ein Dorn im Auge: Die Ikone des heiligen Demetrios zu Pferd, des Stadtheiligen von Saloniki, hing jetzt an einer anderen Wand und an ihrer Stelle eine Stickerei aus Lesbos. Der Pfriem lag nicht am gewohnten Platz, und ständig lagen Krümel auf Arbeitstresen und Fußboden. Er fühlte sich in die Enge getrieben, es gab Momente, wo er alles hinschmeißen, seinen Anteil nehmen und einfach abhauen wollte, denn er war ein reizbarer, sprunghafter Charakter und ein Frauenhasser obendrein. Er zündete sich eine Zigarette nach der anderen an, um seine Nerven zu beruhigen und sein heimliches Verlangen nach der Frau aus Lesbos zu bändigen. Ihm gegenüber hatte sie sich vor Jahren geziert, damals hatte sie ihn links liegen lassen, und jetzt schwang das Weibsbild das Zepter, und noch dazu in seinem eigenen Laden, was für ein Alptraum.</p>
<p>Der böse Wind, der durchs Geschäft wehte, wollte sich nicht legen; es musste ein Fallwind sein, der alles durcheinanderwirbelte. Auch der ersehnte Regen blieb aus, um die Streitereien fortzuspülen, die sich wie dicker Staub auf die Oberfläche der Dinge senkten. Mit der Zeit wirkten sie trüb und unkenntlich und nicht mehr so unantastbar wie einst. Das einzige, was Antonis Kambanis interessierte, war seine Arbeit und sein Anteil am Gewinn. Takis schwieg zu allem, was seiner Meinung nach schiefging, obwohl es ihn nervte. Stattdessen begann er, durch gehässige Kommentare und spitze Bemerkungen fein dosiert sein Gift zu versprühen. Sein Verhalten wurde so unerträglich, dass nur noch Rallous Geschrei ihm Paroli bot und zur Vernunft brachte. So verfestigte sich Tag für Tag, Woche für Woche ein düsteres Ritual, das die Stammkundschaft mit seiner unerbittlichen Wucht überraschte, mit den Jahren jedoch ein vertrauter und wunderlicher, aber nicht wegzudenkender Bestandteil der „Zweiten Chance“ wurde. Takis schimpfte und setzte Rallou herab, doch sie ließ sich nicht unterkriegen und gab ihm die Komplimente so zurück, dass es selbst dem Hartgesottensten die Schamröte ins Gesicht trieb. Immer wenn Antonis Kambanis versuchte einzuschreiten, geriet er zwischen die Fronten. Am Schluss hatte er die Schnauze voll und kapitulierte vor dem Zorn der anderen. Er hielt sich aus den Streitereien heraus und stürzte sich mit unermüdlichem Einsatz in die Arbeit. Dabei bewies er so viel Talent und Hingabe, dass er schon zwei Jahre später die zweite Filiale in Parkside eröffnen konnte.</p>
<p>Ein neues Zeitalter brach an. Im Dezember 1933 wurde das Prohibitionsgesetz durch den 21. Zusatzartikel der US-Verfassung aufgehoben. Der Chemie-Krieg war zu Ende, den die Regierung Coolidge den Trinkern im Winter 1926 erklärt hatte. Alkohol war dabei mithilfe von Methylalkohol, Benzin und Formaldehyd denaturiert worden, was Tausenden amerikanischen Bürgern, wie auch Mediziner einräumen mussten, das Leben gekostet hatte. Ahnungslos konsumierten sie blau getönten, für den Verzehr ungeeigneten Whisky, dessen chemische Zusammensetzung für die industrielle Erzeugung von Farben und Brennstoffen gedacht war. Auf der Suche nach Ethanol erschlichen sich Mafiosi Zugang zu den Fabriklagern, überschwemmten den Markt mit toxischen Substanzen und behaupteten fälschlich, es handele sich um frisch gebrannte „Topqualität“, Natur pur. Antonis Kambanis, der in seiner Jugend mit „Gina“, dem Leichenwagen, palettenweise „Topqualität“ ausgefahren hatte, rief sich damals, 1933, immer wieder den mörderischen Grappa, der Tote zum Leben erweckte, in Erinnerung, als halte er einen Gedächtnisgottesdienst. Eine bittere, düstere Wehmut erfasste ihn und brannte sich in sein Inneres. Aber dann beschloss er, alles zu vergessen und sich nur an die guten, spendablen Zeiten zu erinnern, die er erlebt hatte, und daran, dass die besten Zeiten noch bevorstanden. Also bündelte er in der Geldschatulle die Dollarscheine für den Sohn, den er eines Tages bekommen würde, dann das hatte er seiner Mutter versprochen, am Tag, als er das Schiff in die Fremde bestiegen hatte. Wenn er heiratete und seine Frau mit Gottes Hilfe einen Sohn zur Welt brachte, würde er ihn nach seinem verstorbenen Vater nennen. Vassilis würde sein Sohn heißen, Vassilis, das hatte er versprochen, darauf hatte er sein Wort gegeben.</p>
<p>Antonis Kambanis wünschte sich nichts mehr auf der Welt als einen gesunden, kräftigen Sohn, der jetzt, da die Geschäfte gut liefen, sein Nachfolger in der mühseligen geschäftlichen Arena werden sollte. Aber je größer sein Wunsch wurde, desto weiter weg rückte die Empfängnis, als hätte er Gott gegen sich aufgebracht und Seinen Unwillen herausgefordert. So manchen Morgen betrachtete Antonis Kambanis argwöhnisch Rallous Bauch, der sich nicht wölben wollte, als läge dort drinnen, am tiefsten Grund der raffinierten, weiblichen Natur das Geheimnis der Fruchtbarkeit verborgen. Während er sie mit seinen Blicken maß, wurde Rallou immer dünner, statt dicker, bis er sie eines Tages direkt fragte, ob sie unfruchtbar sei und sie sich ganz umsonst abmühten. Da riss Rallou ihren Rock hoch, zog sich die Unterhose herunter und spuckte ihm ins Gesicht. Wie könne er es wagen, sein Pimmel sei klein und verhutzelt, ihr Becken aber gesegnet mit den Geheimnissen des Gartens Eden und mit der Pracht des Orients. Antonis Kambanis hob die Hand und versetzte ihr ein, zwei, drei kräftige Ohrfeigen hintereinander, dann verrauchte sein Zorn und seine Empörung legte sich. Er schloss sich ins Bad ein und schnappte ein paarmal nach Luft. Drei Wochen später, nachdem die blauen Flecken und Rötungen verblasst waren, bat er sie um Verzeihung. Um zu beweisen, dass er es ernst meinte, mietete er einen Wagen samt Fahrer, und sie besuchten das Autokino, das hinter dem Park am Cooper-Fluss im östlichen Vorort Pennsauken eröffnet hatte. Sie saßen schweigend in stockdunkler Nacht und schauten <em>Wives Beware</em> mit dem damals vierzigjährigen, wie immer adrett und tadellos gekleideten Adolphe Menjou in der Hauptrolle.</p>
<p>Immer wenn es zum Geschlechtsakt zwischen Antonis und Rallou Kambanis kam, und das geschah nur alle Jubeljahre einmal, war es eine blutrünstige, mystische Schlacht, an deren Ende kein Sieger stand, nur zwei zerkratzte Wesen, verletzt und erschöpft von den Reibereien und den ätzenden Worten. Wenn Antonis Kambanis schlecht drauf war, dann hob er die Hand gegen sie mit derselben zornigen Wucht wie beim ersten Mal, und Rallou, mittlerweile gewöhnt an ihre seltsamen ehelichen Pflichten, warf ihm schamlose Beleidigungen an den Kopf. Während bei ihnen zuhause die Stunden mit kleinem und großem Aufruhr und die Monate langsam und quälend vergingen, büßte Takis aus Saloniki im Alltagsgeschäft der „Zweiten Chance“ seinen früheren Elan ein. Immer öfter vergaß er Termine, und welcher Tag heute war. Antonis Kambanis hatte mit Bestellungen, Zahlen und Buchhaltung alle Hände voll zu tun. Rallou aber war aus purem Trotz immer weniger bereit, etwas beizutragen, kleine Hilfestellungen zu leisten, auch nur den winzigsten, den nichtigsten, den allergeringsten Auftrag zu erledigen.</p>
<p>Während Präsident Franklin D. Roosevelt seine erste Amtszeit im Weißen Haus absolvierte und mit Nachdruck den „New Deal“ vertrat, gut bezahlte Jobs versprach und Chancengleichheit für alle, entdeckte Rallou die wohltätigen, heilenden Eigenschaften des Alkohols, genauer gesagt des Ouzo. Wenn man ihn auf leeren Magen trank, betäubte er rasch den Kopf und machte einem das Herz froh und leicht. Roosevelt kämpfte mit Zähnen und Klauen darum, die Folgen seiner Polioerkrankung vor der Presse zu verbergen, die ihn seine gesunden Beine und fast seine politische Karriere kosten sollte. Rallou ging dazu über, offen zu trinken, Glas um Glas, Abend für Abend, bald auch schon mittags. Antonis Kambanis widmete sich voll und ganz seiner Arbeit und der Aussicht, ins benachbarte, größere Philadelphia zu expandieren. Eines Winterabends, die Straßen waren vereist und die Wände durchfeuchtet, wollte er früher zu Bett gehen. Zuvor hatte er noch schnell die Jahresbilanz berechnet, sich dankbar bekreuzigt und die Nullen gezählt, die seine Taschen füllten. Da sah er, wie Rallous schmale Gestalt über die Straße torkelte, mit einer verblichenen Jacke über den Schultern und einer Papiertüte vom Gemüsehändler unterm Arm. Erneut war es Liebe auf den ersten Blick, und er verspürte eine Zärtlichkeit, die ihn daran erinnerte, dass auch er all die Jahre gelitten hatte. Er dachte, er müsse ihr jetzt, wo es schwierig und mühsam wurde, beistehen. Er eilte zur Tür, riss sie in seine Arme, liebkoste sie die ganze Nacht und versprach ihr das Blaue vom Himmel herunter. Er sagte, alles müsse sich ändern, schon vom nächsten Tag an, es sei nur eine Frage der Zeit. Genauer gesagt war es eine Frage von drei Monaten, sieben Tagen und ein paar Stunden, bis etwas eintrat, das ihr Leben ein für alle Mal verändern sollte.</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-15205 size-thumbnail alignleft" src="https://medien.diablog.eu/2025/06/den-03-KP-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p>Die Autorin <strong>Kallia Papadaki </strong>wurde 1978 in der Grenzstadt Didymoteicho geboren, wuchs in Thessaloniki auf, studierte Wirtschaftswissenschaften in den USA und Film an der Hellenic Cinema and Television School Stavrakos in Athen. Sie veröffentlicht Erzählungen und Gedichte. Ihr erstes Buch, die Erzählsammlung <em>O ichos tou akalyptou</em> (Der Klang des Luftschachts) wurde 2010 mit dem Preis für Nachwuchsautoren der Literaturzeitschrift <em>Diavaso</em> ausgezeichnet. 2011 trat sie auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin (ilb) auf. 2017 gewann sie für ihren Roman <em>Dendriten</em> den europäischen Literaturpreis.<br />
