„Chronik einer Stadt“

Durch die Altstadt von Rethymno mit Michaela Prinzinger

Kreta ist nicht nur Sonne, Strand und Raki. Rethymno ist eine kleine Perle, die es zu entdecken gilt. Lassen Sie sich an die Hand nehmen und durch die Altstadt führen, vorbei an den Zeugen der jahrhundertealten Geschichte, durch die Gässchen und zu den kleinen Geschäften und Tavernen. Ein ganz besonderer Begleiter wird Ihnen dabei der griechische Schriftsteller Pandelis Prevelakis sein, der in seinem Buch „Chronik einer Stadt„ ein wunderbares, lebendiges Bild seiner Heimat entworfen hat. Mehr zur Autorin des Artikels erfahren Sie im diablog-Personenlexikon „Who is who„.

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©Yorgos Konstantinou

Steckbrief Rethymnon

Rethymnon zählt 30.000 Einwohner und ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz auf der größten griechischen Insel Kreta. Die Stadt besticht durch ihre malerische Altstadt mit engen Gassen und Stadtpalästen aus der venezianischen und Holzerkern aus der osmanischen Besatzungszeit sowie die riesige, von den Venezianern erbaute Festung, genannt Fortezza. Rethymnon gilt seit Jahrhunderten als das geistige Zentrum der Insel und hat zahlreiche Schriftsteller hervorgebracht. Heute ist Rethymnon Sitz der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kreta.

Anreise: Rethymnon hat keinen eigenen Flughafen. Die Anreise erfolgt am einfachsten über Herakleion, was in der Saison von zahlreichen europäischen Flughäfen angeflogen wird oder ganzjährig via Athen. Vom Flughafen Nikos Kazantzakis in Herakleion nimmt man den Bus ins Zentrum und steigt dort in den bequemen Überlandbus am KTEL-Bahnhof, der im Stundentakt nach Rethymnon fährt (ca. 7 Euro). Vom Flughafen Chania bestehen nur sehr unregelmäßige Busverbindungen (Taxi vom Flughafen Chania zum KTEL-Bahnhof in Chania ca. 20 Euro). Die Anreise mit dem Schiff via Athen erfolgt ebenfalls über die Häfen Herakleion oder Chania.

»Rethymno ist eine kleine Stadt von sieben- bis achttau­send Seelen, erbaut am Ufer des Meeres, an der Nordküste von Kreta, auf halbem Wege zwischen Chania und Mega­lokastro. Es heißt, sie habe in vergangenen Zeiten in der Welt einen Namen gehabt durch ihren Handel, sich hervor­getan in der Kunst der Seefahrt und sogar einige gute Dich­ter und Maler hervorgebracht, die immer von Nöten sind, um den Ruf eines Ortes unzerstörbar zu bewahren, wenn seine Märkte verstummen und seine Schiffswerften verfal­len und seine besten Söhne auf- und davonfliegen.«

Chronik_einer_StadtSo beschrieb der wohl berühmteste moderne Dichter Rethymnons, Pandelis Prevelakis (1909-1986), in seinem Werk „Die Chronik einer Stadt„ seine Heimat. Von Prevelakis‚ Zeiten bis in die siebziger Jahre entsprach dieses Bild des Verfalls der Realität. Bis Mitte der sechziger Jahre war das Stadtbild stark durch Industrieanlagen wie Seifenfabri­ken, Raffinerien, Gerbereien, Olivenpressen, Johannisbrot­mühlen und Schnapsbrennereien geprägt, seither hat sich das Gewicht in Richtung Handel und Tourismus verscho­ben. Früher der ärmste der vier kretischen Verwaltungsbe­zirke, bildet Rethymno heute ein touristisches und – durch die geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Kreta – auch kulturell-geistiges Zentrum. Die malerische Altstadt hat sich in ein wahres Schatzkäst­chen mit geschmackvollen Lokalitäten verwandelt.

