Träumen in Athen

Ein schöner Ort von Hans W. Korfmann

Nicht jeder fühlt sich hier gleich so heimisch wie einst die russische Großfürstin Jelena. Diejenigen, die mit ihrer Reisegruppe auf der Rundfahrt zu den antiken Sehenswürdigkeiten Attikas für ein oder zwei Nächte im legendären „Grande Bretagne“ Station machen, stehen mit ihren kurzärmligen Hemden oft etwas verloren in der geräumigen Lobby. Sie betrachten die dorischen Säulen auf ihren Marmorsockeln, die eine himmelhohe, strahlend weiße Decke tragen, sie werfen verstohlene Blicke auf die riesigen Gemälde in ihren barocken Rahmen und wissen nicht so recht, ob sie im Museum sind und ob sie sich wirklich auf den großen Diwan mit den bestickten Kissen setzen dürfen. Kaum trauen sie sich, über die wertvollen Orientteppiche zu gehen, die hier und da auf dem glänzenden Marmormosaik liegen.

Wenn die Gruppe dann leisen Schrittes und flüsternd durch den hellen Wintergarten mit seinem kolorierten Glasdachläuft, vorbei an überdimensionalen Blumenbuketts, fragen sie sich, ob das alles wirklich für sie ist. Und wenn sie staunend vor dem Atrium mit den Cafétischen stehen und die vier schlanken Palmen betrachten, die sich an den vielen Fensterreihen des Hotels vorbei gen Himmel strecken, dann fragen sie sich, ob das alles überhaupt echt ist. Oder ob sie nur träumen. In ihren Zimmern glänzt der Marmor am Boden. Sie ziehen den Brokat vom Bett und tasten nach dem Bettlaken, das sich kühl und seidig anfühlt. Sie schieben die schweren Vorhänge beiseite, öffnen die großen Fensterflügel, und dann dringt plötzlich und gewaltig der Lärm und die Hitze der Stadt in das kühle Zimmer. Das Hotel Grand Bretagne ist kein Traum. Es steht mitten in der griechischen Hauptstadt Athen.

Dennoch wird im „Great Britain Hotel“, wie es einst in riesigen Lettern unter dem hohen Dachfirst stand, vornehmlich Englisch gesprochen. Alle der 450 Angestellten des Grandhotels mit seinen 320 Zimmern sprechen ausgezeichnetes Englisch. Kein Wunder, einst war das Hotel die wichtigste Adresse englischer Kolonialherren im europäischen Süden, die meisten Gäste des Hotels waren Geschäftsleute. Anfang der sechziger Jahre mischten sich die ersten Urlaubsreisenden unter die Gäste, die Stadt unter der Akropolis tauchte in den Reisekatalogen auf. Wenig später schon flogen die meisten Urlauber über Athen hinweg. Erst seit den Olympischen Spielen 2004 haben sie die Stadt wiederentdeckt. „Sie bleiben einige Tage, bevor sie zu den Inseln weiterreisen“, heißt es im Hotel.

Am Abend steht die Reisegruppe in der „Bar Alexander’s“ vor dem gewaltigen, 300 Jahre alten Wandteppich. Der farbenprächtige Gobelin zeigt den berühmten Griechen hoch zu Ross, umgeben von seinem Fußvolk. Ein bisschen wie das Fußvolk fühlt sich die Gruppe jetzt auch unter diesen zigarrenrauchenden und whiskyschwenkenden Herren in ihren dunklen Jacketts, die sich abends im „Alexander’s“ treffen. Männer wie Henry Miller und Graham Greene haben ihren Whisky hier getrunken.

Als man Heinrich Böll das wichtige Telegramm aus Schweden überreichte, saß der eben gewählte Nobelpreisträger auf der Galerie des hoteleigenen, holzgetäfelten Restaurants an der Ecke. Das beinah marmorlose, schlichte Etablissement war in den zwanziger Jahren ein beliebter Treffpunkt für Intellektuelle und Journalisten aus aller Welt gewesen. Auch später trafen sie sich hier, während schöne Frauen wie Sophia Loren oder Ingrid Bergmann auf dem Diwan neben der Bar elegant die Beine übereinanderschlugen, „die Callas“ den Marmor mit ihren Tränen benetzte und Liz Taylor eine filmreife Szene vor der Kulisse des berühmten Hotels inszenierte.

„Kürzlich war Roger Moore hier, in der Royal Suite, 400 Quadratmeter, Butler, eigene Küche, eigene Sauna, eigenes Fitnessstudio, Gästezimmer…“, flüstert ein Herr der Gruppe dem Nachbarn zu. Der Barkeeper schaut knapp an ihm vorbei in die Ferne. Er erweckt den Eindruck, als würde er alles, was er hört, sofort wieder vergessen. Absolute Diskretion und Verschwiegenheit gehören auch zum Luxus. „Das hier ist eben noch ein echtes Grandhotel“, flüstert ein Gast und lässt den Blick schweifen über die Kunstschätze, die bei Sotheby’s oder Christie’s enorme Summe bringen würden.

Fast hundert Millionen Dollar investierte die Starwood-Gruppe in die Renovierung des „Grande Bretagne“. Das Besondere am Grande Bretagne aber bleibt doch seine exklusive Lage und seine Geschichten. Vor über 130 Jahren wurde das Hotel eröffnet. Es existierte schon, als unter der Akropolis noch kleine Bauernhäuser standen und sich der königliche Palast nahezu allein auf einem schmucklosen Platz befand. Heute heißt dieser Platz „Syntagma“, heute schlägt hier das Herz der Stadt. Von ihren Balkonen aus blicken die Hotelgäste hinüber zum Parlament, das nur einen Speerwurf entfernt ist. Das Grande Bretagne ist das „Gästehaus der Regierung“, einige Tage lang war es sogar ihr Sitz: Nach dem Fall der Junta regierte der aus dem Exil heimkehrende Konstantinos Karamanlis das Land vom fünften Stock des Hotels aus.

Die von den Revolutionären verfolgte Großfürstin Jelena von Russland dagegen hatte ihre Heimat gerade verlassen müssen und war noch auf dem Weg ins Exil, als sie sich im Grande Bretagne einquartierte. Es sollte nur ein kurzer Aufenthalt werden, doch sie fand im luxuriösen Ambiente eine zweite Heimat und blieb bis ans Ende ihrer Tage. Eine Anekdote, die um die Welt ging, aber nur eine von vielen, die das Grande Bretagne zur Legende machen.

Grande Bretagne, Plateia Syntagmatos, 10563 Athen, Griechenland, Telefon: 0030/ 210/ 3330000. Ein Doppelzimmer kostet rund 260 Euro. Tagesspiegel 2007, © Hans W. Korfmann. Fotos: Martin Scharnhorst.

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Ein Gedanke zu “Träumen in Athen

  1. Interessante Episode. Hab im letzten Jahr dort gewohnt mit Blick aufs Parlament und die fast taeglichen Demonstrationen, hautnah vom Balkon miterlebt.

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