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		<title>Griechische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Mar 2026 08:24:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Historisches]]></category>
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					<description><![CDATA[Ravensbrück – keine der dorthin deportierten Griechinnen wird zuvor diesen Ortsnamen gehört, geschweige denn Kenntnis über die geografische Lage dieses kleinen brandenburgischen Ortes gehabt haben. Auch heute noch spielt Ravensbrück auf der Landkarte des kollektiven ... <p class="read-more-container"><a title="Griechische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/historisches/griechische-frauen-im-konzentrationslager-ravensbrueck/#more-16296" aria-label="Mehr Informationen über Griechische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Ravensbrück – keine der dorthin deportierten Griechinnen wird zuvor diesen Ortsnamen gehört, geschweige denn Kenntnis über die geografische Lage dieses kleinen brandenburgischen Ortes gehabt haben.</p>
<p>Auch heute noch spielt Ravensbrück auf der Landkarte des kollektiven griechischen Gedächtnisses kaum eine Rolle. Auschwitz, Mauthausen, Dachau, Bergen-Belsen sind die Orte nationalsozialistischer Terrorherrschaft, die die Mehrheit der Griechinnen und Griechen kennt, nicht zuletzt dank der berühmten Theodorakis-Komposition „Asma Asmaton“. [aus der Mauthausen-Kantate, <a href="https://www.mauthausen-memorial.org/de/Aktuell/Mikis-Theodorakis-(19252021)"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>; YouTube <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D-Z0_oKzZdg"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>]</p>
<p>Die Überlebenden haben in der Regel geschwiegen, denn niemand interessierte sich wirklich, ihre Erfahrungsberichte zu hören. Sogar störend wurde mancherorts ihre Rückkehr empfunden, wie jüdische Überlebende wiederholt berichteten. Politisch links Stehende waren im repressiven griechischen Staat der Nachkriegszeit erneut mannigfaltigen Verfolgungen ausgesetzt und durchlebten oft ein zweites Mal den entmenschlichten Alltag einer Konzentrationslagerhaft. So überrascht es nicht, dass die wenigsten griechischen Überlebenden jemals an die Stätte ihres Leidens nach Ravensbrück zurückkehrten.</p>
<figure id="attachment_16304" aria-describedby="caption-attachment-16304" style="width: 360px" class="wp-caption alignleft"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-16304" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/02a_Buchcover-knapp.jpg" alt="" width="370" height="632" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/02a_Buchcover-knapp.jpg 430w, https://medien.diablog.eu/2026/01/02a_Buchcover-knapp-176x300.jpg 176w" sizes="(max-width: 370px) 100vw, 370px" /><figcaption id="caption-attachment-16304" class="wp-caption-text"><em>Als der Mensch gegen Scham und Tod ankämpfte</em> – Erinnerungen von Maria Tsiskaki-Galiatsatou (vergriffen)</figcaption></figure>
<p><strong>Zeitzeuginnen</strong><br />
Eine wichtige Quelle für die Griechinnen im Konzentrationslager Ravensbrück sind die Erinnerungen von Maria Tsiskaki-Galiatsatou. Bereits 1946 begann sie ihre Erfahrungen in den deutschen Konzentrationslagern aufzuschreiben. Aber es sollten fast 30 Jahre vergehen, bis sie diese kurz vor ihrem Tod 1975 im Selbstverlag veröffentlichte.</p>
<p>Maria Tsiskaki-Galiatsatou hat den Anspruch, das Erlebte so „neutral“ wie möglich wiederzugeben. Nicht jede griechische Zeitzeugin hat die Kraft dazu. Zu schwer lasten die traumatischen Erfahrungen auch heute noch auf den Überlebenden. So fällt es einer anderen Griechin sichtlich schwer, das von den Mitarbeitern des Projektes „Memories of the Occupation in Greece (MOG)“ geführte Interview durchzuhalten. [<a href="https://www.occupation-memories.org/en/index.html"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>] Immer wieder will sie das Interview vorzeitig beenden und unterbricht mehrmals ihre Schilderungen mit hasserfüllten Beschimpfungen auf die Deutschen. Noch 80 Jahre danach sitzen die Wunden tief; die brutalen Erlebnisse der Haft sind allzu gegenwärtig, die Wut über verlorenen Besitz ist groß. Eine Bereitschaft zur Versöhnung ist nicht erkennbar. Sie war 16 Jahre alt, als sie in eine Razzia der Deutschen in ihrer Heimatstadt Volos (Zentralgriechenland) geriet. Politisch habe sie sich nicht betätigt, als junge Vollwaisin ging es um das tägliche Überleben. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich seit ihrem 14. Lebensjahr als Arbeiterin in einer örtlichen Tabakfabrik, wo sie auch nach ihrer Rückkehr aus dem Konzentrationslager bis zu ihrer Berentung tätig war.</p>
<p><strong>Konzentrationslager und Orte der Zwangsarbeit</strong><br />
Nachgewiesen ist bislang die Internierung von 265 Griechinnen, die im Zeitraum zwischen Februar 1944 und Frühjahr 1945 in das Konzentrationslager Ravensbrück gelangten. In 12 Deportationstransporten erreichten sie einzeln oder in kleinen Gruppen gemeinsam mit weiteren Landsfrauen, aber immer im Zusammenhang von größeren Transporten aus allen Himmelsrichtungen Europas, das Lager Ravensbrück.</p>
<figure id="attachment_16305" aria-describedby="caption-attachment-16305" style="width: 490px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="wp-image-16305 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1-500x453.jpg" alt="" width="500" height="453" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1-500x453.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1-300x272.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1-450x408.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/03_Karte-1.jpg 565w" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-16305" class="wp-caption-text">Abfahrtsorte von Deportationen griechischer Frauen in das Konzentrationslager Ravensbrück // © F.M.Papoulia</figcaption></figure>
<p>Compiègne, Riga, Chaidari, Warschau, Lodz, Auschwitz sind nur einige Beispiel für Orte, an denen ihre Reise begann – die oftmals auch nicht in Ravensbrück endete: Zu groß und vielfältig war der ausbeuterische Bedarf der deutschen Kriegswirtschaft. Köpenick, Leipzig, Malchow, Magdeburg, Rechlin sind Beispiele für Einsatzorte der mitunter tödlich verlaufenden Zwangsarbeit.</p>
<p>Das in der Regel bürokratisch penibel geführte Aufnahmeprozedere der Nationalsozialisten liefert uns heute Hinweise für die Recherche. Deportationslisten, Eingangslisten, Effektenlisten, Krankenakten und schließlich die Häftlingskarteien selbst bilden die Grundlage für die Spurensuche. Nicht alle Inhaftierten lassen sich auf diese Weise finden, jedoch zahlreiche von ihnen.</p>
<figure id="attachment_16306" aria-describedby="caption-attachment-16306" style="width: 375px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-16306" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/04_Karte-2.jpg" alt="" width="385" height="506" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/04_Karte-2.jpg 385w, https://medien.diablog.eu/2026/01/04_Karte-2-228x300.jpg 228w" sizes="(max-width: 385px) 100vw, 385px" /><figcaption id="caption-attachment-16306" class="wp-caption-text">Zwangsarbeitseinsatzorte griechischer Frauen // © F.M.Papoulia</figcaption></figure>
<p><strong>Der Griechische Freundeskreis Ravensbrück, Berlin</strong><br />
Eine dieser Listen fiel vor über 25 Jahren einer kleinen Gruppe um Sofia Anastassiadou und Eleni Winckel in die Hände. Damit war der Grundstein für die engagierte Erinnerungsarbeit des „Griechischen Freundeskreises Ravensbrück, Berlin“ gelegt. Mit großem persönlichen Einsatz, minutiöser Recherche, dem Beisteuern privater Finanzmittel und unter Begleitung unglaublicher glücklicher Zufälle wurden Begegnungen mit inzwischen verstorbenen Zeitzeuginnen möglich. Ziel des Projektes ist, ein angemessenes Gedenken an diese griechischen Frauen zu ermöglichen und weitere aus der Anonymität ihrer Häftlingsnummern zu befreien. <span style="color: #0000ff;">[1]</span><strong><br />
</strong></p>
<p>Wer waren sie, diese 265 griechischen Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück, mit ihren 265 unterschiedlichen Lebensgeschichten, ihren auf individuelle Weise 265-mal unterschiedlich erfahrenen Erlebnissen und mit schließlich 265 verschiedenen persönlichen Erinnerungen daran?</p>
<p><strong>Griechische Frauen in der französischen Résistance</strong><br />
Die erste Griechin, die in den Eingangslisten von Ravensbrück zu finden ist, erreicht das Lager nicht aus Griechenland, sondern kommt im Februar 1944 in einem Deportationstransport gemeinsam mit 957 aus politischen Gründen inhaftierten Frauen aus dem französischen Compiègne. Warum die 51-jährige Anastassia sich in Frankreich aufhielt und welche die genauen Gründe ihrer Verhaftung waren, wissen wir nicht. Aus Berichten französischer Ravensbrückerinnen haben wir jedoch Kenntnis darüber, dass Ausländerinnen in den Reihen des französischen Widerstands durchaus üblich waren. Auch über eine weitere in Ravensbrück internierte Griechin ist bekannt, dass sie sich während des Krieges in Paris aufhielt und schließlich wegen ihrer Aktivitäten in der französischen Résistance verhaftet und nach Ravensbrück deportiert wurde. Ihre belgische Lagerfreundin, die Unternehmerin und Widerständlerin Simonne L., berichtet uns darüber:<br />
<em>Wir teilten uns ein einziges Bett, kaum 60 Zentimeter breit: sie am Kopfende, ich am Fußende. Nichts kann Ihnen wirklich vermitteln, was wir damals durchlebt haben; kein Bericht, keine Erzählung kann dieses Grauen wiedergeben, das selbst Dante sich nicht auszumalen gewagt </em><em>hätte</em><em>.</em><br />
<em>Um mir unter diesen Umständen Mut zu machen, trug mir Polymnia Gedichte vor. Sie hatte tatsächlich hunderte davon im Gefängnis geschrieben – alle sorgfältig geordnet und in ihrem Gedächtnis bewahrt. Nach unserer Befreiung wollte sie sie in zwölf Heften begleitet von Skizzen veröffentlichen. Sie versprach, mir das erste Heft zu widmen.</em><br />
<em>Um unserer Realität zu entfliehen, rezitierten wir gemeinsam mit geschlossenen Augen Gedichte. Viele davon waren Lieder, die wir dann alle zusammen sangen, während wir versuchten, Polymnia nachzuahmen. Sie war eine Frau von seltener Geisteskultur. Jedes Mal, wenn ich an sie zurückdenke, muss ich weinen</em>.</p>
<figure id="attachment_16307" aria-describedby="caption-attachment-16307" style="width: 640px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16307" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--500x375.jpg" alt="" width="650" height="488" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin--450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/05_Retzow-Rechlin-.jpg 1008w" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-16307" class="wp-caption-text">Erinnerungsort Retzow-Rechlin // © Gemeinde Rechlin</figcaption></figure>
<p>Beide Griechinnen überleben ihre Inhaftierung nicht. Polymnia wird nach Angaben von Simonne L. im Jugendlager Uckermark ermordet, während Anastassia an den brutalen Haft- und Arbeitsbedingungen im Außenlager Rechlin zugrunde gehen wird. Auf der hoch in den Himmel ragenden Gedenkstele am Ort der Erinnerung inmitten der mecklenburgischen Seenlandschaft können wir heute ihren Namen lesen.</p>
<figure id="attachment_16309" aria-describedby="caption-attachment-16309" style="width: 640px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16309" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-500x338.jpg" alt="" width="650" height="439" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-500x338.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-300x203.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-768x519.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari-450x304.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/07_Chaidari.jpg 983w" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-16309" class="wp-caption-text">Das Konzentrationslager Chaidari bei Athen // © A.M.Droumbouki</figcaption></figure>
<p><strong>Der „Sondertransport aus Athen“</strong><br />
Nur wenige Monate vor dem Abzug der deutschen Besatzungstruppen aus Griechenland erreicht im Juni 1944 der sogenannte „Sondertransport aus Athen“ das Konzentrationslager Ravensbrück. Es handelt sich um den einzigen (bisher dokumetierten) direkt aus Griechenland erfolgten Deportationstransport in dieses Konzentrationslager. Mit ihm treffen 61 Griechinnen im Lager ein. Sie waren sämtlich aus politischen Gründen im berüchtigten Konzentrationslager Chaidari bei Athen <span style="color: #0000ff;">[<a style="color: #0000ff;" href="https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/kz-chaidari.html">hier</a>]</span> inhaftiert gewesen:<br />
Darunter eine 16-jährige, bei der EPON [<a href="https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/article-epon-vereinigte-panhellenische-jugendorganisation.html"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>] organisierte Schülerin; eine sechsfache Mutter, die als Verwaltungsführerin der Nationalen Befreiungsfront, der EAM [<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/article-elas-griechische-volksbefreiungsarmee.html">hier</a></span>], auf Evia identifiziert worden war; mehrere Mitglieder einer Familie aus Theben, die als Angehörige von EAM-ELAS eingestuft wurden; sowie eine Mutter mit ihrer Tochter aus Ioannina, die als politische Geiseln festgehalten wurden. Weitere in den Häftlingskarteien verzeichnete Haftgründe lauteten „disziplinloses Verhalten“, „Bandenunterstützung“, „Judenbegünstigung“ oder schlicht „Kommunistin“.</p>
<p>Die Hälfte dieser Frauen war jünger als 25 Jahre, ein Viertel davon nicht einmal 20; die jüngste war gerade einmal 15 Jahre alt.</p>
<figure id="attachment_16308" aria-describedby="caption-attachment-16308" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16308" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter.jpg" alt="" width="750" height="307" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter.jpg 974w, https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter-300x123.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter-768x315.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter-450x184.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/06_Alter-500x205.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-16308" class="wp-caption-text">Altersstruktur inhaftierter griechischer Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück // n = 204 // © F.M.Papoulia</figcaption></figure>
<p>Einige der Frauen aus dieser Gruppe hatten im Konzentrationslager Chaidari bereits auf ihre Hinrichtung gewartet, bevor sich die Pläne der Besatzungsbehörden für sie änderten. Die Zugfahrt der 61 Frauen und 850 Männer in geschlossenen Güterwaggons habe 13 Tage gedauert. <span style="color: #0000ff;">[2]</span> In Thessaloniki waren weitere 250 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Pavlos Melas hinzugekommen. In Weimar schließlich wurden die beiden Waggons mit den Frauen vom restlichen Zug abgekoppelt. Die Stimmung unter den Frauen lasse sich nicht leicht beschreiben, erklärt Maria Tsiskaki-Galiatsatou :<br />
<em>Niedergeschlagenheit. Angst. Unsicherheit. Diejenigen von uns, die klar denken konnten, erkannten die Gefahr. Wir mussten unverzüglich reagieren. Wir mussten mit allen Mitteln das loswerden, was uns belastete. Die meisten unter uns waren junge Mädchen. An sie fiel nun die Aufgabe, eine Atmosphäre der Unbeschwertheit und Zuversicht zu schaffen. Mit intelligenten Witzen, Liedern unseres Heimatlandes, ein paar improvisierten kleinen Sketchen, in denen sie unsere Situation karikierten, gelang es ihnen, unsere depressive Stimmung etwas aufzuhellen</em>.</p>
<p>Die Ankunft in Ravensbrück und die damit verbundene Aufnahmeprozedur wird als eine zutiefst entmenschlichende Zäsur erlebt, sie bedeutete die völlige Entindividualisierung, die schlichte Reduzierung auf eine Häftlingsnummer. Aus den Anfangstagen berichtet Tsiskaki-Galiatsatou , die Gruppe habe rasch begriffen, dass zwei Dinge überlebenswichtig sein würden: ihr Zusammenhalt und der Kontakt zu anderen Mithäftlingen. Und tatsächlich gelang es ihnen – trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Hintergründe, es waren Studentinnen, Schneiderinnen, Hausfrauen, Verwaltungsangestellte, Akademikerinnen – über Monate hinweg eine enge Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.</p>
<p>Während eine Reihe dieser Frauen nicht in der Lage war, ihre Häftlingskartei zu unterschreiben und anstatt einer Unterschrift drei Kreuze setzten, besaßen andere dagegen gute Fremdsprachenkenntnisse: in einer Lagergemeinschaft aus über dreißig Nationen ein durchaus entscheidendes Wissen. So erfahren wir von Maria Tsiskaki-Galiatsatou:<br />
<em>Vaso sprach gut Französisch. Elenitsa kam mit Russisch zurecht, Betty konnte Deutsch, ebenso wie Matina. Und die Papadopoulou beherrschte alle diese Sprachen sehr gut. Sie versuchten also gleich, erste Kontakte zu knüpfen, und auf diese Weise wurden die kleine Sonja aus der fernen Steppe und die kleine Eleni vom warmen, blauen Meer Freundinnen. Zwischen Vasso und Odette entstand eine enge Bindung. Betty und Madina kamen mit deutschen Widerständlerinnen in Kontakt. Und die Papadopoulou versuchte, sich mit den Polinnen zu verständigen. Nach und nach brach das Eis, und so entstand zwischen uns ein Zusammenhalt, der nur Sklavinnen verbindet</em>.</p>
<p>Wie sich später zeigen sollte, konnte Betty im Arbeitslager ihre Deutschkenntnisse lebensrettend einsetzen und verhinderte auf diese Weise den Abtransport einer erkrankten griechischen Kameradin.</p>
<figure id="attachment_16310" aria-describedby="caption-attachment-16310" style="width: 640px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16310" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-500x280.jpg" alt="" width="650" height="365" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-500x280.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-300x168.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-768x431.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig-450x252.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/08_Hasag-Leipzig.jpg 804w" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-16310" class="wp-caption-text">Das ehemalige Hauptgebäude des KZ-Außenlagers Hasag-Leipzig (Aufnahme 2021) // © GfZL</figcaption></figure>
<p>Diese 61 Frauen werden schließlich ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt und zum Arbeitseinsatz nach Leipzig in die Hasag-Werke gebracht. Zwei Frauen dieser Gruppe werden nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Die 22-jährige Maria stirbt kurz nach der Befreiung in einem Leipziger Krankenhaus an den Folgen der schweren Haft- und Arbeitsbedingungen. Und über das tragische Schicksal von Vangelio berichtet uns Maria Tsiskaki-Galiatsatou:<br />
<em>In unserer Gruppe befanden sich auch fünf junge Frauen aus Evia, darunter Vangelio, eine Bäuerin. Gewohnt an ein Leben im Freien, in der Natur, war es der Unglücklichen unmöglich, sich an das Leben in der Fabrik anzupassen, insbesondere unter diesen Umständen. Am Ende verlor sie den Verstand. Eines Morgens wurde sie gemeinsam mit anderen verurteilten Frauen auf einen Lastwagen gepackt und in den Tod geschickt</em>.</p>
<p><strong>Evakuierungstransporte</strong><strong> aus Auschwitz</strong><br />
Von September 1944 bis Mitte Januar ´45 werden weitere Griechinnen nach Ravensbrück gebracht, diesmal hauptsächlich aus Auschwitz. Diese Transporte mit teilweise tausenden von Frauen sind nicht mehr so ausführlich dokumentiert. Auf den Eingangslisten sind meistens nichts Weiteres als Name, Geburtsdatum und Nationalität vermerkt. Oftmals sind es jüngere jüdische Frauen, die bereits mit den ersten Deportationstransporten im Frühjahr 1943 aus Thessaloniki nach Ausschwitz gebracht worden waren.</p>
<p>Hannah Herzog und Adi Efrat <span style="color: #0000ff;">[3]</span> haben gezeigt, dass diese in der Spätphase aus Auschwitz eintreffenden jüdisch-griechischen Frauen bereits ein unter den Lagerbedingungen in Auschwitz gut entwickeltes Solidarnetz mitbrachten. Auch in Ravensbrück sorgte diese aus etwa 50 Frauen bestehende Gruppe weiterhin füreinander und unterstützte sich gegenseitig. Diese unter den extremen Bedingungen des Lageralltags geknüpften Bande hielten auch über das Kriegsende hinaus.</p>
<p>Eine andere Gruppe von 38 Griechinnen wird ins Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt und kommt in das gerade im September 1944 neuerrichtete Außenlager Oberspree. Dort werden sie im Kabelwerk der AEG-Werke zur Zwangsarbeit eingesetzt. Täglich werden sie mit einem Kahn vom Lager zu ihrem Arbeitseinsatz unter der Aufsicht einer brutalen Aufseherin gebracht, die keinerlei Mitleid mit ihnen hatte, so die Berichte.</p>
<figure id="attachment_16311" aria-describedby="caption-attachment-16311" style="width: 640px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16311" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-500x314.jpg" alt="" width="650" height="408" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-500x314.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-300x188.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-1024x642.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-768x482.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg-450x282.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/09_Magdeburg.jpg 1084w" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-16311" class="wp-caption-text">Eingangstor des ehemaligen Zwangsarbeitslagers der Polte-Munitionswerke in Magdeburg (mit Gedenktafel) // © Olaf Meister, Wikimedia Commons</figcaption></figure>
<p>Eine weitere, zahlenmäßig kleinere Gruppe von 11 Griechinnen wird ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt und kommt zur Zwangsarbeit in das Magdeburger Polte-Werk. Diese Frauen wurden im Juni 1944 mit einem der letzten Transporte aus Griechenland nach Auschwitz deportiert. Sie waren hauptsächlich aus politischen Gründen festgenommen und hatten teilweise bereits längere Inhaftierungen in griechischen Gefängnissen und Konzentrationslagern durchlebt. So zum Beispiel die junge Vangelio, die bei ihrer Verhaftung auf Kreta im August 1942 gerade einmal 17 Jahre alt war. In dieser Gruppe befand sich auch Vasso Stamatiou, eine später sehr engagierte Zeitzeugin. Eleni Winckel hatte noch die Gelegenheit mit V. Stamatiou kurz vor ihrem Tod 2023 zu sprechen. <span style="color: #0000ff;">[4]</span></p>
<p>Im Polte-Werk arbeiteten die Frauen in 12-Stunden Schichten, wobei sie beim Beizen, Lackieren, Bohren und Pressen oftmals ungeschützt giftigen Chemikalien ausgesetzt waren. Fast täglich kam es zu Betriebsunfällen. Unter katastrophalen Zuständen waren sie zu jeweils 100 in unbeheizten, mit Fensteröffnungen ohne Glas versehenen Holzbaracken untergebracht.</p>
<p>Einer der letzten bisher dokumentierten Transporte mit Griechinnen aus Auschwitz erreichte Ravensbrück im Januar 1945. Übereinstimmend berichten diese Frauen von den chaotischen Zuständen beim Verlassen des Lagers, einem mörderischen dreitägigen Fußmarsch bei eisigen Wintertemperaturen und der anschließenden Zugfahrt in offenen, ungeschützten Güterwaggons nach Ravensbrück. Obwohl diese Frauen bereits fast zwei Jahre in Auschwitz verbracht hatten – einige von ihnen brutalsten medizinischen Versuchen ausgesetzt –, empfanden sie Ravensbrück als Verschlechterung und berichteten mit blankem Entsetzen von ihren ersten Eindrücken.</p>
<p>Im Januar 1945 befanden sich aufgrund der andauernd eintreffenden Evakuierungstransporte aus anderen Lagern über 60.000 Häftlinge in Ravensbrück. In Baracken, die vorher mit 200 Frauen belegt waren, wurden bis zu 2000 Frauen hineingepfercht. Unter diesen Bedingungen brachen die hygienischen Zustände und die Versorgung völlig zusammen. Es herrschte akuter Nahrungsmangel, Krankheiten breiteten sich unkontrolliert aus. Tägliches Sterben gehörte zum Lageralltag. Dennoch wurde das System des Zwangsarbeitseinsatzes weiterhin aufrechterhalten. Die jetzt eintreffenden griechischen Frauen wurden mehrheitlich in die Außenlager nach Malchow und Neustadt-Glewe aufgeteilt und arbeiteten bis zum Kriegsende bei den dortigen Rüstungsbetrieben.</p>
<p><strong>Befreiung und Rückkehr nach Griechenland</strong><br />
Das Kriegsende und der Moment der Befreiung nehmen in den Schilderungen der Ravensbrücker Griechinnen keine so herausragende Rolle ein, wie wir es aus den Schilderungen anderer Konzentrationslagerhäftlinge kennen. Oftmals wurden sie am Ort ihres Arbeitseinsatzes noch zu Evakuierungsmärschen gezwungen, den bekannten „Todesmärschen“. Ihre Schilderungen darüber sind geprägt von Todesangst, Hunger und äußerster physischer Erschöpfung. Manche der Griechinnen irrten nach dem plötzlichen Verschwinden des Wachpersonals wochenlang orientierungslos und hungernd durch das zerstörte Deutschland. Auch liegen diametral unterschiedliche Erfahrungen über die Begegnung mit den sowjetischen Befreiern vor. Während einige nach all den Strapazen endlich Sicherheit verspürten, sich aufgehoben fühlten und fürsorglich behandelt wurden, erfahren wir dagegen von anderen Griechinnen, dass sie leidvollen, angstbesetzten sexualisierten Gewalterfahrungen ausgesetzt waren.</p>
<p>Die früheste Rückkehrerin erreicht Griechenland im Juli 1945, für andere Frauen wird es jedoch noch Monate dauern, bis sie ihre Heimat wiedersehen werden. Von einer organisierten Rückkehr, wie es bei anderen Nationalitäten der Fall war, wird nur vereinzelt berichtet. Der griechische Staat interessierte sich zu diesem Zeitpunkt nur wenig für seine Überlebenden. Aus der Gruppe der 61 Frauen bricht Maria Tsiskaki-Galiatsatou mit 21 von ihnen von München nach Italien auf und erreicht Griechenland auf einem britischen Marineschiff. Manche jüdische Griechinnen berichten, dass sie mit Bussen nach Belgien gebracht und von dort in ihre Heimat ausgeflogen wurden. Andere wiederum brauchten monatelang, um über die Balkanländer schließlich Griechenland zu erreichen.</p>
<p>In der griechischen Nachkriegsgesellschaft war für die traumatischen Erfahrungen der KZ-Überlebenden wenig Raum, posttraumatische Belastungssyndrome in der damaligen Zeit noch ein Fremdwort. Mit der Verarbeitung ihrer Hafterlebnisse waren die Frauen weitgehendst auf sich gestellt, dementsprechend fielen sie auch sehr unterschiedlich aus. Eine überlebende Ravensbrückerin aus Thessaloniki beschreibt, wie ihre Freundinnen und Freunde das wiedergewonnene Leben in Tavernen feierten – und es für sie unmöglich war, sich ihnen anzuschließen. Jeder menschliche Kontakt fiel ihr schwer, jeder einzelne Mensch erschien ihr einer zu viel. In Thessaloniki nahm sich ein Gynäkologe der zwangssterilisierten Frauen an. Manche von ihnen konnten später noch Familien gründen, andere blieben zeitlebens kinderlos. Den Umgang der griechischen Bevölkerung mit jüdischem Besitz thematisiert Giannis Karatzoglou in seinem 2023 erschienen Buch. [<span style="color: #0000ff;"><a style="color: #0000ff;" href="https://www.epikentro.gr/mesengyouchoi-kai-dosilogoi-kai-to-telos-tis-evraikis-epicheirimatikotitas-stin-katochiki-thessaloniki/">hier</a>,</span> auf EL] Ein heikles Thema, auch 80 Jahre danach. So resümiert die in Thessaloniki lebende ehemalige Ravensbrückerin Oro Alfantari:<br />
