Südkreta, Teil 2: Die Schlucht von Kavoussi

Ein Ausflug mit Lior Levi, Cretan Outdoor Adventures

diablog.eu hat Lior Levi, den Sohn von Susi Neef, gebeten, seine Leserinnen und Leser auf einen Ausflug in die Kavoussi-Schlucht mitzunehmen. Unbedingt muss erwähnt werden, dass das Catering von Liors Ausflügen stets von „Muddi“ übernommen wird. Also ist eine Kombination von Abenteuer und Genuss garantiert! Besonders spannend war es, im Mai 2015 nach einem äußerst regnerischen und kalten Winter zum ersten Mal wieder die Schlucht von Kavoussi zu besuchen…

„Unglaublich!“ Wasser! Bis hier herunter! Und das Mitte April! In sechs Jahren habe ich das noch nicht erlebt; und ich habe es nicht für möglich gehalten, dass ich es je erleben würde. Vor sechs Jahren habe ich mich mit „Cretan-Outdoor-Adventures“, einem Ein-Mann-Unternehmen für Outdoor-Aktivitäten, selbständig gemacht. Seitdem arbeite und lebe ich an der Südküste Kretas, in Dytikos. Jedoch nur saisonal, also von April bis November, solange es eben Touristen auf der Insel gibt. In dieser Zeit helfe ich in der Taverne meiner Mutter etwas mit aus. Sobald sich aber genügend Abenteurer zusammenfinden, die diese wunderschöne Insel aktiv erkunden und erleben wollen, verlasse ich das „Café Relax“, unsere Taverne, und ziehe los: zum Klettern, Wandern, Bergsteigen oder Canyoning.

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Lior Levi, ©Lior Levi

Canyoning ist das Begehen einer Schlucht von „oben nach unten“. Auf Kreta gibt es an die 250 Schluchten. Die berühmteste ist die Samaria-Schlucht, sie ist die längste Europas. Für viele Kretabesucher ist sie ein „Muss“. Da sie von jedermann problemlos durchwandert werden kann, wundert es nicht, dass in der Hochsaison bis zu 2000 Menschen in der Samaria-Schlucht unterwegs sind. Aber das ist kein „echtes“ Canyoning. Beim Canyoning ziehen wir durch die wilden, unwegsamen Schluchten, durch jene engen Erdspalten, die dem „normalen“ Wanderer und Bergsteiger verwehrt sind. Man benötigt für diese unzugänglichen Schluchten so einiges an Bergsportmaterial, Seilen und Spezialwissen. Man seilt sich ab, es wird geklettert, gesprungen, gerutscht und geschwommen. In diesen Schluchten – auf Kreta gibt es fast 40 davon – sind selten mehr als 200 Bergsteiger unterwegs – pro Jahr!

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Tour durch die Schlucht von Kavoussi, ©Lior Levi

Eine dieser wilden Schluchten heisst KAVOUSSI. Sie befindet sich an der Südküste Kretas, nördlich des kleinen Fischerdorfes Keratokampos. Diese Klamm ist wie geschaffen für das Canyoning. Der Fels, die Farben, die senkrechten Wände, der Verlauf, die gesamte Ästhetik. Es ist, als hätte sie eine höhere Macht nach den Anforderungen und Wünschen der Bergsteiger modelliert. Dem Einsteiger in diese Sportart bietet sie hervorragende Sicherungs- und Trainingsmöglichkeiten. Beiden, dem Einsteiger sowie dem Kenner, ist sie ein Schmuckstück der Natur. Ich bin schon so einige Male durch diese Schlucht gewandert. Nach wie vor fasziniert und beeindruckt sie mich. Sie zieht mich in ihren Bann und lässt mich ehrfürchtig staunen vor der Schönheit und Erhabenheit der Natur, der Urgewalt des Wassers. In Jahrmillionen hat sich der Fluss durch das harte Gestein gefräst und eine Schneise durch den Fels gegraben.

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Der Fluss, der sich durch die engen Felswände der Kavoussi-Schlucht schlängelt, führt im Winter Wasser. So viel, dass es geradezu lebensgefährlich wäre, in die Schlucht einzusteigen. Sobald aber die Niederschläge ausbleiben, der Schnee auf den Bergkuppen abnimmt und das Schmelzwasser weniger wird, zieht sich der Fluss immer weiter zurück ins Landesinnere. Im März ist der Fluss, der zuvor gewaltige Wassermassen geführt hat, nur noch ein Rinnsal. Und im April findet man für gewöhnlich nur noch Pfützen und Wasserbecken vor. Doch auch die verdunsten sehr bald. Im Sommer ist das Flussbett völlig ausgetrocknet; die Erde ist spröde und voller Risse. Nur die horizontalen Linien und farblichen Veränderungen an den Felswänden erinnern daran, dass dort, wo man sich gerade befindet, Wasser gewesen ist; manchmal bis zu vier Meter tief!