Beruflich schreibt sie Spielfilmdrehbücher. Ihr erstes war für den Film <em>September</em> von Penny Panagiotopoulou.<br />
::: <em>Kallia Papadaki in biblionet</em> <a href="https://biblionet.gr/%CE%BA%CE%B1%CE%BB%CE%BB%CE%B9%CE%B1-%CF%80%CE%B1%CF%80%CE%B1%CE%B4%CE%B1%CE%BA%CE%B7-c149193">hier</a> <em>(auf EL)</em></p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-15239 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2025/06/cropped-Portraet-Prinzinger-Apostolia-Goudousaki-1-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" />Die Übersetzerin <strong>Michaela Prinzinger</strong> hat Byzantinistik, Neogräzistik und Turkologie/Islamwissenschaft studiert. Sie ist Gründerin dieses Netzportals.<br />
::: <em>Michaela Prinzinger</em> <a href="https://diablog.eu/literatur/personen/michaela-prinzinger/">hier</a> <em>und </em><a href="https://michaela-prinzinger.eu/">hier</a></p>
<p class="textinfo"><em>Die Buchkritik von Thomas Plaul erschien zuerst bei der Griechenland Zeitung, hier mit freundlicher Genehmigung des Verlegers Jan Hübel. Text Buchausschnitt: Kallia Papadaki in der Übersetzung von Michaela Prinzinger. Fotos: Parrhesia Verlag, Polis Verlag; Wilson Bentley Snow Crystals in Wikipedia Commons (gemeinfrei) </em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Wilson_Bentley_Snow_Crystals?uselang=de">hier</a>; <em>Foto M. Prinzinger: Apostolia Goudousaki. Redaktion: A. Tsingas.</em></p>
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			</item>
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		<title>Landsmann (Patriot)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Athanassios Tsingas]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 May 2025 09:01:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Michalis Malandrakis erzählt die Geschichte des 23-jährigen albanischen Einwanderers Agim, der seit über zehn Jahren in Griechenland lebt und davon träumt, Profi-Klarinettist zu werden. Malandrakis habe ich im Juni 2024 auf dem 3. Internationalen Buchfestival ... <p class="read-more-container"><a title="Landsmann (Patriot)" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/landsmann-patriot/#more-14750" aria-label="Mehr Informationen über Landsmann (Patriot)">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Michalis Malandrakis erzählt die Geschichte des 23-jährigen albanischen Einwanderers Agim, der seit über zehn Jahren in Griechenland lebt und davon träumt, Profi-Klarinettist zu werden.</p>
<figure id="attachment_14757" aria-describedby="caption-attachment-14757" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14757 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-04-450x264.jpg" alt="" width="450" height="264" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-04-450x264.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-04-300x176.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-04-768x450.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-04-500x293.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-04.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-14757" class="wp-caption-text"><em>v.l.: Michalis Malandrakis, Catherine Fragou und Michalis Albatis</em></figcaption></figure>
<p>Malandrakis habe ich im Juni 2024 auf dem 3. Internationalen Buchfestival Chania kennengelernt. Die Athener Literaturagentin Catherine Fragou sprach auf dem Podium mit zwei „Lokalmatadoren“, den kretischen Autoren Michalis Malandrakis und Michalis Albatis, die ihre neuen Bücher vorstellten.<br />
Am Büchertisch galt mein Interesse der ersten Veröffentlichung von Malandrakis, der Novelle <em>Patriot </em>(2019), erzählt mit Rückblenden und inneren Monologen aus der Ich-Perspektive.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Michalis Maladrakis, <em>Patriot</em> (nur auf EL)<br />
Novelle, Athen 2019, Verlag POLIS<br />
ISBN: 978-960-435-693-5, ca. 10 €</p>
<p data-wp-editing="1"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-14767" src="https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-02.jpg" alt="" width="350" height="530" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-02.jpg 400w, https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-02-198x300.jpg 198w" sizes="auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px" /></p>
<p><strong>Inhaltsangabe</strong><br />
Der talentierte und junge Agim verdient sich regelmäßig auf den Straßen Athens mit der Klarinette etwas dazu, um sein karges Einkommen als Kellner aufzubessern. Eines Tages wird er von einem Unbekannten angesprochen, der ihm eine Anstellung als Musiker in einem bekannten Athener Nachtclub in Aussicht stellt. Er rät ihm jedoch, seine albanische Herkunft zu verschweigen und sich beim Vorspielen als Grieche auszugeben, da Martinos, der Chef des Lokals, keine Albaner in seiner Nähe haben will.<br />
Agim ist zwar misstrauisch, versucht aber sein Glück und bekommt die Stelle.<br />
Im Club muss sich Agim als „Yannis aus Ioannina“ ausgeben. Agim entwickelt sich zu einem beliebten Musiker, doch bald wird er in einen dubiosen Plan verstrickt. Parallel dazu entwickelt er Gefühle für Dina, eine der Kolleginnen im Club, die ebenfalls aus Albanien stammt. Als Dina wegen ihrer Herkunft misshandelt wird, gerät Agim in einen moralischen Konflikt.</p>
<p><strong>Hintergrund</strong><br />
Malandrakis´ Sprache ist einfach, er differenziert kaum zwischen direkter Rede und dem inneren Monolog des Ich-Erzählers. Aber er baut einen schnellen, manchmal atemlosen Rhythmus auf, der Bilder entstehen lässt, die an Filmsequenzen erinnern. Realistisch und einfühlsam zeichnet er den Alltag der Migranten in Griechenland, die bereits seit vielen Jahren zwischen zwei Heimatländern leben, ohne sich einem der beiden zugehörig zu fühlen; es sind Menschen, die sich überall fremd und in der Schwebe fühlen, sich aber danach sehnen, einen Platz im Leben einzunehmen und ihre Träume zu verwirklichen. Aber sie wissen, dass jeder unter die Räder kommt, dem es nicht gelingt, sich den Gegebenheiten anzupassen. Dass Agim als Yannis auftreten muss, um akzeptiert zu werden, kann als ironischer Kommentar zur Integrationspolitik und Fremdenfeindlichkeit in GR verstanden werden.</p>
<p><strong>Der Auszug</strong><br />
Am Donnerstag bin ich zwei Stunden zu früh im Laden. Ich muss mit jemandem Kontakt knüpfen. Gehe mit einem Lächeln im Gesicht rein und grüße jeden, den ich sehe. Jemand sagt, ich solle still sein. Andrikos sitzt mit drei schwarz gekleideten finsteren Gestalten an einem Tisch und spricht mit ihnen. Mir wirft er einen strengen Blick zu und ich checke die Botschaft. Ruhe! Am Tresen vor der Küche sehe ich Maria, das Blumenmädchen, mit einem anderen Mädel. Ich geniere mich und setze mich still auf den Hocker daneben, bis sie mich ansprechen.<br />
&#8211; Yannis, rede mit uns, wir beißen nicht!<br />
Mit Maria hatte ich bislang wenig gesprochen. Einmal, als wir einander vorgestellt wurden, und dann bei Begrüßungen. Daher kannte sie meinen Namen. In den ersten Tagen dauerte es ein paar Sekunden, bis ich auf Yannis reagierte, aber mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt.<br />
&#8211; Heute bist du früh dran, Yannis. Proben?<br />
&#8211; Ich hatte in der Nähe was zu erledigen und wollte das Hin und Her zur Wohnung vermeiden.<br />
&#8211; Kennst du Dina? Dina, das ist Yannis. Yannis, Dina. Dina ist eine alte Freundin. Sie wird ab heute bei uns arbeiten.<br />