<em>Wir fanden zwar unsere Immobilien wieder vor, aber leer, besetzt von Flüchtlingen. Erst nach zahlreichen Gerichtsverfahren erhielten wir sie wieder zurück. Ich heiratete erneut, aber da war keine Familie mehr. Heutzutage haben wir niemanden mehr, nicht einmal eine Großmutter &#8230; Das Härteste, was einem Menschen passieren kann, ist, wenn er einsam bleibt. Dieses Unrecht werden wir niemals verzeihen</em>.</p>
<p>Für die aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten verfolgten Griechinnen wiederum hörte das Leid mit Kriegsende mitnichten auf. Unsere Chronistin Maria Tsiskaki-Galiatsatou wurde erneut inhaftiert, deportiert, Lagerhaft bestimmte wieder ihren Alltag. Tinos, Trikeri, Makronissos, Jaros sind Stationen ihrer leidvollen Erfahrung, diesmal von Seiten des griechischen Staates. Ein Beispiel von vielen für das Schicksal der von den Nationalsozialisten politisch verfolgten Griechinnen in der Nachkriegszeit.</p>
<figure id="attachment_16313" aria-describedby="caption-attachment-16313" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16313 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR.jpg" alt="" width="1024" height="366" srcset="https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR-300x107.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR-768x275.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR-450x161.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2026/01/01_GR-500x179.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-16313" class="wp-caption-text">Ravensbrück, Straße der Nationen // © Eleni Winckel</figcaption></figure>
<p>Auf wenigen Seiten einen Eindruck über 265 Frauenschicksale zu geben, ist eine ziemliche Herausforderung. Ich habe mich bemüht, diejenigen Aspekte zumindest anzureißen, die ich für entscheidend halte, um sie in einer zukünftigen kollektivbiographischen Bearbeitung zusammenzuführen. Die Arbeit an diesem Projekt gestaltet sich als ein fortwährendes <em>work-in-progress</em>. Immer wieder lassen sich neue Anknüpfungspunkte finden, tauchen neue Namen mit ganz eigenen biographischen Geschichten auf. <span style="color: #0000ff;">[5]</span></p>
<p>Wenn auch deutsch-griechische Erinnerungsarbeit, insbesondere auf der politischen Ebene, keine einfache Angelegenheit ist, hat das Interesse an der deutsch-griechischen Erinnerungskultur Bestand. Nehmen wir das alle als Chance, um gemeinsam diesen griechischen Opfern der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ein dauerhaft verankertes Gedenken zu sichern – vor allem in einer Zeit, in der das Grundgerüst unseres demokratischen Konsenses zunehmend in Frage gestellt wird.</p>
<hr />
<p><span style="color: #0000ff;">[1] </span>Der <em>Griechische Freundeskreis Ravensbrück, Berlin</em> hat sich zur Aufgabe gemacht, eine umfassende Dokumentation der in Ravensbrück inhaftierten Griechinnen und Griechen zu erstellen. Er geht auf eine Initiative des ehemaligen Berliner Vereins <em>Frauen aktiv und kreativ e.V. </em>zurück, der sich seit 2000 auf die Spurensuche nach überlebenden Griechinnen und Griechen des Konzentrationslagers Ravensbrück gemacht hatte. Bisher wurde das Schicksal von 265 Griechinnen und über 130 Griechen dokumentiert. Der Verein konnte noch mit fünf ehemals inhaftierten Griechinnen und/oder ihren Angehörigen persönliche Gespräche führen.<br />
Eleni Winckel wurde für ihr jahrelanges unermüdliches Engagement 2023 als Vertreterin Griechenlands in das <em>Internationale Ravensbrück Komitee (IRK-CIR)</em> [<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationales_Ravensbr%C3%BCck-Komitee">hier</a>] aufgenommen. Zur Zeit unterstützt sie die Arbeiten zu der Filmdokumentation „Parousses“ von Agnes Sklavou und Stelios Tatakis über das Konzentrationslager Ravensbrück.<br />
Im Frühjahr 2016 wurde eine Gedenktafel zu Ehren der griechischen Inhaftierten angebracht. Jedes Jahr wird im Anschluss an die offiziellen Gedenkfeierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers an dieser Stelle mit einer kleinen Zeremonie an sie erinnert. Für die Gedenkfeier 2026 <a href="https://www.ravensbrueck-sbg.de/veranstaltungen/81-jahrestag-der-befreiung-des-frauen-konzentrationslagers-ravensbrueck/"><span style="color: #0000ff;">hier</span></a>.<br />
Kontakt: <em>gfkravensbrueck@gmail.com</em>.<br />
<span style="color: #0000ff;">[2]</span> Vgl. dazu auch den Zeitzeugenbericht von Evgenia Lambrinou. In Eleni Tsakmaki: <em>Letzte Station. Griechische Gefangene in deutschen Konzentrationslagern</em>. Papyrossa Verlag, Köln 2024, S. 85-88.<br />
<span style="color: #0000ff;">[3]</span> Herzog, Hanna / Efrat, Adi: <em>Wir Griechinnen wurden klepsi, klepsi genannt</em>. Jüdisch-griechische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück. In: Gisela Bock (Hg.): <em>Genozid und Geschlecht: Jüdische Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem</em>. Frankfurt a. M. 2005, S. 85–102.<br />
<span style="color: #0000ff;">[4]</span> Vaso Stamatiou: <em>Warum? Eine Griechin in Auschwitz</em> (nur auf EL als: βαρούμ? γιατί; Μια Ελληνίδα στο Άουσβιτς), Athen 1997, <a href="https://sep.gr/product/varoum-giati-mia-ellinida-sto-aousvits/?srsltid=AfmBOoqoube9poy-UgfZhPq47oLdB5tlbkTphx4IFZVVO6kSuK1l9XxK">hier</a>.<br />
Eleni Winckel: <em>Die Zeit drängt… Ein Besuch bei Vasso Stamatiou</em>. In: Exantas, Heft 38, 2023, S. 70-73.<br />
<span style="color: #0000ff;">[5]</span> Zuletzt konnten der Liste, dank der Zusammenarbeit mit dem Widerstandsmuseum der Stadt Lamia, elf neue Namen hinzugefügt werden, also elf weitere griechische Schicksalswege.</p>
<hr />
<figure id="attachment_16408" aria-describedby="caption-attachment-16408" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-16408 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2026/01/11_FMP-von-Kanella-Tragousti-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-16408" class="wp-caption-text">© Kanella Tragousti</figcaption></figure>
<p><strong>Die Autorin</strong><br />
<strong>Fanny Marina Papoulia</strong> studierte Neuere Geschichte und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Seitdem beschäftigt sie sich mit Themen der neugriechischen Geschichte des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts, wobei ihr besonderes Interesse gesellschaftspolitischen Veränderungsprozessen sowie Fragen der Historiographie und der Biographiearbeit gilt. Seit 2024 unterstützt sie den <em>Griechischen Freundeskreis Ravensbrück, Berlin</em> bei der Aufarbeitung des gesammelten Quellenmaterials.</p>
<p class="textinfo"><em>Überarbeitete Form des Vortrags, den F.M.Papoulia am 28.11.2025 in den Räumen der Botschaft der Hellenischen Republik in Berlin gehalten hat. </em><em>Über die Veranstaltung</em> <a href="https://www.stiftung-bg.de/veranstaltungen/2025-benefizveranstaltung/">hier</a>.<em> Text: Fanny Marina Papoulia mit Zitaten von Maria Tsiskaki-Galiatsatou, Simonne Lehouk-Gerbehaye und Oro Alfantari (in der Übersetzung von F.M.Papoulia). Fotos und Abbildungen: siehe Angaben; Dank an Pauline Schneider und Charlotte Behr für die Unterstützung bei der Erstellung der Graphiken.</em> <em>Redaktion: A. Tsingas.</em><a href="#_ftnref1" name="_ftn1"></a></p>
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		<title>In Leipzig aufgenommen: Flüchtlinge des griechischen Bürgerkriegs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Athanassios Tsingas]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Mar 2025 13:50:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Historisches]]></category>
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					<description><![CDATA[1949 endete der griechische Bürgerkrieg mit einer Niederlage der Partisanen. Viele von ihnen sind daraufhin geflohen, unzählige Kinder wurden außer Landes gebracht – auch in die Sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR. Auch nach dem Rückzug ... <p class="read-more-container"><a title="In Leipzig aufgenommen: Flüchtlinge des griechischen Bürgerkriegs" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/historisches/in-leipzig-aufgenommen-fluechtlinge-des-griechischen-buergerkriegs/#more-14632" aria-label="Mehr Informationen über In Leipzig aufgenommen: Flüchtlinge des griechischen Bürgerkriegs">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">1949 endete der griechische Bürgerkrieg mit einer Niederlage der Partisanen. Viele von ihnen sind daraufhin geflohen, unzählige Kinder wurden außer Landes gebracht – auch in die Sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR.</p>
<p>Auch nach dem Rückzug der Wehrmacht aus Griechenland im Herbst 1944 kam Griechenland nicht zur Ruhe, denn im März 1946 brach ein Bürgerkrieg aus. Er entstand aus dem Konflikt zwischen der linken Volksfront, bzw. deren Demokratischer Armee Griechenlands (DSE), und der konservativen griechischen Regierung und endete 1949 mit der Niederlage der Partisanen. Zehntausende linksgerichteter Griechen verließen Griechenland oder wurden verfolgt, verhaftet, in Umerziehungslagern interniert oder sogar hingerichtet. Wer fliehen konnte, fand zumeist in den sozialistischen Ländern eine neue Heimat. Auch in die damalige Sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR, kamen etwa 1300 Flüchtlinge, die meisten von ihnen Kinder und Jugendliche.<br />
Kostas Kipuros und Susanne Grütz beleuchten in ihrem Buch dieses wenig bekannte Kapitel deutsch-griechischer Geschichte, ihr Leben in der DDR und insbesondere in Leipzig. Die deutsch-griechische Zweisprachigkeit des Buches unterstreicht seinen interkulturellen Charakter und macht es für ein breites Publikum zugänglich.</p>
<p>Über die Emigration und ihre politischen Hintergründe wird allgemein viel geschrieben, diskutiert und gestritten. Hier wird über das Leben dieser Emigranten zwischen Heimat und Fremde berichtet. Obwohl historische Ereignisse behandelt werden, bietet das Buch Anknüpfungspunkte zu aktuellen Debatten über Migration, Integration und kulturelle Identität, denn die Migranten kommen selbst zu Wort. Oft flüchteten sie allein, ohne ihre Familie, und gelangten meist über Albanien, Bulgarien und Ungarn in die Sowjetische Besatzungszone. Die erste Station dort war nicht selten Bad Schandau in Sachsen, die letzte dann oft Leipzig. Zur Flucht selbst, zu den letzten Tagen in Griechenland, den ersten im Zufluchtsort und dem Leben im neuen Land kommen siebenundzwanzig Personen zu Wort.</p>
<figure id="attachment_14643" aria-describedby="caption-attachment-14643" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14643" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-02_Tanz-500x314.jpg" alt="" width="750" height="471" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-02_Tanz-500x314.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-02_Tanz-300x188.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-02_Tanz-768x482.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-02_Tanz-450x283.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-02_Tanz.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-14643" class="wp-caption-text"><em>Junge Griechinnen und Griechen in einer Pause während des Arbeitseinsatzes zum Aufbau des Zentralstadions von Leipzig (Foto: privat)</em></figcaption></figure>
<p>Diese sogenannten Markos-Kinder – benannt nach dem Partisanenführer Markos Vafiadis – erzählen ihre ganz persönliche Geschichte, berichten über Eindrücke und Emotionen und machen so die Vergangenheit lebendig. In der DDR erhielten sie schulische Bildung und berufliche Ausbildung. Viele von ihnen wurden Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler und Lehrer. Die Berichte ähneln sich in der Hinsicht, dass diese Migrantinnen und Migranten dieselben Rahmenbedingungen durchlebt haben. Die Details unterscheiden sich jedoch von Person zu Person – angefangen von den ersten Erlebnissen nach dem Verlassen Griechenlands über die Bildungs- und Karrieremöglichkeiten, die ihnen die DDR bot, bis zu der einen Frage, die sich früher oder später jede von ihnen gestellt hat: Wird es je eine Rückkehr in die Heimat geben?</p>
<hr />
<figure id="attachment_14645" aria-describedby="caption-attachment-14645" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14645 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-03_Chatzi-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-14645" class="wp-caption-text"><em>Efrossini Chatzi heute<br /></em></figcaption></figure>
<p>Auszug aus dem Buch, Seite 46 ff.<br />
<strong>Unsere Familie war in alle Winde zerstreut  </strong><br />
Erzählt von <strong>Efrossini Chatzi</strong>, Wirtschaftsingenieurin, geboren am 25. Juli 1937 in Aeromini</p>
<p>An meine letzten Tage in Griechenland kann ich mich nicht mehr detailliert erinnern, ich war ja schließlich noch ein Kind von elf Jahren, das Ziegen hütete. Allerdings weiß ich noch, dass wir eines Nachts im Juli oder August 1948 unser Dorf verließen, da die Kämpfe zwischen den Partisanen und den Königstruppen immer näherkamen und an Heftigkeit zunahmen. Es war eine Flucht über Stock und Stein, Berg und Tal. Ich befand mich in Begleitung meines Vaters und einer meiner Schwestern. Meine Mutter blieb im Dorf, da sie noch meine verwitwete Schwester und deren zwei kleine Kinder versorgen musste. Ihr Mann war von Wehrmachtssoldaten erschossen worden. Auf der Flucht in Richtung Albanien wurde unser Treck mehrfach von Flugzeugen beschossen. Für lange Gespräche und Begründungen, warum wir das Dorf verlassen mussten, blieb keine Zeit. Ich kann mich jedenfalls nicht an entsprechende Gespräche erinnern. Uns war nur klar, wir mussten schnellstens weg. Mein Vater war gerade von Regierungssoldaten derart brutal zusammengeschlagen worden, dass er sich eine ganze Woche lang kaum bewegen konnte. Wäre er ihnen erneut in die Hände gefallen, hätten sie ihn sofort verhaftet. Zum Zeitpunkt unserer Flucht hatten wir keinerlei Vorstellungen über eine eventuelle Rückkehr. Wir glaubten, nach der Schlacht wieder ins Dorf zu können. Erst als wir schon in die Gegend um Samarina gelangt waren, dämmerte mir, dass es keine schnelle Rückkehr geben würde.</p>
<p>Natürlich war ich traurig, aber irgendwie nahm ich die Situation als unabwendbar hin. Am ehesten hat wohl noch meine Schwester begriffen, was unsere Flucht bedeutete. In einem der Flüchtlingslager in Albanien wurde ich für über einen Monat krank. Kein Wunder, schließlich waren wir schlecht ernährt, verlaust und besaßen nur die Kleidung, die wir am Leib trugen. Mein Vater konnte mir nichts außer einer Decke geben. Unsere Erzieherinnen hatten wenigstens ihre Sachen mitnehmen können. Immerhin bekamen wir eine Tasse Milch pro Tag.</p>
<p>Eines Tages wurden wir ohne Ankündigung nach Tirana und von dort nach Budapest gebracht. Meinen Vater sah ich dort zum letzten Mal. Er umarmte mich und gab mir eine Wassermelone. Wie ich später erfuhr, kam er nach Rumänien, wo er 1954 in Bukarest starb. Eine meiner Schwestern wurde nach Polen geschickt, die ältere nach Taschkent, in die Sowjetunion. Meine Mutter blieb ebenso in Griechenland wie meine älteste Schwester sowie mein Bruder, der wegen seines Kampfes auf Seiten der Partisanen zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war. Unsere Familie − fünf Kinder und die Eltern − war damit in alle Winde zerstreut. Für meine Mutter war es besonders hart. Da sie Analphabetin war, gab es keine Möglichkeit, auf irgendeinem offiziellen Weg etwas zu erfahren oder zu bewirken, die Familie wieder zusammenzuführen.</p>
<p>In Budapest erfuhr ich 1949, dass ich in die damalige sowjetische Besatzungszone − also nach Deutschland − kommen würde. Hatte ich Angst? Ja, natürlich hatte ich Angst. Schließlich kam ich in ein Land, das meine Heimat überfallen hatte. Allerdings legte sich dieses Gefühl zunehmend mit den positiven Erfahrungen, die ich täglich in meiner zukünftigen neuen Heimat machte. Die erste Station mit längerem Aufenthalt − ich glaube, für etwa ein Jahr − war Schloss Dölkau bei Merseburg. Wir waren dort zwischen 300 und 350 griechische Kinder. Ich war eines der jüngsten. 1950 kam ich nach Leipzig. Inzwischen hatte ich die Angst vor Deutschland überwunden.</p>
<figure id="attachment_14641" aria-describedby="caption-attachment-14641" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14641" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-01_Akkordeon.jpg" alt="" width="750" height="511" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-01_Akkordeon.jpg 784w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-01_Akkordeon-300x204.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-01_Akkordeon-768x523.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-01_Akkordeon-450x307.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-01_Akkordeon-500x341.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-14641" class="wp-caption-text"><em>Junge Griechinnen beim Musizieren im Schloss Dölkau (Foto: privat)</em></figcaption></figure>
<p>Da ich nicht zu den Pionieren wollte, habe ich mich zwei Jahre älter gemacht, um so schneller auf die Berufsschule zu kommen. An die neuen Bedingungen habe ich mich relativ schnell gewöhnt, wahrscheinlich, weil man als Kind eher mit Veränderungen umgehen kann. Natürlich kannten wir das Gefühl von Traurigkeit, aber die gute Unterbringung und Verpflegung haben uns auch viele Widrigkeiten vergessen lassen − auch wenn wir kaum satt zu bekommen waren. Außerdem fühlten wir uns als Teil einer Familie, weshalb Traurigkeit nicht das vorherrschende Gefühl war. Zudem nahm uns das Erlernen der deutschen Sprache in Beschlag. Wir hatten einen griechischen Lehrer, der die deutschen Wörter mit griechischen Buchstaben an die Tafel schrieb − die mussten wir anschließend aufsagen. Aber eigentlich musste ich zugleich auch Griechisch lernen, da ich in der Dorfschule gerade einmal die erste Klasse besucht und vieles wieder vergessen hatte. Noch in Albanien wollte ich einen Brief an meine Schwester schreiben und stellte dabei fest, dass ich nur mit Mühe die einzelnen Buchstaben kritzeln konnte.</p>
<p>Motivierend war dabei der feste Glaube, eines Tages nach Griechenland zurückkehren zu können. Daran gab es für uns keine Zweifel. Über einen möglichen konkreten Termin dachten wir allerdings nicht nach. Die Rückkehr war für mich eine so große Selbstverständlichkeit, dass wir uns über dieses Thema keineswegs täglich den Kopf zerbrachen. Außerdem waren die Tage ausgefüllt mit Dingen, die uns beschäftigten, neben der schulischen Ausbildung war das vor allem die Kultur. Ich glaube, das kulturelle Leben der griechischen Emigranten in Leipzig war intensiver als das in Dresden und Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Jedenfalls lernte ich in diesem Zusammenhang meinen späteren Lebenspartner und − inzwischen verstorbenen − Ehemann Jorgos kennen. Er war mir unter anderem dadurch aufgefallen, dass er als einziger von uns mehrere Instrumente spielen konnte. Er begleitete unseren Chor mit seinem Akkordeon. Das Spielen hatte er sich selbst beigebracht. 1958 kamen wir dann zusammen.</p>
<p>Inzwischen hatte ich die Berufsschule des RFT-Gerätewerkes als Mechanikerin abgeschlossen. Von dort wurde ich zum Fachstudium für Schwermaschinenbau und Elektrotechnik Leipzig delegiert. Das war keine leichte Zeit − aber geschafft ist geschafft.</p>
<p>Jetzt bin ich Rentnerin und denke viel über Griechenland nach. Griechenland bedeutet für mich noch immer viel. Natürlich zuerst Familie. Die Kinder meiner Schwestern sind aus Polen und der Sowjetunion in die Heimat zurückgekehrt. Zu ihnen habe ich ein enges Verhältnis − auch und gerade nachdem meine Schwestern gestorben sind. Bei unseren Griechenlandreisen sind wir stets bei meinen Nichten und Neffen untergekommen. Um immer in Griechenland zu leben, ist für mich allerdings die Zeit vorbei. Die Umstände und Gegebenheiten dort unterscheiden sich doch zu sehr von unseren Gewohnheiten hier. Außerdem: Leipzig gefällt mir − besser als Dresden oder andere Städte. Berlin ist mir zu unruhig, ich finde zu dieser Stadt keinen Bezug.</p>
<p>Das betrifft übrigens auch das nach der Wende vereinte Deutschland. Begrüßt habe ich diese Entwicklung nicht. Nicht nur wegen unserer Erziehung, sondern auch wegen der konkreten Erfahrungen, die ich machte. Ich verlor meine Arbeit und musste aus Altersgründen meinen Platz räumen. Das war schon bitter, ich konnte meine Traurigkeit lange nicht überwinden. In der DDR gab es keine vergleichbaren Probleme, ich weiß aus persönlichen Gesprächen, dass alle griechischen Kinder, die in die DDR kamen, diesem Land noch heute dankbar sind − für die Bildung, die beruflichen Möglichkeiten und überhaupt das Leben, das wir führten. Daher freuen wir uns noch heute, wenn wir uns im Kreis der ehemaligen Emigranten begegnen. Was wäre aus uns geworden, wenn wir in Griechenland geblieben wären? Jorgos, mein Ehemann, hätte Schafe gehütet und nicht den Beruf eines Chemigrafen erlernt.</p>
<p>Ein Resümee meines Lebens zu ziehen, ist dennoch gar nicht so einfach. Vor allem, wenn ich als ehemaliges Flüchtlingskind erlebe, dass es heute schon wieder und immer noch Menschen gibt, die ihre Heimat verlassen müssen, wie etwa in der Ukraine. Was dort passiert, tut mir so leid, es berührt mich. In der Rückschau ist es für mich am schlimmsten zu wissen, dass damals im griechischen Bürgerkrieg Angehörige ein und derselben Familie gegeneinander gekämpft haben. Ich frage mich noch immer, ob es wirklich so hätte kommen müssen. Das macht mich traurig.</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-14647" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-05_Cover-450x636.jpg" alt="" width="300" height="424" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-05_Cover-450x636.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-05_Cover-212x300.jpg 212w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-05_Cover-500x706.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-05_Cover.jpg 725w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Kostas Kipuros, Susanne Grütz: <em>Zwischen Heimat und Fremde. Die Geschichte der Flüchtlinge des Griechischen Bürgerkriegs (1946-1949) in Leipzig/Sachsen </em>(durchgehend zweisprachig Deutsch und Griechisch).<br />
Verlag der Griechenland Zeitung, Athen 2024, 311 Seiten, 53 Abb.<br />
ISBN: 978-3-99021-054-3, Preis 24,80 Euro.<br />
Griechenland Zeitung <a href="https://www.griechenland.net/shop/b%C3%BCcher/product/zwischen-heimat-und-fremde">hier</a></p>
<p>Mit einer Einleitung von K. Kipuros (inklusive historischem Rückblick) und einer ausführlichen Auswertung durch ein HistorikerInnen-Team der Ionischen Universität Korfu unter der Leitung von Prof. K. Angelakos (mit 120 Fußnoten und Verweisen).</p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14702 size-thumbnail alignleft" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-06b_Kipuros-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p><strong>Kostas Kipuros</strong><br />
Der Journalist und Musiker ist in den 1960er Jahren als Sohn griechischer Flüchtlinge in der DDR aufgewachsen und steht für die Verbindung zwischen griechischer und deutscher Kultur. Seine Familiengeschichte spiegelt viele der im Buch geschilderten Erfahrungen wider.</p>
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<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14663 size-thumbnail alignleft" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/kip-07_wagenbrett34-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p><strong>Susanne Grütz</strong><br />
Die freischaffende Künstlerin hat zur deutsch-griechischen Geschichte bereits mehrere Ausstellungen organisiert. Ihr verdankt das Projekt den kreativen und gestalterischen Blickwinkel.</p>
<p>Die beiden Autoren bringen unterschiedliche und sich ergänzende Perspektiven in das Buch ein. Die Kombination aus künstlerischem und wissenschaftlichem Interesse verleiht dem Buch eine besondere Tiefe und Authentizität. Gemeinsam können sie sowohl die historische Dimension als auch die menschlichen Schicksale hinter der Geschichte der griechischen Emigranten in Leipzig und Sachsen beleuchten.</p>
<p><strong>Die Übersetzer</strong><br />
Aus dem Deutschen ins Griechische und umgekehrt:<br />
Panos Terz <a href="http://panosterz.de/">hier</a>; Theo Votsos <a href="https://bibliothek.edition-romiosini.de/catalog/category/theo-votsos">hier</a> und in diablog.eu <a href="https://diablog.eu/?s=theo+votsos">hier</a></p>
<p><strong>Der Dokumentarfilm</strong><br />
„Zwischen Heimat und Fremde“ von Susanne Grütz und K. Kipuros (47:44; DE, auch mit Transkript, EL-Untertitel) <a href="https://www.youtube.com/watch?v=gO9lbkbyME4">hier</a>. Die Bürgerkriegsdokumentation im Athener Goethe-Institut <a href="https://www.griechenland.net/nachrichten/kultur/35249-bürgerkriegsdokumentation-im-athener-goethe-institut">hier</a><br />
Der Film zeigt die historischen Hintergründe auf und bringt zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen und ihren Nachfahren.</p>
<p>::: <em>Der Film wurde vom Auswärtigen Amt aus Mitteln</em><br />
<em>   des Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds finanziert</em> :::</p>
<p><strong>weiterführend</strong><br />
Zu Kostas Kipuros <a href="https://dezentralbild.net/de/protagonists/kostas-kipuros/">hier</a><br />
Zu Susanne Grütz (mit Auswahl von Musiktiteln) <a href="https://www.susannegruetz.de/projekte/susanne-compania/">hier</a><br />
exemplarisches Musikvideo der beiden Musiker <a href="https://www.youtube.com/watch?v=C-9ubZzp8YY&amp;t=9s">hier</a><br />
Markos Vafiadis <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Markos_Vafiadis">hier</a><br />
Der griechische Bürgerkrieg literarisch in diablog.eu <a href="https://diablog.eu/literatur/der-marsch-der-unbewaffneten-brigade/">hier</a>, <a href="https://diablog.eu/literatur/athos-der-foerster-maria-stefanopoulou/">hier</a> und <a href="https://diablog.eu/literatur/geschichte-und-literatur-epos-und-elegie/">hier</a></p>
<p class="textinfo"><em>Text des Auszugs: Kostas Kipuros und Susanne Grütz. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Vorstellung und Redaktion: A. Tsingas. Bildmaterial: Verlag der Griechenland Zeitung, S. Grütz. Porträt K. Kipuros: Andre Kempner. Porträt Susanne Grütz: </em><em>Norbert Wagenbrett, </em><em>Öl auf Leinwand, </em><em>Ausschnitt aus „Kabarettisten“.<br />
