Kunst und Gesellschaft verbinden

Interview mit Stella Christodoulopoulou, Fotografin und Schauspielerin

Kunst und gesellschaftliches Engagement sind kein Widerspruch. Stella Christodoulopoulou, derzeit Stipendiatin an der Akademie der Künste Berlin, spricht mit diablog.eu nicht nur über ihre Fotokunst- und Performance-Projekte, sondern auch über das geplante dritte Antirassismus-Festival der darstellenden Künste, das im März 2015 in Athen stattfinden soll.

Du bist Schauspielerin und Fotografin. Haben sich diese Interessen parallel entwickelt? Was war zuerst da?

Zuerst, im Jugendalter, hat mich das Theater gepackt. Wenig später, mit siebzehn, entdeckte ich eine Yashica aus dem Jahr 1970, die mein Vater meiner Mutter geschenkt hatte, eine Liebesgabe. Mit der habe ich mich allein zu Fotowanderungen aufgemacht. Ich war an den ungewöhnlichsten Orten, von der Provinzstadt bis zum Berggipfel. Ich entdeckte die Welt durch den Fotoapparat, denn die Linse bildete eine faszinierende Parallelwelt. Nie ist mir der Gedanke gekommen, dass ich die Aufnahmen mache. Sie hatten immer ein Eigenleben. Das Theater ist dann meine Hauptbeschäftigung geworden, ich habe eine Ausbildung gemacht und mich damit auf jede mögliche Art auseinandergesetzt. Mein Körper hat unauslöschliche Spuren davongetragen, das Theater hat mich geprägt. Damit habe ich lange gearbeitet, und tue es immer noch mit derselben Begeisterung wie beim ersten Mal.

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©Lukas Vasilikos – aus dem Stück „Haut„, Vyrsodepseio-Theater

Du bist Stipendiatin der Jungen Akademie. Wird sich die Stadt Berlin in deinen Projekten wiederspiegeln?

Städte verfolgen einen immer. Jede Stadt, in der ich gelebt und die ich lieb gewonnen habe, wird zu meiner Stadt. Nach und nach werde ich selbst zu einer Stadt, in der alle meine Städte wohnen. Berlin hat sich mir eröffnet als ein Ort voller Geschichte, Widersprüche, Jugendlichkeit, Fahrrädern, großartiger Parks, Kunst und Menschen aus allen Völkern der Erde. Die Stadt bietet einen Vielklang, der bestätigt, dass wir alle die gleichen Bedürfnisse haben. Der Mensch ist überall gleich: Wir leiden, wir lachen, wir begehren, wir trauern und wir schweigen auf ein- und dieselbe Art auf der ganzen Erde – das möchte ich in meinen Werken reflektieren. Ich möchte das abbilden, was uns Ängste und Spaltungen überwinden lässt.

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©Lukas Vasilikos – aus dem Stück „Haut„, Vyrsodepseio-Theater

Welche Chance siehst du in deinem Aufenthalt in der europäischen Metropole für junge Kunst?

Diese junge Kunst beunruhigt mich etwas. Die Kunst ist eins, ob sie nun alt ist oder jung. Wir können uns ihr nähern wie ein Tierbändiger, wie ein Liebhaber oder wie ein Gottesgläubiger. Es stimmt, dass in Berlin eine gewaltige kreative Welle rollt, die einen jedoch nicht immer zum Höhepunkt trägt. Hier lauern Idealisierung, Luxus und die Krankheit des „L’art pour l’art“ als Gefahren für die Kunst. Die jungen Leute haben kaum mehr Erinnerungen an den Krieg und spüren die Wunden nicht mehr, die ganze Künstlergenerationen gezwungen haben, in die Tiefe zu denken, sich in Demut zu üben und sich auf die Notwendigkeit der Kunst zu fokussieren.

Die Haltung spiegelt sich in einer arroganten Kunstparty wider, die an ein kommerzielles Unternehmen erinnert. Die Balance hält sich gerade noch, aber man merkt, wie die Grundfesten schwanken. Andererseits herrscht in Berlin jedoch ein seltenes Leistungsprinzip, das ein Zeichen von Zivilisation, hervorragender Ausbildung und breiter Bildung ist. Es erleichtert sehr zu wissen, dass du anerkannt und gefördert wirst, wenn du Talent hast und daran arbeitest. Wenn sich Perspektiven eröffnen, öffnet man sich auch selbst. Ich bin dankbar für den Respekt und das Interesse, das mir die Akademie der Künste entgegengebracht hat. Ich habe viel daraus gewonnen.

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©Lukas Vasilikos

An welchem Projekt arbeitest du konkret in Berlin?

