Iraklia – die Urheimat des Wassers

Reisebericht von Johanna Klinar

Iraklia, eine kleine Kykladeninsel, ist für die Österreicherin Johanna Klinar ein Ort der Ruhe und Kraft. Die Unterwasserfotografin bildet die Welt unter dem Meeresspiegel mit großer Leidenschaft ab. Seit 1990 reist sie auf die Insel und hat ein Hilfsprojekt unter dem Namen „Elpida für Iraklia„ ins Leben gerufen, womit sie der Inselbevölkerung in schwierigen Zeiten beistehen will.

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©Johanna Klinar

Ich würde sie wahrscheinlich mit verbundenen Augen an ihrem Geruch erkennen, noch bevor die Fähre anlegt: Diese vertraut gewordene Mischung aus salzig-bitterer Meeresluft, vermischt mit undefinierbar Fischigem, das an heißen Nachmittagen von den Netzen aufsteigt, die die Fischer für den Nachtfang zurecht legen. Die allsommerliche Verschwörung von glühender Hitze, Trockenheit, Staub und Windstille – und über allem der wunderbar herbe Duft des wilden Thymian…

Ich bin wieder da, und jede Pore saugt sich mit Eindrücken voll. Bekannte Gesichter, Umarmungen, Lachen, Tränen der Wiedersehensfreude. Außer mir kommt noch ein knappes Dutzend Touristen an. Außerdem Kisten mit Getränken, Wasser in den unvermeidlichen Plastikflaschen, Säcke mit glänzenden Auberginen, riesigen Kartoffeln und Zwiebeln, Kartons mit dickfleischigen, dunkelroten, sonnengereiften Tomaten. Alle packen mit an, rufen durcheinander, lachen, rennen, schwitzen. Dann ein dumpfes, langgezogenes Tuten, die armdicken Taue werden hochgezogen und die Skopelítis, der schwimmende Linienbus zwischen den kleinen Kykladeninseln, verlässt rauchend den winzigen Hafen.

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©Johanna Klinar

Natürlich gibt es auch hier das vertraute „Rooms, rooms!“, aber es klingt anders als auf den großen Inseln, ruhiger, freundlicher, einladend. Hier ist auch die Zeit eine andere: Sonnenzeit und Mondzeit. Tag und Nacht und die blauen Stunden dazwischen.
In meiner Lieblingstaverne fliegt mir Stella, die beste Köchin in der Ägäis, um den Hals. Weitere Umarmungen von Bekannten, die im Laufe der Jahre zu Freunden geworden sind, Wiederholungstäter wie ich. Es ist wie heimkommen in eine große Familie. Ein kühler Frappé auf der Terrasse mit Blick aufs Meer, ein Bissen Brot, ein paar Oliven, eine sonnenwarme Tomate, Salz, grüngoldenes Olivenöl – ein Paradies!

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©Johanna Klinar

Noch bevor alles ausgepackt ist, nehme ich Flossen, Schnorchel und Taucherbrille und gehe hinunter zum Strand. Das erste Eintauchen nach einem Jahr ist wie die leidenschaftliche Umarmung zweier Liebender nach langer Trennung. Zuerst an der Oberfläche, das Salzige schmecken, den Blick durch die klare blaue Weite schweifen lassen. Auf dem Sand liegen ein paar kleine Seezungen. Sonst nichts, nur das weiche Sonnennetz aus gleißenden Silberringen, die den Grund sanft zu bewegen scheinen. Flutlicht, ein optisches Perpetuum Mobile. Fließende Lichtmuster, die sich beständig verändern, auflösen und unaufhörlich neu erschaffen.

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©Johanna Klinar

Weiter draußen liegen Seegraswiesen fast unbewegt zwischen großen Felsbrocken. Ein paar sehr tiefe Atemzüge noch an der Oberfläche, dann bin ich mit wenigen Flossenschlägen in der Tiefe, gleite schwerelos über den sanften Grund, berühre die Kämme kleiner Sanddünen mit meinem Leib, schwebe langsam durchs endlose Blau, umhüllt und geborgen, wie von tausend warmen Samthänden gestreichelt. Getragen vom weichen Element, aus dem wir alle kommen. Alles ist leicht und vertraut, so muss es im Mutterleib gewesen sein. Ich bin eins mit meiner Umgebung, meiner Urheimat. Nach einer zeitlos  scheinenden Weile hat mich der natürliche Auftrieb wieder an die Oberfläche gebracht. Einatmen. Ich bin angekommen.

