Lesbos: Im Brennpunkt der klassischen Musik

Interview mit Kiveli und Danae Dörken

16.-19. August 2016 findet das 2. Internationale Musikfestival in Molyvos auf der Insel Lesbos statt. Die beiden charmanten Intiatorinnen, Kiveli und Danae Dörken, haben mit Michaela Prinzinger gesprochen und die Hintergründe und ihre neuen Pläne erörtert.

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Kiveli und Danae Dörken, ©Amanda Holmes

Wie keine andere griechische Insel steht Lesbos im Brennpunkt des Medieninteresses – nur eben beschränkt auf eine politisch fokussierte Berichterstattung. Anfang April präsentierten Kiveli und Danae, begleitet von einem Teil des Festivalteams und ihrer energischen und engagierten Mutter, im Berliner Radialsystem und an der Clara-Schumann-Musikschule in Düsseldorf einen Rückblick auf das erste und einen Ausblick auf das zweite Festival klassischer Musik in Molyvos. Im Zuge dessen wurde ein Dokumentarfilm von Vangelis Efthymiou über „Metamorphosen„, das letztjährige Festival, gezeigt. Den Teaser zum Dokumentarfilm finden Sie hier:

Im August 2016 wird das Thema „Crossroads„ sein. Im Mittelpunkt stand 2015 die Möglichkeit, sich durch Kunst immer wieder zu verändern und neu zu erfinden, und 2016 die Botschaft, nicht nur am Kreuzungspunkt von Kulturen zu stehen, aber auch im Brennpunkt aktueller politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen. Die beiden Gründerinnen setzen dort an, welche Möglichkeiten die klassische Musik aufzeigen kann, neue Perspektiven für die wunderschöne, aber vom Schicksal gebeutelte Insel zu entwickeln.

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Molyvos, ©Pantelis Thomaidis

Wie passen das heutzutage von Flüchtlingsproblematik und Touristenschwund geplagte Lesbos und klassische Musik zusammen?

Kiveli: Seit meiner frühesten Jugend bin ich immer wieder nach Lesbos gekommen. Meine Schwester Danae und ich haben dabei festgestellt, dass die klassische Musik nicht wirklich auf der Insel bekannt und präsent ist. Uns war aber klar, was für ein fantastischer Ort sie für klassische Musik wäre. Das war unsere Motivation: die klassische Musik an einen Ort zu bringen, wo sie bis dahin kaum existiert hat.

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Festival Molyvos 2015, © Stratis Kouniaris

Was sind eure biografischen Wurzeln in Lesbos?

Danae: Unser Großmutter mütterlicherseits kommt aus Molyvos. Von klein auf sind wir in den Sommern zu ihr gefahren, daher ist Lesbos ein Teil unserer Sozialisation. Es ist für uns mit „Ferien„ verbunden, mit einem Gefühl des Genießens und der Freude. Unser professionelles Leben und unsere Ausbildung als klassische Musikerinnen sind sehr stark von Deutschland geprägt. Wir wollten diese beiden „Lebensgefühle„ und Erfahrungen miteinander verbinden.

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Danae und Kiveli Dörken bei der Präsentation im Radialsystem Berlin am 4.4.2016

Erzählt uns etwas von den „zwei Seelen in eurer Brust„. Was ist Griechisch, was ist Deutsch an euch? Wir erlebt ihr das im Alltag und in der Musik?

Danae: Wir sind in Deutschland aufgewachsen, dort sieht man uns als Griechinnen und in Griechenland gelten wir als Deutsche. Man nimmt also immer das abwesende Element wahr. Wir sind z. B. beide ziemlich laut und temperamentvoll, was in Deutschland auffällt. Und in Griechenland nimmt man die deutsche Seite, Pünktlichkeit und Ordentlichkeit, stärker wahr. Wir empfinden es aber als großes Privileg, diese beiden Seiten in uns zu haben. Es macht uns weltoffener und gibt uns mehr Möglichkeiten der Weiterentwicklung, wenn man zwei – so wichtige, aber auch so unterschiedliche – Kulturen in sich vereint.

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„Straßenmusik„ in Molyvos, ©Daniel Schröter

Was kann in einer Krisensituation das „Kathartische„, das „Reinigende„ an der klassischen Musik sein?