Ich arbeite an zwei Projekten in Berlin. Erstens bereite ich eine Performance vor, die im Mai 2015 in der Akademie der Künste gezeigt wird. Das ist meine erste Regiearbeit. Zur Zeit entwickle ich die Idee und die Texte für die Vorstellung, die sich um die neuere griechische Geschichte drehen wird. Die Sache muss von der Vergangenheit her aufgerollt werden. Die einzige Hoffnung liegt darin, sich die zeitliche Abfolge der politischen Ereignisse bewusst zu machen, die uns zur derzeitigen Situation geführt haben. Daraus folgt der Wille, einer Wiederholung entgegenzuwirken und das Aufzeigen neuer Wege und Perspektiven. Dafür genügt nicht einfach ein allgemeiner Wunsch, die Zustände zu verändern. Diese Willensbildung muss auch von Wissen und Erkenntnis begleitet sein. Dieser Wille und diese Erkenntnis schaffen Bewusstsein.

Alles Wissen, was wir brauchen, um uns weiterzuentwickeln, befindet sich hinter uns: die Balkankriege, die deutsche Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg, der nachfolgende Bürgerkrieg und dessen letzte Schlacht am Grammos, die zur Niederlage der Demokratischen Armee führte, die Militärdiktatur 1967-74 und das Griechenland nach der Wiederherstellung der Demokratie. Alle, die vor uns existierten, blicken uns in die Augen. Doch haben wir uns bereits so weit von der Realität entfernt, dass wir uns von ihnen abwenden. Wir alle vergessen das Blutvergießen im Angesicht des Lebens. Doch die Vergangenheit zu vergessen, hat seinen Preis. Blut ist unser Lebenssaft und fordert seinen Tribut.

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©Stella Christodoulopoulou

Das zweite Projekt ist eine Foto-Einzelausstellung, die ebenfalls im Mai 2015 an der Akademie der Künste eröffnen wird. Dort wird eine Fotoserie gezeigt, die ich während meines Berliner Aufenthalts geschossen habe. Es sind alles Porträts mit Oberflächenspiegelungen, die zeitlosen oder archetypischen Gestalten ähneln.

Du hast dich vom Schauspiel hin zur Performerin entwickelt, also von der Mimesis der darstellenden Kunst hin zum eigenen Schaffen. Wie siehst du diesen Weg?

Das Theater, das von seinen Ursprüngen her schon breit gefächert ist, beinhaltet viele verschiedene Kunstformen, mit denen man sich intensiv und ständig auseinandersetzen muss, und fordert einen starken Charakter. Ein Schauspieler arbeitet mit einem Theatertext, während sich der Performer mehr auf andere Kunstformen wie Bewegung, Video, bildende Kunst etc. stützt. Nach meiner Erfahrung mit dem antiken Drama war der Übergang zur Performance frisch und belebend, weil es ein ganz neuer Ansatz für mich war.

Dennoch ist das Theater und auch die Performance eine einheitliche Form, egal, ob es sich auf einem öffentlichen Platz, im antiken Theater von Epidaurus oder auf der Straße abspielt. Ich fühle mich angezogen von dem Drang, der darin sichtbar wird, Welten zu erschaffen, Geschichten zu transportieren, etwas zu verwandeln, etwas zu dienen, das größer ist als wir selbst, und darin einen neuen Sinn und Zweck zu entdecken. Andererseits bringt einen das Theater dazu, sich preiszugeben.

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©Stella Christodoulopoulou

Du hast ein besonderes Interesse an Spiegelungen und bildlichen Reflexionen entwickelt. Deine Bilder zeigen immer wieder einen verhangenen, indirekten Blick durch Scheiben oder durch Vorhänge. Was willst du damit ausdrücken?

Ich weiß auch nicht so genau, es ist eine Art inneres Streben. Ich merke, dass mich daran ein bestimmter Moment interessiert, der ein Übergangsstadium markiert. Wie der Moment, da der Griff eines geschlossenen Fensters darauf wartet, durch eine kleine Bewegung geöffnet zu werden. Dieser kurze Augenblick davor und danach schlägt mich in seinen Bann. Darin eröffnet sich ein ganzes Leben. Die meiste Zeit unseres Lebens verbringen wir ohnehin zwischen unseren Entscheidungen. Außerdem habe ich beobachtet, dass die Fantasie durch Spiegelungen stärker angeregt wird als durch die vertraute, direkte Abbildung.

Durch den doppelten Blick hintergehe ich mein eigenes Denken und bringe es dazu, anders zu funktionieren – auf eine Weise, die vielseitiger ist und periphere Elemente in der Vordergrund rückt. Es ist wie ein Schnittpunkt in einem Bild, durch den sich der natürliche Zusammenhang der Dinge offenbart. Ich habe des öfteren das Gefühl, dass ich selbst nur eine Projektion bin in einer Welt, die aus vielen verschiedenen Ebenen besteht. Vielleicht interessiert es mich deshalb.

