Zyprischer Woyzeck

Interview mit Achim Wieland, Regisseur

Georg Büchners Woyzeck in Berlin, gespielt von zyprischen Schauspielern, inszeniert von einem Deutschen, der auf Zypern lebt. Das Ballhaus Rixdorf in einem Kreuzberger Hinterhof ist der ideale Ort für dieses Stück. Woyzeck, so der Schauspieler Marios Ioannou im Gespräch, könne man in staatstragenden Theatern vor einem Publikum in Abendgarderobe nicht glaubwürdig spielen. Hier in diesem großen, hellen Raum komme es richtig zur Geltung.

So wie man früher im Ballhaus tanzte, bewegen sich auch Woyzeck und Marie miteinander, aufeinander zu und aneinander vorbei. Es geht um die Geschichte des armen Offiziersburschen, der von der Obrigkeit tracktiert wird. Als er sich aus Geldnot der medizinischen Forschung zur Verfügung stellt und nur mehr Erben isst, wird er zum Spielball der Ärzte. Als Marie, mit der er ein Kind hat, mit einem Tambourmajor fremdgeht, bricht für Woyzeck eine Welt zusammen…

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Eure Woyzeck-Fassung ist als Zwei-Personen-Stück für die Schauspieler Marios Ioannou und Maria Kallinikou konzipiert. In welcher Form kommen die anderen Rollen darin vor?

Es kommen tatsächlich alle Rollen vor, wir haben das Stück zu fast 100% übernommen. Interessant an der Dramaturgie war, dass wir fast jeden Charakter bearbeiten mussten. Marie und Woyzeck sind als reale Charaktere auf dem Set, die anderen beiden wichtigen Rollen  – General und Doktor  – werden als Stimmen vom DJ eingespielt.

Wer spricht den Text?

Der Schauspieler Michalis Aristidou. Die Stimme ist leicht bearbeitet, aber nicht digitalisiert. Sie sollte nicht wie eine Computerstimme klingen. In Stanley Kubricks „2001-Odyssee im Weltraum“ gibt es Hal, den Bordcomputer. Der hat eine ganz ruhige und freundliche Stimme. Ich wollte den Druck darstellen, der sich durch die Figuren von General und Doktor auf die beiden Hauptdarsteller aufbaut. Es ist eine menschliche Stimme, nur ganz ohne Gefühle.

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Die Idee gefällt mir, den Machtdiskurs auf diese Weise darzustellen, die Machtkomplexe, die Woyzeck zermürben.

Genau. Die dritte wichtige Rolle ist der Tambourmajor, der ein Auge auf Marie geworfen hat. Der wird nur durch so eine Art Grollen, durch einen tiefen Basston eingespielt. Wir haben die Rolle der Marie so umgeschrieben, dass aus ihren Sätzen klar wird, was er sagt.

Das heißt, ihr habt eine Neubearbeitung gemacht?

Wir hatten den Ehrgeiz, den ganzen Text zu übernehmen, nur gegen Schluss, haben wir etwa 10% gestrichen. Bis auf die Rollen von Hauptmann und Doktor haben wir auch Dialoge in Monologe umgewandelt, zum Beispiel ist die Rolle des Andres, Woyzecks Freund, ganz in den Text von Marios Ioannou eingegangen. Da ist Vieles zwischen der Dramaturgin Christina Theodotou und Marios Ioannou in den Proben entstanden. Eines wollte ich noch zum Reduzieren sagen, zur Tatsache, ein 13-Personen-Stück in ein Zwei-Personen-Stück zu verwandeln.

Die Idee war nicht, es für ein kleines Theater zu konzipieren, sondern weil die Beziehung zwischen den beiden das Grundmotiv von Büchners Stück ist. Ich finde, der Doktor könnte ein Bäcker sein, der General könnte ein Taxifahrer oder ein Gemüsehändler sein. Die Rollen können von jedem, der einen Moment lang Autorität über einen anderen hat, gespielt werden.

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Es geht wohl mehr um die Frage von Täter und Opfer. Ist Woyzeck mehr Täter oder mehr Opfer? Oder beides? Marie ist ja auch beides gleichzeitig.

Es hat mich an vielen Woyzeck-Inszenierungen wirklich gestört, dass Marie als Nutte oder Flittchen hingestellt wird. Sie ist ein multidimensionaler Charakter neben Woyzeck. Sie ist manchmal ein Luder, sie ist die Mutter eines Kindes, dann hat sie plötzlich ihre Zweifel, dann ist sie sich ganz sicher, dann fragt sie sich nach dem Sinn, und dann sagt sie sich, ich will als Frau zu mir selbst finden. Marie ist üblicherweise nur das Luder oder die brave Mami, die daheim hockt und irgendwann einen kleinen Seitensprung macht.

