Fear Industry

Interview mit Achim Wieland, Theaterregisseur

17.-20.2. Fear Industry: Theaterstück aus Zypern im English Theatre Berlin. Drei Performer und eine Mezzosopranistin zeigen ein lebendiges Archiv der Ängste des 21. Jahrhunderts. Michaela Prinzinger sprach für diablog.eu mit dem Regisseur Achim Wieland, der seit Jahren mit zyprischen Schauspielern innovative Stücke erarbeitet. Den Trailer zu „Fear Industry„ sehen sie hier.

FEAR INDUSTRY
32 OPERATIC ACTS FOR STAGE AND REAL LIFE

Performance & Musiktheater Regie & Idee: Achim Wieland
MI-SA, Februar 17.-20., 20 Uhr [Tickets: 14 € | 8 €]
English Theatre Berlin/International Performing Arts Center | Fidicinstr. 40 | 10965 Berlin (Kreuzberg) (U6, BUS 104, 248 | Platz d. Luftbrücke am Flughafen Tempelhof)

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Fear Industry, Elena Kallinikou, Marios Ioannou, Marianna Pieretti, ©Achim Wieland

Worum geht’s in eurem Stück „Fear Industry“? Worauf basiert es?

Es geht um Angst und um die Manipulation der Angst. Zunächst gab es nur den Titel „Fear Industry“ und das Thema. Drei Performer sollten Wort und Lied einander gegenüberstellen, zwei Schauspieler und eine Mezzosopranistin. Sie zeigen, wie man der Angst etwas entgegensetzen, wie man durch die Kraft der Stimme aus dem Körper Präsenz entwickeln kann.

Du kooperierst schon seit einiger Zeit in einem Team mit den Schauspielern Marios Ioannou und Elena Kallinikou. Wie sieht eure Philosophie der Zusammenarbeit aus?

Mit Marios habe ich schon in fünf Stücken zusammengearbeitet. Für mich ist Vertrauen essentiell, und eine intime Zusammenarbeit auf Augenhöhe die Voraussetzung für gewagte, sozialkritische oder politische Projekte. Auch fällt die Arbeit an experimentelleren, kollaborativen Stücken leichter, wenn man die Gruppe der Mitstreiter klein hält. Marios und Elena haben beide großes Talent dafür, Projekte aus persönlichen Erfahrungen und aus bereits vorliegenden, aus vorgefundenen Texten mit zu entwickeln und mit zu gestalten.

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Fear Industry, Elena Kallinikou, Marios Ioannou, ©Achim Wieland

Wie seid ihr konkret dabei vorgegangen? Wie muss ich mir den Entstehungsprozess der Performance vorstellen?

Schließlich sind 32 Bruchstücke daraus geworden, 32 Aufschreie aus dem täglichen Leben. Es eröffnet sich ein interessantes Spannungsfeld zwischen den sehr realen Alltagsszenen und dem stilisierten Opernelement. Das Stück basiert auf einem Text, der im Verlauf der Arbeit entstanden ist bzw. von uns recherchiert wurde. Wir haben von Foucault über W. Reich bis Heidegger viel über das Thema Angst gelesen.

Dann haben wir begonnen, politische Reden zu analysieren. Reden, die von der Terrorismus-Angst sprechen, von der Angst, die eigenen Wurzeln zu verlieren. Diese Reden ähneln sich unheimlich, der Aufbau und die Worthülsen sind fast gleich. Wir haben im Internet und auf youtube recherchiert zum Thema Angst. Ich nenne ein Beispiel: Furcht vor Krankheiten, Furcht von Mikroben. Dahinter steckt eine ganze Industrie…

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Fear Industry, Marios Ioannou, ©Achim Wieland

Angst ist ja ein Grundgefühl des Menschen, das den Mediendiskurs sehr beherrscht. Medien schüren die Ängste der Menschen, benutzen sie, manipulieren sie.

Medien spielen eine große Rolle für unser Stück. Aus Zeitungsartikeln bleiben oft nur Schnipsel, Bruchstücke übrig, die von Angst und Gewalt, von Katastrophen und Tod handeln. Die Identifizierung mit dem Opfer führt zu Angst. Die Medien sind verkaufsorientiert, eine Nachricht muss schmackhaft, muss griffig sein und den Leser, Hörer, Zuseher anmachen. Furchterregendes ist anziehend, auf Effekt ausgerichtet, ist ein Lockmittel. Viele Nachrichten basieren auf einer Identifizierung mit der Angst.

„Fear Industry“ hat sich dann dahingehend entwickelt, dass wir sagen: Wir stellen uns der Angst, wir entwickeln die Kraft, ihr zu begegnen.

