Comics und Kino

Interview mit Petros Zervos, Karikaturist und Comiczeichner

Soeben ist Yannis Economides’ Film „Stratos – The Storm Inside“ in den deutschen Kinos angelaufen. 2014 hatte er im Berlinale-Wettbewerb mit seiner sprachlichen und bildlichen Radikalität beeindruckt und seine Darstellung von körperlicher und seelischer Gewalt wurde kontrovers diskutiert. diablog.eu traf sich mit Petros Zervos, einem der Darsteller, zu einem Gespräch über die Entstehung des Films, aber auch über seine eigene künstlerische Arbeit als Comiczeichner und Cartoonist. Mehr zu Petros Zervos im „Who is who“, den Trailer zum Film sehen sie hier.

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Vangelis Mourikis in „Stratos„, ©Real Fiction Filmverleih

Petros, du hast bereits in Economides’ letztem Film „The Knifer“ („Der Messerstecher“) mitgewirkt. Wie kam es dazu, dass du vom Cartoonisten zum Filmdarsteller geworden bist?

Yannis setzt des öfteren für Nebenrollen Laiendarsteller aus seinem Freundeskreis ein, wie zum Beispiel die klassische Sängerin Sonia Theodoridou oder die TV-Moderatorin Popi Tsapanidou. Im vorigen Film hatte ich eine kurze, stumme Rolle und als er mich – halb im Scherz, halb im Ernst fragte – ob ich bei „Stratos“ mitmachen würde, sagte ich zu. Als er mir dann eine Sprechrolle vorschlug, habe ich erst mal gezögert, weil ich ja kein ausgebildeter Schauspieler bin.

Haben Schauspielerei und Comiczeichnen etwas gemeinsam?

Nun, beides sind bildende Künste.

…die aber auch mit dem Wort arbeiten.

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Vangelis Mourikis, Vicky Papadopoulou und Petros Zervos in „Stratos„, ©Real Fiction Filmverleih

Ja, im Grunde sind Comics mit dem Kino verwandt, da es in beiden Fällen um eine Erzählung geht. Andererseits macht ein Schauspieler etwas ganz anderes als ein Cartoonist. Es liegt an Yannis’ realistischem Kino, dass diese Kombination möglich wurde. Im Grunde sagt er: Sei du selbst, aber unter den Bedingungen der konkreten Figur. Wie würde ich als Petros Zervos reagieren, wenn ich die Voraussetzungen hätte, die das Drehbuch vorschreibt? Wie wäre es, wenn ich an Makis’ Stelle träte, der in einem bestimmten Viertel wohnt und eine Schwester, eine kleine Nichte, einen bettlägerigen Vater hat? Ich übernehme Makis’ Persönlichkeit, spreche aber als Petros. So geht Yannis Economides auch mit professionellen Schauspielern vor. Er möchte, dass sie die am Theater erlernte Schauspielkunst hinter sich lassen, um zu seiner Art von Realismus zu finden.

Die Sprechweise in Economides’ Filmen ist speziell, es kommt eine große Brutalität und Vulgarität zutage. Wie geht ihr Darsteller mit dem Thema „Gewalt“ um? Schöpft ihr dabei aus eigenen Erfahrungen?

Ja, Yannis schlüpft als Regisseur auch ein wenig in die Rolle des Psychoanalytikers. Er „liest“ die Menschen und versucht, das Potenzial aus ihren herauszulocken, das er für den Film braucht. Zu mir sagte er zum Beispiel: „Ich will, dass du den Zorn und die Wut, die du in dir trägst, zum Ausdruck bringst.“

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Szene aus „Stratos„, ©Real Fiction Filmverleih

Um sie kreativ umzusetzen und zu Kunst zu machen?

Auf gewisse Weise ist das Spiel auch eine Art von Psychotherapie. Der Ansatz ist meiner Meinung nach richtig, weil er zu einem bestimmten ästhetischen Resultat führt. Yannis legt außerdem auch großen Wert auf eine lange, intensive Probenzeit. Wir haben insgesamt sechs Monate geprobt, jeder einzeln, aber auch alle zusammen. Ich beispielsweise war drei Mal die Woche für 2-3 Stunden dabei, in einem Souterrain im Exarchia-Viertel im Haus unserer Produktionsfirma. Dabei wird das Drehbuch, das zunächst nur aus toten Buchstaben besteht, zu Fleisch und Blut. Dabei lernen wir den Text, entwickeln aber auch die Figur weiter. Am Schluss war Makis eine andere Figur als am Anfang der Proben. Bei den anderen Rollen war das genauso, auch bei der Hauptfigur Stratos. Er wurde immer innerlicher, zurückgezogener, während die anderen immer aggressiver wurden.

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Bist du als Zeichner genauso Autodidakt wie als Filmdarsteller?

Ich habe immer schon gern und gut gezeichnet, aber bis zum meinem Architekturstudium war ich Autodidakt, dort habe ich eine einschlägige Ausbildung bekommen.

Du hast vorhin die „Erzählung“ als Element des Comics erwähnt, im Gegensatz zum Cartoon. Welches von beiden gefällt dir besser?

