LEONIDIO: Richtungswechsel!

Reiseartikel von Loukia Richards, Textilkünstlerin

Leonidio ist ein gutes Beispiel für nachhaltigen Tourismus in Griechenland. Kletterer aus aller Welt pilgern auf die Peloponnes, um eines der größten unerschlossenen Felsgebiete Europas zu erobern. diablog.eu hat die Textilkünstlerin Loukia Richards gebeten, über ihren Heimatort zu schreiben und uns die Webtraditionen zu erläutern. Mehr zur Autorin erfahren Sie in unserem „Who is who„.

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©Yorgos Konstantinou

Steckbrief Leonidio

Leonidio oder Leonidi ist eine außergewöhnlich schön erhaltene historische Kleinstadt mit knapp 4000 Einwohnern an der Ostküste der Peloponnes, umgeben von einem Paradies für Kletterer mit hunderten Sektoren und tausenden potenziellen Routen in bestem Tufa-Kalkstein, die noch auf ihre Erschließung warten. Anreise per Flugzeug über Athen, es bestehen regelmäßige Busverbindungen von Athen (210km) und Tripoli (93 km). In dieser Gegend wird in einer Handvoll von Dörfern noch aktiv der tsakonische Dialekt gesprochen, der einzige griechische Dialekt, der sich aus dem Dorischen, und nicht aus der hellenistischen Koine entwickelt hat. Ehrenbürger des Orts ist der Deutsche Michael Deffner (1848-1937), ein Pionier der Erforschung des tsakonischen Dialekts.
Campingplatz: www.semeli-camping.gr. In Plaka, dem Hafenort von Leonidion, gibt es zahlreiche Unterkünfte. Websites für Kletterer: www.climbing-leonidio.com (DE/EL), www.climbinleonidio.com (EL/EN)

Der Exodus

Die Geburtsstunde von Leonidio beginnt mit einer Katastrophe.

1826 brannte Ibrahim Pascha die Peloponnes nieder und damit auch Prastos, die Hauptstadt von Tsakonien – ein gebirgiger und unwegsamer Landstrich. Prastos war für damalige Verhältnisse eine große Handelsstadt. Aus Furcht vor Piraten war es an den Hängen des Parnon-Gebirge in Amphitheater-Form erbaut worden.

Ohne Fax, Handy, E-mail oder Internet, dafür in Bruderschaften organisiert, machten die Kaufleute von Prastos „Business“ mit den großen Handelszentren der damaligen Zeit: Konstantinopel, Ägypten, Rumänien, Odessa.

Ich frage mich oft, wenn ich die schützende Umarmung der Gebirgsmassen spüre, die Tsakonien umschließen, ob ihre Einwohner von der Armut des Ortes zu weit entfernten Orten getrieben oder vielleicht – ganz im Gegenteil – von der Kraft dieser Riesenfelsen zu kühnen Unternehmungen gedrängt worden sind?

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Leonidio, ©Christoph Ziegler

Ein unwegsamer Pfad führte die Bewohner des brennenden Prastos zum „Hl. Lidi“. Nachdem die Flüchtenden ein „archaisches“, also wasserarmes und trockenes, von Höhlen und Schluchten durchsetztes Land voller Überreste neolithischer und mykenischer Siedlungen durchquert hatten, gelangten sie von den Felsen hinunter zu fruchtbarem Land.

Man erzählt sich, dass Ibrahim am Rande des roten Felsens namens „Tarama“ stand und hinunterschaute. Er fürchtete, dass ein Heer griechischer Aufständischer ihn umzingeln könnte, wenn er den unsicheren Abstieg unternähme – und kehrte um. Der Felsen hatte den Flüchtlingen das Leben gerettet.

Heute, nach fünf Jahren Krise und wirtschaftlicher Entbehrungen wird derselbe Felsen zur treibenden Kraft für eine neue Entwicklung des Ortes!

Polyxeni, Marigo, Katerina und ich

Ich liege auf dem Sofa der Großeltern meiner Großmutter und betrachte den Kelim auf dem Boden. Er ist voller „Händchen“. So nennt man das Motiv in Leonidi, weil es zwei miteinander verschränkten offenen Handflächen mit gleich großen Fingern gleicht.