</em></p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Deutsche Gerichtsprotokolle zu Kriegsverbrechen auf Kreta</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Mar 2025 15:18:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Historisches]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwischen April 1941 und September 1944 führte die deutsche Besatzungsmacht auch auf Kreta brutale Strafmaßnahmen durch, samt Plünderungen, Geiselerschießungen und Einäscherung ganzer Ortschaften. Die Verantwortlichen wurden nur ausnahmsweise vor Gericht gestellt. Der württembergische evangelische Theologe ... <p class="read-more-container"><a title="Deutsche Gerichtsprotokolle zu Kriegsverbrechen auf Kreta" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/historisches/deutsche-gerichtsprotokolle-zu-kriegsverbrechen-auf-kreta/#more-14422" aria-label="Mehr Informationen über Deutsche Gerichtsprotokolle zu Kriegsverbrechen auf Kreta">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Zwischen April 1941 und September 1944 führte die deutsche Besatzungsmacht auch auf Kreta brutale Strafmaßnahmen durch, samt Plünderungen, Geiselerschießungen und Einäscherung ganzer Ortschaften. Die Verantwortlichen wurden nur ausnahmsweise vor Gericht gestellt.</p>
<p>Der württembergische evangelische Theologe Ulrich Kadelbach – Philhellene, beständiger Kreta-Besucher und exzellenter Kenner sowohl der lokalen Tradition als auch der griechisch-orthodoxen Theologie –, veröffentlichte 2002 nach langjährigen Recherchen in den deutschen Staatsarchiven von Ludwigsburg und Freiburg i.Br. ein anschauliches Werk mit dem Titel <em>Schatten ohne Mann – Die deutsche Besetzung Kretas 1941-1945</em>.<sup>1)</sup> Dieses Buch richtete sich vor allem an deutschsprachige Liebhaber Kretas und regelmäßige Besucher der Insel und wurde 2009 vom selben Verlag auch in griechischer Sprache veröffentlicht. <sup>2)</sup></p>
<figure id="attachment_14445" aria-describedby="caption-attachment-14445" style="width: 188px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14445 size-medium" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/02a_Cover-blau-DE_-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/02/02a_Cover-blau-DE_-198x300.jpg 198w, https://medien.diablog.eu/2025/02/02a_Cover-blau-DE_-450x681.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/02/02a_Cover-blau-DE_-500x756.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/02/02a_Cover-blau-DE_.jpg 677w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" /><figcaption id="caption-attachment-14445" class="wp-caption-text">Schatten ohne Mann, 2002</figcaption></figure>
<p>Auszug aus der Buchkritik der <em>Heidenheimer Zeitung</em> vom 04.04.2002<em>:</em><em> „Es</em> <em>ist kein Buch zum Träumen von kretischen Stränden oder deftigen Zechereien in malerischen Kneipen. Nach der Lektüre des sorgfältig recherchierten und mit zahllosen Dokumenten bereicherten Buches ist man verwundert darüber, dass man sich als Deutscher heutzutage in Kreta überhaupt blicken lassen darf. Die Betroffenheit über die ungeheuerlichen Vorgänge während der deutschen Besetzung ist dem Autor nahezu ständig anzumerken. Fündig wurde Kadelbach bei seinen Recherchen zum Buch in Militärarchiven in Freiburg und Ludwigsburg. Ulrich Kadelbachs Sprache ist nüchtern und wirkt dadurch umso erschütternder. Er weiß auch die poetischen Seiten der Insel und ihrer Bewohner zu verdeutlichen, doch immer wieder bricht das Entsetzen über die Vergangenheit herein. Kadelbach hat ein Buch gegen die Schlussstrichmentalität und für einen besseren Umgang mit Widerstandskämpfern, auch deutschen, geschrieben.“ </em></p>
<p>Jahre später wollte Kadelbach diese notwendige (und zwingende) Arbeit der grundlegenden Erkenntnis und kritischen Reflexion über die gemeinsame Vergangenheit fortsetzen, insbesondere, weil es sich hier um eine äußerst sensible und vielfach vorbelastete handelt. So übergab er am 15. September 2020 in einer besonderen Veranstaltung in der Orthodoxen Akademie von Kreta (in Kolymbari bei Chania) das 505 Blatt umfassende, höchst bedeutende Archivmaterial, das er über Jahre gesammelt hatte, dem gemeinnützigen Verein „Gesellschaft zur Gründung und Verwaltung des Museums der Schlacht um Kreta, der Besatzung und des Widerstands“, vertreten durch seinen Präsidenten, dem langjährigen Generaldirektor der Akademie und persönlichen Freund von Kadelbach, Dr. Alexandros Papaderos. Dieser war in seiner Kindheit von den deutschen Besatzungstruppen verhaftet und ins Agia-Gefängnis verbracht worden. Nur knapp ist er der Deportation in das Konzentrationslager Dachau entgangen.</p>
<p>Das war der Startschuss für die jetzt vorliegende, (weitestgehend) vollständige wissenschaftliche Ausgabe des übergebenen Materials in neugriechischer Sprache. Die kritische Übersetzung dieses Archivmaterials aus dem Deutschen ins Griechische wurde Giorgos Iliopoulos anvertraut; angesichts der allgegenwärtigen sprachlichen und fachlichen Klippen wäre es eine kaum zu bewältigende Aufgabe gewesen, hätte er diese nicht als eine Herzensangelegenheit aufgefasst, wie es bei der öffentlichen Präsentation des Bandes am 30. September 2024 in Chania hieß.</p>
<figure id="attachment_14440" aria-describedby="caption-attachment-14440" style="width: 490px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14440 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/03_Parousiasi-01.12.2024_GI-500x375.jpg" alt="" width="500" height="375" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/02/03_Parousiasi-01.12.2024_GI-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/02/03_Parousiasi-01.12.2024_GI-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2025/02/03_Parousiasi-01.12.2024_GI-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2025/02/03_Parousiasi-01.12.2024_GI-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/02/03_Parousiasi-01.12.2024_GI.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-14440" class="wp-caption-text">Georgios Iliopoulos bei einer weiteren Präsentation des Bandes am 1.12.2024 in Athen</figcaption></figure>
<p>Die Leserschaft wird damit nun zu einer anspruchsvollen Übung kultureller und historischer Selbsterkenntnis im Rahmen einer immer aktuellen politischen Dimension aufgefordert. Über die individuellen Unterschiede hinaus lassen uns alle Verfasser des Bandes an ihren Erfahrungen und Überlegungen teilhaben. Das sind die Professoren Hagen Fleischer (Emeritus für Geschichte an der Nationalen und Kapodistrias Universität Athen &#8211; EKPA), Evangelos Protopapadakis (Professor für Philosophie an der EKPA), Philippos Spyropoulos (Emeritus für Recht an der EKPA und ehemaliger Justizminister) und der Historiker an der Universität Kreta, Emmanuil Chalkiadakis.</p>
<p>Das „Unternehmen Merkur“ der deutschen Wehrmacht im letzten Drittel des Mai 1941, das auf die Eroberung Kretas abzielte, war hinreichend erfolgreich und schloss in kurzer Zeit eine bedeutende Lücke in der Umsetzung der Offensivpläne der Achse. Wie der angesehene „griechische Historiker deutscher Herkunft“ Hagen Fleischer in seinem umfangreichen Beitrag „<em>Die Schlacht um Kreta und ihre zahlreichen Folgen</em>“ ausführlich darlegt, lag der Erfolg der Invasion sowohl an der soliden Planung und der entschlossenen Durchführung seitens der Angreifer, als auch an den Versäumnissen der Verteidiger und ihrer Verbündeten in den Jahren davor. Im vorliegenden Band werden die Kenntnisse der kurzen, aber intensiven Schlacht um Kreta sowie die entsprechenden umfangreichen Debatten vorausgesetzt, denn der Fokus liegt auf der Besatzungszeit. Im Vordergrund stehen die Aufdeckung und Beanstandung der deutschen Kriegsverbrechen, die vor mehr als 80 Jahren auf der größten griechischen Insel begangen wurden, aber bis heute weder von deutscher noch – leider – von griechischer Seite gebührend berücksichtigt wurden.</p>
<p>Hier kann man sich im Detail (und mit der entsprechenden emotionalen Last) über viele dieser Verbrechen informieren, deren Verschweigen sinnlos wäre: In der zweiten Augusthälfte bis Anfang September 1944, als das Kriegsende näher rückte, zerstörten die Nazis in einer Operation, die sie mit unglaublichem Zynismus „Abschiedsfest &#8211; Sommernachtstraum“ nannten, 13 Dörfer, töteten 500 Widerstandskämpfer (im Sprachgebrauch der Besatzer: „Banditen“) und verhafteten 1000 Zivilisten, wie wir aus dem Bericht einer daran beteiligten Militäreinheit (des Frontaufklärungstrupps 382) erfahren. Die deutsche Seite behauptet, es handele sich nicht um Kriegsverbrechen, da nach dem damals geltenden Kriegs- und Völkerrecht die Gewalttaten der Besatzer nicht als Verbrechen zu werten seien. Die Begründung:<br />
&#8211; Die Einheimischen, die Widerstand leisteten, trugen keine Abzeichen, und<br />
&#8211; die Eroberer wendeten Gewalt nur als Vergeltung für Gewalttaten an, denen sie zuvor selbst ausgesetzt waren.</p>
<figure id="attachment_14454" aria-describedby="caption-attachment-14454" style="width: 490px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14454 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/02_Cover-Buch2-500x704.jpg" alt="" width="500" height="704" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/02/02_Cover-Buch2-500x704.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/02/02_Cover-Buch2-213x300.jpg 213w, https://medien.diablog.eu/2025/02/02_Cover-Buch2-450x634.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/02/02_Cover-Buch2.jpg 727w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-14454" class="wp-caption-text">Der Sammelband <em>Deutsche Gerichtsprotokolle zu Kriegsverbrechen auf Kreta</em>, 2024 (auf EL)</figcaption></figure>
<p>Die entscheidende Frage ist jedoch, warum das Nachkriegs- bzw. Post-Nazideutschland die Möglichkeit erhielt, solche Argumente vorzubringen, die unter anderen Umständen nicht akzeptiert worden waren (wie die berühmte Erklärung beim Nürnberger Prozess 1946, man habe lediglich auf Befehl Vorgesetzter gehandelt – die dort abgewiesen wurde). Die Antwort verweist auf die Verantwortung der griechischen Seite, die von Anfang an nicht dafür gesorgt hatte, dass notwendige Strafverfolgungen durchgeführt und zwingende Ergebnisse erzielt wurden. Es mag sein, dass am 20. Mai 1947 (dem symbolträchtigen 6. Jahrestag der deutschen Invasion), die beiden letzten Kommandanten der deutschen Besatzungstruppen auf Kreta (der sogenannten Festung Kreta) Bruno Bräuer und Friedrich-Wilhelm Müller im Militärlager Chaidari/Athen hingerichtet wurden. Wie Hagen Fleischer jedoch nachweist, war das eher dem Wunsch der Königin von Griechenland (geb. Friederike Luise Prinzessin von Hannover) geschuldet, um einer möglichen Volksempörung zuvorzukommen. Die eidesstattlichen Aussagen geschädigter Bürger bei den lokalen Gendarmeriestationen zu begangenen Verbrechen auch anderer Angehöriger der Besatzungstruppen wurden jedoch nicht weiter verfolgt. Kein einziger angeklagter deutscher Militärangehöriger wurde an Griechenland ausgeliefert; der berüchtigte Max Merten, der „Schlächter von Thessaloniki“, wurde sogar auf Druck von Bundeskanzler Konrad Adenauer und nach Intervention von Premierminister Konstantin Karamanlis am 5. November 1959 aus griechischer Haft freigelassen. Das griechische Parlament hatte zwei Wochen zuvor ein Sondergesetz verabschiedet: Demnach wurde jede Strafverfolgung von NS-Verbrechern in Griechenland ausgesetzt. Ab dann waren die Klageschriften an das damalige Westdeutschland weiterzuleiten, wo sie geprüft und die Beschuldigten gegebenenfalls vor Gericht gestellt werden sollten. Die zu erwartende Folge dieser Vereinbarung war natürlich, dass kein einziger derartiger Prozess auf deutschem Boden stattgefunden hat, da<br />
&#8211; die Beschuldigten in der Regel aberwitzige Ausreden anführten, wie z.B., dass sie sich im Urlaub befänden, und<br />
&#8211; die deutschen Justizbehörden solche Ausreden für bare Münze nahmen, ohne wirkliches Interesse zu zeigen, ihnen nachzugehen; selbst in Fällen, in denen die Beweise erdrückend waren, entschieden sie, dass die Schuld „nicht mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit nachgewiesen werden kann“, und fassten die Beschuldigten mit Samthandschuhen an: Zwar wurde ihnen die Zahlung von Gerichtskosten auferlegt – jedoch verbunden mit der Möglichkeit, in Berufung zu gehen.</p>
<p>In diesem Band können solche Praktiken nachgeschlagen werden, die nachträglich weder den Tätern noch den beiden beteiligten demokratischen Nachkriegsstaaten Ehre machen. Die griechische Seite war bemüht, nicht nur die juristische Untersuchung, sondern auch die künftige historische Forschung zu Grabe zu tragen: Der Justizminister Konstantinos Stefanakis entschied 1975 (wiederum unter Premierminister Konstantinos Karamanlis), die originalen einschlägigen griechischen Dokumente eines inzwischen abgeschafften „Sonderbüros“ zu versteigern oder gar einzustampfen. Dieser Beschluss wurde auch ausgeführt, die NS-Spuren in Südosteuropa waren somit ein für alle Mal getilgt; aber im Herzen Mitteleuropas blieb die sprichwörtliche und vorbildliche deutsche Gründlichkeit davon unangetastet. So haben die deutschen Übersetzungen der griechischen Anklageschriften die Jahrzehnte überlebt, natürlich zusammen mit den deutschen Originalgerichtsakten. In dieser Tradition spielte nun Ulrich Kandelbach, durchdrungen von tiefen humanistischen und echten christlichen Werten, durch die Bewahrung dieser wertvollen Dokumente eine entscheidende Rolle. In diesem Band, der Frucht seiner Schenkung, fanden somit lediglich die deutschen Dokumente Eingang. Selbstredend wird die Rückübersetzung ins Griechische dem authentischen Ton der (verschollenen) griechischen Originaldokumente aus den 1950er und 1960er Jahren nicht gerecht.</p>
<p>Die ins Griechische übersetzten Dokumente stehen nun, ebenso wie die deutschen Originale, der historischen Forschung zur Verfügung, was zu spannenden Resultaten führen könnte. Was die zeitgenössischen deutsch-griechischen Beziehungen im Rahmen dauerhafter Freundschaft und gegenseitigen Vertrauens betrifft, so werden auch politische und diplomatische Folgen erwartet, nach dem Prinzip „vergeben: ja – vergessen: nein“; die Bewältigung der kritischen und schwierigen Fragestellung aus der schmerzhaften Vergangenheit soll nun als mutiger Schritt zum Aufbau einer gemeinsamen europäischen Zukunft „auf einem von vergifteten Altlasten gereinigten Boden“ (U. Kadelbach) wahrgenommen werden.</p>
<hr />
<p>1) <em>Schatten ohne Mann – Die deutsche Besetzung Kretas 1941-1945 </em><a href="http://www.kreta-buch.de/webseite/de/reihe-sedones,269_1_0_92.5,1%26artikel%3D24">hier</a> (mit Pressestimmen), Verlag Dr. Thomas Balistier, Reihe Sedones 5, Mähringen 2002.<br />
Die ganze Reihe Sedones <a href="http://www.kreta-buch.de/webseite/de/reihe-sedones,269_0_0_92.5,1">hier</a><br />
2) In der Übersetzung von Sofia Anastasiadou: <em>Σκιά δίχως άντρα – Η γερμανική Κατοχή στην Κρήτη 1941-1945</em>, <a href="http://www.kreta-buch.de/webseite/de/931954953940-948943967969962-940957948961945,269_1_0_92.5,1%26artikel%3D32">hier</a> (mit einer Pressestimme auf DE), Verlag Dr. Thomas Balistier, Reihe Sedones 5, Mähringen 2009.</p>
<hr />
<p><strong>Das Buch</strong> (nur auf EL)<br />
<em>Πρακτικά γερμανικών δικαστηρίων για εγκλήματα πολέμου στην Κρήτη</em> (zu Deutsch: Deutsche Gerichtsprotokolle zu Kriegsverbrechen auf Kreta) , Verlag Methexis, Chania-Thessaloniki 2024, 350 Seiten, ISBN: 9786182400036, ca. 20 Euro.<br />
Der Sammelband entstand unter der Ägide des gemeinnützigen Vereins „Gesellschaft zur Gründung und Verwaltung des Museums der Schlacht um Kreta, der Besatzung und des Widerstands“.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14475 size-thumbnail alignleft" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/05_Kadelbach-34sw12_-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p><strong>Der Autor</strong><br />
<strong>Ulrich Kadelbach</strong>, Jg. 1938, studierte Theologie und Kunstgeschichte in Tübingen, Hamburg und Heidelberg. 1968 bis 1985 Gemeindepfarrer in Heilbronn. 1980 Kontaktstudium an der Aristoteles-Universität Thessaloniki und im Patristischen Institut Moni Vlatadon. Gründungsmitglied des Arbeitskreises Orthodoxe Kirchen der Württembergischen Landeskirche. Zwölf Jahre Nahostreferent im Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland. Publikationen zu den Themen Naher Osten, Orthodoxie, Kreta und Frieden. Werke (Auszug) <a href="https://www.amazon.de/B%C3%BCcher-Ulrich-Kadelbach/s?rh=n%3A186606%2Cp_27%3AUlrich%2BKadelbach">hier</a></p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-14477 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/06_GI-sw12-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p><strong>Der Übersetzer</strong><br />
<strong>Georgios Iliopoulos</strong>, Jg. 1965, ist Dr. phil. an der Freien Universität Berlin und Dozent an der Fakultät für Philosophie der EKPA Athen. Werke (Auszug) <a href="https://uoa.academia.edu/GeorgiosIliopoulos">hier</a> und <a href="https://www.biblionet.gr/%CE%B3%CE%B9%CF%89%CF%81%CE%B3%CE%BF%CF%82-%CE%B7%CE%BB%CE%B9%CE%BF%CF%80%CE%BF%CF%85%CE%BB%CE%BF%CF%82-c88001">hier</a> (auf EL).<br />
Im Druck befinden sich die Schriften <em>W.F. Hegel</em>, Die Platonische Philosophie (Einleitung-Übers. ins EL und Kommentar), Nissos Verlag, Athen 2025 und <em>Erich-Maria Remarque</em>, Das gelobte Land (Übers. ins EL), Kapon, Athen 2025.</p>
<hr />
<p>&nbsp;</p>
<figure id="attachment_14430" aria-describedby="caption-attachment-14430" style="width: 340px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-14430" src="https://medien.diablog.eu/2025/02/04_Steinmeier_Papaderos-450x676.jpg" alt="" width="350" height="526" srcset="https://medien.diablog.eu/2025/02/04_Steinmeier_Papaderos-450x676.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2025/02/04_Steinmeier_Papaderos-200x300.jpg 200w, https://medien.diablog.eu/2025/02/04_Steinmeier_Papaderos-681x1024.jpg 681w, https://medien.diablog.eu/2025/02/04_Steinmeier_Papaderos-500x751.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2025/02/04_Steinmeier_Papaderos.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px" /><figcaption id="caption-attachment-14430" class="wp-caption-text">Papaderos und Steinmeier 2024 in Kandanos</figcaption></figure>
<p><strong>Zusatz</strong><br />
Das Foto stammt vom Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Kandanos am 31.10.2024. Links der einundneunzigjährige Alexandros Papaderos, der Steinmeier ein Exemplar des Sammelbandes überreichte. Papaderos, der in Mainz promoviert hat, brachte seine persönlichen Erlebnisse und Empfindungen zur Sprache und tauschte sich mit Steinmeier über gemeinsame humanitäre Werte aus. Steinmeier hatte bereits das übliche Statement wiederholt, der Fall gelte als abgeschlossen.</p>
<p>Die Athener Tageszeitung <em>Kathimerini</em> portraitierte Papaderos aufgrund dieses Zusammentreffens; zum Artikel <a href="https://www.kathimerini.gr/opinion/interviews/563304463/ti-moy-eipe-o-stainmaier-stin-kantano/">hier</a> (auf EL).<br />
Die ungekürzte Rede des Bundespräsidenten in Kadanos <a href="https://www.youtube.com/watch?v=8Sy-U0QKM_A">hier</a><br />
(13:20). Erwähnt wird darin der Befehl des ersten Insel- kommandanten Kurt Student, auf dessen Grundlage die ersten Gräueltaten an der Zivilbevölkerung stattfanden und die Ortschaft Kandanos dem Erdboden gleichgemacht wurde.<br />
Zu Kandanos <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kandanos">hier</a><br />
Entschädigungen in <em>diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/?s=entsch%C3%A4digung">hier</a></p>
<hr />
<p class="textinfo"><em>Text: Georgios Iliopoulos. Redaktion und Übersetzung: A. Tsingas. Fotos: Archive G. Iliopoulos und A. Tsingas</em>.</p>
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		<title>Amalie von Griechenland und Christiane Lüth, Gattin des Hofpastors</title>
		<link>https://diablog.eu/literatur/historisches/amalie-von-griechenland-und-christiane-lueth-gattin-des-hofpastors/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Athanassios Tsingas]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 Nov 2024 15:39:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Historisches]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Die zwei gleichaltrigen Frauen, die eine Deutsche, die andere Dänin, folgen ihren Ehemännern in eine fremde Welt. Wie nehmen sie die griechische Bevölkerung und den neugegründeten Staat wahr? Geneviève Lüscher hat in ihrem Buch die ... <p class="read-more-container"><a title="Amalie von Griechenland und Christiane Lüth, Gattin des Hofpastors" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/historisches/amalie-von-griechenland-und-christiane-lueth-gattin-des-hofpastors/#more-13770" aria-label="Mehr Informationen über Amalie von Griechenland und Christiane Lüth, Gattin des Hofpastors">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die zwei gleichaltrigen Frauen, die eine Deutsche, die andere Dänin, folgen ihren Ehemännern in eine fremde Welt. Wie nehmen sie die griechische Bevölkerung und den neugegründeten Staat wahr?</p>
<p>Geneviève Lüscher hat in ihrem Buch die Parallelbiographien zweier sehr unterschiedlicher Frauen vergleichend gegenübergestellt, der Deutschen Amalie, Königin von Griechenland, und der Dänin Christiane Lüth, Gattin des deutschen Hofpastors. Mit Hilfe authentischer Quellen – Briefe, Tagebücher, Reiseberichte – lässt sie das bunte Bild einer vergangenen Epoche aufleben, ihr Unterfangen bekommt eine ungeahnte Dynamik und lässt die Leserschaft in die (harte) griechische Realität Mitte des 19. Jahrhunderts eintauchen. Der Alltag der beiden Frauen bringt uns erstaunliche Facetten des mühsamen Wegs nah, den Athen von einer verschlafenen Kleinstadt zur Hauptstadt des neugegründeten Königreichs zurückgelegt hat. Dabei spielen die gesellschaftlichen Aspekte eine treibende Rolle. So erfahren wir beispielsweise vom Herzensprojekt der Königin, dem Königlichen Garten, den sie gegen den allerseits heftigen Gegenwind zum Teil persönlich plante (und wegen dem alle heutigen Athenerinnen und Athener sie preisen sollten) und von den Besuchern der Familie Lüth, zu denen auch Hans Christian Andersen zählte, der bekannteste Dichter und Schriftsteller Dänemarks. Dieser erweist sich, wer hätte das gedacht, als ziemlich verschroben. Lüscher lässt ihre Leserinnen und Leser nicht alleine und stellt im Fließtext geschickt kleine Biografien vieler Personen vor, die das Leben der beiden Frauen kreuzten. Dabei visualisieren Gemälde, Gravuren und Pläne das Geschehen. Das Buch ist spannend, aber auch lustig, wir lernen die Nöte der Protagonistinnen und ihrer Umgebung kennen. Im Anhang findet sich ein umfangreiches Literaturverzeichnis (das trotzdem „nur“ eine Auswahl ist) und ein fundierter Bildnachweis. Wenn man es am Ende zuschlägt, hat man ein anderes Verständnis der Menschen, die in dieser turbulenten Zeit lebten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-13779" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-0_cover-450x646.jpg" alt="" width="300" height="431" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-0_cover-450x646.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-0_cover-209x300.jpg 209w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-0_cover.jpg 462w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Geneviève Lüscher: <em>Neue Heimat Griechenland. Königin Amalie und Pastorsgattin Christiane in Athen.</em></p>
<p>35 x 25 cm, Hardcover, 204 Seiten mit 41 Abbildungen<br />
Verlag der Griechenland Zeitung, Athen 2024, 24,80 Euro<br />
ISBN 978-3-99021-052-9<br />
zum Verlag <a href="https://www.griechenland.net/hikashop-menu-for-categories-listing/product/neue-heimat-griechenland">hier</a> (mit Leseproben)</p>
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<p><strong>Die Einleitung</strong><br />
Geneviève Lüscher legt hier Inhalt und Absicht ihres Buches dar:</p>
<p>In der Mitte des 19. Jahrhunderts reisten zwei junge Frauen, die eine aus Deutschland, die andere aus Dänemark, nach Athen. Sie kamen in die Hauptstadt einer eben erst aus den Trümmern eines Befreiungs­krieges aus dem Boden gestampften neuen Monarchie. Sie waren gleichaltrig, stammten aber aus ganz unterschiedlichen gesellschaft­lichen Schichten. Als Immigrantinnen lebten sie viele Jahre in Athen und mussten sich mit der fremden Umgebung auseinandersetzen. Wie haben sie die Situation gemeistert?</p>
<p>Beide Frauen waren typische Vertreterinnen ihres sozialen Stan­des. Sie gingen nicht als Pionierinnen in irgendeiner Sache voran oder leis­teten künstlerisch oder intellektuell Außerordentliches. Der große Unter­schied: Das Leben von Königin Amalie ist – als Vertreterin des Hochadels – seit ihrer Geburt gut dokumentiert. Die Quellen zu ihrer Person fließen üppig, auch dank ihrer eigenen Korrespondenz, welche die Zeit überdau­ert hat. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich nicht irgendwo – Amalie ruht in der Königsgruft der Wittelsbacher in der Theatinerkirche zu München.</p>
<p>Anders Christiane Lüth, die als Oberförsterstochter und Pasto­rengattin dem Bürgertum angehörte. Hätte sie ihre Erlebnisse in Athen nicht selbst in einem Tagebuch und in Reiseberichten festgehalten, wüsste man heute nichts mehr von ihr. Sie wäre als namenlose Frau im Ozean der Geschichte untergegangen; nicht einmal Amalie erwähnte in ihren Briefen die Ehefrau ihres Pastors mit Namen. Wo Christiane be­graben liegt, ist nicht bekannt, vielleicht im dänischen Kolding.</p>
<p>Meine Idee war es, die beiden Frauenleben anhand dieser Quellen einander gegenüberzustellen, sie durch ihre Jahre in Athen zu begleiten und zu beobachten, wie sie ihr Leben in der neuen Um­gebung gestalteten. Wie sie mit der ihr fremden Kultur zurechtka­men, wie weit sie sich assimilieren wollten und konnten und wie weit sie es schließlich getan haben.</p>
<figure id="attachment_13781" aria-describedby="caption-attachment-13781" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13781" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-1_Athen-kahl-500x354.jpg" alt="" width="750" height="531" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-1_Athen-kahl-500x354.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-1_Athen-kahl-300x212.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-1_Athen-kahl-768x544.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-1_Athen-kahl-450x319.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-1_Athen-kahl.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-13781" class="wp-caption-text">Blick auf Athen vom Nymphenhügel aus. Links im Hintergrund überhoch der Lykabettus-Hügel, an dessen Fuß das neue Stadtquartier aufscheint, wo der zukünftige Königspalast gebaut werden wird. Beide Hügel befinden sich heute im Stadtzentrum Athens (Litho F. Stademann, 1841)</figcaption></figure>