Noch am Parkplatz, dem Ausgangspunkt unserer Tour, erfolgt eine kurze Einweisung in das Material, die Abseil- und Sicherungstechnik. Dann machen wir uns auf den Weg, in kurzer Hose und T-Shirt und in Turnschuhen. Es ist warm und die Schlucht ist ausgetrocknet. Nach nur 25 Minuten sind wir an der ersten Abseilstelle angelangt. Bis dahin ist es eine gemütliche Wanderung, bei der der Kreislauf in Schwung kommt. Wir folgen dem Bachlauf. Das Tal ist zunächst weit, verengt sich aber zunehmend, bis sich die Felswände nur noch wenige Meter gegenüberstehen. Unsere erste Abseilstelle ist nun erreicht. Mit lediglich neun Metern ist sie nicht zu hoch, nicht zu komplex. Ideal, um das kurz zuvor Erlernte in die Praxis umzusetzen – natürlich unter zusätzlicher Sicherung. Es sind zwar nur wenige Meter, die man sich hier abseilen muss, aber die Nervosität und Anspannung der Teilnehmer ist spürbar. Der Kopf arbeitet. Das sieht man allen an.

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Tour durch die Schlucht von Kavoussi, ©Lior Levi

Das erste Abseilen kostet immer „etwas“ Überwindung. Sich an den Abgrund zu begeben, sich zurückzulehnen, sich auf das Seil zu verlassen, das ist nicht selbstverständlich, wenn man so einige Meter Luft unter sich hat. Jetzt braucht man Vertrauen in sich selbst, den Guide, das Material. Einer nach dem anderen seilt sich ab. Unten angekommen wird auf die anderen Gefährten gewartet und ein erster Blick auf die nächste Abseilstelle geworfen. Die ist nur fünf Meter entfernt und schon etwas steiler. 25 Meter geht es hinunter! Doch ehe wir weitergehen, frage ich noch einmal in die Runde, ob ein jeder die Tour auch wirklich fortsetzen möchte. Ist das Seil einmal abgezogen, gibt es kein Zurück. Die Wände sind schlichtweg zu hoch, zu steil und zu glatt. Aus ihnen können wir nicht mehr herausklettern. Man schaut sich kurz an. Dann ist alles klar. Verrückt wäre es, jetzt nicht weitergehen zu wollen. Es kribbelt im Bauch? Soll es doch! Deswegen sind wir doch hier. Unter anderem.

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Tour durch die Schlucht von Kavoussi, ©Lior Levi

Es werden noch sieben weitere Abseilstellen folgen. Jede von ihnen ist ganz unterschiedlich. Die höheren Abseilstellen stellen für die meisten eine mentale Herausforderung dar. Nicht selten sind aber die kürzeren technisch schwieriger und anspruchsvoller. In der Regel seilt man sich alleine ab; an einer Abseilstelle können aber auch zwei gleichzeitig gehen. Ein anderes Mal muss ein Wasserbecken mithilfe einer Seilrutsche überwunden werden. Die letzte Abseilstelle misst fast zwanzig Meter und ist von außergewöhnlicher Schönheit. Sie ähnelt einer riesigen, trockenen Lehmzunge. Wenn die Sonne passend steht, hat man den Eindruck, sich in ein tiefes, endloses Loch abzuseilen. Von unten betrachtet sieht es wie das Innere eines Schneckenhauses aus. Bis zum Schluss bleibt es spannend und abwechslungsreich. Nach dem letzten Abseilen sind es weitere zwanzig Minuten bis zum Parkplatz, dem Ausgangspunkt unserer Tour.

Und nun führt der Fluss tatsächlich noch Wasser. Bis hinunter zu eben jenem Ort, an dem ich immer das Auto stehen lasse. Ich kann es nicht fassen. Meine Freundin und ich sehen uns ungläubig an. Kann das wirklich sein? Wenn es hier unten noch Wasser gibt, wie viel mehr Wasser muss dann weiter oberhalb fließen? Was erwartet uns in der Schlucht? Eigentlich wollten wir nur mal nachsehen und den Zustand der Bohrhaken überprüfen. Und jetzt das! Wir sind gespannt und aufgeregt. Voller Vorfreude auf das Ungewisse schlüpfen wir in die Neoprenanzüge und eilen der ersten Abseilstelle entgegen. Ein herrlicher Wasserfall stürzt sich in die Tiefe. Die Menge ist noch immer beeindruckend, aber bei weitem nicht bedrohlich.

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Purer Genuss! Wir waten und schwimmen durch das Wasserbecken. An einer Stelle spaltet ein eingeklemmter Felsblock den Fluss, und zwei Wasserstrahle strömen in das tieferliegende Becken. Wassernebel, feine Tropfen, der Fels glänzt orange-rot, blau und grau. An anderer Stelle schießt das Wasser in einem weiten Bogen über eine Kante, die im rechten Winkel abfällt, und bildet einen Vorhang, hinter dem wir stehen können. Über die Lehmzunge, die ich nur trocken kenne, die ich mir nie mit Wasser gefüllt vorstellen konnte, ergießt sich ein Wasserfall. Ich begebe mich diesmal nicht auf die Zunge, sondern lege mich in die Wasserrinne. Getragen von einem Wasserfilm – das Wasser schießt an mir vorbei und über mich hinweg – werde ich nach unten gespült. Unten angekommen umarme ich meine Freundin. Wir sind beide so voller Glück, so begeistert, fasziniert. Von dieser Schlucht und von dieser Insel.

Fotos: Lior Levi. www.cretan-outdoor-adventures.com

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2 Gedanken zu “Südkreta, Teil 2: Die Schlucht von Kavoussi

  1. איזה טיול מדליק עם הבן שלי. אני גאה להיות האמא שלו , ומאחלת לו הצלחה בחיים ובעבודה.

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