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©Johanna Klinar

1990 stieg mir der Duft von Iraklia erstmals in die Nase. Seither verbringe ich meine Sommerurlaube auf dieser kleinen Insel, die mir zur vertrauten Lehrmeisterin und zum geliebten Kraftplatz geworden ist. Damals lebten wir am Strand – da konnte es schon vorkommen, dass wir von neugierigen Ziegen geweckt wurden… Der Tourismus steckte noch in den Kinderschuhen. In 25 Jahren hat sich vieles verändert, aber die Atmosphäre ist nach wie vor leicht geblieben: herzlich, offen und sehr, sehr gastfreundlich. Es gibt mittlerweile Unterkünfte in allen Kategorien – von der einfachen Pension bis zum kleinen, feinen Hotel – und die Gäste kommen aus ganz Europa. Abends trifft man sich in geselliger Runde in einer der traumhaft gelegenen Tavernen, die allesamt reichhaltige köstliche und nur typisch griechische Mahlzeiten auftischen.

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©Johanna Klinar

Knapp 150 Personen leben hier auf 18 Quadratkilometern vom Fischfang und vom Tourismus, von ein bisschen Acker- und Gartenbau und von der Ziegenhaltung. Iraklia eröffnet südwestlich von Naxos den Bogen der Kleinen Ostkykladen. Eine Straße führt vom Hafenort Agios Giórgos über Livádi (mit der alten Burg aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert) zum Bergort Panaghía, eine zweite von dort zur Bucht Tourkopígado. Im Sommer fährt mehrmals täglich ein Kleinbus.

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©Johanna Klinar

Hier lebt man einfach und naturnah: Die flachen Sandstrände von Agios Giórgos und Livádi sind familiengeeignet, Tamarisken spenden etwas Schatten. Mitsos Koveos fährt mit seinem Boot Anemos die Buchten im Südwesten an. Schon die beeindruckenden Felsformationen der Steilwände bei Merichás sind die Fahrt wert! Karvounólakos besticht mit einem traumhaften Kieselstrand, in Alimiá lockt in zehn Meter Tiefe das Wrack einer Arado 196 aus dem zweiten Weltkrieg.

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©Johanna Klinar

Es gibt gut ausgebaute Wanderwege zwischen den einzelnen Orten, zum  420 m hohen Páppas und zur riesigen Tropfsteinhöhle Agios Ioánnis. Es mutet richtig an, sich vor dem Leib von Mutter Erde zu verneigen. Den kurzen Eingang schafft man nur gebückt, Hände und Knie schont ein betagter Teppich. Die Höhle ist sehr weit verzweigt und naturbelassen, ein Alleingang ist nur mit ausreichend Licht und einem „Ariadnefaden“ ratsam

Jedes Jahr wird dort am Nachmittag des 28. August das Fest des Inselpatrons, des Hl. Johannes des Täufers, mit einer Messe gefeiert. Im ersten großen Raum mit dem Altar haben Kinder bereits am Vormittag die Stalagmiten bis weit hinauf mit dünnen Wachskerzen bestückt. Jetzt fühlt man sich wie in einem magisch erleuchteten unterirdischen Dom, und zu diesem feierlichen Ereignis kommen jedes Jahr viele Menschen aus Nah und Fern.

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©Johanna Klinar

Ich bin schon sehr bald der Faszination des Meeres erlegen und zur leidenschaftlichen Schnorchlerin und Freitaucherin geworden. Meine Begeisterung für die Naturfotografie erfuhr in Neptuns Reich neue Höhenflüge. Die vielen Bilder haben mir eine attraktive Möglichkeit eröffnet, die wunderbaren Menschen während der wirtschaftlich harten Zeiten gezielt zu unterstützen. Seit 2012 veranstalte ich meine abendfüllenden PowerPoint Präsentationen „FARBENPRACHT IN DER ÄGÄIS“. Sie  bieten einen Einblick in meinen ganz persönlichen Urlaubsalltag und eine Kurzreise zu den Naturschönheiten der Insel über und besonders unter Wasser. Die Einnahmen fließen in mein Projekt „Elpída für Iraklia“ und gehen an die Schule und in andere soziale Belange.