<p>Ich hoffe, damit einen Beitrag zur Frauengeschichte zu leisten und gleichzeitig einen Einblick in das Leben eines Landes zu geben, das – zerstört durch die griechischen Freiheitskämpfe – seinen Weg ins 19. Jahrhundert noch suchte.<br />
Das vorliegende Buch ist keine historisch-wissenschaftliche Studie, weshalb ich auf Anmerkungen und genaue Nachweise der Zitate der Lesbarkeit zuliebe verzichtet habe. Es richtet sich an histo­risch Interessierte.</p>
<p>Die beiden bereits erwähnten Hauptquellen sind aus unter­schiedlichen Gründen entstanden und ihrer Form nach im Prinzip kaum vergleichbar. Beide zusammen ergeben jedoch – wenn auch aus ganz anderen Blickwinkeln – ein stimmiges Bild des Lebens in Athen in der Mitte des 19. Jahrhunderts.</p>
<p>Amalie schrieb ihre Briefe nicht in der Meinung, sie später zu veröffentlichen, auch wenn Briefe damals weniger privaten Charakter hatten als heute. Christiane hingegen liebäugelte vielleicht mit der Idee, dass mindestens die Reiseberichte publiziert werden könnten. Sie sind unpersönlich gehalten und wären damals ein interessanter Stoff für eine Zeitung gewesen; so weit kam es aber nicht. Ganz an­ders Christianes Tagebuch, das sehr persönlich ist und rein private Aufzeichnungen enthält, die für das eigene Erinnern niedergeschrie­ben wurden.</p>
<p>Die umfangreichste Quelle sind die 570 Briefe Amalies. Sie rei­chen vom Jahr 1836, der Ankunft der Königin in Griechenland, bis ins Jahr 1853, als ihr Vater in Oldenburg verstarb, und umfassen meh­rere tausend Seiten. Die Originalbriefe ruhen im Niedersächsischen Landesarchiv in Oldenburg und sind nur mit Erlaubnis der groß­herzoglichen Familie, den Nachkommen von Amalies Bruder Peter von Oldenburg, einsehbar. Transkribiert, also von der Handschrift in Druckschrift umgeschrieben, wurden sie bis anhin lediglich in ganz wenigen Auszügen. Sie stehen der Öffentlichkeit also auf Deutsch nur sehr beschränkt zur Verfügung. Allerdings wurden sie alle ins Griechische übersetzt und 2011 in Athen publiziert. Für diese Über­setzung mussten alle Briefe wohl oder übel zuerst transkribiert wer­den, und es bleibt unverständlich, weshalb diese immense Arbeit der deutschsprachigen Öffentlichkeit nicht ebenfalls zugänglich gemacht worden ist.</p>
<figure id="attachment_13785" aria-describedby="caption-attachment-13785" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13785" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-3-Plan-Garten.jpg" alt="" width="750" height="826" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-3-Plan-Garten.jpg 930w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-3-Plan-Garten-272x300.jpg 272w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-3-Plan-Garten-768x846.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-3-Plan-Garten-450x495.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-3-Plan-Garten-500x551.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-13785" class="wp-caption-text">Der von Amalie entworfene Gartenplan. Der Königin schwebt eine großzügige Anlage vor, ähnlich den Schlossparks in ihrer oldenburgischen Heimat. Sie leitet den Bau mit strenger Hand, lässt zahlreiche Gewächse importieren und schreckt auch nicht vor dem Transport ausgewachsener Palmen zurück (Aquarellierte Zeichnung, um 1850; © Otto-König von Griechenland-Museum, Ottobrunn)</figcaption></figure>
<p>Die Briefe stellen für die Geschichte des jungen Staates Grie­chenland ein singuläres historisches Zeugnis dar, dessen Wert im deutschen Sprachraum noch nicht erkannt worden ist, vermutlich weil es sich „lediglich“ um die Briefe einer Frau handelt. Betraf diese Korrespondenz zu Beginn thematisch tatsächlich vor allem Tratsch und Klatsch am Hof, die kleinen Kümmernisse einer einsamen Kö­nigin in einer ihr fremden Welt, so wendet sich das Interesse Amalies nach den Ereignissen von 1843 der Politik zu, und ihre Briefe bilden ab, was im innersten Kreis der Macht gedacht und getan wurde. Da­mals erzwangen die Griechen – gegen den Willen des Königs – die Umwandlung der absoluten in eine konstitutionelle Monarchie. Ama­lie stand als Königin mitten im Geschehen und beobachtete mit wa­chem Blick, wenn auch durchaus naiv und parteiisch, die politischen Abläufe. Frei und unbekümmert äußert sie ihrem Vater gegenüber ihre Gedanken und Einschätzungen.</p>
<figure id="attachment_13787" aria-describedby="caption-attachment-13787" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13787" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-4-Garten-Palmen.jpg" alt="" width="750" height="516" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-4-Garten-Palmen.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-4-Garten-Palmen-300x207.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-4-Garten-Palmen-768x529.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-4-Garten-Palmen-450x310.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-4-Garten-Palmen-500x344.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-13787" class="wp-caption-text">Amalies Schlossgarten, heute „Nationalgarten“ genannt, eine der wenigen grünen Oasen des Molochs Athen, © Jan Hübel</figcaption></figure>
<p>Erstaunlicherweise gibt es über die erste, aus Oldenburg stam­mende Königin Griechenlands weder eine wissenschaftliche noch eine romanhafte Biografie. Vermutlich liegt das Problem einerseits beim mehrsprachigen Archivmaterial und andererseits bei alten Res­sentiments, die – vor allem von griechischer Seite – eine gründliche, wissenschaftliche Aufarbeitung bis heute verhindert haben.</p>
<p>Die zweite Hauptquelle ist das Tagebuch der Christiane Lüth. Die Pastorsfrau schrieb auf Dänisch, ihre Aufzeichnungen wurden ins Griechische übersetzt und 1981, 1991 und 1999 in drei Bänden in Athen publiziert. Sie umfassen Tagebuchnotizen aus den Jahren 1838–1843 und 1843–1845, die hauptsächlich das Familienleben schil­dern, sowie mehrere Reiseberichte aus den Jahren 1839 bis 1851. Letz­tere sind vor allem volkskundlich interessant, weil es darin weniger um die Familie Lüth geht als um Land und Leute im damaligen Griechenland.</p>
<p>Aufschlussreich sind weiter die Briefe der Oberhofdame Julie von Nordenflycht, die sie auf Deutsch an eine Freundin in Olden­burg richtete. Sie wurden bereits 1845 in Leipzig veröffentlicht. Frau von Nordenflycht korrespondierte von 1837 bis zu ihrem Tod 1842. Auch ihre Nachfolgerin am Hof, Wilhelmine von Plüskow, schrieb. Sie verfasste ihr Tagebuch auf Deutsch, es kann – allerdings nur auf Griechisch übersetzt – digital abgerufen werden. Ihre Aufzeichnungen sind sehr knapp und diskret gehalten, sie umfassen stichwortartig die Jahre 1846 bis 1854.</p>
<p>Für mein Buch ebenfalls ergiebig waren die Publikationen des König-Otto-Museums im bayerischen Ottobrunn, dann ein Oldenbur­ger Ausstellungskatalog über Königin Amalie aus dem Jahr 2004 und vie­le weitere, kleinere Publikationen, die ich alle dankbar geplündert habe.</p>
<p>Die Passagen aus allen auf Griechisch übersetzten Korres­pondenzen oder Aufzeichnungen habe ich nicht wortwörtlich rück­übersetzt, sondern paraphrasiert. Stil, Grammatik und Orthografie sind dem 21. Jahrhundert angepasst, um eine flüssige Lektüre zu ermöglichen. Ebenso habe ich in schriftstellerischer Freiheit die zi­tierten Aussagen – abgesehen von der freien Übersetzung – jeweils gekürzt, zusammengefasst oder neu kombiniert. Auslassungen sind nicht gekennzeichnet. Der Inhalt aller Zitate in Anführungs- und Schlusszeichen habe ich aber nie zurechtgebogen, die Aussagen blei­ben authentisch.</p>
<p>Interessant wäre es für mich gewesen, den deutschen und dänischen Aufzeichnungen solche einer Griechin zur Seite zu stel­len.</p>
<p>Wie lebte eine Griechin im Athen des 19. Jahrhunderts? Leider liegen aus der Anfangszeit des neuen Staates weder publizierte Tage­bücher noch Briefe, Memoiren oder Ähnliches von Griechinnen vor, die hätten verwertet werden können. Während junge Männer schon vor der Revolution und auch danach zum Studium nach Europa geschickt wurden, nach Wien, München, Paris oder Padua, erhiel­ten griechische Mädchen lediglich eine rudimentäre Schulbildung und blieben zu Hause. Noch in den 60er-Jahren des 19. Jahrhun­derts beklagte die rumänische Schriftstellerin und Reisende Dora d’Istria deren mangelhafte Bildung; es existierten erst wenige Mäd­chenschulen. Allerdings integrierten sich die Frauen einfacher und schneller in die deutsche Kolonie als ihre Brüder, weil gemischte Heiraten bald an der Tagesordnung waren: Etliche deutsche Mitglie­der der besseren Athener Gesellschaft vermählten sich mit Töchtern aus angesehenen griechischen Familien.</p>
<p>Der umgekehrte Fall, dass ein Grieche eine Deutsche zur Frau ge­nommen hätte, scheint wesentlich seltener und eher in der Oberschicht vorgekommen zu sein. Eine gut dokumentierte, wenn auch kurze Ehe erlebte die Preußin Bettina von Savigny mit dem Juristen und späte­ren Universitätsrektor Konstantinos Schinàs. Bettina Schinàs verbrachte nach ihrer Heirat und vor ihrem Tod nur zwei Jahre, 1834 und 1835, in Athen, wo ihr Mann sich eine Anstellung in der königlichen Verwaltung erhoffte. In dieser Zeit, also vor der Ankunft Amalies und Christianes in der griechischen Hauptstadt, schrieb Bettina Schinàs ihren Eltern aus­führlich und – ganz anders als Amalie – auch kritisch über ihr neues Leben und dessen Schwierigkeiten. Sie litt gesundheitlich unter dem ungewohnten Klima, den unhygienischen Verhältnissen, der beengten Wohnsituation und ihrem prekären finanziellen Status, der nur beschei­denes Personal erlaubte. Bettina starb 1835 vermutlich an Typhus.</p>
<figure id="attachment_13791" aria-describedby="caption-attachment-13791" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13791" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-6-Kohlebergwerk.png" alt="" width="750" height="391" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-6-Kohlebergwerk.png 1024w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-6-Kohlebergwerk-300x156.png 300w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-6-Kohlebergwerk-768x401.png 768w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-6-Kohlebergwerk-450x235.png 450w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-6-Kohlebergwerk-500x261.png 500w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-13791" class="wp-caption-text">Eingang zum Kohlebergwerk, das die Familie Lüth 1841 auf Euböa besucht hat. Die Mine bestand aus zwei in den Berg getriebenen Stollen; die Kohle war von schlechter Qualität (Holzschnitt H. Clerget, in „Le Tour du Monde“, 1876, 80)</figcaption></figure>
<p>Amalies Korrespondenz nach Oldenburg war jeweils rund drei Wochen unterwegs; wenn die Verbindungen gut waren, schaff­te sie es ausnahmsweise in vierzehn Tagen. Nutzte die Königin den Postweg über Triest oder Marseille, seltener über Konstantinopel, so wusste sie, dass ihre Briefe geöffnet wurden. In diesem Fall durfte sie keine vertraulichen Mitteilungen machen. Wollte sie das, musste sie selber einen Kurier beauftragen oder ihre Briefe einer Vertrauensper­son mitgeben, die in den Norden reiste.</p>
<p>Der Briefverkehr nach Oldenburg erfolgte sehr regelmäßig. Ihrem Vater schrieb Amalie wenn möglich immer sonntags, die Briefe entstanden jedoch nicht in einem Zug, sondern meist im Verlauf der Woche. Und Amalie wartete sehnsüchtig auf die Post­schiffe, die Nachrichten von zuhause brachten. So war sie – mit et­was Verspätung – stets auf dem Laufenden, was im Großherzogtum Oldenburg und in deutschen Adelskreisen vor sich ging.</p>
<p>Der Ton, mit dem sich Amalie an ihren Vater, ihren „Engels­papa“, richtete, mutet uns heute seltsam an. Sie liebte ihn fast abgöt­tisch, er – und nicht ihr Mann Otto – war ihre Bezugsperson. Als sie ihm einmal zum Geburtstag gratulierte, schrieb sie, es habe in dieser Nacht ein „Feuerwerk“ gegeben! Sie deutete an, dass der Brand wohl ihm zu Ehren entfacht worden sei. In Tat und Wahrheit war in Athen eine Feuersbrunst ausgebrochen und ein Haus komplett abgebrannt. Ob jemand dabei zu Schaden gekommen war, interessierte die Köni­gin nicht – eine etwas merkwürdige Art von Humor.</p>
<p>Ihre übergroße Anhänglichkeit, aber auch Abhängigkeit vom Vater erschwerte sicher die Trennung von der Heimat, das Eingewöh­nen in die neue Umgebung und die Zuwendung zum Ehemann. Ama­lie löste sich, mindestens bis zum Tod ihres Vaters 1853, nicht wirklich von Oldenburg, auch wenn sie immer wieder betonte, wie sehr sie Griechenland liebe. Die seitenlangen Briefe, der grenzenlose Kum­mer, wenn Antworten auf sich warten ließen, zeugen von ihrem Be­dürfnis, den Vater nicht zu verlieren, ihn ständig „bei sich“ zu haben. Eine Episode, welche die Oberhofmeisterin beschreibt, ist typisch: Zwei Porträtbilder der Eltern sind in Athen eingetroffen, Amalie packt sie aus. Frau von Nordenflycht: „Die Königin war in einem wahren Freudenrausch. – ‚Mein Engelspapa! Meine Engelsmama!‘ – Und immer auf den Knien, glücklich und entzückt wie ein Kind, von einem zum andern gerutscht.“ Die Königin war da immerhin 21 Jahre alt und seit drei Jahren verheiratet.</p>
<p>Ihrem Mann war Amalie aber dennoch sehr zugetan. Loyal hielt sie auch in schwierigen Zeiten zu ihm, schützte ihn, übersah großzügig seine Schwächen und münzte seine Sturheit und Unent­schlossenheit positiv in Beharrlichkeit um. Fast nie erwähnte sie ihrem Vater gegenüber seine schwache Gesundheit, seinen Mangel an Entschlusskraft, seine Unfähigkeit, Prioritäten zu setzen. Als sich 1843 die politische Situation zuspitzte, griff Amalie ohne Zögern ins Geschehen ein und dirigierte fortan aus dem Hintergrund die Ent­scheidungen ihres Mannes.</p>
<figure id="attachment_13789" aria-describedby="caption-attachment-13789" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13789" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-5-Hannes-Zeichnung.png" alt="" width="750" height="393" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-5-Hannes-Zeichnung.png 1024w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-5-Hannes-Zeichnung-300x157.png 300w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-5-Hannes-Zeichnung-768x402.png 768w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-5-Hannes-Zeichnung-450x236.png 450w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-5-Hannes-Zeichnung-500x262.png 500w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-13789" class="wp-caption-text">Christiane war das vierte von acht Geschwistern. Ihre jüngere Schwester Hanne, die die Familie Lüth nach Griechenland begleitet hatte, verewigte das Athener Familienleben in zahlreichen, amüsanten Szenen. Ihre Erläuterungen auf Griechisch oder Dänisch sind aber heute leider – da zerschnitten – kaum noch zu entziffern.</figcaption></figure>
<p>Anders war das Verhältnis Christiane Lüths zu ihren Eltern. Sie oder das Vaterhaus in Dänemark kommen in ihrem Tagebuch fast gar nicht vor. Gelegentlich werden Geburtstage oder Briefe der Mut­ter, einer Schwester oder von Verwandten kurz erwähnt, mehr ist da nicht. Allerdings verfügen wir nicht über die Briefe, die Christiane nach Hause geschrieben hat. Mit ihrer Abreise scheint sie sich von ihrer Familie, ihrem Herkunftsort gelöst und dem neuen Leben in Athen zugewendet zu haben. Im Tagebuch blitzt lediglich ihre pat­riotische Liebe zu Dänemark hin und wieder auf. Die Heimat war ihr teuer, scheint aber nicht an bestimmte Menschen gebunden gewesen zu sein. Obwohl Pastorsfrau, hatte Christiane – wie auch Amalie – für ihre Umgebung wenig Empathie übrig. Mit scharfer Zunge kommen­tiert und kritisiert sie die Menschen, die es ihr selten recht machen konnten. Im Gegensatz zu Amalie hatte sie aber Humor, erzählt amü­sante Begebenheiten und kann gelegentlich über sich selber lachen, was der Königin nie eingefallen wäre.</p>
<p>Wenn auch beide Frauen sofort Griechisch lernten, eine Integ­ration in ihr Gastland strebten beide nicht wirklich an. Für Christiane war der Aufenthalt in Hellas immer als zeitlich befristeter gedacht. Sie wusste, dass sie früher oder später in den Norden zurückkehren wür­de. Ihre Bemühungen, Griechenland zu verstehen und mit seinen Ein­wohnern und Einwohnerinnen Kontakte zu knüpfen, waren deshalb zwar begrenzt, aber dennoch vorhanden. Was Christiane schließlich aus ihrem Leben in Griechenland mit zurück nach Deutschland nahm, ist nicht bekannt. Sicher aber prägte sie umgekehrt in ihrem Athener Umfeld – unbewusst – ihre griechischen Nachbarinnen, sei es durch ihr freieres Benehmen, ihre Kleidung, die Art, wie sie ihre Kinder er­zog und wie sie mit ihrem Ehemann umging. Eng waren die Kontakte aber nicht. Die griechischen Hausfrauen des Mittelstandes lebten sehr zurückgezogen und lernten keine Fremdsprachen.</p>
<p>In Griechenland stand man den „kolonistischen“ Bestrebun­gen der Bayern negativ gegenüber, dennoch war ihr Einfluss auf die Europäisierung des in vielen Beziehungen rückständigen Landes – mindestens äußerlich – unverkennbar. So bemerkten viele Reisende beispielsweise den drastischen Rückgang der traditionellen Kleidung bei Männern und bei Frauen oder die komplett neue Bauweise in der Residenzstadt.</p>
<figure id="attachment_13783" aria-describedby="caption-attachment-13783" style="width: 740px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13783" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-2-Athen-bebaut.jpg" alt="" width="750" height="527" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/09/am-2-Athen-bebaut.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-2-Athen-bebaut-300x211.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-2-Athen-bebaut-768x540.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-2-Athen-bebaut-450x316.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/09/am-2-Athen-bebaut-500x352.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /><figcaption id="caption-attachment-13783" class="wp-caption-text">Athen um 1850: Die Stadt hat sich bereits bis zum neuen Palast ausgedehnt. Prominent links das vornehme, mit Arkaden versehene Hotel <em>Grande Bretagne</em>. Auch hinter dem Palast stehen bereits einige neue Gebäude. Der übermäßig große Lykabettus ist hingegen noch völlig unbebaut (aus: Illustrated London News, 1842-1885, Athens 1984)</figcaption></figure>
<p>Für Amalie war die Situation eine andere. Auch wenn sie die Idee hatte, ihr Leben lang in Griechenland zu bleiben und oft beton­te, wie sehr sie „ihr“ Land liebte, so lebte sie doch ein Leben fern der griechischen Realität. Sie bemühte sich nicht, einen Bekanntenkreis von Frauen aus der Athener Oberschicht aufzubauen, sondern ver­kehrte hauptsächlich im deutschen und diplomatischen Milieu, wie es ihrem Stand entsprach. Die griechischen Hofdamen, mit denen sie ihre Entourage schmückte, wurden keine Vertrauten, keine Freun­dinnen, sondern waren wohl bloß ein Zugeständnis an ihre Unter­tanen. Es lag ihr auch völlig fern, griechische Sitten oder Gebräuche zu übernehmen, ganz im Gegenteil. Sie sah es als ihre Aufgabe an, die Griechen und Griechinnen zu europäisieren und vor allem die Ober­schicht an die deutschen, in Adelskreisen üblichen Gepflogenheiten heranzuführen. So wurde Amalie selbst keine Griechin, obwohl sie es gerne geworden wäre.</p>
<p>::: <em>Christiane Lüth und ihre Zeitgenossinnen</em> <a href="https://argolikivivliothiki.gr/2022/05/31/christiane-luth/#more-34641">hier</a> <em>(auf EL), </em><a href="https://argolikivivliothiki.gr/tag/%CE%B1%CE%BC%CE%B1%CE%BB%CE%AF%CE%B1/">hier</a><em> (auf EL) und</em> <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Christiane_L%C3%BCth">hier</a> <em>(auf EN)</em><br />
<em>Amalie von Oldenburg</em> <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Amalie_von_Oldenburg">hier</a></p>
<figure id="attachment_13863" aria-describedby="caption-attachment-13863" style="width: 216px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13863" src="https://medien.diablog.eu/2024/10/am-7Bamberg4-e1728144322386.jpg" alt="" width="226" height="170" /><figcaption id="caption-attachment-13863" class="wp-caption-text">Geneviève Lüscher vor einem Ganzkörperportrait der Königin Amalie (Reproduktion im Schloss Eutin, © Felix Müller)</figcaption></figure>
<p><strong>Die Autorin</strong><br />
Geneviève Lüscher hat in Basel ur- und frühgeschichtliche Archäologie studiert und als Wissenschaftlerin, Publizistin, Redakteurin und Wissenschaftsjournalistin bei der NZZ gearbeitet. Sie lebt heute in Bern.</p>
<p>::: <em>Geneviève Lüscher </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Genevi%C3%A8ve_L%C3%BCscher">hier </a><em>und in diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/literatur/achmetaga-ein-geschichtstraechtiges-anwesen-auf-nord-euboea/"><u>hier</u></a></p>
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<p class="textinfo"><em>Text: Geneviève Lüscher; Auszug und Abbildungen aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Verlags der Griechenland Zeitung. Redaktion und Präsentation: A. Tsingas.</em></p>
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		<title>Lutz C. Kleveman: Auf den Spuren des alten Smyrna</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Sep 2024 12:46:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Mit dem renommierten Journalisten hat der diablog.eu-Redakteur ein Interview zum Untergang der legendären Hafenstadt und kleinasiatischen Metropole im September 1922 geführt. „Wenn man von beiden Seiten beschimpft wird, dann hat man etwas richtig gemacht“, sagt ... <p class="read-more-container"><a title="Lutz C. Kleveman: Auf den Spuren des alten Smyrna" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/historisches/lutz-c-kleveman-auf-den-spuren-des-alten-smyrna/#more-13689" aria-label="Mehr Informationen über Lutz C. Kleveman: Auf den Spuren des alten Smyrna">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Mit dem renommierten Journalisten hat der diablog.eu-Redakteur ein Interview zum Untergang der legendären Hafenstadt und kleinasiatischen Metropole im September 1922 geführt.</p>
<p>„Wenn man von beiden Seiten beschimpft wird, dann hat man etwas richtig gemacht“, sagt Lutz C. Kleveman. Der deutsche Autor bereiste die griechischen Inseln Lesbos, Samos, Chios und Leros sowie die Stadt Izmir, das ehemalige Smyrna. Darüber hat er ein Buch geschrieben, <em>Smyrna in Flammen. Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa</em>. Im Interview mit diablog.eu berichtet er über die Hintergründe seiner Reise und die Reaktionen auf seine Publikation.</p>
<p class="interview"><strong>1  Warum hatten Sie sich auf die Reise nach Izmir begeben? </strong></p>
<p>Eigentlich wollte ich gar kein Buch über Smyrna schreiben, sondern die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln sehen. Ich fragte mich nach den Zuständen dort und nach den Geschichten der Menschen. Dazu reiste ich auf die Inseln Lesbos, Samos, Chios und Leros. Im Zuge dieser Recherchen ist mir dann aufgefallen, dass es einen historischen Vorgänger der aktuellen Geschehnisse gab. Fast genau 100 Jahre zuvor: der Brand von Smyrna. So konnte ich mir auch die Solidarität mancher Griechen mit den Flüchtlingen erklären. Viele Griechen oder ihre Vorfahren sind selbst einmal aus Kleinasien geflohen. Das hat mich nach Izmir und zu meinen Recherchen über das historische Smyrna geführt. In der kosmopolitischen Stadt lebten einst verschiedene Ethnien und Kulturen zusammen – bis zum großen Feuer 1922.</p>
<figure id="attachment_13699" aria-describedby="caption-attachment-13699" style="width: 490px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13699 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/05_IzmirLutz.Kleveman-500x375.jpg" alt="" width="500" height="375" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/09/05_IzmirLutz.Kleveman-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2024/09/05_IzmirLutz.Kleveman-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2024/09/05_IzmirLutz.Kleveman-768x575.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2024/09/05_IzmirLutz.Kleveman-450x337.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/09/05_IzmirLutz.Kleveman.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-13699" class="wp-caption-text">Izmir-Smyrna heute</figcaption></figure>
<p class="interview"><strong>2  Wie sind Sie auf Ihrer Recherche vorgegangen? </strong></p>
<p>Ich spreche zwar weder Griechisch noch Türkisch, aber ich habe bei meinen Recherchen vom <em>Institut français</em> in Izmir profitieren können. In deren Bibliothek findet man im Grunde alles, was über Smyrna veröffentlicht wurde. Entweder im Original oder in französischer Übersetzung.</p>
<p class="interview"><strong>3  Welche Widersprüche sind Ihnen aufgefallen zwischen der griechischen und der türkischen Geschichtsschreibung? </strong></p>
<p>Während meiner Recherchen, innerhalb eines Jahres, habe ich immer wieder diese Staatsgrenzen überquert – zwischen Chios und Izmir. Diese vermeintliche Grenze zwischen Europa und Asien. Zwischen Orient und Okzident. Zwischen Christentum und Islam. Und dann geschah etwas, das ich als Dekonstruktion bezeichnen würde: eine Brechung dieser vermeintlichen Gegensätze. Vor Ort erlebt man diese Grenzen kaum. Tatsächlich stellt man schnell fest, dass es dort einen gemeinsamen Kulturraum gibt. Und der eigentliche Gegensatz ist vielmehr der zwischen diesem gemeinsamen Kulturraum auf der einen Seite und den jeweiligen nationalen Geschichtsschreibungen der beiden Länder auf der anderen. Beide Nationen sehen sich jeweils als diejenige, der furchtbares Unglück zugefügt wurde. Und am Brand von Smyrna geben sich beide Nationen gegenseitig die Schuld.</p>
<p class="interview"><strong>4  Welche Reaktionen gab es auf Ihre Publikation? </strong></p>
<p>Zum 100. Jahrestag der sogenannten Kleinasiatischen Katastrophe erschienen viele Bücher. Meins war das einzige, das nicht so eine Heimweh-Nostalgie-Literatur dargestellt hat. In Griechenland wurde die Übersetzung ein Bestseller. Trotzdem bin ich auf einer Buchpräsentation in Neu-Smyrna, dem Athener Stadtteil Nea Smyrni, übel beschimpft worden. Fast wären faule Tomaten geflogen. Die wollten nichts hören von einer Mitschuld. Hätten wir die Buchpräsentation im Stadtzentrum gemacht, wären die Reaktionen vielleicht anders gewesen. Auf türkischer Seite ist das Buch vom größten Verlag des Landes gekauft und übersetzt worden. Leider wurde die Buchpräsentation in Istanbul im letzten Moment abgesagt, weil es in meinem Buch auch Kritik an Mustafa Kemal Atatürk gibt. Wenn man von beiden Seiten beschimpft wird, dann hat man etwas richtig gemacht.</p>
<p class="interview"><strong>5  In Ihrem Buch erwähnen Sie neugriechische Literatur. Was hat Sie persönlich inspiriert? </strong></p>
<p>Natürlich „Alexis Sorbas“ von Nikos Kazantzakis, ein Werk, was wir alle kennen. Sehr viele Westeuropäer reisen ja auch nach Griechenland auf der Suche nach Einheimischen, die wie Alexis Sorbas sind. Und dann stellen sie fest, dass es sie kaum gibt. Auch ich habe solche Lebenskünstler kaum getroffen. Selbst die Griechen wünschen sich, so wie Alexis Sorbas zu sein. Gerade auf den griechischen Inseln leben die Menschen eher konformistisch.</p>
