Schunkeln erlaubt

Interview mit Markos Koumaris, Musiker

Anlässlich eines Konzertes der griechischen Gruppe „Locomondo“ im Berliner Club Bi Nuu traf diablog.eu den Leadsänger Markos Koumaris. Die Raggae-Truppe gilt als eine der heißesten und erfolgreichsten Live-Bands Griechenlands. Das Stichwort gibt die Coverversion der Gruppe von Udo Jürgens´ Klassiker „Griechischer Wein“.

Udo Jürgens hat sich während eines Griechenlandaufenthalts Anfang der Siebziger-Jahre zur Musik von „Griechischer Wein“ inspirieren lassen. Dann wartete er zwei, drei Jahre auf einen passenden Text dazu, den schließlich Michael Kunze lieferte. Udo Jürgens wollte keinen typischen Griechenlandtext mit Piräus und blauem Meer, und schließlich ließ sich Michael Kunze von den griechischen Gastarbeitern im Ruhrgebiet inspirieren. Warum habt ihr das Lied “Griechischer Wein” von Udo Jürgens auf eure Art aufgegriffen und neu interpretiert?

Mein Vater war selber Migrant aus Italien. Meine Urgroßeltern stammten aus der griechischen Minderheit in Italien. Er selber konnte gar kein Griechisch, er war als Italiener aufgewachsen. Kurz vor dem 2. Weltkrieg kam er mit seiner Mutter nach Athen. Ich bin also mit dem Gefühl des Fremdseins aufgewachsen und weiß, was es bedeutet. Als ich dann in Deutschland studiert habe und Söhne und Töchter der 2. Auswanderergeneration kennengelernt habe, habe ich ihre Geschichten gehört. Auch in Griechenland wurden viele Lieder geschrieben, die mit diesem Thema zu tun haben.

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Von Stelios Kazantzidis zum Beispiel, aber auch von Tsitsanis, von dem ihr eine Coverversion auf der letzten Platte habt. Das Thema Fremdsein und Migration ist ja heute besonders aktuell…

Das Thema hat mich immer schon fasziniert. Und als ich das Lied „Griechischer Wein“ gehört habe, dachte ich: Das machen wir. Treffender als Udo Jürgens kann man das gar nicht ausdrücken. Und dass so ein Lied von deutscher Seite kommt, zu einer Zeit, als die Migranten, die Gastarbeiter etwas total Fremdes und Unbekanntes waren für die Leute, zeugt von großer Warmherzigkeit und von großer Weitsicht. In mir hat dieses Lied ein intensives Gefühl von Zusammengehörigkeit, von Gemeinsamkeit erzeugt. Wenn man es hört, dann rührt es einen bis heute.

Der Text ist wirklich schön.

Immer aus dem Blickwinkel der Siebziger-Jahre natürlich. Heute würde man es anders ausdrücken. Unsere sechzehnjährigen Fans wissen vermutlich gar nicht mehr, was eine Jukebox ist. Viele fühlen sich vielleicht an Bierzeltatmosphäre erinnert, an die schlechten Seiten des Schlagers.

Udo Jürgens ist ohne Zweifel ein toller Chansonnier.

Udo Jürgens ist für mich der Sinatra Deutschlands und Österreichs. Normalerweise höre ich keine Schlager, aber wenn er im Fernsehen oder im Radio auftritt, höre ich ihm mit großem Respekt zu.

Wie man aus deinen CD-Aufnahmen sieht, greifst du auch eine ältere griechische Musiktradition auf, Rebetiko zum Beispiel. Andere Gruppen machen das auch, wie etwa Imam Baildi oder auch Giannis Aggelakas, der Blixa Bargeld Griechenlands. Aggelakas greift in einer seiner letzten Platten auf kretische Musik zurück, also eine genuin griechische musikalische Überlieferung, die aber kombiniert wird mit neueren Musikstilen, mit Elektrobeats oder mit Reggae. Wie siehst du diese Entwicklung?

Das ist irgendwie unvermeidlich, weil das sind die „roots“. Du musst dir vorstellen, diese Musik ist sehr alt. Wenn alte Musik die Jahre überdauert, zeugt das von Qualität. Es ist die Crème de la crème, die übrig bleibt. Es sind Gärungsprozesse von über fünfhundert Jahren. Andererseits sind es Musikstile, die auch wieder durch eine Mischung entstanden sind. Nach der „kleinasiatischen Katastrophe“, wie man in Griechenland sagt, nach den griechisch-türkischen Kriegen in den Zwanziger-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, hatten beide Regierungen eine große Anzahl von Menschen zur Emigration gezwungen. So kamen viele Griechen von der Türkei nach Griechenland und viele Türken aus Griechenland in die Türkei.

Diese Umverteilung der Population hat zu einer Neuformierung der Kultur geführt. Kulturen haben sich neu verbunden zu neuen Stilen. Rebetiko ist eine Mischung aus der Kultur Kleinasiens und der Musik Griechenlands plus arabische Elemente, die über die Häfen ins Land kamen. Die Musik war ein Schmelztiegel, der kongenial funktioniert hat. Jede Band interpretiert das jetzt anders. Also, ich bin ein großer Fan von Volksmusik in ihrer urigen Art. Mir gefällt Musik, die einfach strukturiert ist und einfache Texte hat, und damit meine ich Texte, die man sofort versteht. Die Rebetiko-Texte sind einfach strukturiert und trotzdem intensiv. Sie sprechen von alltäglichen Dingen, sie sagen zum Beispiel nicht: Dein Blick ist wie eine duftende Rose. Sondern sie sagen: Ich kam in dein Viertel und deine Fenster waren zu.