Kiveli: In einer Krise ist es besonders wichtig, die Kultur nicht zu vergessen. Kultur ist eine Notwendigkeit in einer solchen Situation. Sie bietet die Möglichkeit, die Seele zu reinigen. Die klassische Musik kann das leisten, weil sie selbst auf einzigartige Weise „rein„ ist. Sie ist so wie am ersten Tag, an dem sie komponiert wurde. Man kann sie nicht zerstören oder verunreinigen. Daher strahlt sie eine Kraft aus wie – meiner Meinung nach – nichts Anderes auf der Welt. Sie ist immer neu interpretierbar. Sie ist individuell und doch global gültig und spricht dadurch jeden an. Immer, wenn Menschen in einer existenzbedrohlichen Notlage waren, haben sie bei Kunst und Kultur Zuflucht gefunden.

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Festivalteam 2015

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit deutschsprachigen Künstlern für euer Festival?

Danae: Unser Netzwerk ist natürlich stark deutsch geprägt. Unsere biografische deutsch-griechische Komponente wollen wir auch im Festival sichtbar machen. Denn diese Symbiose ist einfach gut. Daher ist es kein Zufall, dass viele deutschsprachige Künstler mitwirken. Aber es machen auch Kollegen aus Asien und den USA mit.

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„Straßenmusik„ in Molyvos, ©Daniel Schröter

Was war der Auslöser für die Festival-Idee?

Kiveli: Die Idee gab es schon so lange, als wir klassisch Musik auf professioneller Ebene spielen. Sie war im Grunde nicht unbedingt mit der aktuellen Situation verknüpft. Für Danae und mich war es einfach der Kulminationspunkt einer bestimmten Entwicklung. Für andere aus dem Festivalteam hat es mehr mit der politischen Lage zu tun. Der Wunsch bestand schon länger. Und je älter wir wurden, desto stärker haben wir die Verantwortung empfunden, etwas zu unternehmen. Dimitris Tryfon, der dritte im Bunde bei der Gründung des Festivals, hat dann mit den Ausschlag gegeben, aktiv zu werden. Er hat ein Pharmazieunternehmen und liebt klassische Musik, er hat mit siebzehn beschlossen, Klavier zu lernen und spielt – für einen Amateur – auf einem beeindruckenden Niveau. Er hat sich für die Festival-Idee begeistert. So nahmen die Dinge ihren Lauf.

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Nach dem ersten Festival folgt das zweite Festival. Was wollt ihr verändern oder ausbauen, was wollt ihr stärker hervorheben? Wie lautet euer erste Fazit, welche neuen Ziele wollt ihr definieren und wie wollt ihr weitermachen?

Danae: Beim ersten Festival haben wir gemerkt, dass wir den Kindern und Jugendlichen der Insel die klassische Musik näher bringen wollen. So haben wir ein Bildungsprogramm ins Leben gerufen, dass klassische Musik in die Schulen trägt. Bisher haben wir 1700 Kinder auf diese Art und Weise erreicht. Wir erzählen in den Klassen etwas über klassische Musik und spielen etwas vor oder bekommen etwas vorgespielt. Wir erzählen aus dem Musikeralltag und bieten ihnen so einen ersten Kontakt mit einer unbekannten Welt. Das ist lebendiger, als wenn der Musiklehrer vor der Klasse steht.

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Workshops mit Kindern, Festival Molyvos 2015, ©Daniel Schröter

Kiveli: Wir haben schon beim ersten Mal gemerkt, was für ein Interesse bei den Jugendlichen vorhanden ist. In Deutschland hat bei ganz jungen Leuten die klassische Musik das Stigma des „Ernsten„, des „Komplizierten„, des „Intellektuellen„. Auf Lesbos ist es anders, das bestehen diese Vorurteile nicht. Daher haben die Kinder ein offenes Ohr und sind neugierig. Mit großer Freude haben wir gesehen, dass in den Klassen viel Talent und Musikalität steckt. Es geht uns nicht darum, einen großen Solisten zu entecken. Es geht uns darum, den Zugang zur klassischen Musik zu ermöglichen.

Interview: Michaela Prinzinger. Fotos: Daniel Schröter, Stratis Kouniaris, Pantelis Thomaidis, Amanda Holmes.

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