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©Johanna Klinar

Aus dem Inhalt: Das Zusammenspiel von glitzerndem Sonnenlicht und kristallklarem Wasser, beeindruckenden Unterwasserlandschaften und markanten Steilwänden, weichem Sandboden und glänzend poliertem Kieselgrund bietet perfekten Lebensraum für eine Vielfalt an Tieren und Pflanzen. Die Ägäis punktet nicht sonderlich mit Großfischen. Sie verlockt zur Entdeckung von kleinen Besonderheiten, die sich oft erst auf den zweiten Blick erschließen, mit genügend Zeit und achtsamer Beobachtung: Neugierige Fische, farbenprächtige Schnecken, scheue Krabben, zarte Quallen, perfekt getarnte und verspielte Oktopusse, elegante Anemonen, viele Arten Seesterne, bunte Schwämme und Korallen lassen die große Bandbreite der Fauna erahnen.

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©Johanna Klinar

Sonnenarme Grotten und Überhänge an Steilwänden explodieren im Licht der Lampe zu einem atemberaubenden Feuerwerk an Farben und Formen. Hier besetzen langsam wachsende Schwämme, Algen, Seescheiden und Korallen jedes kleinste Fleckchen Untergrund. Hier finden sich zudem perfekte Rückzugsgebiete für viele nachtaktive Tiere.

Nicht minder faszinierend ist die Insel an Land: Iraklia gehört zu den Natura 2000 Gebieten und ist als wichtiges Vogelschutzgebiet eingestuft. Unabhängig davon gibt es eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt…

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©Johanna Klinar

Infos und links:

Ausführliche Informationen über „Elpída für Iraklia“ und Drucksorten mit meinen schönsten Naturmotiven unter www.johanna-klinar.at
www.iraklia.gr   –  Website der Insel, englisch und griechisch: kurz und bündig, informativ für Touristen.
facebook: Public groups HRAKLEIA und ΕΞΠΡΕΣ ΣΚΟΠΕΛΙΤΙΣ
Anreise: Iraklia ist mit der Fähre erreichbar. www.greek-islands-ferries.gr. Die Express Skopelítis verkehrt täglich zwischen Amorgós und Naxos und fährt dabei auch Donousa, Koufonisi, Schinoussa und Iraklia an. (Die ca. einstündige Doku „Seebären der Ägäis“ porträtiert den Kapitän der Fähre und seine Familie und zeigt Besonderheiten der einzelnen Inseln. WDR 2007) Mehrmals pro Woche Direktverbindung nach Piräus durch Blue Star u.a. Nächst gelegene Flughäfen: Náxos, Mýkonos und Santoríni/Thira.
Unterkünfte: Für Juli und August sind Reservierungen sehr empfehlenswert! Fast alle Vermieter sprechen gut Englisch, in der Villa Glafkos auch Deutsch.
www.nissomanie.de: Ein sehr umfangreicher deutscher Blog über das Inselfieber von Katharina Roller, die mit viel Herz und offenen Augen reist und liebevoll beobachtet.
Iraklia – Griechenland Reisen (www.griechenlandabc.de/iraklia/) Reiseführer, -berichte und –informationen auf deutsch
Naturwissenschaftliche Literatur von Giannis Gavalas aus Iraklia in der Reihe Wild Greece Editions: ΟΙ ΠΕΤΑΛΟΥΔΕΣ ΤΗΣ ΗΡΑΚΛΕΙΑΣ 2013 (Iraklias Schmetterlinge – griechisch), FLYING OVER THE AEGEAN 2014 – a guide to the birds of Iraklia and the nearby islets (Vogelführer – englisch; in Zusammenarbeit mit Lefteris Stavrakas, Michalis Kotsakis u.a.) Weitere Broschüren sind in Arbeit.  www.wildgreeceeditions.com.gr
https://www.naxosisland.eu/portara.html und https://www.naxos.gov.gr/webcam/iraklia/current.jpg Webcams von Naxos und Iraklia. Bei Naxos gibt es auch einen Link zu den aktuellen Schiffspositionen (live ship data)

Fotos: Johanna Klinar

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4 Gedanken zu “Iraklia – die Urheimat des Wassers

  1. jassou Johanna, toller Artikel über Iraklia. Super finde ich dein Projekt „ELPIDA“ für Iraklia . Ganz tolle Sache, mach weiter so.

    Würde mich freuen wenn du mit deinem Bilderabend „FARBENPRACHT IN DER ÄGÄIS“ mal nach Hamburg kommen würdest.

    schöne Grüße von Donousa, kv

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