In der internationalen Terminologie hat es den Namen „Kamm“ oder „gezahntes Viereck“, weil es an ein Viereck mit fünf Zähnchen erinnert! Auf dem Kelim sehe ich einen Himmel von eng miteinander verbundenen Händchen. Die „Finger“ des einen fügen sich in die „Finger“ des anderen ein, und so geht das Muster weiter.

Kilim aus Leonidio, ©Katerina Kalamitsi

Kelim aus Leonidio©Katerina Kalamitsi

Ich forsche nach, um etwas über die „Händchen“ zu erfahren: Ende des neunzehnten Jahrhunderts brachte Polyxeni Dounia aus Aydin in Kleinasien, zusammen mit anderen Dingen aus ihrer Aussteuer, auch die „Händchen“ mit. Ihr marmornes Grabmal ist ein Schmuckstück auf dem hübschen alten Friedhof der Stadt.

In Leonidi kopierten die Weber Polyxenis Muster und gaben ihm andere Farben und Kompositionen, webten die Händchen ineinander und gestalteten sie wie Flügel auf einem kleinen viereckigen Körper. Diese Vögel fliegen jetzt in meinem Wohnzimmer auf meinem riesigen Kelim, zusammen mit meinen Gedanken und Träumen.

Seine kühnen Farbkombinationen erstaunen mich: Hellgrün mit Blutrot und Pechschwarz, pastelliges Türkis mit Dottergelb. Die „Händchen“ sind ein nomadisches Muster par excellence – wie die strenge Geometrie seiner Webart verrät – und regt meine Phantasie an.

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©Christoph Ziegler

Eine Weberin aus Leonidi, Marigo Merikaki, ging mit ihrem Kelim voller „Händchen“ Anfang des vorigen Jahrhunderts zur internationalen Ausstellung nach Paris und gewann damit den ersten Preis.

Diese Frau ist unvergessen, nicht nur wegen ihrer großen künstlerischen Fähigkeiten, sondern auch wegen ihrer ausgeprägten Dickköpfigkeit. Sie brachte viele Kinder zur Welt, aber alle starben früh. Da legte Marigo ein Gelübde ab: Ihr einziger Sohn sollte Arzt werden, damit im Ort nicht mehr so viele Kinder sterben mussten. Sie fuhr nach Athen, was damals eine dreitägige Reise bedeutete, und stand tagelang vor dem Büro des Premierministers.

Sie bat um eine Audienz, um ihren Wunsch, ihr Sohn möge Medizin studieren, vortragen zu können. Die Amtsdiener versuchten sie zu vertreiben, aber sie ging nicht eher, als bis sie ein Stipendium für ihren Sohn in Händen hielt. Wie sie es sich gewünscht hatte, kam dann ihr Sohn als Arzt in den Ort zurück und rettete nicht nur viele Kinder, sondern auch Leonidi selbst.

Im Gegensatz zu vielen Bürgern, die „Athener Mehrfamilienhäuser“ in Leonidi wollten, schaffte es der Bürgermeister Stylianos Merikakis, der Sohn der Weberin Marigo, die Stadt per Gesetz zu schützen. In Leonidi wird nur traditionell gebaut, und der Bau von mehrstöckigen Häusern ist verboten!

Stitchathon@Openbare Bibliothek Amsterdam 2012,©Christoph Ziegler

Stitchathon@Openbare Bibliothek

Für griechische Verhältnisse ist die Durchsetzung eines solchen Gesetzes einzigartig: Merikakis hatte aber den „politischen Preis“ nicht bedacht und verlor prompt die darauffolgenden Wahlen.

Was für merkwürdige Geschichten verbergen sich hinter dem Motiv eines tsakonischen Kelims, das nur darauf wartet, von einem Wissbegierigen entschlüsselt zu werden!

Die „Händchen“ kamen aus dem tiefsten Asien nach Leonidi, von dort nach Paris, und ich brachte sie nach Washington, wo ich dank eines Fulbright-Stipendiums die Möglichkeit hatte, die verschlüsselten Zeichen der Gewebe und Stickereien im dortigen Textilmuseum zu erforschen.

In Leonidio bedeutet Tradition Erlebnis, tägliche Erfahrung, Weiterentwicklung, Kontinuität. Sie ist keine leere touristische Attraktion und auch kein versteinertes Schreckgespenst, das denen, die Neuerungen einführen wollen, Angst einjagt und sie einschränkt.

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Nachhaltiger Tourismus

Glücklicherweise gedieh in Leonidio der Tourismus nicht, der die traditionelle Siedlungsform und die Bräuche der Bewohner anderer griechischer Gebiete zerstört hat.