Was auf den ersten Blick ins Auge fällt, ist der größte zusammenhängende Sandstrand Kretas, der sich über eine Länge von zwölf Kilometern östlich der Stadt hinzieht, während die Küste westlich der Stadt schroff und felsig ist. Entlang des Sandstrandes finden Sie Herbergen und Re­staurants für jeden Geschmack und für jeden Geldbeutel. Die gesamte Stadtanlage steht auf einem sehr weichen Fun­dament aus Meeresablagerungen wie Sand, Lehm und Sand­stein. Was für den Hafen der Stadt ein ständiges Problem bildete – die immer wieder notwendige Vertiefung der Fahr­rinne, da das Hafenbecken zur Versandung neigt – erwies sich für die Stadt als segensreich: Die Schäden, welche die verheerenden Erdbeben von 1508 und 1856 in anderen Städ­ten anrichteten, sind Rethymno erspart geblieben. Trotz­dem ging man zum Bau der charakteristischen Holzerker über, die als erdbebensicherer als andere Vorbauten gal­ten.

Diesen Anschwemmungs- und Versandungsprozeß kann man deutlich am halbmondförmig geschwungenen Verlauf der Odos Arkadiou verfolgen, die ursprünglich Sand-Stra­ße hieß, da sie den Strand entlangführte. Heute liegt sie im Landesinneren und an ihre Stelle ist der Hafenboule­vard Eleftheriou Venizelou getreten. Von den einstigen Be­festigungsanlagen der Stadt sind das Große Stadttor, die Porta Guora, und die Stadtfeste, die Fortezza, erhalten. Das Bild des modernen Rethymno ist demnach weniger stark durch Stadtmauern und Stadtgraben geprägt als etwa Ira­klio oder Chania.

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©Maximilian Sulpicius Stadler

»Viele von den Einheimischen, aber auch von den Besu­chern, lieben es, oben in der Fortezza umherzuschlendern und hinunterzuschauen aufs Meer, auf die Stadt und ihre Gärten. Eine Art Sorglosigkeit überkommt jeden hier oben, die Frische kühlt ihm die Augen, und er empfindet Stolz bei den Erinnerungen, die da in ihm wach werden. Denn jede einzelne von den Schießscharten, den Pechnasen und den Zinnen gemahnt ihn an einen Vorfall aus den vergan­genen Kriegen, stets ruhmreich für die Männer der Stadt und demütigend für die raubgierigen Fremden. Und eben­so wie die Großtaten der vergangenen Geschlechter wird ihn der Rundblick über die Stadt bewegen, mit ihren wohl­bestellten Häusern und den schön geschwungenen Stra­ßen, den Kirchen, den Moscheen und den anderen ein­drucksvollen Bauten und ringsherum den Gärten und den Friedhöfen, die nicht weniger grün sind als die Gärten.«

Die Russen, die zwischen 1898 und 1909 in Rethymno stationiert waren, hatten innerhalb des Kastells einen Park angelegt, der jedoch bald wieder verdorrt war. Nichtsdestotrotz wurde er bei besonderen Gelegenheiten von den Rethymnioten für einen Spaziergang genutzt: »Nur wenn ein großer Triestiner Dampfer kam und dort unterhalb des Parks vor Anker ging und die sonntäglichen Volksmassen heraufkamen, um im Park spazierenzugehen, lebte er für einen Nachmittag wieder auf, und seine verkümmerten klei­nen Seekiefern schüttelten ihre Äste wie Gluckhennen, um den Staub abzuwerfen und sich ansehnlich zu machen.«

Bei Unwetter verschwand der Park auf dem Hügel von Paleokastro im Nebel und die Festung wirkte wie ein riesi­ger, im Meer stehender Fels, gleißend wie ein Stück Erz, frisch gewaschen von den Regengüssen. Und die Rethym­nioten stiegen auf zum Park der Fortezza, um ihre Stadt zu bewundern.

Die Festung wurde in einer Zeit gebaut (1573-1588), als man aufgrund des Einsatzes von Schießpulver von den hohen, schlanken Türmen des Mittelalters überging zu Ba­stionen, d. h. niedrigeren, polygonalen Mauerausbuchtun­gen mit größerer Grundfläche, worauf die Geschütze sta­tioniert wurden. An ihrer dicksten Stelle ist der Wall der Fortezza 1,74 Meter breit. Das Kastell von Rethymno weist vier Halbbastionen auf, drei an der Südseite und eine im Osten.