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©Stella Christodoulopoulou

Du engagierst dich sehr für das Athener Antirassismus-Festival. Wie oft hat es schon stattgefunden und wie sehen die neuen Pläne aus?

Das erste Antirassismus-Festival der darstellenden Künste hat im März 2014 im Embros-Theater in Athen stattgefunden. Innerhalb von 10 Tagen kam es zu 45 Vorstellungen, 25 Konzerten, 6 Diskussionsrunden und einem Marsch zum Syntagma-Platz. Wir hatten zwei Monate Vorbereitungszeit. Es war ein Riesenunterfangen, die Zahl der künstlerischen Beiträge überstieg unsere Erwartungen, genauso wie der Publikumszulauf. Was damals im März passierte, war mehr, als man erwarten konnte.

Eine riesige Menschenmenge drängelte sich im Theater und auf den umliegenden Straßen. So, als sei im Stadtteil Psyrri ein neues Viertel entstanden, das aus lauter Menschen besteht, die nach Gemeinsamkeiten suchen, um ihre Stimme gegen Rassismus und Faschismus zu erheben. Das Festival hat durch diese Unterstützer sein eigentliches Format entwickelt. Und, wie es oft so geht, wenn wichtige Dinge passieren, wurde mehr daraus, als wir uns je vorstellen konnten.

Das zweite Antirassismus-Festival wurde Ende Juni 2014 in den Flüchtlingsunterkünften am Alexandras-Boulevard durchgeführt. Es dauerte drei Tage und war ein einziges, großes Fest. So viel Buntheit hatte ich bis dahin noch nie gesehen, es waren Menschen aus aller Welt da, Menschen, die uns Vorbilder sein können, Menschen, die von der Öffentlichkeit vergessen sind. Sie haben diesen historischen Gebäuden wieder Leben eingehaucht und sie mit menschlicher Wärme erfüllt. So glückliche Kindergesichter hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Die Kinder waren die Hauptdarsteller dieser drei Tage, bei jeder Vorstellung saßen sie in der ersten Reihe, waren ununterbrochen in ihr Spiel vertieft. Die Zusammenarbeit mit der Versammlung der besetzten Flüchtlingsunterkünfte war eine wertvolle Erfahrung. Das sind Menschen, die sich ein Ziel gesetzt haben, die sich nicht davor scheuen zuzupacken, die ideologischen Unterschiede und das ewige Gerede zu überwinden. Worte reichen nicht aus, um das zu beschreiben, was dort passiert ist. Seit diesem Festival bin ich ein anderer Mensch.

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Mehr denn je ist mir bewusst geworden, dass es nur Sinn macht, an etwas zu glauben, wenn wir es auch in die Tat umsetzen. Klarer denn je ist mir auch geworden, dass das „Nein“ zu Rassismus so laut sein muss, dass es die Stadt in ihren Grundfesten erschüttert. Das neofaschistische Gedankengut nennt sich selbst nicht so, es leiht sich ein Mäntelchen, um die Bestie zu verhüllen, die sich dahinter verbirgt. Wir sind verpflichtet, dieses Mäntelchen herunterzureißen und das, was sich dahinter verbirgt, den Augen der Öffentlichkeit in all seiner Brutalität zu zeigen. Solange wir über den Neofaschismus bloß theoretisieren, verharren wir in Trägheit. Migranten, Flüchtlinge, politische Aktivisten, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle – sie alle können uns sofort sagen, was Rassismus bedeutet. Hier sind keine theoretischen Diskussionen gefragt, sondern Taten.

Die Vorbereitungen für das dritte Antirasissmus-Festival der darstellenden Künste, das im März 2015 wieder im Embros-Theater stattfinden soll, sind bereits voll angelaufen.

Die Flüchtlingsunterkünfte am Alexandras-Boulevard, direkt gegenüber vom Panathinaikos-Stadion, wurden für die aus Kleinasien vertriebenen Griechen nach dem Kleinasiatischen Feldzug der griechischen Armee 1922 (im Bewusstsein der Griechen die „Kleinasiatische Katastrophe“) errichtet und waren für die damalige Zeit architektonisch sehr fortschrittlich geplant. Ihr Niedergang begann in der Zeit der Militärdiktatur, viele Wohnungen wurden verlassen und werden heute wieder von Heimatlosen bewohnt, die sich dem offiziell beschlossenen Abriss entgegenstellen: https://popaganda.gr/ti-simveni-sta-prosfigika/.

Teaser-Foto: ©Christela Gizeli. https://www.facebook.com/antifaperformingarts und Festival-Blog. Vgl. auch die Illustrationen zu Lena Kitsopoulous Erzählung „München Hbf„, Foto: www.lukasvasilikos.com.

 

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