She She Pop – ein Performance-Kollektiv

Interview mit Lisa Lucassen und Ilia Papatheodorou

Das Performance-Kollektiv She She Pop ist Ende November wieder in Berlin zu sehen. Maria (Melina) Laina sprach für diablog.eu mit Lisa Lucassen und Ilia Papatheodorou, Performerin griechischer Abstammung der zweiten Generation, beide Gründungsmitglieder von She She Pop, das Ende der 90er-Jahre von Absolventinnen des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft initiiert wurde. Die genauen Aufführungsdaten im Hebbel am Ufer von „Frühlingsopfer„ und „Testament„ bis zum 29. 11. finden sie hier.

Das Frauenkollektiv She She Pop aus Berlin hat im vergangenen Sommer mit seiner experimentellen Aufführung „Schubladen“ am Athener Festival 2015 teilgenommen. Ihre Shows entwickeln und performen sie gemeinsam. Kein Regisseur, kein Autor, keine Schauspieler! Die Bühne wird zum Begegnungsort, wo sie die künstlerische Arbeit im Kollektiv als großartige Herausforderung begreifen. Sie bezeichnen sich nicht als Darstellerinnen, sondern sie stellen sich gegenseitig Aufgaben und lösen sie auf der Bühne.

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Schubladen, She She Pop, ©Benjamin Krieg

Woher stammt euer Name? Verbirgt sich eine Geschichte dahinter?

IP Es ist im Grunde ein dummer Witz, der an der Universität entstanden ist, an der wir in den Neunziger-Jahren studiert haben. Da gab es ein studentisches Festival, wo wir eine kleine Show gemacht haben. Alle waren in Cocktailkleidern und die Männer trugen Bärte. Da haben wir die Musik von ZZ Top gesungen und gespielt und kleine Videos von uns mit Bärten gemacht. Wir haben uns also in einem männlichen Kontext bewegt, haben vor dem Kiosk Bier getrunken, wo Männergruppen zusammenstanden. Wir haben uns darunter gemischt, es war eine Art Drag Queen-Performance. Als Antwort auf „ZZ Top“ ist unser Name „She She Pop“ entstanden.

ZZ Top

Was eure Performance „Schubladen“ betrifft: Ist es ein Heimatkundebuch von ost- und westdeutscher Geschichte? Wie genau könnte man es beschreiben?

LL Nicht schlecht. Heimatkundebuch könnte man tatsächlich sagen. Also, die Frage, die wir gestellt haben, ist: “Wie bist du die Frau geworden, die du heute bist?” Heimat und Heimatkunde hat einen wichtigen Anteil daran. Das, was man gesagt bekommen hat, das ganze Umfeld, die Institutionen oder Strukturen, in denen man aufgewachsen ist. Das ist prägend, und das ist sehr unterschiedlich im Osten und im Westen.

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Schubladen, She She Pop, ©Benjamin Krieg

Also, im Wesentlichen wird die Bühne zu einem Begegnungsort zwischen dem Osten und dem Westen. Es geht also um Erfahrungen von deutschen Frauen, die im Osten bzw. im Westen aufgewachsen sind.

IP Ja, deswegen geht es in unserer Arbeit viel um die Frage: Was ist Subjektivität auf der Bühne? In der Kunst ist das Theater der Ort, wo Subjektivität entsteht. Als Thespis als individueller Schauspieler aus dem Chor der griechischen Tragödie herausausgetreten ist und das erste Mal „Ich“ gesagt hat, ist das erste Mal ein Subjekt in der Kunst erschienen. Diese Frage zieht sich durch unsere ganze Arbeit. Also, in „Schubladen“ wird das dargestellt, was wir unsere Subjektivität nennen. Und diese Subjektivität entsteht aus unserem Dasein als politische Subjekte. Wir sind Objekte politischer und sozialer Einflüsse. Subjektivität ist nicht etwas, was innerlich automatisch da ist, sondern etwas, was gemacht wird. Es ging uns um geschichtliche Wahrheit. In Deutschland hatte man die Situation, dass zwei große politische Systeme lange miteinander und nebeneinander existiert haben. Und dann hat ein System das andere übernommen.

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Schubladen, She She Pop, ©Benjamin Krieg

Fußt „Schubladen“ auf euren eigenen Erfahrungen und Erlebnissen? Hat die Performance mit autobiografischem Theater zu tun?