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Im Osten, Norden und Westen paßt sich der Ver­lauf der Festung der Bodenformation an und bildet dort drei bastionsähnliche Spitzen. An der Südseite lagen die Kasernen, das Kanonenlager und die Heeresverwaltung; das Pulvermagazin lag an der geschützten Nordseite, und im Zentrum des großen Festungshofes befanden sich die Bischofskirche und die Wohnung des Festungskommandan­ten.

Setzt man den Rundgang durch die Fortezza Richtung Süden fort, erreicht man das Westtor und die Pferdeställe. Auf dem Rückweg zum Haupteingang kommt man am Erofili-Theater auf der Ajios-Ilias-Bastion vorbei, einer Frei­luftbühne, wo im Sommer zahlreiche Veranstaltungen statt­finden. Das seit 1987 jährlich stattfindende Renaissance­festival ist das kulturelle Highlight.

Gleich gegenüber dem Osttor liegt ein fünfeckiger Fe­stungsbau, der unter den Osmanen errichtet wurde und der Sicherung des Zentraltors dienen sollte. Bis in die sechzi­ger Jahre war darin das Gefängnis von Rethymno unter­gebracht, seit 1991 wird das Gebäude nach einem gelun­genen Umbau als Archäologisches Museum genutzt.

Doch auch die Fortezza konnte den Angriffen der Osma­nen nicht standhalten. 1646 stand Hüseyin Pascha vor den Toren der Stadt und nach nur zweiundzwanzigtägiger Belagerung fiel Rethymno an die Osmanen. Die Bevölkerung hatte sich, wie geplant, in die Festung zurückgezogen, doch der heftige Seegang hinderte die venezianische Flotte dar­an, die Küste anzulaufen. Der Festungskommandant ka­pitulierte, und Rethymno kam unter osmanische Verwal­tung.

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©Maximilian Sulpicius Stadler

Ein wichtiger historischer Einschnitt war der Bevölke­rungsaustausch von 1923, als sämtliche Turkokreter die Insel verlassen mussten und im Gegenzug die griechischen Flüchtlinge aus Kleinasien eintrafen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Altstadt glücklicherweise kaum beschädigt, ob­wohl während der Schlacht um Kreta im Mai 1941 Rethym­no eine der Angriffsfronten bildete, da ein langer Land­streifen östlich der Stadt als Flughafen benutzt wurde. Seit 1970 dehnt sich die Stadt stark nach Osten aus, damals wurde auch mit dem Bau des neuen Hafens begonnen.

Vom Archäologischen Museum gehen Sie stadtwärts und gelangen über die Odos Melissinou in die Lange Gasse, die heutige Odos Nikephorou Phoka, welche die Stadt von Norden nach Süden durchquert. Sie war die Hauptachse des Tür­kenviertels von Rethymno, in ihr finden sich viele Beispiele venezianischer Häuser, deren Erdgeschosse von den Händ­lern und Gewerbetreibenden als Lagerräume genutzt wur­den.

In Rethymno gab es besonders viele Übertritte, nachdem in der Venezianerzeit die Stadt ein griechisch-orthodoxes Gepräge behalten hatte. So entstand ein starkes Überge­wicht der Muslime, was sich auch an der stolzen Zahl von acht Moscheen ablesen läßt. Sie sind alle – bis auf eine, die während eines Bombenangriffs 1941 zerstört wurde – noch erhalten. Nach der Autonomie Kretas 1898 und nach dem Anschluß an Griechenland 1913 schien eine Zeit des friedlichen Miteinanders mit den Muslimen, die noch im Land verblieben waren, anzubrechen. Doch der Traum vom Großgriechischen Reich, der 1922 die griechischen Trup­pen in die Katastrophe führte, hatte Spätfolgen.