Dina schob ihr tiefschwarzes, glattes Haar immer wieder hinters Ohr. Scheint noch nie nachts gearbeitet zu haben, sie ist von einer Schüchternheit, die nicht bei den Mädels zu finden ist, die schon jahrelang in solchen Läden arbeiten. Nicht, dass ich selbst erfahren rüberkommen würde.<br />
&#8211; Yassu, Dina, freut mich, dich kennenzulernen.<br />
Erst im letzten Moment habe ich mich gezügelt und ihr nicht die Hand gegeben.<br />
Wir haben dann über den Laden gesprochen und wie hart die Nacht sein kann. Dina hat nicht viel gesagt und Maria das Reden überlassen. Nur wenn sie derselben Meinung war, nickte sie.<br />
&#8211; Dina, woher kommst du?, frage ich sie, nachdem Maria viel von Tripolis auf der Peloponnes erzählt hat, wo sie aufgewachsen ist.<br />
&#8211; Aus Serres. Das heißt, ich war dort, bis ich fünfzehn wurde. Danach in Kavala und jetzt in Athen.<br />
&#8211; Und was machst du hier?, frage ich sie mit einem Lächeln.<br />
&#8211; In Athen &#8230; Was ich hier will, weiß ich noch nicht so genau. Einen Job, eine Clique, eine Bleibe &#8230; Eigentlich nicht viel.<br />
Je länger ich sie beobachte, desto sicherer werde ich mir. Die Art, wie sie spricht, ihr Gesicht, das erinnert mich an die Mädels in Albanien. Vielleicht ist sie tatsächlich in Serres aufgewachsen. Ihr Griechisch ist in Ordnung. Vielleicht habe ich ja nur Angst um mich selbst und sehe überall Gespenster. Vielleicht will ich nur, dass es hier noch andere mit meiner Herkunft gibt, um mich nicht so allein zu fühlen. Andrikos‘ Stimme unterbricht unser Gespräch.<br />
&#8211; Yannis! Nach oben, mit mir. Der Chef will dich sprechen. Sofort!</p>
<p>Er lässt mich vorgehen und folgt mir die Treppe hinauf. Er geht immer hinter jedem, den er in Martinos΄ Büro begleitet. Sein Schritt und seine Stimme sind jetzt noch hastiger als sonst. Irgendwas ist vorgefallen, ganz bestimmt. Auf den letzten Stufen bin ich mir sicher, dass sie von meiner Herkunft erfahren haben. Jemand hat es herausgefunden und mich verraten. Ich bereite mich darauf vor, mich bald dort wiederzufinden, wo ich vorher war, und hoffe nur, dass Andrikos nicht auf mich losgeht. Er klopft zweimal an die Tür. Meine Hände sind schweißnass. Wir gehen rein und ich sehe Martinos auf seinem Stuhl sitzen. Neben ihm steht ein Mann mit dem Rücken zu uns.<br />
&#8211; Hereinspaziert!, sagt der Chef.<br />
Der Mann neben ihm dreht sich um. Sein rechter Arm ist bandagiert, hängt in einer Schlaufe. Bandagiert bis hoch zur Schulter. Der Unbekannte seziert mich eine ganze Weile mit seinem Blick.<br />
&#8211; Dreh dich zur Seite, sagt Andrikos, der hinter mir steht.<br />
&#8211; Was? Ich? Mich drehen, wieso?<br />
&#8211; Mann, dreh dich zur Seite, hab ich gesagt, damit er dich im Profil sehen kann. Dreh dich!<br />
Ich dreh mich sofort zur Seite. Bin rot angelaufen und habe das Gefühl, dass sich die Luft in mir staut.<br />
&#8211; Nein, sagt der Mann zu Martinos, nein, der sagt mir nichts.<br />
Martinos hört dem Mann mit dem Verband aufmerksam zu, während er sich ein Glas Whisky einschenkt.<br />
&#8211; Setz dich, sagt er zu mir und deutet auf den Stuhl neben sich. Sag mir nochmal, wie du heißt.<br />
&#8211; Yannis. Ich heiße Yannis.<br />
&#8211; Nun, Yannis, du und dieser Herr hier, ihr seid Kollegen. Erinnerst du dich, dass ich über einen Trottel sprach, der Klarinette spielte und ohne Vorwarnung einfach nicht mehr gekommen ist? Das ist er. Schließlich ist er dann doch wieder erschienen. Aber, wie du siehst, mögen ihn einige Leute da draußen nicht, und er ist auch nicht wieder so aufgetaucht, wie er früher war.<br />
Martinos gibt Andrikos ein Zeichen und der geht zu dem Bandagierten und hilft ihm, den Verband abzunehmen.<br />
&#8211; Nicht ganz abnehmen, bitte. Nicht ganz, bitte nicht, es tut weh!<br />
&#8211; Halt die Klappe, Mann!, tönt Andrikos und wickelt langsam aber stetig den ganzen Verband ab, so dass der nackte rechte Arm des Mannes zum Vorschein kommt.<br />
Er ist ganz lila und hängt schlaff runter, wie ein Fremdkörper. Mir ist kotzübel. Er versucht, den Arm zu bewegen, aber der schwingt nur wie ein Pendel hin und her. Der Mann versucht, den Schmerz zu kontrollieren.<br />
&#8211; Okay, das ist genug. Hilf ihm, Andrikos.<br />
Martinos nickt in Richtung Tür und Andrikos bringt den Mann raus, der sofort losflennt. Dann schaut mir Martinos direkt in die Augen und sagt:<br />
&#8211; Vor einer Weile haben ihm ein paar Leute vor seiner Wohnung aufgelauert. Vier fielen über ihn her. Du hast ja gesehen, das war eine gezielte Aktion. Sein Gesicht haben sie verschont. Und gegen die Beine hat er auch nur ein paar Tritte bekommen. Aber der rechte Arm, nicht<br />
wahr? Den haben sie an vier Stellen gebrochen. Diese unschöne Sache ist drei Tage vor deinem Kommen passiert, Yannis. Das Glück war dir wirklich hold. Sieht aus, als hättest du ziemliches Schwein gehabt, Yannis, nicht wahr?<br />
Ich habe glatt meine Zunge verschluckt. Höre Martinos zu und schaue ihm in die Augen, so gut es geht.<br />
&#8211; Wir mussten ihn also fragen, ob ihm deine Visage etwas sagt. Macht doch Sinn, oder?<br />
&#8211; Logisch, antworte ich gelassen.<br />
&#8211; Wie auch immer. Ist uns eigentlich auch egal. Nondas sagt, du würdest besser als er spielen. Also ist uns dieser Drecksack auch scheißegal. Vielleicht hat er Ärger mit einer Armee von Idioten oder mit den Aschkali-Albanern, vielleicht schuldet er ihnen Geld, vielleicht hat er eine von ihnen gevögelt. Das ist mir aber sowas von egal! Nachtarbeit ist Fleißarbeit, und du arbeitest gut, wie ich höre. Und jetzt raus mit dir. In zwei Stunden musst du auf der Bühne stehen.<br />
Ich gehe die Treppe runter und spüre, wie mir der Schweiß das Hemd runterläuft.<br />
&#8211; Yannis, geht´s dir gut? Du bist irgendwie zusammengefallen, stellt Maria fest.<br />
Ich gebe keinen Ton von mir, schüttle nur den Kopf.<br />
&#8211; Warte, warte doch, ruft sie mir zu. Mit einem Trockentuch kommt sie schwungvoll aus der Küche und stellt sich neben mich. Aber Andrikos will, dass sie was aus dem Lagerraum holt. Maria drückt Dina das Tuch in die Hand. Ich spüre Dinas Hand auf dem Rücken, direkt unter meinem Nacken, und erschauere wohlig.<br />
&#8211; Dreh dich mal zu mir.<br />
Sie wischt mir mit dem Tuch den Schweiß ab, fährt mir mit den Fingern durchs Haar und legt es nach rechts. Ihre Lippen sind geschminkt und sie trägt ein starkes Parfüm.</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-14777 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2025/03/pat-01a-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p><strong>Der Autor</strong><br />
Michalis Malandrakis wurde 1996 in Chania geboren und lebt in Athen. Er ist Absolvent der Fakultät für Kommunikation, Medien und Kultur der Panteion-Universität Athen und der Hellenic Cinema and Television School Stavrakos. Er arbeitet für die Fiction-Abteilung der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehanstalt Griechenlands ERT.</p>
<p>In Chania, wo er aufwuchs, gab es in seinem Umfeld wenig Anregung. Die vielen Stunden der Einsamkeit haben ihn zum Schreiben gebracht. Wurde er jedoch gefragt, was er später mal werden wolle, antwortete er: Konditor, weil er Süßigkeiten sehr liebte. Als Teenager entdeckte er für sich den Film und setzte sich andere Ziele. Dazu führte ihn das Studium nach Athen: Die Stadt ist laut, geschäftig und anregend, was Malandrakis heute noch sehr schätzt.<br />
Fünf Novellen hat er diversen Verlagen angeboten. Seine Protagonisten: Tagelöhner in ihren Zwanzigern aus unterschiedlichen Athener Vierteln; Texte mit viel Realismus, Dialog und Action. <em>Patriot</em> wurde 2019 veröffentlicht und 2021 von der Athener Akademie mit dem Staatspreis für Nachwuchsautoren ausgezeichnet. Als das Buch herauskam, waren Malandrakis und sein Protagonist Yannis mit 23 Jahren gleich alt.<br />
Malandrakis findet es problematisch, seine Altersgenossen zum Lesen seiner Bücher zu bewegen. Das Publikum bei seinen Buchvorstellungen ist 50 Jahre plus. Dazu kommt, dass die populärsten griechischen Autoren diejenigen sind, die in den sozialen Medien sehr aktiv sind. Es wundert ihn, wie sich manche den ganzen Tag selbst darstellen und gleichzeitig Bücher schreiben können.</p>
<hr />
<p>Interview zu <em>Patriot, </em>2019 (auf EL) <a href="https://www.lifo.gr/culture/vivlio/o-mihalis-malandrakis-i-pio-sfrigili-nea-foni-tis-ellinikis-logotehnias-stin-proti">hier</a><br />