Aus dieser Zwei-Personen-Struktur folgt also eine Aufwertung von Maries Rolle.

Wenn man nur zwei Protagonisten auf der Bühne hat, wird die Beziehung zwischen den beiden sehr wichtig. Marie ist nicht unbedingt öfter auf der Bühne, aber präsenter. Immer wenn sie aufs Set kommt, tritt die Beziehung von Woyzeck und Marie sofort in den Vordergrund. Der Rest sind nur Stimmen. Es geht um die Frage von Druck und Gewalt und wie viel man sich von außen aufstülpen lässt.

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Für euch ist Woyzeck also weniger ein soziales Drama, weniger ein politisches Theaterstück, obwohl man es auch so interpretieren könnte?

Der Fokus wurde auf die Beziehung zwischen den beiden verschoben. Ich bin auch kein Regisseur im klassischen Sinn, ich arbeite sehr stark multimedial. Es ist mein erster „Klassiker“, den ich in einer Multimedia-Performance zu erarbeiten versuche. Wichtig sind für mich unausgesprochene Dinge oder Dinge, die durch eingespielte Musikstücke plötzlich fühlbar werden, durch das Grollen des Außen zum Beispiel.

Der Druck ist nicht außer Acht gelassen, er wird nur abstrakt bearbeitet. Dadurch wird der Druck fast politischer, weil man nicht nur immer ans Militär erinnert wird. Der Druck wird als etwas erkannt, dem man sich entweder ergeben muss oder gegen das man ankämpfen muss.

In dem Sinn finde ich diesen Ansatz politischer, als nur die Unterdrückung Woyzecks durch das Militär zu thematisieren. Ich fand es spannend, wie man das Stück ins Heute übersetzen kann. Man muss weg von der Realität, aber die soziale Komponente wird nicht weggelassen.

Was ist deine Beziehung zu Zypern?

Ich lebe dort, das ist schon mal ein grundlegender Bezug. 1995 war ich zum ersten Mal in Athen, wo mein Interesse erwacht ist, sprachlich wie auch menschlich. Ich habe mich verliebt in die Sprache, obwohl ich sie immer noch nicht gut spreche.

2004 bin ich wieder über Freunde nach Griechenland gekommen und habe begonnen, mich mit dem Theater zu beschäftigen. Über den Kontakt zu zyprischen Schauspielern hat sich mein Lebensmittelpunkt von Zürich immer mehr nach Zypern verlagert. Ich finde es unheimlich spannend, mit mehreren Sprachen zu arbeiten.

Woyzeck auf Griechisch zu sehen, ist etwas ganz anderes als Woyzeck im Original. Mich interessiert es, unmögliche Dinge zu verbinden, also: der Woyzeck auf Griechisch, aus 13 Rollen 2 zu machen, nur mit Neonlicht zu arbeiten und mit ganz wenig Theaterlicht und eine Stimmung aufzubauen, die nur auf dem An und Aus des Lichts basiert.

Es ist eine Art schlaglichtartiges Erzählen, im Licht gefangen und im Dunkel verloren. Oder dass man Sound einspielt durch einen DJ, der auf der Bühne sitzt.

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Was hat es mit Sound überhaupt auf sich?

Sound hat für mich eine informative Funktion. Man kann sehr viel über den Ton erzählen, dann hat es auch eine absolut verführerische Qualität. Das wird klischeeartig ausgenutzt von den kommerziellen Shows, oder von Filmen, wo die Filmmusik bei spannenden Stellen eingesetzt wird.

Oder man merkt am Soundtrack, dass es romantisch wird. Selten jedoch wird der Sound so klug eingesetzt wie Bilder. Sound ist dabei verführerischer, hintergründiger und weniger offensichtlich als Bilder. Dadurch kann man das Publikum überraschen. Wir sind alle so gebildet und wissen so gut, wie Sprache und wie Bilder funktionieren.

Beim Sound sind wir weniger voreingenommen und dadurch auch weniger klischeebehaftet.Wenn man die Farbe rot sieht, weiß man, dass es gefährlich wird. Beim Sound weiß man nicht so genau, wie es klingen muss, wenn´s gefährlich wird – außer im kommerziellen Soundtrack.

Foto/Videostills: George Rahmatoulin, Alexia Roider

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