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Vom Be­völkerungsaustausch waren, so Prevelakis, mehr als fünf­zigtausend Turkokreter betroffen, und nur ein winziger Bruchteil wollte tatsächlich in die Fremde gehen. Beim Ab­zug der Turkokreter, die begonnen hatten, ihre Häuser zu demontieren, wäre es fast zum Aufruhr gekommen: »Mit zerrissenen Kleidern traten sie heraus, von ihren Händen tropfte Blut, die Türkinnen hatten ihre Gesichtsschleier weggeworfen. Einzeln hintereinander gingen sie zwischen dem doppelten Kordon der Soldaten hindurch, gleich Die­ben, die man auf frischer Tat ertappt hat, mit scheelen Blic­ken und geröteten Augen, die Lippen vor Wut verbissen.

Sie bestiegen die Boote, die Hafenbehörde sorgte für die ordnungsgemäße Verladung ihrer Habe und schickte sie ih­nen auf die Dampfer, es wurde Nacht und wurde wieder Tag, und noch immer nahm diese Arbeit kein Ende. Am Mittag des nächsten Tages hörten wir die Dampfer dreimal tuten und das Gerassel der Ankerketten vom Ufer wider­hallen. Und dann einen Schrei aus Tausenden von Keh­len, von Männern, Kindern und Frauen, einen Schrei, den Gott dich niemals zu hören verdammen möge, erbittert, flehend, leidvoll und drohend, den der Wind mitnahm und uns stoßweise zutrug … Und so schieden wir von den Tür­ken.«

Wenn Sie von der Fortezza die Odos Nikephorou Phoka hinuntergehen, treffen Sie rechter Hand auf die Quergasse Odos Klidi. Das renovierte Eckhaus mit der Nummer 13 bil­det eines der repräsentativsten Beispiele für ein veneziani­sches Privathaus. Das Gebäude weist eines der schönsten Portale der Stadt auf, das die lateinische Inschrift Qui spe­rat in Deo sublevabitur trägt: Wer an Gott glaubt, dem wird geholfen werden. Wer mag in diesem Haus gewohnt haben? Ein venezianischer Adeliger oder eine kretische Herren­familie, die für ihre Verdienste in den Adelstand erhoben worden war?

In den letzten Jahren der Venezianerherr­schaft gab es jedenfalls in der Stadt nicht nur Adelige, son­dern ebenfalls über hundert Bürgerfamilien, die eigene Wap­pen besaßen und deren Kinder im Katharinenkloster in Chandax und in der Folge in Padua studierten. Nach ihrer Rückkehr bildeten sie als Anwälte, Notare, Ärzte, Lehrer und Ikonenmaler die intellektuelle Schicht der Insel.

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Auf diesem Nährboden entstand die große Kulturblüte der sogenannten kretischen Renaissance. Aus Rethymno stammten Marinos Tsanes Bounialis, der in seinem in Ver­sen verfaßten Werk „Der Kretische Krieg„ wertvolle Infor­mationen über die Zeit lieferte, und Jeorjios Chortatsis, der mit seinen Komödien „Panoria„ und „Katsourbos„ sowie mit der Tragödie „Erofili„ den Weg für die Entwicklung des modernen Theaters in Griechenland ebnete. Der Bruder des Dichters, Emmanouil Tsanes Bounialis, gilt als der Hauptvertreter der Kretischen Malerschule. 1561 wurde in Rethymno die erste Gelehrtenakademie, die „Accademia dei Vivi„ gegründet, ihr folgten am Ende des 16. Jahrhun­derts die „Accademia dei Stravaganti„ in Chandax und die „Accademia dei Sterlili„ in Chania. Viele sehen in dem Werk „Apokopos„ des rethymniotischen Autors Bergadis, das 1519 in Venedig gedruckt wurde, den Anfang der neugriechi­schen Literatur. Erst durch die osmanische Eroberung der Insel fand diese Kulturblüte ein abruptes Ende.

An der Ecke Odos Nikephorou Phoka und Arabatsoglou liegt die dreischiffige Engelherrin-Kirche, in den letzten Jahren der Venezianerherrschaft errichtet und der heiligen Maria Magdalena vom Dominikaner-Orden geweiht. Die Odos Arabatsoglou gilt als die Straße mit den meisten erhalte­nen Holzerkern in ganz Rethymno. In der Hausnummer 48-50 residierte vermutlich während der Venezianerzeit der katholische Klerus. Der Gebäudeteil, der einst der Ar­menspeisung diente, beherbergt heute das Museum für Mee­resbiologie.