Das 3. Internationale Buchfestival Chania in diablog.eu 2024 <a href="https://diablog.eu/uebersetzung/die-3-viceversa-deutsch-griechische-uebersetzerwerkstatt/">hier</a><br />
Neuere Projekte:<br />
Der Dokumentarfilm „Die Ära der Verleugnung des Todes“ (Η εποχή της άρνησης του θανάτου) zur griechischen Rockmusik von den späten 90er Jahren bis in die Gegenwart; Artikel dazu <a href="https://beater.gr/daniilidis-malandrakis-documentary-interview/">hier</a> (2021, auf EL).<br />
Der Roman „Drehen Sie bitte die Musik auf“ (Δυναμώστε τη μουσική, παρακαλώ), Verlag Polis, 2023.<br />
Das Theaterstück „Süße Täume“ (Όνειρα γλυκά) läuft seit März 2024 auf einer Athener Bühne, jetzt also im zweiten Jahr.</p>
<p><em>Text: Michalis Malandrakis. </em><em>Übersetzung des Ausschnitts, </em><em>Buchvorstellung, Redaktion: A. Tsingas. Fotos: Verlag Polis, Buchfestival Chania, Archiv A. Tsingas. </em></p>
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		<title>Die Sekretärin</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Apr 2025 08:44:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie schon in ihren Theaterinszenierungen gelingt es der griechischen Regisseurin Elena Karakouli auch in ihrem ersten Erzählband, tief in die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Figuren einzutauchen. Mit präziser Sprache, feinsinnigem Realismus und schonungsloser Ehrlichkeit erzählt ... <p class="read-more-container"><a title="Die Sekretärin" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/prosa/die-sekretaerin/#more-14802" aria-label="Mehr Informationen über Die Sekretärin">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Wie schon in ihren Theaterinszenierungen gelingt es der griechischen Regisseurin Elena Karakouli auch in ihrem ersten Erzählband, tief in die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Figuren einzutauchen. Mit präziser Sprache, feinsinnigem Realismus und schonungsloser Ehrlichkeit erzählt sie von Frauen, die suchen, stolpern und sich immer wieder neu erfinden. Ihre Geschichten kreisen um jene verborgenen Momente im Leben, die zwischen Alltag und innerer Wahrheit oszillieren – oft voller Überraschungen, manchmal bittersüß.</p>
<p>Karakouli beschönigt nichts, sie benennt die Dinge direkt, aber mit Zärtlichkeit. Die Kurzgeschichte <em>Die Sekretärin</em>, in der deutschen Erstübersetzung von Carolin Mader und Elena Pallantza, ist ein eindrucksvolles Beispiel für Karakoulis Erzählkunst. Eine Frau, zugleich Ehefrau und Sekretärin, eine Frage, die nicht gestellt werden darf – und doch gestellt wird. Inmitten eines Dinners unter Kollegen, zwischen beruflichem Kalkül, verschleierter Macht und verinnerlichtem Patriarchat, durchbricht sie das wohlgeübte Spiel der Loyalitäten und stellt die festgefügte Ordnung infrage. Was folgt, ist ein Moment des Innehaltens, ein kleines Verhör und schließlich eine Entscheidung. In dieser Erzählung verdichtet sich das zentrale Thema des Buches: der Augenblick des Fallens, der Moment der Wahrheit – erschütternd, befreiend, unausweichlich.</p>
<h5><strong>Die Erzählung</strong><br />
<em>Die Sekretärin</em></h5>
<p>Eigentlich ist mein Mann Arzt von Beruf, aber in Wirklichkeit ist er ein Künstler. Genauer gesagt schreibt er Theaterstücke, die er selbst – gegen eine geringe Gebühr in einer kleinen Druckerei – herausgibt und zu Weihnachten an Freunde und Kollegen verschenkt, die Literatur zu schätzen wissen. Er selbst weist den Titel des Künstlers von sich, wenn man ihn danach fragt. Er sagt dann immer: „Für unsereins ist das doch nur ein kleiner Spaß, wir sind schließlich keine Menschen der Künste, sondern des Überlebens.“ Ich weiß nicht, ob er das aus Bescheidenheit tut oder weil er nicht für überheblich gehalten werden möchte (und dadurch womöglich seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen könnte). Neuerdings bezeichnet er sich allerdings häufig als „Amateur-Künstler“ und erläutert dazu bei jeder Gelegenheit die Etymologie des Wortes Amateur: Er sei ja eben kein Berufskünstler, erklärt er demütig, sondern er sei mehr als das, nämlich jemand, der die Kunst so sehr liebe, dass er es nicht ertragen könne, sie professionell auszuüben. Die Kunst sei seine Geliebte und er sei nichts anderes als ein „Liebhaber der Künste“, fügt er hinzu, ohne seinen Stolz verbergen zu können.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-14875 aligncenter" src="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-12-doppel_2.jpg" alt="" width="812" height="588" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-12-doppel_2.jpg 812w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-12-doppel_2-300x217.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-12-doppel_2-768x556.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-12-doppel_2-450x326.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-12-doppel_2-500x362.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 812px) 100vw, 812px" /></p>
<p>Im wirklichen Leben ist mein Mann Chirurg und leitet die Koloskopieabteilung eines großen Krankenhauses. Ich nehme an, das erklärt sich von selbst, besonders poetisch klingt das Wort „Koloskopie“ zugegebenermaßen nicht, aber so ist es nun einmal.</p>
<p>Die Patienten warten in der Regel im „Endoskopie“-Raum, was, wie Sie mir sicher zustimmen werden, wesentlich besser klingt. Dort ziehen sie sich aus, schlüpfen in blaue Papierkittel und Nylonschuhe und warten auf die Narkose.</p>
<p>Die Untersuchung an sich dauert gar nicht so lange, es ist nur die Vorbereitung, die etwas unangenehm ist – um nicht zu sagen recht abstoßend, all die Fläschchen mit der dicken, süßlichen Flüssigkeit, die die Patienten am Vortag in regelmäßigen Abständen trinken müssen. Immerhin erhalten sie von der Arzthelferin klare Anweisungen: „Vor der Untersuchung muss der Darm mit Abführmitteln gereinigt werden. Die Reinigung ist entscheidend für die Qualität und Aussagekraft der Darmspiegelung.“ Mit anderen Worten, die Patienten müssen am Vorabend bestimmte Nahrungsmittel zu sich nehmen und ihren Darm entleeren. Das dürfte eigentlich keine weiteren Erklärungen erfordern, Sie verstehen schon. Eine kleine notwendige Selbstüberwindung. Wie dem auch sei, nach der „Endoskopie“ erwachen die Patienten aus der Narkose und haben, wenn es sich um Frauen handelt, fünf Jahre lang Ruhe, bei Männern sind es zwei.</p>
<p>Nicht von der Hand zu weisen ist, dass mein Mann bei Patientinnen besonders gut ankommt, er erweckt in ihnen gewissermaßen ein Urvertrauen; es ist der Klang seiner Stimme, eine einzigartige Kombination aus poetischen Anklängen und einer vagen Autorität in der Art, wie er sie anspricht, etwas, das nicht in Zweifel gezogen werden kann. Auf diese Weise gewinnt er sie für sich. Das ist ohne Frage Teil seines Charmes. Bevor wir heirateten, war er geradezu ein Frauenheld – wie die meisten Ärzte, das ist ja ein allseits bekanntes Geheimnis, es mag am Prestige liegen, an dem weißen Kittel, wer weiß… Jedenfalls üben sie eine magische Anziehungskraft auf Frauen aus. Und so viel ist sicher, an Gelegenheiten zu neuen Bekanntschaften mangelt es ihnen keineswegs.</p>
<p>Vor einem Arzt hat man keine andere Wahl, als sich völlig ehrlich und vor allem verletzlich zu zeigen, abhängig von dem Problem, das einen zu ihm führt. Dem Arzt vertraut man seine Hoffnungen an, gesteht man seine Ängste, schildert man bis ins schlimmste Detail, was man empfindet, denn nur er kann die Symptome einschätzen, um eine sichere Diagnose zu stellen. Zunächst einmal erzeugt es diese fast hypnotische Stimmung in dir, dich hinzulegen, loszulassen und die Kontrolle jemand anderem zu überlassen, jemandem, der besser als jeder andere und sogar besser als du selbst weiß, was einerseits dein Körper braucht, um seine Vitalität zu erhalten, und was andererseits deine Seele, um Frieden zu finden. Das allein ist schon erregend.</p>
<p>Manche Ärzte sind darin sehr geschickt, während einige es sogar ausnutzen. Nehmen wir zum Beispiel Thanos, den Gynäkologen, mit dem wir zum Glück nichts mehr zu tun haben. Er war jahrelang verheiratet und hat sogar drei Kinder, fing aber regelmäßig Affären mit seinen jüngeren Patientinnen an. Absolut indiskutabel. Wahrscheinlich eine Midlife-Crisis, sagt mein Mann, der solche Praktiken eindeutig missbilligt. Er hat mir nie den geringsten Anlass gegeben, eifersüchtig zu sein, und natürlich habe ich auch keinen Grund, seine Treue infrage zu stellen, obwohl ich sicher bin, dass es in seinem Berufsleben nicht an Versuchungen mangelt, er geht in mehreren Häusern ein und aus und seine Augen haben viel gesehen. Er kennt die Frauen in- und auswendig, einige haben ihn sogar offen angebaggert, als er jünger war, bevor er seine Facharztausbildung abgeschlossen hatte. Eine von ihnen scheute sich nicht, ihn völlig nackt in ihrem Wohnzimmer zu empfangen – er kam gar nicht erst dazu, sie zu bitten, sich frei zu machen –, und das alles, während ihr Mann im Nebenzimmer saß. Aber mein Mann blieb unangefochten. Er weiß sich stets zu behaupten, seiner Berufung gerecht zu werden, sich achtsam zu bewegen und sparsam zu sprechen, damit seine Absichten niemals missverstanden werden können.</p>
