Orpheus in der Oberwelt: Eine Schlepperoper

Theaterrezension von Marina Agathangelidou

Orpheus und Frontex, Thrakien und Oranienplatz, Flüchtlinge und Vögel, Schlepper und Opernsänger, das Ende und der Anfang von Europa. In der neuen Performance des internationalen Künstlerkollektivs andcompany&Co., die letzte Woche (10.–13. Oktober) ihre Premiere am HAU (Hebbel am Ufer) in Berlin hatte und demnächst in Graz, als Teil des diesjährigen Festivals „steirischer herbst“ aufgeführt wird, trifft der Mythos von Orpheus, sowie Monteverdis berühmte Oper L’Orfeo aus dem Jahr 1607, auf die aktuelle europäische Flüchtlingspolitik: An der EU-Außergrenze im Südosten, dort, wo der Fluss Evros (türkisch: Meriç) Griechenland von der Türkei trennt und wo in den letzten Jahren Tausende von Menschen bei ihrem Versuch, „illegal“ nach Europa einzuwandern, ums Leben gekommen sind. Aber auch mitten in Europa, in Berlin-Kreuzberg, dort, wo im Herbst 2012 Flüchtlinge ein Zeltlager errichtet haben und auch nach seiner Räumung um ihre Existenz kämpfen.

Dabei greift andcompany&Co in dieser Performance die Fragen wieder auf, mit denen sie sich schon in ihrer älteren Arbeit EUROPE AN ALIEN (Premiere in Amsterdam 2005, es folgten Aufführungen in Düsseldorf und Frankfurt am Main) befasst haben. 2004 hat das Kollektiv einen Workshop in der griechischen Kleinstadt Soufli am Fluss Evros gegeben, im Rahmen der von Helene Varopoulou geleiteten Sommerakademie „EXILES NOMADS REFUGEES“ des Nationaltheaters Griechenlands, 2005 sind sie nochmals in diese Region gereist, um ihre Recherchen weiterzuführen.

In diesen Fluss, Evros, wurde einst, der antiken Mythologie zufolge, Orpheus’ Kopf und Lyra geworfen, nachdem er, aus der Unterwelt zurückgekommen, von den Mänaden, Anhängerinnen des Dionysos, zerrissen wurde. Denn er hatte Apollon und nicht Dionysos geehrt und einen ähnlichen Tod wie Pentheus in den Bakchen gefunden. An die Ufer desselben Flusses wurden in der jüngsten Vergangenheit unzählige leblose Körper geschwemmt. In der Region ist ein militärisches Sperrgebiet mit Grenzzäunen und Minenfeldern entstanden. Die Außengrenzen der EU sollen überwacht und vor Kriminalität und illegaler Migration geschützt werden, zentraler Akteur ist dabei seit ihrer Gründung 2004 die Grenzschutzagentur Frontex.

Ihre Operationen tragen meist die Namen antiker Götter: Hermes, Poseidon, Hera, Xenios Zeus. Europas Grenze sei dadurch zur einer extrem hierarchischen, ja zur „undemokratischsten Institution Europas“ geworden, so der griechische Soziologe Vassilis Tsianos, der an der Universität Hamburg lehrt und zum Publikumsgespräch im HAU eingeladen war. Menschen werden also in zwei Kategorien unterteilt: Diejenigen, die sich den legalen Grenzübertritt leisten können, und diejenigen, die sich ihn eben nicht leisten können und auf eigene Gefahr agieren. Es geht also um Zahlungsfähigkeit und/oder Gewalt. Paradoxerweise ist dieses Gebiet zugleich ein Vogelschutzparadies. 312 verschiedene Vogelarten nisten hier und dürfen – anders als die Flüchtlinge – frei passieren.

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Eine bunte Heterogenität herrscht auf der Bühne. Performer, darunter ein Bariton und ein Tenor, die sich als Schlepper-Moderatoren vorstellen und die später ihre großen Vogelmasken aufsetzen. Musiker sind auch dabei, Gluck und Monteverdi erklingen, oder auch neuere Töne und Beats. Von „menschlichen Objekten“, die transportiert und gehandelt werden, ist hier die Rede – dabei sei dieses Geschäft „nicht schmutziger als irgendein anderes Geschäft“, wie mit Brechtscher Ironie betont wird. „Normal grausam“. Doch auch von exotischen Vogelarten wird berichtet, die von Hobbyornithologen, Fernglas in der Hand, betrachtet, identifiziert und den Behörden gemeldet werden: Das Vogelparadies entlarvt sich als Kontrollgebiet.

Das Theater von andcompany&Co. ist – inhaltlich wie auch formal – ein Theater der Assoziationen, der Verknüpfungen, der Grenzüberschreitungen und Grenzverschiebungen, einer ständigen Bewegung, eines Hin und Her zwischen den Diskursen und den historischen Epochen. Doch besitzt diese szenische Collage, in Orpheus in der Oberwelt sowie in früheren Arbeiten, eine hohe spielerische Qualität, eine ernsthafte Leichtigkeit. Ebenso deutlich ist ein Drang nach Fragen, die immer eine Selbstbefragung einschließt.

Im Zentrum wie am Ende des Stückes bleibt die Frage nach Europa und seinen Werten, die heutzutage aufs Spiel gesetzt werden. Europa sollte sich, wie Orpheus beim Aufstieg in die Oberwelt, umdrehen und auf seine Vergangenheit zurückblicken, auf eine Zeit, als die Menschen nicht nach, sondern meist aus Europa flüchteten. In der Performance wird Ironie mit Erinnerungskunst verknüpft, und Offenheit, Vielfalt und Verschiedenheit gefeiert – statt Homogenität und Integration. „Europa ist ein Mädchen mit Bart“! Eine fröhliche Anspielung auf die Gewinnerin des letzten Eurovision Song Contests, Conchita Wurst, und zugleich eine artikulierte, von einem Performer ausgesprochene Utopie: „Wenn Europa eine Frau ist, dann ist aber bitte auch jeder eine Frau, der eine Frau sein will. Wenn Europa eine Frau ist, dann ist aber bitte auch jeder Europa, der Europa sein will.“

Foto: © Jan Brokof / João Loureiro.

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Weitere Aufführungen:

steirischerherbst, Graz
17.10. – 18.10.2014

Ringlokschuppen Ruhr, Mülheim a.d. Ruhr
08.11.2014

Mousonturm, Frankfurt
28.11. – 30.11.2014

Theater im Pumpenhaus, Münster
28.01.2015

Forum Freies Theater, Düsseldorf
30.01. – 31.01.2015

Hippodrome, Douai (F)
03.02. – 04.02.2015

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