Nostalgische Reise nach Ioannina

Reisebericht von Meike Wander

Ioannina, die Perle am Pamvotis-See, ist immer eine Reise wert. Meike Wander hat sie zusammen mit ihrer Mutter besucht und lässt uns an ihren Erfahrungen teilhaben.

Meine Mutter wird dieses Jahr 75. Seit langem haben wir darüber geredet, dass wir diese Reise machen wollen. Als sie mir im Winter zu verstehen gab, dass wir nicht mehr ewig warten könnten, haben wir gebucht. Ich fliege von Berlin nach Thessaloniki. Sie fährt mit dem Auto von München nach Ancona und von dort mit der Fähre nach Igoumenitsa.

Wir wollen wir uns in Ioannina bei Freunden treffen, die sie aus Münchner Studententagen kennt. In Thessaloniki angekommen steige ich in den öffentlichen Bus, der mich zum Busbahnhof bringt. Es regnet in Strömen, und es ist kalt. Vor mehr als 20 Jahren war ich zuletzt in Thessaloniki, direkt nach dem Abitur für sechs Wochen Sprachkurs Neugriechisch. Ich mochte die Stadt damals nicht, und auch heute in dem Regengrau erscheint sie mir trist, die verbaute Strandpromenade schmerzt mich.

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Uferpromenade Thessaloniki, ©diablog.eu

Der Busbahnhof ist ein tolles altes, etwas baufälliges Gebäude, das von außen wie eine Mischung aus Moschee und Radrennarena aussieht. Glücklicherweise gibt es einen Bus gleich eine halbe Stunde später, und glücklicherweise hört der Busfahrer schöne alte Rembetika und keine griechischen Schlager, denn in griechischen Bussen sind alle Passagiere dem Musikgeschmack des Fahrers auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Mein Griechenlandbild ist seit frühester Kindheit von den „Glatzenbergen„ der kargen, trockenen Mani geprägt. Doch die Egnatia Odos, die Autobahn, die bis an die Westküste bei Igoumenitsa reicht, führt uns an weiten, grünen, überschwemmten Feldern vorbei. Die Wassermassen dieses frühlingshaften Nordgriechenlands werden mich die ganze Reise über beeindrucken.

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Epirus, Steinbrücke von Kokkori, ©diablog.eu

Abends um neun komme ich in Ioannina an. Apostolos, emeritierter Byzantinist an der Universität Ioannina holt mich ab. Zu Hause hat seine Frau Martha, Literaturwissenschaftlerin, Artischockeneintopf mit Kartoffeln und Erbsen gekocht. Es ist Fastenzeit. Wein gibt es dennoch. Meine Mutter ist schon am Vortag angekommen, die Stimmung bestens.

Den nächsten Vormittag verschlafe ich, erschöpft vom Berliner Alltag, fast gänzlich. Meine Mutter sitzt auf heißen Kohlen. Ihr Tatendrang ist generell nicht zu bremsen. Also brechen wir nach einem schnellen Frühstück auf ins Zentrum von Ioannina. Martha und Apostolos kriechen derweil hinter ihre Bücher.

Zum Glück ist unser beider kultureller Ehrgeiz nicht allzu ausgepägt, und so lassen wir uns etwas durch die Stadt treiben.

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Ali-Pascha-Museum, Ioannina, ©diablog.eu

Nordgriechenland habe ich nur einmal als Vierjährige mit meinen Eltern bereist. Ein paar verschwommene Erinnerungen an einen Fluß, den Voidomatis, wie sich später herausstellt, und an Martha und Apostolos schwirren mir im Kopf herum. Doch plötzlich, als wir auf die Promenade am See einbiegen, sehe ich ein ganz deutliches Erinnerungsbild: Diese Straße, und unter den riesigen alten Platanen am Straßenrand hintereinander aufgereiht: Pferdekutschen. Und das Wichtigste: Die Pferde tragen Strohhüte, mit Löchern für die Ohren. Hier also war das! Und das Wasser war kein Meer, sondern der See von Ioannina. Ich bin glücklich, den vertrauten Ort endlich wiedergefunden zu haben.

Gerade kommt das kleine Schiff, mit dem man auf die Pamvotis-Insel übersetzen kann. Wir steigen ein. Der See liegt ruhig da.