<p>Außerhalb der Arbeit, wenn der Arzt andere Ärzte trifft, wird er ganz gesprächig. Sie tauschen freundliche Bemerkungen aus, schließen sich im Wohnzimmer ein und machen Insiderwitze über verschiedene „Fälle“; zwischen ihnen besteht eine geheime Solidarität. Alle diese „Fälle“ werden in einer Rauchwolke erzählt, denn es ist kein Geheimnis, dass die meisten Ärzte ununterbrochen rauchen, Nichtrauchen ist die Ausnahme. Sie würden sogar rauchen, während sie dir ein Rezept verschreiben oder dich untersuchen, wenn das erlaubt wäre. Einmal wagte ich zu fragen, warum denn eigentlich alle Ärzte rauchen. Er lachte und sagte mir vor allen Anwesenden, das Rauchen sei „ein Akt des Widerstands gegen das Rätsel des Todes“. Seine Kollegen sahen ihn erstaunt an, doch hielten sie es für ein weiteres Zitat aus einem seiner Bücher und kommentierten es nicht weiter, auch ich bestand nicht auf einer Antwort.</p>
<p>Ihnen wird vielleicht nicht bewusst sein, dass die allermeisten Ärzte Freunde der Künste sind. Das Problem ist lediglich, dass sie nie genug Zeit dafür haben, weil sie so viel arbeiten. Würden sie weniger arbeiten, wären sie durchaus in der Lage, eine Ausstellung, eine Oper oder ein gutes Buch zu genießen. Sie schätzen die Poesie ebenso wie die klassische Musik und die Werke der antiken Schriftsteller. Kein Arzt hat je eine andere Wahl, als zunächst ein hervorragender Schüler zu sein – und als solcher kann er nicht umhin, eine klassische Ausbildung zu absolvieren. Mein Mann zum Beispiel besitzt eine beneidenswerte Bibliothek, die ihm sein Vater, ebenfalls Arzt, vermacht hat – eine Sammlung edler Ausgaben antiker Klassiker, großer Werke der Weltliteratur und selbstverständlich unzähliger wissenschaftlicher Bücher. Natürlich ist er auch Abonnent medizinischer Fachzeitschriften – denn ein Arzt muss immer auf dem neuesten Stand bleiben. Doch die Bücher über die Darmspiegelung stehen nicht an vorderster Stelle, sondern in den oberen Regalen: Wuchtig, mit goldgeprägten Titeln, fügen sie sich dekorativ zwischen zwei Amphoren, die als Buchstützen dienen. Denn, wie bereits erwähnt, ist mein Mann im Herzen ein Künstler. Sein Wissen reicht weit über die Wissenschaft hinaus – wie sein jüngstes Stück mit dem Titel <em>Der Apfel von Eva</em> eindrucksvoll beweist. Sollten Sie es einmal lesen, werden Sie feststellen, dass er sich darin als ein ebenso präziser wie einfühlsamer Anatom der weiblichen Natur erweist.</p>
<p>Wie ein moderner Tschechow beschreibt er in seinen Texten echte Menschen. Seine Werke gehören nicht zu jenen rätselhaften, elitären postmodernen Schöpfungen, bei denen man – selbst wenn man die Geduld aufbringt, sie bis zum Ende zu lesen – ratlos zurückbleibt. Nein, die Stücke meines Mannes haben einen klaren Anfang, eine Mitte und ein Ende. Sie handeln von Menschen aus Fleisch und Blut, wie jenen, die er täglich in seiner Klinik trifft. Mein Mann ist ein Forscher der menschlichen Natur. Kein Zufall, dass seine Patienten ihn verehren. Sie reisen von überall her an, um sich von ihm behandeln zu lassen – zweifellos seinem Charakter geschuldet. Niemand übertrifft ihn in der Kunst der Diagnose, er besitzt ein außergewöhnliches Talent, die Ursache eines Problems zu erkennen. Dabei ist er sanft und zugleich wortkarg. Und noch etwas, selten für einen Arzt, macht ihn einzigartig: Er hat Humor, jenes tiefe Verständnis für die menschliche Unvollkommenheit.</p>
<p>Im Endoskopiesaal hat er an zentralen Stellen Zitate angebracht, die den feinen Unterschied machen. Seine Vorliebe gilt den antiken Klassikern, insbesondere den Stoikern und Mark Aurel. Sie müssen sich vorstellen: In seinem Wartebereich findet sich kein einziges dieser bunten Klatschmagazine, wie sie sich in anderen Arztpraxen auf den Tischchen stapeln – sondern die <em>Selbstbetrachtungen</em>. Wir sprechen hier also von einer ganz anderen Ebene. Was die Zitate angeht, so sind sie mit Bedacht gewählt – dazu habe übrigens auch ich beigetragen: <em>Vorbeugen ist besser als heilen</em> – Hippokrates. Oder: <em>Erst kommt die Gesundheit, dann die Schönheit, als Drittes der Reichtum. </em>Und: <em>Die Gesundheit ist wertvoll, aber unbeständig</em> sowie <em>Ich habe beschlossen, glücklich zu sein, weil es gut für die Gesundheit ist</em> – letzteres von Voltaire.</p>
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<p>Wenn mich im Laufe der Jahre an der Seite meines Mannes etwas ermüdet hat, dann sind es die Ärzte-Dinner, zu denen wir eingeladen werden – und die wir natürlich hin und wieder erwidern müssen. Alles muss perfekt sein: der gedeckte Tisch, die Vorspeisen, der Wein, die Erfrischungsgetränke für die Kinder der Ärzte, die irgendwo im Haus kreativ beschäftigt werden müssen, damit die Erwachsenen ihre Ruhe haben. Was ich jedoch nicht kontrollieren kann, sind die Gespräche am Tisch – während womöglich noch Kinder darunter herumwuseln.</p>
<p>Eine Frau ist ins Koma gefallen. So etwas kommt vor. Die Operation verlief erfolgreich, doch sie scheint nicht mehr zurückzukommen.</p>
<p>Ein anderer Arzt wird als Schlachter bezeichnet: Er operiert ganz ohne Umsicht, zu aggressiv.</p>
<p>Am schlimmsten sind natürlich die Zahnärzte, denen das Arzt-Sein an sich geradezu abzusprechen ist. Auch ihnen passieren dramatische Dinge. Kostas zum Beispiel, der bei einer Routineextraktion an eine überaus schwierige Patientin geriet, die ihn einen ganzen Monat lang mit der Behauptung quälte, sie habe von dieser Extraktion (trotz Entzündungshemmern und Schmerzmitteln!) ganz unerträgliche Schmerzen. Schon der Eingriff selbst war für ihn unangenehm, denn es gibt kaum etwas Schlimmeres als einen unkooperativen Patienten. Doch noch mehr ärgerten ihn die ungerechtfertigten Beschuldigungen, die er über sich ergehen lassen musste. Und das, obwohl er für die Behandlung keinen Cent genommen hatte, weil sie die Tochter eines Kollegen war. Da tut man etwas Selbstloses und muss sich dafür auch noch Vorwürfe anhören. Das ist wirklich das Allerletzte. Von solchen Patienten sollte man unbedingt die Finger lassen.</p>
<p>Und dann die Geschichte des Pathologen mit der Frau, die einfach einschlief und nicht mehr aufwachte. Sie hatte an jenem Nachmittag über Schulterbeschwerden geklagt, hielt diese jedoch für ein Muskelproblem, nahm ein Schmerzmittel und legte sich hin. Sie war gestresst und ignorierte die Anzeichen. Manchmal liegt so etwas vielleicht an einer schlechten Ernährung, aber der Stress ist mit Sicherheit das Schlimmste.</p>
<p>Und lauter weitere Geschichten von missglückten Operationen und sich beschwerenden Patienten, die ohne das geringste Bewusstsein über ihre Position unangemessene Ansprüche stellen, kein bisschen kooperieren und immer alles besser wissen.</p>
<p>Und dann sind da noch die Ehefrauen der Kollegen meines Mannes. Ich bin den Umgang mit ihnen gewohnt, mit einigen von ihnen habe ich sogar so etwas wie freundschaftliche Beziehungen geknüpft, wir haben ein paar Worte mehr gewechselt, sind zusammen in den Urlaub gefahren oder haben unsere Männer zu medizinischen Konferenzen begleitet. Immerhin haben wir so manches gemeinsam. Mein Mann und ich haben keine Kinder, daher sind unsere sozialen Kontakte begrenzt und ausschließlich mit sozialen Verpflichtungen verbunden. Dadurch habe ich einige Gelegenheit, Menschen zu treffen und näher kennenzulernen. Das bedeutet nicht, dass wir in allem einer Meinung sind, aber zumindest sind wir uns alle unserer Stellung bewusst, es gibt eine Art Solidarität zwischen uns.</p>
<p>Meistens verläuft solch ein Dinner unter Ärzten wie erwartet: Während die Männer noch am Tisch weiterplaudern, nachdem das Essen serviert wurde, und sich bei einem erstklassigen Rotwein entspannen, versammeln sich die Kinder in einem der Schlafzimmer und schauen eine Fernsehserie oder spielen „Verstecken im Dunkeln“, während wir Frauen uns in die Küche zurückziehen, um über unsere eigenen Angelegenheiten zu sprechen: den Kindergarten, das hervorragende neue Asia-Restaurant, die Planung eines Wohltätigkeitsbasars.</p>