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<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-13691" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/01_Copyright-Aufbau-Verlag-188x300.jpg" alt="" width="250" height="400" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/09/01_Copyright-Aufbau-Verlag-188x300.jpg 188w, https://medien.diablog.eu/2024/09/01_Copyright-Aufbau-Verlag-450x720.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/09/01_Copyright-Aufbau-Verlag-500x800.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2024/09/01_Copyright-Aufbau-Verlag.jpg 640w" sizes="auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px" /></strong></p>
<p><strong>Das Buch</strong><br />
Lutz C. Kleveman: <em>Smyrna in Flammen. Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa</em><br />
Aufbau-Verlag, 2022, 381 Seiten, 24 €<br />
Hardcover mit Schutzumschlag und Abbildungen<br />
ISBN: 978-3-351-03459-7</p>
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<figure id="attachment_13693" aria-describedby="caption-attachment-13693" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13693 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/02_Copyright-L.-Kleveman-quad-e1726318474818-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-13693" class="wp-caption-text">© L.Kleveman</figcaption></figure>
<p><strong>Lutz C. Kleveman</strong> ist Autor und Fotograf. Er studierte Romanistik an der Universität Aix-en-Provence und Neue Geschichte an der London School of Economics. Von 1999 berichtete er als freier Journalist und Fotograf aus Krisengebieten unter anderem für die Medien <em>Daily Telegraph, Die Zeit, Newsweek</em> und <em>Playboy Magazine</em>. Kleveman hat mehrere Sachbücher verfasst.</p>
<p>::: <em>Lutz C. Kleveman</em> <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lutz_C._Kleveman">hier</a></p>
<figure id="attachment_13695" aria-describedby="caption-attachment-13695" style="width: 140px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-13695 size-thumbnail" src="https://medien.diablog.eu/2024/09/03_Copyright-Irmer-qu2-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /><figcaption id="caption-attachment-13695" class="wp-caption-text">© R.Irmer</figcaption></figure>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Raphael Irmer </strong>hat Neogräzistik und Byzantinistik an der Universität Hamburg studiert. 2022-2023 absolvierte er ein Volontariat bei der Magdeburger Tageszeitung <em>Volksstimme</em>.</p>
<p>::: <em>Raphael Irmer bei diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/?s=Raphael+Irmer">hier</a></p>
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<p class="textinfo"><em>Interview: Raphael Irmer. Redaktion: A.Tsingas. Fotos: Aufbau-Verlag, L.Kleveman, R.Irmer. Beitragsbild: Wikimedia Commons.<br />
</em></p>
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		<title>Die deutsche Besatzungszeit und die griechischen Opfergemeinden</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Jul 2024 08:28:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alltagskultur]]></category>
		<category><![CDATA[Historisches]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Dissertation des Politikwissenschaftlers Babis Karpouchtsis beleuchtet die deutsche Versöhnungspolitik unter Berücksichtigung der griechischen Märtyrerdörfer. Am 27. April 1941 erobert die deutsche Wehrmacht Athen und hisst auf der Akropolis die Hakenkreuzfahne. Eines der schrecklichsten Kapitel ... <p class="read-more-container"><a title="Die deutsche Besatzungszeit und die griechischen Opfergemeinden" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/historisches/die-deutsche-besatzungszeit-und-die-griechischen-opfergemeinden/#more-12919" aria-label="Mehr Informationen über Die deutsche Besatzungszeit und die griechischen Opfergemeinden">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die Dissertation des Politikwissenschaftlers Babis Karpouchtsis beleuchtet die deutsche Versöhnungspolitik unter Berücksichtigung der griechischen Märtyrerdörfer.</p>
<p>Am 27. April 1941 erobert die deutsche Wehrmacht Athen und hisst auf der Akropolis die Hakenkreuzfahne. Eines der schrecklichsten Kapitel der griechischen Geschichte beginnt: die deutsche Besatzungszeit. Darüber ist viel geschrieben worden, aber längst nicht alles. Das gilt insbesondere für die griechischen Märtyrerdörfer, darin sind sich fast alle Forscher einig, die sich mit dieser Zeit befassen.</p>
<p>::: <em>zu den Begriffen </em>Märtyrerdorf/Opfergemeinde<em> siehe die Anmerkung ganz unten<br />
</em></p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-12938" src="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-3.jpg" alt="" width="325" height="463" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-3.jpg 413w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-3-211x300.jpg 211w" sizes="auto, (max-width: 325px) 100vw, 325px" /></p>
<p>Diese Orte stehen im Mittelpunkt einer Veröffentlichung beim Verlag Springer SV in englischer Sprache, die auf der Dissertation des Politikwissenschaftlers Charalampos Babis Karpouchtsis basiert, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg tätig ist.<br />
„German Foreign Policy and Greek Martyr Communities. Reconciliation Policy for Places of Memory in Greece and the Role of Recognition“ (Deutsche Außenpolitik und griechische Märtyrergemeinden. Versöhnungspolitik für Orte des Erinnerns in Griechenland und die Rolle ihrer Anerkennung), so lautet der Titel der an der Universität Jena angefertigten Dissertation, die kürzlich von der <em>Südosteuropa-Gesellschaft München</em> (SOG) und der mit ihr verbundenen <em>Fritz und Helga Exner-Stiftung</em> ausgezeichnet wurde. „Ich wollte herausfinden, wie sich die deutsche Versöhnungspolitik gegenüber Griechenland und speziell die Märtyrerdörfer gestaltet, also, wie sich die Menschen in den betroffenen Orten fühlen und welche Merkmale diese Politik ausmachen“, erklärte gegenüber der DW der in Berlin lebende Forscher.</p>
<p><strong>Die Kartierung der griechischen Märtyrerdörfer</strong><strong> </strong><br />
Die Idee wurde während der Wirtschaftskrise geboren, als Karpouchtsis als junger freiberuflicher politischer Berater tätig war. Zu dieser Zeit beschäftigte er sich mit der Debatte über die deutsche Besatzungszeit Griechenlands, die wieder in der Öffentlichkeit hochkam, sowie mit der Frage der Kriegsreparationen und Entschädigungen und der sogenannten deutschen Versöhnungspolitik.<br />
„Je mehr ich durch meine Arbeit mit Menschen aus den Märtyrerdörfern in Kontakt kam, desto mehr erkannte ich auch, dass viele von ihnen nicht davon überzeugt waren, dass sich die deutschen Bemühungen durch Tiefgang oder Ernsthaftigkeit auszeichnen. Den deutschen Versöhnungswillen erlebten die Menschen vor Ort nicht auf die gleiche Weise“, erinnert er sich.</p>
<figure id="attachment_12934" aria-describedby="caption-attachment-12934" style="width: 490px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-12934" src="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-2-500x375.jpg" alt="" width="500" height="375" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-2-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-2-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-2-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-2-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-2.jpg 826w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-12934" class="wp-caption-text">Der Politikwissenschaftler Babis Karpouchtsis in Berlin; © Dimitra Kyranoudi/DW</figcaption></figure>
<p>Im Rahmen der Untersuchung, die sich auf Primär- und Sekundärliteratur stützt, bereiste er zehn Märtyrerdörfer, darunter Kandanos/Kreta, Distomo, Kalavrita, Lechovo und Servia/Westmakedonien, und befragte Vertreter dieser Orte, Mitglieder lokaler Vereinigungen, Bürgermeister, Priester sowie Einwohnerinnen und Einwohner, die sich lokal aktiv mit dem historischen Gedenken befassen.<br />
„Als ich vor etwa einem Jahr meine Doktorarbeit abschloss, gab es in Griechenland 124 anerkannte Märtyrerdörfer. Jetzt müssten es insgesamt 140 Gemeinden in 60 Kommunen sein.“ Für die Ausweisung eines Ortes als Märtyrerort gelten bestimmte Kriterien des griechischen Kultusministeriums. Entweder müssen 80 % der Bausubstanz eines Ortes zerstört worden sein, oder eine Ortschaft muss aufgrund von Hinrichtungen, Massakern oder Bombardierungen einen Bevölkerungsverlust von etwa 10 % erlitten haben. Natürlich können auch beide Kriterien gleichzeitig zutreffen.</p>
<p><strong>Nach dem Krieg: Die Haltung Griechenlands und Deutschlands</strong><strong> </strong><br />
Aber wie war die Haltung Griechenlands und Deutschlands nach dem Krieg? „Nach dem 2. Weltkrieg geriet Griechenland in einen Bürgerkrieg. Die Dringlichkeit der Märtyrerorte trat damit automatisch in den Hintergrund. Für diese Orte und ihre Bewohner, die das Grauen erlebt hatten, gab es keine handfeste Hilfe. Der griechische Staat war dazu nicht in der Lage, da er andere Probleme zu bewältigen hatte.</p>
<figure id="attachment_12932" aria-describedby="caption-attachment-12932" style="width: 490px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-12932" src="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-6-500x375.jpg" alt="" width="500" height="375" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-6-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-6-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-6-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-6-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-6.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-12932" class="wp-caption-text">Museum Kalavryta: Fotos der Ermordeten, Ausschnitt; © privat</figcaption></figure>
<p>Die Bezeichnung <em>Märtyrerstadt </em>gibt es in Griechenland seit 1993. Dazu gesellte sich später auch die Bezeichnung <em>Märtyrerdorf</em>“, fügt Karpouchtsis hinzu. Was Deutschland betrifft, „hat der deutsche Staat – sowohl vor als auch nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung – jegliche Hilfe verweigert. Es gab Institutionen und Einzelpersonen, die in diese Richtung aktiv waren. Beispielhaft dafür ist die deutsche Historikerin Ehrengard Schramm-von Thadden, die schon in den 1950er Jahren den Witwen von Kalavryta aktiv Beistand leistete und versuchte, auch einigen anderen Märtyrerdörfern zu helfen. Aber auch sie war stets darauf bedacht, nicht den Eindruck zu erwecken, dass diese Zuwendung vom deutschen Staat komme oder dass es sich dabei um eine Art Entschädigung handele.“</p>
<p>Die Frage, ob die Geschichte der Märtyrerdörfer mit der Forderung nach Kriegsreparationen und Entschädigungen in Verbindung gebracht werden kann, steht bei Karpouchtsis in einen bestimmten Zusammenhang. „Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, ist in den Märtyrerorten stark ausgeprägt. Auch die Erinnerung wiegt dort schwerer. Der Alltag der Menschen verläuft anders, weil sie immer das Denkmal auf dem Dorfplatz vor Augen haben, weil jährlich ein Gedenktag des Massakers begangen wird oder weil sie Nachkommen von zivilen Opfern sind. Menschen von dort erzählten mir, dass sie, bis sie mit 16-17 Jahren ihr Dorf verließen, nicht wussten, dass Frauen farbige Kleidung tragen konnten, denn die Frauen in ihrem Ort waren immer schwarz gekleidet. Sie wuchsen in Häusern auf, im Wissen, dass dort Angehörige von ihnen ermordet worden waren. Sie hatten kein Geld, um auszuziehen, oder das Haus zu renovieren, lebten dort mit den immer präsenten, erkennbaren Malen der Mordtat“, sagt Babis Karpouchtsis.</p>
<figure id="attachment_12928" aria-describedby="caption-attachment-12928" style="width: 490px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-12928" src="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-4_Ermakia-500x375.jpg" alt="" width="500" height="375" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-4_Ermakia-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-4_Ermakia-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-4_Ermakia-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-4_Ermakia-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-4_Ermakia.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-12928" class="wp-caption-text">Monument in Ermakia; © Paschalis Tounas</figcaption></figure>
<p><strong>Erinnerungskultur als Außenpolitik </strong><br />
Ein entscheidendes Element, das sich durch die ganze Studie zieht, ist die Erinnerungskultur als Instrument der deutschen Außenpolitik. 2014 reiste zum ersten Mal ein deutscher Bundespräsident, Joachim Gauck, nach Ligiades bei Ioannina und bat die Familien der Ermordeten im Namen Deutschlands um Verzeihung.</p>
<p>„2014 ist dafür reichlich spät, aber bekanntlich gilt: besser spät als nie. 2000 hatte auch Johannes Rau die Gelegenheit gehabt, im Märtyrerort Kalavryta Ähnliches zu sagen, tat es aber nicht. Gauk hat es getan. Der Zeitpunkt war wahrscheinlich kein Zufall, denn während der Wirtschaftskrise hatten die deutsch-griechischen Beziehungen einen Tiefpunkt erreicht“, bemerkt Babis Karpouchtsis und stellt fest, dass sich Gauks Bitte um Verzeihung bei vielen Bewohnern der Märtyrerdörfer fest ins Gedächtnis eingeschrieben hat. „Es war eine einschneidende Geste seitens der deutschen Versöhnungspolitik, aber auch etwas, worauf die Nachkommen und Vertreter der Opfer jahrzehntelang gewartet hatten.“</p>
<p>Diese Geste blieb kein Lippenbekenntnis. Kurz darauf startete die Gründung des Deutsch-Griechischen Jugendwerks und des Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds, was allerdings viel Zeit in Anspruch nahm.<br />
Dieser Fonds ist, wie der Politikwissenschaftler erklärt, ein rein deutscher. „Da der griechische Staat dabei nicht offiziell beteiligt ist, sondern nur das deutsche Außenministerium, ist der Name etwas irreführend.“ Wie Karpouchtsis sagt, gehen die Meinungen dazu sogar auseinander: „Einerseits wird dieser Fonds vom Netzwerk der griechischen Märtyrerstädte und -dörfer stark kritisiert, andererseits wird er von verschiedenen Einrichtungen, wie Vereinen, Universitäten, einigen Trägern der Zivilgesellschaft in den Märtyrerorten und von jüdischen Gemeinden, aber auch von Privatpersonen, für Erinnerungs- und Versöhnungsprojekte genutzt.“ Für Karpouchtsis ist die hauptsächliche Sorgenquelle eine andere: „Wenn die Täterseite um Versöhnung bittet, kann sie nicht gleichzeitig die Bedingungen des Versöhnungsprozesses und der Wiederannäherung diktieren, insbesondere wenn es um Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, den Holocaust, die Zerstörung ganzer Dörfer und die Hinrichtung von Menschen geht.“</p>
<figure id="attachment_12930" aria-describedby="caption-attachment-12930" style="width: 315px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-12930" src="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-5-450x600.jpg" alt="" width="325" height="433" srcset="https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-5-450x600.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-5-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-5-500x667.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2024/05/dw-5.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 325px) 100vw, 325px" /><figcaption id="caption-attachment-12930" class="wp-caption-text">Monument in Lidoriki; © privat</figcaption></figure>
<p><strong>Offene Wunden und die Notwendigkeit der Versöhnung  </strong><br />
2025 werden 80 Jahre seit dem Ende des 2. Weltkriegs vergangen sein. „Achtzig Jahre später haben sich die Gefühle von Feindseligkeit und Kontroverse gelegt, dieses Kapitel geht zu Ende. Die Bürgerinnen und Bürger der beiden Länder sind im Rahmen der EU nunmehr zu Mitbürgern geworden“, merkt Babis Karpouchtsis an. „Die beiden Staaten haben enge diplomatische, wirtschaftliche und soziale Beziehungen. Gerade deshalb ist dieses Thema ja so schmerzlich. Wie kann man bei einer so engen Freundschaft zulassen, dass diese Wunde Jahrzehnte lang offen bleibt und man so tut, als gebe es sie nicht? Auch nach achtzig Jahren ist sie noch da, und es sollte Raum für Gespräche geben, insbesondere zwischen befreundeten Ländern, die von einer gerechten Weltordnung überzeugt sind und das Völkerrecht befürworten, zwischen Ländern, die auf faire internationale Beziehungen setzen, den Frieden unterstützen, Kriege und Angriffe ablehnen und die Zivilbevölkerung niemals zur Zielscheibe werden lassen würden.“<br />
Dies geht auch aus seinen eigenen Recherchen hervor. Die Bewohner der Martyrerdörfer fordern nicht unbedingt Reparationen im streng wirtschaftlichen Sinne, wie das so oft dargestellt wird. „Sie fordern, dass die Ereignisse anerkannt werden und die beiden Regierungen Gespräche aufnehmen. Qualitativ ist das ein gewaltiger Unterschied. Dass zwischen den beiden Ländern, die so enge Beziehungen zueinander pflegen, nicht einmal ein Dialog geführt wird, hinterlässt einen schalen Geschmack (&#8230;) In Griechenland und Deutschland wird das Problem zu oft nur wirtschaftlich angegangen, als eine Frage von Zahlen und Finanzen. Bei meinen eigenen Untersuchungen hat sich herausgestellt, dass es vor allem um die Anerkennung der begangenen Verbrechen und Ungerechtigkeiten geht.“</p>
<p>Karpouchtsis, der 1987 geboren wurde, die Deutsche Schule Thessaloniki besuchte und in Deutschland studiert hat, glaubt an einen offenen deutsch-griechischen Dialog. Er fasst das so zusammen: „Jenseits der wissenschaftlichen Untersuchung betrachte ich den politischen Aspekt der Problematik auch aus einer persönlichen Perspektive. Ich habe volles Verständnis für die Befürchtung jedes deutschen Politikers, dass eine derartige Diskussion alle Schleusen öffnen könnte. Andererseits glaube ich, dass keine griechische Regierung einen juristischen Präzedenzfall schaffen und Deutschland, die stärkste europäische Volkswirtschaft Europas, einer Flut von Reparationszahlungen aussetzen möchte, aus deren Fängen es sich möglicherweise nie wieder befreien könnte. Manche Fragen werden politisch gelöst, nicht rechtlich. Ich denke, es gibt Raum für Gespräche, gerade weil es sich hier um befreundete Länder handelt. Jeder Schritt in Richtung Versöhnung, jeder Prozess der Wiederannäherung sollte natürlich sein Augenmerk auf den Adressaten einer solchen Politik und die Opfer der Besatzungszeit richten. Wenn dies geschieht, bin ich der Ansicht, dass die Beziehungen zueinander in Zukunft noch enger werden könnten.“</p>
<p class="textinfo"><em>Erstveröffentlichung am 27. April 2024 auf dem Internetportal der DW <a href="https://www.dw.com/el/%CE%B5%CF%80%CE%B9%CF%83%CF%84%CF%81%CE%AD%CF%86%CE%BF%CE%BD%CF%84%CE%B1%CF%82-%CF%83%CF%84%CE%B1-%CE%BC%CE%B1%CF%81%CF%84%CF%85%CF%81%CE%B9%CE%BA%CE%AC-%CF%87%CF%89%CF%81%CE%B9%CE%AC-%CF%84%CE%B7%CF%82-%CE%BA%CE%B1%CF%84%CE%BF%CF%87%CE%AE%CF%82/a-68929224">hier</a> (auf EL). Dort mit zahlreichen Verweisen auf entsprehende Artikel der DW auf EL. </em><em>Auf diablog.eu mit freundlicher Genehmigung von Spiros Moskovou/DW. Text: Dimitra Kyranoudi. Übersetzung: A. Tsingas. Abbildungen: </em><em>Springer SV, </em><em>Dimitra Kyranoudi/DW, Paschalis Tounas, A. Tsingas. Die Illustration hier weicht von der Originalbebilderung ab.</em></p>
<hr />
<p>Anmerkung des Übersetzers:<br />
Im griechischen Originaltext werden fast durchgehend die Begriffe <em>μαρτυρικά χωριά και πόλεις</em>, also <em>Martyrerdörfer und -städte </em>benutzt<em>.</em> Im deutschen Sprachgebrauch ist dabei meist die Rede von <em>Opfergemeinden</em>.</p>
<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_M%C3%A4rtyrerd%C3%B6rfer_und_-st%C3%A4dte_Griechenlands">Hier</a> <em>Liste der Märtyrerdörfer und -städte Griechenlands</em> (Wikipedia, Stand 2020). Dort steht: „Mit dem Begriff Märtyrerdörfer und -städte Griechenlands (Μαρτυρικά χωριά και πόλεις της Ελλάδας) werden in Griechenland seit 1998 Gedenkorte bezeichnet, in denen während der Jahre der Besetzung durch die Achsenmächte zwischen 1941 und 1944 in größerem Ausmaß Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung verübt wurden. Die Ereignisse werden durch ein wissenschaftliches Gremium historisch aufgearbeitet und auf Vorschlag des Innenministeriums durch ein Präsidialdekret erlassen.“</p>
<p>Diese Orte haben inzwischen einen besonderen Stellenwert für beide Länder, als Orte des Grauens, der Erinnerung und damit verbunden als Orte der Versöhnung.</p>
<p>.</p>
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		<title>Polistories: Geschichten über Thessaloniki – und weit darüber hinaus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Jan 2024 16:40:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alltagskultur]]></category>
		<category><![CDATA[Historisches]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Polistories entstanden in der Abgeschiedenheit der Corona-Pandemie. Erschaffen hat sie Katerina Zachu, Assistenzprofessorin an der Universität Thessaloniki. Das Wort Polistories setzt sich aus Polis, die Stadt, und Stories, Geschichten, zusammen. Es sind Geschichten über ... <p class="read-more-container"><a title="Polistories: Geschichten über Thessaloniki – und weit darüber hinaus" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/historisches/polistories-geschichten-ueber-thessaloniki-und-weit-darueber-hinaus/#more-11934" aria-label="Mehr Informationen über Polistories: Geschichten über Thessaloniki – und weit darüber hinaus">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Die <em>Polistories</em> entstanden in der Abgeschiedenheit der Corona-Pandemie. Erschaffen hat sie Katerina Zachu, Assistenzprofessorin an der Universität Thessaloniki.</p>
<p>Das Wort <em>Polistories</em> setzt sich aus <em>Polis</em>, die Stadt, und <em>Stories</em>, Geschichten, zusammen. Es sind Geschichten über Kultur und Politik, Alltag, Ausnahmezustände und historische Ereignisse. Sie führen zu fremden, verborgenen und unerwarteten Seiten von Thessaloniki, wo sie mit persönlichen Geschichte ihrer Bewohner interagieren und Erinnerungen wecken. Es sind unterschiedliche Aspekte der Stadtgeschichte sowie der deutsch-griechischen und österreichisch-griechischen Beziehungen.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-12028 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2023/12/PS-01_BANNER.jpg" alt="" width="540" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/12/PS-01_BANNER.jpg 540w, https://medien.diablog.eu/2023/12/PS-01_BANNER-300x167.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/12/PS-01_BANNER-450x250.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/12/PS-01_BANNER-500x278.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px" /></p>
<p>Konzipiert und realisiert hat die <em>Polistories</em> Katerina Zachu, Assistenzprofessorin an der Abteilung für Deutsche Sprache und Philologie der Aristoteles-Universität Thessaloniki. Die Geschichten sind also ein Kind der Isolation, der zahllosen Stunden vor dem PC auf der Suche nach Gemeinsamkeiten mit der Welt, von der sie abgeschnitten war. Zachu nutzte die Vorteile der digitalen Medien, um ein breiteres Publikum anzusprechen und Geschichten zu erzählen, die für das griechisch- und deutschsprachige Publikum von Interesse sind.</p>
<p>Zachus Auseinandersetzung mit der Geschichte Thessalonikis begann bereits in den 1990er Jahren. Damals organisierte sie Stadtspaziergänge für die CAN Thessaloniki (griechisch: ΧΑΝΘ, der örtliche Verein des CVJM, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/CAN_Thessaloniki">hier</a>). Dieses Programm wurde dann durch die aktive Beteiligung von ELLET (Hellenic Society for Environment and Culture) bis heute fortgesetzt, <a href="https://www.ellet.gr/en/">hier</a> (auf EN).</p>
<p>Zachu nutzte für die <em>Polistories</em> das Format von Podcasts, die im Heimstudio mit relativ einfachen technischen Mitteln erstellt werden können. Ein weiterer Vorteil der Podcasts ist außerdem, dass sie jederzeit abrufbar sind, beim Spaziergang durch die Stadt oder das Umland, beim Wandern oder Autofahren. So hat Zachu in griechischer Sprache bislang 20 Podcasts produziert.</p>
<p>Einige Themen: Die Geschichte des griechischen Bieres, nachdem Otto, der erste König Griechenlands der Neuzeit (Otto Friedrich Ludwig von Wittelsbach, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_(Griechenland)">hier</a>), das bayerische Reinheitsgebot mitbrachte. Tabakanbau und -industrie in Griechenland, als Tabak noch eines der wichtigsten Handelsgüter zwischen Griechenland, Deutschland und Österreich war. Der zentrale „Platz der Freiheit“ in Thessaloniki und der Holocaust an den über 50.000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. Das Massaker an den Bewohnern von Valta (das heutige Kassandria) auf der Chalkidike-Halbinsel durch die deutschen Besatzungstruppen und ihre Kollaborateure. Theaterstücke über die griechische Arbeitsmigration der 1960er Jahre nach Deutschland und die aktuelle Flüchtlingsmigration nach Griechenland.<br />
Zachu sagt zu ihren Themen: „Diese Geschichten verändern vielleicht nicht die Welt, aber die Welt kann sich ohne sie nicht verändern.“<br />
Folgen der <em>Polistories</em> wurden in der Podcast-Sektion des 24. (2022) und 25. (2023) Dokumentarfilmfestivals Thessaloniki aufgenommen und auch in der Podcast-Sektion „Nexus“ des 64. Internationalen Filmfestivals Thessaloniki (2023).</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-12030" src="https://medien.diablog.eu/2023/12/PS-02_POLISTORIES-DE-300X300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/12/PS-02_POLISTORIES-DE-300X300.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/12/PS-02_POLISTORIES-DE-300X300-150x150.jpg 150w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
<p>Die Produktion der <em>Polistories</em> wurde 2022 von der Heinrich-Böll-Stiftung, Büro Thessaloniki, unterstützt. Die Übertragung der Texte ins Deutsche von Michaela Prinzinger ermöglichte der Deutsch-Griechische Zukunftsfonds des Generalkonsulats der Bundesrepublik in Thessaloniki. Von den 19 bisher veröffentlichten griechischen Folgen sind seit Oktober 2023 drei auf Deutsch abrufbar (Frangomachalas: Das Viertel der Europäer; Die Biermarke Fix; An den Stadtmauern entlang zum Platz der Freiheit; <a href="https://polistories.web.auth.gr/language/de/podcasts_de/">hier</a>).</p>
<p>PS: Die Plattform bietet Studierenden die Möglichkeit, eigene Podcasts aufzunehmen. Sechs solche studentische Produktionen wurden in die Podcast-Sektion des 11. Chania Film Festivals (Kreta, 2023) aufgenommen.</p>
<p><strong>Statt eines Auszugs</strong><br />
An dieser Stelle würde normalerweise eine Leseprobe stehen. Bei einem Podcast, der von Stimme und Stimmung lebt, wäre das kontraproduktiv und nicht aussagekräftig. Deshalb gibt es hier zwei Links zur Folge 3 des Podcasts von Katerina Zachu:<br />