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Fear Industry, Elena Kallinikou, ©Achim Wieland

Angst ist aber auch wichtiger Faktor, der uns vor falschen Entscheidungen bewahrt, Angst ist auch ein Schutzmechanismus.

Angst bewahrt uns vor dem Tod. Wir gehen nicht gern im Dunkeln. Riecht man Feuer, läuft man weg. Instinktive Ängste schützen unser Leben. Bei Kindern hat man nur zwei Grundängste festgestellt: vor der Dunkelheit und vor der Höhe. Alle anderen Ängste sind durch Sozialisation sekundär erworben. Das Gegenteil der Angst ist ja der Mut. Beides hat mit Erziehung und Bildung zu tun.

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Fear Industry, Elena Kallinikou, Marios Ioannou, ©Achim Wieland

Angst ist ein Gefühl, das besonders in Krisen erwacht und zur Existenzangst wird. Viele haben das Gefühl, ihr Leben könne nicht so weitergehen wie bisher. Wie wirkt sich diese Angst auf das Theaterpublikum und auf die Lage des Theaters auf Zypern aus?

Es ist extrem schwierig geworden, Zuschauer anzuziehen. Selbst für 10 Euro Eintritt ist es hart, das Publikum zu motivieren. Theater ist Luxus auf Zypern. Man muss die Preise anpassen. Theater wird weniger gefördert, Kulturförderung hat sich reduziert. Die Kulturschaffenden setzen mehr auf Qualität und Synergien. Das Positive ist: Man kennt sich, man hilft bei den anderen mit, man beteiligt sich bei den anderen. Anstatt schwieriger zu werden, ist es fast leichter geworden, Leute für Kooperationen zu finden. Die Künstler sind offener geworden für Zusammenarbeit.

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Fear Industry, Elena Kallinikou, ©Achim Wieland

Wir haben es auch an unserem eigenen Projekt von „Fear Industry“ gesehen: Wir haben eine straffe Aufführung geschaffen, mit zwei Schauspielern, einer Sängerin und einer Pianistin. Auf unserer Tournee kommt dann jeweils noch ein lokaler Performer dazu, der den Angst-Aspekt des jeweiligen Ortes mit einbringt.

Wir haben erkannt: Weniger ist mehr. Die Spreu hat sich in der Krise vom Weizen getrennt. Die, die wirklich an Theater interessiert sind, sind geblieben. Die Liebe zu dem, was man macht, ist stärker geworden.

Interview: Michaela Prinzinger. Fotos: Achim Wieland.

Heute fürchten wir uns vor allem und jedem: vor Killerbienen und Pädophilen, vor tödlichen Krankheiten und Cyberspionage, vor der Vogelgrippe, dem Älterwerden und Rinderwahnsinn, Immigranten, Anthrax, Falten, Klimakatastrophe und, ja, vor Terroristen.

Das Stück wurde bei der Weltpremiere 2015 – anlässlich der Auftaktfestivitäten zur europäischen Kulturhauptstadt Paphos 2017 sowie auf dem Fringe Festival Zypern – begeistert aufgenommen.  „Fear Industry“ untersucht das Phänomen Angst und ihre organisierte Manipulation durch Wirtschaft und Politik, ihre Verbreitung durch die Medien und ihre subtile Zunahme in der gegenwärtigen Gesellschaft.

Wie wurden wir Teil dieser Angstmaschinerie, die unsere menschliche Existenz auf die Erwartung von Unglück reduziert?

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Fear Industry, Marios Ioannou, ©Achim Wieland

„Fear Industry“ verknüpft Performance, Schauspiel und Opernelemente und platziert unsere isolierte Existenz und die Manipulation unserer modernen Ängste in die musikalische Welt von Lang, Purcell, Wolf, Schumann und Pärt. Historische Reden, persönliche Geschichten, analytische Inhalte, youtube-Bekenntnisse und Alltagsszenen werden zu einer durchdringenden Mischung öffentlicher Stellungnahme und Intimität verdichtet. Dabei wird Stand-up-Performance mit stilisierten Bewegungen kombiniert, um den Drahtseilakt zwischen unseren instinktiven Ängsten und den durch unsere Umgebung manipulierten und vergrößerten sichtbar zu machen.

Achim Wieland (Regie/Idee), Dramaturgie/Text: Mit den Performern, Marios Ioannou, Elena Kallinikou, Marianna Pieretti (Mezzosopranistin), Lia Haraki (Künstlerische Beratung), Sossee Eskidjian (Bühne, Kostüme), Giorgos Lazoglou (Licht Design), Panos Bartzis (Ton/Musikalische Beratung). Mit Live-Arien, Lieder und Chorarbeiten von Lang, Purcell, Wolf, Schumann, Pärt.

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