<p>Auf die Beine gestellt wird dieser von Beatrice, der Frau des HNO, auch der Teekessel genannt; den Namen habe ich ihr gegeben, weil sie ständig unter Dampf steht. Noch bevor sie einen Satz beendet, beginnt sie schon den nächsten – die Hälfte davon auf Englisch. Sie kommt nicht mehr hinterher mit allem: den Aktivitäten der Kinder, den Geschäftsreisen des Ehemanns&#8230; Und dann ist da noch die Renovierung des Hauses – fünf Monate leben sie schon zwischen Umzugskartons! In zwei Monaten jedoch, meint sie, sollte es zu schaffen sein, alles zu organisieren – im Moment ist sie einfach <em>overbooked</em>.</p>
<p>Anastasia, die Frau des Anästhesisten, ist ebenfalls in Dauerpanik, hat aber inzwischen angefangen, Antidepressiva zu nehmen, weshalb sie die ganze Zeit irgendwelche Säfte trinkt. Martha wiederum, die Frau des Orthopäden, schämt sich für ihre Waden, achtet immer penibel darauf, sie bedeckt zu halten, und trägt daher ausschließlich Hosen. Zu einem besonderen Anlass wie heute Abend erlaubt sie sich eine Ausnahme mit einem weiten bedruckten Kleid, das sie sich im Sommer irgendwo auf den Kykladen gekauft hat.</p>
<p>Vor dem heutigen Ärzte-Dinner, das bei uns stattfindet, strahlt mein Mann eine fieberhafte Unruhe aus. Es ist nämlich das zwanzigjährige Jubiläum der Koloskopieabteilung, die er leitet. Scchon in den letzten Tagen ist mir aufgefallen, dass er etwas im Schilde zu führen schien, aber dass er sich derart exponieren würde, konnte ich nicht ahnen. Und in der Tat, gerade als sich alles stimmig zusammenfügt, die Vorspeisen, die Hauptgerichte, der Rotwein, die leise Hintergrundmusik, die schmeichelnden Bemerkungen, gibt sich mein Mann einen Ruck und traut sich. Er hebt sein Glas, trinkt jedoch nicht auf die Langlebigkeit der Klinik, wie es zu erwarten wäre. „Seid ihr bereit, eine Geschichte zu hören?“, kündigt er an, die Zustimmung aller selbstverständlich vorwegnehmend.</p>
<p>Bleich vor Schreck sehe ich, wie er aufsteht und, als sei er schon lange darauf vorbereitet, aus seiner Tasche ein paar Seiten seines neuesten Werks hervorzieht:<em> Aus seinen Eingeweiden</em>. Es ist der Monolog eines – was sonst? – Arztes, der es in seinem Beruf plötzlich nicht mehr aushält. Er befindet sich in der Klinik, in der er ununterbrochen arbeitet, und eines Tages beschließt er, seinen weißen Kittel auszuziehen und auf den Hof hinunterzugehen.</p>
<p>Die Kollegen am Tisch scheinen sich darüber zu amüsieren oder finden es putzig, fragen sich zumindest, wohin das wohl führt. Auf dem Gesicht des Anästhesisten entdecke ich jedoch ein leicht spöttisches Lächeln. Stopp, denke ich; ich verspüre den Drang, einzugreifen und zu verhindern, dass mein Mann sich bloßstellt, doch meine Pflicht ist es, hier und jetzt zu ihm zu stehen.</p>
<p>Er liest unbeirrt weiter vor:</p>
<p><em>Also geht er hinaus in den Hof und zündet sich eine Zigarette an. Er saugt gierig am Rauch und merkt auf einmal, wie viele Jahre er das schon tun wollte, eine Zigarette auf dem Hof zu rauchen, in der Sonne, auf einer Bank, die Asche auf den Kies zu werfen, statt in seinem Büro im dritten Stock der Klinik Rezepte zu verschreiben und Diagnosen zu stellen. In diesem Moment erscheint die Oberschwester und &#8230; </em></p>
<p>Hier beginnt der Dialogteil, der seine Stärke ist, denn, wie bereits gesagt, mein Mann schreibt eigentlich Theaterstücke:</p>
<p><em>&#8230; die Oberschwester kommt also, um ihn zurück ins Büro zu holen, sie traut ihren Augen nicht, als sie ihn im Dienst rauchen sieht. „Was machst du da? Wie kannst du nur so &#8230;“ Er packt sie und gibt ihr einen leidenschaftlichen Kuss, den er ihr schon lange geben wollte. „&#8230; so hemmungslos sein?“, fügt sie hinzu. Und dann &#8230; </em></p>
<p>Am Tisch bricht Gelächter aus. Unbestreitbar ist mein Mann dieses Mal wohl ein wenig außer Kontrolle geraten. Ich kann es nicht ertragen, den Rest zu hören, und gehe in die Küche, um das Dessert zu holen.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter wp-image-14817" src="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-7.jpg" alt="" width="600" height="753" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-7.jpg 816w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-7-239x300.jpg 239w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-7-768x964.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-7-450x565.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-7-500x627.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p>Ich denke daran zurück, wie ich meinen Mann vor zwanzig Jahren kennenlernte. Er war damals noch Assistenzarzt und ich kam zu ihm wegen eines einfachen Rezepts. Er behauptet, ich sei ihm sofort aufgefallen, als ich die Praxis betrat, aber er ließ sich zunächst nichts anmerken. Erst nachdem er mich pflichtgemäß untersucht hatte – während der Untersuchung war er ganz förmlich, vermied Augenkontakt –, kritzelte er auf das Rezept etwas, das ich bis heute kaum entziffern kann. Es war seine Telefonnummer. Es dauerte einen Monat, bis ich ihn anrief. Ich war noch Studentin, studierte Linguistik, fühlte mich unerfahren und provinziell, ein Mädchen vom Lande, er dagegen war Arzt – und ich wusste das Ansehen eines Arztes schon damals zu schätzen.</p>
<p>Ich fühlte mich wie eine Auserwählte, als wir uns schließlich in einer abgelegenen Konditorei trafen. Ich erinnere mich noch, dass ich bei dieser ersten Verabredung gar nicht wusste, was ich bestellen sollte. Ich fragte nach der Karte, aber das verstärkte meine Unentschiedenheit nur noch, plötzlich kam mir alles fremd vor, als wüsste ich nicht mehr, was ein Schokoladenkuchen, ein Tiramisu oder eine Apfeltorte ist. Ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen direkt aus dem Dorf. Alles erschien mir ungewohnt und gefährlich, selbst die Apfeltorte kam einer gigantischen Bedrohung gleich.</p>
<p>Er griff ein und sagte zum Kellner: „Zwei Mal.“ Und eh ich mich’s versah, trank ich schwarzen Kaffee und aß Zitronenkuchen. Ich, die ich Zitronen immer als viel zu sauer empfand und mied, wagte es nicht, das bei diesem ersten Date offen zu sagen. Brav aß ich meinen ganzen Zitronenkuchen auf und trank den Kaffee – ich erinnere mich weder an den Geschmack noch, ob ich ihn überhaupt mochte. Ich weiß nur noch, dass ich log, dass ich ihn ganz besonders mochte, und in den folgenden Jahren gewöhnte ich mir an, ihn tatsächlich zu mögen, und war sogar stolz darauf. Und so wurde dieser Ort, an dem wir unser erstes Rendezvous hatten, unsere Lieblingspatisserie. Jedes Jahr an unserem Hochzeitstag gingen wir dorthin und gaben die gleiche, unveränderliche Bestellung auf, zu Ehren der Tradition.</p>
<p>Er war begeistert, dass ich Linguistik studierte, er fand es aufregend. In den ersten Jahren, immer vor dem Sex, las er mir aus seinen Texten vor. Ich hörte ihm zu, verzaubert. Es berührte mich zutiefst, dass dieser Mann mit all seinen Sorgen und seinen geschickten Händen nachts das Stethoskop beiseitelegte und das Destillat seiner Erfahrungen aufschrieb. Ich fand es aufregend, dass er mich auserwählt hatte, um seine wahre Identität zu offenbaren, nicht jene, die seine Patienten kannten, sondern die andere, die echte, die er unterdrückte. Ich liebte es, dass er zerrissen war und in meinen Armen ganz wurde. Und zum ersten Mal spürte ich, dass ich endlich etwas mit meinem Studium anfangen konnte, dass ich einen Sinn in meinem Leben gefunden hatte. Meine Aufgabe würde es sein, einen Dichter zu unterstützen.</p>
<p>Die Dinge zwischen uns nahmen ihren natürlichen Lauf. Schon bald war ich nicht mehr die Patientin, sondern die Freundin des Arztes und dann seine Frau. Später erfuhr ich von einigen Gratulanten, dass es schon andere Freundinnen des Arztes gegeben hatte, vor mir, meine ich, als er noch jung und ledig war. Mit einer oder zweien von ihnen war er sogar verlobt gewesen, aber dann wurde doch nicht mehr daraus. Er beließ es dabei, er war der Arzt und hatte logischerweise so manche Eroberung vorzuweisen. Aber mit mir war es anders, und das zeigte sich schon bei der ersten Verabredung in der Konditorei. Er hatte nichts dagegen, dass ich mein Linguistikstudium beendete, im Gegenteil, er unterstützte das, danach begann ich, ein wenig Nachhilfestunden zu geben, aber ich musste nie wirklich arbeiten, vor allem nicht, nachdem ich schwanger wurde.</p>
