Sprache verbindet

Artikel von Torsten Haselbauer

Deutsch boomt in der griechischen Provinz. Immer mehr junge Menschen lernen die Sprache, weil sie in Deutschland leben und arbeiten wollen. Die griechische Krise zwingt sie dazu. Torsten Haselbauer berichtet über eine engagierte Sprachlehrerin.

Katharina Schismenou packt ihre große Stofftasche mit dem Logo eines deutschen Schulbuchverlages voll mit schweren Büchern. Die 45-jährige Deutschlehrerin aus der nordgriechischen Provinzstadt Arta hat immer noch viel zu tun. Zwölf junge Menschen unterrichtet sie aktuell, Woche für Woche. Wer es sich leisten kann, nimmt bei ihr Einzelunterricht. Andere Schüler haben sich in Kleingruppen organisiert. „Das ist natürlich billiger. Jetzt achten die Eltern mehr auf die Preise für den Unterricht. Gespart wird doch überall„, das spürt auch die dynamische Katharina Schismenou.

Torsten Haselbauer, Katerina Schismenou

©Torsten Haselbauer und Katerina Schismenou

In Griechenland ist es normal, dass sich Schüler Fremdsprachenkenntnisse auf einer Privatschule, dem sogenannten „frontistirio„, aneignen. Deutsch zum Beispiel ist kein Pflichtfach in griechischen Schulen. „Wer das wählt, erhält kaum mehr als zwei Stunden Unterricht in der Woche. Das reicht natürlich nicht aus, um die Sprache fundiert zu erlernen. Deshalb gehen die Schüler abends noch regelmäßig in den privaten Unterricht„, sagt Schismenou. Hier sollen sie sprachlich fit gemacht werden für den Beruf oder das Studium im Ausland. Und nicht selten heißt der Sehnsuchtsort Deutschland.

Interview Fedder-8

Seit dem Beginn der schweren wirtschaftlichen Krise vor sechs Jahren hat Schismenou einen kleinen Deutsch-Boom ausgemacht. „Selbst hier in der griechischen Provinz wollen immer mehr junge Menschen Deutsch lernen. Sie sehen für sich keine Chance auf dem griechischen Arbeitsmarkt. Nicht heute und nicht in der Zukunft„, sagt die Deutschlehrerin.

Da ist zum Beispiel der 27-jährige Arzt Nikos Panellis, der auf eine Anstellung im Krankenhaus wartet, „die ich in der aktuellen katastrophalen Situation im griechischen Gesundheitswesen sowieso nicht bekomme„. Um sich als Arzt niederzulassen, fehlen ihm die finanziellen Mittel. „Also lerne ich Deutsch und bewerbe mich möglichst bald in Deutschland. Da habe ich doch echte Chancen. Ich möchte im meinem Alter einfach nur in meinem Beruf arbeiten. Das ist doch nichts Schlimmes„, erklärt der junge Mediziner ganz pragmatisch.

Sprachkurs mit Berliner Bank

©Frieder Schubert

Da ist auch die 17-jährige Abiturientin Maria Pappavassili, die im kommenden Jahr nach ihrem Schulabschluss auf dem griechischen Lyzeum sofort in Deutschland studieren möchte. „Am liebsten Jura und am liebsten in Berlin. Das ist doch eine coole Stadt„, sagt sie. Dafür paukt sie deutsche Grammatik und Vokabeln in der Privatschule. Sie liest deutsche Zeitungen im Internet und schaut Deutsche Welle.

„Ich versuche meinen deutschen Sprachschülern immer etwas über das Land und die Leute zu vermitteln. Deutschland ist ja viel mehr als nur gutes, schnelles Geld und Wolfgang Schäuble. Die Arbeits- und Studienbedingungen unterscheiden sich doch erheblich von denen in Griechenland. Ich weiß gar nicht, ob das den jungen Menschen überhaupt bewusst ist, wenn sie von einer Zukunft in Deutschland schwärmen. Ich fürchte nicht„, sagt die zweifache Mutter Katharina Schismenou, die ihren Job auch als eine Art griechisch-deutsche Kulturvermittlerin versteht.

Interview Fedder-6

Sie selbst ist mit ihren Eltern als Kind nach Deutschland gezogen. Ihr Vater war an der griechischen Schule in Berlin, dann in Stuttgart und schließlich in Esslingen als Lehrer angestellt. Nach zehn Jahren kehrte die Familie wieder nach Griechenland, in die Provinzstadt Arta, zurück. Die ältere Schwester lebt noch in Deutschland. Die besucht sie manchmal, wenn sie es sich leisten kann. Schismenou hat in Griechenland an der Uni Ioannina Deutsch studiert. Jetzt sitzt sie oft bis zum späten Abend engagiert in der Schule und freut sich über die Fortschritte ihrer Schüler.

Der Text ist auf www.heute.de erschienen. Fotos: Torsten Haselbauer, Michaela Prinzinger, Frieder Schubert

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