Als wir uns der Insel nähern, staunen wir: Es gibt keine Neubauten. Sie liegt da wie vergessen, unberührt von der neuen Welt. Wie kann das sein? Das Rätsel löst sich, nachdem wir ausgestiegen sind, sehr schnell: Schon in der ersten Gasse des Dorfes reiht sich Souvenirladen an Souvenirladen, und nur dank der Vorsaison, es sind noch zwei Wochen bis zum griechischen Ostern, kann man seinen Weg einigermaßen unbehelligt fortsetzen. Die Insel scheint einfach frühzeitig von einem restriktiven Denkmalschutz profitiert zu haben, so dass wenigstens das äußere Erscheinungsbild unzerstört blieb. Im Innern hat das Touristenbusiness genauso um sich gegriffen wie überall sonst. Beim Frauenverein der Insel kaufen wir Sirup von einer Frucht namens „Krano„, ein Wort, das wir nicht kennen.

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Ali-Pascha-Museum Ioannina, ©diablog.eu

Die Verkäuferin sagt, es seien Cranberries, aber wie wir später herausfinden, handelt es sich um die Kornelkirsche. Da freuen wir uns. Im winzig kleinen Museum der Insel haben wir die erste Begegnung mit Ali Pascha, der, als er bei der Hohen Pforte in Ungnade gefallen war, hier vergeblich Zuflucht gesucht hatte. Und hier im Museum ist auch eine unglaublich schöne Sarakatsanen-Tracht zu bewundern. Wir beginnen zu begreifen, wie sehr unser Wissen über Griechenland vom Süden geprägt ist. Hier im Norden haben wir es mit einem ganz anderen und für uns neuen historischen Kosmos zu tun. Weder Sarakatsanen noch Ali Pascha spielten auf der Peloponnes eine Rolle. Um den Norden zu verstehen, müssen wir, die wir von der Peloponnes geprägt sind, offenbar noch viel lernen.

Nicht nur unsere Kenntnisse über das Osmanische Reich und seine Lebensbedingungen sind hier deutlich unzureichend, auch die Geschichte von Minderheiten wie Sarakatsanen und Aromunen (Vlachen) war uns bislang nur am Rande bzw. meiner Mutter noch nie begegnet. Ioannina war bis 1913 Teil des Osmanischen Reiches. Das liegt keine 100 Jahre zurück. Die Eltern von Martha und Apostolos flohen 1922 aus Kleinasien und kamen in das damals seit nicht einmal zehn Jahre zu Griechenland gehörende Ioannina. Sie waren Kinder des Osmanischen Reiches. Uns wird bewusst, wie stark der Norden durch das Osmanische Reich, die Flüchtlinge aus Kleinasien und auch die Juden, deren Spuren allerdings unangenehm gründlich verwischt bzw. ausgelöscht sind, geprägt war.

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Ali Pascha und Kyra Frosyni, Wachsfigurenmuseum Vrellis, ©diablog.eu

Am Hafen der Insel kehren wir mittagshungrig kurz ein, was sich als Fehler entpuppt. Noch nie haben wir so schlechtes Essen serviert bekommen. Leider steht das Essen nicht unter Denkmalschutz.

Wir fahren zurück in die Stadt, spazieren noch ein wenig durch die alten Burganlagen und verirren uns ein bißchen in den Gassen der Altstadt. Alle Museen und archäologischen Stätten haben noch Winteröffnungszeit: Sie schließen um spätestens 14.30 Uhr. Wir kommen zu spät.

Von der Wirtschaftskrise ist hier im Zentrum Ioanninas nichts zu spüren. Die Läden und Cafés sind gut besucht, es gibt kaum Leerstand, wir sehen keine Bettler und keine Müllsammler. Stattdessen wird überall renoviert und instand gesetzt. Das fällt uns so auf, weil die Krise an anderen Orten inzwischen deutlich sichtbar ist.

Der Abend ist ausgefüllt durch ein langes Gespräch mit Martha und Apostolos, über das Osmanische Reich, das Erstarken der nationalen Idee, die Megali Idea, die kleinasiatische Katastrophe. Dieser Teil der griechischen Geschichte ist hier viel spürbarer als in „unserer Mani„. Die schönsten Zeiten meiner Kindheit habe ich nämlich seit meinem zweiten Lebensjahr in „unserem„ Dorf in der Mani verbracht, ohne Strom und fließend Wasser. Soweit das Auge reichte: Olivenhaine, hohe, kahle Berge, das Meer, und der prächtigste Sternenhimmel, den man sich denken kann. Leider sind wir nie dorthin ausgewandert, und die Mani meiner Kindheit gibt es nicht mehr.

Text: Meike Wander, Fotos: Michaela Prinzinger

 

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