<p>Jenes Kind kam schlussendlich nie zur Welt, aber wenn ich ehrlich sein will, hatte ich bereits begonnen, mich von der Aussicht auf ein Berufsleben zu entfernen. Es war eine schwierige Zeit nach der Fehlgeburt. Spontanabort – das kommt häufig vor, wie man mir sagte. Es ist seltsam, dass niemand offen darüber spricht, schon gar nicht die Frauen meines Kreises, obwohl nach meiner Fehlgeburt auf einmal mehrere weitere „Unfälle“ ans Licht kamen, die die Frauen selbst, inzwischen mit Kindern im Arm, schon vergessen hatten.</p>
<p>Mein Gynäkologe, ein ehemaliger Klassenkamerad meines Mannes und Leiter einer großen Frauenklinik, schien unbesorgt. „Das passiert“, sagte er, nachdem er mich untersucht hatte. Sollte es mindestens dreimal nacheinander vorkommen, müsste ich mich einer Reihe von Tests unterziehen, um auszuschließen, dass es sich um ein erbliches oder genetisches Problem handelte – er selbst hielt dies für unwahrscheinlich. „So etwas kommt vor“, sagte er, um mich zu beruhigen. Wenn ich wolle, könnte ich eine künstliche Befruchtung in Betracht ziehen. „Nichts Schlimmes, machen alle“, betonte er. „Du bist ja nicht mehr die Jüngste“, zwinkerte er mir zu, „du kannst ein wenig Hilfe gebrauchen.“ Glücklicherweise sei die Wissenschaft da inzwischen fortgeschritten, sodass ich seine Hilfe ruhig annehmen könne.</p>
<p>Mir schien es seltsam, über IVF zu sprechen, wo ich gerade ein Baby verloren hatte, just an dem Tag, an dem ich sein Herz zum ersten Mal hören wollte, was dann natürlich nicht geschah. Aber der ehemalige Klassenkamerad meines Mannes hielt es für angebracht, mir eine Perspektive zu geben und mich nicht einfach enttäuscht ziehen zu lassen. Nur zwei Tage später wurde ich auf der vollen Terminliste noch irgendwo dazwischen gezwängt – eine kleine Not-OP, wir würden eine Ausschabung machen, das geht ruckzuck, sagte er, ich würde gar nichts merken. Die ganze Prozedur würde höchstens eine halbe Stunde dauern. Und es war in der Tat nicht wirklich schmerzhaft, jedenfalls nicht so sehr wie das Warten im Kreißsaal zwischen all den Frauen, die gerade entbunden hatten oder kurz vor der Entbindung standen. Ich fühlte mich unwohl dabei, unter all diesen Frauen zu sitzen, just als ich im Begriff war, dieses Zellhäufchen herausreißen zu lassen, das sich zu meinem Kind hätte entwickeln können. Es machte mich traurig, aber ich versuchte mich zu beherrschen, denn sie taten uns einen Gefallen, und natürlich wollten sie kein Geld dafür, abgesehen von einem „kleinen Taschengeld“ für den Anästhesisten. Es war mir peinlich, als ich schließlich doch zu weinen begann und mich ein aufmerksamer Krankenpfleger im Vorübergehen dabei bemerkte und fragte, ob es mir gut ginge.</p>
<p>Einige Tage später, als ich mich etwas erholt hatte und versuchte, ins normale Leben zurückzukehren, erhielt ich den Bericht. Darin stand, dass es kein genetisches Problem gegeben hatte, dass alles normal gewesen war – und dass das Geschlecht des Fötus weiblich gewesen wäre. „Wir werden es in zwei Monaten noch einmal versuchen“, sagte mein Mann.</p>
<p>Drei Wochen waren vergangen, als ich einen Seufzer hinunterschluckte um die Tochter, die ich niemals in meinen Armen halten würde – und beschloss, dass ich das alles nicht noch einmal durchmachen wollte. Natürlich lehnte ich den weisen Vorschlag meines Mannes nicht offen ab. Doch tief in meinem Inneren hatte ich meine Entscheidung getroffen. Ich musste meine Seele stärken, also begann ich, ehrenamtlich in der Gemeinde zu arbeiten. Von nun an sollte die Priorität unsere Gesundheit sein und unser gemeinsames Leben. An der Seite meines Mannes zu stehen und ihn mit all meiner Kraft zu unterstützen.</p>
<p>Es verstand sich von selbst, dass ich, mit dem Hintergrund meines Linguistikstudiums, meinem Mann mit seinen Manuskripten behilflich war – ich korrigierte sie Tag und Nacht, eine mühsame Aufgabe, die ich jedoch als meine Pflicht betrachtete. Am Anfang waren es seine Doktorarbeit und einige Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften. Ich habe ihn immer dafür gelobt und war stolz darauf, dass er seine wahre Berufung zugunsten der Wissenschaft unterdrückte. Ich wurde zur idealen Zuhörerin seiner Werke, zur ersten Leserin und Lektorin. Sein Vertrauen schmeichelte mir, und ich bewunderte ihn für seine Zerrissenheit: Mich faszinierte der Arzt, sein innerer Kampf, seiner Aufgabe treu zu bleiben, ohne auf die Sirenen seiner Kunst zu hören. Und das nicht etwa aus Mangel an Talent, sondern aus Gewissenhaftigkeit. So sind echte Männer der Pflicht, dachte ich, sie müssen Opfer bringen. Arzt und zugleich Schriftsteller zu sein, das konnte nur Tschechow. Ein anerkannter Arzt heutzutage hat kaum für etwas anderes Raum, als einfach nur Arzt zu sein. Die Kunst muss warten.</p>
<p>Neben meiner Rolle als Lektorin seiner Werke war ich eine Zeit lang auch seine Sprechstundenhilfe.</p>
<p>„Der Doktor ist nicht da.“ „Der Herr Doktor ist beschäftigt, rufen Sie später wieder an.“ „Der Doktor ruht sich aus.“</p>
<p>Ich kannte die Regeln. Ein Arzt kennt keinen Feierabend, aber sein Schlaf ist heilig. Ist er erschöpft und schläft, hat niemand das Recht, seinen Schlaf zu stören. Die Türen bleiben geschlossen, und wenn wir Besuch haben, während er ruht, sprechen wir nur gedämpft. Wenn er zu Hause einen Patienten empfängt und sich die Schiebetür hinter ihm schließt, müssen alle Anwesenden sich unsichtbar machen. Ein Arzt ist stets entweder konkret beschäftigt oder er studiert, um auf dem neuesten Stand seiner Wissenschaft zu bleiben.</p>
<p>Die Patienten dürfen zu jeder Tageszeit anrufen, sogar zur Mittagszeit, wenn es um ihre Medikamente oder einen Notfall geht. Der Arzt nimmt den Hörer ab, senkt seine Stimme und gibt ruhig seine Anweisungen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter wp-image-14815" src="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-06.jpg" alt="" width="600" height="773" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-06.jpg 795w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-06-233x300.jpg 233w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-06-768x989.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-06-450x580.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-06-500x644.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p>Was ihm allerdings zutiefst auf die Nerven geht, ist die Widerrede – weniger, muss man sagen – widerspenstiger Patienten. Wer zum Arzt geht, muss Vertrauen haben und ihm nicht vorschreiben, wie er seine Arbeit zu tun hat. Andernfalls ist das pure Undankbarkeit.</p>
<p>Nun sage ich die ganze Zeit „der Arzt“ statt „mein Mann“, aber das klingt tatsächlich irgendwie präziser. Auch wenn die Sekretärin, das bin ich, keine andere ist als die Ehefrau. Auch wenn diese Sekretärin irgendwann von ihren Pflichten Abstand nehmen muss und in ihre Küche zurückkehrt, um das Abendessen vorzubereiten.</p>
<p>Und nun zurück zum Abendessen, bei uns im Wohnzimmer, wo mein Mann aus seinem neuesten Werk vorliest, das ich immer noch nicht korrigiert habe, <em>Aus seinen Eingeweiden</em>. Ich ahne, dass Theo, der Gynäkologe, ihm mit kollegialer Solidarität zuhört, während Jannis, der Psychiater, sich zutiefst langweilt.</p>
<p>Ich höre, wie anschaulich mein Mann die Melancholie des Arztes beschreibt, der sich der menschlichen Nichtigkeit gegenübersieht und, von Rauchschwaden umhüllt, die Sinnlosigkeit des Daseins zu begreifen versucht, als ihm aus heiterem Himmel die Oberschwester wie ein Engel entgegenschreitet, und da überkommt es mich plötzlich.</p>
<p>Ich stehe in der Küche, wo ich gerade das Dessert holen und servieren wollte. Der Zitronenkuchen liegt tonnenschwer in meinen Händen. Doch mit einem Ruck hebe ich ihn hoch, kehre ins Wohnzimmer zurück, stelle mich mitten vor sie hin, unterbreche die Rezitation und höre mich sagen:</p>
<p>„Es heißt übrigens nicht Endoskopie, sondern Koloskopie. Kolos, versteht ihr? Arsch! Und was für eine Katharsis überhaupt? Es geht um Abführmittel. KOLOS, darum geht es. Dasein und Eingeweide – von wegen. Ein Arsch, weiter nichts. Κ-Ο-L-O-S.“</p>
<p>Ich stelle den Zitronenkuchen auf den Tisch, mache auf dem Absatz kehrt und gehe zurück in meine Küche. Alle drehen sich um und schauen mich an. Mein Mann, entgeistert, hat aufgehört zu lesen. Immerhin der Psychiater der Runde bringt einen interessierten Blick in meine Richtung zustande, zum ersten Mal in den zehn Jahren, die er mich kennt, während die Kinder vor Aufregung kreischen und ihr Spiel unterbrechen.</p>