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Schon bald nach der osmanischen Übernahme der Insel wies Rethymno zwei türkische Bäder auf, eines davon ist in der Odos Radamanthyos 25 in recht gutem Zustand er­halten. Leider ist das Hamam nicht renoviert, dabei könnte es eine weitere Perle im multikulturellen Mosaik der Stadt sein.

Pandelis Prevelakis schildert in „Die Chronik einer Stadt“, wie sich 1923, zur Zeit des Bevölkerungsaustausches, die Badefrau des türkischen Hamams, Kyra-Fatima, dem fran­zösischen Konsul als Landsmännin offenbarte. Sie hatte sich zwar als Türkin im Hamam verdingt, wollte jedoch nicht in die Türkei verschifft werden. Sie schildert eine Szene, die Sie später in Chania, in der Version von Nikos Kazantzakis, aus dem Mund der gealterten Diva Madame Hortense noch einmal – in etwas abgewandelter Form -hören werden.

»In dieser verlassenen Gegend fehlt es an nichts, den Ka­viar zum Beispiel brachten sie eimerweis auf den Tisch, und den Wein schafften sie im Schlauch von den französi­schen Schiffen aufs russische. Als sie allesamt total betrun­ken am Boden lagen, schickten die anderen Schiffe Boote, um uns zu holen, und oben am Fallreep stand zu unse­rem Empfang der Admiral höchstpersönlich. Unserer hieß Potier, der Engländer Harris, der Italiener Canevaro.«

Die Szene führt uns in die Zeit, als zwischen 1897 1898 die Großmächte England, Frankreich, Russland und Italien versuchten, die Unruhen zwischen Griechen und Türken auf Kreta einzudämmen und die Insel einer inter­nationalen Besatzung unterstellten. Nach der Niederlage Griechenlands im türkisch-griechischen Krieg von 1897 war eine Vereinigung wieder in weite Ferne gerückt, in die­ser Situation wurde der Vorschlag einer Autonomie Kretas immer akzeptabler: Am 9. Dezember 1898 traf Prinz Ge­org von Griechenland als Hochkommissar auf Kreta ein.

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Zur Unterhaltung der stationierten, zehntausend Mann umfassenden europäischen Truppen wurden 560 leichte Mädchen importiert, darunter auch Adeline Guitar, Ka­zantzakis‚ Madame Hortense, die damals vierunddreißig Jahre alt war. Besondere Beziehungen unterhielt sie zu Ad­miral Pottier, und mit seiner Unterstützung wurde ihr Freu­denhaus zum Treffpunkt der Offiziere. Kurz vor Ankunft Prinz Georgs in Kreta wurden die fremden Soldaten abge­zogen und die Freudenhäuser geschlossen. Adeline Guitar blieb jedoch bis 1905 in Chania und trat als Sängerin in der London Bar auf.

Nach dem Aufstand von Therisso sie­delte sie via Iraklio nach Sitia und anschließend nach Agios Nikolaos über, wo sie ein Lokal betrieb. 1910 traf sie mit ih­rem Lebensgefährten in Ierapetra ein, doch dieser machte sich nach kurzer Zeit mit all ihren Ersparnissen aus dem Staub. Adeline Guitar, nunmehr siebenundvierzig, fing in Ierapetra noch einmal von vorne an, eröffnete ein Restau­rant und später das erste Hotel der Stadt. Schließlich wurde sie sogar französische Vizekonsulin und widmete sich im Alter der Philanthropie. 1938 starb sie fünfundsiebzigjäh­rig in Ierapetra, wo sie auf dem orthodoxen Friedhof beige­setzt wurde. Heute ist dort eine Straße nach ihr benannt.