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Sie sprechen also nicht in Metaphern.

Sie sprechen so, wie ein einfacher Mensch seine Liebe äußern würde. Das gefällt mir sehr, und das habe ich auch in meinen eigenen Texten übernommen. Das ist auch ein typisches Element der Reggae-Musik.

Ist es das, was die griechische Tradition mit dem Reggae verbindet?

Auch die Zwangsemigration ist ein gemeinsames Element. In Jamaika ist die Musik das Produkt einer erzwungenen Emigration von Afrikanern, die gegen ihren Willen ihr Land verlassen mussten, um woanders zu arbeiten, als Sklaven in dem Fall. Doch sie haben ihre eigene Musik mitgebracht, ihre Trommelkultur, ihre Kulte. Die Kombination mit der westlichen Musik führt zu so fantastischen Ergebnissen wie in der kubanischen, in der jamaikanischen, in der brasilianischen Musik.

Außerdem geben beide Richtungen, die griechische wie die jamaikanische Musik, den gesellschaftlichen „outlaws“ eine Stimme. Die Leute, die sie zuerst gespielt haben, standen außerhalb des sozialen Netzwerks. In Jamaika entstand sie im Ghetto von Kingstown, das Rebetiko entstand in den „tekedes“, in den Haschischhöhlen. Selbst das Mitführen einer Buzuki war ein krimineller Akt. Es zeigte, dass man ein potenzieller Verbrecher war. Genauso hat später der Rap in den USA angefangen. Ich finde, alle diese Musikstile haben etwas sehr Kraftvolles, es war der einzige Weg für diese Menschen, sich auszudrücken.

Ganz wie der Jazz in seinen Anfängen. Aber noch mal ein ganz anderes Thema: Was ist eigentlich deine spezielle Beziehung zum deutschsprachigen Raum?

Ich hatte das Glück, zweisprachig aufzuwachsen. Meine Mutter ist Griechin, aber sie war Deutschlehrerin am Goethe-Institut. So habe ich von klein auf Deutsch gesprochen. Als ich dann später in Freiburg erst Biologie und dann Jazzgitarre und Gesang studiert habe, habe ich mein Deutsch perfektioniert. Jetzt, nach zehn Jahren Abstinenz, ist vieles wieder verloren gegangen. Ich habe in Deutschland viele Dinge kennengelernt, die ich sehr schätze, und Leute getroffen, die ich sehr bewundert habe. Ich habe Freunde gewonnen und Beziehungen zu Frauen gehabt, an die ich sehr schöne Erinnerungen habe.

Hast du den Beruf des Biologen je ausgeübt?

Nein, weil ich habe sofort in vielen Bands gespielt, von Punk bis griechischer Volksmusik, in Big Bands, Zigeunerswing, Bossanova, alles Mögliche. Und dann habe ich als Musiklehrer gearbeitet. Schließlich musste ich meinen Militärdienst in Griechenland ableisten, aber mit dem Gedanken im Hinterkopf, wieder hierher zurückzukommen. Aber dann wurde die Band Locomondo gegründet, die sehr schnell großen Erfolg in Griechenland hatte. So bin ich in Griechenland geblieben.

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Ihr feiert ja dieses Jahr euer zehnjähriges Jubiläum. Wie siehst du die Veränderungen in eurem musikalischen Werdegang? Hat sich die Zusammensetzung geändert im Verlauf der Jahre?

Veränderungen gab es schon, aber die Zusammensetzung hat sich nicht wesentlich geändert. Es ging nach dem Bruce Springsteen and die E Street Band-Prinzip: Die gleichen Leute aus dem gleichen Dorf blieben zehn Jahre zusammen. Die Freundschaft zwischen uns war für mich sehr wichtig.

Ich wollte noch nach deinen Texten fragen. Siehst du sie weniger als Poesie und mehr als Gebrauchslyrik? Als unmittelbaren Ausdruck von Gefühlen?

Ich will in einer Sprache schreiben, die alle Menschen verstehen. In Griechenland ist es zur Zeit sehr gängig, in einer komplizierten Form zu schreiben, damit es als anspruchsvoll angesehen wird. Das hat so einen pseudokulturellen Touch, den ich immer schon zum Kotzen fand. Ich war mit dem Rebetiko und mit dem Reggae immer auf einer anderen Schiene.

Schreibst du auch Texte auf Deutsch?

Ja, aber ich finde, um wirklich gute Texte schreiben zu können, muss man in diesem Land wohnen. Damit man genau hört, wie der Busfahrer spricht, wie der Taxifahrer spricht, wie der Kioskbesitzer spricht. Das ist das Wichtige. Man sollte in Liedern nicht als Intellektueller reden. Man muss so schreiben, dass es auch ein Kind versteht. Das hat schon Bob Marley gesagt.

Noch ein Wort zu eurem Bandnamen?

Loco heißt auf Spanisch „verrückt“, mondo auf Italienisch „Welt“. Also, verrückte Welt, im guten wie im schlechten Sinne.

Fotos entnommen von: www.locomondo.gr

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