<p>Dann läuft der Abend ganz normal weiter, endet nur etwas früher als gewöhnlich. Als der letzte Gast gegangen ist, räumen mein Mann und ich den Tisch ab und stellen das Geschirr in die Spülmaschine. Schweigend säubern wir die eleganten Weingläser – ein Hochzeitsgeschenk –, die wir nur zu besonderen Anlässen benutzen, wir spülen sie von Hand, damit sie nicht zerbrechen. Mein Mann steht mürrisch am Spülbecken und versucht, sich nichts anmerken zu lassen, beherrscht sich aber nur mit Mühe.</p>
<p>„Willst du mir vielleicht sagen, was dich so gepackt hat?“</p>
<p>Ich tue so, als ob ich nicht verstünde.</p>
<p>„Stell dich doch nicht dumm, was sollte das Theater mit den Hintern vorhin?“</p>
<p>„Wie ging denn die Geschichte aus?“, spiele ich mein Spielchen weiter.</p>
<p>„Warum hast du nicht zugehört? Offenbar ging es in der Küche spannender zu.“</p>
<p>„Wie kamst du darauf, ihnen <em>Aus seinen Eingeweiden</em> vorzulesen? Ich wusste nicht mal, dass du es beendet hast.“</p>
<p>„Ich habe es gestern zu Ende geschrieben, entschuldige, dass ich dich nicht um Erlaubnis gebeten habe.“</p>
<p>„Es wundert mich einfach, dass du es mir nicht mal zum Abtippen gegeben hast.“</p>
<p>„Es war nicht nötig.“</p>
<p>„Und? Hat es ihnen gefallen?“</p>
<p>Stille.</p>
<p>„Die <em>Eingeweide</em>, meine ich, haben sie ihnen gefallen?“</p>
<p>Eine noch längere Stille, beinahe ohrenbetäubend.</p>
<p>„Was sollen sie schon sagen? Das sind bloß Ärzte, sie verstehen nichts von Literatur.“</p>
<p>„Gab es auch Sexszenen in deinem Werk?“</p>
<p>Er lacht.</p>
<p>„Ist das dein Problem? Bist du vielleicht ein bisschen eifersüchtig? Hast du denn noch nie etwas von ‚künstlerischer Freiheit‘ gehört? Das habt ihr doch bestimmt in eurem Studium behandelt. Es geht um Kunst, da macht man, was man will. Aber das ist hier nicht der Punkt, oder?“</p>
<p>„Und was ist dann der Punkt?“</p>
<p>„Der Punkt ist, wenn du es unbedingt hören willst, was zur Hölle dich da plötzlich vor allen anderen geritten hat. Und hör auf, dich dumm zu stellen.“</p>
<p>„Nichts Besonderes, ich habe nur eine kleine Anmerkung gemacht. Mich hat schon immer die Bedeutung dieser Wörter beschäftigt …“</p>
<p>„Und dazu musstest du mich dermaßen vor meinen Kollegen bloßstellen? Gerade heute fiel dir ein, dass dich diese Wörter interessieren? Besser spät als nie, was?“, fügt er hinzu.</p>
<p>Ich antworte nicht.</p>
<p>„Weißt du, manchmal verstehe ich dich nicht“, fährt er fort. „Du sitzt da und quatschst mit all diesen Hühnern, und urplötzlich musst du so eine Bemerkung in den Raum werfen, nur um die Show an dich zu reißen.“</p>
<p>„Die Hühner sind die Ehefrauen deiner Kollegen. Und von welcher Show redest du?“</p>
<p>„Es sind deine Freundinnen, wolltest du wohl sagen, ob es dir gefällt oder nicht. Und hör auf, dich dumm zu stellen. Wie oft muss ich es noch sagen?“</p>
<p>„Es sind die Frauen deiner Kollegen.“</p>
<p>„Dann such dir andere Freundinnen. Tu endlich mal was. Hör auf, durch das Wohnzimmer zu schlendern und fiese Bemerkungen zu machen. Geh raus in die Welt und sieh dir an, wie das Leben da draußen läuft, verdiene ein paar Groschen, und dann reden wir weiter.“</p>
<p>„Ich bin deine Sekretärin, das ist mein Job.“</p>
<p>„Darüber bin ich mir mittlerweile überhaupt nicht mehr sicher. Ich meine, ob ich noch eine Sekretärin brauche.“</p>
<p>„Willst du mir damit sagen, dass ich nicht mehr deine Sekretärin bin?“</p>
<p>„Du bist nicht meine Sekretärin, du bist meine Frau, nur manchmal scheinst du das zu vergessen. Du bist auch Linguistin, angeblich. Was hat das Kolon des Darms mit dem … ich will es nicht mal wiederholen. Außerdem bist du hysterisch, ja, das ist das richtige Wort. Jannis sieht das übrigens auch so. In den nächsten Tagen solltest du mal zu ihm gehen, wir haben das bereits besprochen.“</p>
<p>„Willst du mir dann sagen, warum du mich geheiratet hast?“</p>
<p>„Weil du so gute Zitronentorten machst. Komm, lass uns jetzt zu Bett gehen, ich muss morgen früh aufstehen.“</p>
<p>Mein Mann geht ins Schlafzimmer. Er zieht seine Kleidung aus, den blauen Schlafanzug und die gestreiften Pantoffeln an, schaltet den Alarm ein und dann den Wecker, putzt sich die Zähne, nimmt ein Glas Wasser, stellt es auf den Nachttisch und legt sich ins Bett. In dieser Reihenfolge, wie immer. Ich bleibe noch ein wenig an der Spüle stehen. Die sauberen eleganten Weingläser von unserer Hochzeit glänzen auf der Arbeitsplatte, ordentlich aneinandergereiht auf ihrem Tablett. Als wären sie gestern erst gekauft worden, denke ich. Morgen wandern sie wieder zurück in ihre Box und in den Schrank, um keinen Platz zu verschwenden und beim nächsten Dinner sauber zurückzukehren.</p>
<p>Ich esse das letzte Stück Zitronentorte, das noch übrig ist. Es ist sauer, trotz des Zuckers und der Glasur, erst jetzt merke ich, wie sauer es wirklich ist. Ich habe diesen Kuchen nie gemocht, der mit der Zeit zu meiner Spezialität wurde und den ich zu mögen gelernt habe. Ich hasse diesen Zitronenkuchen, die Zitronen, die Creme, alles daran, denke ich, während ich den letzten Bissen hinunterschlucke, in vollständiger Gewissheit, dass ich dieses Dessert nie wieder machen werde.</p>
<p>Draußen weht der Wind, die Bäume biegen sich. Ich schalte den Alarm aus, öffne das Fenster und lasse mich vom kühlen Nachtwind umhüllen.</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14873 size-full alignnone" src="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-11-doppel_1.jpg" alt="" width="623" height="557" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-11-doppel_1.jpg 623w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-11-doppel_1-300x268.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-11-doppel_1-450x402.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-11-doppel_1-500x447.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 623px) 100vw, 623px" /></p>
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Elena Karakouli, <em>Δέκα</em> <em>τρόποι</em> <em>να</em> <em>εκτεθείς </em>(Zehn Wege, sich bloßzustellen)<br />
Erzählungen, als Sammlung nur auf EL<br />
Verlag Kastaniotis, Athen 2024, 14 €<br />
ISBN 9789600372809</p>
<p><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Elena Karakouli</strong> wurde in Athen geboren und arbeitet als Regisseurin. Sie studierte griechische Literatur und Theaterwissenschaften in Athen und Dramaturgie in Deutschland, wo sie am Deutschen Theater in Berlin, am Schauspielhaus Bochum und am Thalia Theater in Hamburg mitwirkte. 2008-2013 war sie Dramaturgin am Nationaltheater in Athen. Seit 1998 unterrichtet sie Literatur und Philosophie an der Deutschen Schule Athen.<br />
Sie inszenierte Stücke von R. Schimmelpfennig, A. Saidel, J. Mayorga, G. Ogawa und I. Bergman auf renommierten Athener Bühnen sowie beim Festival von Athen und Epidaurus.<br />
Der Erzählband „Zehn Wege, sich bloßzustellen“ ist ihr literarisches Debüt.<br />
<em>Elena Karakouli auf diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/?s=elena+karakouli">hier</a></p>
<p><strong>Die Übersetzerinnen</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-14835 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-09qu-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" />Unser Redaktionsmitglied<strong> Elena Pallantza</strong> ist Gräzistin und Autorin und arbeitet als freie Übersetzerin vom Griechischen ins Deutsche und umgekehrt. 2013 gründete sie an der Universität Bonn den Übersetzungskreis LEXIS.<br />
Für die Übertragung der Novelle <em>Die schwierige Kunst</em> von Dimitris Eleftherakis (Reinecke &amp; Voß Verlag 2017) erhielt sie zusammen mit LEXIS den griechischen Staatspreis für Literarische Übersetzung.<br />
<em>Elena Pallantza auf diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/?s=pallantza">hier</a></p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-14846 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2025/03/sek-10vollst-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p>Die Regisseurin und Korrektorin <strong>Carolin Mader</strong> arbeitet in Berlin auch als Übersetzerin. Im Tandem mit Elena Pallantza hat sie bereits für verschiedene Autoren, Filmproduktionen, Festivals und Institutionen Texte aus dem Griechischen übersetzt.<br />
<em>Carolin Mader auf diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/literatur/die-kleinen-geheimnisse-der-kleider-und-uhren-efstathia-matzaridou/">hier</a></p>
<hr />
<p class="textinfo"><em>Erzählung: Elena Karakouli, mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Übersetzung: Carolin Mader &amp; Elena Pallantza. Buchvorstellung: Elena Pallantza. Redaktion: A. Tsingas. Fotos: Verlag Kastaniotis und privat.<br />
<em>Alle Illustrationen: Elena Pallantza.<br />
</em></em></p>
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