DE: <em>An den Stadtmauern entlang zum Platz der Freiheit,</em> <a href="https://polistories.web.auth.gr/language/de/home/"><u>hier</u></a> (29:29)<br />
EL: <em>Από τα τείχη στην πλατεία Ελευθερίας, </em><a href="https://polistories.web.auth.gr/episode-3/"><u>hier</u></a></p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11940 size-medium alignleft" src="https://medien.diablog.eu/2023/12/Pol-03_Katerina-Zachu-257x300.jpg" alt="" width="257" height="300" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/12/Pol-03_Katerina-Zachu-257x300.jpg 257w, https://medien.diablog.eu/2023/12/Pol-03_Katerina-Zachu-450x525.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/12/Pol-03_Katerina-Zachu.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 257px) 100vw, 257px" /></p>
<p><strong>Die Podcasterin</strong><br />
<strong>Katerina Zachu</strong> studierte Germanistik an der Aristoteles-Universität Thessaloniki (ΑΠΘ), absolvierte ihr Aufbaustudium an der Universität Heidelberg und promovierte an der ΑΠΘ. Ihr Forschungsinteresse gilt insbesondere der zeitgenössischen deutschsprachigen Theaterliteratur, die sie gern ins Griechische übersetzt. Seit 1999 leitet sie die Theatergruppe der Abteilung für Deutsche Sprache und Philologie, mit der sie zeitgenössische europäische Theaterwerke präsentiert. Parallel dazu bietet Zachu theaterpädagogische Kurse an.</p>
<p>Katerina Zachu zu Theaterübersetzungen (YouTube, 11:14, auf EL) <a href="https://www.youtube.com/watch?v=XCCGmXU_Bic">hier</a><br />
Katerina Zachu zu <em>Polistories</em> (YouTube, 16:46, auf EL) <a href="https://www.youtube.com/watch?v=n6WqYs_vfvA&amp;t=3s">hier</a></p>
<p>Website: <a href="https://polistories.web.auth.gr/">https://polistories.web.auth.gr/</a><br />
Fb polistories<br />
Instagram @polistories<br />
Die <em>Polistories</em> werden aber auch auf Spotify, Google Podcasts, Radiocast, Publicradio und Apple Podcasts angeboten.</p>
<p><em>Die Podcast-Arbeitsgruppe:</em><br />
<em>Konzeption, Redaktion und Durchführung: Katerina Zachou. Tonbearbeitung: Menelaos Exioglou. Musikalisches Thema: Nikos Kapantzakis. Visuelle Identität: Loopo Studio. Produktionsleiterin und Soziale Medien: Stavroula Tsiara. Website-Verwaltung Instagram: Fotini Pateinari. Entwicklung Webseite: Eleftheria Kasimidou.</em></p>
<p class="textinfo"><em>Vorstellung des Podcasts: A. Tsingas. Abbildungen: </em><em>Polistories. </em><em>Foto: Katerina Zachu.  </em></p>
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		<title>Geschichte und Literatur: Epos und Elegie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Nov 2023 16:10:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Historisches]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzung]]></category>
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					<description><![CDATA[Michaela Prinzinger wurde am 12.10.2023 mit dem „Preis des Johann-Heinrich-Voß-Literaturhauses der Stadt Penzlin“ für die Übersetzung des Buches von Maria Stefanopoulou „Athos der Förster“ ins Deutsche ausgezeichnet. Auf der Feier zum 70-jährigen Bestehen des Goethe-Instituts ... <p class="read-more-container"><a title="Geschichte und Literatur: Epos und Elegie" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/geschichte-und-literatur-epos-und-elegie/#more-11764" aria-label="Mehr Informationen über Geschichte und Literatur: Epos und Elegie">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Michaela Prinzinger wurde am 12.10.2023 mit dem „Preis des Johann-Heinrich-Voß-Literaturhauses der Stadt Penzlin“ für die Übersetzung des Buches von Maria Stefanopoulou „Athos der Förster“ ins Deutsche ausgezeichnet. Auf der Feier zum 70-jährigen Bestehen des Goethe-Instituts in Athen am 12.10.2022 (auf den Tag genau ein Jahr zuvor) war die Autorin &#8211; nach Prof. Carola Lentz, der Präsidentin des Goethe-Instituts &#8211; die zweite Festrednerin. diablog.eu bringt Stefanopoulous Plädoyer für eine vielstimmige europäische Erinnerungskultur.</p>
<figure id="attachment_11777" aria-describedby="caption-attachment-11777" style="width: 973px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-11777" src="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-0_20221012_146_goetheathen_vangelispatsialos.jpg" alt="" width="983" height="427" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-0_20221012_146_goetheathen_vangelispatsialos.jpg 983w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-0_20221012_146_goetheathen_vangelispatsialos-300x130.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-0_20221012_146_goetheathen_vangelispatsialos-768x334.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-0_20221012_146_goetheathen_vangelispatsialos-450x195.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-0_20221012_146_goetheathen_vangelispatsialos-500x217.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 983px) 100vw, 983px" /><figcaption id="caption-attachment-11777" class="wp-caption-text"><em>©Vangelis Patsialos</em></figcaption></figure>
<p><strong>Geschichte und Literatur: Epos und Elegie</strong></p>
<p>Sehr geehrte Frau Präsidentin des Goethe-Instituts, sehr geehrter Herr Staatssekretär, sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrter Herr Botschafter, sehr geehrte Damen und Herren!</p>
<p>Die Einladung, bei dieser Jubiläumsveranstaltung zu sprechen, war eine Überraschung für mich und eine große Ehre, stürzte mich aber auch in Verlegenheit. Ich bin keine Historikerin oder Politikerin noch habe ich einen Posten im Kulturbetrieb inne, ich habe weder in Deutschland studiert noch kann ich Deutsch. Warum ich heute Abend vor Ihnen stehe, ist weil ich einen Roman geschrieben habe, der ins Deutsche und ins Französische übersetzt wurde und den Titel „Athos der Förster“ trägt. Der erste Satz des Buches lautet: „Jahrelang habe ich den Mund gehalten.“ Mit Fünfzig – zu diesem Zeitpunkt war die Zeit offenbar reif &#8211; habe ich einen Roman geschrieben, der kein historischer Roman ist, sich aber auf tatsächliche historische Ereignisse stützt. Er ist auch kein autobiografischer Roman, bezieht sich aber auf persönliche Erlebnisse, genauer gesagt auf das, was die Familie meiner Mutter 1943 in Kalavryta im Zuge der Massenerschießung der männlichen Einwohner durch Wehrmachtsoldaten erlebt hat. Hier kann man die erste Spur meiner Beziehung zu Deutschland zurückverfolgen. Was meine persönliche Erfahrung mit diesen Ereignissen betrifft, ja, so gehöre ich, geboren 1958, zur dritten Nachkriegsgeneration. Ich bin weit genug von diesen Ereignissen entfernt, um eine intellektuelle Distanz dazu zu gewinnen, aber auch nah genug dran, da mich in Athen eine schwarz gekleidete, verwitwete Großmutter aufgezogen hat, die &#8211; wie es hieß &#8211; ein „Opfer von Kalavryta“ war. Weit genug von den Ereignissen entfernt war ich auch deshalb, weil meine Familie nicht aus Kalavryta stammt und mein Großvater einfach nur auf den Posten des Provinzförsters berufen wurde. Es fällt mir nicht leicht, von mir selbst zu erzählen, aber hier und heute muss ich näher auf meine Herkunft eingehen. Ich glaube an Paul Celans Worte: „Niemand zeugt für den Zeugen.“ Aus diesem Grund will ich erläutern, warum ich glaube, dazu berechtigt zu sein. Ich bin mit dem quälenden Gedanken herangewachsen, ich sollte darüber sprechen können, was mein Großvater, der Förster, und seine Familie erlebt haben. Vielleicht hat mich auch genau das am Heranwachsen gehindert. Zugleich wollte ich es verheimlichen, denn deutsche Vergeltungsmaßnahmen waren ja eine kollektive Erfahrung der Zivilbevölkerung &#8211; nicht nur in Griechenland, sondern in allen von den Nationalsozialisten besetzten Ländern.</p>
<p>Aber es geht hier nicht nur um den Roman über den Förster. In der Vorbereitungs- und Schreibphase habe ich mir immer wieder überlegt, welche zentrale Rolle Deutschland schon früh in meinem Leben gespielt hat, und diese Frage beschäftigt mich immer noch. Dem Goethe-Institut war das bestimmt nicht klar, als man mich zu der heutigen Rede einlud. Mit Achtzehn habe ich mein Studium in Rom begonnen und danach in Paris fortgesetzt, wo ich lange gelebt habe. Aber es war Deutschland, das ich immer im Sinn hatte. Ich las deutsche und österreichische Prosaautoren und Dichter in italienischer, französischer und griechischer Übersetzung, immer wieder wurde ich auf Arbeiten deutscher Regisseure aufmerksam und suchte überall nach Filmen über den Zweiten Weltkrieg. Ich war ein Kind des zwanzigsten Jahrhunderts und ein Kind des Krieges, auch wenn ich ihn selbst nicht mitgemacht habe. Für mich dauerte der Zweite Weltkrieg so lange, wie die Berliner Mauer stand. Danach brachen neue Kriege aus. Mich interessierte vor allem die Haltung der deutschsprachigen Schriftsteller zum Nationalsozialismus, aber auch die Frage, wie jede deutsche Generation im Lauf der Jahrzehnte den Krieg wahrgenommen hat. Täter und Opfer zu sein, war in meinen Augen ein gemeinsames Schicksal. Zum einen sah ich die Deutschen nicht nur als Täter und zum anderen bedauerte ich, dass die Griechen andächtig das unerschütterliche heilige Bild des Opfers kultivierten und dahinter eine ihnen zustehende Gerechtigkeit suchten. Die vollständige Zerstörung Deutschlands als gerechtfertigte Strafe für die begangenen Verbrechen anzusehen, reichte mir als Antwort nicht. Schon als Kind war dieses Land für mich ein Rätsel. „Was ist deutsch?“, fragte ich mich. Den Hass der schweigenden „Witwe von Kalavryta“ verwandelte ich, älter werdend, in Ehrfurcht und Verwunderung. Mit dem Schmerz und der Trauer war ich vertraut. Doch ich musste sowohl die Griechen als auch die Deutschen tiefer begreifen. Überall suchte ich nach den Spuren deutschen Widerstands gegen die Hitlerdiktatur. Ich glaubte, dass es sie gab &#8211; neben der Barbarei der Skrupellosen und mitten im schuld- und schamhaften Schweigen der Unbeteiligten.</p>
<figure id="attachment_11765" aria-describedby="caption-attachment-11765" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11765 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-1_Weg.jpg" alt="" width="1024" height="765" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-1_Weg.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-1_Weg-300x224.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-1_Weg-768x574.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-1_Weg-450x336.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-1_Weg-500x374.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11765" class="wp-caption-text"><em>Auf dem Weg nach Kalavryta</em></figcaption></figure>
<p>Mein heutiger Gegenstand scheint der Krieg zu sein, aber ich spreche in friedlicher Weise. Der Krieg, ob nationaler Befreiungskrieg oder Bürgerkrieg, ist ein Dreh- und Angelpunkt im Leben der Menschen. Das kommt, weil wir immer an den ersehnten Frieden denken. Im Krieg wird das Epos und das Drama geschrieben. Was die Zivilbevölkerung und die Überlebenden hingegen erleben, ist eine einsame Elegie. Im Verhältnis zwischen Geschichte und Literatur hat die Literatur die Position der moralischen Erfahrung inne. Der deutsche Schriftsteller Winfried Georg Sebald hat im selbst gewählten Exil treffend formuliert, dass die Erinnerung das moralische Rückgrat der Literatur bildet, und mit seinem Werk hat er es bewiesen. 1952 – vor siebzig Jahren, im Gründungsjahr des Goethe-Instituts Athen – publizierte Heinrich Böll seinen berühmten Essay „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“, in dem er sagt, dass die Autoren über die Wunden des Krieges, über die in den Trümmern Lebenden, über Flüchtlinge und Heimatlose sprechen sollten. Das Bekenntnis blieb auf dem Papier. Sein Buch „Der Engel schwieg“, das er in diesem Geist 1949 geschrieben hatte, wurde erst 1992 posthum veröffentlicht. 1952 mussten die Menschen ihre Häuser und ihre Städte wieder aufbauen, sie wollten keine Trümmerliteratur lesen.<br />
Vierzig Jahre später begann mit Sebald in den Neunziger-Jahren die Literatur der Überlebenden, wie ich sie nennen würde. Städte und Gebäude waren neu errichtet, aber die durch den Krieg zerstörten Leben der Menschen &#8211; und oft auch noch die ihrer Nachkommen &#8211; lagen immer noch in Trümmern. Die Überlebenden mussten sich dem Gespenst der unauslöschlichen Erinnerung stellen. Die Erinnerung ist nur dann per definitionem gerecht, wenn derjenige, der sich erinnert, derjenige ist, dem Unrecht zugefügt wurde. Derjenige, dem Schmerz zugefügt wurde, vergisst sein Leid nie. Der ungerechte, skrupellose Täter hingegen vergisst, und dank des Vergessens spricht er sich selbst frei und kann bequem weitere Straftaten begehen. Doch die &#8211; im moralischen Sinne &#8211; gerechte Erinnerung reicht nicht aus. Sie muss aufgrund ihres historischen Verständnisses gerecht sein, im Sinne der Shakespear’schen Forderung, die Dinge im Detail so zu erzählen, wie sie geschehen sind. Doch das ist nicht immer eindeutig. Ohne das historische Verständnis erinnern wir uns nur diffus an das Unrecht, und so bestehen weiter Mythen, Lügen, verfälschte Ereignisse, Trägheit und unerfüllte Trauer. Der Verstand untermauert das Gefühl, und der menschliche Schmerz wird politisch ausgebeutet. Griechenland, ein Land der Opfer, leidet immer noch unter dem Mangel einer gerechten historischen Erinnerung, obwohl mittlerweile offiziell viele Mythen von ihrem Sockel gestürzt sind. Deutschland, das Land der Täter, bemühte sich erfolgreich und hat es durch die Nachkriegsgenerationen zumindest geschafft, das Verbrechen in eine moralische Realität zu verwandeln.</p>
<p>Im dialogischen Verhältnis zwischen Geschichte und Literatur registriert die Geschichte die Ereignisse genau, wie sie geschehen sind. Die Literatur hingegen übersteigt und offenbart die Wirklichkeit, indem sie die Ereignisse zeigt, wie sie hätten sein können. Hierzu tragen die Vorstellungskraft und das poetische Element bei. Die Literatur enthält eine größere Wahrheit als die Geschichte. Sie umfasst auch die menschliche existenzielle Wahrheit. Genauso ist es mit in der dialogischen Beziehung zwischen Philosophie und Literatur: Die Philosophie lehrt dich, was du nicht bist (du bist kein animalisches Wesen, sondern ein mit Verstand begabtes Wesen). Die Literatur offenbart dir, wer du bist. Die Geschichte wird in der Literatur zum dramatischen Raum, der die individuellen Schicksale bündelt. Das ist das historische Empfinden. Darin werden nicht nur die Ereignisse, sondern auch die menschlichen Träume, Fantasien, Widersprüche, Wünsche, das Schicksal und das Aufbegehren dagegen aufgezeichnet. Im Gerichtshof der Geschichte werden die Ereignisse beschrieben, das harte Urteil und die Strafen für die Schuldigen verkündet. Doch die dortige Wahrheit ist nicht immer vollständig. Die Enkelin des Försters, die das Zeugnis des Großvaters aufschreibt, erzählt von Bruchstücken, von winzigen Körnchen dieses historischen Empfindens. Obwohl sie an sich schon realistisch sind, enthalten sie ein noch größeres Begehren nach Wahrheit und ein noch größeres Sehnen nach Wirklichkeit. Der Roman, den sie schreiben will, ist aufrichtig, da sie sich bemüht, eine Brücke über die Abgründe und Widersprüche der historischen Ereignisse hinweg und auch zwischen den Menschen, die sie erlebt haben, zu schlagen. Gleichzeitig räumt sie aber auch die Unmöglichkeit dieses Brückenschlags ein, zusammen mit der unausweichlichen Erkenntnis, selbst ein Opfer zu sein. Die Geschichte des Försters ist demnach ein Anti-Epos und die Hauptfigur Athos ein Anti-Held. Die Wahrheit wird hier in moralischer und therapeutischer Weise verinnerlicht. Die historischen Splitter bleiben, als Teil einer Naturkatastrophe, schrecklich und verwerflich, aber sie sind nicht mehr bedrohlich. Die Wälder mit den zu Menschen gewordenen Bäumen und die persönliche Schattenwelt, die die Enkelin errichtet hat, halten eine purifizierte Erinnerung lebendig, die die folgende Generation, der die Zukunft gehört, nicht mehr bedroht.</p>
<figure id="attachment_11767" aria-describedby="caption-attachment-11767" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11767 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-2_Weg.jpg" alt="" width="1024" height="765" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-2_Weg.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-2_Weg-300x224.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-2_Weg-768x574.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-2_Weg-450x336.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-2_Weg-500x374.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11767" class="wp-caption-text"><em>Der Himmel über Kalavryta</em></figcaption></figure>
<p>Aber woraus besteht diese Schattenwelt? Schatten ist für mich ein anderes Wort für Denken. Er bildet die ideale Waagschale, in der die Gegensätze ins Gleichgewicht kommen. Er ist aus der brüderlichen Beziehung der Gegensätze gemacht. Das Licht spendet Leben, aber wenn das Leben krank wird, sucht es seinen Bruder, den Schatten. Um welche Gegensätze geht es hier? Licht/Dunkelheit, Leben/Tod, Feuer/Schnee, Recht/Unrecht, Opfer/Täter. Doch auch die Trauer durchleben wir im Schatten. In der Geschichte ist die Trauer eine öffentliche Angelegenheit. In der Literatur hingegen ist die Koexistenz von Toten und Lebenden eine persönliche Wahrheit, jeder hat das Recht, mit dem ihm zugehörigen Schmerz zu leben. Der Tod wird im privaten Dasein nicht idealisiert. Es ist Teil der Natur. Die Natur idealisiert nicht wie der Mensch. Die Witwe von Kalavryta, die Tochter und die Enkelin trauern friedlich und bescheiden. Die Elegie der Wälder ist nicht heroisch. Es ist die Elegie des Denkens, des Nachdenkens über den Krieg. Die Zivilisten idealisieren ihren Tod nicht. Der Förster gehört zur Gemeinschaft der Bäume, er gehört zu den großen Wäldern, die ihm seine bayerischen Lehrer wissenschaftlich nahegebracht haben. Seine Geschichte ist ein vielstimmiger Mythos über Geschöpfe der Erde, die einander nicht töten. Sie ist ein Mythos über die älteste Sache seit dem Beginn des Lebens: über das Leid.</p>
<p>Die Literatur, die auf den Straßen der Erinnerung wandelt, bildet ein ganz anderes Universum als die sogenannte „Erinnerungskultur“. Sie ist eine ursprüngliche und urtümliche schöpferische Handlung des Menschen. Die Erinnerungskultur kommt erst danach. Es sind die Politiker, die Historiker, die Forscher der öffentlichen Geschichte, das Kulturministerium, die öffentliche Meinung in den sozialen Netzwerken und in der Presse, die über sie sprechen oder sie anwenden. Der Staat errichtet Denkmäler, stattet Museen aus, legt Gedenkveranstaltungen historischer Ereignisse fest, die Gemeinden montieren in den Straßen Gedenktafeln historischen oder kulturellen Inhalts. Ich würde sagen, das Goethe-Institut ist heute per definitionem eine Erinnerungsinstitution. Neben der Rolle als Kulturinstitution trägt es indirekt an der schweren Erinnerung an dasjenige Ereignis, welches das zwanzigste Jahrhundert erschüttert hat. Mit seiner Gründung und seiner Existenz ist daher auch die schöpferische Beziehung zwischen Vergangenheit und Zukunft verknüpft. Die Fotoausstellung der in Griechenland lebenden Deutschen Johanna Weber aus dem Jahr 1996, die den Titel „Gesichter aus dem griechischen Widerstand: Lebenserinnerungen – Todeserinnerungen“ trug, ist mir unvergesslich geblieben.</p>
<figure id="attachment_11769" aria-describedby="caption-attachment-11769" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11769 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-3_Mnima1.jpg" alt="" width="1024" height="765" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-3_Mnima1.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-3_Mnima1-300x224.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-3_Mnima1-768x574.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-3_Mnima1-450x336.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-3_Mnima1-500x374.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11769" class="wp-caption-text"><em>Kalavryta, privates Grabmal</em></figcaption></figure>
<p>Es gibt die kollektive und die individuelle Erinnerung. Die kollektive Erinnerung kann, wie es in totalitären Regimen vorkommt, leicht gegängelt und durch interessengeleitete politische Propaganda geformt werden. Die individuelle Erinnerung entsteht von selbst, ist jedoch selektiv. Die ganze Nation kann des Zweiten Weltkriegs gedenken, aber ich (und es gibt viele Ichs) gedenke, weil ich die Erinnerung der Überlebenden aus meiner Familie in Gedanken fassen will, da ich die Ereignisse nicht selbst erlebt habe. Die Kraft der Literatur ist die gelungene Kombination aus der kollektiven Erinnerung und der grüblerischen persönlichen Erinnerung. Sie ist Epos und Elegie. Sie ist das Große und das Kleine. Sie ist das Wollen und das Erinnern und das Verstehen-Wollen. Was will sie verstehen? Dass im Krieg die Mächtigen das tun, was ihnen ihre Macht gestattet, und die Ohnmächtigen das, was ihnen ihr Durchhaltevermögen gestattet. Das heißt, die Ohnmächtigen weichen zurück und nehmen ihr Schicksal an, während sie gleichzeitig Widerstand leisten, da sie überleben müssen. Der Krieg hat uns den Hass der Nazis und den Hass der Witwe von Kalavryta gezeigt, aber auch menschliches Verständnis und menschliche Widerstandskraft gelehrt &#8211; das heißt, wie und warum wir uns heute hier befinden, 80 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus und 70 Jahre nach dem Beginn des Kalten Krieges.</p>
<p>Zurück zu Sebald: Er war der Erste, der 1995 über die schrecklichen Bombenangriffe der Alliierten gesprochen hat, welche die deutschen Städte dem Erdboden gleichgemacht und hunderttausende Zivilisten im Schlaf überrascht und getötet haben. Er hat gezeigt, dass die Deutschen selbst Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und des von ihnen ausgelösten Krieges waren. Ein Satz, der sich mir eingeprägt hat, ist: „Die großen Ereignisse sind wahr, während die Details erfunden sind.“ Ich verstehe ihn folgendermaßen: Der Literat entwickelt einen Weg, um durch seine Dichtkunst über die Wahrheit zu sprechen, die sich im Detail verbirgt. Aber was ist das Detail? Es ist die individuelle Erinnerung, das menschliche Leid und die Traurigkeit, die einen im Schweigen gefangen hält. Es ist das Kleine, das die Wahrheit der großen Ereignisse enthüllt. Es ist sowohl die bescheidene Existenz des Einzelnen als auch die große Bestimmung der Nationen. Es ist das Kleine, welches das Große zum Vorschein bringt. Die Elegie war immer schon ein Ausweg aus der Sackgasse des epischen Schreibens. Die Tragödie eines einzigen Überlebenden kann vom Leiden eines ganzen Volkes erzählen. Das literarische Schreiben wird so zur moralischen Erfahrung (zum Anti-Epos oder zum Anti-Helden), aber es schützt auch die Erinnerungskultur vor der Lüge und der absichtlichen Fälschung durch Usurpatoren jeglicher Art.</p>
<figure id="attachment_11771" aria-describedby="caption-attachment-11771" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11771 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-4_Mnima2-e1698494681160.jpg" alt="" width="1024" height="768" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-4_Mnima2-e1698494681160.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-4_Mnima2-e1698494681160-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-4_Mnima2-e1698494681160-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-4_Mnima2-e1698494681160-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-4_Mnima2-e1698494681160-768x576.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11771" class="wp-caption-text"><em>Kalavryta, Kreuzinschrift</em></figcaption></figure>
<p>Abschließend muss ich sagen, dass ich auf die Frage „Was ist deutsch?“, die mich von klein auf umtrieb, noch keine Antwort gefunden habe. Ich glaube, dass es keine gibt. Die Nationalsozialisten mit etwas „spezifisch Deutschem“ in Verbindung zu bringen, zeigt &#8211; nachdem sich so viele Historiker bemüht haben, derartigen Ideen den Boden zu entziehen, nachdem tonnenweise Papier bedruckt und gelesen wurde &#8211; allein nur Fanatismus, Unwissenheit und fehlende Bildung, vielleicht auch eine neue Barbarei. Kürzlich las ich irgendwo, dass Kant in seinem einsamen und kargen Leben einen einzigen guten Freund hatte, einen Förster namens Wobscher, der ihn zur Beschreibung des deutschen Menschentyps inspiriert haben soll. Wie dieser aussieht, weiß ich aber nicht. Dann habe ich mich gefragt, ob mein Förster mich den griechischen Menschentyp lehren könnte. Aber das bezweifle ich sehr. Der Grieche verfügt über Durchhaltevermögen, Glauben und Widerstandskraft, aber tief in seinem Inneren sitzt der Bürgerkrieg. Der griechische Bürgerkrieg, der dem Abzug der Deutschen folgte, war genauso verheerend wie der Befreiungskrieg. Denn dort, im Bruderkrieg, gibt es kein Anti-Epos und keine Elegie, die uns die Wahrheit erzählen könnten. Hier handelt es sich um blinde Finsternis.</p>
<p>Immer wieder kommt mir Thomas Mann im selbst gewählten Exil und sein kleines Buch „Meerfahrt mit Don Quijote“ in den Sinn. Es hat mich darin bestärkt, dass die umkämpfte Frage in der Tat unbeantwortet ist. 1934, als er mit der Lektüre des „Don Quijote“ den Ozean in Richtung Amerika überquerte, notierte er, wie willkürlich er die unscharfen Antworten auf die ewig offene Frage „Was ist deutsch?“ findet. Besonders die von Wagner, scherzt er, der das Andante für das eigentlich deutsche Tempo halte. „Der Wagnersche Spruch wäre glücklicher“, so schreibt er, „wenn er das Nationelle beiseite gelassen, das ihn sentimentalisiert, und sich an die sachliche Würde der Langsamkeit gehalten, wegen der ich ihm beistimme. Gut Ding will Weile haben.“ Auf dieser Ozeanreise, die in der Tat eine Weile dauerte, wird der konservative, antidemokratisch eingestellte Thomas Mann auf Distanz gehen, sich von der Nation abwenden und ein Staatenloser werden. Er wird seine bürgerliche Herkunft aus einem damals dekadenten Europa hinter sich lassen und überwinden. Ein Thomas Mann, der während des Ersten Weltkriegs noch die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ geschrieben hatte, in denen er die westeuropäische Kultur angriff und sich „für die heilige deutsche Sache“ aussprach. Mitten auf dem Atlantik, wo er „mit dem Winde reist“, der eine Naturkraft sei wie die Dampfkraft, wie er sagt, befindet er sich schon bald in dem Zwiespalt, ein europäischer Intellektueller, aber auch ein deutscher Dichter zu sein. Es ist die Donquijottiade eines mittlerweile überzeugten Exilanten, der den technologischen Begriff der „Zivilisation“ mit der überlieferten deutschen „Kultur“ schließlich versöhnt. Das Gesindel, wie Mann es nennt, das 1933 in Deutschland die Macht übernommen hat, wird er, nach langem innerem Ringen, erst zwei Jahre später öffentlich aus den USA anklagen. Dabei hatte er sich bereits seit 1922 gegen den Nationalsozialismus und für die Weimarer Republik ausgesprochen und die Umwertung seines geliebten bürgerlichen Ideals durch die Nazis vorhergesehen.</p>
