Sinnliche Gewissheit

Interview mit Ralf R. Ollertz, Komponist

diablog.eu traf sich mit Ralf R. Ollertz, der seit Jahren mit Toula Limnaios und ihrer Tanzcompagnie als Komponist zusammenarbeitet. Am 15.5. können Sie die Premiere des neuen Stückes „la salle“ im denkmalgeschützten Backsteinbau einer ehemaligen Polizeistation im Prenzlauer Berg erleben. 

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la salle, cie. toula limnaios, ©cyan

Die cie. toula limnaios startet ihre neue Spielzeit mit einer Premiere, inspiriert von einem prägenden menschlichen Gefühl, der Sehnsucht. Erfüllt von einem heftigen Streben entspringt sie einem starken inneren Antrieb oder auch Druck. So kann sie Ausdruck sein von Bedürfnis ebenso wie Bedrängnis, Hoffnung und Trieb, Wunsch und Verlangen, häufig auch unstillbar …

In der neuen Inszenierung wird die Bühne in ein „Ballhaus„ verwandelt. Der an sich schon morbide Charme des denkmalgeschützten Hauses fängt Erinnerungen, Sehnsüchte und Träume ein. Inmitten der Besucher treffen sich in einem Zirkel verschiedene Paare. Die Zuschauer, ganz dicht am und im Geschehen, werden zu Komplizen der Tänzer, deren Schicksale tief aus ihren Körpern sprechen.

Sie begegnen diesen Menschen in einem Raum der Träume, in dem der Tanz zum Drang wird, zum Drang zu leben. Mit einer vielschichtigen Bildkraft und Gefühlsstärke, voller Schmerz, Melancholie, Begierde und sinnlicher Nuancen, versuchen sie, aus dem unaufhörlichen Streben die glücklichen Momente zu extrahieren.

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Toula Limnaios und Ralf R. Ollertz, © buddy bartelsen

Ich fang mal gleich mit einer recht privaten Frage an: Hat das Zusammenspiel zwischen Musik und Bewegung in euren Stücken auch etwas zu tun mit eurer Beziehung als Paar? Ihr kennt euch sehr gut, ihr wisst, was der andere denkt und fühlt, wenn er komponiert oder choreografiert. Wie funktioniert eure berufliche Zusammenarbeit?

Tja, das ist ein Mysterium. Wir sind schon seit zwanzig Jahren ein Paar. Wir haben beide auch unabhängig voneinander und mit anderen Partnern gearbeitet. Aber mit Toula gibt es einfach ein non-verbales Verständnis, eine Liebe zur Arbeit des anderen, ganz unabhängig von der Liebe zueinander. Wichtig ist der große Respekt, den wir voreinander haben, und die Neugier. Wir streiten uns viel über das, was wir machen. Das hält frisch, das hält wach. Wir sind beide mutig, Dinge immer wieder zu hinterfragen, und das macht die Zusammenarbeit spannend. Mir macht das Zusammenspiel von Tanz und Musik auch viel mehr Spaß als das von Musik und Schauspiel. Tänzer reden weniger. Das heißt, ich habe die Gelegenheit, die Musik so einzusetzen, wie ich es für richtig halte.

Jetzt mache ich mal eine platte Gleichung: Musik = intellektuell und Tanz = sinnlich. Ich komme darauf, weil ich die Kompositionskunst sehr nah an der Mathematik empfinde, man denke nur an das Notationssystem der Musik. Was hältst du davon?

Damit bin ich gar nicht einverstanden. Musik ist der emotionalste Ausdruck des Menschen überhaupt, schon allein die menschliche Stimme, wenn sie singt oder spricht. Musik ist hochemotional! Denk nur an den Rhythmus des Herzschlags. Und Tanz ist genauso intellektuell wie Musik.

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la salle, cie. toula limnaios, ©cyan

Wie entsteht ein Stück bei euch: aus der Musik, aus einer Konzeptidee, aus einer Bewegungsidee oder aus einer Emotion heraus?

