Utopia in Progress

Ein Beitrag von Marina Agathangelidou

Vom 29. Oktober bis 1. November ist in Thessaloniki ein deutsch-griechisches Theaterstück zu sehen, das sich mit zwei brennenden Fragen beschäftigt: „Wie wollen wir leben?“ und „Wo wollen wir leben?“

Beim Theaterprojekt „Utopia in Progress“, nach Motiven aus „Die Vögel“ des antiken Komödiendichters Aristophanes, treffen sich 17 junge Menschen im Alter von 17 bis 23 Jahren aus Griechenland und Deutschland auf der Bühne und gehen zusammen auf die Suche nach dem idealen Staat – genauso wie die zwei Hauptfiguren Peisthetairos und Euelpides aus dem antiken Stück. Es handelt sich um eine Koproduktion des Jungen Theaters Konstanz und des Staatstheaters Nordgriechenland in Thessaloniki – initiiert von der Theaterpädagogin Sarit Streicher und unter der Regie von Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris.

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Die Teilnehmer sind nicht nur Griechen und Deutsche, es gibt auch gemischte Identitäten: ein Albaner/Franzose und ein in Deutschland geborener Grieche wurden dem griechischen Team zugeteilt, zwei Deutsch-Italiener und eine griechische Russin zählen zum deutschen Team. Nach Castings, Workshops und Proben in beiden Städten wurde das Stück im April 2014 in Konstanz uraufgeführt. Jetzt wird es in Thessaloniki im Theater der Gesellschaft für Mazedonische Studien gezeigt. Die Aufführungen finden vom 29. Oktober bis zum 1. November im Rahmen von „Thessaloniki – Europäische Jugendhauptstadt 2014“ statt. Außerdem wird das Projekt vom Goethe Institut unterstützt.

Geteilt zwischen Griechenland und Deutschland sind aber auch die Lebenswege und die Theaterarbeit der beiden griechischen Regisseure Tsinikoris und Azas. Tsinikoris ist als griechisches Gastarbeiterkind in Wuppertal geboren und aufgewachsen, später ist er nach Griechenland gezogen. Er hat an der Universität Thessaloniki Theater studiert, genauso wie auch Azas, der zusätzlich noch ein Regiestudium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch abgeschlossen hat. Beide waren Assistenten beim Projekt „Prometheus in Athen“ des berühmten Theaterkollektivs Rimini Protokoll (2010), seitdem arbeiten sie oft als Regie-Duo zusammen. Ihre Produktion „Telemachos – Should I stay or should I go?“ (2013, Ballhaus Naunynstrasse Berlin in Koproduktion mit dem Onassis-Kulturzentrum Athen) wurde zum Heidelberger Stückemarkt 2013 und zu AUAWIRLEBEN–Zeitgenössisches Theatertreffen Bern 2014 eingeladen und war auch zu Gast am Schauspiel Stuttgart und am Staatstheater Karlsruhe.

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Beeinflusst von ihrer Zusammenarbeit mit Rimini Protokoll arbeiten die beiden in den letzten Jahren bewusst in die Richtung eines dokumentarischen Theaters, eines „Theaters der Wirklichkeit“, wie diese starke, seit Beginn des 21. Jahrhunderts an vielen europäischen Bühnen zu beobachtende Tendenz oft genannt wird. Dabei bestimmen die Vorbereitungsphase und die Produktionsbedingungen die Problematik des Stückes wesentlich mit. Das durch kollektive Arbeit entstehende Bühnenergebnis behält und offenbart seinen Recherchecharakter. Von einem gesellschaftlichen oder politischen Thema ausgehend wird gemeinsam ein Stück entwickelt, in dem die Biografien der Beteiligten im Mittelpunkt stehen und von ihnen selbst auf der Bühne erzählt werden.

Für „Utopia in Progress“ haben Azas und Tsinikoris Themen und Motive aus „Die Vögel“ aufgegriffen und, zusammen mit den jungen Performern, auf ihre Relevanz für unsere heutige Zeit untersucht. So werden beispielsweise Themen wie Heimat und Auswanderung, Korruption, soziale Gerechtigkeit und Demokratie mit den Träumen, Wünschen und Ängsten der jungen, in Griechenland und Deutschland aufwachsenden Menschen konfrontiert. Die wirtschaftliche und soziopolitische Lage während der europäischen Wirtschaftskrise sowie die davon belasteten deutsch-griechischen Beziehungen und die in den letzten Jahren auf beiden Seiten wieder erwachten Stereotype und Vorurteile bilden neben Aristophanes einen weiteren Rahmen für die Erzählungen der jungen Schauspieler und für die Fragen, die sie aneinander auf der Bühne stellen.

Dabei kommen nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch markante Unterschiede in den Lebenserfahrungen und Vorstellungen der Performer zum Ausdruck, die deutlich die Unterschiede im politischen Klima der beiden Ländern widerspiegeln. Zugleich wird auf der Bühne ein Raum geschaffen, wo solche Vorurteile und Gegensätze in der Praxis, durch Spielfreude und Humor, überwunden werden können. Utopie bleibt so, aus der Sicht dieser jungen Menschen, immer etwas Fernes, das stark von der eigenen Lebensrealität abweicht, und dennoch immer „in Progress“ ist. Etwas, das sich erproben und vielleicht, Schritt für Schritt, trotz allem realisieren lässt. Etwas, das zweifellos zu einem besseren Verständnis erst des Selbst und dann des Anderen führt.

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UTOPIA IN PROGRESS
REGIE: Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris
PROJEKTLEITUNG / THEATERPÄDAGOGIK: Sarit Streicher
AUSSTATTUNG / BÜHNE: Stephanie Karl
VIDEO: Dagmar Donners
MIT: Christina Zacharoula Cheila, Aikaterini Glosopoulou, Stefania Kalomoiri, Angeliki
Kontou Koukouma, Paraskevi Lypimenou, Laura Milena Mohacsi, Sarah Pfundstein,
Eliana Sachpatzidis, Kerstin Schöneich, Vassiliki Tsakoumi, Eljo Bejko, Nicola Armando
Liguori, Fabiano Lorusso, Michail Pitidis, Philip Alexander Reich, Georgios Sofikitis,
Lazaros Vroulakos

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Ein Gedanke zu “Utopia in Progress

  1. Um die Utopie wirklich vorwärts zu bringen, ist hier ein interessanter Vorschlag der Grundrechtsscchutz-Initiative speziell für Griechenland:

    https://www.grundrechtsschutzinitiative.de/62,0,a-new-financial-system-for-greece,index,0.php?PHPSESSID=51ec2bb59b5dc78226cd12416aeac812

    Wenn die Akteure von utopia in progress diese Idee eines parallelen Geldsystems zum Schutz der Menschenrechte verstehen, kann eine entsprechende Petition an das griechische Parlament derzeit sehr schnell zur Verwirklichung einer humanen Gesellschaft führen – zunächst in Griechenland, dann in anderen Ländern Europas und darüber hinaus.

    Viel Glück!
    Uta Schön

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