<figure id="attachment_11773" aria-describedby="caption-attachment-11773" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11773 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-5_Passfotos.jpg" alt="" width="1024" height="768" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-5_Passfotos.jpg 1024w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-5_Passfotos-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-5_Passfotos-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-5_Passfotos-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-5_Passfotos-500x375.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11773" class="wp-caption-text"><em>Museum Kalavryta, Ausweisfotos der Hingerichteten (Teilansicht)</em></figcaption></figure>
<p>Wir Angehörigen der dritten Nachkriegsgeneration wollen über das harte Jahrzehnt zwischen 1940 und 1950 sprechen, um die verlorenen Leben zu rechtfertigen, aber auch, um uns an die Seite der Überlebenden zu stellen, die ein vereintes, demokratisches Europa anstrebten. 1952, im Gründungsjahr des Athener Goethe-Instituts, wurden in Griechenland von den Siegern des Bürgerkriegs weiter Kommunisten hingerichtet oder nach Makronissos in die politische Verbannung geschickt. In Deutschland hingegen ließ die Verfolgung von Kriegsverbrechern langsam nach, ihre Taten verjährten und man übertrug ihnen Posten im neuen Staat. Vielleicht entstand genau damals, in den ersten Nachkriegsjahren, die Hoffnung, die Vision des dem George-Kreis nahestehenden Rudolf Fahrner in die Tat umzusetzen. Mitten im besetzten Athen hatte er seit 1941 für einige Jahre das Deutsche Wissenschaftliche geleitet, womöglich auch als Gegengewicht gedacht zum Deutschen Archäologischen Institut, das in die Hände der Nationalsozialisten gefallen war. Nach seiner Beurlaubung von der Universität Heidelberg lehrte der Germanist Fahrner 1939 an der Universität Athen. Das „mysteriöse“ Deutsche Wissenschaftliche Institut in der Rigillis-Straße, wie es der Regisseur Timon Koulmassis nennt, der es dem Publikum in seinem Film „Briefe aus Athen. Portrait des Vaters zu Zeiten des Krieges“ nahegebracht hat, nahm eine aristokratische Haltung zu den deutschen Besatzern ein: Dort gab es keine Hakenkreuzfahne, kein Hitlerbild an der Wand und auch kein Propagandamaterial, das wurde nämlich sofort nach dem Eintreffen im Keller verbrannt. Der Germanist und Philhellene Fahrner drückte seinem Institut den Stempel eines literarischen Aristokraten auf, während er hilfsbedürftige griechische Bürger und Widerstandskämpfer insgeheim unterstützte. 1944 wurde er nach Berlin beordert, nachdem die mit ihm befreundeten Brüder von Stauffenberg nach dem Hitler-Attentat festgenommen worden waren. Die beiden wurden hingerichtet und gingen als die Adeligen in die Geschichte ein, die das neue nationalsozialistische Bürgertum zur Rechenschaft ziehen wollten. Fahrner wurde festgenommen, später jedoch freigelassen, da man ihm keine Beteiligung am Attentat nachweisen konnte. Ab 1951 lehrte er an der Universität Ankara. In der Junta-Zeit nahm das Athener Goethe-Institut eine ähnliche &#8211; weniger aristokratisch, doch gewiss antidiktatorisch motivierte &#8211; Haltung wie Fahrner während der Besatzung ein.</p>
<p>Heute erleben wir einen nicht-erklärten Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen, der außerhalb des Territoriums dieser Länder stattfindet und dessen Folgen vor allem Europa als Verbündeten der Ukraine betreffen. Der Satz von Clausewitz „Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen“ bewahrheitet sich in der aktuellen Lage. Das bedeutet: Der Krieg entbehrt jeglichen Sinnes. Er hat keinen pragmatischen Wert und in seiner Ausführung gibt es keinen Moralkodex, nur den Militärischen Gehorsam des Soldaten, dessen Folgen jedoch unmoralisch sind. Die Moral, wie gesagt, benötigt Grenzen. Doch auch der Klimawandel, der mit der zerstörerischen Kraft eines Krieges auftritt, ist grenzüberschreitend. Grenzen setzt nur der Mensch oder die Institution, die Menschen in Dialog bringt und moralische Werte und humanistische Ideale hochhält. Dann schweigen die Waffen, und die Natur kann geschützt werden und auch uns schützen.<br />
Ich wünsche dem Goethe-Institut, dass es seinen förderlichen Weg fortführen kann, den es unter großen Schwierigkeiten in den ersten, diffusen und widersprüchlichen Jahren des Kalten Krieges eingeschlagen hat.<br />
Vielen Dank!</p>
<figure id="attachment_11775" aria-describedby="caption-attachment-11775" style="width: 490px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11775 size-single-hochkant" src="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-6_Germania-e1698494699712-500x375.jpg" alt="" width="500" height="375" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-6_Germania-e1698494699712-500x375.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-6_Germania-e1698494699712-300x225.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-6_Germania-e1698494699712-450x338.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-6_Germania-e1698494699712-768x576.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2023/10/Ka-6_Germania-e1698494699712.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-11775" class="wp-caption-text"><em>Kalavryta, Werbung an einem aufgegebenen Geschäft</em></figcaption></figure>
<hr />
<p>Links:<br />
Die Festrede auf der Internetseite des Goethe-Instituts Athen <a href="https://www.goethe.de/ins/gr/de/sta/ath/ueb/jub/mst.html">hier</a><br />
Maria Stefanopoulou/<em>Athos der Förster</em> auf diablog.eu <a href="https://diablog.eu/literatur/maria-stefanopoulou-interview-kalavryta/">hier</a> und <a href="https://diablog.eu/literatur/athos-der-foerster-maria-stefanopoulou/">hier</a><br />
Goethe-Institut Athen, Startseite <a href="https://www.goethe.de/ins/gr/de/index.html">hier</a> // FB: <a href="https://www.facebook.com/goetheinstitut.athen/">@goetheinstitut.athen</a> // IG: <a href="https://www.instagram.com/goetheinstitut_athen/">@goetheinstitut_athen</a><br />
Zur Verleihung des Johann-Heinrich-Voß-Literaturhaus-Preises der Stadt Penzlin <a href="https://www.facebook.com/diablog.eu?ref=nf&amp;hc_ref=ARTsypPkav4b6fricOAuJ31QgHWI1CVywGiWP4Sq944x2Jm70pstGUwJ_7uqLp3XRNc">hier</a>, s. Post vom 15.10.2023</p>
<hr />
<p class="textinfo"><em>Text: Maria Stefanopoulou, mit freundlicher Genehmigung des Goethe-Instituts Athen. Foto Veranstaltung: Vangelis Patsialos. Kalavryta-Fotos und Redaktion: A. Tsingas. </em></p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Der Marsch der unbewaffneten Brigade</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Athanassios Tsingas]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Oct 2023 16:33:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Historisches]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Vierundsiebzig Jahre nach dem (offiziellen) Ende des griechischen Bürgerkriegs bereitet er den heutigen Griechen immer noch Unbehagen. Die damalige Spaltung der Nation hat unauslöschliche Narben hinterlassen. Auch heute scheinen die beiden gegnerischen Fraktionen keine gemeinsame ... <p class="read-more-container"><a title="Der Marsch der unbewaffneten Brigade" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/der-marsch-der-unbewaffneten-brigade/#more-11630" aria-label="Mehr Informationen über Der Marsch der unbewaffneten Brigade">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Vierundsiebzig Jahre nach dem (offiziellen) Ende des griechischen Bürgerkriegs bereitet er den heutigen Griechen immer noch Unbehagen. Die damalige Spaltung der Nation hat unauslöschliche Narben hinterlassen. Auch heute scheinen die beiden gegnerischen Fraktionen keine gemeinsame Basis zu finden. Panagiotis Chatzimoysiadis lässt seinen Roman in dieser Zeit spielen, stellvertretend für die unaufhaltsamen und stillen Gefechte, die – nicht unbedingt blutig – weiterhin um uns herum geführt werden.</p>
<figure id="attachment_11663" aria-describedby="caption-attachment-11663" style="width: 440px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11663 size-singlepost-thumb" src="https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-6-xioni_kordela-450x661.jpg" alt="" width="450" height="661" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-6-xioni_kordela-450x661.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-6-xioni_kordela-204x300.jpg 204w, https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-6-xioni_kordela.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-11663" class="wp-caption-text">Die griechische Ausgabe</figcaption></figure>
<p><strong>Zum Buch</strong><br />
Panagiotis Chatzimoysiadis behält die historischen Ereignisse des unbarmherzigen Bürgerkriegs (<em>s. weiter unten den historischen Kontext und die Ereignisse um den Marsch der unbewaffneten Brigade</em>) und die persönlichen Geschichten der beteiligten Individuen gleichermaßen im Auge. Das Leben der Landbevölkerung außerhalb des Krieges wird als ebenso hart und steinig beschrieben wie der Krieg, der oft wie eine natürliche Erweiterung des harten Alltagslebens erscheint . Gedämpft, aber mit beeindruckender literarischer Präzision in Rhythmus, visuellem Detail und Komposition, versetzt er uns in den emotionalen Zustand seiner Protagonisten (denen wenig Heldenhaftes anhaftet), wir sind wie sie verletzt, müde, unterkühlt und ausgehungert, verzweifelt (oder auch glücklich) und Opfer absurder Befehle.</p>
<p>Jedes Kapitel ist im Wesentlichen eine eigenständige Geschichte um eine zentrale Person, die eine andere Phase des Marsches beleuchtet. In der Erzählung „Die Funkgeräte“ ist es der sechzehnjährige Kyriakos Siatras, der den Tod seines Vaters rächen will, in „Winterolympiade“ Charalambis Souroutsis, der eine Reueerklärung unterschrieben hat, in „Säuberungen“ Apostolis (P)ouliopoulos, der unsterblich in Theanoula verliebt ist, in „Nur Sotiris“ die vergewaltigte Sotiria, die ihrem brutalen Vater zu entfliehen versucht, in „Brandopfer“ Avraam Polychronidis, der bereits zuvor einige blutige Erfahrungen hatte, und in „Noch mehr Tod“ Georgios Georgiadis, der mit weit aufgerissenen Augen umfallen wird. Die modulare Form des Bandes setzt sich schließlich zu einem großen Ganzen zusammen.</p>
<figure id="attachment_11633" aria-describedby="caption-attachment-11633" style="width: 240px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11633" src="https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-1-Gousias-450x599.jpg" alt="" width="250" height="333" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-1-Gousias-450x599.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-1-Gousias-225x300.jpg 225w, https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-1-Gousias-500x666.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-1-Gousias.jpg 587w" sizes="auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px" /><figcaption id="caption-attachment-11633" class="wp-caption-text">Giorgos Gousias, Kampfname von Giorgos Vontitsos, 1915-1979<br />© booksjournal.gr</figcaption></figure>
<p>Dem selbstlosen Mut dieser Personen, ihrer Selbstaufopferung – selbst wenn sie erkennen, dass sie verraten wurden –, stellt der Autor Gousias, den Kommandanten der „Unbewaffneten Brigade“ und Generalmajor der DSE gegenüber, dessen Ehrgeiz, in der kommunistischen Partei aufzusteigen, ihn obsessiv dazu verleitet, dieses selbstmörderische Unterfangen ohne Rücksicht auf Verluste durchzuziehen. Immer wieder verweist der Autor auf das menschenverachtende Verhalten von Gousias, der sich nur um sein eigenes Wohlergehen kümmert und nicht zögert, Kameraden ins Verderben zu schicken, um seine eigene Haut zu retten.</p>
<p>„Der Schnee des Agrafa-Gebirges“ ist ein vielschichtiges und zutiefst menschliches Buch, das ein tragisches und absurdes Ereignis (wobei es keine größere Absurdität gibt als einen brudermörderischen Bürgerkrieg) nutzt, um über das menschliche Schicksal zu schreiben, zum Nachdenken anzuregen und eine Antikriegsbotschaft zu vermitteln.</p>
<p><strong>Die Vorbereitung</strong><br />
Der Autor hat die Ereignisse im Verlauf des <em>Marsches der unbewaffneten Brigade</em> eingehend recherchiert. Auf der Route hat er Orte und Ortschaften besucht und Interviews geführt. 15 Jahre lag das Projekt mehr oder weniger in der Schublade. 2019 hat er den Erzählband dann innerhalb von zwei Monaten zu Papier gebracht und Ende 2021 veröffentlichen können.</p>
<hr />
<p><strong>Der Auszug</strong><br />
Erzählung/Kapitel 1: <em>Die Funkgeräte</em></p>
<p>Bis zum Mittag ließ er das Vieh weiden, am frühen Nachmittag brachte er es in den Pferch. Er verteilte Gras, sorgte für frisches Wasser und melkte die Mutterschafe. Als er damit fertig war, zog er das Viehgatter hinter sich zu, pfiff den Hund zu sich und nahm den anderen Pfad. Heute Abend würde er nicht ins Dorf zurückkehren, nicht nach Hause gehen. Fünf, sechs, sieben Monate, vielleicht ein Jahr lang, so lange es eben bräuchte, würde er woanders sein; dort, wo er schon von Anfang an hätte sein sollen. Sein jüngerer Bruder war mit der Schule fertig, ab morgen könnte er ihn im Pferch ersetzen.<br />
Es wurde langsam dunkel, als er in Vracha ankam. Noch außerhalb des Dorfes ging er den Hang hinauf, wo die Feldlager waren. Er kannte sich hier einigermaßen aus – vor vier Jahren hatte er Vorräte und Nachrichten von seinem Vater dorthin gebracht. Aber damals hatte es hier keine Hütten und Unterstände, keine Lauf- und Schützengräben gegeben. Er erkundigte sich, wo er sich melden sollte. Kyriakos Siatras, Sohn von Giannakos und Sophoula, sechzehn Jahre alt, gab er einem Offizier gegenüber an, den er ausfindig machte. Viele Tage lang hatte er sich einen Kopf gemacht, bis er seinen Plan schließlich umsetzte. Er meldete sich bei den Partisanen, zusammen mit seinem Hund Aris.<br />
In dieser Nacht schlief er gut. Die meisten von ihnen waren in Häusern und Scheunen des Dorfes untergekommen, nur wenige in Schlafsälen. Sein Schlafsaal war ein verlassener Lagerraum, in der Mitte geteilt: Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite. Auf dieser Seite lagen dreißig Männer auf der Erde mit nur etwas Stroh als Bettlager. Dezember im Agrafa-Gebirge; nicht einen Ofen gab es, sie sollten lernen, dem Frost zu trotzen. Im Traum sieht er seinen Vater so, wie er ihn zum letzten Mal gesehen hatte: fünf Kugeln im Bauch, eine oben in der Brust und Aris klagend neben ihm. Er nimmt ihn in die Arme, der tote Mann öffnet die Augen, schaut ihn an und lächelt. „Ich werde dich rächen, Vater“, sagte er im Schlaf immer wieder. „Mach das, mein Sohn“, hörte er ihn antworten. „Du hast meinen Segen.“<br />
Am nächsten Morgen wurde er früh geweckt. Der ganze Schlafsaal war auf den Beinen. Aris kam zu ihm und wedelte mit dem Schwanz. Der Berghang war wie ein Ameisenhaufen, von überall kamen Partisanen zusammen. Der neue Tag begann an der Feldküche mit einem Stück Kommissbrot und etwas Bergtee. Kyriakos setzte sich allein auf einen Stein, tauchte sein Brot in den Tee und sah sich um. Hier, in einem der Feldlager von Vracha, tat sich für ihn eine neue Welt auf. Und er, der in seinem Leben nichts als Schafe, Winterpferche, Kühe und Weiden kannte, freute sich sehr, jetzt dazuzugehören. Er trank seinen Tee aus und stand auf. Die anderen machten sich auf den Weg zurück in die Unterkünfte. Aus der Ferne rief jemand seinen Namen. „Das bin ich“, antwortete er. Ihm wurde befohlen, sich sofort im Hauptquartier zu melden.<br />
Das Hauptquartier war ein großes, beschlagnahmtes Haus unterhalb der Feldlager, am Rande des Dorfes; zweistöckig, umzäunt und mit Hof, hob es sich von den anderen Bauten ab. Am Eingang trat ein Wachsoldat gegen Aris. „Unser Kommandant will keine Viecher zwischen den Füßen haben.“ Kyriakos trat ein, in der Ecke brannte ein Bollerofen, das Fenster vor Hitze beschlagen. Der Kommandant saß am Schreibtisch, beugte sich über eine Karte und machte sich Notizen. Kyriakos stand neben der Tür, den Kopf respektvoll und überrascht gesenkt. Wer hätte gedacht, dass er ihn hier als Befehlshaber eines ganzen Lagers wiedersehen würde.<br />
Fünf Tage lang hatten sie ihn in ihrem Pferch versteckt; sein Nachname war Gousias, er wollte aber mit Genosse Giorgis angesprochen werden. Seine Gruppe war in einen Hinterhalt geraten und gezwungen, sich zurückzuziehen; die Armee nahm die Verfolgung auf. Sieben seiner Männer wurden dabei getötet, er selbst machte sich in einer Höhle klein, um zu entkommen. Er flehte Familie Siatras an, Mitleid mit ihm zu haben; krank und hungrig, wie er war, nahmen sie ihn mit und versteckten ihn in der Scheune. Mit Milch, Käse und Fleisch kam er wieder auf die Beine und war schließlich völlig genesen. Aber auch als er weg war, schickten sie ihm weiterhin Lebensmittel, Wolle und Schafsfelle und informierten ihn über die Bewegungen des Feindes. Wenn der sich näherte, verbrannten sie im Kamin Dieselöl und ließen schwarzen Rauch aufsteigen. Genau deswegen verdächtigten jedoch die Sourlides, paramilitärische Kollaborateure der Armee, seinen Vater: Warum verbrannte er mitten im August Dieselöl? Einen halben Tag lang ließen sie ihn an einem Nussbaum vor dem Pferch hängen, um von ihm Informationen zu Kontaktpersonen, Verstecken, Standorten und Verbindungswegen zu bekommen. Wie sehr sie ihn auch marterten, verraten hat er nichts. Am Ende brachten sie ihn um.<br />
Kyriakos ließ jetzt diese Ereignisse unerwähnt – Anerkennung wollte er sich nur durch Leistung erarbeiten. So war er erzogen worden. Mit sieben Jahren hütete er bereits die ganze Herde, mit dreizehn war er schon allein für den Pferch verantwortlich. Er sei von hier, gab er an, aus den umliegenden Dörfern. Sie brauchten Wehrfähige für den Volkskampf, denn die Sourlides marschieren auf, zerstören Häuser, schänden Mädchen, töten Menschen. Es sei nicht in Ordnung, dass andere kämpften, während er Schafe und Rinder weiden ließ, als ob nichts wäre.<br />
Der Kommandant stand auf, ging zum Fenster und schaute hinaus. Wenn sich tausend oder gar tausendzweihundert Rekruten und weitere dreihundert, die ihm aus der Ebene versprochen worden waren, hier versammeln, könnten diese insgesamt tausenddreihundert oder besser noch tausendfünfhundert Leute innerhalb kürzester Zeit aufbrechen; vom Agrafa-Gebirge in die Ebene von Farsala und von dort über das Pieria-Gebirge ins Freie Griechenland. Zehn, zwölf Sprünge nach vorn, sprich Nachtmärsche, direkt vor der Nase des Feindes, über Berge und durch Seen. So schwer es auch aussah: Wenn alle zu einem Körper, einer Seele würden, könnten sie es schaffen. Sie sollten den Befehlen gehorchen, den Mund geschlossen, Augen und Ohren aber offen halten, denn die feindlichen Agenten strecken ihre Fangarme in alle Richtungen aus; Kyriakos solle nicht denken, dass es hier an ihnen mangele, sie würden sich nur besser tarnen. Was immer er höre oder sehe, müsse er sofort seinem Zugführer oder Hauptmann melden – nun gehöre er dem ersten Zug der dritten Kompanie an – und wenn es etwas Ernstes sei, müsse er unverzüglich zu ihm kommen und Bericht erstatten.<br />
Kyriakos salutierte und wandte sich zum Gehen. Heiße Milch, Kaffee, Eier, Brot und Wurst – das war das Frühstück des Kommandanten. Eine Genossin brachte es gerade auf einem Tablett herein. Da dachte er an seinen Vater: Die Kinder durften zuerst essen, und wenn etwas übrig war, aß er dann auch. Von dem, was Gousias ihm erzählte, blieb später nur der Geruch der gebratenen Wurst in seinem Gedächtnis hängen, wie auch der klare Blick und das Haar des Mädchens – geflochten zu einem Zopf wie seine Mutter ihn trug. Er zog die Tür hinter sich zu und eilte hinaus. Die anderen hatten sich auf der Freifläche vor den Lagerhallen zur Morgenbesprechung versammelt. Er sah sich um und machte seine Gruppe aus.<br />
Sein Zug bestand nur aus dreizehn Mann, acht Männern und fünf Frauen. Seine Kompanie war ebenfalls unterbesetzt: sechsundfünfzig Mann insgesamt, dreißig Männer und der Rest Frauen. Beim Appell trat er vor. Sieben weitere Personen wurden an diesem Tag aufgenommen, aber sein Name wurde lauter als der der anderen vorgelesen. Nun gehörte auch er offiziell zur Demokratischen Armee Griechenlands; als er in Reih und Glied zurücktrat, hatte er das Gefühl, einige Zentimeter gewachsen zu sein.<br />
Der Politkommissar erzählte ihnen von der Eroberung Metsovos, dem Streik der Tabakarbeiter in Kavala, Xanthi, Serres und Saloniki; aber in Kyriakos΄ Kopf spielten sich siegreiche Kämpfe in Volos, Farsala und Karpenisi ab sowie Säuberungsaktionen gegen die paramilitärischen Gruppen von Sourlas, Velentzas, Vourlakis und Tsantoulas.<br />
Bis zum Mittag gab es Training und Ausbildung. Marsch- und Kampfformation, die Rolle der Verbindungsleute und erste Hilfe bei Erfrierungen und Verletzungen. Danach war Mittagspause, er nahm seinen Blechnapf und wartete in der Schlange; Schiffszwieback und angeblich Hühnersuppe, aber so sehr er auch suchte, er konnte nicht den kleinsten Hühnerknochen finden. Er setzte sich zu zwei anderen, die er aus seinem Zug kannte. Sie beugten sich ständig vor und sprachen seltsam miteinander, alles, was er hörte, war inzi, inzi, inzi, inzi, aber er achtete nicht weiter darauf. An ihm ging Gousias΄ Adjutantin mit einem zugedeckten Tablett vorbei – zu gern hätte er gewusst, was der Kommandant heute zu Mittag essen würde. Zum zweiten Mal an diesem Tag konnte er ihren Zopf bewundern. Er aß auf und ging.<br />
Eineinhalb Stunden Mittagruhe in den Unterkünften und am Nachmittag wieder Training; einige Macchiasträucher am Hang gegenüber sollten der Feind sein. Jeder Zug hatte nur ein Gewehr und in seinem trug er es. Er lief damit voraus und die anderen folgten ihm, jeder mit einem trockenen Ast in Händen. Sie riefen „Nieder mit den Monarchofaschisten!“ und starteten den finalen Angriff. In fünf Minuten hatten sie den ganzen Hügel eingenommen, ohne einen einzigen Verlust zu erleiden. Einige reagierten ihre Wut sogar an der Macchia ab; sie stürzten sich auf die Sträucher, zermalmten sie, trampelten sie nieder, rissen sie aus dem Boden. Dann blieben sie auf dem Gipfel stehen, um Luft zu holen. Eine einzige zusammenhängende regenschwere, schwarze Wolke erstreckte sich von Vrachia bis Neraida und Klisto.<br />
Der Tag würde kommen, an dem das Land von Nebel und Schlamm befreit wäre, ein Sonnenstrahl erhellte Kyriakos‘ Geist. Beim Abstieg hallte der ganze Berghang vom Partisanenlied wider:</p>
<p><em>Der Olymp donnert, die Giona blitzt, </em><br />
<em>das Agrafa-Gebirge grollt, das ganze Land bebt. </em><br />
<em>Zu den Waffen, zu den Waffen, auf zum Kampf </em><br />
<em>für unsre höchst kostbare Freiheit.</em></p>
<p>In dieser Nacht regnete es viel. Ab und zu ging er zur Tür und schaute raus. Wachdienst im Schlafsaal, das war die Aufgabe, die ihm zugewiesen worden war. Er stupste die Schnarcher, damit sie sich zur Seite drehen, deckte die Abgedeckten zu, damit sie nicht in der Kälte froren; einmal beruhigte er sogar jemanden, der Albträume hatte, ein Kind, das nach seiner Mutter rief; er hielt seine Hand, bis es wieder einschlief. Dann weckte er die nächsten Außenwachen. Nach zwei Uhr wurde es ruhiger und er zog sich in seine Ecke zurück, legte sich seine Bettdecke um und gab sich alle Mühe, die Augen offen zu halten. Er zitterte vor Kälte.<br />
Vielleicht war es die Müdigkeit&#8230; Ihm war, als höre er ein Flüstern und Keuchen. Kyriakos versuchte aufzustehen, es gelang ihm aber nicht; der Geruch von Gebratenem lähmte seinen Geist. Die Augen fielen ihm zu. Es war Ostersonntag und in ihrem Hof wurde ein Lamm am Spieß gebraten. Seine Mutter brachte Essen, sein Vater trank Wein, seine Brüder spielten Verstecken und er weinte um Amalitsa, das aufgespießte Lamm. Seitdem sie gestern geschlachtet wurde, hatte er keinen Bissen in den Mund genommen, aber als dann der Tisch gedeckt wurde, konnte er nicht mehr, nahm ein kleines Stück und aß es, dann ein zweites und auch ein drittes. Jetzt hatte er Amalitsa vor Augen. Sein Vater hielt das Messer, um sie zu schlachten, sie zerrte am Seil, öffnete den Mund, aber blökte nicht wie sonst, sondern jaulte wie ein getretener Hund. Er wachte schweißgebadet auf, sein Bauch tat weh, ihm war speiübel. Aus dem Zimmer nebenan, dem seines Vaters und seiner Mutter, hörte er ein Flüstern und Keuchen. Er ging hinaus, der Schnee bedeckte den Hof; er hielt sich an einem Balken fest und erbrach alles, was er gegessen hatte. Er hob den Kopf, der Schnee vor ihm sah aus wie Amalitsas Schafspelz.<br />
Eine Hand rüttelte kräftig an seiner Schulter – wie sehr hätte er sich gewünscht, es wäre die seines Vaters. Er weckte ihn vor dem Morgengrauen, damit sie zusammen zum Pferch gehen. Kyriakos beklagte sich zwar, aber es gefiel ihm, neben Vater herzugehen und den Sonnenaufgang zwischen den Tannen und Buchen zu betrachten. Er öffnete die Augen. Die Wachhabende der Frauenunterkunft drängte ihn aufzustehen. Das offizielle Weckzeichen war schon vorbei, aber in Kyriakos΄ Schlafsaal schliefen alle noch tief und fest. Beim Morgenappell wurde das gemeldet.<br />
Wie ein Axthieb fiel Gousias΄ Blick auf ihn. Die Kämpfer der Demokratischen Armee kennen weder Müdigkeit, noch Hunger oder Schlafmangel – Küchendienst sollte seine Strafe sein. Kyriakos senkte den Kopf und trat in Reih und Glied zurück. Zehn Tage lang hatte er morgens und nachmittags Ausbildung, mittags Küchendienst. Aber er gab nicht auf, auch wenn er kein richtiges Gewehr mehr tragen durfte. Er nahm an der Ausbildung teil, aß zu Mittag, schrubbte die Kessel und erstürmte am Nachmittag mit einem Ast den Gipfel des gegenüberliegenden Hügels. Spätabends kam er zurück und bekam dann die schweinsledernen Tsarouchi-Schuhe kaum von den Füßen, aber er beschwerte sich nicht. Das hatte er von seinem Vater gelernt. Als er einmal nachmittags mit einem Lamm zu wenig zum Pferch zurückkam, schickte ihn sein Vater wieder raus, um danach zu suchen. Die ganze Nacht hindurch durchkämmte er zusammen mit Aris Berge und Täler nach der Amalitsa. Zwölf Jahre alt, hörte er den Ruf einer Eule und zitterte wie Espenlaub. Im Morgengrauen fand er sie schlafend an der Wurzel einer Tanne. Er rollte sich neben ihr zusammen, um sich etwas auszuruhen – und schlief sofort ein. Am späten Vormittag kehrte er zurück; das Gesicht seines Vaters erhellte sich, als er ihn sah.<br />