Am Anfang stehen Ideen, die aus der Literatur inspiriert sein können oder von Bildern. Oder auch von etwas, was gerade in der Gesellschaft passiert und uns berührt und betrifft. Es kann aber auch etwas ganz Abstraktes sein. Das ist sehr unterschiedlich. Unser Arbeitsprinzip ist, dass wir gleichzeitig und parallel arbeiten. Es ist nicht so, das zuerst die Musik oder zuerst die Choreografie da ist, sondern es entsteht beides gleichzeitig. Ich bin auch fast jeden Tag bei den Proben dabei und komponiere im Probensaal. Wir stehen ständig im Kontakt und daraus entsteht eine sinnliche, erfahrbare Nähe.

Könnte man eure Zusammenarbeit auch als ein deutsch-griechisches Projekt verstehen. Kommt es zum Zusammenprall der Mentalitäten?

In unserer Company gibt es acht verschiedene Nationalitäten und darüber hinaus multiple Mentalitäten. Über deutsch-griechisch haben wir uns ehrlich gesagt nie Gedanken gemacht. Es ist immer bereichernd und erfrischend, wenn Menschen mit unterschiedlichem Familienhintergrund und Sozialisation aufeinander treffen. Es ist aber keine Bedingung.

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la salle, cie. toula limnaios, ©cyan

Wie intensiv empfindest du die Zusammenarbeit mit den Tänzern? Beeinflussen sie dich bei der Entwicklung einer musikalischen Idee?

Ja und nein. Bei jedem neuen Stück stelle ich mir eine musikalische Herausforderung, die mich gerade besonders interessiert. Natürlich beeinflusst mich die Liebe der Tänzer zur Bewegung und zu ihrer Arbeit. Umgekehrt beeinflusse ich auch sehr die Entwicklung der Choreografie.

Was ist der Unterschied für einen Komponisten, wenn er Musik zu einer Oper schreibt oder zu einem Streichquartett, zu einem Radiobeitrag oder Hörspiel. Wie funktioniert das bei einem Tanztheaterstück?

Man muss die Zeit viel mehr berücksichtigen, die Musik muss mehr Raum lassen für das sinnliche Erleben des Visuellen. Die Komposition eines Konzerts ist von den musikalischen Ideen her viel komprimierter. Wenn man für Tanz komponiert, muss man sich mit seinen musikalischen Gedanken mehr Zeit nehmen, man muss sie langsamer entwickeln. Es kann aber auch vorkommen, dass man mit sehr komprimierter Musik arbeitet, der Tanz sich jedoch ganz anders verhält. Also, der Tanz ist sehr langsam und die Musik sehr schnell zum Beispiel. Wir versuchen zu vermeiden, dass wir uns gegenseitig illustrieren. Das, was ich musikalisch sage, sieht man nicht unbedingt auf der Bühne, und umgekehrt. Das macht beides, auch getrennt voneinander, erlebbar. Und dadurch wird es besonders reich, da der Tanz etwas anderes sagt als die Musik.

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la salle, cie. toula limnaios, ©cyan

Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang von Körper und Klang in der Musik, beim Gesang etwa oder beim Spielen eines Instruments. Wie ist das bei elektroakustischer Musik? Ist sie körperlos?

Nein, ganz im Gegenteil. Alles, was man hört, ist eine sinnliche Erfahrung. Ich nehme verschiedene Dinge aus meiner Umwelt auf, auch die Bewegungen der Tänzer, die ich weiterverarbeite. Oder ich spiele Instrumente selber ein oder zeichne sie von Musikern auf, was ich dann in der Folge wieder verändere. Es gibt Stücke, in denen ich auch live spiele. Mir ist sehr wichtig, dass die Musik, auch wenn sie aus Lautsprechern dringt, ein körperliches Erlebnis ist.

www.halle-tanz-berlin.de
„la salle„: Vorstellungen in Berlin: Premiere 15. Mai 2015 um 21 Uhr
Weitere Vorstellungen: 16. + 17. + 21. – 24. + 28. – 31. Mai 2015 jeweils um 21 Uhr
Video „miles mysteries„: https://vimeo.com/119251222

Ein ausführliches Interview mit Toula Limnaios in englischer Sprache finden sie auf der Website der in Berlin lebenden Journalistin Katerina Oikonomakou www.berlininterviews.com.

Text: Michaela Prinzinger. Fotos: cyan, buddy bartelsen.

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