Momente der Magie und des Traums

Interview mit Stavros Lantsias und Petros Klampanis, Musiker

Am 31.10. begegnen sich in Köln zwei Zauberer am Klavier und am Kontrabass. Stavros Lantsias, Athen und Zypern, tritt mit dem aus Zakynthos stammenden und in New York lebenden Petros Klampanis im Rahmen der heute beginnenden Kölner Veranstaltungsreihe „Zyprische Momente“ im Duo auf. diablog.eu sprach mit den beiden Musikern über ihre Pläne und Träume und die Poesie des Jazz.

Ausgehend von euren letzten Platten – „Diary Dreams“ im Fall von Stavros Lantsias und „Contextual“ im Fall von Petros Klampanis – hat sich mir eine philosophische Frage aufgedrängt. Ich begann darüber nachzudenken, wie Träume und Musik miteinander in Verbindung stehen, besonders, was die Art von Jazzmusik betrifft, die ihr macht.

Klampanis: Da besteht eine Verbindung, die Musik ist eine Art, zu kommunizieren und sich auszudrücken. Sie ist aber eine Art metaphysisches Ausdrucksmittel, während die Sprache – und das unterscheidet sie von der Musik – eine Bedeutung transportiert. Das verbindet sie mit unserem Verstand. Die Musik kreiert einen Eindruck, ein Bild. Daher glaube ich, sie hat einen metaphysischeren Charakter als die Kommunikation, die über den Verstand läuft. Ganz so, wie auch die Träume. Träume sind eine Verknüpfung von Erinnerungen und Empfindungen.

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Wie das Unbewusste, das bestimmte Dinge verarbeitet und ins Bewusstsein bringt?

Klampanis: Ich glaube, Träume haben sehr viel mit Musik zu tun. Oft kann ein Song, ein Musikstück aus einem Traum hervorgehen, der wiederum auf einer starken Empfindung beruht.

Ist dir das schon passiert?

Klampanis: Ja, vielleicht nicht genau ein ganzes Musikstück, aber eine Vorstellung, der ich musikalisch Gestalt verleihen möchte. So ähnlich hat es auch Debussy gesagt, ohne dass ich mich mit ihm vergleichen möchte: Nämlich, dass es das Ziel der impressionistischen Musik sei, die Empfindungen wiederzugeben, die er in seinen Träumen erlebt hat.

Du nennst deine Platte „Contextual“. Darin geht es um Kontexte und um Subtexte, durch die man die Botschaft der Musik versteht. Du spielst verschiedene Jazz-Standards, aber auch griechische traditionelle Musik. Im Konzert wird das Lied „Thalassaki“ in deiner Version zu hören sein. Wie lässt sich beides für dich verbinden?

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Klampanis: Ich versuche, da keinen Unterschied zu machen und alles auf einen gemeinsamen ästhetischen Nenner zu bringen. Ein Jazz-Standard hat für mich genauso viel Power wie ein Folklore-Song. Ich liebe beide Musikrichtungen und möchte sie auf meine Art musikalisch abbilden.

Ihr habt beide bis zu eurem 18. Lebensjahr auf Inseln gelebt, Zypern respektive Zakynthos. Petros Markaris, der auf den Prinzeninseln vor Istanbul aufgewachsen ist, hat in einer Erzählung sehr schön beschrieben, wie ihn die Ödnis und Langeweile dieses fernen und vom Treiben der Welt abgeschnittenen Ortes geprägt hat. Ist es euch auch so ergangen?

Lantsias: Ich wusste, dass ich weg wollte. Als ich nach Griechenland kam, war es nicht wie eine Rückkehr zu etwas Bekanntem, sondern ich spürte, dass ich jetzt in einem vergleichsweise großen Land war. Aber erst durch Konzertreisen und die lokale Musiktradition lernte ich Griechenland wirklich kennen. Solange ich auf Zypern war, empfand ich die Volksmusik als etwas Oberflächliches. Auch in den USA hatte sich das nicht verändert, erst in Griechenland selbst konnte ich mich auf die lokale musikalische Tradition tiefer einlassen.