Als die Strafe abgegolten war, schob er wieder Wache im Schlafsaal; in dieser Nacht machte er kein Auge zu. Er ging im Lagerraum auf und ab und summte vor sich hin; wenn er müde wurde, trat er hinaus in die Kälte, um wieder wach zu werden. Als es im Saal still wurde, war erneut das Flüstern und Keuchen zu hören. Diesmal wusste er, dass er nicht träumte. Im hinteren Teil des Schlafsaals waren zwei Körper miteinander verschmolzen, lagen übereinander. Er ging näher ran, um besser sehen zu können. Das waren diese sonderbaren Kameraden, die ständig inzi, inzi sagten. Jetzt lagen sie in inniger Umarmung auf der Matratze, rieben sich aneinander und seufzten. Er kehrte um und ging. In der Reihe daneben hatte sich jemand aufgerichtet und schaute den beiden zu. Kyriakos ging zu ihm und machte ihm ein Zeichen, sich wieder hinzulegen. Der lächelte, seine Zähne blitzten in der Dunkelheit auf; dann ließ er sich wieder ins Stroh fallen, um weiterzuschlafen.<br />
Eigentlich müsste er sie melden, aber etwas hielt ihn davon ab. Manche Dinge hält man besser geheim, das wusste er aus seinem Dorf. Schuldbeladene Geheimnisse entstanden im dichten Wald, auf den steilen Bergrücken und in abgelegenen Schluchten; und dort gehörten sie auch hin, sie waren nicht für die Augen, Ohren oder Münder anderer bestimmt. Frühmorgens musste er sie wecken, sie durften nicht zusammen auf einer Matratze gesehen werden. Beim Mittagessen setzten sie sich neben ihn und vermieden es, über die Nacht zu sprechen. Sie unterhielten sich über die Ausbildung, die Kälte in den Unterkünften und über ihre Geheimsprache; dieses inzi, inzi, das sie untereinander sprachen, war eine kindische Marotte. Sie waren nicht einmal fünfzehn, sechzehn Jahre alt; vor jede Silbe setzten sie ein inzi, damit die anderen sie nicht verstehen konnten. Auch ihm gefiel das: inziDie inziSes inziEs inziSen inziWür inziDe inziNicht inziMal inziDein inziHund inziA inziRis inziFres inziSen. Einige drehten sich zu ihm um und schauten ihn neugierig an, seine beiden neuen Freunde gaben ihm durch ein Zeichen zu verstehen, er solle seine Stimme senken. Er aber machte genauso laut weiter und lachte – vor wem sollte er schon Angst haben?<br />
Kyriakos stand auf, um zu den Unterkünften zu gehen. Aris lief ihm fröhlich hinterher. Nach so vielen Tagen konnte er sich endlich zur Mittagszeit ausruhen. Am Nachmittag marschierten sie los. Von Vracha zur Kapelle der St. Anna, sieben Kilometer hin, sieben Kilometer zurück. Die Rekruten marschierten geordnet, die Verbindungsleute waren erfolgreich, die Anweisungen wurden weitergeleitet, die Offiziere wirkten zufrieden. Auf dem Rückweg stimmten sie ein Lied an.</p>
<hr />
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-11641" src="https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-5-PC.jpg" alt="" width="250" height="332" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-5-PC.jpg 337w, https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-5-PC-226x300.jpg 226w" sizes="auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px" /></p>
<p><strong>Der Autor </strong><br />
<strong>Panagiotis Chatzimoysiadis</strong> wurde 1970 in der Siedlung Dytiko der Präfektur Pella/Zetralmakedonien geboren, wo er auch heute noch lebt. Er arbeitet als Philologe in der Gymnasialstufe. Sein literarisches Werk umfasst drei Erzählsammlungen mit Kurzgeschichten, eine Novelle und vier Romane.<br />
Sein Roman „Exoda Nosileias“ (Hospitalisierungskosten) wurde 2011 mit dem Staatlichen Sonderpreis für Literatur für ein Werk mit sensiblem sozialem Thema ausgezeichnet. Seine Erzählsammlung „To chioni ton Agrafon“ (Der Schnee des Agrafa-Gebirges) erhielt 2022 den Romanpreis der renommierten Literaturzeitschrift „O anagnostis“ (Der Leser).</p>
<p>::: zu P. Chatzimoysiadis, Kritiken zu diesem Buch und Interviews <a href="https://kichli.com/book/to-chioni-ton-agrafon/">hier</a> (auf EL) // Seine Werke und zahlreiche Buchkritiken <a href="https://biblionet.gr/%CF%80%CF%81%CE%BF%CF%83%CF%89%CF%80%CE%BF/?personid=10001">hier</a> (auf EL) // Zu diesem Buch mit Zusammenfassung und 38 (!) ausführlichen Buchkritiken <a href="https://biblionet.gr/titleinfo/?titleid=262814&amp;return_url">hier</a> (auf EL) // Forschungsdokumentation mit Berichten von Überlebenden des Marsches siehe YouTube <a href="https://www.youtube.com/watch?v=0eVu7ZX_I7w">hier</a> (16m16s, auf EL)</p>
<p><strong>Die griechische Ausgabe</strong><br />
Panagiotis Chatzimoysiadis, To chioni ton Agrafon (Der Schnee des Agrafa-Gebirges)<br />
Kichli, Athen 2021<br />
Paperback, 160 Seiten<br />
ISBN: 978-618-5461-32-4 <a href="https://kichli.com/book/to-chioni-ton-agrafon/">hier</a></p>
<p>Eine deutsche Ausgabe gibt es bislang nicht.</p>
<hr />
<h5><strong>Der historische Kontext</strong></h5>
<p><strong>1_Der griechische Bürgerkrieg 1946-1949</strong></p>
<p><em>Prof. Dr. Nicole Immig, Justus-Liebig-Universität Gießen, Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte; aus: „Nikos Kavvadias | Felix Leopold“, Die drei Gedichtbände des griechischen Seemannsdichters, zweisprachige Edition,</em> <a href="https://kater-buch.de/nikos-kavvadias-felix-leopold">hier</a> // in diablog.eu <a href="https://diablog.eu/literatur/nikos-kavvadias-der-seemannsdichter/">hier</a></p>
<p>Als sich die deutschen Besatzer im Oktober 1944 aus Griechenland zurückzogen, hinterließen sie ein geplündertes, zerstörtes und verletztes Land. Mit dem Wegfall des gemeinsamen Widerstands gegen die deutschen Besatzer erhielten jedoch nun auch die politischen Gegensätze zwischen Kommunisten, Royalisten und konservativen Kräften, die bereits vor dem Krieg die Gesellschaft spalteten, neue Dynamiken. Diese stürzten das Land im Anschluss an die Verheerungen der deutschen Besatzung in einen Bürgerkrieg, der die politischen Fronten verhärtete und radikalisierte. Schätzungen zufolge forderte dieser Bürgerkrieg bis zu seinem Ende im Jahre 1949 mindestens weitere 85.000 Tote, darunter auch zahlreiche Opfer politischer Exekutionen. Nach der Kapitulation der kommunistischen Verbände landeten etwa 20.000 Menschen in Regierungsgefängnissen oder wurden auf Inseln verbannt. Etwa 80-100.000 gingen ins politische Exil in sozialistische oder kommunistische Staaten, darunter Russland, Polen, die Tschechoslowakei, aber auch die DDR.<br />
Viele Griechinnen und Griechen sind heute noch der Ansicht, dass dieser Bürgerkrieg weitaus gravierendere Folgen für Griechenland hatte als der 2. Weltkrieg. Denn hatte die deutsche Besatzung die Menschen auch körperlich und seelisch traumatisiert, so einte sie doch der gemeinsame Widerstand gegen die Besatzer. Der Bürgerkrieg jedoch spaltete die griechische Gesellschaft in zwei unversöhnliche ideologische Lager, die sich häufig quer durch Familien und Freundschaften zogen. Da die Deutschen während der Besatzungszeit vor allem aus royalistischen und national-konservativen Kreisen Kollaborateure rekrutiert und Linksliberale wie Demokraten sich meist dem kommunistischen Widerstand angeschlossen hatten, reduzierte sich in dem politisch-ideologisch aufgeladenen Konflikt zwischen „Rechten“ und „Linken“ bzw. Faschisten und Kommunisten die politische Debatte in den Folgejahren auf grob vereinfachte Feindbilder, auf simple Darstellung und historiographische Schwarz-Weiß-Malerei, durch die sich jedoch komplizierte ethnische, soziale und wirtschaftliche Gemengelagen kaum beschreiben lassen.<br />
Das Ende des Bürgerkriegs 1949 und die Wiedereinführung eines demokratischen parlamentarischen Systems in Griechenland führten nicht dazu, dass sich diese Feindbilder auflösten. Sie dienten den nun folgenden konservativen Regierungen vielmehr häufig dazu, eigene politische Interessen durchzusetzen, die sich nur schwer mit den Grundsätzen einer funktionierenden Demokratie deckten. Die 1950er und 1960er Jahre beinhalteten zwar für weite Teile eine Verbesserung und Modernisierung der Lebensumstände, häufig insbesondere durch den Zuzug in die großen Städte Athen und Thessaloniki und durch gesamtwirtschaftliche Investitionen im Rahmen des Marshall- Plans. Für viele hingegen bedeuteten diese Jahre weiterhin politische Verfolgung und Beobachtung durch einen strengen politischen Antikommunismus und ein starres Klientelsystem, das vor allem durch Misstrauen und Korruption geprägt war und von dem nur einige wenige profitierten.<br />
Viele junge Griechinnen und Griechen verließen in diesen Jahren aufgrund der weiterhin herrschenden Armut in weiten agrarisch geprägten Teilen des Landes, aber auch aus politischen Gründen erneut das Land in Richtung Australien, USA und Kanada. Insbesondere aus den ländlichen Gegenden Nord-Griechenlands gingen nach dem deutsch-griechischen Anwerbevertrag 1962 zahlreiche junge Menschen auch in die Arbeitsmigration in die Bundesrepublik Deutschland.<br />
Die angespannte wirtschaftliche Lage, anhaltende innenpolitische Spannungen, die umstrittene Rolle des griechischen Königshauses und der Monarchie, aber auch die internationale Lage mit dem schwelenden Zypernkonflikt seit den 1950er Jahren ließen das Land nicht zur Ruhe kommen. Ein gewaltsamer Putsch durch eine kleine Gruppe rechtsgerichteter Militärs in der Nacht auf den 21. April 1967 setzte dem Streben zahlreicher politischer Gruppierungen nach einer echten sozialen und demokratischen Grundordnung schließlich ein jähes Ende. Die Generäle, die durch eine gewaltsame und brutale Militärdiktatur versuchten, das Land zu regieren, hatten keine klare politische Ideologie oder Agenda. Ihnen fehlte zudem eine breite politische Basis in der Bevölkerung. Sie konnten sich aber auf einen effektiv agierenden Sicherheitsapparat stützen, der ihnen durch Terror, Einschüchterung, systematische Beobachtung, Verfolgung und Folter politischer Oppositioneller bis 1974 die Macht sicherte. Die Jahre der griechischen Militärjunta haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingeschrieben, und die Rückkehr zu demokratischen Strukturen vollzog sich nur langsam.</p>
<p>&nbsp;</p>
<figure id="attachment_11635" aria-describedby="caption-attachment-11635" style="width: 590px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11635 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-2-Zeitung.jpg" alt="" width="600" height="506" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-2-Zeitung.jpg 600w, https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-2-Zeitung-300x253.jpg 300w, https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-2-Zeitung-450x380.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/09/ch-2-Zeitung-500x422.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" /><figcaption id="caption-attachment-11635" class="wp-caption-text">Titelblatt vom 6. März 1948, das den Untergang der <em>„</em>Banditenkolonne“ bekanntgibt<br />© greekhistoryrepository</figcaption></figure>
<p><strong>2_Der Marsch der unbewaffneten Brigade</strong>, Februar-März 1948</p>
<p><em>Giorgos Margaritis, Istoria tou ellinikou emfyliou polemou 1946-1949 (Geschichte des griechischen Bürgerkriegs 1946-1949), Vibliorama, Athen 2001-2002, Band 1, Seiten 482-487,</em> <a href="https://www.greekhistoryrepository.gr/archive/item/9973">hier</a> (auf EL)</p>
<p>Der <em>Marsch der unbewaffneten Brigade</em> wurde von der kommunistischen Demokratischen Armee Griechenlands (DSE) im Februar 1948 durchgeführt. Ziel war, etwa 1.300 junge Rekruten in die von der DSE kontrollierten Gebiete des Gramos-Gebirges (das sogenannte Freie Griechenland) zu bringen. Dort sollten sie ausgebildet und bewaffnet werden, um die Reihen des DSE aufzufüllen. Die Rekruten stammten hauptsächlich aus den (Zwangs-)Anwerbungen im Dezember 1947 und Januar 1948. Sie wurden als „Brigade der Unbewaffneten Rumeliens“ bekannt, waren von einer bewaffneten Eskorte begleitet und standen unter dem Befehl des ehrgeizigen wie skrupellosen DSE-Generalmajors G. Gousias.<br />
Die Kolonne startete Mitte Februar 1948 und nahm eine andere Route als die bisherigen. Es ging vom Berg Othris über die thessalische Ebene, den Karla-See, die Berge Kissavos, Olymp und Pieria bis zum Gramos-Gebirge, wo die Kolonne am 25. März 1948 ankam. Die Brigade stand von Anfang an unter der Beobachtung der Regierungstruppen, die während des gesamten Marsches versuchten, sie aufzulösen. Sehr widrige Wetterbedingungen taten das ihrige. Ohne Verpflegung und nach zahlreichen Gefechten kamen nur etwas mehr als 300 Rekruten am Gramos an. Die Verluste an Toten, Verwundeten, Gefangengenommenen und Deserteuren machten drei Viertel ihrer anfänglichen Zahl aus.</p>
<p><em>Text Erzählung: Panagiotis Chatzimoysiadis. Übersetzung: A. Tsingas. Lektorat: A. Gravert. Auszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kichli. Buchvorstellung: A. Tsingas. Fotos: Verlag Kichli, booksjournal.gr, greekhistoryrepository. Beitragsbild: Dimitris Letsios.</em></p>
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		<title>Nikos Kavvadias, der Seemannsdichter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Aug 2023 17:21:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Historisches]]></category>
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					<description><![CDATA[Kavvadias (1910-1975) war Seefahrer und Dichter. Er selbst bekundete, dass er sich das eine ohne das andere nicht vorstellen könne. In seinen Werken hat er die maritime Natur der Griechen eingefangen. Nikos Kavvadias wurde 1910 ... <p class="read-more-container"><a title="Nikos Kavvadias, der Seemannsdichter" class="read-more button" href="https://diablog.eu/literatur/nikos-kavvadias-der-seemannsdichter/#more-11449" aria-label="Mehr Informationen über Nikos Kavvadias, der Seemannsdichter">Weiterlesen ...</a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung">Kavvadias (1910-1975) war Seefahrer und Dichter. Er selbst bekundete, dass er sich das eine ohne das andere nicht vorstellen könne. In seinen Werken hat er die maritime Natur der Griechen eingefangen.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-11465" src="https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-01-27-450x638.jpg" alt="" width="350" height="497" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-01-27-450x638.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-01-27-211x300.jpg 211w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-01-27-722x1024.jpg 722w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-01-27-768x1090.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-01-27-500x709.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-01-27.jpg 874w" sizes="auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px" />Nikos Kavvadias wurde 1910 in Harbin/China geboren und wuchs auf der griechischen Insel Kefalonia und in Piräus auf. Erst fünfzehnjährig kam er mit der griechischen und der französischen Literatur in Kontakt. Seine Bewunderung für Charles Baudelaire ist dann auch in seinem späterem Werk unverkennbar. (*)<br />
Mit 19 entschied er sich für den Eintritt in die Handelsmarine. Auf großen Frachtern und Postschiffen, die auch für den Passagierdienst eingesetzt wurden, war er ständig auf großer Fahrt. Bis 1939 arbeitete er sich vom einfachen Jungmatrosen zum Funkoffizier hoch.<br />
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war Kavvadias Soldat an der Albanien-Front. Während der deutschen Besatzung hielt er sich in Athen auf. Ab 1944 fuhr er wieder zur See und bereiste in den folgenden 30 Jahren als Funker viele große Häfen der Welt. Ein Ruhestand war ihm nicht vergönnt. Er starb an einem Schlaganfall kurz nach seiner letzten Reise im Februar 1975 – Ironie des Schicksals – an Land, in Athen. Freunden gegenüber hatte er manchmal geäußert, er hoffe, sein Tod würde ihn auf See treffen. Auf seinem Sterbebett soll er gesagt haben: „Was ich immer befürchtet habe, wird jetzt eintreffen.“ Er meinte damit den Tod an Land und die Bestattung in einem Erdgrab.</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td width="614">(*) <em>Kavvadias in Wikipedia</em> <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nikos_Kavvadias">hier</a></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-11467" src="https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-02-113-450x638.jpg" alt="" width="350" height="497" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-02-113-450x638.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-02-113-211x300.jpg 211w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-02-113-722x1024.jpg 722w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-02-113-768x1090.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-02-113-500x709.jpg 500w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-02-113.jpg 874w" sizes="auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px" />Kavvadias hinterließ Gedichte, die ihresgleichen suchen. An diese machte sich der Liederpoet Felix Leopold heran. Zu seinem Unterfangen meint er: „Als ich 2015 begann, mich intensiv mit dem Werk Kavvadias’ zu befassen, konnte ich zu Beginn gar nicht glauben, dass dieser bedeutende Dichter noch nicht ins Deutsche übersetzt worden war. Denn zweifelsohne gehört Nikos Kavvadias zu den wirklich bedeutenden Dichtern Griechenlands, die den Status des kulturellen Erbes erreicht haben. Als ich daraufhin in meinem Freundeskreis in Thessaloniki verkündete, ich wolle versuchen, Nikos Kavvadias’ gesammelte Gedichte ins Deutsche zu übersetzen, war die nahezu einhellige Meinung: &gt;Das schaffst du nicht. Kavvadias ist nicht übersetzbar.&lt; Auf meine Frage, warum das denn nicht machbar sei, wurde mir wiederum geantwortet: &gt;Weil selbst wir Griechen ihn nicht wirklich verstehen.&lt; Aufgrund der enormen Popularität, die dieser Dichter bis heute in der griechischen Bevölkerung genießt, erstaunte mich diese Antwort und machte mich hellhörig.“<br />
Kavvadias´ Wortschatz ist von der damals gängigen, vom Italienischen beeinflussten und für die meisten „Land-Griechen“ weitgehend oft unverständlichen Seemannssprache geprägt. Sein Leben bezeugt die Wahrhaftigkeit seines Schreibens und ist Beweis für seine Authentizität. Auch der Inhalt ist bemerkenswert: Kavvadias bewertet nicht, er erzählt. Der Sinn des Lebens bestand für ihn darin, es zu leben, wie es ist: Eine Reise, mit Ende – natürlich – aber ohne Ziel.<br />
Kavvadias gab drei Gedichtbände heraus, <em>Marabu</em> (1933), <em>Nebel</em> (1947) und <em>Traverso</em> (1975). (*) Er wandelte sich dabei von einem sich selbst suchenden, humorvollen Erzähler zu einem poetischen Alchimisten. Aus oft schon surreal anmutenden Mixturen aus Realität, Erinnerung, Menschen, Tieren, Orten und historischen Ereignissen formte er Bilder, denen man oft nur emotional folgen kann.</p>
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<tbody>
<tr>
<td width="614">(*) <em>Kavvadias hat wenig Prosa hinterlassen. Sein Roman „Die Wache“ (1954) wurde 2001 von Maria Zafón (vormals Petersen) ins Deutsche übersetzt, </em><a href="https://www.perlentaucher.de/buch/nikos-kavvadias/die-wache.html">hier</a>.<em> Maria Zafón in diablog.eu</em> <a href="https://diablog.eu/literatur/christos-zouraris-gastmahl-eines-gelehrten-ein-kulturphilosophisches-rezeptbuch/">hier</a></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-11469" src="https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-03-173.jpg" alt="" width="350" height="497" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-03-173.jpg 874w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-03-173-211x300.jpg 211w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-03-173-722x1024.jpg 722w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-03-173-768x1090.jpg 768w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-03-173-450x638.jpg 450w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-03-173-500x709.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px" />Kavvadias wurde Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre von Musikern entdeckt und seine Gedichte von ihnen in unterschiedlicher Ausdrucksformen auf Vinyl gepresst, seine Lyrik ist für die Vertonung gut geeignet. 1979 komponierte der Musiker  Thanos Mikroutsikos den Gedichtzyklus „Kreuz des Südens“, er wurde zum Meilenstein des griechischen Liederschaffens. Seitdem wurden mehr als die Hälfte seiner Gedichte zu Liedern, die in Griechenland populär sind und bis heute gesungen werden.<br />
<strong>: :</strong> Artikel zur griechischen Vertonung der Gedichte von Kavvadias (auf EL) <a href="https://www.vakxikon.gr/%CE%BF-%CE%BC%CE%B5%CE%BB%CE%BF%CF%80%CE%BF%CE%B9%CE%B7%CE%BC%CE%AD%CE%BD%CE%BF%CF%82-%CE%BD%CE%AF%CE%BA%CE%BF%CF%82-%CE%BA%CE%B1%CE%B2%CE%B2%CE%B1%CE%B4%CE%AF%CE%B1%CF%82-%CE%BA%CF%81%CE%B9%CF%84/">hier</a></p>
<p>Offensichtlich haben Felix Leopold die Zweifel seiner Umgebung angespornt, denn er hat das vermeintlich Unmögliche tatsächlich möglich gemacht. Er ist nicht als Lyrikübersetzer an die Aufgabe herangegangen, sondern als Liedermacher und dadurch singbare Texte geschaffen, die näher an den Geist von Kavvadias herankommen als viele „philologische“ Übersetzungen. Zudem hat er gründlich recherchiert und die Übertragungen mit Erläuterungen zu geografischen und historischen Gegebenheiten versehen. Die Ausgabe enthält auch Gedichte außerhalb der Gedichtbände, auch diese sind durchgehend zweisprachig abgedruckt.</p>
<p><strong>Auszug</strong><br />
EIN SCHWARZER HEIZER AUS DSCHIBUTI  (*)<br />
<em>Für I. Pikramenos</em></p>
<p>Der Willy, unser schwarzer Heizer aus Dschibuti,<br />
kam immer nach seinen nächtlichen Schichten<br />
lauthals lachend zu mir in die Kajüte und erzählte<br />
mir dann stundenlang seltsame Geschichten.</p>
<p>Er erzählte mir, wie sie in Algerien das Haschisch rauchen<br />
und wie sie in Aden tanzend weißen Staub inhalieren,<br />
und wie sie dort, wenn der Rausch sie mit Träumen umringt,<br />
laut schreien und mit sich selber diskutieren.</p>
<p>Auch erzählte er, wie er eines Nachts nach dem Rauchen<br />
hoch zu Ross und verfolgt von geflügelten Meerjungfrauen<br />
über den Rücken des Meeres galoppiert sei.<br />
„Wenn wir mal nach Aden kommen“, rief er, „wirst du dich das auch<br />
mal trauen!“</p>
<p>Süßigkeiten schenkte ich ihm und Rasierklingen<br />
und sagte, dass der Mensch doch am Haschisch verrecke,<br />
da hörte er nicht mehr auf, unglaublich zu lachen<br />
und hob mich mit nur einer Hand hoch bis unter die Decke.</p>
<p>In seinem riesigen Körper hatte er ein so unschuldiges Herz.<br />
Eines Nachts in Marseille, in der Bar „Regina“,<br />
bekam er, um mich vor einem Spanier zu beschützen,<br />
auf seinen Kopf eine leere bottiglia.</p>
<p>Eines Tages ließen wir ihn dann irgendwo in Fernost<br />
ausgedörrt verglühen und vergehen am Fieber.<br />
Lieber Gott der Schwarzen, dem guten Willy sei verziehen<br />
und schick ihm, wo er auch sei, ein wenig weißen Staub hernieder.</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td width="614">(*) <em>Eins der Lieblingsgedichte meiner Mutter Athena Tsingas (Jg. 1930). </em><br />
<em>Wenn</em><em> sie</em><em> es</em><em> auswendig rezitierte</em><em>, flossen</em><em> Tr</em><em>änen</em><em>.</em></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<figure id="attachment_11471" aria-describedby="caption-attachment-11471" style="width: 231px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11471 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-05-signature.png" alt="" width="241" height="111" /><figcaption id="caption-attachment-11471" class="wp-caption-text">Kavvadias´ Unterschrift</figcaption></figure>
<p><strong>Das Taschenbuch</strong><br />
ist keine bibliophile Ausgabe, sein Inhalt jedoch vorbildlich: Am Anfang stehen ein Vorwort von Leopold und ein ausführlicher Bericht zu Kavvadias´ Lebensweg. Am Ende, nach den drei Gedichtbänden, werden die Beteiligten vorgestellt: der Übersetzer Felix Leopold, die Lektorin Sophia Georgallidis und die Historikerin Nicole Immig. Diese setzt Kavvadias´ Werk in den historischen Kontext. Ihr Text ist fließend und unaufgeregt, man bekommt ein sehr anschauliches Bild der Zeit vor, während und nach Kavvadias´ Wirken. So etwas wünscht man vielen griechischen Büchern, damit die deutschsprachige Leserschaft mit den Ereignissen der neugriechischen Geschichte nicht alleine gelassen wird.<br />
Die griechische Bibliographie rundet den Band ab. Er hat das Zeug, ein Standardwerk zu Kavvadias zu werden. Die Veröffentlichung wurde vom griechischen Ministerium für Kultur und Sport und der Griechischen Kulturstiftung im Rahmen des GreekLit-Programms unterstützt. Der Kater Literaturverlag hat zwar in seinem Programm mehrere zweisprachige Werke und eine „Griechische Reihe“, <a href="https://kater-buch.de/griechische-reihe">hier</a>. Trotzdem ist er mit diesem Lyrikband ein Wagnis eingegangen, das hoffentlich mit guten Verkaufszahlen belohnt wird!</p>
<p><strong>Der Übersetzer</strong></p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter wp-image-11493 size-full" src="https://medien.diablog.eu/2023/08/FL-lang.png" alt="" width="1024" height="288" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/08/FL-lang.png 1024w, https://medien.diablog.eu/2023/08/FL-lang-300x84.png 300w, https://medien.diablog.eu/2023/08/FL-lang-768x216.png 768w, https://medien.diablog.eu/2023/08/FL-lang-450x127.png 450w, https://medien.diablog.eu/2023/08/FL-lang-500x141.png 500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><br />
Der Liederpoet <strong>Felix Leopold</strong>, geboren in Berlin und aufgewachsen in Stuttgart, lebt seit 2000 mit seiner Frau Anastasia, einer Blues-Sängerin, in Thessaloniki. Kennengelernt haben sie sich Mitte der 80er Jahre in Stuttgart, wo Leopold seinen Zivildienst ableistete. Kurz darauf kam er als Student nach Thessaloniki und mit der Musik der griechischen Liedermacher in Kontakt. Er lernte Griechisch, auch, um diese Texte zu verstehen. Anfang der 90er Jahre entwickelte er ein griechisches Liederprogramm mit Rembetiko und Blues und wagte sich zum ersten Mal an die Übersetzung von Texten des Seefahrers und Dichters Nikos Kavvadias.<br />
Felix Leopold <a href="http://www.felix-leopold.com/">hier</a><br />
auf diablog.eu <a href="https://diablog.eu/?s=felix+leopold">hier</a></p>
<p><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-11475" src="https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-07-cover.jpg" alt="" width="200" height="283" srcset="https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-07-cover.jpg 350w, https://medien.diablog.eu/2023/08/nk-07-cover-212x300.jpg 212w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" />Die deutsche Ausgabe</strong><br />
Nikos Kavvadias | Felix Leopold<br />
<em>Die drei Gedichtbände des griechischen Seemannsdichters Nikos Kavvadias</em><br />
Zweisprachige Edition deutsch-griechisch, <a href="https://kater-buch.de/nikos-kavvadias-felix-leopold">hier</a><br />
Taschenbuch, 276 Seiten, 14,8 x 21 cm<br />
ISBN 978-3-944514-51-2<br />
Kater Literaturverlag, Viersen 07/2023, D 24 Euro</p>
<p class="textinfo"><em>Lyrik: Nikos Kavvadias, Felix Leopold, mit freundlicher Genehmigung des Kater Literaturverlags. Text: Felix Leopold, Kater Literaturverlag, A. Tsingas. Redaktion und Präsentation: A. Tsingas. Abbildungen: Kater Literaturverlag. </em></p>
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