GREXIT

Interview mit Otsis, Schmuckdesigner

Griechenland hat gewählt, die Politiker mögen die gleichen oder andere sein. Was bleibt, ist Kultur und Kreativität. Der Schmuckdesigner Otsis kommentiert auf seine Weise die Diskussionen um den Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, ein Szenario, das in der Presse immer wieder als Gespenst umgeht. Mehr zu Vassilis Tsoutsoplidis erfahren Sie im diablog-Personenlexikon „Who is who“.

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Wie bist du auf die Idee gekommen, eine „Grexit“-Schmuckserie zu entwerfen?

Der Auslöser waren nicht nur Zeitungsartikel oder die Fernsehkanäle, die ständig Gefährdungsszenarien entwarfen, sondern das frische Bild, das ich von der Straßen Thessalonikis in Erinnerung hatte, wo ich studiert habe. Ich sah Menschen, die nicht nur in Abfalleimern wühlten, sondern direkt daraus aßen, was sie finden konnten. Das war ein Bild, das ich in meinem Heimatort Metsovo so noch nie gesehen hatte. Widerstreitende Gefühle kämpften in meiner Brust, verschiedenste Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich begann mir über junge Leute wie mich selbst Gedanken zu machen und über die noch jüngeren. Aber auch über meine Eltern und die noch ältere Generation. Ich war traurig, aber gleichzeitig auch wütend.

All das hat, glaube ich, in der Schmuckserie seinen Ausdruck gefunden. Sie zielt darauf ab, jeden europäischen Bürger zum Nachdenken zu bringen. Mir war klar, dass Gold- und Silberschmiede normalerweise keine „politischen“ Themen wählen. Das war für mich eine zusätzliche Motivation. Daher habe ich mit dieser Grundidee an der Ausstellung „Mythen“ in Berlin und Hamburg teilgenommen, weiter geführt habe ich sie mit dem Schmuckstück „Europäische Entfremdung“, das ich im Rahmen der Ausstellung „Symbols“ im Gazi-Kulturzentrum in Athen ausgestellt habe.

Schmuckkünstler scheuen sich oft davor, zu gesellschaftlichen Themen Stellung zu beziehen, dafür kritisiert oder sogar stigmatisiert zu werden. Für mich wurde all das zweitrangig, weil ich in erster Linie den Gefühlen und Gedanken Ausdruck verleihen wollte, die mich beschäftigten. Ich wollte mich mit den Edelmetallen dem Publikum mitteilen.

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Wie gehst du als Künstler vor und welche Materialien verwendest du?

Ich mage es, wenn meine Freunde, meine Kunden und auch Zufallsbekanntschaften – aktiv oder passiv – an der Entstehung einer Idee mitwirken. Als ausgebildeter Gold- und Silberschmied habe ich den Umgang mit allen Metallen, mit Mineralien und synthetischen Edelsteinen gelernt. Ich beherrsche über 15 verschiedene Goldschmiedetechniken und habe nicht nur Edelmetalle verwendet, sondern auch alternative Dinge wie Holz, Knochen oder Kunststoffe. Für mich ist der Entwurf vorrangig und die Energie, die vom Material ausgeht. Jedes Material hat seine eigene Schönheit, der Künstler muss damit experimentieren und sie durch richtige Verarbeitung ans Tageslicht bringen.

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Was heißt eigentlich „Otsis“?

Das war der Spitzname meines Vaters, der Panagiotis hieß. Den habe ich als Erstgeborener „geerbt“, außerdem ist er bei uns in der Gegend verbreitet. Und er ist auch kürzer und bequemer zu verwenden als Vassilis Tsoutsoplidis. Deshalb habe ich mich mit großer Freude so genannt!

Wie kam es dazu, dass ein deutscher Obdachloser mit deinem Schmuckstück fotografiert wurde?

Loukia Richards, die in Berlin und Hamburg die Schmuckausstellung „Mythen“ organisiert hatte, initiierte eine Fotoserie, in der keine Models, sondern ganz normale Leute die Schmuckstücke tragen. Mein Wunsch war, Menschen, die auf der Straße leben und nichts mehr besitzen, zu fragen. Frank, ein ehemaliger Seemann aus Hamburg, konnte das Konzept, das dahintersteht, nachvollziehen und war mit der Aufnahme einverstanden. Die Messer symbolisieren den „Haircut“, die Beschneidung aller Bedürfnisse. Speziell für dieses Collier hatte ich fünf junge Leute befragt: „Was hast Du persönlich durch die Krise verloren?„. Ihre Antwort habe ich auf die silbernen Messerklingen des Halsschmucks graviert: Hoffnung/ Kreativität/ Arbeit/ Würde/ Traum.

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©Christoph Ziegler

Welche Rolle spielen die Drachmenstücke?

Das Metallgeflecht und die Drachmenmünzen verweisen auf die griechische Wirtschaftssituation. Sie symbolisieren die „Netzwerke“ der internationalen Wucherer und die, wie einige glauben, mögliche Rückkehr zur Drachme. Als Bestandteile des Schmuckstücks sind die Münzen vergoldet. Dafür könnte man zwei Begründungen anführen, zum einen betont man damit ihren musealen Charakter, zum anderen glänzen sie für die Nostalgiker, die sich nach ihrer Rückkehr sehnen.

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Wie kam’s zur „Europäischen Entfremdung“?

Auf dem Medaillon sind 11 goldene Sterne auf einem Stacheldraht kreisförmig angeordnet, sie symbolisieren die Mitgliedsländer der Europäischen Union. Zwischen ihnen ragen die Spitzen und Dornen des Stacheldrahts hervor und verkörpern die Entfremdung. In der Mitte des Kreises liegt der 12. Stern, Griechenland, geschunden, isoliert und dem scharfen Stacheldraht direkt ausgesetzt.

Fotos: Christoph Ziegler

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