Aus purer Faulheit ziehe ich den Cartoon vor.

Ein Cartoon ist doch fast schwieriger zu zeichnen, weil in einem Bild eine ganze Geschichte erzählt wird.

Ja, eine komprimierte Geschichte, während der Comic sehr arbeitsaufwändig ist, da die Erzählung in viele Bilder aufgespalten ist. Leider gibt es in Griechenland keinen großen Markt für Comics. Für einen Comic muss man 2-3 Monate Arbeit investieren, aber die bezahlt dir keiner. Daher liegt die Arbeit als Cartoonist nahe, weil man Karikaturen in Zeitungen oder Zeitschriften publizieren und damit eher seinen Lebensunterhalt verdienen kann.

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©Petros Zervos

Du hast mit anderen Künstlern zusammen Zeichnungen zum Thema Rassismus veröffentlicht. Das eröffnet die Frage, inwieweit man mit Kunst die Gesellschaft beeinflussen kann.

Ändern kann man sie sicher nicht, aber man kann zur Bewusstseinsbildung beitragen. Ich richte mich damit ja nicht an die Mitglieder der Goldenen Morgenröte, sondern an Menschen, die man für diese Fragen sensibilisieren kann.

Wahrscheinlich ist es diese kleinbürgerliche Schicht, die Economides auch in seinen Filmen zeigt, diese Figuren, die zum Teil der Unterwelt angehören und die genau die Schicht bildet, die Alltagsfaschismus produziert. Dort wurzelt alles, was sich zu Extremen entwickelt kann. Spiegelt sich das auch in deinen Zeichnungen wider?

Ich muss sagen, Yannis hat meine Arbeit als Zeichner beeinflusst, auch durch seine Sprache. Das hat befreiend auf mich gewirkt. Auch meine Sprache ist direkter geworden, sie nennt die Dinge beim Namen, was nicht heißt, dass sie vulgär ist. Der Held meiner Cartoons ist ebenfalls der Durchschnittstyp. Und am meisten interessiert mich der Kleinbürger für meine Zeichnungen, bei dem alles schief läuft, der ein klassischer Verlierer ist. Der Loser ist für einen Künstler eine anregendere Figur als der Erfolgreiche.

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„Die Leute leben im Elend, das Kapital feiert Partys, die Politiker drehen Däumchen und der Faschismus zeigt seine Fratze!…„ – „Wer spricht da von Krise und Pleite, Herr Doktor?… Das System funktioniert doch einwandfrei…„, ©Petros Zervos

Du karikierst aber auch Politiker. Bestellen das die Zeitungen bei dir oder machst du das aus eigenem Antrieb?

Früher habe ich vor allem gesellschaftskritische Zeichnungen im weiteren Sinne gemacht, zum Beispiel zum Thema Umweltverschmutzung oder Gewalt. In den letzten Jahren hat sich meine Arbeit immer mehr politisiert und bezieht sich auch auf die aktuellen politischen Protagonisten. Das Leben wurde härter, so wurde auch die Kunst politischer. Ich spürte, dass ich die Ereignisse kommentieren musste. Und so landete ich wieder dort, wo ich in den Achtziger-Jahren begonnen hatte: bei der politischen Karikatur. Damals herrschte nämlich ein politisch aufgeladenes Klima.

In der Zeit zwischen 1990 und 2005 gab es eine lange Periode, in der eine Lifestyle-Logik dominierte. Da fühlte ich mich künstlerisch leer, ich spürte als Künstler keinen Boden unter den Füßen. Da machten politische Karikaturen keinen Sinn. Die Realität selbst war sinnentleert. Den Leuten ging es gut, das Materielle stand im Vordergrund, und wenn man Probleme thematisierte, galt es als Kleingeisterei, als Schwarzseherei. Da fühlte ich mich etwas deplatziert. Nach der Olympiade 2004 zeichnete sich immer mehr ab, dass das Land stufenweise auf eine schreckliche Krise zusteuerte.

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Anstelle des erwarteten Pizzaboten Antonis (Samaras) kommt Tsipras, der keine Pizza, sondern die Wahlurne mit dem griechischen Wählerentscheid bringt, ©Petros Zervos

Hat sich dadurch deine Art zu Zeichnen verändert?

Heute kann ich, älter und reifer geworden, distanzierter über Dinge sprechen, die mich auch als junger Mensch beschäftigten. Wir leben in einer Klassengesellschaft, das hatten wir zwischenzeitlich vergessen. Wir dachten, wir seien alle privilegiert. Wir dachten, nur ein Idiot bringe es zu nichts im Leben.

Da treffe ich mich mit Economides’ Werk, das sich von Anfang an mit solchen Fragen befasste. Im Grunde macht er politische Filme, die keine Tagesaktualität haben, sondern eine bestimmte Alltagsrealität zeigen. Dadurch ist auch meine eigene Arbeit realitätsbezogener geworden. Es klingt wie ein Widerspruch: Aus der Wut, die ich fühle über alles, was passiert, entsteht etwas Kreatives, das die Leute zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken bringt.

Abbildungen: Petros Zervos, Filmstills aus „Stratos – The Storm Inside„, ©Real Fiction Filmverleih

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