Die Beschaffenheit der Straße begünstigt keine Blitzreisen nach dem Motto: Ich kam, sah, konsumierte, reiste ab und vergaß.

In Leonidi wird noch das Tsakonische gesprochen, der „minoische“ Salingaros getanzt, die „Händchen“ und „der Lebensbaum“ bedecken noch die Böden der Häuser im Winter, die Nachbarn sitzen noch vor ihren Häusern, sie reden, lachen, sticken, man fühlt sich noch der Bewirtung des Gastes, also der griechischen Lebensart verpflichtet. An diesem Ort kann nur der „nachhaltige Tourismus“ blühen. Das ist der Tourismus, der einfache, aber wichtige Freuden in den Mittelpunkt stellt: Beisammensein, Geschichten, Tradition, Teilen, Natur, Stille und Zeit, die langsam fließt.

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©Christoph Ziegler

Aus diesem Grund wird Leonidi in letzter Zeit zum Ziel griechischer und ausländischer Besucher, die nicht nur alternative Formen des Tourismus suchen, sondern auch alternative Formen des Lebens. Leonidi ist ein Muster, ein nachhaltiges Modell dafür, was der Mensch braucht, um ein „menschliches“ Leben zu leben: Häuser mit hohen Decken, die hell und „biothermisch“ sind und in unmittelbarer Nähe zur Natur liegen, hohe Qualität der am Ort hergestellter Lebensmittel, Geselligkeit, herzliche Gastfreundschaft, schlichte Ästhetik, ungezwungener Umgang, Gemeinschaft mit anderen Menschen.

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Richtungswechsel

Das ist der Titel des Buches, das der Onkel meiner Großmutter, Michael Lekos, schrieb, vom Schrecken des ersten Weltkriegs zermürbt, wollte er sein Leben ändern: Die Rückkehr des „zivilisierten Städters“ zur Natur und durch sie zur Harmonie, zum inneren Gleichgewicht, zum Maßvollen, ist das zentrale Thema seines Werkes. Das ist auch der Trend, der sich in den Großstädten der westlichen Welt abzeichnet: Kleinteiliger Anbau, mikroskopische Waben inmitten der städtischen Zentren, Wiederaufleben des Kunsthandwerks, alternative Haushaltsführung statt des übermäßigen Konsums, Ablehnung von Massentierhaltung und Großanbau, Befreiung von den ermüdenden Rhythmen der Arbeit.

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©Christoph Ziegler

Seit einigen Monaten, in denen das Land weiterhin unter der wirtschaftlichen Krise leidet, entwickelt sich in Leonidi ein hoffnungsvolles Experiment: Der Klettertourismus – eine naheliegende Möglichkeit für Kenner, die seit Jahrzehnten ungenutzt bleibt – wird zum Ziel einer sanften und nachhaltigen Wachstumsstrategie.

Das Gebiet ist Teil des europäischen Netzes NATURA 2000 und steht unter der Aufsicht einer staatlichen Umweltbehörde. Mit einer blitzschnellen Vorgehensweise, die diejenigen überrascht, die das Schneckentempo der griechischen öffentlichen Verwaltung kennen, inspiriert und mobilisiert der neue Bürgermeister von Südkynouria Charalambos Lysikatos die Bürger mit konkreten Schritten, z.B. im Bereich der Erhaltung und Ausschilderung der alten Pfade, so dass Leonidi sich als internationales Zentrum für Klettern, Wandern und andere Aktivitäten in freier Natur etablieren kann.

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©Christoph Ziegler

Herzlich willkommen in Leonidio!

Übersetzung: Nina Bungarten. Fotos: Christoph Ziegler, Claude Remy (Bergsteiger), Katerina Kalamitsi, Openbare Bibliothek

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Ein Gedanke zu “LEONIDIO: Richtungswechsel!

  1. Ich habe diesen Text sehr gerne gelesen. Ich habe mehrere Winter in Leonidio verbracht und habe alles so erlebt wie in diesem Text geschildert. „Alles was der Mensch für ein gutes Leben braucht“ habe auch ich dort gefunden.
    Es dauert noch etwas mehr als 2 Jahre bis zu meiner Pensionierung und dann werde ich dorthin zurück kehren.
    Ich freue mich schon jetzt darauf und kann es kaum erwarten.

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