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All das hat auch mit Erinnerungen zu tun, wie ihr vorhin gesagt habt. Wenn man erklären will, welche Beziehung man zur Folk-Musik hat, ringt man oft nach Worten, weil man nicht genau ausdrücken kann, was man eigentlich meint. Aber mit Musik kann man im Unklaren bleiben und den anderen dazu bringen, sich auf deine Interpretation einzulassen. Du verwendest eine Tonart, aber bei jedem ruft sie etwas anderes hervor. Leider kann ich mich nicht durch Worte poetisch ausdrücken. Ein Dichter kann eine Empfindung mit Worten wiedergeben, und man liest sie und schließt seine eigene Interpretation daraus. Ich glaube, darin liegt die Verwandtschaft von Musik und Poesie. Beides sind Erfahrungen, die jeder erlebt hat und in sich trägt. Nur, dass jeder sie anders empfindet.

Klampanis: Natürlich hängt das auch vom Musikstil ab. Es gibt Musiken, die sind strukturierter und konkreter. Und es gibt welche, die sind abstrakter. Genau wie beim Dichter, der das Wort in einer ganz bestimmten Weise einsetzt, um sich auszudrücken.
Ich glaube, es hängt auch davon ab, wie die Leute Musik hören, was für jeden Musik bedeutet. Für einige Menschen ist Musik reiner Klang. Sie können ein Lied am ehesten in Form einer harmonischen Melodie genießen. Bei anderen Menschen wiederum wirkt das Lied über den Text. Daher ist Instrumentalmusik weniger populär als Musik, die auf Text basiert.

Lantsias: Mich stört das weniger, wenn das Publikum ein bisschen voreingenommen ist. Daraus kann eine ganz starke, neue Erfahrung entstehen. Ich kann mich gut an Konzerte erinnern, die ich gehört habe, sowohl von Sängern als auch von Orchestern. Wenn sie gut sind, stört mich der Stil nicht. Und ich kann beides genießen. Vielleicht nehmen die Zuhörer die Instrumentalmusik als „Lieder ohne Worte“ wahr.

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Seht ihr einen Unterschied zwischen dem deutschsprachigen und dem griechischen Publikum? Wie kommuniziert ihr eure Musik in Konzerten?

Klampanis: Das deutschsprachige Publikum ist sehr empfänglich für die Art von Musik, die wir machen. Sie können die Musik genießen, ohne gleich interagieren oder tanzen zu müssen. Man braucht dafür eine gewisse Konzentrationsfähigkeit, die im deutschsprachigen Raum eher anzutreffen ist und eine gewisse Tradition hat. Doch auch in Griechenland hört das Publikum immer besser und interessierter zu, die Wahrnehmung dieser Art von Musik hat sich verändert.

Lantsias: Das griechische Publikum hat begonnen, sich darauf einzulassen. Das Verhalten in Griechenland ist lockerer, hier in Deutschland unterliegt es bestimmten Mustern. Du weißt, wenn du in ein klassisches Konzert gehst, verhältst du dich ruhig, ohne dass man es dir zwingend auferlegt. In Griechenland merkt man, dass man im klassischen Konzert sitzt an der Art, wie die Leute sich die Seele aus dem Leib husten, als hätten sie genau auf den Moment gewartet. Vielleicht hat es mit dem Unbewussten zu tun. Stille wird möglicherweise mit so etwas wie Zwang oder polizeilicher Überwachung gleichgesetzt.

Nicosia Blues MONAXO 21.3.2014

Ich persönlich ziehe es vor, in Griechenland an kleineren Veranstaltungsorten zu spielen. Dort gelingt es eher, das Publikum für sich zu gewinnen. Man ist einfach näher dran, auch wenn die Leute ein wenig reden und nicht immer sofort konzentriert zuhören. Aber nach und nach entsteht auch dafür eine Basis, da immer mehr junge Leute ins Ausland gehen und andere Erfahrungen mitbringen.

Was sind eure nächsten Projekte? Woran arbeitet ihr gerade?

Klampanis: Meine Gruppe hat gerade eine Crowdfunding-Kampagne für unser nächstes Projekt „Minor Dispute“ gestartet, die bis 6. November laufen wird. Es wird eine Mischung aus Jazz, Weltmusik und Klassik sein.

Lantsias: Ich nehme gerade mit David Lynch und Yiotis Kiourtsoglou von unserem Trio „Human Touch“ eine neue Platte auf, die Ende des Jahres auf den Markt kommen soll.

Fotos: Giorgos Kalogeropoulos, Gregory Giakis. Weitere Konzerttermine: Sonntag, den 2. November 2014 um 12.00 Uhr im Restaurant der Stadthalle Olpe, Karten unter www.olpe.de.

zyprische Momente 2014 - Plakat - Kopie

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