Ganz im Gegensatz zu Kazantzakis‚ Madame Hortense schildert Prevelakis‚ französische Kokotte die Admiräle der Besatzungstruppen als brutale Kerle, die selbst eine Verge­waltigung als Vergnügen betrachten. Die historische Madame Hortense muss für die kretische städtische Gesell­schaft der damaligen Zeit, um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, das Pariser Leben, die belle époque, eine gleichzeitig anziehende und verdorbene Welt, repräsentiert haben. Das Eindringen der freizügigen europäischen Sitten in die traditionelle Gesellschaft der Insel machte Hortense für die kretischen Schriftsteller zu einem Symbol des Wer­tewandels.

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©Maximilian Sulpicius Stadler

An der Ecke Odos Epimenidou und Vernardou 28-30 steht eines der schönsten Portale der Stadt mit dem Wap­pen der venezianischen Familie Clodio. Die Inschrift ober­halb des Türbalkens datiert die Errichtung in das Jahr 1609. Das ganze Gebäudeensemble gilt als das eindrucks­vollste Herrenhaus der Venezianerherrschaft in der Altstadt von Rethymno. Nicht von ungefähr wurde es daher in den neunziger Jahren restauriert und beherbergt seit 1995 das Historische und Volkskundliche Museum.

Pandelis Prevelakis beschreibt, wie tief ihn als Kind das riesige Minarett der Nerace-Moschee, einige Schritte vom Mu­seum entfernt, beeindruckt hatte: »Erst als die Türken fort waren, ging ich hin und schaute mir in aller Ruhe ihre Moscheen an und verlor meine Scheu vor ihnen. Ich ging auch hinein und probierte aus, wie ihre Gewölbe meine Stimme widerhallen ließen, ich kletterte über ihre Kup­peln, studierte stundenlang die schmiedeeisernen Außen­türen, die absichtlich so gemacht schienen, daß sie einen verwirren mit ihren verspielten und verschlungenen Schlan­genlinien.«

In der Odos Vernardou lag eines der beiden größten ka­tholischen Klöster der Stadt: die Santa-Maria-Kirche des Augustinerordens. Von Hüseyin Pascha wurde die Kirche 1657 in die Nerace-Moschee umgewandelt. 1890 wurde das größte und prachtvollste Minarett der Stadt errich­tet. Der Bauingenieur Jorgos Daskalakis wurde damit be­auftragt, ein Minarett zu schaffen, das alle anderen des Orients übertreffen sollte. Daskalakis bereiste daraufhin drei Monate lang die Türkei und entwickelte aufgrund sei­ner Erfahrungen drei Vorschläge, von denen einer schließ­lich verwirklicht wurde. Es wurde, so wie die meisten herr­schaftlichen Gebäude der Stadt, aus Tuffstein errichtet, der aus dem 22 Kilometer entfernten Dorf Alfas stammte. 1925, nach der Aussiedlung der Turkokreter, wurde der Bau dem Ajios Nikolaos geweiht, jedoch nicht als Kir­che, sondern als Musikschule genutzt. Heute finden darin Vorträge, Musik- und Theaterdarbietungen statt. Seit einigen Jahren schon ist das Minarett zwecks Restaurierung eingerüstet.

kreta-coverVon der Platia Titou Petychaki treten Sie auf die Odos Antistasseos und einen Häuserblock entfernt treffen Sie auf das Kloster des heiligen Franziskus. Die Basilika gehört zu den wichtigsten Baudenkmälern der Stadt und zum zwei­ten großen katholischen Klosterkomplex in Rethymno. Besonders beeindruckend ist das über und über verzierte Portal. Während der Türkenherrschaft wurde der Bau als Armenhaus genutzt, später ließen sich Geschäfte darin nie­der. Neben der Kirche des heiligen Franziskus befindet sich das hübsche Eingangstor zur 1796 gegründeten türkischen Mädchenschule, in der heute die Volksschule untergebracht ist.

Die Odos Antistasseos, die Große Straße, führt von der Pla­tia Titou Petychaki, der venezianischen Stadtpiazza, zur Porta Guora, dem einzigen noch erhaltenen Stadttor. Diese Straße und die kleinere Odos Souliou waren einst lebendi­ge Marktstraßen.