LL Ja, schon. Die Autobiografie liefert quasi das Futter, den Text. Es besteht im Wesentlichen aus Stückwerk. Man erfährt nicht, wer die eine Person oder die andere ist. Wir haben uns ausgerechnet, dass in „Schubladen“ sechs Performerinnen spielen. Das Stück dauert zwei Stunden, das heißt, das macht zwanzig Minuten pro Person. Man lernt die Leute nicht als Personen kennen, sondern ihre Charakterzüge…

IP Ich möchte noch was hinzufügen… Also, Autobiografie interessiert uns nicht an sich, sondern nur so weit, wie sie uns hilft, um zu einer Sprechhaltung zu kommen. Denn wir haben keinen Text. Wir gehen nicht von literarischen Texten aus, von Dramenliteratur oder so. Und deswegen ist Autobiografie nur eine von vielen Methoden, um an einen Text zu kommen. Eigentlich geht es uns mehr um Subjektivität als um Autobiografie.

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Testament, She She Pop, mit Ilia und Theo Papatheodorou, ©Doro Tuch

Man könnte die Texte in „Schubladen“ als provozierend empfinden. Provozierend, was die Themen und den sprachlichen Ausdruck betrifft. Da gibt es aber auch Humor und Ironie, oder?

IP Ja, wir provozieren uns selbst. Das ist eine Technik, die wir uns bei den Proben angeeignet haben. Dass wir mit einem fremden Blick auf die anderen Deutschen gucken. Dass man so tut, als wäre das einem nicht verständlich. Also, wir fangen ganz einfach an. Wir sagen: “Stop! Erkläre! Definiere!” Was du zum Beispiel mit dem Wort „Kapitalist” meinst. Erkläre, was du denkst, wenn du jemanden „Kapitalist“ nennst. Also, definiere… Und es war bei den Proben interessant zu beobachten, dass die Unterschiede ganz oft in der sprachlichen Prägung liegen.

LL Oder es gibt verschiedenen Definitionen für ein und denselben Begriff.

IP Genau. Die unterschiedlichen Prägungen beeinflussen das Denken. Das klingt natürlich streitbar. Du hast es „provozierend“ genannt. Es geht jedoch um eine formale Auseinandersetzung.

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Frühlingsopfer, She She Pop, Ilia und Irene Papatheodorou, ©Doro Tuch

Das heißt, Ton und Licht helfen bei dieser Auseinandersetzung?

LL Das Licht dirigiert den ganzen Abend den Blick des Zuschauers, damit man weiß, wer spricht… Auch der Ton ist wichtig, da wir nicht dezidiert die anderen Darstellerinnen ansprechen. Damit wir auch mit dem Rücken zum Publikum sprechen können und trotzdem verstanden werden.

IP Es ist – im Gegensatz zu Dialog – ein Polylog von sechs Frauen. Die größte Errungenschaft in den Proben war Folgendes: Am Anfang haben wir alle in einer Reihe gesessen und haben zum Publikum gesprochen. Das war seltsam. Und nicht wirklich wichtig. Und es hat sich keine Auseinandersetzung eingestellt. Doch dann haben wir angefangen, uns jeweils in Paaren – in Ost- und Westpaaren – zusammenzusetzen und zu sagen „Ich habe dir etwas mitgebracht“. Und dann haben wir dieses Material als Beweisstück oder als Gegenstand, über den man diskutieren kann, eingesetzt.

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Frühlingsopfer, She She Pop, Ilia und Irene Papatheodorou, ©Doro Tuch

Ich glaube, das ist beim Publikum gut angekommen. Das habt ihr auf eine originelle Weise ausgedrückt und interpretiert. Was sind eure nächsten Projekte?

IP Im November wird „Testament“, ein Stück mit unseren Vätern, in Berlin gezeigt. Das ist unser großer internationaler Durchbruch gewesen. Dann haben wir ein Stück mit unseren Müttern gemacht, mit Musik von Strawinsky. Das ist ein Tanz- und Videostück geworden, „Frühlingsopfer“, mit dem wir immer noch auf Tour sind. Außerdem haben wir uns Brechts Lehrstücke vorgenommen. Im März nächsten Jahres kooperieren wir dann mit den Münchener Kammerspielen mit „50 Grades of Shame“.

Interview: Maria (Melina) Laina, Fotos: Doro Tuch, Benjamin Krieg.

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