»Die zweite große Straße der Stadt, die vom Großen Tor zur Platane hinunterläuft, hatte ein anderes Aussehen- das Aussehen, das eine Landstraße haben muss, wenn die Ein­wohner ganzer Dörfer mit Kind und Kegel, vertrieben von Haus und Hof, sie überfluten. Ich muß von vornherein sa­gen, daß diese Straße der Markt der Stadt war, auf dem jeden Morgen die vier Distrikte der Präfektur zusammen­strömten, um ihre Erzeugnisse zu verkaufen und die Dinge einzukaufen, die ihnen fehlten: Reis, Zucker, Garn, land­wirtschaftliche Geräte. (…) Da waren dann Mannsbilder zu sehen, zwei Meter groß, mit Bart und wild rollenden Augen, beschuht mit den hohen Stiefeln und die schwar­zen Kniehosen festgegürtet, mit dem Ziegenhaar-Umhang über den Schultern, wenn es Winter war, mit entblößter Brust in der schönen Jahreszeit, die meisten bewaffnet mit dem feststehenden Messer – ein Anblick zum Fürchten! Der schleppte ein lebendes Kalb über seinen Schultern, jener scheuchte brüllend sein mit Weinschläuchen belade­nes Maultier, ein anderer trug zwei, drei ganze Käse auf seinen Händen und bot sie mit lautem Geschrei feil…«

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©Maximilian Sulpicius Stadler

Die Valide-Sultana-Moschee liegt in der Nähe des Stadttors, östlich der Großen Straße. Sie wurde nach der Mutter von Ibrahim Khan benannt und fällt dem Betrachter eigentlich nur durch ihr Minarett auf. Der Eingang befindet sich in der Odos Tombasi 17, die Moschee ist jedoch nicht öffent­lich zugänglich, sie wird vom Archäologischen Dienst als Lagerraum für antike Funde genutzt.

Die Porta Guora wurde während der Regierungszeit des Stadtkommandanten Jacopo Guora, 1566-68, errichtet. Sie bildet den Abschluss der Odos Ethnikis Antistasseos und führt auf die Platia Tessaron Martyron, auf den Platz der Vier Märtyrer. Wenn Sie sich vom Jaboudakis-Denkmal in der Mitte des Platzes, das dem Sprengmeister von Arkadi ge­widmet ist, nach Westen wenden, können Sie einen erhol­samen Spaziergang durch den Stadtpark unternehmen. Es ist der größte Stadtpark Kretas mit besonders vielen verschie­denen Pflanzenarten.

Pandelis Prevelakis erzählt, wie Bürgermeister Titos Petychakis nach dem Bevölkerungsaustausch auf dem tür­kischen Friedhof den Stadtpark errichten ließ.

»Er ließ die türkischen Grabdenkmäler abbrechen, ließ die Marmorsteine wieder verwenden und die Erde mit den Toten umpflügen. Die Knochen kamen an die Oberfläche, der Regen bleichte sie, der Gärtner kam und pflügte den Acker noch einmal. Sie säten Samen aus, pflanzten Setzlin­ge, legten Beete an, gruben Baumscheiben um die Seekie­fern und Pinien, die sie schon vorgefunden hatten. Und sie­he da: nach ein bis zwei Jahren war der Friedhof ein Garten geworden, jede Wurzel hatte einen Schädel gefunden, aus dem sie Nahrung sog. (…) Die Schranken des Paradieses waren plötzlich eingerissen, und seine Wohlgerüche und Gesänge strömten heraus. Die Toten waren von einem Jahr zum andern vergessen, die Knochen wurden Blätter und Blüten und Zweige, und darauf ließ sich das gefiederte Volk nieder und machte die Bäume singen. So besiegte das Leben den Tod, der Mond tauchte die Schwärze der Nacht in Silberdunst, die Straßen des Himmels füllten sich mit Vogelgesang…«

Entnommen aus: Kreta. Ein Reisebegleiter. Insel Verlag 2006. Fotos: Maximilian Sulpicius Stadler, Ellen Katja Jaeckel. Illustration: Yorgos Konstantinou

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